Große Kampfpatrouille zur englischen Magadbahn
Die Berittene Achte hatte zwei Männer, die uns unter dem Gesichtspunkt der Konkurrenz durch ihre Tätigkeit viel Kopfzerbrechen machten. Es waren der Lokomotivführer Pallas und der Vizefeldwebel Neubacher, ein früherer Südwester Schutztruppler. Pallas war ein passionierter Minenleger, und Neubacher war seine rechte Hand. Beide konnten nicht mehr leben und glücklich sein, wenn nicht alle Monate ein Teil der englischen Ugandabahn, die stark besetzt war, in die Luft ging. Fuhr gerade ein Truppen- oder Verpflegungszug über die hochfliegende Stelle, dann waren Pallas und Neubacher erst recht zufrieden.
Das konnte so nicht weitergehen. Die Neunte hatte zwei schwere Gefechte mitgemacht, ihrem berühmten Pferderaid verdankte die Achte ihre ganze Existenz – aber gesprengt hatte die Neunte noch nicht. Da mußte bald etwas geschehen – Pallas und Neubacher sprengten uns sonst noch die ganze Bahn weg, ehe wir mal hin kamen. So fiel uns allen ein Stein vom Herzen, als die erste Sprengpatrouille der Berittenen Neunten befohlen wurde.
Als Vorbereitung wurden einige Sprengungen in der Nähe des Lagers gemacht. Unteroffzier Horn, der zu Hause bei den Pionieren gedient hatte, wurde mit der Verteilung des Dynamits beauftragt. Da wir im Kriege alle großen Mangel an Papier litten und da, wo man sonst Papier nötig braucht, Gras und Blätter verwenden mußten, hob sich Horn das Papier, in dem das Dynamit eingewickelt gewesen war, sorgsam auf. Als die Kameraden Horn wiederfanden, stand er nackend vornübergebeugt unter einem Baum und ließ sich von seinen Boys einen Eimer voll kalten Quellwassers nach dem andern über seinen brennenden Hintern gießen. Seitdem sammelte niemand mehr Dynamitpapier.
Nunmehr wurde also eine ganz große Kampf- und Sprengpatrouille zur Magadbahn »in die Wege geleitet«, wie mein Kompanieführer gesagt haben würde. Die ganze Kompanie rückte diesmal aus in der nie zuvor und nie wieder erreichten Gefechtsstärke von sechsundfünfzig Gewehren. Der Etatsmäßige natürlich mit. Sechsundfünfzig Reiter, geteilt in drei Züge, begleitet von je zwei Packtieren, dem Offizierspacktier und dem Packtier mit der Sanitätslast, ritten wir stolz eines Morgens zum Lager hinaus. Jeder Reiter hatte für acht Tage Verpflegung an seinem Tier, und für weitere acht Tage Verpflegung war auf den Packtieren untergebracht. Vorne ritt die Hünengestalt unseres Kompanievaters auf dem Hotspur, einem südafrikanischen Zuchthengst, von der Größe, Stärke und dem Knochenbau, wie ihn die alten Ritter bei ihren Turnieren geritten haben mögen. Am Schluß der langen Kolonne ritt die Kompaniemutter auf Otto, dem schönsten, edelsten und feurigsten Pferde, das die Kompanie je besessen hat; der Hengst war damals dreieinhalb Jahr alt.
So als Schließender hinter der Kompanie durch das Pori zu reiten hat seine Schattenseiten, besonders wenn der Wind von vorne kommt und Reitaskari bei der Kompanie sind. Staub setzt sich in alle Poren und bildet allmählich, mit dem Schweiß gemischt, eine feste Kruste über der Haut. In den ersten beiden Stunden nach dem Ausrücken war ich außerdem voll damit beschäftigt, die Ausrüstungsstücke auflesen zu lassen, die die Askari und zuweilen selbst die Schützen verloren. Brotbeutel, Feldflaschen, Seitengewehre, Packtaschen, Woilachs, gelegentlich ein Askari mit seinem ganzen Sattel lagen in der Spur der Kompanie. Und dabei wollte mein Hengst in den ersten Marschtagen nach längerer Lagerruhe recht ungern hinter der Kompanie zurückbleiben.
Ich hatte bereits nach der Patrouille zu den Nyirisümpfen dafür plädiert, die Kompanie möge nach einem Ritt von einer halben Stunde prinzipiell eine kurze Marschpause zum Stallen, Nachsatteln und auch aus andern rein menschlichen Gründen einführen. Später wurde es auch so gehalten, aber unser gegenwärtiger Kompanieführer, der als früherer Torpedobootskommandant und auch als Mensch »Volldampf voraus« zu gehen gewohnt war, hatte keine Geduld für solche Schwächen und Marschverzögerungen. Das Resultat war, daß sich ständig einzelne Reiter weit hinter der Kompanie befanden, um nachzusatteln, verlorenes Gepäck fest oder sonst was zu machen. Mit den Geschäften fertig, bädelten sie dann, haste, was kannste, der Kompanie nach. Das Schrecklichste für den Schließenden aber war, daß die Askari nie den vorschriftsmäßigen Abstand zu reiten lernten. Für den, der hinter ihnen ritt, blieb der Marsch von Anfang bis zu Ende ein ewiges Aufjuckeln.
Außer in der Nähe und unter Sicherheit unseres eigenen Lagers ritten wir gewöhnlich in folgender Marschformation. Die Spitze war tagsüber im offenen Gelände fünfhundert Meter vor der Kompanie, nachts und im Busch natürlich sehr viel näher und mit der Kompanie durch Verbindungsreiter in Fühlung. Seitendeckungen ritten tags zwei- bis dreihundert Meter rechts und links der Kompanie; nachts und im Busch mußten wir diese einziehen, da wir sie sonst verloren hätten. Die Kompanie ritt, wie es das Gelände und die schmalen Wildwechsel, die benutzt wurden, bedingten, stets in Kolonne zu Einem mit einem Zwischenraum von fünfzig Metern zwischen den einzelnen Zügen. Innerhalb der Züge wurde, oder richtiger sollte der Abstand von drei Schritt von Tier zu Tier gehalten werden; nur wenn ein Feuerüberfall zu erwarten stand, wurde dieser Abstand auf zehn Schritt erweitert. Nachspitze, in ähnlichem Abstand von der Kolonne wie die Spitze, wurde dann gestellt, wenn wir den Feind in unserm Rücken wußten.
An diesem schönen Morgen ritten wir am Fuß des Telephonhügels vorbei durch den Fluß und folgten dann der Fahrstraße, die durch das Transportfahren zum Longido zu Anfang des Krieges entstanden war. Den Zuckerhutberg, unsern Ausguckberg, rechts liegen lassend, windet sich die Fahrstraße durch den Buschwald südlich vom Ngasserai, einem felsigen, kahlen Berg, auf dessen Spitze tags ebenfalls ein Ausguckposten unterhalten wurde. Am Rande des Buschwaldes wurde vom Fahrweg halbrechts abgebogen. Vor uns lag jetzt die weite Ngasseraibuga, baumlos, flach, mit kurzem Gras bewachsen, soweit dieses nicht schon ganz vertrocknet war. Sie lud geradezu ein zu einem fröhlichen Galopp. Jedesmal, wenn ich über diese Buga ritt, mußte ich an den Truppenübungsplatz Lockstedt denken; Feldartillerie im Regimentsverbande hätte dort fein üben können. Nach der großen Regenzeit steht diese Buga, die niedrigste Stelle der Steppe zwischen Kilimandscharo, Meru und Longido, einige Tage unter Wasser. Das ganze übrige Jahr durch ist es hier trocken, heiß und staubig – Schafland, wie es im Buche steht.
Nachdem wir die Buga durchquert hatten, nahm uns wellige, leichte Buschsteppe auf. In nordwestlicher Richtung den Marsch fortsetzend, ließen wir die Vorberge des Longido links liegen, um von Norden her in das Longidogebirge einzudringen, das sich in der Form eines langgestreckten Hufeisens nach dieser Seite der Steppe zu öffnet. Kurz vor dieser Öffnung, nachdem wir sieben Stunden ohne Halt geritten waren, sattelten wir gegen ein Uhr für zwei Stunden ab. Aber die Tiere waren viel zu müde und zu durstig, um gerade jetzt, in der heißesten Zeit des Tages, Appetit zu entwickeln. Den Menschen ging es ähnlich. Sie legten sich ins Gras und nahmen im spärlichen Schatten der Akazien ein Auge voll.
Das Longidogebirge war seit einigen Wochen vom Feinde wieder geräumt, nur Schleichpatrouillen der Engländer besuchten es regelmäßig. Zur Zeit unserer Patrouille unterhielt meine Kompanie dort einen ständigen Posten oben im alten Büchsellager. Oberleutnant Trappe war hier mit einigen Schützen und Askari auf Posten, und einen der letzteren hatte kürzlich eine englische Schleichpatrouille weggeschnappt.
Da! »Satteln! Weitermarsch! Marschordnung wie zuvor!« – Die von den Engländern angelegte Automobilstraße führte leicht ansteigend mitten in das Gebirge hinein bis zu einem Bach im Gebirgskessel, an dem die Engländer und Inder ihre Lager gehabt hatten. Wir ritten durch diese alten Lager durch und durften mit Stolz feststellen, daß unsere Grasarchitektur, die unter Karl Blaich aufgeblüht war, doch auf bedeutend höherer Stufe stand als die des Feindes. In welch elenden Hundehütten hatten die Feinde, besonders die Inder, hier gewohnt! Kein Wunder, daß nach der Regenzeit Epidemien bei ihnen ausbrachen, die sie zwangen, den Longido zu räumen.
Nachdem wir am Bach getränkt hatten, begann der Aufstieg zum Büchsellager, das oben im Gebirge, unterhalb der 2609 Meter hohen kahlen Gebirgsnadel, am Rande des Urwaldes lag. »Absitzen! Führen!« hieß das Kommando. Schwer, sehr schwer ist mir nach dem neunstündigen Ritt dieser Aufstieg geworden. Bei solchen Gelegenheiten fühlt man doch, daß Herz und Lungen alt werden. Aber nur nichts merken lassen! Sollte ich doch gerade durch das Beispiel des Alters dahin wirken, daß die jüngeren Leute Strapazen ohne Murren ertrugen.
Oben im Lager hatte Oberleutnant Trappe alles aufs beste für den Empfang der Kompanie vorbereiten lassen. Für Unterkunft war gesorgt, Stände zum Anbinden der Reittiere waren errichtet, und reichlich Reittierverpflegung war einige Tage früher vom Kompanielager herbeigeschafft worden. Morgen sollte Ruhetag sein. Nachdem Mensch und Tier untergebracht waren, servierte uns Oberleutnant Büchsels unübertrefflicher Koch Minjimvua aus den Packtaschen des Offizierspacktiers, mit dem und einigen Boys wir ihn vorausgeschickt hatten, ein kräftiges Abendessen. Welche ostafrikanische Whiskykriegsmarke damals die beliebteste war, ob Marke »Sarglack«, »Heldentod«, »Stacheldraht« oder »Blutsturz«, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls schwangen wir an jenem Abend noch einige Zeit den Becher, obwohl es eigentlich eine Sünde war, das herrliche Quellwasser des Longido mit den Erzeugnissen der jetzt blühenden ostafrikanischen Alkoholindustrie zu vermengen. Lange saßen wir nicht, denn wir waren alle hundemüde. Eine Graskitanda, die vorsorgende Hände gebaut, nahm mich auf. An Schlaflosigkeit habe ich im Kriege nie gelitten.
Am Vormittage des Ruhetages habe ich in einem nahen Felsenbassin in eiskaltem Gebirgswasser ein herrliches Bad genommen. Sonst habe ich den Tag geruht, das heißt, wie halt so ein Kompaniefeldwebel ruht; spät am Abend mußte noch ein Kreis hartnäckiger Zecher, der von dem herrlichen Quellwasser mit Schuß nicht wegfinden konnte und die Nachtruhe ernstlich zu stören drohte, auf diplomatischem Wege gesprengt werden, damit es mir erspart blieb, jemanden für das kürzlich ordnungsmäßig neu eingerichtete Strafbuch vorzumerken. Oberleutnant Meyer hatte es mir geschenkt. Es war ein Zehn-Heller-Büchlein mit himmelblauem Umschlage, auf dem sich in grellen Farben das Bild eines Engels und eines Lämmleins befand – Missionare mochten es ursprünglich für den Verkauf an eingeborene Christen importiert haben; ein anderes Notizbuch war im Norden der Kolonie nicht mehr aufzutreiben gewesen. Ich fand seine Symbolik für ein Kompaniestrafbuch sehr sinnig.
Am nächsten Morgen in aller Frühe stand die Kompanie fertig zum Weitermarsch. Nur Vizefeldwebel Dr. Sinning blieb mit wenigen Leuten zur Besetzung des Postens zurück. Die alte Postenmannschaft, zu der auch der Dichter Müller gehörte, ritt mit uns, da sie uns den Schleichweg führen sollte, den sie durch den Urwald und Busch zur Steppe hinunter durchgeschlagen hatten, um dem Posten im Falle eines Angriffs durch überlegenen Feind eine Rückzugsmöglichkeit zu sichern. Unser Kompanieführer wollte die Gangbarkeit dieses Abstieges prüfen und wohl gleichzeitig die Leistungsfähigkeit seiner Kompanie auf die Probe stellen.
Romantisch schön war der Weg, der sich im Dickicht und unter hohen Urwaldbäumen an der Seite einer tiefen, steilen Schlucht über schräge Felsplatten und in scharfen Windungen um Felsblöcke herum steil abschüssig hinwand. Ich kann mir denken, wie ein Dichter, der diesen Weg mit anlegte, im Naturgenuß geschwelgt haben wird, wenn er dort auf den Felsblöcken saß, seine Beine über dem jähen Abgrund baumeln ließ und mit verträumten Dichteraugen in die weite Steppe hinausschaute. Militärisch betrachtet, war der Abstieg aber saumäßig. Die Tiere schlidderten auf den glatten, schiefliegenden Felsplatten, als wenn sie auf Eis gingen. Sie stürzten und rissen die sie führenden Reiter mit um. Sie fielen in Felsspalten, blieben mit Sattel und Gepäck an Bäumen und Büschen hängen und brachen in der Mitte fast durch bei den scharfen Wendungen um die Felsblöcke. Der ganze Abstieg bestand eigentlich nur aus Marschstockungen, Rettungsarbeiten, wildem Fluchen und Schmerzensrufen. Um die etwas über tausend Meter in die Steppe hinunter zu gelangen, brauchte die Kompanie volle drei Stunden. Sie hätte noch viel länger gebraucht, wenn nicht glücklicherweise Unteroffizier Müller und der Schütze Schoenbohm, die uns führten, ihren eigenen Weg, ehe wir drei Viertel unten waren, verloren hätten, und wenn nicht der Kompanieführer einen Nashornwechsel gefunden hätte, auf dem wir sogar bequem reiten konnten. Die Tiere waren so erschöpft, daß wir unten am Ostwasser absatteln und zwei Stunden rasten mußten.
Dann ging es in nordnordwestlicher Richtung weiter, immer durch offene schöne Grassteppen. Unser heutiges Marschziel waren die südlichen Ausläufer der Matumbatuberge, wo der Gefreite Max Truppel, der jetzt führte, ein Wasser wußte aus der Zeit her, als er noch für Hagenbecks Tierpark die Tiere der Steppe einfing. Das Wasser war nach einem Buren, der an ihm mal gelagert hatte, das Naudéwasser genannt worden. Auf der Karte ist es nicht verzeichnet. Wer Deutsch-Ostafrika nur nach der Karte beurteilt, bekommt keinen rechten Begriff von seinem Reichtum an ständig fließenden Wassern.
Nach fünfstündigem Ritt durch erstklassiges Farmland, das immer besser wurde, je mehr wir uns den Matumbatubergen näherten, waren wir am Ziel. Das Naudéwasser, ein schwacher Bach, der in einem kleinen Tümpel endete, lag ein Stück von der Steppe zurück in einem Koongo. Hier wurde abgesattelt, abgekocht, und für die Nacht suchte sich jeder einen bequemen, geschützten Platz zum Schlafen; denn die Nächte waren kalt und feucht, und der Morgen brachte Tau. Unsere Messe baute sich mit Hilfe von einigen Askariordonnanzen aus sechs Zeltbahnen eine lange Röhre, die an dem einen Ende, da, wo der Kompanieführer liegen sollte, durch eine siebente Zeltbahn geschlossen wurde. In die Röhre wurde eine dicke Lage Gras gestopft, und wir krochen hinein nach Rang und Würden, jeder mit seinem Sattel und seiner ganzen Kriegsausrüstung. Neben dem Kompanieführer lag Oberleutnant Meyer, weil ihn kein Schnarchen störte. Sein Nachbar war Oberveterinär Dr. Huber, den uns das Kommando mitgegeben hatte, weil die Kompanie zur Zeit weder einen Arzt noch einen Sanitäter besaß. Ihm zunächst ruhte Oberleutnant Trappe, der, korrekt wie im Manöver, als einziger in der ganzen Kompanie auch auf Patrouillen einen weißen Kragen trug – freilich, sehr weiß war er schon nicht mehr. Ihm folgte Leutnant Freund, und am offenen Ende der Röhre lag ich, mit der Nase der frischen Luft zu. Mit dem Kopf auf dem Sattel schlief es sich famos so.
Mitten in der Nacht kam Bernhard Blaich, unser »Mariechen«, von der Feldwache und meldete dem Kompanieführer: »Der Feldwachenführer Vizewachtmeister Mittag läßt melden, ein Nashorn sei bei der Feldwache eingetroffen. Die Feldwache – geschossen sollte nicht werden – hat es mit Steinen beworfen. Das Nashorn kümmert sich aber nicht um die Klamotten und wandert jetzt gemütlich auf das Lager und die Reittiere zu.« Die Meldung war kaum gemacht, als im Lager auch schon der Ruf »Kifaru« erscholl und sämtliche Röhreninsassen mit ihren Gewehren in der Hand über mich wegkletterten. Ich blieb liegen und rief laut ins Lager hinaus: »Hinlegen! Nur die Wache darf schießen!« Ich ahnte, was kommen würde. Aus dem Schlaf aufgesprungene aufgeregte Menschen ballerten wild in die Dunkelheit hinein. In jedem größeren Felsstein, in jedem schwarzen Schatten sahen sie ein Nashorn. Es knallte und pfiff wie bei einem ganz leidlichen Gefecht, und nachher wollte es natürlich keiner gewesen sein. Glücklicherweise lief diesmal die Sache ohne Unheil ab, nicht einmal das Nashorn wurde beschädigt. Es mag durstig gewesen sein, aber, obgleich es wohl nie vorher einen Menschen gesehen haben mag, empfahl ihm doch sein Instinkt, sich schleunigst von da zu entfernen, wo so viele Knallteufel in die Luft spieen. –
»Spitze aufsitzen! Anreiten!« lautete das Kommando fünf Uhr dreißig am nächsten Morgen. Ich hörte es und sah noch gerade, wie der Spitzenführer, der Agrarier Mittag, dessen Rappstute Seta, noch aufgeregt von den Ereignissen der Nacht, einige wilde Sprünge machte und mit der ganzen Vorderhand in ein Erdferkelloch einbrach, samt seinem Tier kopfheister schoß. Das fing ja gut an! An der Westseite der südlichen Ausläufer der Matumbatuberge entlang reitend, passierten wir verschiedene aus diesem kommende Koongo. Als wir den zweiten Koongo durchritten, fiel Unteroffzier Müller wieder mal schwer auf. Als er die jenseitige steile Böschung des Koongo hinaufreiten mußte, vergaß der Dichter in ihm, die Beine fest anzuklemmen. Er verließ sich ganz auf Sattel und Steigbügel, und das hat in solchen Situationen seine Bedenken.
Es war unterwegs nicht nachgesattelt worden – wir wissen ja, immer: Volldampf voraus! – und ein Maultier in einemmal gründlich zu satteln, will studiert sein. Wie sich ein Maultier beim Satteln aufblasen kann, weiß jeder, der mal ein Maultier gesattelt hat. Beizukommen ist ihm nur mit List. Du stellst dich unter Knurren und Geschimpfe so an, als ob durch das Satteln deine ganze Kraft erschöpft sei. Das Maultier wird dich schadenfroh dabei angucken und seine Ohren zurücklegen. Dann mache dir mit allem möglichen zu schaffen, nur nicht mit dem Maultier und dem Sattelgurt. Das Maultier darfst du währenddessen beileibe nicht ansehen; denn es beobachtet dich scharf und mißtrauisch. Während du nun in aller Unschuld dir mit der linken Hand die Feldflasche umhängst, fährt deine Rechte wie ein Blitz unter die Sattelklappe an die Sattelgurtstrappe und zieht den Gurt zwei oder drei Löcher an. Darauf, daß das Maultier dich dabei aus Wut in den Hintern beißt und dir gleichzeitig einen Tritt vor den Magen zu geben versucht, mußt du gefaßt sein und durch aalartiges Winden deines Körpers beiden Möglichkeiten gleichzeitig auszuweichen wissen. Gelingt es dir, dem Maultier dann noch einmal mit List beizukommen, dann darfst du rechnen, daß der Sattel sitzen wird. Du wirst selbstredend deine Taktik ständig ändern müssen. Die Posse mit der Feldflasche darfst du höchstens zweimal spielen, dann hat das Maultier dich durchschaut und bläht sich auf, sobald du die Feldflasche nur berührst.
Natürlich bedingt diese Art des Sattelns, daß man rechtzeitig damit anfängt und sich mit Ausdauer und Anspannung aller Geisteskräfte der Sache widmet. Man darf z. B. nicht gleichzeitig dichten wollen. Die Askari haben es nie und manche Europäer auch nur soso gelernt. Als Müller die steile Böschung nahm, fiel es seinem Maultier ein, daß es sich beim Satteln tüchtig aufgeblasen habe, daß Müller ein Dichter sei und daß der Sattelgurt jetzt eine gute Handbreite lose unter dem Bauch hängen müsse. Daß der Dichter vergessen werde, die Schenkel einzuklemmen, vermutete das Maultier. Ergo, dachte es, lassen wir den Sattel samt dem Reiter jetzt im geeigneten Moment mal sanft nach hinten abgleiten. Es sah drollig aus, wie Müller, mit den Händen in die leere Luft greifend, über den Rücken seines Tieres zurückrutschte, durch ein Gebüsch schoß und unten im Koongo verschwand – zustoßen konnte ihm nichts, denn im Koongo lag tiefer Sand, der ihn weich aufnahm. Ich bin nicht herzlos, aber eine gewisse Schadenfreude konnte ich mir doch nicht verkneifen. Daß der Unteroffzier mal für seine Sünden büßen mußte, darüber freue ich mich noch heute. Schade war nur, daß der Dichter mitleiden mußte.
Immer noch ritten wir Stunde für Stunde durch das herrlichste Farmland, und nach vierstündigem Ritt kamen wir wieder an ein fließendes Wasser. Diesmal war es ein starker Bach, und unsere Spitze meldete, daß noch zwei weitere starke Bäche ganz in der Nähe flössen. Wie diese Wasser heißen, weiß ich nicht – wir nannten sie die Wasser des falschen Narok; denn der wahre Narok, ein Berg, der auf seiner Spitze noch einen Rest von Urwald und Bambushainen trägt, liegt in der Steppe etwas südwestlich von dieser Stelle.
Wir saßen ab, tränkten und ließen die Tiere zwei Stunden grasen. Direkt vor uns, in unserer Marschrichtung, stieg das Matumbatugebirge jäh auf. Haushohe Felsblöcke waren von ihm abgebröckelt und bis weit in die Steppe gerollt. Dort stehen sie nun ewig als Wächter eines Farmparadieses. Donnerwetter, was war das hier für ein Farmland! In dem Gebirgskessel, in den wir dann einschwenkten, kitzelte das Weidegras den Tieren den Bauch. In Südafrika und Australien würde es einen »rush« [Ansturm] geben nach einer solchen Stelle.
Einen Weg geradeaus über das Gebirge wird es auch geben, dafür werden Nashörner und Massai gesorgt haben. Wir kannten ihn nicht und konnten uns nicht damit aufhalten, ihn zu suchen. Wir wanden uns, den Berghang zu unserer Linken schräg anreitend, auf einem alten Massaiviehtriebwege langsam zum Kamm hinauf. Als wir über den Bergrücken hinwegsehen konnten, breitete sich vor uns ein Bergkessel aus, der vier oder fünf Kilometer im Durchmesser haben mochte. Wir bogen vom Massaiwege ab, saßen ab und führten, uns im Geröll einen Weg suchend, durch einen leichten Akazienbusch in den Bergkessel hinunter. Hier fanden wir wieder ein Gebirgswasser, das wir nach den an ihm wachsenden Eleleschosträuchern das Eleleschowasser benannten. C. G. Schillings hat ein Buch »Im Zauber des Elelescho« geschrieben. Ich habe den Eleleschostrauch immer nur in Hochsteppen über 1500 Meter gefunden. Es ist ein Strauch, dessen wollige, auf der unteren Seite fast weiße, aromatische Blätter im Mondscheine wie Silber leuchten. Wir prosaischen Kriegsknechte stopften die zartesten Zweige des Eleleschostrauches in unsere Schlafröhre als Unterbett. Sein Zauber hatte die Wirkung, daß wir in dieser Nacht weder durch Nashorn noch Löwe gestört wurden.
Wir waren frühzeitig beim Wasser eingetroffen, und da Unteroffzier Thiele, ein Kaffeepflanzer und Farmer aus dem Aruschabezirke und nebenbei unser bester Schütze, im Talkessel einige Grantgazellen geschossen hatte, konnte die Kompanie heute mal wieder frisches Fleisch im Kochgeschirr brodeln lassen oder am Holzspieß vor dem Lagerfeuer rösten; die ganz Hungrigen fingen mit gerösteter Wildleber an. Das war eine sehr willkommene Abwechslung. Unser Hauptpatrouillenfutter war Reis und immer wieder Reis; was »Blauer Heinrich« [in Wasser gekochter Reis] ist, haben wir alle zur Genüge kennengelernt, und später waren wir ganz zufrieden, wenn wir den wenigstens noch hatten. Von den Buren lernten wir Mealipapp mit wahrer Begeisterung essen. Chiroko, eine von den Küstennegern angebaute Bohnenart, die trocken geschrotet und in Wasser gekocht wie Erbsbrei schmeckt, sich schön sanft an die Magenwände anlegt und sich unter starker Entwicklung feindlicher Gase verdaut, wurde ebenfalls ein bei den Europäern beliebtes Patrouillenfutter. Ich war immer froh, an dem offenen Ende der Schlafröhre liegen zu dürfen.
Während Minjimvua unser Mahl bereitete, schnitt ich Gras für meinen Hengst. Etwas ruhiger hatten die Marschtage den Otto gemacht, aber mit den andern Tieren konnte ich ihn nicht frei weiden lassen. Er jagte sie und sie ihn, und keines hatte Ruhe zum Fressen. Wenn dann gerade auch noch eine Stute verliebt war, hätten sich unsere drei Zuchthengste Hotspur, Otto und Max auf freier Weide gegenseitig totgebissen. Max, den unser »Gesundbeter« ritt und vergeblich zu einem sittlichen Lebenswandel zu erziehen versuchte, war ein Somaliponyhengst mit dem Kopf und Ausdruck eines Dromedars. Schön war Max nicht, aber Matata [Spektakel] konnte er für zwei machen. Hengste gehören nicht hinein in den Frontdienst einer afrikanischen berittenen Truppe. Ohne Matata geht selten ein Tag ab, und meistens wiehern sie gerade dann los, wenn die größte Ruhe geboten ist. Wir hatten aber so wenige Reittiere in Deutsch-Ostafrika, daß auch die Zuchthengste mit an die Front mußten, und manches Bündel Gras habe ich für meinen Otto geschnitten. Nachts band ich ihn inmitten der Maultiere an. Für Maultier- und Eselstuten hatte er nichts übrig, sie ließen ihn ganz kalt. Andererseits wirkten sie aber doch wieder so weit auf das nach Geselligkeit sich sehnende Gemüt des Herdentiers, daß sich der Hengst ruhig verhielt. Band ich ihn allein an, dann hing er sich entweder auf oder weckte alle Echos in der Gegend mit seinem Geschrei.
Als Otto versorgt und ich gesättigt war, wandte sich meine Aufmerksamkeit wieder dem herrlichen Bergkessel zu, in den sich von dem uns gegenüberliegenden Bergrand noch ein Wasser ergoß. Schön friedlich lag er da im Sonnenuntergang, weltfremd auf die Zeit harrend, in der unternehmungslustige Ansiedler in ihm ihren Weizen bauen und ihr Vieh züchten werden. Über seinen Rand weg konnte ich in nordnordwestlicher Richtung auf einem höheren, sonst kahlen Berge einen größeren Baum erkennen, der einsam Grenzwacht hielt. In seiner Nähe lief die Grenzlinie zwischen Deutsch-Ostafrika und Britisch-Ostafrika. Morgen sollten wir die Grenze überschreiten.
Der nächste Morgen – es war der fünfte seit unserm Aufbruch vom Doppelberg – führte uns auf Massai- und Wildpfaden durch rauhes Gebirgsgelände, das mit kurzem Dornbusch dicht bestaudet war. Das Farmparadies hatte ziemlich plötzlich aufgehört. Wir ritten, wo es ging, und führten, wo das Reiten nicht ging. In beiden Fällen rissen wir uns an den Dornen Jacken, Hosen und Hände kaputt. Hatte der Vordermann vergessen, »Achtung!« zu rufen, wenn er den von ihm zurückgebogenen Zweig schnellen ließ, dann bekam man auch noch eine dornige Ohrfeige. Mein schöner Tropenhut, den ich mir auf der Ausreise bei Simon Arz in Port Said erstanden hatte, wurde bedenklich zugerichtet. Erst Mutter Weber hat ihn später wieder in die Verfassung gebracht, die es ihm ermöglichte, noch weiter an der Front mitzumachen, bis er im Handgemenge bei meiner Gefangennahme zum Schlapphut wurde.
Zum Glück dauerte der Marsch heute nur fünf Stunden. Schon um elf Uhr erreichten wir, wenig jenseits der Grenze, unser Marschziel, das letzte Wasser, an dem wir vor dem Angriff auf die Bahn lagern sollten. Nachdem die Spitze festgestellt hatte, daß das Wasser nicht vom Feinde besetzt war, ritten wir in einen ziemlich tiefen Sandkoongo ein, an dessen oberem Ende sich das Quellwasser in zwei Felsbecken gesammelt hatte, zu denen man hinaufklettern mußte. Aus dem oberen Becken wurde geschöpft, in dem unteren gebadet. Hier wollten wir vierundzwanzig Stunden ruhen, um Menschen und Tiere die nötige Kraft für die Endanstrengung sammeln zu lassen.
Wir waren heute, ohne es in dem dichten Busch sonderlich gemerkt zu haben, aus dem Matumbatugebirge heruntergestiegen an den Rand der nördlich desselben gelegenen Steppe. Es war bedeutend wärmer dort unten als oben im Gebirge – der Schlafröhre bedurfte es hier unten nicht. Die Vorbereitungen für die Nacht waren diesmal einfacher. Minjimvua maß alle seine Pfleglinge von hinten mit Kennerblicken und scharrte dann mit seinen Händen sämtliche Körperformen, als wolle er jeden von uns in Blei gießen, im festen weißen Sande aus. In Woilach und Zeltbahn gewickelt lag es sich herrlich in diesen Mulden.
Freilich, die erhoffte ungestörte Nachtruhe sollten wir nicht finden. Kaum war ich eingeschlafen, als mich Gewehrfeuer wieder weckte. Das große englische Bezillager war nur wenige Meilen östlich von dem versteckten Wasser, an dem wir lagerten. Sollte unser Anmarsch doch von Spionen gemeldet worden sein? War der Feind jetzt da, um uns auszuheben?! Meldung der Feldwache traf ein: »Der Feldwachhabende Vizewachtmeister Trommershausen läßt auf Löwen schießen, die aus der Steppe kommend zum Wasser wollen.« Ach was, Löwen! Weiterschlafen! Dreimal in derselben Nacht weckte mich das Geschieße der Feldwache, und am nächsten Morgen sah ich einen zweijährigen Löwen tot mitten im Sandkoongo liegen. Wir gaben dem bisher namenlosen Wasser wegen dieser Löwengeschichte den Namen »Löwenwasser«.
Schlimmeres brachte der nächste Morgen. Gotthilf Blaich lag in hohem Fieber – ich glaube, der Oberveterinär stellte Typhus fest. Ferner war ein Askari der Feldwache während der nächtlichen Löwenjagden von einem Felshang abgestürzt und hatte sich einen Arm gebrochen. Weiter mitnehmen konnten wir die beiden nicht. Hier zurücklassen konnten wir sie auch nicht, wußten wir doch selbst nicht, ob wir je zu diesem Löwenwasser zurückkommen würden. Es half alles nichts – die beiden mußten mit Fieber und gebrochenem Arm durch die menschenleere, an Raubwild reiche Gegend sich ihren Weg zu unserm Posten am Longido zurücksuchen; von dort konnten Träger den Typhuskranken weiter zurücktragen. Damals machte ich mir noch Gedanken über so was. Später habe ich an mir selbst erfahren, daß man Malaria oder Dysenterie, ja sogar beide gleichzeitig haben und doch, wenn man will, diensttauglich bleiben kann.
Um zwölf Uhr mittags wurde getränkt und abgekocht. Wann wir wieder an Wasser kommen würden, darüber nachzudenken war nicht gut. Zur Magadbahn waren es fünfundvierzig Kilometer Luftlinie, zu reiten mindestens fünfundsiebzig Kilometer. Sollten wir abgeschnitten werden durch Truppen aus dem englischen Bezillager, dann würden wir völlig in der Luft hängen. Die Tiere schienen zu wissen, was ihnen bevorstand. Sie soffen sich ordentlich voll. Auch wir tranken, soviel wir konnten, und jeder füllte seine zwei Feldflaschen mit Wasser oder kaltem Kaffee.
Um zwei Uhr nachmittags ritt die Kompanie in glühender Hitze aus dem Koongo des Löwenwassers in die Steppe hinein. Zu Anfang konnte man noch von einer Grassteppe sprechen, aber bald wurde das Gras spärlich und spärlicher und dafür der Sand tief und tiefer. Ohne Weg und Steg mahlten die Tiere durch den Sand, und feiner Staub flimmerte in der heißen Luft. Der Durst stellte sich schon ein, als wir kaum zwei Stunden geritten waren. »Kinder, mit dem Wasser sparen! Wenn man sich den Durst in den ersten Stunden verkneift, nachher merkt man ihn schon gar nicht mehr. Vom Trinken wird man nur durstiger« – so predigte ich mit mehr guter Absicht als Überzeugung.
Nachdem wir uns eine Zeitlang durch den losen Sand gewühlt hatten, mischten sich mit ihm runde lose Steine von Kindskopfgröße, die umkippten, sowie ein Tier drauftrat. Die Gegend wurde immer öder und wüstenartiger; Wild hatten wir schon lange nicht mehr gesehen. Wir stolperten weiter. Kurz vor Dunkelwerden kamen wir an einen tiefen, breiten Koongo. Ströme der Urzeit mögen ihn in das Gelände eingerissen haben oder die Regenzeiten vieler Jahrtausende. »Absitzen! Führen!« Dreißig Meter tief polterten wir über Geröll in den Koongo hinein, durchquerten sein versandetes altes Flußbett und dreißig Meter hoch kletterten wir auf der andern Seite wieder aus ihm heraus. Es wurde Nacht. Wieder ein Koongo. Runter von den Tieren. Autsch! da lag einer. Mondlose Nacht. Noch ein Koongo. Wie viele Koongo wir in dieser Nacht durchkletterten, weiß ich nicht mehr. Sie wirkten wie Alpdrücken auf mich. Vielleicht war es auch öfter derselbe Koongo, der, sich windend, mehrere Male in unsere Marschrichtung kam. Eine Karte dieser Gegend besaßen wir nicht.
Unteroffizier Thiele und Gefreiter Truppel führten. Sie hatten sich, bevor es ganz dunkel wurde, einen Stern ausgesucht und auf diesen hielten sie los, bis sie von Zeit zu Zeit mit dem Vorrücken der Nacht sich ein neues Sternbild aussuchen mußten. Ob sie ritten, gingen, standen oder auf ihrem Hintern in ein Koongo hineinrutschten – ihr Sternbild durften sie nicht aus den Augen verlieren, sonst wäre unsere Marschrichtung zum Teufel gewesen. Neun Stunden lang sind ihre Augen unverwandt auf den Himmel gerichtet gewesen.
Um drei Uhr morgens, nach dreizehnstündigem ununterbrochenen Reiten, Klettern, Stolpern, Fallen und Rutschen konnte die Kompanie nicht mehr. Unser Plan war, vor Tagesgrauen rechts und links der Bahnstation Kambi ya nyuki die Telegraphenleitung zu durchschneiden, mit Tagesanbruch den Bahndamm zu sprengen und gleichzeitig den starken Stations- und Bahnschutzposten anzuknallen. Um drei Uhr morgens wußten wir überhaupt nicht mehr, wo wir hingeraten waren; eigentlich hätten wir schon längst an der Bahn sein sollen. Die verfluchten Koongo! Ganz egal, wo wir lagen, ob irgendwo im weiten Pori oder vielleicht nur fünfzig Meter vor dem englischen Bahnschutzposten – die Kompanie mußte erst etwas ruhen.
Sie ruhte zwei Stunden wie sie war und wo jeder gerade hielt. Dort, wo wir im Dunkeln gelandet waren, gab es überhaupt keinen Sand mehr, sondern nur noch Steine. Große Steine und kleine Steine. Kein Halm Gras war dort für die Tiere. Ich ruhte, indem ich meinen langen dünnen Leib wie eine Schlange um einen großen Stein schlang und auf diesen mein Haupt legte, auf einem Unterbett freundlicher kleiner Steine. Neben mir stand Otto gesattelt und gezäumt und schnupperte an meinem Brotbeutel, aus dem ich ihm noch ein paar Händevoll Reis geben konnte. Eigentlich war das ja meine Ration, aber welcher gute Reitersmann kann sein Tier hungern sehen! Gesprochen durfte nicht werden, geraucht auch nicht. Um fünf Uhr morgens lief der geflüsterte Befehl »Weitermarsch!« durch die Reihen.
Das Gelände wurde bald besser, wir konnten aufsitzen. Als wir in der Morgendämmerung durch einen leichten Akazienbusch ritten, ließ Unteroffizier Thiele von der Spitze melden: »Stationsgebäude siebenhundert Meter vor uns.« Zum Telegraphendrahtschneiden und Sprengen war es leider nun zu spät geworden, aber unsanft aufwecken wollten wir den bösen Feind doch. Zwischen dem Akazienwäldchen und der hochliegenden, befestigten Bahnstation lag eine offene Talmulde. Im Akazienhain, also noch außer Sicht von der Station, entwickelte sich die Kompanie. »Halt! Absitzen! Pferdehalter! Schützen vor! Schwärmen! Marsch!« – alle Kommandos wurden leise gegeben und weitergegeben. Jetzt war keiner mehr müde oder durstig.
Als Wachtmeister mußte ich bei den Tieren bleiben. Ich nahm sie weiter in den Wald zurück, deckte Rücken und beide Flanken durch ausgeschobene Posten und ritt dann selbst wieder vor an den Buschrand, wo ich das kommende Gefecht fein übersehen konnte. Noch krochen unsere Schützen schweigend näher an die Station heran. Da zeigte sich unten in der Talmulde, nahe der Station, eine feindliche Patrouille, Reiter und Fußvolk. Gesehen hatten sie uns nicht. Sie rückten anscheinend wie jeden Morgen aus, um die Bahn abzupatrouillieren. Die Leute plauderten harmlos und rauchten Zigaretten. Nicht lange! Zwei Züge unserer Kompanie nahmen sie unter Feuer, der dritte Zug feuerte in die Zelte, die neben dem Stationsgebäude aufgebaut standen.
Die Wirkung war groß, wie die jedes überraschenden Angriffs. Was von der feindlichen Patrouille beritten gewesen war, war bald unberitten, und ich konnte beobachten, in welcher Konfusion die Herren Engländer in Schlafanzügen aus ihren Zelten stürzten, zurückliefen, Gewehre und Munition holten, um endlich einen Schützengraben hinter dem Bahndamm zu besetzen. Soviel ich mit meinem Feldglas sehen konnte, war die Station von Engländern und Indern besetzt und ihre Gesamtstärke zwei- bis dreihundert Mann.
Bald bekamen wir auch Antwortfeuer. Wo unsere Schützen lagen, schien der Feind nicht sofort erkannt zu haben, oder er schoß aus Versehen zu hoch. Unsere Schützen lagen etwa dreißig Meter tiefer als die Stelle, wo ich hielt, hundert bis hundertfünfzig Meter vor mir, aber die feindlichen Kugeln gingen noch über meinen Kopf weg. Auf den Akazienbusch hatte der Feind es jedenfalls abgesehen; denn jetzt fing er auch an, sich hinter dem Bahndamm, unsere Stellung flankierend, zu entwickeln, und der Einschlag in den Akazienhain wurde so bedenklich, daß ich mir bereits vornahm, für unsere Tiere eine andere Deckung zu suchen.
Da kam, nach halbstündigem Gefecht, das Trompetensignal: Sammeln! Die Schützen kehrten zögernd, die Askari nur unter Androhung von Hieben und nach vielem Geblase zu den Tieren zurück. Unsere Askari, von Deutschen geführt, gehen ran wie Blücher, und dann beißen sie sich förmlich fest. Sich von einem Gefechtsfeld zu trennen, fällt ihnen schwer. Die befestigte Stellung des Feindes, die durch mindestens vierfache Übermacht besetzt war, zu stürmen, hatte nie in unserer Absicht gelegen. Wir wollten den Feind wecken, und das war überraschend gut gelungen.
Dieses Wecken vom 21. Juni 1915 zu Kambi ya nyuki war unsere Antwort auf das feindliche Wecken am Ingito. Der Feind hatte fünf Tote – Enthusiasten wollen sogar fünfzehn gezählt haben – und jedenfalls viele Verwundete. Mehrere Reittiere hatten wir ihm auch abgeknallt. Unser Überfall war weit glänzender gelungen als wir erwarten durften; denn daß wir eine feindliche Patrouille im Offenen erwischen würden, hatte niemand zu hoffen gewagt. Das Schönste war, daß wir keinerlei Verluste hatten.
Da der Telegraphendraht nicht abgeschnitten worden war, durften wir annehmen, daß Züge mit Verstärkung für den Feind bereits heranrollten. Es hat keinen Sinn, eine gute runde Sache zuspitzen zu wollen. Also: »Aufsitzen! Kehrt marsch! Schritt! – – Trab! – – Galopp!« Erst mal raus aus dem Kugelregen, der immer noch in den Akazienhain einschlug! Unsere Stimmung war ausgelassen fröhlich, wie von Schulbuben nach einem gelungenen Streich. Erst ganz allmählich dämpfte sie wieder ab. Wo würde sich die Besatzung des englischen Bezillagers, die bereits die Nachricht von unserm Überfall haben mußte, uns vorbauen? Der Leser darf nicht vergessen, daß sich die Berittene 9. Schützenkompanie um diese Zeit fünf schwere Tagemärsche vor ihrer und weit hinter der feindlichen Basis befand. Der Feind brauchte nur an unserer Rückzugslinie einige Wasserstellen zu besetzen, dann kamen wir schwer in Druck.
Obwohl wir eine Verfolgung von Kambi ya nyuki her nicht für wahrscheinlich hielten, denn die Männer dort konnten sich unser Erscheinen doch nur als Vorhut einer starken Abteilung erklären und nicht ahnen, daß wir ohne jeglichen Rückhalt in der Weltgeschichte schwebten, ritten wir doch anfangs, um weniger in Sicht zu sein, im Bett der Koongo, die uns über Nacht so viele Mühe gemacht hatten. Für zwei Stunden ging es abwechselnd Trab und Galopp. Der brüchige, hartgebackene Sandboden im Bett der Koongo war nichts für ungeschickte Reiter. Die Askari stürzten vom und mit dem Tier öfter, als mir angenehm war. Bei mir stellte sich der Hunger ein. Ich öffnete eine Büchse Sardinen und labte mich an ihrem Inhalt. An Durst war es besser gar nicht zu denken.
Eine Zeitlang ritt der Gefreite Fechter neben mir. Vor dem Kriege war er Angestellter der Nashornapotheke in Aruscha gewesen. Neulich, auf Feldwache am Naudéwasser, hatte er zum erstenmal in seinem Leben ein Nashorn gesehen und mit Klamotten nach ihm geschmissen. Da er klein von Statur war, wurde er in der Kompanie seit jenem Abenteuer und mit Berücksichtigung seiner früheren Tätigkeit in der Nashornapotheke »das kleine Nashorn« genannt. Am Tage nach Kaisers Geburtstag hatten die Engländer auch Fechters Posten am Nagasseni heimgesucht, und während er die Engländer im hohen Schilf des Nagassenisumpfes suchte, hatten diese ihn gesucht und seinen Zypernesel gefunden. Die Engländer nahmen den Esel mit und hinterließen einen Zettel, auf dem sie sich höflichst für den Esel bedankten. Hierüber hatte sich das kleine Nashorn schmählich geärgert und blutige Rache geschworen. Heute sei ihm, erzählte mir Fechter, seine Rache zur Hälfte wenigstens geglückt. Ein schönes englisches Maultier, das während des Gefechts reiterlos umhergeirrt sei, habe ihn so lange beschäftigt, bis er es umgelegt. Leider habe er aber den Zettel mit dem Gruß an die Engländer, den er schon seit Wochen in der Tasche trage, nicht zum toten Maultier hintragen können. Sein Gruppenführer habe ihn mit Gewalt zurückgehalten und ihn mit fortgerissen, als »Sammeln« geblasen worden sei.
Als wir fünf Stunden gen Süden geritten waren und es Mittag wurde, suchten wir den spärlichen Schatten vereinzelter Flötenakazien auf. Mit der Bezeichnung »Flötenakazie« hat es folgende Bewandtnis: Eine Wespe bohrt in der Saftzeit der Bäume die jungen grünen Dornen der Akazie an und legt ihre Eier hinein. Der Dorn erweitert sich sackförmig bis zur Größe eines Hühnereis. Dieser Sack, dessen Inhalt den aus den Eiern schlüpfenden Maden zur ersten Nahrung dient und der unter dem jetzt verkrüppelten Dorn hängt, stirbt in der Trockenzeit ab. Wenn die Wespenmaden den Inhalt ihres Hauses aufgefressen haben, verlassen sie es durch das jetzt erweiterte Bohrloch, und Ameisen ziehen in die hohlen Säcke ein. Auf dem erweiterten Bohrloch flötet der Wind wie die Knaben auf einem Schlüssel. Da sowohl die Säcke wie die Bohrlöcher verschiedener Größe sind, entstehen die verschiedensten Töne. Das Ganze ist ein melodisches, aber unheimliches Konzert. Die in Frage kommende Ameise hält sich nur in Gegenden geringer Niederschlagsmengen auf.
Wo die Akazien flöten, suchst du also vergebens nach Wasser. Wir sattelten ab und ruhten. Wer noch was zu essen hatte, aß. Abkochen konnten wir natürlich nicht. Zu trinken hatte keiner mehr. Die Tiere waren viel zu müde und vor allem viel zu durstig, um die paar trockenen Grashalme, die hier standen, zu suchen. Otto verschmähte sogar eine Handvoll Reis. An Wasser mußten wir unbedingt heute noch kommen, sonst versagten unsere Tiere. Das nächste uns bekannte Wasser war das Löwenwasser. Daß die englischen Truppen des Bezillagers unsere rückwärtigen Wasserstellen oder doch einige derselben jetzt besetzt haben würden, nahmen wir als ganz selbstverständlich an. Vielleicht kannten sie aber das versteckt gelegene Löwenwasser noch nicht. Es war reine Glückssache.
Mit schweren Gedanken lag ich, von Durst gequält, unter den flötenden Akazien – in Fiebertraumgedanken, die einen bei hellichtem Tage gruseln machen: »Die Tiere versagen, wir müssen sie zurücklassen. Ob wir ihr Blut abzapfen und trinken? Ich glaube, ja. Auch die Feldflaschen werden wir uns mit Blut füllen, wenn es nicht bereits zu dickflüssig ist. Dann weiter zu Fuß. Ob Blut den Durst stillt? Ich glaube, nein. Unser eigenes Blut wird nur noch dickflüssiger werden. – Ob Ordnung in der Kolonne zu halten sein wird? Eine Weile sicher. Später sicher nicht mehr. Strafen, Todesstrafen erschrecken niemanden mehr. Päng! – der beste Beweis ist gegeben, einer hat sich bereits selbst erschossen. Er hatte sein Gewehr noch, die meisten haben es bereits weggeworfen. Wie viele sind wir noch? Mühsam hebe ich die schwer verstaubten Augenlider. Eine lange Reihe strauchelnder Gestalten wandert vor mir im Staub. Die Sonne blendet mich, zählen kann ich nicht mehr. Da sinkt wieder einer hin. Ich spreche zu ihm mit belegter Stimme, die mir selber fremd erscheint. Er hört und antwortet nicht. Ich stolpere weiter mit bleischweren Knien. Da wird mir schwarz vor den Augen. Die Sinne vergehen mir. – Ich komme zu mir. Es ist Nacht. Die Sterne leuchten über mir, die Akazien flöten traurig, meine Augen brennen. Hui! Was ist das an meinen Beinen? Ein Kamerad? Mit Mühe richte ich mich halb auf. Ich will schreien, aber bringe keinen Ton heraus. Wo ich hinschaue, funkeln mich feurige Kohlen an, und lange Leiber kriechen um mich her. Hyänen greifen mich an, kaum können sie noch warten. Den Aasgeruch haben sie schon mitgebracht. Ich quäle mir den Browning aus der Tasche, entsichere und feuere auf sie. Heulend fliehen die Hyänen, und Ruhe umgibt mich. Wie lange? Ich kenne die Zeit nicht mehr. Ich taste nach meinem Karabiner und finde ihn nicht. Ob die Hyänen ihn verschleppt, um den Karabinerriemen zu fressen? Ob ich ihn verloren oder weggeworfen? Ich weiß nichts mehr. – Da sind sie wieder, die Hyänen. Päng! Jetzt habe ich noch sieben Schuß im Rahmen meines Browning. Die letzten drei Patronen sind für mich bestimmt – ich muß mit Versagern rechnen bei diesem Spielzeug. Kaum daß ich noch den Arm zu meinem im Sande gebetteten Haupt und die Mündung des Browning an meine Schläfe bringe. Ein kurzes Stoßgebet: ›Laß es kein Fehlschuß sein, o Gott.‹ Endlich Vergessenheit.« – –
Lieber, als solche Gedanken zur Musik der Flötenakazien, die Gewißheit – auch wenn ein paar Kugeln pfeifen sollten! Lieber einen fröhlichen Reitertod! »Satteln! Aufsitzen! Marschrichtung: Löwenwasser!«
Galopp und Trab zu reiten, hatten wir längst aufgeben müssen – kaum ein ordentlicher Schritt war noch aus den Tieren herauszukriegen. Sie krochen dahin. Da – gegen fünf Uhr fingen die Maultiere, in dieser Beziehung (wie überhaupt) viel klüger als Pferde, an, Wasser zu wittern. Sie spitzten wieder ihre Ohren, ihre Sehnen strafften sich, sie fingen an auszuschreiten, gingen selbständig in Trab über und brachen endlich in einen Galopp aus, den kein Reiter zügeln konnte. Die Spitze hatte Mühe, vorweg zu kommen, und unsere Packtiere, die auf dem Marsch nicht geführt wurden, sondern auf eigene Faust einherliefen, ohne sich je weit von der Kompanie zu entfernen, sausten voraus. Die Pferde wurden endlich auch von den Maultieren angesteckt, und um sechs Uhr abends, nachdem die Tiere achtundzwanzig Stunden ohne Wasser auf dem Marsch gewesen waren, brauste die ganze Berittene Neunte im rasenden Galopp zum Löwenwasser heran, das – Gott sei Dank! – nicht besetzt war.
So, nun war vorläufig alles gut. Über das Heute hinaus soll ein Soldat im Kriege nicht denken. Nur die armen Menschen, die diese Nacht, nach dem Marsch von achtundzwanzig Stunden einschließlich Gefecht, auf Feldwache ziehen mußten, taten mir leid. Ich bin zweimal aufgestanden, mir die Feldwache anzusehen. Der Wachhabende, Unteroffzier Thiele, pendelte ständig zwischen seinen Askariposten hin und her und unterhielt sich mit ihnen. Er behauptete, wenn er sich hinsetzte, schliefe er sofort ein, um nie wieder aufzuwachen, und wenn er die Askari nicht unterhalte und Antworten von ihnen verlange, schliefen sie ihm im Stehen ein.
Von dieser Patrouille ist nicht mehr viel zu berichten. Das Eleleschowasser berührten wir auf dem Rückmarsch nicht, auch nicht das am falschen Narok. Wir hielten uns östlich von beiden, legten zwei Tagemärsche in einen, ritten durch paradiesische Täler der Matumbatuberge und erreichten um sieben Uhr abends nach vierzehnstündigem Marsch das Naudéwasser. Gegen Mittag, als wir in einem Tal der Matumbatuberge am Ufer eines starken Baches in hohem, saftigem Grase absattelten, um abzukochen, gab es noch eine kleine Aufregung. »An die Gewehre! Feind rückwärts!« Richtig, da tauchten in unserer Spur einzelne Reiter auf. Die Schützen besetzten den Bachrand – glücklicherweise wurde erst beobachtet, ehe geschossen wurde. Die Reiter waren Unteroffizier Fokken mit der Nachspitze. Wie man nur vergessen konnte, daß die Nachspitze noch hinter uns war?! Überanstrengung muß doch wohl den Geist stumpf machen.
Vom Naudéwasser brachte uns ein kleiner Tagemarsch zurück zum Longido, zu unsern Boys, zur Badegelegenheit, zur reinen Wäsche und zum guten Essen und Trinken. Die Tiere hatten bereits am Naudéwasser wieder Kraftfutter erhalten, das wir dort auf dem Hinmarsch versteckt hatten. Im Longido wurde der nächste Tag geruht. Am übernächsten Tage zogen wir mit Staub und Ruhm bedeckt im Doppelberglager wieder ein. Hauptmann Fischer, unser Abteilungsführer, dem der glückliche Verlauf der Patrouille schon vom Longido aus telephonisch gemeldet worden war, ritt uns entgegen und nahm schmunzelnd die Parade der heimkehrenden Krieger ab. Am Abend war großes Karama [Festessen] in der Offiziersmesse, bei dem auch das Ziel erreicht wurde – jedenfalls hatte ich vierundzwanzig Stunden später noch Haarweh.