Die Kavalleriebrigade und die Zebraspuren

Unser neuer Kompanieführer hatte außer einer enormen Arbeitswut einen nie rastenden Unternehmungsgeist mitgebracht. Es mußte immer etwas im Gange oder doch zum mindesten in Vorbereitung sein. Unter seiner Führung kam die Zeit der Kompaniepatrouillen, wirklicher Kampfpatrouillen. Die erste, die ich mitritt, ging zu den Nyirisümpfen, ostsüdöstlich vom Amboselisee; an ihr nahmen sogar die beiden Berittenen Schützenkompanien teil. Eine Schleichpatrouille der »Fliegenden Hunde« wollte dort Feind, oder wenigstens Spuren vom Feind gesehen haben. Da die feindlichen Patrouillen letzthin stets hundertzwanzig bis hundertsechzig Mann stark gewesen waren, sollte auch unsererseits diesmal in größerer Stärke ausgerückt werden.

Hauptmann v. Boemcken führte diesmal die ganze Ostafrikanische Kavallerie»brigade«. Es ging über Gehöft Olmolog hinunter zum Brakwasser und über die Grenze hinüber zum Kitiruawasser, in dessen Nähe wir die zweite Nacht in einem Gebüsch lagerten. Da der böse Feind ganz in der Nähe sein sollte, durften wir weder Feuer anmachen noch laut sprechen. Es schwärmte dort von Moskitos und stank bestialisch nach Nashorn und Löwen. Zum Schutz gegen letztere hatten wir unsere Reittiere in der Mitte festgemacht und uns im Kreise um sie herumgelegt, zum Teil so nahe, daß die Tiere auf die Schläfer äppelten.

Ich hatte einige Stunden lang schlaftrunken Moskiten abgewedelt, da schrie ein Maultier in Todesängsten, daß alle erschrocken auffuhren. Ein Löwe hatte sich durch unsere Postenkette durchgeschlichen, war über die schlafenden Schützen hinweg einem jungen fetten Maultier auf den Rücken gesprungen und eben dabei, diesem den Halswirbel durchzubeißen. Mit dem Bajonett wurde er vertrieben. Die Aufregung hatte sich noch nicht gänzlich gelegt und einzelne Schützen sahen noch ständig Raubtieraugen im Dunkeln durch das Gras funkeln, als derselbe Löwe nochmals unter die Reittiere sprang. Die wegen der mutmaßlichen Nähe des Feindes befohlene Ruhe war durch diese Löwenüberfälle und deren Abwehr nun doch mal illusorisch geworden – sollten Mensch und Tier in dieser Löwengrube zu einigen Stunden Schlaf kommen, dann mußten Feuer angezündet werden. War Feind in der Nähe, so hatte er den Lärm nun doch längst gehört.

Wie sich am folgenden Tage herausstellte, waren diesmal die üblichen Vorsichtsmaßregeln überflüssig gewesen. Feind war weder da, noch da gewesen. Was die Patrouille der Berittenen Achten für Feindesspuren gehalten hatte, waren – Zebraspuren! Das Konkurrenzunternehmen war eben noch zu neu im Geschäft. Außer jener Löwengeschichte passierte nichts Besonderes auf dieser Patrouille, denn daß sich unser Kompanieführer während einer kurzen Rast beinahe auf eine Puffotter gesetzt hätte, ist nichts Besonderes – hat sich der Schütze Apel doch mal tatsächlich auf eine solche, die er für einen Baumast hielt, gesetzt. Wir suchten die Nyirisümpfe nach Feinden ab, fanden keine, und ritten über Lagumishera und Olmolog zum Doppelberglager zurück. Klar geworden waren wir uns nur über zweierlei. Erstens, daß die Achte Zebra- von Maultierspuren noch nicht unterscheiden konnte, und zweitens, daß Hauptmann v. Boemcken, der mit einem Krückstock in der Hand ritt, unter seinem Südwester Schutztruppenhut viel Ähnlichkeit mit dem Alten Fritz hatte.