Bilder und Typen aus dem Lagerleben

»Bana, bana, Kahawa tayari« [Herr, o Herr, der Kaffee ist bereit], flüsterte mein Boy Sakiva, ein Mchagga vom Kilimandscharo, der mir damit in seiner sanften Art anzeigen wollte, daß es Zeit für mich sei, aufzustehen. Ich bin ein leichter Schläfer und an Frühaufstehen gewöhnt. Wäre ich es nicht, dann wäre ich von Sakivas Geflüster nie aufgewacht. Wie die Boys der Kameraden, die sich schwerer vom Schlaf trennten, diese wach kriegten, habe ich mir aus Zartgefühl nie angesehen. Gehört habe ich es oft. Das heißt, gehört habe ich nur die Kameraden; die Boys hört man bei dieser Zeremonie nicht. Wäre es nicht immer noch so dunkel gewesen, dann hätte ich aus vielen Grashütten des Lagers schattenhafte Gestalten vor einem Hagel von Wurfgeschossen eiligst flüchten sehen können.

Da stand also neben der vom Boy angezündeten Sturmlaterne eine Tasse schwarzen Kaffees auf einer Kiste am Kopfende meines Bettes, und vor diesem, so daß ich nur hineinzufallen brauchte, meine Badewanne voll kalten Wassers. »Bett« hätte ich nicht sagen sollen. In einem Bett habe ich in den zwei Jahren an der Front in Deutsch-Ostafrika nur eine Nacht geschlafen, und zwar im Quartier bei dem Farmer Egger am Meru. Dort schlief ich in einem richtiggehenden Bett. Das heißt, ich lag darin und – wachte. Vor lauter Staunen über diesen ungewohnten Luxus konnte ich nicht schlafen. In unsern Feldlagern hatten wir keine Betten. War das Lager lange genug auf demselben Fleck, dann wurden Kitandas gebaut.

Wenn man in das Taschenwörterbuch der Suahelisprache von Professor Dr. Velten schaut, findet man Kitanda mit »Bett, Bettstelle« übersetzt. Zu übersetzen wüßte ich das Wort auch nicht anders, aber wer bei unserer Kitanda im Kriege an ein gutes deutsches Bett denkt, bekommt doch eine falsche Vorstellung. Zum Bau einer Kitanda ist seitens des Europäers weiter nichts erforderlich als der Besitz von Veltens besagtem Taschenwörterbuch. Er schlägt nach: »machen« = kufanya, ruft seinen Boy und sagt: »fanya kitanda« und geht zum Früh- oder Abendschoppen, je nach der Tageszeit.

Der Boy pflanzt unterdessen vier Stöcke mit gabelförmigen Enden, die er sich irgendwo abgehauen hat, fest in die Erde, die Gabeln nach oben. Die vier Gabelstöcke bilden die Ecken eines Rechteckes, das die Länge des Bana und die Breite eines Meters hat. In die Gabeln legt der Boy zwei Längs- und zwei Querstangen, die er mit Bast anbindet. Auf das so ein bis eineinhalb Fuß über dem Erdboden entstandene Gestell bindet der Boy querüber mit Bast dicht nebeneinander geschmeidige, dünne Stöcke.

Ich sage immer: Der Boy tut das und das. Natürlich tut kein Boy, der das geringste Ehrgefühl für seinen Stand im Leibe hat, etwas selbst, solange er noch irgendwo einen Mpagazi [Träger] oder Buschneger auftreiben kann, über den er kraft der Stellung seines Herrn Autorität ausüben zu können glaubt. Die eigene Würde nach der Würde seines Herrn einzuschätzen, ist ein typischer und an sich ganz menschlicher Zug, der wohl nicht nur Negerdienern eigen ist. Im gewöhnlichen Leben wird dieser Zug meistens Heiterkeit, selten Unwillen erregen. Unter militärischer Ordnung war er oft recht unbequem. Meine Boys haben einmal sogar fünfzehn Hiebe bekommen, weil sie, immer und immer wieder vom Größenwahn gestochen, glaubten, als »waboi ya bana Feldwebel« die für den Troß bestimmten Kompaniebefehle nicht ausführen zu brauchen. Mit den Boys der Offiziere war es genau so. Ein Offiziersboy, der mir vom Unteroffizier vom Dienst gemeldet und vorgeführt wurde, da er beim Posho[tägliche Ration]-Empfang ständig fehlte, berief sich allen Ernstes darauf, er sei doch »boy ya bana von«.

Für mich war es stets ein schwerer Gang, wenn ich zur Aufrechterhaltung der Disziplin und Ordnung einen Askari, Boy oder Mpagazi zur Bestrafung melden und dann noch zu meiner eigenen Pein der Strafvollziehung persönlich beiwohnen mußte. Den Asiaten gegenüber, den Chinesen, mit denen ich in Australien hatte arbeiten müssen, und den Massai, die auch asiatischer Abstammung sein sollen, ist es mir nie schwer geworden, nötigenfalls mein Herz zu härten. Dem afrikanischen Neger habe ich, weder in Süd- noch in Ostafrika, niemals ernstlich böse sein können. Sie sind solche Naturkinder, und selbst ihre Gassenbubenstreiche kommen meistens aus einem so fröhlich kindlichen Gemüt, daß man sie trotzdem liebhaben muß.

Und wie treu waren sie ihrem Herrn ergeben! Sakiva und mein zweiter Boy Petro, dessen ganze Empfehlung, in Ermangelung des sonst üblichen Dienstbuches, ein bei einer Rauferei verlorenes Auge und der Umstand waren, daß er von einer Mission ausgerissen war, sind vom Anfang des Krieges bis zu meiner Gefangennahme zu Ende des dritten Kriegsjahres ohne einen Tag Urlaub mit mir in Deutsch-Ostafrika herumgezogen. Mein Koch Mohamadi, die Perle aller Köche, die ich mir erst erwarb, nachdem ich mich acht Monate mit einem Koch gequält hatte, unter dessen Händen alles, was er ansetzte, letzten Endes zu Irish stew wurde, war ebenfalls bis zum letzten Tage bei mir.

Auf dem Rückmarsch vom Posten Engaruka zu meiner Kompanie zur Zeit des Beginns der großen englischen Offensive Anfang 1916 war ich noch gerade eben vor dem Feinde durchgekommen. Meine Bagage, Koch, Boys, Wapagazi und Krieg hatte ich der Abteilung Aruscha übergeben, die im Begriff stand, große Bagage zur Mittellandbahn abgehen zu lassen. Diese Bagage fiel in die Hand des Feindes. Als bei dieser Gelegenheit alle Träger ausgerissen waren, rettete Mohamadi seine Kochkiste und jeder Boy eine Last. Anstatt sich nun mit diesen Schätzen in den nahen heimatlichen Urwald am Kilimandscharo – alle drei waren Wachagga – auf Nimmerwiedersehen zu verbergen, nahmen sie jeder seine Last auf den Kopf – was das für den Stolz eines Koches oder Boys bedeutet, versteht nur der Afrikaner – und suchten mich im ganzen großen Deutsch-Ostafrika. Erst nach fünfwöchigen Irrfahrten haben sie mich gefunden. Petro, der man immer ’n büschen dünn war, war zum Skelett abgemagert, und Sakiva raste derartig im Fieber, daß er gleich auf die Krankenliste mußte. Wer sich über die Wiedervereinigung mehr freute – meine drei schwarzen Kriegsgefährten, Krieg oder ich, wäre schwer zu entscheiden gewesen. Gebärden taten wir uns alle fünf wie toll und – nach langer Zeit gab es zum erstenmal wieder etwas Schmackhaftes zu essen.

Das war ja gerade die Kunst von Mohamadi, daß er überall, unter allen Umständen, ob Proviant da war oder nicht, seinem Bana irgend etwas Schmackhaftes, appetitlich serviert, vorzusetzen wußte. Kaum war der Befehl zur Marschpause bis zur Trägerkolonne durchgedrungen, hatte Mohamadi schon ein oder zwei Pötte über seinem Feuer. Dauerte die Pause nicht lange genug, um das Essen fertigzumachen, dann nahm er die dampfende Speise mit auf den Marsch, um sie beim nächsten Halt weiterzukochen, zu rösten oder zu schmoren. War auch nur einer meiner drei Getreuen bei mir, dann war ich stets mit allem Notwendigen versehen. Leider hatten wir Berittenen die Bagage, die zu Fuß ging, nicht immer bei uns.

Doch zurück zum Bau der Kitanda. Auf das wie beschrieben entstandene Gestell wird eine dicke – am dicksten am Kopfende – Schicht weichen Heus gelegt, die wie eine Matratze durch schmale Baststreifen auf die Lade festgenäht wird. Nun ist die Kitanda fertig. Wenn man ein gutes Gewissen hat und nicht gar zu arg empfänglich für Flöhe ist, schläft es sich, in die Pferdedecken gewickelt, großartig darauf. Feinschmecker in Kitandaangelegenheiten, besonders solche, die auf das Federn des Unterbettes Gewicht legen, lassen über das Gestell nicht biegsame Stöcke legen, sondern angefeuchtete Rindshautstreifen kreuz und quer ziehen, die, wenn sie trocken werden und sich stramm eingespannt haben, ein sehr elastisches Unterbett bilden.

Wenn ich nicht in dem festen Glauben lebte, daß alles in der Natur wunderbar zu meinem endgültigen Besten eingerichtet sei, müßte ich mich doch wundern, warum Ungeziefer mich immer gerade an den Orten am meisten peinigt, von denen ich nicht weglaufen kann. Nie haben mich, trotz täglichen Kochens meines einzigen Hemdes und, wenn dieses trocken war, meiner einzigen Hose, Kleiderläuse so vorgenommen, wie während der denkwürdigen Tage, die ich als Kriegsgefangener in Kondoa eingesperrt war; wohl aus Mangel an Energie, einen andern Platz zu suchen, aus dem wir nicht ausbrechen konnten, hatten die Engländer uns in das alte Eingeborenengefängnis mit etwa hundert Buschnegern zusammengesperrt. Nie haben mich Wanzen so gepiesackt, wie in Ahmednagar hinter dem Stacheldraht. Nie im Leben bin ich so von Flöhen gebissen worden, wie in den Grashütten und Graskitanden unserer ostafrikanischen Feldlager, wo ich als Feldwebel doch nicht entweichen konnte. Weder die häufige Erneuerung des Bettheus noch die peinlichste persönliche Sauberkeit nützen das geringste. Um die Flöhe loszuwerden, hätte man jeden Sonnabend das ganze Lager abbrennen müssen. Das ging natürlich nicht. Daß wir so viele Flöhe in unsern Feldlagern hatten, war zum Teil freilich unsere eigene Schuld. Die meisten von uns hatten einen Hund, viele hatten zwei Hunde, Trommershausen deren fünf oder sechs, und Martin Köhler, der Schaf-, Hühner-, Bienen- und Brieftaubenzüchter vom Meru, selbstverständlich eine Hundezucht. Diese treuen Gefährten des Menschen und unser Troß von Dienern und Trägern schleppten die Flöhe getreulich von einem Lager zum andern.

Da ich doch mal bei dem Thema »Floh« bin, will ich gleich einen besonderen Vertreter dieser Spezies erwähnen. Er war mir eine neue Bekanntschaft; in Australien und Südafrika hatte ich diesen Floh noch nicht kennengelernt. Er ist von Amerika importiert und dann vom Westen nach dem Osten durch Afrika verschleppt worden. Er hopst nicht vergnügt und offenkundig durchs Leben wie unser Hausfloh, sondern versteckt sich heimlich im Staub und Sand und lauert dort tückisch unter dem Namen »Sandfloh« auf seine Opfer. Hat sich was Nacktes in den Sand gesetzt oder fegt der Staub über nackte Füße, dann sagt Vater Sandfloh zu Mutter Sandfloh: »So, Altsche, nun ist es Zeit, niederzukommen.« Flugs bohrt sich die Alte unter die nackte Haut unter oder an der Seite der Zehennägel oder da ein, wo sie sonst eine weiche Stelle oder eine besonders bequeme Hautpore findet, und der Besitzer dieser Haut hat wieder mal einen Sandfloh.

Zuerst winzig klein und kaum erkennbar, läßt Mutter Sandfloh nun ihren Eiersack unter der Haut wachsen und, wenn sie niemand stört, bringt sie es damit bis zur respektablen Größe einer Bohne. Schlau ist sie dabei, teuflisch schlau. Sie sticht nicht, sie beißt nicht, sie zwickt nicht, nur ganz leise kitzelt sie ihr Opfer, so daß der Unerfahrene die Gefahr nicht ahnt, die an der sanft errötenden Stelle seiner kleinen Zehe anwächst. Er fühlt weder einen Schmerz noch ein Brennen oder Jucken, sondern nur einen sanften, ich möchte sagen wollüstigen Kitzel.

Nun ist es die höchste Zeit, den Boy zu rufen und »tafuta funza« [suche den Sandfloh] zu sagen. Der Boy holt sich eine Nähnadel – denn er ist natürlich auch der Flickschneider seines Bana –, sterilisiert sie im Feuer oder in der Lichtflamme, hockt nieder, nimmt deinen Fuß auf seinen Schoß und operiert mit einem Geschick und einer Zartheit, die nur die Übung und das Leiden am selben Übel erzeugen können. Rechtzeitig gerufen, ist der Boy dieser Operation immer gewachsen, und in Gegenden vieler Sandflöhe, gegen die weder Reinlichkeit noch Stiefel und Strümpfe absolut schützen, läßt man sich am praktischsten seine Füße täglich vom Boy genau untersuchen. Bei der weiteren Entwicklung des Eiersacks und gar beim Auskriechen der Maden können schwere Entzündungen eintreten. Leute meiner Kompanie wurden wochenlang dienstuntauglich durch Mutter Sandfloh und ihre Zicken. Neger mit verkrüppelten Füßen und Löchern in ihrer Sitzfläche sind, besonders in der Nähe von Karawanenstraßen, keine Seltenheit. –

Ich begann in diesem Kapitel die Schilderung eines Tageslaufs eines ostafrikanischen Etatsmäßigen mit dem sanften Wecken meines Boys. Inzwischen ist es höchste Zeit geworden, aufzustehen. Die Tasse schwarzen Kaffees und eine Morgenzigarette in der Kitanda haben mich ganz munter gemacht. Also nun schnell ins Wasser! Denn vor dem Kompaniebüro treten schon die hundertfünfzig zur Kompanie gehörigen und die fünfzig von der Abteilung geborgten Wapagazi zur Arbeit an. Der Kompanieschreiber, Unteroffzier Horn, verliest ihre Namen, und der Unteroffizier vom Tagesdienst geht vor ihrer Front auf und ab, ärgerlich, daß er so früh hat aufstehen müssen. Kalt war es ganz infam, und Alkohol zum Zähneputzen war für Geld nicht mehr zu haben. Wir befanden uns damals in der Zeit, in der der europäische Alkohol, der noch im Lande war, nicht mehr bis an die Front kam. Er reichte nicht mehr für beide, für Etappenpersonal und Frontsoldaten. Der Fehler lag also beim Alkohol – nicht etwa beim Etappenpersonal. Ein Hoffnungsstrahl leuchtete aber bereits hinein in diese trockene, durstige Zeit. Amani, die biologisch-landwirtschaftliche Versuchsstation, war daran, einen Whiskyersatz zu erfinden.

Die Träger waren natürlich nicht vollzählig zur Stelle, und die besten Listen des Unteroffiziers Horn stimmten mal wieder nicht. Unteroffizier Horn, Missionsbautechniker aus Aruscha, von der Kompanie »der Gesundbeter« genannt, ein unermüdlicher Arbeiter und der bravsten Soldaten einer, konnte noch so lange Reden halten, der Feldwebel und der Kompanieführer konnten – in umgekehrter Reihenfolge – sich noch so böse stellen, die Listen stimmten auf den ersten Anhieb nie mit den Trägern überein.

Die Trägeraufseher, meistens nur dadurch kenntlich, daß sie träger waren als die Träger und einen Regenschirm besaßen, und drei frühere Polizeiaskari, die der Trägerkolonne als Wächter zugeteilt waren, suchten nun die Trägerhütten heim und brachten die Drückeberger zum Vorschein. Unteroffizier Horn zählte sie und las die Namen nochmals vor, was nicht so einfach ist wie etwa beim Militär zu Hause. Die Neger sind so frühmorgens noch ganz dösig, und viele haben in ihrem Leben schon so viele »Alias« gehabt, daß sie sich, aus dem Halbschlaf plötzlich aufgeschreckt, auf ihren gegenwärtigen Namen nicht besinnen können. Es stimmte also immer noch nicht. Die Hospitalkranken wurden aufgerechnet, die Revierkranken zur Seite gestellt. Stimmte immer noch nicht genau, aber wir waren nicht mehr ganz so weit entfernt von der Richtigkeit. Da fiel dem Unteroffizier Horn plötzlich ein, daß er gestern sechs Träger zur Etappe Geraragua geschickt hatte, die noch nicht zurück waren. Na also! Der erste große Kampf des Tages war beendet.

Inzwischen war der Kompaniebaumeister, der Unteroffizier Karl Blaich, auf der Bildfläche erschienen – einer unserer umsichtigsten Patrouillenreiter und, ehe wir Buren zur Kompanie bekamen, wohl neben Unteroffzier Thiele der beste Porikenner und Patrouillenspitzenreiter. Karl Blaich war von deutschen Eltern in Palästina geboren, dort groß geworden, und manchen langen Patrouillenritt hat er mir verkürzt mit der Schilderung der dortigen Siedlungsverhältnisse. Seine beiden Vettern Gotthilf und Bernhard Blaich, der letztere wegen seines jugendlichen Aussehens von den Kameraden »Mariechen« genannt, waren ebenfalls bei der Kompanie. Deren Vater, ein schon älterer, aber noch rüstiger Mann, hatte ein hübsches Anwesen im Aruschabezirk, und wer mal sehen will, was eine fleißige Familie mit geringen Anfangsmitteln aus Wald- und Steppenboden Ostafrikas in wenigen Jahren machen kann, braucht nur Vater Blaich am Ussa zu besuchen.

Vater Blaichs Gastfreundschaft kannte keine Grenzen. Meine Kompanie hat eine Nacht bei ihm in Quartier gelegen. Das war Ende 1915. Wenn die Kompanie später mal ausnahmsweise – durch die Unvorsichtigkeit irgendeines Etappenfritzen – was Gutes zu essen erwischte, dann sagte August Dehnecke, der soviel verdrücken konnte wie zwei gewöhnliche Sterbliche, in seinem langsamen, tiefen Baß: »So gut wie bei Mutter Blaich ist es doch nicht!« Das Essen bei Mutter Blaich war der Maßstab geworden, an dem die Kompanie seit jenem unvergeßlichen Quartier alle materiellen Genüsse maß.

Während alle andern, die nicht auf Patrouille waren, sich im Lager aalten, mußte der Unteroffzier Karl Blaich immer gleich wieder ins Geschirr, sobald er von Patrouille zurückkam. Unteroffzier Blaich baute. Wie im Hades Sysiphos nie aufhört, den schweren Stein zu rollen, so hörte Karl Blaich nie auf zu bauen. Er baute aus Gras Soldatenwohnungen, Pferdeställe, Latrinen, Küchen, Trägerhütten ohne Zahl. War ein Lager halb, drei Viertel oder gar neun Zehntel fertig, dann wurde es sicher aus strategischen Gründen verlegt, und Karl Blaich mußte wieder neu anfangen zu bauen. Wenn Karl Blaich Fieber hatte, baute er Graspaläste in seinen Fieberträumen, einen noch kunstvoller als den andern. Alpdrücken äußerte sich bei ihm in Bauten, die nicht in Reih und Glied oder lotrecht stehen bleiben wollten.

Heute war Karl Blaich nicht auf Patrouille, folglich baute er heute. Ob es ein Sonntag oder ein Wochentag war, wußte in der ganzen Kompanie höchstens der Gesundbeter. Karl Blaich wußte es nicht. Er baute. Alle Träger, die nicht bestimmt waren, Futtergras für die Reittiere zu schneiden oder Proviant für Mensch und Tier von der nächsten rückwärtigen Etappe zu holen, bekam Unteroffizier Blaich zugeteilt. Mit Hilfe seines Adjutanten, des Gefreiten Knepper aus Sachsen, teilte er die Träger flink zur Arbeit ein.

Der Gefreite Knepper, im Zivilberuf Missionshandwerker, war die wandelnde Handwerkerstätte. Was er in seinen bauschigen Hosentaschen nicht bei sich trug, braucht man auch im Felde nicht. Wie seine Hosentaschen, die ihm wachend oder schlafend stets ein Viertel Meter von den mächtigen Schenkeln abstanden, waren auch die enormen Packtaschen am Sattel seines Reittieres bis zum Platzen gefüllt. War jemandem aber auf dem Marsch der Bügelriemen, der Bauchgurt gerissen oder am eigenen Leibe etwas abgesprungen oder geplatzt, so hatte sicher der Gefreite Knepper Handwerkszeug und Flickmaterial in der Tasche. Es bedurfte nur einiger, seine Fürsorge lobender Worte, und sofort beugte sich Kneppers großes, vor Gutmütigkeit strahlendes Gesicht über den reparaturbedürftigen Gegenstand. Während er fädelte und flickte, erzählte er gerne, wie er sich als Handwerksbursche auf der Walze durch Europa angewöhnt habe, stets eine Miniaturtischler-, -schneider- und -sattlerwerkstätte in seinen Hosentaschen mitzuschleppen.

Noch eine Gewohnheit hatte der Gefreite Knepper von der Walze her. Wenn wir auf nächtlicher Schleichpatrouille so dicht am Feinde waren, daß wir weder absatteln noch unsern Mantel abschnallen durften, aber diejenigen, die nicht gerade Posten standen, doch mit dem Zügel im Arm gern ein wenig pennen wollten, dann zog Knepper seine Jacke aus und wickelte sie um Füße und Beine bis zum Knie. Er behauptete, wenn die Beine warm wären, wäre der ganze Körper warm. In einer solchen Nacht, in der die Hundekälte mich nicht einschlafen ließ, dachte ich an Kneppers Worte und wickelte mir meine Jacke um die Füße. Bei mir funktionierte die Methode, die auf Kneppers Jugend und Konstitution zugeschnitten sein mochte, leider nicht. Mich fror schlimmer als zuvor, und am nächsten Tage hatte ich einen tüchtigen Schnupfen. Ob an dem von Knepper vertretenen alten Wanderbrauch was Wahres ist, können meine jüngeren Leser, wenn sie mal draußen nächtigen, leicht an sich selbst ausprobieren. Darüber diskutieren können wir mit dem stets hilfsbereiten Gefreiten Knepper leider nicht mehr, denn auch er ist ein Opfer des Krieges geworden.

Blaich und Knepper stellten also die Träger an. Die einen hatten Löcher in die Erde zu machen zur Aufnahme der Hauspfeiler, andere wurden in den Urwald geschickt, um das Holz zu holen, und wieder andere in die Steppe, um langes Gras zum Decken zu schneiden. So eine Grashütte zu bauen ist kein großes Kunststück für den, der einmal beim Bau mit offenen Augen zugesehen hat. Wenn ich es hier näher beschreibe, so tue ich das nur für die Leser, die noch nicht in Grashütten lebten – alte Afrikakrieger mögen getrost eine Seite überschlagen.

Nachdem Karl Blaich mit einem Bastseil den rechteckigen Grundriß der Hütte auf einem Stück vorher planierten Bodens sorgfältig und im Einklange mit dem Lagerplan festgelegt hatte, ließ er auf den Ecken vier starke Holzpfeiler einsetzen, zwei Meter hoch, mit den Gabelenden nach oben. Zwischen diese wurden auf den beiden Kurzseiten des Rechtecks zwei vier Meter hohe Pfeiler gepflanzt, die den Firstbalken tragen sollten; je steiler das Dach wird, desto leichter läuft der Tropenregen von ihm ab. Auf den beiden Langseiten des Rechteckes wurden in Abständen von einem Meter etwas schwächere Pfeiler gesetzt, von gleicher Höhe wie die Eckpfeiler und mit diesen hübsch eingerichtet. In die Gabeln sämtlicher Pfeiler der Langseiten wurden die Dachbalken und in die Gabeln der Firstbalkenträger der Firstbalken gelegt. Dann wurden, damit sich beim Auflegen des Daches die beiden Seitenfachwerke der Hütte nicht nach außen legten, diese durch selbstgedrehte starke Bastseile miteinander und mit den Firstbalkenträgern verbunden. Damit war das Skelett der Grashütte fertig.

Inzwischen haben einige besonders begabte Neger die Dachsparren an ihrem dicken Ende je mit einer Einkerbung versehen, die über den Firstbalken fassen soll. Die Dachsparren wurden je nach ihrer Stärke näher zusammen oder weiter auseinander aufgelegt, und dann wurden alle Holzteile dort, wo sie sich treffen, mit Bast fest miteinander verschnürt. Jetzt stand das Fachwerk so sicher, daß ein Dutzend Neger darauf klettern und auf die Dachsparren die Dachlatten anbinden konnten, die irgendeinem Gesträuch, möglichst ähnlich unsern Weidenruten, entnommen wurden. Mit demselben Material wurde das Fachwerk der Wände, den Tür- und Fensteröffnungen Rechnung tragend, überbunden. Nun erst war der Moment da, wo das Gras beim Grashüttenbau zur Geltung kam. Das Grasdach wurde gelegt wie bei uns zu Hause ein Schilfdach, nur weniger dick und, da wir doch bald wieder umziehen würden, einstweilen weniger sorgsam; ehe die Regenzeit kam, wurden alle Hütten noch mal nachgedeckt. Die Fachwände wurden auf gleiche Weise wie das Dach mit Gras verkleidet. Damit war Unteroffizier Blaichs Aufgabe vollendet.

Für die weitere Außen- und die gesamte Innenarchitektur wurde dem Geschmack und der Phantasie der rauhen Krieger, die die Hütten bewohnen sollten, der weiteste Spielraum gegeben. Diejenigen, die gerne mauschelten und pokerten oder aus sonst einem Grunde wünschten, daß das Auge des Kompanieführers nicht so ohne weiteres in ihr Heim einblicken konnte, sorgten durch Tür, Fenster oder vorgebaute Grasschirme dafür. Die meisten waren Liebhaber von Luft und Licht. Sie ließen nach der Lagergasse zu die Wände eines Teils ihrer Hütte nur bis zur halben Höhe mit Latten und Gras bekleiden, so daß ein geräumiges Verandazimmer entstand, das als Wohn-, Eß- und Besuchssalon diente. Hier standen die prächtigsten Tische, Sofas und Klubsessel, die aus biegsamen Ruten, Gras und Bast hergestellt waren; in dieser Kunst entwickelte sich mit der Zeit eine solche Fertigkeit, daß man glauben konnte, in einer Gartenmöbelausstellung zu sein. Nicht nur das Tragegerüst für Sättel und Zaumzeuge, sondern auch aus alten illustrierten Zeitungen entnommene Bilder, ein aus Kistenbrettern gezimmerter Geschirr- und Tassenschrank, ja zuweilen bunte Gardinen oder sogar ein von zarter Hand gestifteter rosa Lampenschirm zierten den Raum. Von ihm aus trat man durch eine Tür in das als Schlafzimmer dienende Gemach, in dem sich die schon beschriebene Kitanda befand und neben ihr, so daß man sie mit einem Griff erreichen konnte, Haken für Gewehr und Patronengurt. Um jede Hütte war ein Abflußgraben für Regenwasser gezogen. –

Der Gesamtplan unserer verschiedenen Kriegslager war mit jeder neuen Lageranlage zweckentsprechender geworden. Das erste Lager, unten in der Niederung zu beiden Seiten des Engare Nairobi, war ein wildes Durcheinander von Hütten, Ställen und Küchen gewesen, so daß selbst seine Bewohner im Dunkeln nur mit Mühe ihr Quartier oder ihr Pferd finden konnten; als ich einmal vom Posten Olmolog aus auf einige Stunden zu Besuch dort war, mußte ich mir einen ortskundigen Führer nehmen. Es war jedem Krieger erlaubt worden, seine Hütte mit Hilfe seiner Boys da zu bauen, wo es ihm gefiel. So glich das Ganze mehr einem Chinesenviertel, und bald war das Lager von Malaria und Typhus durchseucht. Auch im Lagerbau fehlte es zu Anfang des Krieges eben an Erfahrung und Organisation.

Unser zweites Lager, das ich eben beschreibe, war namentlich aus Gesundheitsrücksichten auf den »Doppelberg«, der wohl hundert Meter aus der Steppe herausragte, verlegt worden. Seiner Anlage kam schon das Organisationstalent von Oberleutnant Büchsel zustatten.

Geradezu eine Musteranlage aber war unser letztes großes Kriegslager am Engare Olmotonje auf einer Anhöhe am Urwaldrande des Meru, in der Nähe von Aruscha. Später, als die große feindliche Offensive begonnen hatte, kamen wir nur noch zweimal dazu, den schwachen Versuch zu einem Lagerbau zu machen, über wenige Hütten kam es aber nie mehr hinaus.

Dieses Lager bei Aruscha wurde in der Form eines großen Rechteckes angelegt, dessen eine Kurzseite als Lagerzugang offen blieb. In der Mitte des Rechtecks lagen in einer schnurgeraden Linie Stall neben Stall. Diesen parallel, auf der einen Langseite des Rechtecks, standen zwei Reihen hübscher Soldatenwohnungen, die so belegt waren, daß die zu einem Zug gehörige Mannschaft stets in der Nähe ihres Stalles wohnte. Hinter den Soldatenwohnungen, etwas in den Busch hineingedrückt, lagen die Hütten der Boys und die Küchen. Noch mehr in den Busch hinein waren die Latrinen ausgehoben, getrennt für Europäer, Askari und Troß.

Nach den ersten bösen Erfahrungen waren die Latrinen stets die ersten Baulichkeiten, die angelegt wurden. Sie mußten fertig sein, ehe eine Hand zum Lagerbau erhoben werden durfte. Dafür sorgte mit unerbittlicher Strenge unser Sanitätsfeldwebel Stein. Auch wenn wir auf unsern späteren Wanderungen kein Lager mehr bauten, sondern nur infolge eines Haltbefehls die Möglichkeit entstand, daß die Kompanie an dieser Stelle einen Tag liegenbleiben könnte, wurden Latrinen ausgehoben.

Zwischen den Ställen und der andern Langseite, an der die Offizierswohnungen, ebenfalls mit den Küchen dahinter, lagen, war eine breite Lagergasse, auf der die ganze Kompanie bequem mit ihren Tieren antreten konnte. Die zweite Kurzseite des Lagers wurde in der Mitte durch mein Feldwebelbüro geschlossen. Links davon befand sich das Magazin und rechts die Kasse, Kammer und Handwerkerstube. Nahe außerhalb des Lagers lagen lange niedrige Hütten für die Wapagazi, ferner die Viehhöfe, der Schlachthof und zwei Reitbahnen – sagte ich zuviel: »eine Musteranlage«?

Die Kasse, die zugleich unsere Bankstelle war, verwaltete mit vieler Umsicht der Agrarier und Vizewachtmeister Mittag. Bei ihm hoben wir unser Verpflegungsgeld, Kleidergeld und Löhnung bzw. Gehalt ab, und da wir mit letzteren nicht recht was anzufangen wußten, der Staat das Geld aber recht gut brauchen konnte, zahlten die meisten ihre Löhnung gleich wieder als Kriegsdepot ein. Der Gefreite Storch, der – weiß Gott, warum – immer nicht mit seiner Löhnung auskam, erschien unerwartet auch mal an der Kasse, um ein Kriegsdepot zu eröffnen. »Mensch«, sagte der Kassenführer, »es freut mich doch, daß Sie endlich auch vernünftig werden.« – »Ja«, antwortete Storch, »da alle Kameraden ein Depot haben, will ich die Sache doch auch mitmachen. Ich habe mir dazu von einigen guten Freunden hundert Rupien zusammengepumpt. Hier sind sie!«

Alle unsere Gebäude – mit einziger Ausnahme der Dächer der Ställe, die, wie es sich für einen guten Reitersmann schickt, den Vorzug vor seiner eigenen Behausung hatten und mit Wellblech belegt waren – bestanden, wie wir gesehen haben, ausschließlich aus Naturholz und Gras, zusammengehalten durch selbstgewonnenen Baumbast. Kein Eisennagel oder Stahlstift war im ganzen Gebäude verwendet, nichts, woran ein Fabrikant oder Kaufmann auch nur einen Heller hätte verdienen können. Wir waren ganz zum primitiven Naturzustand zurückgekehrt. Und doch, wie wohnlich konnte solch ein Kriegslager sein, wie heimisch konnte man sich in ihm fühlen!

In ihm konzentrierte sich alles, was das Leben noch an Annehmlichkeiten bot. Die Sehnsucht zum Lager ließ den Rückmarsch von einer Fernpatrouille stets bedeutend länger erscheinen als den Ausmarsch, obwohl die Tiere, alle Müdigkeit vergessend, auch mit aller Macht dem Lager zustrebten. Im Lager harrten des dreckigen Patrouillenreiters die freundlichen Gesichter der Freunde und Kameraden, froh, daß er diesmal noch nicht geschnappt war. Es harrten seiner die neuesten Kriegsnachrichten. Es harrten seiner die Boys mit dem fertigen Bade, der reinen Wäsche und einem guten Schlag Essen. Es harrte seiner die Ruhe des Körpers und der Nerven – d. h. wenn er nicht zufällig Kompaniefeldwebel war.

Das Lager war die Heimat, die einzige Heimat, die wir noch hatten. Von der fernen Heimat, von den Lieben zu Hause waren und blieben wir seit Kriegsausbruch dauernd abgeschnitten. Kein Brief erreichte sie oder uns. Nach zweieinhalb Jahren, als ich bereits sechs Monate in Gefangenschaft war, bekam ich den ersten Brief aus der Heimat. Mit Zagen habe ich ihn geöffnet. Wie viele meiner Verwandten und Freunde schlummerten schon längst im Heldengrab! Ja, den Gedanken an die ferne Heimat durfte der ostafrikanische Krieger nicht aufkommen lassen – seine Heimat war das Lager, die Kompanie und die Herzen seiner Kameraden. –

Unteroffzier Karl Blaich hatte also seine Wapagazi angestellt und ging zum Frühstück. Es war 6 Uhr 15 geworden, gerade noch Zeit für mich, um vor Beginn des Stalldienstes und meiner Bürostunden ebenfalls behaglich zu frühstücken. Das Fenster meiner Hütte, an dem ich das zu tun pflegte, lag nach Osten mit der Aussicht auf den Kilimandscharo und die diesem vorgelagerte Shirakette, bewaldete Höhen, deren Urwald in die Steppe hinein bis auf etwa acht Kilometer an unser Lager heranreichte. Durch die Shirakette hat sich der Engare Nairobi Bahn gebrochen, im großen Bogen windet er sich durch die Steppe, im ganzen Laufe durch hohe Bäume und Baumgruppen an seinen Ufern kenntlich; er fließt nahe am Fuße des Doppelberges vorbei, um dann, zwei Kilometer weiterhin in der Steppe, in einen Sumpf zu enden. Es war ein herrliches, immer wieder erhebendes Schauspiel, die Sonne über den Schneegefilden des Kibo, der sich mir hier als Halbkugel zeigte, aufgehen und allmählich die Nebel und Schatten vertreiben zu sehen, bis endlich Urwald und Steppe in voller Sonnenpracht leuchteten.

Die Sonne geht in der südlichen Breite des Kilimandscharo das ganze Jahr über ungefähr um sechs Uhr morgens auf und um sechs Uhr abends unter.

Meine Frühstückspause im Genuß der schönen Aussicht war die einzige Zeit des Tages, die mir einigermaßen allein gehörte und mir ganz allein gehört hätte, wenn das Telephon nicht gewesen wäre. Einmal mindestens an jedem Morgen wurde sie durch die Telephonordonnanz unterbrochen mit den Worten: »Bana Feldwebel, sim imekuja« [das Telephon ist angekommen], und wenn es nur der erste Tagesanruf vom Kommando in Moschi war, der feststellen sollte, ob über Nacht die Giraffen nicht wieder mit dem Telephondraht abgegangen seien oder ob ein Zebra, sich an einem Telephonpfahl scheuernd, diesen umgeworfen habe. Aufregende Meldungen gab es zwischen sechs und sieben Uhr morgens, wo die meisten Herrn mit dem höheren Gehalt noch ruhten, in dieser Kriegsperiode kaum.

Ich höre den Unteroffizier vom Dienst durch das Lager zum Stalldienst rufen, und schnell statte ich noch meinem Halbblutpferdehengst Otto, der dem Herrn Feldwebel an Stelle des Maultiers Alphons zugeteilt worden war, einen Besuch ab; denn Punkt sieben Uhr durfte ich meinen Kompanieführer bereits im Büro erwarten. Die Tierpflege spielte sich in jener Übergangsperiode von einer berittenen bewaffneten Farmerschar zu einer Kompanie in der Weise ab, daß zwar jeder Schütze für die Pflege seines Reittieres verantwortlich war und zum Stalldienst erscheinen mußte, aber die eigentliche Arbeit seinem schwarzen Boy überlassen konnte. Jedem Schützen standen zwei von ihm selbst bezahlte und von der Truppe verpflegte schwarze Diener zu.

Unsere Schützen erschienen also zum Stalldienste. Die Hände in den Hosentaschen, die Pfeife oder Zigarette im Munde, lebhaft oder noch schläfrig miteinander plaudernd, standen sie bei ihren Tieren und sahen zu, wie diese von ihren Boys gefüttert, aufgestallt, geputzt und gestriegelt wurden. Ein Tierpfleger von Natur, wie ich ihn z. B. in dem Basutokaffer in Südafrika kennenlernte, ist der ostafrikanische Neger nicht. Er hat keine Sympathie mit dem Reittiere. Woher sollte er sie auch haben? Keiner der ostafrikanischen Negerstämme hat je Reittiere gehabt außer vielleicht einigen störrischen Eseln, die ihnen aber nicht zum Reiten, sondern zum Lastentragen dienen. Der Negertierpfleger war nur ein Notbehelf, aber, wie es uns schien, ein unvermeidlicher. Denn die wenigen Leute der Kompanie, auf denen der ganze Aufklärungsdienst ruhte und die infolgedessen viel häufiger an die Reihe kamen, Patrouillen zu reiten, als es bei einer größeren Kavallerietruppe der Fall gewesen wäre, sollten doch während der wenigen Tage im Lager möglichst Ruhe haben, um sich körperlich und geistig aufzufrischen. Lassen wir sie darum die Stunde des Stalldienstes, morgens und abends, unter Lachen und Scherzen die letzten Patrouillenerlebnisse, die neuesten europäischen und afrikanischen Kriegsnachrichten erörtern und Lagerwitze austauschen. –

Ich mußte nun zurück in das Büro, allwo Unteroffizier Horn dem Kompanieführer bereits die eingelaufenen Postsachen vorlegte. In den ersten Wochen als Kompaniefeldwebel bin ich nun den ganzen lieben langen schönen Tag nicht mehr aus dem Büro herausgekommen, außer wenn ich die Kompanie zum Dienstempfang antreten ließ oder, zum Abteilungsführer Hauptmann Fischer befohlen, nach dem Telephonhügel hinüber ritt, um mir einen wohlverdienten Anpfiff abzuholen, der für das Telephon zu kompliziert war. Eine Tasse Kaffee bekam ich dann hinterher zur Beruhigung. Ich hätte nie für möglich gehalten, daß ein gereifter Mann noch soviel Bockmist anstellen könnte, bis er den täglichen Stärkenachweis so abzufassen versteht, wie der Abteilungsführer es haben will. Und ich hatte mal geglaubt, die ganze Kunst, Feldwebel zu spielen, bestände darin, wichtig auszusehen, gelegentlich Urlaub zu befürworten und sich dafür zu Weihnachten ein Piano schenken zu lassen!

Arbeit gab es im Büro, daß einem bange davor werden konnte. Außer einem Haufen unsortierter Akten und Schriftstücke, unfertiger Stammrollen der Mannschaften und einer angefangenen, aber nicht fortgeführten Stammrolle der Reittiere fand sich nichts im Büro vor. Mit Macht stürzte sich der neue Kompanieführer über dieses Chaos her, und mit der seinen Jahren zuständigen Ruhe folgte ihm der neue Feldwebel bedächtig nach. So ergänzten sich Oberleutnant Büchsels Arbeitswut und meine Ruhe ganz glücklich. Besondere Schwierigkeit machte die Stammrolle der Tiere. Es kamen von ihren früheren Besitzern Gesuche um Ausstellung von Requisitionsscheinen über Reittiere, die schon längst im Gefecht gefallen waren und die weder mein Chef noch ich je gekannt hatten. Dann entstand eine wilde Korrespondenz. Wer hat das Tier requiriert? Welcher Preis war vereinbart? Wer weiß, wo und wann das Tier geblieben ist? und so weiter, bis wir uns zu jemandem durchgefragt hatten, der die nötigen Angaben machen konnte. Nachdem der ganze Aktenstapel durchgeackert war, wurden sie in verschiedene Mappen klassifiziert. Es wurde ferner ein Korrespondenzjournal, es wurde eine Vorlage- und eine Wiedervorlagemappe eingerichtet. Es wurde ein Befehlsbuch geschaffen, in dem täglich die Kommando-, Abteilungs- und Kompaniebefehle eingetragen wurden. Zur Ergänzung des letzteren führte ich noch ein Dienstbuch, aus dem ich übersichtlich entnehmen konnte, wer für Wache, Patrouille, Vorposten, Arbeitsdienst oder Unteroffizier vom Dienst an der Reihe und zu kommandieren war.

In alle diese Arbeiten bimmelte Sim den ganzen Tag munter hinein, war doch der Apparat in meinem Büro vorläufig der einzige am Doppelberg. Die 21. Askarikompanie, die auf dem Kamme des Berges lag, und unser jüngeres Konkurrenzunternehmen, die »Fliegenden Hunde«, die jenseits der Einklüftung hausten, von der der Berg seinen Namen hatte, besaßen keine Telephonanlage. Das war zwar unter dem Gesichtspunkte der Anciennität sehr richtig, aber insofern doch unbequem, als nun ihre Telephonordonnanzen den ganzen Tag vor meinem Büro herumlungerten und es in diesem ein ewiges Gerenne und Gehaste von Telephonbesuchern gab – bis Karl Blaich ein Einsehen hatte, eine besondere Telephonbude vor meinem Büro baute und den ganzen Laden dort hineinsteckte. Übrigens mußten alle eingehenden und ausgehenden Telephongespräche, die meine Kompanie angingen, natürlich auch gebucht werden. Also schon wieder ein Buch mehr.

Die allergrößte Aufgabe des Kompaniebüros, um deren Lösung sich der geniale Unteroffizier Rimpler als Nachfolger des Unteroffziers Horn sehr verdient machte, war die Ausarbeitung eines Inventarienkontos. Es hat viele Monate gekostet, es fertigzustellen. Alles Inventar der Kompanie mußte doch verbucht sein! Vorläufig wußte aber kein Mensch, was Kompanie- und was Privateigentum der Schützen war. Viele der Farmer hatten sich zwar über die von ihnen in den Krieg mitgebrachten Reittiere, Waffen, Zelte und sonstige Ausrüstungsstücke nachträglich von irgendwem einen Requisitionsschein ausstellen lassen, aber diese Scheine erschienen doch nicht rechtsgültig, da auf ihnen der Einnahmevermerk der Kompanie und der Hinweis auf Seite und Nummer des Inventarienkontos fehlten, und überhaupt mußten doch erst einmal all diese Transaktionen zusammenhängend und übersichtlich verbucht werden. Man glaubt gar nicht, wieviel Schreibarbeit im Kriege unerläßlich notwendig ist!

Bei der Inventaraufnahme stellte sich aber auch heraus, daß immer noch eine Menge militärischer Ausrüstungsstücke Eigentum der Schützen waren. Das führte zu bedenklichen Komplikationen. Wenn z. B. bei einer Sattelrevision festgestellt wurde, daß dieser oder jener Sattel das Tier drücke und deshalb umzutauschen sei, dann kam der Einwurf: »Herr Wachtmeister, der Sattel ist mein Privateigentum.« Der Farmer hatte Sattel und Tier mit in den Krieg gebracht, das Tier aber, das zu dem Sattel gepaßt hatte, war tot. Was war da zu tun? Wir konnten doch nicht dem Eigentumssattel zuliebe ein zu diesem passendes Tier suchen! Andererseits litt die Kompanie derartig Mangel an brauchbaren Sätteln und Ausrüstungsstücken überhaupt, daß sie die Privatstücke der Mannschaft gar nicht entbehren konnte. Die Lösung dieses Dilemmas geschah nun auf die Weise, daß ich in das Befehlsbuch den neuen Kompaniebefehl einzutragen hatte: »Eigentümer müssen ihre Ausrüstungsstücke an die Kompanie verkaufen.« Und dann gab es wieder neue Inventarstücke zu buchen. –

Während der Kompanieführer, Rimpler und ich im Büro schufteten und ich unter freundlicher Mitwirkung von Sim zum erstenmal in meinem Leben merkte, daß der Mensch seine Nerven fühlen kann, ritten die glücklicheren Kameraden lustige Patrouillen, aalten sich im Lager und schimpften auf die Verpflegung. Letzteres war unzeitgemäß, denn die Kompanie fing eben schon an, neben der Verpflegung, die die Etappe lieferte, auf eigene Rechnung Vorräte einzukaufen und an die Mannschaften zum Einkaufspreise weiterzugeben.

Bisher hatte das Kompaniemagazin nur die Aufgabe gehabt, die von der Etappe gelieferte Verpflegung an die Farbigen weiterzuverteilen und an die Europäer a conto ihres Verpflegungsgeldanspruches von monatlich neunzig Rupien weiterzugeben. Jeder Europäer hatte nehmen müssen, was die Etappe zufällig schickte; er mußte Tabak nehmen und dafür zahlen, ob er Raucher war oder nicht, er mußte Ölsardinen kaufen, und wenn ihm übel davon wurde. Das wurde jetzt anders. Der Schütze Bruno Muhl, ein Kaufmann aus Aruscha, wurde Magazinverwalter und kaufte nun ein: von unsern eigenen, peinlichst geheimgehaltenen Bezugsquellen in der Landschaft Speck, Wurst, Butter, Eier, Käse, Gemüse, Obst, und in den Küstenstädten Tabak, Zigarren, Zigaretten, Zucker, Schokolade und vor allem Alkohol, der, in Amani entdeckt, jetzt von vielen unternehmenden Leuten, meistens Griechen, in allen möglichen zweifelhaften Qualitäten, aber in unzweifelhaft großen Quantitäten hergestellt wurde. Das alles verkaufte Muhl in seinem Laden an Offiziere und Mannschaft zum Selbstkostenpreis weiter, jedem, was er haben wollte, und legte am Zahltage prompt seine Monatsrechnung vor.

Angespornt durch den Beifall, den dieses erste eigene Handelsunternehmen der Kompanie allgemein fand, befaßte sich die Kompanie dann auch mit dem Ankauf größerer Posten von Unterzeug, Hemden, Strümpfen, Handtüchern usw., lauter Sachen, deren Mangel um diese Zeit schon bedenklich fühlbar zu werden anfing. Der Soldat erhielt monatlich fünfundzwanzig Rupien Bekleidungsgeld, war also kaufkräftig.

Mit hartnäckiger Ausdauer erließ ferner unser neuer Chef eine Bedarfsanzeige nach der andern an das Etappenkommando für Ausrüstungsstücke. Da ging es mit einem Male, und nach und nach konnten die alten vorsintflutlichen Sättel und verschiedenkalibrigen Jagdgewehre abgestoßen werden. Ganz gleichmäßig mit dem Karabiner 98 konnte unsere Kompanie freilich erst ausgerüstet werden, nachdem die Ladung des vor Tanga im April 1915 durch die Engländer versenkten Blockadebrechers doch noch geborgen worden war.

Zu jener Zeit wurde auch in Afrika mit aller Kraft an der Heeresvermehrung gearbeitet. So wurde auch alles, was an Pferden und Maultieren im Innern der Kolonie noch aufgebracht werden konnte, aufgekauft, und jede der beiden Berittenen Kompanien erhielt etwa zwanzig neue Reittiere. Aber die dazu gehörenden europäischen Reiter konnte uns das Kommando wegen der allgemeinen Heeresvermehrung nicht mehr abgeben, nur noch Askari, die im ganzen Lande in vielen Rekrutendepots immer neu ausgebildet wurden.

In meiner Kompanie erhielt der Sergeant, spätere Vizewachtmeister Schmid, vor dem Kriege Polizeiwachtmeister im Aruschabezirk, der 1917 den Heldentod fand, den schwierigen Auftrag, die Negersoldaten im Reiten auszubilden. Schmid war bei der Feldartillerie Futtermeister und Reitlehrer gewesen und hatte jahrelang Rekruten ausgebildet – wenn also einer der Aufgabe gewachsen war, so war er es. Trotzdem war das Resultat wenig befriedigend. Unter den uns zugeteilten Askari waren einige Somali, Leute, die vielleicht selbst nie geritten hatten, aber deren Stamm in Englisch-Somaliland doch Reittiere besitzt; diese ließen sich leidlich an. Die andern Askari aber, die aus Deutsch-Ostafrika stammten, haben das Reiten nie gelernt, wenigstens nicht in den sechzehn Monaten, in denen ich sie beobachten konnte. Sie lernten auf den Tieren zu hängen, Schritt, Trab und, wenn das Gelände sehr gut war, auch Galopp zu reiten, ohne abzufallen, aber auch dabei war nicht der Wille des Reiters, sondern der des Tieres der maßgebende Faktor. Der Neger Deutsch-Ostafrikas ist einmal nicht im Einklange mit dem Reittier, er kennt es nicht.

Mit den Reittieren waren Sättel angekommen – leichte, elegante Sättel, wie sie sich nur der feine Stadtherr, der täglich eine Stunde spazierenreitet, andrehen lassen kann. Das Bedenklichste an ihnen war die Steigbügeleisenweite. Als die Askari zum erstenmal beritten gemacht wurden, konnten die meisten ihre breiten Negerfüße – Stiefelnummer 13! – nur seitwärts in die Steigbügel hineinschieben. Auf das Kommando »Absitzen« saßen viele in den Bügeln fest. Einer saß so fest, daß er überhaupt nicht mehr los kam, obwohl Sergeant Schmid es mit einem Hammer versuchte. Der unglückliche Askari glaubte bereits, zeitlebens auf dem Rücken des ihm höchst unsympathischen Reittieres verbleiben zu müssen, bis ich die Situation löste und den Askari mitsamt seinem Sattel vom Rücken des bockenden Maultieres abstreifen ließ. Dann wurde er hingelegt und befreite sich vom Sattel, indem er die Stiefel auszog; letztere mußten dann aus den Steigbügeleisen herausgemeißelt werden. Es dauerte lange, bis wir Steigbügeleisen auftrieben, die zu den Askarifüßen einigermaßen paßten.

Etwa gleichzeitig mit den Askari erhielten wir auch zwei neue Offiziere. Oberleutnant Meyer, ein aktiver Schutztruppenoffizier, ein baumlanger Hannoveraner vom Siebenmeyerhof, mit dessen Onkel ich in meiner Jugend in Verden acht Wochen geübt hatte, wurde von der 9. Feldkompanie zu uns versetzt und erhielt den zweiten Zug, zu dem auch die Reitaskari gehörten. Kurz zuvor war Oberleutnant Trappe, ein Viehfarmer des Nordbezirkes, zur Kompanie gekommen; er führte den dritten Zug.

So waren wir nun zu größeren Taten gerüstet.