DRITTES BUCH

1. Kapitel
RAVALETTE

Jahre waren vergangen. Ich befand mich auf meiner zweiten Orientreise und hatte unterwegs London und Paris besucht. Meine Absicht war eine dreifache: zunächst wollte ich den »Hohen Dom des Rosenkreuzer-Tempels« sowie seinen Großmeister besuchen, die höheren Lehren des Ordens studieren und mit den Brüdern sprechen; zweitens wollte ich mir in Jerusalem die Substanzen holen, die ich zur Bereitung des Lebenselixiers brauchte, nicht etwa, um es herzustellen, sondern, weil ich eben diese Substanzen in meiner ärztlichen Praxis, die ich nach meiner Rückkehr nach Amerika wieder aufnehmen wollte, zu verwenden gedachte. Und drittens brauchte ich Ruhe, Entspannung und Ortsveränderung, denn ich fühlte, daß ich, wenn ich nicht ginge, an dem, was ich seit jenem Betrug erlebt hatte, sterben würde; und wenn ich starb, was dann? – Und so ging ich.

In Paris brachte ich den größten Teil meiner Zeit damit zu, die Schätze der assyrischen und ägyptischen Galerie zu betrachten.

Bei einem solchen Besuche nun stand ich in Bewunderung versunken vor den Keilinschriften auf einer Reihe von Tafeln, die die Archäologie bis jetzt noch nicht entziffert hat. Während der letzten fünf oder sechs Besuche in dem Museum hatte ich in meiner Nähe einen alten Herrn bemerkt, der offenbar Franzose war und zu dem kleinen Überrest des alten Adels gehörte, der noch auf dem Boden der Grande Nation lebte. Man konnte das aus der ganzen Art seines Auftretens und Benehmens schließen, das sehr höflich und vornehm, aber durchaus einfach war; aus der Güte, die sein Gesicht ausstrahlte, konnte man leicht ersehen, daß Glück und Frieden in seiner Brust wohnten, und daß er ein Wohltäter und gleichzeitig ein eifriger Förderer der Menschheit war. Im Museum schien er offensichtlich mit derselben Aufgabe wie ich beschäftigt, nämlich der Entzifferung der erwähnten Inschriften.

Früher waren zwischen uns, wenn wir uns begegneten, nur Begrüßungen und jene allgemeinen Höflichkeiten, wie sie zwischen wohlerzogenen Leuten üblich sind, ausgetauscht worden. Diesmal jedoch war unser Gruß wie durch gegenseitige Anziehung wärmer und länger; wir rückten zwei Stühle vor die Tafeln und begannen über die Inschriften zu disputieren. Der alte Edelmann, dessen Name Ravalette war, sagte: »Wie kommt es, daß Sie täglich hier die Inschriften kopieren und die Buchstaben zu entziffern suchen, über die sich die hervorragendsten Gelehrten Europas noch immer verzweifelt und hoffnungslos die Köpfe zerbrechen? Sie sind doch noch so jung und hoffen da auf Erfolg, wo alte Gelehrte scheiterten?« »Verzweifle wer will«, sagte ich. »Ich glaube, daß ich diese Rätsel noch ganz richtig lösen werde.«

»Nun gut«, sagte Ravalette, »Sie wünschen also zu lernen und sind doch schon ein halber Gelehrter; und wenn Sie willens sind, zu lernen, so bin ich willens, zu lehren. Auf jeden Fall kann aus der Erörterung von Ideen kein Leid entstehen, vielleicht sogar viel Gutes.«

Ich war entzückt, Ravalette so sprechen zu hören, denn ich fühlte, daß er, trotz des großen Altersunterschiedes, in vielen Beziehungen ein mir kongenialer Geist war, und ich wartete mit Spannung, bis er die reichen Schätze seiner Gedanken und Erfahrungen vor mir ausbreiten würde.

»Ich bin mit Ihnen der Ansicht«, fuhr Ravalette fort, »daß die Sätze auf den Tafeln da vor uns beweisen würden, daß sich die menschliche Geschichte in Wirklichkeit noch viel weiter in die Nacht der Zeit erstreckt, als bis zu der Periode, deren Beginn durch Moses bezeichnet wird. Es gibt Denkmäler, die unzweifelhaft beweisen, daß die Menschheit viel älter ist, als man gewöhnlich annimmt, und daß die Kulturen schon in längst vergangenen Jahrhunderten der Erde ihre Segnungen mitgeteilt haben und dann hinweggefegt worden sind und nur vereinzelte Spuren zurückgelassen haben, um die Nachwelt wissen zu lassen, daß sie existiert haben.

Noch mehr! Inmitten der Überreste jener verflossenen Zeiten finden wir solche, die sichtlich auf noch viel weiter entfernte Zeiten und Kulturen zurückgehen – die Trümmer einer Welt, an die sich nur noch die Seraphim erinnern! Einen Beweis für diese Behauptung bieten die Pyramiden, über deren Erbauungszeit und Zweck wir nur Vermutungen anstellen können. Die authentische Geschichte Ägyptens kann auf über 6000 Jahre zurückverfolgt werden, aber schon für jene ferne Epoche waren die Pyramiden ebenso wie heute ein Rätsel.«

Nachdem wir noch eine Weile geplaudert hatten, lud er mich ein, ihn in seine Wohnung zu begleiten und mit ihm zu speisen. »Es ist nur ein kleines Stück Weges«, sagte er, »mein Haus liegt in der Rue Michel le Compte, ganz nahe der großen Rue du Temple, einige Minuten von hier.« Ich nahm seine Einladung an, schob meinen Arm in den seinigen und dann gingen wir zusammen fort. Seine Wohnung war eines jener alten, stattlichen Herrenhäuser, wie sie der Adel in der Zeit Ludwigs des Vierzehnten zu bauen pflegte. Wir traten ein und setzten uns alsbald zu einer reichen, üppigen und gemütlichen Mahlzeit nieder. Die seltensten Weine, die kostbarsten Gerichte schmückten seine Tafel, die aufmerksamsten Diener warteten auf und zum Schluß folgte der beste Kaffee, den ich je getrunken, und der feinste Tabak, den ich je geraucht hatte. Nach dem Essen schlug er vor, einen kleinen Spaziergang zu machen, und bald schlenderten wir Arm in Arm nach der Rue du Temple, von wo wir immer in der gleichen Richtung weitergingen, bis wir die Grenzen der Altstadt erreichten und in eine Vorstadt, Belleville, kamen.

Bevor wir die Straße verließen, hatte ich mir die Lage des Hauses eingeprägt und mir die Nummer auf mein Elfenbeintäfelchen notiert, das ich stets bei mir zu tragen pflege.

Schließlich betraten wir ein Café, wo wir etwas Eiskaffee zu uns nahmen. Dann schlug er mir vor, uns eine Guinguette, d. h. ein Teehaus anzusehen, wie es kürzlich für das gewöhnliche Volk errichtet worden war und wo der Besucher für 10 Sous den vornehmen Mann spielen und seinen Kaffee aus silbernen Tassen schlürfen konnte. Wir sprachen mit dem Besitzer über die Neuheit seines Unternehmens und fragten ihn, ob nicht seine Gäste – die alle den unteren Volksschichten angehörten – eine scharfe Überwachung nötig machten und ob nicht ab und zu einmal einer mit ein paar silbernen Löffeln oder Bechern oder einer vergoldeten Fruchtschale durchginge.

»Nein«, erwiderte der Mann darauf, »ich habe genug vom Leben und von der Menschheit gesehen, um mein scheinbar närrisches, auf jeden Fall aber neues Unternehmen wagen zu können. Mein Lokal wird von Tausenden besucht, mein Betriebskapital ist groß und doch habe ich bei dem kostspieligen Versuch, dem Unbemittelten den Komfort des Reichen zugänglich zu machen, noch nicht 10 Franken verloren.«

Wir konnten die Menschenkenntnis Herrn Popinardes nur bewundern, denn wir fühlten, daß seine Philosophie des Vertrauens, wie er sie nannte, einen reichen Schatz an Wahrheit barg. Dann nahmen wir, immer noch Arm in Arm, unseren Weg in die Umgebung von Belleville, und dort, inmitten der freien Natur, begannen wir über ein Thema von besonderem Interesse zu sprechen. Dieses Thema war »die menschliche Seele und ihre Hilfsmittel«. Ich erinnere mich nur noch an den letzten Teil unseres Disputs. Der alte Edelmann sagte nämlich:

»Dann glauben Sie also wirklich, daß es eine Art natürlicher Magie gibt, die in ihren Ergebnissen viel wunderbarer ist, als Aladins Lampe oder Salomons Glücksring?«

»Ganz gewiß glaube ich das.«

»Wie haben Sie von ihrer Existenz erfahren, und wie stellen Sie es sich vor, Novize zu werden, und sich gewisser beabsichtigter Verbindungen zu bedienen? Vielleicht glauben Sie an Elfen, Feen, Genien und Magier?« fragte er mit unterdrücktem Lachen.

»Ich weiß nicht sicher,« erwiderte ich, »ob es solche Magie gibt, aber ich glaube es. Durch ernstes Streben kann sie gefunden werden. Es gibt Stufen, die zu ihr führen, und wenn wir die erste davon entdeckt haben (die wir, glaube ich, schon im Mesmerismus besitzen), können wir ihr folgen, bis wir den großen Thron erreichen. Ich glaube nicht, daß Elfen, Feen, Genien und Magier nur mythische Wesen sind. Es muß, wie mir scheint, ein Funken Wahrheit in den sagenhaften Erzählungen von ihnen stecken, die das Staunen des Hörers und Lesers wachrufen.«

»Sehr gut. Aber sagen Sie mir, ob solche Wesen dieser Welt oder der Welt der Toten angehören.«

In diesem Augenblick schien es mir, als verlöre ich meine geistige Selbständigkeit und als bemächtige sich eine fremde Macht meiner Seele, die für mich antwortete:

»Sie gehören keiner von beiden an, sondern einer ganz anderen Welt!«

Ravalette sah bei diesen Worten erstaunt drein und, nachdem er mich fast eine Minute lang aufmerksam angeblickt hatte, murmelte er kaum verständlich die Worte: »Es wird so sein! Sie sprechen vom Mesmerismus als der ersten Stufe zur wahren Magie, an die Sie glauben und von der ich weiß, daß sie existiert, und Sie dachten, es könnte davon mit Erfolg Gebrauch gemacht werden, um Kenntnisse zu erwerben, die durch die gewöhnlichen Mittel und Methoden nicht erreichbar sind. Sagen Sie mir, wie? Sicherlich doch nicht durch gewöhnliches Hellsehen, das immer nur vergangene Tatsachen enthüllt und nichts anderes, und daher dem Forscher nur wenig nützen kann? Sie glauben mit mir, daß die gesamte alte Geschichte, wie sie uns überliefert wird, im besten Falle eine bloße Fabel oder ein Gemisch von Mythen darstellt, obwohl vielleicht gewisse Teile einer tatsächlichen Grundlage nicht ganz entbehren, wobei das Wahre tausendfach von Erdichtetem überwuchert wird. Wie wollen Sie da mit Hilfe mesmerischer Kräfte wahr und falsch unterscheiden? Können Sie mir darauf antworten?«

»Glauben Sie mir, mein kluger junger Freund, daß der Mesmerismus – wie man ihn nun einmal nicht ganz richtig nennt – recht gut ist zu dem verschiedenartigsten medizinischen Gebrauch. Er mag auch ein bewundernswertes Mittel für die Kontrolle der geistigen Fähigkeiten eines anderen sein, auch recht gut zum Hervorbringen der Grenzerscheinungen des zweiten Gesichts benützt werden, so daß er schließlich zu einer Leiter wird, auf der man mit Geschick und Ausdauer die geringeren Höhen wahren Hellsehens zu erklimmen befähigt wird, aber trotzdem ist der Mesmerismus das niederste der vielen Mittel, um Einsicht und Überblick über die weiten Meere der Geheimnisse zu gewinnen, die das menschliche Leben und das Bewußtsein überall eingrenzen. Ich gebe zu, daß der Mesmerismus in einigen wenigen Fällen den Beweis erbracht hat, daß er ein königlicher Weg zu mancherlei Kenntnissen ist; wissen Sie aber, daß er sich noch öfter als Irrweg erwiesen hat, der zu Skeptizismus und Zweifel führt? Und daher rate ich Ihnen, allen diesen Wegen zu mißtrauen, und dies umsomehr, als jedes menschliche Wesen, das seine Tierheit überwunden hat, in sich selbst Kräfte und Fähigkeiten besitzt, die, wenn nur für ihre Ausbildung genügend Sorge getragen wird, schließlich für alle Mühe reichlich belohnen. Der aber ist ein Narr, der sich selbst verläßt, mesmerische Behandlung oder Arzneien oder dergleichen anwendet und dadurch unter den Boden der Außenwelt sinkt, ohne die wahre Feuerseele erreichen zu können.«

Ich biß mich auf die Lippe vor Verstimmung und Ärger über solche Tiraden gegen etwas, was meine innerste Seele bis jetzt als lichtbringend verehrt hatte. Und obwohl ich nicht zweifeln konnte, daß Ravalette im vollsten Ernst sprach, konnte ich nicht umhin, auf seinen Lippen ein triumphierendes Lächeln zu bemerken. Dieser Mann ist älter als ich, sagte ich mir, und weiß, wovon er spricht, sonst wäre er nicht so voll sicheren Vertrauens. Er kennt etwas Höheres als den Mesmerismus. Was mochte es wohl sein? Immer strebte ich, ein Problem zu lösen, an dessen Ende das »Warum?« und das »Warum nicht?« alles menschlichen Sehnens liegt – die Frage der bewußten, persönlichen Unsterblichkeit. War vielleicht alles, was ich an mesmeristischen Erscheinungen selbst gesehen und anderen in eigener Person vorgeführt hatte, nichts weiter als ein Produkt von Phantasie und Vermutung? Ich konnte es nicht glauben und doch hatte mein sarkastischer Begleiter dies, wenn nicht behauptet, so doch logisch gefolgert, und offenbar wußte er ebenso viel von den Vorgängen in meinem Geiste, wie ich selbst, und vielleicht sogar noch bedeutend mehr. Ich befand mich in vollständiger Verwirrung.


2. Kapitel
EIN SELTSAMES GESCHEHNIS

Ravalette fuhr fort: »Man kann heute nicht mehr dieselben Wirkungen damit hervorbringen wie vor wenigen Jahren, denn der Mesmerismus ist entartet und stößt alle feinfühligen Menschen ab. Seine Anhänger verlieren unausbleiblich den Verstand – wenn sie überhaupt einen hatten. Die Philosophie, die sie zu finden glauben, ist reiner Anachronismus. Mesmeristen sind Betrüger oder Betrogene, oder beides. Die Sentimentalitäten eines stöhnenden, hysterischen Mädchens, das zur einen Hälfte in Verzückung, zur anderen Hälfte liebeskrank ist – wie das die meisten modernen Hellseherinnen sind – zählen in der Reihe bewiesener Wahrheiten nicht mit und die Rasereien verrückter Somnambulen haben überhaupt nichts zu bedeuten; jene tragen wenigstens noch ein wenig Poesie in sich, diese aber überhaupt nichts. Nein, nein, mein Freund, setzen Sie kein allzu großes Vertrauen darauf, daß der Magnetismus Sie bei Ihren Forschungen unterstützen könnte; Sie werden sonst sicherlich eine Enttäuschung erleben und es dann, wenn es zu spät ist, bedauern, daß Sie aus dem Stall der Natur das schlechteste Tier gewählt haben. Folgen Sie meinem Rate und nehmen Sie ein besseres!«

Als der alte Kavalier seine Philippika gegen den animalischen Magnetismus beendet hatte, der mir so viel bedeutete, schwieg ich etwa eine Minute lang und ließ dabei alle meine Erfahrungen und Kenntnisse auf diesem Gebiete Revue passieren. Das Resultat überraschte mich nicht im geringsten, denn bei ruhigem, leidenschaftslosem Zusehen fand ich, daß seine Behauptungen und Anschauungen unmöglich zu bestreiten und zu entkräften seien. Einst hatte ich diese Wissenschaft für den großen Boten des Lichtes gehalten, durch dessen Hilfe wir mühelos die Vorgänge einer so entfernten Vergangenheit erfahren können, daß die Kohlenlager der Erde im Vergleich dazu Schöpfungen von gestern sind. Und da warf Ravalette mit einem einzigen grausamen Schlag das ganze Gebäude unbarmherzig über den Haufen. Verstimmt schwieg ich eine Weile, während wir auf einer Art natürlicher Esplanade auf den Hängen der Hügel bei Paris auf und ab gingen. Mechanisch trat ich beim Hin- und Hergehen in die vorher gemachten Fußstapfen und ebenso mechanisch bemerkte ich, daß Ravalette das Gleiche tat. Dabei fiel mir, obwohl mein Geist angestrengt auf der Suche nach Argumenten zu seiner Widerlegung war, ein seltsamer Umstand auf: Die Schuhe Ravalettes waren von ganz eigenartigem Schnitt, wie ich dergleichen vorher noch nie gesehen hatte. Im oberen Teile waren sie fast dreieckig. Vorher war dies meiner Aufmerksamkeit entgangen, jetzt erschien es mir plötzlich sehr merkwürdig. Ebenso überraschend aber war der Umstand, daß seine Schuhe statt des gewöhnlichen Absatzes und der Sohle vier kreisförmige Ringe aus Messing hatten, die mit Lappen bedeckt waren; die Spur, die er auf dem weichen nachgiebigen Boden hinterließ, war in der Tat höchst ungewöhnlich. Diese Spur und die Schuhe unterbrachen fast meinen Gedankengang. Ich bemerkte nun auch, daß die Sohle seines Schuhs mit einem Kreuz, zwei Halbmonden, zwei Dreiecken und einer massiven Stange, die einen Teil des Kreuzes bildete, geschmückt war. Ich sah auf – Ravalette lächelte über meine Überraschung.

»Das ist nur eine Laune von mir«, erklärte er. »Ich habe eine besondere Verehrung für diese Figuren, wie Sie leicht sehen können.« Dabei lenkte er meine Aufmerksamkeit auf eine große Spange oder Vorstecknadel an seiner Brust.

Dieses seltene Kleinod, das ich früher zwar gesehen, aber nicht besonders beachtet hatte, bestand aus einem Dreieck, einem Halbmond oder Viertelkreis und einem Zirkel. In der Mitte befand sich ein kleines Kreuz aus winzigen Sternen und am Schnittpunkt der beiden Kreuzbalken war eine blühende Rose, in natürlichen Farben in Email ausgeführt, angebracht. Als ich diese Busennadel mit einem starken Vergrößerungsglas untersuchte, entdeckte ich auf dem Halbmond eine Inschrift in winzig kleinen fremdartigen Buchstaben. Auf der linken Seite des Mondes war ein Pelikan, der seine Jungen mit seinem eigenen Herzblut nährt, in der Mitte eine kleine schwarze Rose und rechts eine dunkelrote.

Die Arbeit war außerordentlich fein, denn das Ganze war nicht größer als ein Golddollar. Er zeigte mir auch ein großes Siegel, das an seiner Uhr hing und auf seiner Oberfläche eine Leiter von zwölf Sprossen zeigte, von denen die erste und die fünfte zerbrochen waren. Der Fuß dieser Leiter stand auf einer zertrümmerten Säule, neben der eine Maurerkelle lag, und ihr oberes Ende lehnte sich gegen den Schaft und den Ring eines Ankers, der auf dem Kopf stand und dessen unterer Teil in einer Wolke verschwand. Nachdem ich das Siegel zur Genüge betrachtet hatte, zog er seine Uhr heraus, die an einer schönen goldenen Taukette befestigt war, und sagte mit einem halben Lächeln: »Ich habe noch mehr von der Art.«

Es war eine gewöhnliche glatte goldene Uhr mit einem Schutzgehäuse, die vielleicht 50 oder 60 Pfund Sterling wert sein mochte. Einen besonderen Wert aber erhielt sie dadurch, daß auf der Innenseite ein stilisierter Anker in Diamanten dargestellt war. Die entgegengesetzte Seite zeigte, in hervorragender Emailarbeit ausgeführt, eine Windrose: drei Sterne glänzten im Westen, ein Grabgewölbe mit halbgeöffnetem Tor stand im Osten, gebrochene Säulen zierten den Süden, und im Norden war ein von kleinen Dreiecken gebildeter Kreis, in dessen Mitte eine Rose auf den Armen eines durch Punkte angedeuteten Kreuzes schwebte. Das Ganze war in derselben Feinarbeit ausgeführt wie das Siegel und die Nadel.

Als ich fragte, was dies bedeute, gab er eine ausweichende Antwort. Er wiederholte seine vorherige Bemerkung und sagte schließlich: »Suchen Sie jetzt nicht zu erfahren, was diese Dinge bedeuten; Sie werden es in den nächsten Tagen wissen. Reden wir von etwas anderem. Sie bemerkten vorhin, daß der Mesmerismus eine spirituelle Kraft sei, aber ich bin nicht ganz überzeugt, daß Sie recht haben. Nach meiner Ansicht ist er eine physische Kraft – er mag ultraphysisch oder ultramateriell sein, aber er ist eben doch physisch.«

»Wie!« rief ich erstaunt, »menschlicher Magnetismus, dieses mächtige Agens, das so gewaltige Wirkungen hervorruft, sollte physischer Natur sein? Unmöglich! Schon der Gedanke ist, verzeihen Sie, absurd; die Behauptung ist geradezu lächerlich!«

»Das dachte auch ich einmal«, sagte Ravalette. »Ich glaube es nicht mehr; und seien Sie überzeugt, die Zeit ist nicht mehr fern, da auch Sie in dieser Frage auf meiner Seite stehen werden. Ich will versuchen, Ihnen die Sache zu erläutern. Nehmen wir zum Beispiel die Schlangen. Wir wissen, daß diese Reptilien auf Vögel und andere Tiere einen Einfluß ausüben, der ganz dem eines Magnetiseurs ähnlich ist, nur mit dem Unterschied, daß die menschlichen Versuchsobjekte nicht den eigenartigen Schrecken zeigen, wie er bei den niedrigeren Arten von Lebewesen in diesem Falle auftritt. Denn das Tier hat einen sicheren Instinkt dafür, daß jene Macht zu seiner Vernichtung ausgeübt wird, wovon die menschliche Versuchsperson natürlich völlig frei ist.

Wir sehen die Schlange dieselbe Kraft ausüben wie den Magnetiseur und wir bemerken bei beiden die gleichen Resultate; und doch wird es keinem Menschen einfallen, auch nur einen Augenblick lang anzunehmen, daß die Schlange ein spirituelles Wesen ist.«

»Ich will nicht sagen«, fuhr er fort, »daß die Seele des Menschen physische Natur ist, aber sein Geist ist es gewiß; – ich habe das vor über 60 Jahren völlig zufriedenstellend bewiesen. Halten Sie mich, ich bitte Sie, nicht etwa für einen Materialisten und behaupten Sie nicht, daß ich die Existenz des Geistes bestreite; das sei fern von mir! Ich glaube nicht nur an einen Geist, sondern sogar an ein großes spirituelles Reich, das viel ausgedehnter, mannigfaltiger und schöner ist als dieses unser materielles Reich; und glauben Sie mir, mein Freund, wenn ich Ihnen versichere, daß unter Zehntausenden nicht einer eine richtige Vorstellung von dem hat, was er meint, wenn er das Wort ›Geist‹ ausspricht, und daß unter der dreifachen Zahl noch nicht einer ihn genau definieren kann. Sodann gestatten Sie mir als ein Vorspiel zu dem, was Ihnen noch zustoßen wird, zu sagen, daß ich, entsprechend der modernen Philosophie und in geradem Gegensatz zur populären Anschauung, der Ansicht bin, daß der Geist im Geiste nicht die Wirkungen hervorrufen kann, wie sie beim mesmerischen und den analogen Phänomenen auftreten, aber ich bezweifle keineswegs, daß die Materie diese Fähigkeit hat. Ja, mein Freund, ich bin der Überzeugung, daß die Materie allein ohne jede äußere Hilfe zur Erzeugung magnetischer Wunder und hundert anderer noch viel wunderbarerer Vorgänge fähig ist. Ich glaube zum Beispiel nicht, daß irgend eine bloß mesmerische Kraft und noch weniger die Träume des gewöhnlichen Schlafes Sie unter irgendwelchen Umständen befähigen können, die Inschriften auf den Tafeln im Louvre zu entziffern oder die Geheimnisse von Karnak, Baalbek, Niniveh oder Ampyloe zu erforschen, aber ich kann Ihnen rein materielle Kräfte nennen, die für die Ausführung dieser Aufgaben und noch viel größerer völlig ausreichen. Ich kenne ein materielles Mittel, das die Seele befähigt, vor ihrem Blick die Geheimnisse des fernsten Altertums bloßzulegen, die Vergangenheit ihrer Hülle zu entkleiden und triumphierend den Schleier zu lüften, der die Zukunft vor unserem Auge verbirgt – oder vielmehr vor Ihrem Auge.«

Der seltsame Alte hielt inne und mein Geist verharrte eine Weile bei seinen letzten Worten. Es war ganz klar, so dachte ich, daß er auf gewisse Medikamente anspielte, die lange Zeit zur Erzeugung einer Art ekstatischen Traumzustandes gebraucht worden sind, und so erwiderte ich:

»Sie haben zweifellos recht und können durch physische Kräfte eigenartige seelische Phänomene und merkwürdige Äußerungen geistiger Tätigkeit erregen, aber ohne allen Zweifel überschätzen Sie ihre Wichtigkeit, denn nicht eine einzige von ihnen ist imstande, einem klaren, starken Geist die Möglichkeit zu gewähren, sich in der Sphäre des Verborgenen aber Wirklichen zu bewegen.«

»Sie haben etwas Besonderes im Auge, mein Freund?«

»Ich habe verschiedene chemische und pflanzliche Verbindungen im Auge, so zum Beispiel jene Pflanzen, die einen großen Prozentsatz Narkotika enthalten, wie Opium, Beng und Hanf, dann die Präparate des wonnebringenden, aber gefährlichen …, die bezaubernden Abkochungen des …, nicht zu vergessen: das Haschisch, dieses verfluchte Mittel, unter dessen Einfluß im Orient Millionen in ein vorzeitiges, aber regenbogenfarbenes Grab sinken, und das in den westlichen Ländern Hunderte zu heulenden Wahnsinnigen gemacht und starke Männer in geifernde Idioten verwandelt hat.«

Wir verfielen in Stillschweigen, bis Ravalette mit Eifer meine Hand ergriff und sagte:

»Mein lieber junger Freund, es gibt hier in Paris eine hohe und edle Gesellschaft, deren Haupt ich bin. Sie zählt viele Rosenkreuzer zu ihren Mitgliedern. Wie die Vereinigung, zu der Sie gehören, hat auch die unserige ihr Hauptquartier im Orient. Seit ich Sie gesehen habe, hatte ich den sehnlichen Wunsch, Sie als Bruder in unserem Orden zu wissen. Soll ich Ihre Aufnahme ins Werk setzen? Sind Sie erst einmal bei uns, so ist Ihnen kein Zweig des Wissens, des Mystischen und irgend eines anderen mehr verschlossen, und im Vergleich dazu nehmen sich selbst die Geheimnisse des dritten Tempels des Rosenkreuzes wie das Alphabet einer Enzyklopädie aus.«

Er redete mir noch weiter zu, aber ich hatte keine Sehnsucht, in seine Brüderschaft einzutreten, und erklärte ihm dies auch höflich, aber bestimmt. Daraufhin brach er unsere Unterredung ab, indem er sich erhob, wobei er noch bemerkte:

»Sie werden es bereuen, ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Die Gesellschaft existiert; wenn Sie sie brauchen, dann finden Sie sie; sie kann gefunden werden. Aber sehen Sie: Mein Reitknecht wartet schon lange mit dem Pferd; ich muß Sie jetzt verlassen. Nehmen Sie dieses Papier, öffnen Sie es, wenn es nötig ist. Sie werden Paris morgen oder in den nächsten Tagen oder wann immer Sie wollen, verlassen. Wenden Sie Ihr Antlitz nach Süden, nicht nach Norden, wie Sie vor hatten. Suchen Sie mich nicht, außer in der Stunde der höchsten Not. Inzwischen rate ich Ihnen, gehorchen Sie Ihrer höchsten Einsicht bis auf den Buchstaben! Leben Sie wohl!«

Und so trennten wir uns. Ich schätzte Ravalette hoch, aber nicht seine Brüderschaft. Die Unterhaltung, wie überhaupt das ganze Zusammensein mit ihm, war von einer eigentümlichen, zauberhaften Atmosphäre umgeben. Es war ersichtlich, daß alle seine Worte und Anspielungen einen tieferen Sinn hatten, als es zunächst schien. Seine Ausführungen hatten meine Seele mit neuen seltsamen Ideen und Erregungen erfüllt, und ich fühlte, daß er mich an dem inneren Tor eines großen Gebäudes hatte stehen lassen, nachdem er mich geschickt durch den Vorhof geführt. Was für Welten der Geheimnisse, welch tiefe und dunkle Vermutungen lagen noch dahinter verborgen? Ich empfand und wußte, daß er kein gewöhnlicher Mensch sei, und dies wurde mir später auf merkwürdige Weise bewiesen.

Da ich meine geplante Reise durch die Pikardie und die Normandie verschoben hatte, hatte ich mich mit der Hoffnung getröstet, ich könnte engere Bande der Sympathie zwischen uns knüpfen, und durch die Berührung mit einem so bedeutenden Intellekt wie dem seinigen an Weisheit zunehmen. Wie gewaltsam und plötzlich war diese Hoffnung jetzt zunichte gemacht!

Als er mich Knall und Fall verließ, nachdem er meine Seele mit einem so prächtigen Köder angelockt hatte, war ich erstaunt und bekümmert. Ein Tag in seiner Gesellschaft wäre mir ein Vermögen wert gewesen, aber leider konnte diese Gunst des Schicksals nicht einmal mit Tausenden erkauft werden.

Seine letzten Worte waren das Grabgeläute meiner Hoffnungen. Jetzt wurde ich auch einer Tatsache gewahr, die mir bisher entgangen war, nämlich, daß ein berittener Stallknecht mit einem Handpferd unter einem großen Baum am südöstlichen Ende unserer Promenade geduldig gewartet hatte. Als mir der Alte das versiegelte Papier in die Hand drückte, näherte sich der Knecht und half seinem Herrn beim Aufsteigen. Sobald die beiden im Sattel saßen, gaben sie den Tieren die Sporen und jagten in gestrecktem Galopp davon, und bevor ich mich von meiner Bestürzung erholt hatte, waren sie außer Sehweite.


3. Kapitel
DAS GEHEIMNIS – EIN HERR STEIGT IN EINE DROSCHKE, UM SEINEN EIGENEN GEIST ZU SUCHEN

Es mochten wohl drei Minuten verflossen sein, als ich wieder völlig zu mir kam. Ich faßte den Entschluß, mich nicht in dieser, wenn auch ritterlichen Weise äffen zu lassen, sondern noch eine Zusammenkunft zu erzwingen, komme was da wolle. Mit dieser Absicht rannte ich den Hang des Hügels entlang und dann durch die Hauptstraße von Belleville, bis ich den Schlagbaum an der Straße erreichte, die in die Rue Faubourg du Temple führt. Dort rief ich eine Droschke an und befahl dem Kutscher, mich so schnell wie möglich nach der Rue Michel de Compte zu fahren, wo ich vor wenigen Stunden mit Ravalette gespeist hatte.

Während ich mit dem Kutscher sprach, ereignete sich etwas Seltsames. An jenem Schlagbaum stand eine Schar von Müßiggängern herum und in ihrer Mitte bemerkte ich eine Bonne, die drei hübsche Kinder beaufsichtigte, von denen eines, ein Knabe von sieben Jahren, ein ungewöhnliches Interesse für mich an den Tag legte. Dieses Kind nun lief, als es mich sah, zu der Bonne und sagte: »Fanchette, was hat der Mann da? Ist er krank? Warum schaut er so seltsam drein?«

»Still, Kind,« sagte die Bonne darauf, »dieser Herr sucht etwas, was er nicht finden kann.«

»Was sucht er denn, Fanchette?«

»Er sucht seinen eigenen Geist, mein Kind!« erwiderte sie laut, da sich die Kinder um sie drängten, um ihre Antwort zu hören.

»Ma foi!« echoten die Gaffer, als sie ihre Worte vernahmen – ob sie im Ernst oder im Scherz gesprochen waren, kann ich nicht sagen –, »ma foi! der Herr nimmt eine Droschke, um auf die Suche nach seinem eigenen Geist zu gehen!«

Gerade als diese Worte von hundert Zungen wiederholt wurden, setzte sich mein Wagen in Bewegung.

»Was zum Teufel bedeutet das?« fragte ich mich, »was bedeutet das? Wie kommt die Bonne zu diesem seltsamen Gedanken?« Während ich noch darüber nachgrübelte, hielt die Droschke vor dem verlangten Hause. Ich stieg sogleich aus, bezahlte den Kutscher und läutete hastig. Der Concierge erschien alsbald und um so schneller, als ich etwas ungestüm geläutet hatte.

»Ist Ihr Herr zu Hause, mein Freund?«

»Gewiß, er ist heute noch nicht fort gewesen.«

»Wie! Nicht fortgewesen, wo er mich doch erst vor dreißig Minuten verlassen hat? Unmöglich! Monsieur Ravalette muß fortgewesen sein!«

»Wer ist Monsieur Ravalette? Ich kenne niemand dieses Namens. Mein Herr ist Monsieur Jacques d'Emprat.«

Hier war ein neues Geheimnis.

»Melden Sie mich, bitte, Ihrem Herrn!«

»Sofort, mein Herr. Jeanette, geh hinauf und sage dem gnädigen Herrn, daß ihn jemand zu sprechen wünscht.«

Jeanette, ein kleines Mädchen von zwölf Jahren, eilte, den Befehl auszuführen, nach wenigen Minuten erschien der Herr des Hauses selbst, und ich stellte mit Überraschung fest, daß der schürzengeschmückte Kellermeister, der uns bei unserem Diner bedient hatte, und der Hausherr ein und dieselbe Person waren. Ich erfuhr, daß Ravalette, der dem Wirt im übrigen vollkommen unbekannt war, vor zwei Tagen zu ihm gekommen sei, um ein opulentes Diner für zwei Personen zu bestellen – der Hausbesitzer war nämlich von Beruf Gastwirt. Ravalette hatte die Rechnung im voraus beglichen und ihm eine seltsam gearbeitete kleine Silbermünze als Andenken verehrt. Er zeigte mir die Medaille und ich sah mit Erstaunen, daß es eine getreue, etwas vergrößerte Kopie derjenigen war, die ich am selben Tage in Belleville an seinem Halstuch bemerkt hatte. Auf die Frage, wann er Ravalette zuletzt gesehen habe, antwortete er: »Ich weiß nicht, wo er ist, auch nicht, wann ich ihn wiedersehen werde – ich weiß überhaupt gar nichts. Er ist mit Ihnen fortgegangen und seitdem nicht zurückgekehrt. Er ist ein rätselhafter Mensch und hätte ich nicht diese Medaille hier und 310 Goldfranken in der Tasche, so wäre ich fast geneigt zu glauben, daß er der Teufel in eigener Person war. Aber der Teufel zahlt niemals mit Gold, wie die sagen, die es wissen müssen, und Ravalette hat mich unzweifelhaft in funkelnagelneuer Münze bezahlt, die ich, weil sie so schön aussah, in meine lange Lederbörse einband, um sie meiner Tochter, die auf der Schule in Dijon ist, zum Geburtstag zu schenken. Sehen Sie her!«

Dabei zog er eine abscheuliche Lederbörse hervor, die an einem Ende mit Bindfaden sorgfältig verschnürt und mit rotem Siegellack versiegelt war.

»Ich kann Ihnen das Geld nicht zeigen, weil ich das Siegel nicht verletzen möchte, aber Hören ist ja ebenso gut wie Sehen und Sie sollen es gleich klirren hören.«

Dabei schlug er mit der Börse ein paarmal an die Wand, aber statt des fröhlichen Goldgeklimpers vernahmen wir nur den dumpfen Klang unedlen Metalls. Der Wirt wechselte die Farbe, zog hastig sein Messer, durchschnitt die Schnur und schüttete den Inhalt des Beutels in seine hohle Hand.

Wir waren starr: statt des Goldes hielt er einen Haufen bleierner Scheiben in der Hand! Auf jedem stand eine Nummer und ein Buchstabe und eines trug auf der Rückseite die Inschrift: »Ordnet die Münzen nach der Reihenfolge der Nummern.« Wir taten es und sahen nun, daß die Buchstaben Wörter und diese einen Satz bildeten, der lautete: »Es ist nicht alles Gold, was glänzt.«

Mir gerann das Blut in den Adern. Ich konnte kaum ein Wort sprechen oder mich bewegen, so groß war meine Bestürzung; unbeschreiblich war das Entsetzen des Hausherrn, der mit offenem Munde und mit herausquellenden Augen auf die Münzen starrte. Und während wir beide noch hinsahen, ging mit den Münzen eine neue Schrecken erregende Veränderung vor: die Buchstaben nahmen zunächst eine hellblaue Färbung an, die dann in ein dunkles Karmesin und schließlich in Blutrot überging. Gleichzeitig aber hatten sich auch die Buchstaben selbst verwandelt und wir lasen jetzt:

»Denken Sie an Ravalette! Fürchten Sie nichts!«

Mit einem Entsetzensschrei schleuderte der Wirt die verhexten Münzen auf den Boden und fiel sogleich in eine todesähnliche Ohnmacht. Allgemeine Verwirrung entstand, der Portier, Jeanette und ein halbes Dutzend anderer Dienstboten stürzten herbei, um ihrem Herrn zu helfen.

Wir trugen ihn sorgsam und vorsichtig hinauf, begannen sofort Wiederbelebungsversuche anzustellen, und nach einer halben Stunde erwachte er wieder zum Leben. Diesen Moment benützte ich, um ihm Lebewohl zu sagen und mit dem Versprechen, am andern Morgen wieder zu kommen – wenn ich nicht überhaupt Paris verließe –, ging ich fort.

Vorher jedoch wollte ich noch die wunderbaren Münzen an mich nehmen und ich ging daher mit dem Hausmeister, der gesehen hatte, wie sein Herr sie weggeworfen, in den Hof hinunter. Wir suchten lange und fanden wohl die Eindrücke, die sie auf dem Boden zurückgelassen hatten, aber von den Münzen selbst keine Spur. Niemand im Hause konnte sie aufgehoben haben, denn alle waren um den Wirt beschäftigt gewesen; niemand hatte in der Zwischenzeit hereinkommen können, denn das Tor war verriegelt und seit ich eingetreten, nicht mehr geöffnet worden.

Schließlich gaben wir die Hoffnung auf, noch etwas zu finden. Ich sah den Portier an und schüttelte den Kopf, und er sah mich an und schüttelte den Kopf. In diesem Augenblick hörten wir eine Stimme, weiß Gott woher (sie schien weder von oben, noch von unten zu kommen), eine hohle, halb pathetische und halb sarkastische Stimme, die unsere eigenen Gedanken aussprach: »Es ist eine sehr seltsame Sache!« Der erschrockene Hausmeister bekreuzte sich, während ich das Tor entriegelte und auf die Straße hinausstürzte.

Die Sache war von so zauberhafter Art, daß ich meinen Sinnen nicht mehr traute, aber wenn ich mir alle Umstände von Anfang bis zum Ende überlegte, konnte ich an der Wahrheit des Erlebten schlechterdings nicht zweifeln.

Doch während ich, die Rue Michel de Compte verlassend, in die Rue du Temple einbog und langsam dahinschritt, kam mir plötzlich ein anderer Gedanke: Vielleicht hatten Ravalette und die Leute in jenem Hause mir nur eine ganz raffiniert angelegte und sehr geschickt durchgeführte Komödie vorgespielt? Aber wie ließen sich dann die kaleidoskopischen Veränderungen der Münzen erklären? Hier lag doch noch ein Widerspruch.

»Ich hab's!« rief ich schließlich. »Das Problem ist gelöst und ich habe es gefunden!« Ganz spontan war mir eine Lösung eingefallen, die vielleicht sogar das Münzenrätsel befriedigend erklärte, und was mir vor zehn Minuten noch als ein tiefes und schreckliches Mysterium erschienen, lag jetzt anscheinend so klar wie die Mittagssonne. Meine Gedankengänge waren diese: Ravalette war ein reicher, exzentrischer Kavalier, der meine natürliche Neigung für die Antike und das Okkulte bemerkt und daraufhin beschlossen hatte, sich und seine Freunde auf meine Kosten zu amüsieren; oder aber er bemitleidete mich wegen meiner gefährlichen Verblendung und hatte dieses ziemlich kostspielige Experiment angestellt, um mich dadurch von ihr zu befreien. Die Leute im Hause, ebenso wie die am Schlagbaum, bildeten die Statisten in dem Schauspiel. Er war ein gescheiter Mann und wußte, daß er mich nicht so einfach würde hinters Licht führen können, und darum rief er die Wunder der Chemie und Bauchrednerei zu Hilfe – mit dieser letzteren erklärte ich mir nämlich jene überirdische Stimme, mit der ersteren die Verwandlung der Münzen: sie waren wohl mit einer Substanz überzogen gewesen, die sich bei der Berührung mit der freien Luft veränderte. Das Erscheinen der letzten Worte war für den Wirt das Zeichen sie wegzuwerfen und eine Ohnmacht zu heucheln. Die entstandene Verwirrung konnte dann dazu benutzt werden, die Münzen zu beseitigen. Der Satz endlich: »Es ist eine sehr seltsame Geschichte« war unter diesen Umständen ganz natürlich und mußte so notwendigerweise genau meinen Gedanken wiedergeben und der ganzen Szene noch einen besonders geheimnisvollen Reiz verleihen.

Ich war stolz auf meine Erklärung und sie hätte alle Fragen dieses Problems wunderbar gelöst, wenn nicht ein einziger kleiner Einwand gewesen wäre, und der war – daß sie eben nicht stimmte – was vielleicht recht trivial erscheint, aber wir werden gleich genaueres vernehmen.

Ich war von meinen Schlußfolgerungen schon halb zufriedengestellt und nachdem der erste Freudenausbruch über meine Entdeckung vorüber war, überlegte ich weiter. Mochte meine Lösung richtig oder falsch sein, auf jeden Fall wollte ich nach Belleville zurückkehren und dort Nachforschungen anstellen. Ein Omnibus brachte mich an den Schlagbaum, wo ich zu meiner großen Freude genau dieselben Leute fand, die beim ersten Male dort gewesen waren. Die Bonne und die Kinder sahen soeben den Vorführungen eines Marionettentheaters zu. Glücklicherweise waren alle – im ganzen etwa dreihundert Personen – von den Späßen Polichinells und seines keifenden Weibes so gefangen, daß keiner mich bemerkte. Ich ging daher in ein Café in der Nähe, verlangte eine Tasse Kaffee und schickte einen der Kellner fort, um das Mädchen mit den drei Kindern zu holen. Ich bestellte für sie und die Kinder Kaffee und Kuchen und fragte sie, was sie zu so merkwürdigen Redensarten über mich veranlaßt habe.

»Ach mein Herr,« sagte sie, »ich habe nur die Worte wiederholt, die ein alter Mann gesprochen hatte, der an der entgegengesetzten Seite des Wagens stand, wo Sie ihn nicht sehen konnten. Ich ging gerade von dort nach der anderen Seite herüber, als Sie mich sahen und hörten. Als Sie die Straße herunterliefen, sah jeder, daß Sie in Eile waren, und mehrere Leute stellten Vermutungen über den Grund Ihrer Hast an. Einer sagte: ›Der Mann ist verrückt‹, ein anderer: ›Seine Frau ist mit einem Liebhaber durchgegangen‹; und der Alte neben mir sagte: ›Er sucht etwas, was er sobald nicht finden wird.‹ ›Und was ist das, mein Herr?‹ fragte ich ihn. ›Er ist auf der Suche nach – ähem, er sucht – seinen eigenen Geist, meine Liebe!‹ sagte er und ging fort. Die Bemerkung war so seltsam, daß ich die ganze Zeit, während ich über die Straße ging, daran dachte – und das ist für uns Kindermädchen eine sehr lange Zeit, mein lieber Herr – und als Auburt – das war eines der Kinder – mich fragte, was Ihnen fehle, wiederholte ich unwillkürlich die Worte des Alten – so und – noch eine Tasse Kaffee, bitte – und das war alles!«

Ich atmete auf. »Aber sagen Sie mir, meine Liebe, was für eine Art Mensch war dieser alte Kerl? Beschreiben Sie ihn mir einmal!« »Mit Vergnügen – Kellner: noch einen Kuchen, der Herr wird ihn bezahlen – mit Vergnügen«, und sie beschrieb ihn mir; es war zweifellos – Ravalette. Ich wußte jetzt genug, gab es auf, noch weitere Fragen zu stellen, zahlte und eilte so schnell wie möglich nach den Blumengärten, die Ravalette und ich zusammen besucht hatten. Ich betrat den betreffenden Garten und fragte den Gärtner, ob er den alten Mann gesehen habe, der in meiner Begleitung erst vor kurzem hier gewesen sei.

»Ein alter Mann? Sonderbar, wie können Sie so etwas sagen. Ich erinnere mich ganz deutlich, Sie waren da in Begleitung eines etwa 17 jährigen Knaben – den hab ich seither nicht mehr gesehen.«

»Oho, mein Freund,« rief ich, »ich weiß genau, daß mein Gefährte kein Jüngling, sondern ein Mann von gut 70 Jahren war.«

»Sacre bleu! Glauben Sie, daß ich lüge! Sagen Sie was Sie wollen, aber ich will verflucht sein, wenn er sein zweites Jahrzehnt schon überschritten hatte. Doch ich will Ihnen einen Vorschlag machen: Ich wette eine Flasche Chateau Lafitte, 42 Jahre alt, daß Ihr Begleiter ein kleiner, magerer, blasser Knabe von nicht mehr als fünfzehn Jahren war! Halten Sie die Wette?«

»Ja, und noch vierzig andere von der gleichen Art. Aber wer wird unser Schiedsrichter sein und die Wette entscheiden?«

»Lassen Sie die Zeugen, meine Gehilfen, meine Frau und meine Töchter entscheiden. Ich stehe Ihnen gut dafür, daß sie wegen einer Flasche Wein nicht lügen werden. Sind Sie einverstanden?«

»Ja, rufen Sie sie her, ich will ihnen vertrauen.«

»Das können Sie auch, es sind lauter anständige Leute. Meine Frau hat Sie eingelassen, ich habe Ihnen einen Strauß verkauft, einer meiner Leute ging mit Ihnen durch den Garten und der andere holte das Wechselgeld, um Ihnen auf das Fünf-Francs-Stück heraus zu geben, mit dem Sie mich bezahlt haben.« Hier erhob er seine Stimme und rief: »Kommt alle her! Ich habe mit dem Herrn gewettet und ihr sollt die Wette entscheiden.«

Die drei kamen sofort und der Gärtner sagte zu mir: »Jetzt, Herr, wollen wir beide an das andere Ende des Gartens gehen und dort will ich Ihnen den Mann genau beschreiben, der heute nachmittag mit Ihnen hier war. Dann wollen wir die Zeugen einzeln rufen, so daß keiner hört, was der andere sagt, und genau das berichtet, was er selbst gesehen zu haben glaubt.«

Dieser Vorschlag war durchaus unparteiisch und ich stimmte zu. Die beiden Männer wurden dann an zwei entgegengesetzte Seiten des Gartens geschickt, die Frau mußte sich zwischen ihnen an der dritten Seite aufstellen, während wir beide uns nach der vierten und freien Seite begaben. Hier begann der Gärtner zu sprechen:

»Ihr Freund sah genau so aus wie ich ihn beschrieben habe, und ich füge hinzu, daß er polnische Lederschuhe trug und einen Panama- oder Livornohut auf dem Kopf. Außerdem trug er einen leichten Rohrstock, helle Baumwollhosen, einen weiten Überrock und eine weiße Kaschmirweste. Merken Sie sich das, bitte. Und nun komm her, Josef«, rief er etwas lauter. Josef kam. »Sei so gut und beschreibe die Person, die heute mit diesem Herrn hier war.«

»Mit Vergnügen, Meister. Der Neger, der mit diesem Herrn kam, war sehr fett und schwer, hatte große, auswärts gebogene Füße, ungeheure Hände, ein breites flaches Gesicht, eine Nase, die wohl ein Pfund schwer war, und Lippen von mindestens dem doppelten Gewicht. Sein Haar war wollig und die Zähne glänzend weiß und regelmäßig. Er trug niedrige Schuhe, eine grüne Mütze, Kniehosen, eine rote Weste und eine purpurfarbene Jacke.«

Wir beide, der Gärtner und ich, sahen uns mit grenzenloser Verblüffung an. Josef war es gewesen, der uns im Garten herumgeführt hatte. Wir waren die einzigen Besucher an dem Tage gewesen!

»Zum Teufel, Josef, du bist wohl verrückt! Der Mann war doch –«

»Halt ein,« unterbrach ich ihn, »denken Sie an die Bedingungen unserer Wette und sprechen Sie kein Wort, bis sie alle ihre Aussagen gemacht haben.« Dann wandte ich mich an den Burschen: »Geh wieder in deine Ecke«, und rief sodann Peter, der sogleich kam. Wir forderten ihn auf, eine genaue Beschreibung meines Begleiters zu geben und er sagte:

»Ach, Sie meinen die alte Dame. Meiner Seel'! Ich muß jetzt noch darüber lachen – verzeihen Sie, aber ich kann mir nicht helfen – ich muß lachen, wenn ich bloß an sie denke. Was das für eine verrückte alte Schachtel war! Dieses zusammengequetschte Gesicht, und die Nase erst und das Kinn! Sie hatte eine täuschende Ähnlichkeit mit einem Nußknacker. Ich hielt sie für die Großmutter Methusalems, oder für eine Schwester von Adams erster Frau.« Dabei brach er in ein herzliches Lachen aus und fuhr dann fort: »Und ihre Kleidung! Keine Spur von Tuch daran, alles aus grünem und blauem Maroquinleder! Und dann ihre zierlichen Schuhe, wie aus Schmetterlingsflügeln gemacht sahen sie aus; und ihr Kopfputz – verwelkte Blumen und zwei Büschel von verschossenen Bändern!« Und bei diesen Worten kehrte er wieder an seinen Platz zurück und lachte, als wollte er zerspringen.

Der Gärtner sah noch um einige Grade verblüffter drein; was für ein Gesicht ich machte, kann ich nicht sagen, aber was ich fühlte, kann kein Sterblicher beschreiben. Wir schwiegen jedoch beide und gingen zu der Frau des Gärtners, die geduldig gewartet hatte und sich wunderte, warum Peter so laut lachte.

»Meine liebe Frau,« sagte ihr Gatte, »willst du uns vielleicht die Person beschreiben, die du selbst heute mit diesem Herrn hier eingelassen hast? Ich glaube fast, daß der Teufel selbst hier die Hand im Spiele hat, denn bis jetzt hat jeder eine andere Beschreibung gegeben. Du aber, meine Liebe, du wirst uns sicher die Person richtig beschreiben können, nicht wahr?«

»Ja, mein Lieber, das süße Kind, das heute mit diesem Herrn hierher kam und das mit mir in mein Privatgemach ging, damit ich ihr Haar in Ordnung bringen und an ihren Unterröcken etwas richten sollte, war eine so schöne, junge Blondine von etwa 18 Jahren, wie sie nur je das Herz eines Mannes stärker schlagen ließ. Diese Fesseln, diese Füßchen, dieser rosige Hauch auf ihren Lippen und Wangen! Oh! Und die Figur, die Hüften, die Taille! Herrgott! Ein Glück nur, daß ich kein Mann bin, sonst wäre ich meiner Treu verrückt geworden und durchgegangen und hätte den Herrn seinen Verlust betrauern lassen, während ich mit seiner Braut die Freuden der Liebe genossen hätte. Außerdem –«

»Halt, halt, um Gottes willen, halt, Ninette! Ich habe eine Flasche Jean Lafitte – über 40 Jahre alt! – verloren und meinen Verstand dazu!«

Wir waren bei den letzten Worten alle zusammengetreten und ich erklärte den anderen die ganze Sache, was dem Peter die Heiterkeit und der Gärtnerin alle Poesie gründlich vertrieb.

Ich hatte Wette und Wein vergessen, verließ die Gesellschaft in unbeschreiblichem Schrecken und eilte in größter Hast nach der Guinguette, wo wir uns beide, Ravalette und ich, wie ich erzählt habe, mit dem Besitzer über sein neuartiges Unternehmen unterhalten hatten.

Als ich angekommen war, stellte ich ihm die nämliche Frage wie dem Gärtner. Seine Antwort machte mich sprachlos, denn er behauptete hartnäckig, ich sei ganz allein bei ihm gewesen; allerdings hätte ich mit ihm in zwei ganz verschiedenen Stimmen gesprochen und er habe daher geglaubt, ich übte mich in der Bauchrednerei, was er dann geschickt dazu benützt habe, mir einige Schmeicheleien über meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet zu sagen; denn er hätte natürlich geglaubt, ich sei nur deswegen zurückgekehrt, um mich nach dem Erfolg meines Experiments zu erkundigen.

Ich war zu entsetzt, als daß ich ein Wort hätte sprechen können, verabschiedete mich stammelnd und ging in einer unbeschreiblichen Stimmung fort.

Noch nicht zufrieden damit, erkundigte ich mich, ob jemand zwei Reiter nach meiner besonderen Beschreibung durch die Straßen von Belleville habe reiten sehen.

Niemand hatte sie bemerkt, überhaupt war an jenem Nachmittag dort kein Reiter gesehen worden.

»Ich will seine Spur verfolgen,« rief ich, »denn der Ort, an dem wir spazieren gingen, und wo der Groom mit den Pferden wartete, war ein weicher Rasen. Da muß es sich ja zeigen, ob ich mit einem Lebenden oder einem Toten gesprochen habe.«

Ich rannte hin. Keine Spur von einem Pferdehuf! Keine Spur von Ravalettes seltsamen Schuhen! Meine eigenen Fußstapfen waren deutlich zu sehen, aber von denen Ravalettes – nichts. Das Geheimnis wurde immer dunkler, und ich sah auch nicht den geringsten Schimmer einer Erklärung.

Langsam und in Verzweiflung wandte ich meine Schritte wieder nach Paris und fragte dabei unterwegs noch verschiedene Leute, ob sie zwei Männer in der Richtung nach Charonne Vilette oder Mesnilmontant hätten reiten oder einen Schlagbaum passieren sehen. Ich hätte gar nicht erst zu fragen brauchen!

Aber noch war dieses Kapitel teuflischer Zauberei nicht abgeschlossen; denn die nunmehr folgenden Ereignisse stellten alles Vorhergehende weit in den Schatten.


4. Kapitel
EIN MORD

Sie werden sich erinnern, daß ich mich nach meinen fruchtlosen Nachforschungen nach den beiden Reitern und nach den ebenso fruchtlosen Versuchen, die Fußspuren Ravalettes zu finden, wieder auf den Weg nach Paris machte. Ich ging langsam und war in tiefes Sinnen versunken. Als ich die Rue Faubourg du Temple hinunterschritt, verkündete eine entfernte Glocke die vierte Stunde. Mir fiel ein, daß mich einer meiner Pariser Freunde, Baron de Marc, vor acht Tagen schon für heute halb sieben Uhr abends zu einer spiritistischen Séance geladen hatte. Aber da ich noch mehr als zwei Stunden Zeit hatte, beschloß ich, bei d'Emprat vorzusprechen, um zu hören, was während meiner Abwesenheit vorgefallen war.

Ich hatte die Rue Michel le Compte bald erreicht und sah zu meiner Überraschung, daß sich vor dem Haustor eine große Menge staute.

Mit klopfendem Herzen und einem vagen Gefühl von Unruhe und Furcht näherte ich mich einem intelligent aussehenden Mann und fragte ihn mit erheuchelter Gleichgültigkeit nach der Ursache dieser Menschenansammlung.

»Denken Sie sich, mein Herr,« sagte er, »der Teufel und fünf seiner Kobolde sind soeben in diesem Hause gewesen und haben drei oder vier von den Inwohnern in einer bläulichen Flamme durch das Dach entführt. Das ist wahr, meiner Seel'!«

Mir schien diese Antwort nur eine Ausgeburt des Aberglaubens und ich dachte mir, daß seine Dummheit sein Aussehen Lügen strafe. Ich zog nun ein Blatt Papier und einen Bleistift aus der Tasche und zeigte sie recht auffällig vor den Augen der Menge, um so die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

Meine List hatte Erfolg: die Leute hielten mich für einen Reporter und machten mir den Weg frei, so daß ich bald ohne besondere Schwierigkeiten in das Innere des Gebäudes gelangte. Dort erfuhr ich, daß der arme D'Emprat nach jener ersten Ohnmacht in eine zweite gefallen sei, die von den fürchterlichsten Krämpfen begleitet gewesen, wobei er, Schaum auf den blutleeren Lippen, in einemfort geschrien habe: »O, der Teufel! der Teufel ist gekommen, um meine Seele zu holen, weil ich Baptiste Lemoine vor 37 Jahren getötet habe! Mein Gott! Mein Gott! Er will mich zur Hölle schleppen!«

Seine Frau versuchte alles mögliche, um diese gefährlichen Ausrufe zu ersticken, aber vergebens. Sein Geschrei ging in Geheul über, bis schließlich die Polizei aufmerksam wurde und in das Haus eindrang.

Die Nachricht breitete sich wie ein Lauffeuer aus und die Fragen der Polizisten sowie die Bemühungen des Hausmeisters, der schleunigst überall die Ereignisse des Nachmittags erzählte, trugen noch dazu bei, die Aufregung zu erhöhen. Der Hausmeister nahm schließlich zwei Polizeioffiziere beiseite und sagte ihnen leise etwas, worauf sie, von heftigem Schrecken ergriffen, zurückfuhren und sich bekreuzigten. Sie befahlen ihm, keinem Menschen ein Wort von der Sache zu sagen. Dann gingen sie wieder in das Zimmer, wo D'Emprat im wildesten Delirium lag und sich noch immer eines vor langer Zeit begangenen Mordes bezichtigte. Er schrie, der Teufel stehe neben ihm und hielte einen Dreizack in der Hand. Während dieser schrecklichen Szene tat Frau D'Emprat was sie nur konnte, um ihren Gatten zu beruhigen, doch umsonst. Die Geister böser Taten waren erwacht und rächende Engel peitschten seine Seele zum Wahnsinn auf.

»Sei still,« schrie sie, »um Jesus willen, sei still! Du wirst unter der Guillotine sterben! O, sei still! Oder wenn du schon sprechen mußt, dann sage etwas anderes!«

Einer der Offiziere schrieb jedes Wort, daß der Mann oder die Frau äußerte, unbeobachtet nieder. Er benützte dabei mein Papier und meinen Bleistift und schrieb auf dem Rücken eines Kameraden.

Gottes Wege sind wunderbar; und ich dankte ihm innerlich, als es mir offenbar wurde, daß die Leute im Hause nicht, wie ich vermutet, mit Ravalette im Einverständnis gewesen waren, und daß der geheimnisvolle Vollstrecker der göttlichen Vergeltung nicht von höllischer Herkunft war, mochte er sonst sein, was er wollte. Ein Stein fiel mir vom Herzen – doch die Erleichterung hielt nicht vor – bald sollte es von neuem in Ratlosigkeit und Zweifel gestürzt werden.

»Du hast ihn nicht getötet, D'Emprat. So sage auch nicht, daß du es getan hast« rief das Weib in höchster Verzweiflung.

»Das ist eine Lüge! Ich habe es getan!« schrie der Unglückliche. »Ich habe ihn im Keller mit dem Beil erschlagen und ihn im Stall unter dem Stand des Grauschimmels verscharrt.«

»Barmherziger Gott! Wir sind verloren!« jammerte die Frau, die jetzt selbst schon halb wahnsinnig war, »schon immer habe ich mir gedacht, daß du meinen Bruder ermordet hast, aber ich habe es bis jetzt nicht geglaubt. Und ich glaube es auch jetzt noch nicht.«

Der Hausmeister trat vor:

»Ich kann es beweisen,« sagte er, »ich erinnere mich wohl des blutigen Beils, auch hat mich der Herr nie den Grauschimmelstand reinigen lassen und ich habe ihn beobachtet, wie er in dem Boden nach Gold grub und sich im Schlafe selbst anklagte.«

»Dann verhafte ich Sie, D'Emprat, und Sie, Madame, im Namen des Gesetzes; Sie, Hausmeister, gehen als Zeuge mit. Leute, tut eure Pflicht, nehmt die Arrestanten mit und säubert das Haus!« sagte der Sergeant.

Fünf Minuten später waren die Unglücklichen bereits unterwegs nach dem Gefängnisse, während ich in mein Hotel ging, um mich – sogar unter solchen Umständen – für die Soiree bei dem Baron umzukleiden, freilich in einer Geistesverfassung, die mich wenig befähigte, Zuschauer bei psychologischen Experimenten zu sein. Doch ich hatte nun einmal mein Wort gegeben und mußte hingehen. Und ich ging hin. – Schlag 6 Uhr stand ich im Empfangszimmer des Barons.


5. Kapitel
DIE SITZUNG BEIM BARON – EINE GANZ SCHEUSSLICHE TEUFELEI

Als ich ankam, war die erwähnte Gesellschaft im Salon versammelt und wartete mit fast ängstlicher Spannung auf das Erscheinen des Mannes, der uns heute unterhalten und belehren sollte. Zunächst schien es, als stehe uns eine Enttäuschung bevor. Er hatte versprochen, vor halb 8 Uhr zu kommen, diese Zeit war vorbei und er noch nicht da. Als es aber auf der Uhr der Eustachiuskirche Halb schlug, verkündete die Hausglocke seine Ankunft.

Er war von großer, anmutiger Figur und sichtlich von Geburt ein Ire, hatte aber sonst nichts Auffälliges an sich. Er weigerte sich zunächst, uns seinen Namen zu nennen: »Wenn ich unbekannt bleibe, werde ich nicht als Wundertier angestaunt, das heißt mit anderen Worten, nicht von Leuten, die ihre krankhaft zudringliche Neugier befriedigen wollen, belästigt werden – von Leuten, die auf der Jagd nach Mirakeln sind, anstatt Künste und Wissenschaften zu studieren und durch eine eingehende Beschäftigung mit philosophischen Wahrheiten und den verborgenen Geheimnissen der Natur ihre Kenntnisse zu bereichern.«

Er war sehr höflich und gebildet, begann sofort unbefangen ein Gespräch und schien selbst von dem Cercle, den er hielt, so befriedigt, daß er bald alle Zurückhaltung aufgab, lachte und scherzte. Schließlich teilte er uns auch seinen Namen mit – allerdings unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit: Nibchi Vatterale – ein merkwürdiger Name! Dann schlug er vor, in das Nebenzimmer zu gehen. Dort stellte er je sechs Stühle in einer Reihe auf, im ganzen achtzehn, also drei Reihen, die zusammen ein Dreieck bildeten. Darauf bedeutete er dem Baron, daß seine Vorbereitungen erledigt seien, worauf der Baron sagte: »Herr Vatterale hat mir mitgeteilt, daß vor solch einer Sitzung alle Anwesenden unbedingt ihren leiblichen Organismus stärken müssen. Ich lade Sie daher ein, vor dem Beginn unserer Vorführungen an einem kleinen Souper teilzunehmen und –«

»Gestatten Sie einen Augenblick«, fiel Mr. Vatterale höflich ein, »es ist das nämlich eine Gewohnheit von mir und geschieht zu dem Zweck, um alle üblen Folgen zu vermeiden, die aus einer zu starken Erregung des Nervensystems hervorgehen könnten.«

»Dann, meine Damen und Herren, bitte ich Sie mir zu folgen«, rief der Baron, reichte seiner Gemahlin den Arm und führte uns in sein prächtiges Speisezimmer.

Nach dem Souper kehrten wir wieder in das Nebenzimmer zurück und ließen uns auf den im Dreieck aufgestellten Stühlen nieder, wobei die Damen, sechs an der Zahl, die westliche Seite einnahmen. Nun stellte Vatterale in den freien Raum zwischen uns zwei Stühle einander gegenüber und zwei mit Damastsamt bedeckte Fußschemel nebeneinander in den einen Winkel des Dreiecks. Dann verschloß er alle Türen des Zimmers und band die Schlüssel mit einem scharlachfarbenen Band zusammen, dessen Ende er an einem der Glasprismen befestigte, die von dem großen Gasluster in der Mitte des Zimmers gerade über unseren Sitzen herunterhingen. Die sieben Flammen dieses Lusters brannten sämtlich und das Zimmer war in allen seinen Teilen so hell erleuchtet wie bei Sonnenschein. Die beiden Fenster in der nördlichen Wand waren verhängt und fest geschlossen. Ich wiederhole noch einmal, daß die sieben Gasflammen während des ganzen Abends brannten – außer wenn sie ohne Hilfe menschlicher Hände ausgelöscht wurden. Sie wurden übrigens jedesmal, wenn sie auf solche Weise erloschen, sofort wieder angezündet.

Nachdem Vatterale die Schlüssel auf die erwähnte Art gesichert hatte, untersuchte er die beiden Fenster auf das genaueste, machte sie unten fest – das heißt die unteren Scheiben (es waren nämlich sogenannte Guillotine- oder Schiebefenster), während er eine der oberen herunterließ, dann die Fensterläden öffnete und befestigte. Ich bemerke noch, daß er selbst natürlich niemals vorher in diesem Raum und überhaupt nicht in dieser Wohnung gewesen war und daher über deren Anlage und Einrichtung nicht orientiert sein konnte. Trotzdem bat er jetzt den Baron, einem Diener zu läuten, und befahl diesem durch die geschlossene Tür, ein Sofa aus dem unmittelbar über uns befindlichen Zimmer in das dunkle Schlafzimmer im dritten Stock zu bringen, da es an seinem gegenwärtigen Standort die vorzunehmenden Experimente beeinflussen könnte.

Dies überraschte uns natürlich alle, besonders den Baron, der Vatterale anstarrte, wie wenn er von den Toten auferstanden sei, denn dies wäre kaum erstaunlicher gewesen. Er bestätigte, daß die beiden genannten Zimmer tatsächlich existierten; wie jedoch Vatterale zu solcher Kenntnis gekommen war, erschien durchaus rätselhaft, denn er hatte uns keinen Augenblick verlassen und mit der Dienerschaft kein Wort über die Wohnung gesprochen.

Wir hatten uns von unserer Überraschung noch nicht erholt, als wir schon wieder merkten, daß wir es mit einem außergewöhnlichen Menschen zu tun hatten, denn er wandte sich an mich und bat mich, ihm eine kleine Metallmünze zu leihen, die ich etwa zehn Minuten bevor er – Vatterale – das Haus betreten, von einem Freunde erhalten hatte. Ich gab Vatterale die Münze, er steckte sie in die Tasche, nahm eine Reihe elfenbeinerner Täfelchen, schrieb etwas darauf und überreichte sie dann einer älteren Dame, der Marquise de Fronde, einer Milchschwester des Barons. Das Geschriebene enthielt eine Frage, die so seltsam war, daß die alte Dame sie sogleich laut vorlas: »Will die Frau Marquise die Güte haben, sich in den Alkoven zurückzuziehen und die Metallplatten an den Sohlen und Absätzen ihrer Schuhe zu entfernen, sodann die Kupfer- und Zinkplatten zu trennen, die Platten des gleichen Metalls zusammenzulegen und sie wieder an ihren Schuhen anzubringen?« Die Marquise fiel vor Verwunderung fast in Ohnmacht, denn kein Mensch wußte, wie sie behauptete, daß sie tatsächlich solche Platten trug, und zwar schon seit etwa zehn Jahren, weil sie elektrische Ströme erzeugten und diese wohltätigen Einfluß auf ihre Nerven übten. Sie zog sich zurück und zeigte uns dann nach einer Minute die Platten, die genau so waren, wie sie Vatterale beschrieben hatte. Nachdem sie sich abermals für eine Weile entfernt hatte und die Platten wiederum in der gewünschten Weise befestigt waren, kehrte sie auf ihren Platz zurück. Nun brachte Vatterale einen kleinen Mantelsack, den er schon beim Betreten des Hauses in der Hand getragen hatte, herbei und entnahm ihm drei kleine Rollen Draht, ferner eine große Saucière aus sehr dickem Porzellan, eine Phiole mit einer farblosen Flüssigkeit, eine Schachtel mit Kleister und endlich zwei große völlig leere Flaschen mit so dünnen Wänden, daß man hindurchsehen konnte. Sie waren offenbar aus dem feinsten Kristallglas hergestellt. Schließlich entnahm er dem Sack noch etwas, was wie drei Papierrollen aussah, von denen die eine sehr umfangreich, die beiden anderen ziemlich klein zu sein schienen. Er entrollte die größere und breitete sie am Boden aus. Sie hatte etwa drei Fuß im Durchmesser und war mit allen möglichen Farben und seltsamen Figuren bemalt. Der Mittelpunkt dieses Blattes lag jetzt genau im Mittelpunkt des Dreiecks und somit genau unter dem Kronleuchter. »Das symbolische Bild des Universums«, erklärte er. Darauf stellte er die Saucière in die Mitte der symbolischen Karte, wenn man es so nennen will. Dann spannte er den Draht hinter den Köpfen der Herren der einen Reihe aus und befestigte ihn an den beiden anderen Drähten, die er vor den zwei anderen Seiten des menschlichen Dreiecks gezogen hatte. Der Draht, den wir mit der einen Hand hielten, während wir mit der andern die des Nachbars faßten, war auf der Seite der Damen aus gewöhnlichem versilberten Eisen, auf der unserigen aus vergoldetem Stahl und auf der dritten noch übrigen aus massivem Golde, das mit Seide umsponnen war. Die Damen hielten den Draht mit der linken Hand, die Herren dagegen mit der rechten. Nun schüttete Nibchi die Hälfte des Kleisters und die farblose Flüssigkeit in die Saucière und zündete das Ganze an. Es brannte mit heller, bläulicher Flamme, wobei sich ein eigentümlicher, jedoch nicht unangenehmer Geruch im ganzen Zimmer verbreitete.

Während dieses Verbrennungsprozesses saß der Experimentator auf seinem Stuhle und starrte angestrengt nach dem offenen Fenster, während wir übrigen fröhlich plauderten und uns verwundert fragten, was wohl alle diese seltsamen Vorbereitungen bedeuten sollten.

Ich sagte, wir plauderten fröhlich, muß aber dabei eine Person ausnehmen und das war – ich selbst, denn es war mir unmöglich, mich mit der Unbefangenheit der anderen an der Unterhaltung zu beteiligen. Ich hatte die schrecklichen Ereignisse dieses Tages noch nicht vergessen und auf meinem Gemüt lastete ein Alp. Der »Geist Ravalettes« schien unsichtbar über mir zu schweben und ich glaubte, seine Gegenwart deutlich zu fühlen. Die Vorfälle in Belleville drängten sich immer wieder vor mein geistiges Auge: die Wette mit dem Gärtner, das Weib am Schlagbaum und dann die grauenvolle Szene in der Rue Michel le Compte, die unzweifelhaft auf der Guillotine mit dem Tode D'Emprats ihr Ende finden sollte, endlich die überirdischen Mittel, durch die sein Verbrechen – der schreckliche Mord vor 37 Jahren – ans Licht gebracht wurde; dies alles bedrückte mich so, daß ich für die augenblicklichen Vorgänge wenig Interesse übrig hatte. Tatsächlich achtete ich auch wenig auf Nibchi und seine Tricks, die ich, als ich seine Vorbereitungen sah, nicht nur verachtete, sondern ohne weiteres in das Gebiet der Gaukelei verwies, wenn auch manches daran merkwürdig und überraschend sein mochte.

Man wird gleich sehen, auf wie schreckliche Weise ich gewahr werden sollte, daß ich den Mann vor uns so falsch eingeschätzt hatte.

Seine Geschicklichkeit in der Entdeckung der Münze, des Sofas und der Platten konnte mich nicht überraschen, denn ich erinnerte mich an Kaspar Hauser und andere dieser Art, die durch einen »magnetischen Sinn« die Gegenwart von Metallen feststellen konnten. Auch seine Beschreibung des Schlafzimmers im dritten Stock war sehr einfach zu erklären, da fast alle alten Häuser solche Zimmer im dritten Stock haben und sein Scharfsinn ihn leicht die nötigen Schlüsse ziehen ließ. So konnte ich, dem die Taten des mystischen Ravalette noch frisch im Gedächtnis hafteten, kein sonderliches Interesse für die Spielereien aus der niederen Magie haben, die der Hexenmeister vor uns, wie ich überzeugt war, gleich vorführen würde.

Plötzlich stand der Mann, an dem ich soeben innerlich eine so vernichtende Kritik geübt hatte, von seinem Stuhle auf, warf das Haupt zurück, so daß seine langen, wallenden Locken auf die Schultern fielen und murmelte zwischen den Zähnen, wie wenn ihm das Hervorbringen der Worte den größten Schmerz bereitete: »Er kommt!« Dabei sahen wir, daß sein Gesicht, das für gewöhnlich von einem schmutzigen Gelb war, plötzlich eine aschgraue Färbung annahm, während seine Augen Funken sprühten. Gleichzeitig legte er seine rechte Hand auf die linke Brustseite. Es schien, als wollte er eine plötzlich aufsteigende Angst unterdrücken, dann rief er zu uns gewandt: »Sehen Sie scharf hin! Seien Sie stark! Seien Sie furchtlos! Geben Sie acht! Wenn Sie eine gräßliche Gefahr vermeiden wollen, so rühren Sie sich nicht von Ihren Sitzen! Halten Sie die Schnur und fassen Sie sich an den Händen, sprechen Sie, was Sie wollen, aber bewegen Sie sich keinen Zoll von Ihren Plätzen, geschehe, was da wolle! Es wird sich etwas Überraschendes ereignen!«

Wir erklärten unsere Zustimmung und einige aus der Gesellschaft begannen sogar über seine Zauberei zu scherzen, als wir plötzlich alle von unseren Sitzen aufsprangen, aber sofort durch einen zornigen Blick und eine herrisch befehlende Geste seiner Rechten zurückgewiesen wurden. Unser gleichzeitiges Aufstehen war durch einen gellenden Schrei verursacht worden, der nicht, wie man vermuten könnte, von einer Frau, sondern von einem Herrn namens Theodor Dwight, einem Amerikaner aus Philadelphia, der zurzeit in Paris wohnte, ausgestoßen worden war.

Er ist, wie alle, die ihn kennen, bestätigen werden, durchaus kein schwacher, hysterischer, nervöser Mensch, und man dürfte auf der ganzen Welt kaum einen Mann finden, dem diese Eigenschaften weniger zu eigen sind als ihm.

Der Schrei, der von seinen Lippen kam, schien von Entsetzen und Todesangst eingegeben, wie ihn wohl ein Verdammter in der Hölle ausstoßen mag. Es war in der Tat ein Anfall von schrecklicher, tödlicher Furcht. Alle Augen wandten sich nach ihm. Er war leichenblaß – ein Bild des Todes, seine Augen quollen aus den Höhlen und er zitterte am ganzen Körper. Er war durchaus unfähig, den Grund seines Schreckens anzugeben, aber sein Blick hing mit dem Ausdruck unaussprechlichen Entsetzens an der Saucière am Boden. Instinktiv sahen auch wir hin, ausgenommen Vatterale, der noch immer auf das offene Fenster starrte. Welch ein Anblick bot sich uns! Die Saucière war noch da, die zwei kleinen Papierrollen aber waren verschwunden! Sie waren weg und statt ihrer sahen wir deutlich – denn erinnern Sie sich wohl, gerade über unseren Köpfen erstrahlten sieben Gasflammen im hellsten Lichte! – sahen mit eigenen Augen, ich wiederhole: mit unseren physischen, körperlichen Augen, drei schreckliche Wesen, die etwa wie ungeheure Skorpione aussahen, nur daß sie statt der Klauen Arme und Hände hatten! Und zwar genau die Arme und Hände eines neugeborenen Negerkindes. Diese scheußlichen Dinger, denn ich wage nicht, Gott damit zu lästern, daß ich sie Kreaturen nenne, waren am Rücken etwa fünf Zoll breit bei achtzehn Zoll Länge und von dunkelroter Farbe, die mit purpurnen, grünen und gelben Streifen und Flecken durchsetzt war. Außerdem waren sie vollständig mit Schuppen bedeckt, ähnlich wie ein Gürteltier. Stellen Sie sich, wenn Sie können, zwei Taranteln oder eine Spinne von dieser Größe vor, die sich auf zwölf Beinen von je 16–18 Zoll Länge fortbewegten und dabei mit ihren zwei je 18 Zoll langen Armen und Händen herumtasten, die drei Viertel der gesamten Körpergröße ausmachten, dann haben Sie ein einigermaßen richtiges Bild dieser grausigen, häßlichen Ungeheuer, die da um die Saucière auf dem Boden herumkrochen oder vielmehr stelzten.

Das eine der ekelhaften Wesen hatte vier große hervorquellende Augen, ähnlich denen eines indischen Riesenfrosches; sie funkelten – und und ich glaube, kein Feuerfunke hätte heller leuchten können – sie funkelten, sage ich, in einer geradezu infernalischen Röte, denn mit jedem Blick schienen sie das gesammelte Gift einer Meduse zu entsenden. Unter ihrem schrecklichen Bann saßen wir alle unbeweglich vor Furcht.

Wie groß unser Entsetzen gewesen wäre, wenn die Ungeheuer es sich hätten einfallen lassen, auf uns loszugehen, wage ich mir nicht vorzustellen, sie bewegten sich jedoch immer nur auf der gleichen Spur rund um die Saucière auf dem Boden. Wir fühlten und wußten, daß es wirkliche lebende Wesen waren, nicht nur eine optische Täuschung oder irgend eine auf mesmerische oder andere Weise erzeugte Vorspiegelung. Diese Ansicht wurde noch auf handgreifliche Weise dadurch bestätigt, daß sie, als sie so dämonisch-feierlich auf dem Mittelpunkt der symbolischen Karte umherwandelten, auf dieser einen Streifen von Ichor oder Eiter – grünlichem, geronnenem Eiter – hinterließen. Tropfen davon fielen auf den Teppich, auf dem die Karte lag. Einige Monate später unterhielten wir uns brieflich über die Ereignisse dieser Nacht und der Baron schrieb mir, daß kein einziges chemisches Mittel die Flecken auf dem Teppich zu entfernen vermöchte, obwohl hunderte der verschiedensten Chemikalien verwendet worden waren. Das war aber noch nicht alles, denn bei einem ihrer Rundgänge verließ eines der beiden Scheusale die Karte ein wenig und streifte den Fuß des Barons, worauf es eine stinkende Flüssigkeit ausspritzte, von der etwas auf seinen Schuh fiel; und an der betreffenden Stelle wurde das Leder geschwärzt, wie wenn es mit einem glühenden Eisen berührt worden wäre.

»Redet mir daher nicht mehr von Gaukelei! Redet mir nicht von optischer Täuschung oder betrügerischen Vorspiegelungen angesichts solcher Tatsachen!« schrieb mir der Baron, »das sind greifbare Beweise, die jeden Widerspruch verstummen machen. Sie wurden in jener Nacht verursacht, und sie sind noch jetzt da. Und wenn ich auch rufe: »Fort, verfluchte Flecken!« so bleiben sie trotzdem als Zeugen lebender, seltsamer, unwiderleglicher Tatsachen!«

»Aber warum sprangt Ihr unter solchen Umständen nicht einfach alle auf und verließt das Zimmer?« das ist eine ganz natürliche und vielleicht nicht einmal unvernünftige Frage, die man mir hier nicht mit Unrecht entgegenhalten könnte. Ich erwidere darauf: aus mehreren Gründen, von denen ich einige nennen will. Zunächst waren alle Türen fest verschlossen und obwohl wir gesehen hatten, daß Nibchi auf einen Stuhl stieg und die Schlüssel mit dem erwähnten Bande an dem Kronleuchter befestigte, sahen wir, als wir nachher hinblickten, daß sie ebenso wie die Papierrollen verschwunden waren. Zweitens waren die Fenster unten geschlossen und außerdem lagen sie in ziemlicher Höhe – mindestens 15 Fuß – über dem Boden; durch sie zu flüchten kam gar nicht in Frage; im übrigen dachten wir auch nicht an diese Möglichkeit. Drittens stand vor unserem Gedächtnis die ernste und feierliche Ermahnung Vatterales, daß uns, wenn wir uns nicht bewegten, nichts Schlimmes zustoßen werde, wenn wir auch erschrecken würden.

Außerdem hätten wir das Zimmer nicht verlassen können, auch wenn alle Türen offen gewesen wären. Haben Sie nie von der faszinierenden Macht der Gefahr gehört? Nun, wir befanden uns damals in ihrem Bann. Wir waren an jenen Platz gebunden, gefesselt, festgenagelt von einer Gewalt, die man nie verachten sollte, denn wenn sie einmal ihr Opfer festhält, ist sie erbarmungslos, grausam und unnachgiebig. Wir fühlten, daß jede Bewegung die Möglichkeit einer unbekannten, unerwarteten Gefahr heraufbeschwören würde. Alle waren von Schrecken gelähmt. Eine Bewegung hätte unser Entsetzen noch um das Zehnfache gesteigert! Wir hatten bei dem ganzen Vorgang ein Gefühl, wie das des Inders, der aus seinem Mittagsschlummer aufgeschreckt die feuchten Windungen der Kobra langsam unter seinem Gewand auf dem nackten Körper kriechen fühlt, und weiß, daß, während sein Herzschlag stockt, sein Blut zu Eis erstarrt und große Tropfen kalten Schweißes aus jeder Pore hervorbrechen, jede Bewegung, jeder Atemzug, ja ein bloßes Zittern den unbedingten sicheren Tod bedeutet.

So war also das Gefühl, das die achtzehn Personen damals durchdrang, als die drei Scheusale langsam um die Saucière am Boden herumkrochen und uns mit ihren großen, hornigen, vorstehenden Augen ansahen, die fortwährend funkelten und blitzten und einen Ausdruck von geradezu teuflischer Bosheit hatten. Ich fürchte, daß die weiblichen Mitglieder der Gesellschaft sich nie mehr von dem Schrecken jener Nacht erholt haben. Sie fielen nicht in Ohnmacht und schrien nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, und zwar einfach aus dem Grunde nicht, weil die Spannung der Seele und der Nerven zu stark war, als daß auch nur für einen Augenblick jene Reaktion hätte eintreten können, die ein unbedingtes Erfordernis für die erwähnten Wirkungen ist.

Wahrscheinlich betrug die Zeit, die von dem Schrei unseres Freundes bis zum Verschwinden der drei Monstren verstrich, noch nicht einmal drei Minuten, aber wir erlebten in dieser kurzen Spanne Jahre des Entsetzens.

Tatsächlich wird ja die Zeit nicht nach den Schlägen der Uhr gemessen, sondern nach den Erregungen der Seele und dem Pochen des Herzens. Nach Verlauf der angegebenen kurzen Zeit erhob sich Nibchi, nahm ein kleines Körbchen aus seinem Mantelsack, ergriff dann furchtlos eines der drei Wesen nach dem andern, schlug ihnen sorgfältig die Beine übereinander und legte sie schließlich so in den Korb. Dann nahm er die zwei Kristallflaschen, legte sie der Länge nach mit den Öffnungen gegeneinander auf die Karte und ließ sich wieder auf seinen Stuhl nieder, ohne ein Wort über den Zweck dieser Manipulationen zu verlieren. – Und da begann es auf einmal dunkel zu werden. Die Gasflammen schienen weniger hell zu brennen. Binnen kurzem war der Raum finster, allerdings nicht vollständig, denn es war noch ein unbestimmtes Zwielicht da, eine Art bläulicher, halb mattrötlicher, nebliger Ausstrahlung, die gerade hinreichte, uns die einzelnen Dinge vag und undeutlich unterscheiden zu lassen.

»Rühren Sie sich nicht! Fürchten Sie sich nicht!« sprach da wieder die fette Stimme Vatterales, und bevor wir antworten konnten, trat ein Ereignis ein, das nur selten ein Mensch gesehen:

Kaum waren nämlich die Worte verklungen, als das Zimmer plötzlich hell beleuchtet schien, wie wenn die Luft selbst mit glänzendem Licht erfüllt wäre, und wir erkannten die beiden Flaschen ganz deutlich. Aus der einen kroch jetzt eine riesige Schlange und streckte sich, bis ihr Körper das dreifache des Volumens der beiden Flaschen hatte. Dann kam eine zweite, eine dritte und so fort, so daß schließlich nicht weniger als zwölf Schlangen dalagen. Als die letzte jedoch aus der einen Flasche hervorgekrochen war, zog sich die erste sogleich in die andere Flasche zurück und so verschwanden sie alle wieder der Reihe nach, wie sie gekommen waren.

»Ich will Ihnen jetzt beweisen, daß Sie nicht immer Ihren Sinnen trauen können,« sagte Vatterale, »und nicht immer für das bürgen können, was Sie gesehen haben,« und dabei stülpte er den Korb um und zerschlug die Flaschen. Sie waren sämtlich leer! Keine Spur von einer Schlange oder einem Skorpion war mehr vorhanden!

»Nun will ich Ihnen noch etwas Merkwürdiges zeigen. Rufen Sie, bitte, eine Magd und lassen Sie sie auf einem dieser Stühle Platz nehmen. Lassen Sie sie dann unter irgend einem Vorwand einen Strang Seide zum Abwickeln halten – nur, um ihre Aufmerksamkeit zu fesseln –, das ist alles. Aber,« setzte er mit großem Ernst hinzu, »was Sie auch sehen und hören werden, sprechen Sie kein einziges Wort!«

Wir stimmten zu und ein Strähn Seide wurde gebracht.

»Es wird genau 17 Minuten dauern, bis das Mädchen fertig ist«, sagte Nibchi, »und ich will Ihnen in der Zwischenzeit einen kleinen Betrug demonstrieren. Die Kreaturen, die Sie vorhin gesehen haben, sind wirklich, aber nicht von Dauer – es sind Schöpfungen des Willens, die untergehen, wenn die Macht zu wirken aufhört, die sie ins Leben gerufen hat. Zum Beweis dessen, sehen Sie dort hin!«

In der östlichen Ecke des Zimmers begann aus dem Boden ein heller Nebel aufzusteigen, der sich immer mehr verdichtete, bis schließlich eine Dampfwolke von etwa 3 Fuß Durchmesser in der Luft schwebte. Sie blieb etwa eine Minute lang so stehen, dann veränderte sie allmählich ihre Form und nach Verlauf von weiteren vier Minuten hatte sie die Gestalt eines Menschen angenommen – oder richtiger, der Karikatur eines Menschen!

Zuerst hatte die Gestalt nur nebelhafte Umrisse, die aber schnell klarer und bestimmter wurden, bis ein halbnacktes krummbeiniges, sperrfüßiges Ungeheuer vor uns stand. Es war nicht größer als drei Fuß, die Breite der Brust und des Bauches betrug nahezu ebenso viel, während die Beine nicht über acht Zoll maßen; die Arme dagegen waren so lang wie der ganze Körper. Der Kopf, der ohne Übergang eines Halses auf dem Rumpfe saß, war geradezu gigantisch und an ihm hing eine wirre Masse fadenförmiger Würmer bis auf den Boden herunter. Sein Mund war ein fürchterlicher roter Abgrund, der bis dahin reichte, wo sonst die Ohren zu sitzen pflegen, die ihm völlig fehlten. Ebenso war von Augen, Nase, Wangen, Kinn, Lippen und Stirne nichts zu sehen. Glauben Sie ja nicht, daß dies nur eine Erscheinung war, denn, obwohl aus Dampf entstanden, wurde es in fünf Minuten so fest wie Eisen, was es dadurch bewies, daß es schwer und gewichtig durch das Zimmer stampfte bis in die Mitte des freien Raumes zwischen unseren Stühlen, um dort stehen zu bleiben, leise hin und her schwankend, wie wenn sein Herz zu schwer wäre.

»Zeige, was du kannst,« befahl Vatterale. »Sogleich«, zischte es und ging auf einen Tisch zu, an dem es einige Minuten stehen blieb, worauf dieser sich zu drehen begann, sich nach allen Seiten neigte, sich schließlich in die Luft erhob und schwebte, genau wie man dergleichen in spiritistischen Sitzungen zu sehen pflegt.

»Nun, meine Damen und Herren, bitte ich genau so zu tun, als ob dies hier ein menschlicher Geist wäre, der darauf brennt, Nachrichten aus dem Jenseits zu bringen. Sie werden von den Ergebnissen überrascht sein. Sie haben schon gesehen, daß er ein ausgezeichneter Tischrücker ist, nun bitte ich Sie, auch seine geistigen und körperlichen Kräfte ebenso zu erproben; jetzt, wo ich Ihnen erlaube, das Schweigen, das für den ersten Teil dieses Versuches sehr wichtig war, zu brechen, haben Sie nichts mehr zu fürchten.«

Daraufhin baten mehrere von uns das Wesen um eine Äußerung und sogleich machte es Bewegungen, wie wenn es schreiben wollte. Wir legten ihm Bleistift und Papier vor, es ergriff den Stift mit seinen langen, klauenartigen Fingern und seine Hände flogen wie der Blitz über das Blatt. In zehn Sekunden war es fertig und bekundete dies, indem es dreimal mit der Faust schwer auf den Tisch schlug. Herr D… nahm das Papier an sich und las; es war eine der zärtlichsten Botschaften, die wohl je eine tote Mutter an ihren lebenden Sohn gerichtet hat, sogar die Handschrift war die seiner Mutter, auch der Name – Lucy – stimmte, auch verschiedene Eigentümlichkeiten im Ausdruck waren genau wiedergegeben. Herr D… erbleichte. »Ist es möglich, daß ich so schändlich betrogen wurde?« rief er erschüttert, denn er war ein überzeugter Anhänger des modernen Spiritualismus.

Das geisterartige Ding gab sodann noch mehrere gleich gut gelungene und überzeugende Proben seines Könnens, sowohl durch Schreiben, Tischrücken und -klopfen, wie auch durch Erscheinenlassen von Geisterhänden, -gesichtern, -blumen und anderen Gegenständen, von denen sich viele nicht nur durch ihre Seltenheit, sondern auch durch ihre hohe Schönheit auszeichneten. In weniger als fünf Minuten hatte das augenlose Monstrum dreizehn solcher Bilder ausgeführt, die man als glänzende Muster »magischer Kunst« betrachten konnte.

»Jetzt zu etwas anderem«, sagte Vatterale, und wandte sich an die Gestalt: »Du wirst dich jetzt unsichtbar machen und uns zeigen, was für ein Musiker du bist!« Dann bemerkte er zu uns: »Wirkliche Geister lieben das Licht, solche aber wie dieser da, arbeiten im Dunkeln ebenso gut, denn sie haben den Vorteil, daß sie in direkte Berührung mit materiellen Substanzen kommen können, was für wirkliche Geister sehr schwierig ist.«

Während seiner Worte war unsere Aufmerksamkeit von seinem Geschöpf abgelenkt – ich sage: »seinem« Geschöpf –, denn man darf nicht vergessen, daß die ganze Erscheinung lediglich eine Inkarnation seines bewußten Willens und nur durch einen Gedanken ins Leben gerufen worden war und wieder zum Verschwinden gebracht werden konnte. Freilich gibt es auch andere, die solche schöpferische Fähigkeit besitzen, aber diese Leute üben ihre Kraft entweder unfreiwillig durch mechanische Willensvorgänge aus, oder sie sind als Medien nur die Werkzeuge der »Larven«. Als Vatterale zu Ende gesprochen hatte, war der Geist verschwunden, d. h. für unseren Gesichtssinn, nicht aber für das Gehör, denn als er seine Hand leicht bewegte, ertönte sofort die zarteste süßeste und ergreifendste Musik, die je ein Mensch gehört hat. Sie schien überall zu ertönen, über uns, unter uns, um uns, bald hier, bald da, bald ganz nahe, bald in weiter Ferne; ich könnte sie nur mit einem feierlichen Requiem vergleichen, das von Engeln über der zerstörten körperlichen Form eines Gottes gesungen wurde. Die Töne klangen so erhaben und majestätisch und dabei so wehdurchzittert, daß sie lebhaft an das klagende

»Huhm, meleagar, malooshe,
Huhm, meleagar, ma-looshe«

erinnerten, nur daß sie zehnmal tiefer waren und an Abgründe rührten, die jenes Lied nie hätte erreichen können.

Diese seltsame Musik konnte als Beweis für die Theorie des italienischen Grafen dienen, die er, wie erinnerlich, in der Séance vor Napoleon aufgestellt hatte, denn, wenn man einerseits zugäbe, daß sie von einem wirklich existierenden, selbständigen Lebewesen hervorgebracht wurde, konnte man anderseits nicht bestreiten, daß sie nur von einer hochentwickelten Seele erzeugt werden konnte, während jenes Wesen aber doch in der Skala der Organismen sehr niedrig stand. War dieses Wesen aber nun eine Schöpfung von Nibchis Willen, so erhellte daraus, daß es nur seine eigenen Gedanken ausdrückte, während es selbst für die Musik und ihre Bedeutung nicht das geringste Verständnis hatte.

Das Lied hörte auf und Vatterale bat den Grafen von M., das eine Ende eines Akkordions zu halten, während der Geist unsichtbar das andere halten und so spielen sollte. Der Graf tat es und hielt das Instrument mit dem Boden nach oben in Armeslänge von sich ab, und zwar gerade unter dem Luster. Und tatsächlich begann es in dieser Stellung zu spielen. Niemand war zu sehen und niemand war in der Nähe. Ebenso ging es dann mit anderen Instrumenten, wie Gitarre, Harfe und Klavier. Sodann wurde die ganze Vorstellung auf das Gebot Vatterales von dem Geist in sichtbarer Gestalt wiederholt.

Da verkündete uns ein Klopfen an der Tür, daß das gewünschte Dienstmädchen da sei. Sie wurde eingelassen; der Geist war wieder verschwunden.

»Marie«, sagte der Baron, »wir haben gewettet, daß keiner dieser Herren einen Strähn Seide aufwickeln kann, wenn sowohl ihm als auch Ihnen die Augen verbunden sind. Ich habe gewettet, daß es dennoch möglich ist. Wenn ich gewinne, dürfen Sie auf drei Tage Ihre Angehörigen zu Hause besuchen und ihnen etwas mitbringen. Sie dürfen aber nicht lachen oder sprechen, solange die Seide aufgewickelt wird, sonst habe ich verloren. Wollen Sie es versuchen?«

»Gewiß«, erwiderte das Mädchen, »und Sie sollen sehen, daß ich nicht lachen werde.« Dann nahm sie ihren Platz ein und ließ sich von der Baronin die Augen verbinden und die Seide um die Handgelenke legen.

Darauf ergriff Herr D… auf ein Zeichen Vatterales das andere Ende des Fadens und begann ihn langsam aufzuwickeln.

»Beginne!« sagte Vatterale, nach der Stelle gewandt, wo der Geist verschwunden war. Er erschien sofort wieder und berührte die Hand des Mädchens, das auf der Stelle gleich in einen tiefen magnetischen Schlaf fiel, aus dem sie eine zweite Berührung wieder, jedoch nicht zum vollen Bewußtsein, erweckte. Sie stand auf, warf die Seide beiseite und trat der Reihe nach an die sämtlichen Instrumente heran, um uns einige Stücke zum Besten zu geben. Der Geist berührte ihren Kopf und sogleich flüsterte sie drei Herren aus der Gesellschaft nacheinander die glühendsten Liebesworte ins Ohr.

Wieder berührte sie der Geist und sie begann in pathetischem Ton zu deklamieren. Bald war sie Charlotte Corday, dann Maximilian von Mexiko, bald die Jungfrau von Orleans, dann ein einfaches Indianermädchen, jetzt war sie die Malibran und sang wundervoll, dann wieder eine ernste Frau und sprach über das göttlich-schöpferische Werk des Weibes, über die Liebe und über vieles andere. Es gab kaum ein Thema, das sie nicht angeschlagen hätte. All dies mochte etwa zwei Stunden gedauert haben, dann tat Vatterale dem Wirken des Geistes Einhalt und weckte das Mädchen wieder auf, das von den gesamten Vorgängen keinerlei Erinnerungen hatte. Die Anwesenden schenkten ihr einige Goldstücke und sie verließ das Zimmer, zweifellos mit dem Wunsche, noch öfter Seide auf diese Weise aufzuwickeln.

»Nun will ich Ihnen etwas zeigen,« sagte Vatterale, »was vielleicht interessanter ist als alles, was Sie je gesehen haben. Schauen Sie her!«

Im gleichen Augenblick erschienen auf allen Seiten des Zimmers unzählige kleine Feuerkügelchen in den verschiedensten Farben – rot, grün, blau, purpur- und scharlachfarben, gold, silber, karmin, weiß und violett – und blitzten und tanzten umher wie wenn sie eine sehnsüchtige Freude verspürten. Es waren wohl Tausende von ihnen vorhanden, die durcheinander in der Luft umherwirbelten, bald die Bilder an den Wänden beleuchteten, bald sich in größeren Massen vor den Spiegeln ansammelten oder auf dem Boden unter den Stühlen zwischen unseren Füßen und über den Teppich rollten wie im Übermut des Spiels. Jede ihrer Bewegungen war von einem zischenden Laut begleitet, ähnlich dem einer steigenden Rakete, wenn auch nicht so stark. Schließlich bildeten sie eine Krone, genau so, wie ich sie vor einigen Jahren hier in Paris über dem Haupte Napoleons hatte schweben sehen. Ich hielt diese beiden Umstände nebeneinander und wandte mich schon an Vatterale, um etwas zu sagen, als er, wie wenn er meine Absicht geahnt hätte, mir mit der Bemerkung zuvorkam:

»Ich habe Ihnen einmal gesagt, wir würden uns bald wieder begegnen! Geduld – diese Nacht muß vorübergehen. Nehmen Sie das Geschenk an, das ich für Sie in Ihrem Hotel zurückgelassen habe, und vergessen Sie nicht, daß wir uns wieder begegnen werden.« Dann schwieg er wieder wie zuvor, und die Gesellschaft wußte mit seiner abgerissenen und scheinbar sinnlosen Äußerung nichts anzufangen.

Ich aber wußte jetzt: Vatterale und der Graf waren ein und dieselbe Person, wer aber waren die beiden anderen: Miakus und Ravalette?

Die feurige Krone bildete übrigens den Schluß der Vorführungen; die Gesellschaft trennte sich in ziemlich vorgerückter Stunde und jeder ging nach Hause.


6. Kapitel
ANKUNFT DES VERFASSERS

Zu erregt, um zu schlafen, warf ich mich auf mein Sofa und überdachte noch einmal die seltsamen Ereignisse der Nacht. Zwei Dinge, nein, drei, waren absolut sicher: Erstens, daß weder Ravalette noch Vatterale, noch der italienische Graf Menschen waren wie andere; zweitens, daß keiner aus der Gesellschaft dies ahnte, und drittens, daß ich einzig und allein der Gegenstand dieser außergewöhnlichen Besuche war. Darüber hinaus wurde mir klar, daß sein Schicksal sich schnell und unaufhaltsam einer Krisis näherte, und daß der Fremde (der in der Legende erwähnt wurde), ebenso wie Dhoula Bel mich noch beeinflußten, aus welchen Gründen und zu welchem Zweck, konnte ich nicht verstehen. Ich war bereits Rosenkreuzer geworden, war bis zum fünften Grad vorgerückt, hatte den Orient besucht und stand im Begriff, ihn abermals zu besuchen, hatte manche düstere Geheimnisse kennen gelernt und war in den verschiedenen Arten der Magie unterrichtet worden; ich wußte alles Wissenswerte über das Lebenselixier, die Kräfte des Willens, die Kunst, das Schicksal anderer vorauszusagen, die Kunst, magische Spiegel zu verfertigen und Gold- und Silberminen zu entdecken und hatte tief bedauert, daß der furchtbare Eid, durch den sich der wahre Rosenkreuzer verpflichtet, niemals Reichtümer für sich selbst zu suchen oder als Belohnung für seine Tätigkeit anzunehmen, mich hinderte, mich der Vorteile des Geldes zu bedienen. Ich wußte, daß ich alle äußeren Interessen meiner Persönlichkeit auf dem Altar des Wissens geopfert hatte. Ich wußte, daß mein Herz nach Weibesliebe schmachtete und daß dieses Gefühl zu Zeiten einen Teil meiner Seele gefangen hielt, aber sie niemals ganz erfüllte, und ich wußte, daß darin die einzige Möglichkeit lag, dem, was ich fürchtete, zu entgehen, wenn es mir nämlich gelang, mich mit einer Frau zu vereinigen, in deren Körper kein Tropfen von Adams Blut floß; ich gab fast alle Hoffnung auf, je zu vollenden, was meine Versucher in Belleville, in den Tuilerien und in Boston von mir verlangt hatten, als ich mich plötzlich des Papiers, das mir Ravalette in die Hand gedrückt und des Geschenkes, das Vatterale für mich zurückgelassen hatte, erinnerte. Doch beschloß ich, alle Sorge darum bis zum Morgen aufzuschieben und fiel schließlich in einen unruhigen Schlaf, aus dem ich erst spät am folgenden Vormittag erwachte, um sogleich die Nachricht zu erhalten, daß mein teurer Freund (der Verfasser) aus Alexandrien angekommen sei und bei mir vorgesprochen habe.


7. Kapitel
DAS GROSSE GEHEIMNIS?

Dem Verfasser dieser Blätter fällt nun die Aufgabe zu, die Erzählung Beverlys, seines Freundes, zu vervollständigen.

Ich war soeben in Paris über Marseille angekommen, nachdem ich dort einige Tage früher von Alexandria über Malta angelangt war. Ursprünglich hatte ich die Absicht, hier zu übernachten, um dann über Rouen und Dieppe nach England und von dort nach Amerika zu reisen. Wie alle anderen Reisenden, gedachte ich eigentlich, eine Woche in Paris zuzubringen, aber leider hielten mich Geschäfte ab und ich hatte mich daher darauf eingerichtet, die Hauptstadt am Tage nach meiner Ankunft wieder zu verlassen. Außerdem sprach noch der Umstand mit, daß ich gern noch länger die Gesellschaft eines Herrn genießen wollte, mit dem ich von Kairo bis Paris zusammen gewesen war, und der sich in Paris nicht lange aufhalten wollte, um so bald wie möglich seine Tochter zu treffen, die seit etwa drei Jahren in Paris erzogen wurde und die er in sein neuerworbenes Haus in New York führen wollte.

Die Geschichte des Herrn Im Hokeis und seiner Tochter, die er mir auf der Reise erzählte, ist wohl wert, wiedergegeben zu werden, und so will ich, selbst auf die Gefahr hin, dieses Kapitel ungebührlich zu erweitern, einen kurzen Abriß davon geben:

»Ich bin an den Ufern des Kaspischen Meeres geboren«, hatte Hokeis mir erzählt, »und entstamme der Familie der Hokeis, einer heiligen Familie, die den höchsten Priesterstand bekleidete und der die Sorge für das heilige Feuer oblag, denn wir waren Parsen, und das Feuer durfte nie erlöschen und ist auch seit vielen Tausenden von Jahren nicht erloschen, wie unsere Überlieferungen erzählen, denn Religion ist bei uns etwas ganz anderes als bei den Männern des Islams oder den Bewohnern Indiens oder Roms oder des Westens. Wir sind stolz auf die Reinheit unseres Glaubens und auf seine Überlegenheit über alles, was von den Kindern Adams bekannt geworden ist, ebenso wie auf unsere Abstammung von Ich, dem großen Begründer unseres Stamms und mächtigen präadamitischen König und Eroberer.«

Es mangelt mir hier Raum und Zeit, die Gründe anzuführen, mit denen Im Hokeis seine Behauptung bewies, es gebe auf der Erde noch andere Menschen als solche, die von Adam abstammten. Er sagte, er sei von Geburt an zum ersten Priester seines Glaubens bestimmt gewesen, und habe im Alter von 17 Jahren ein Weib seines Stammes geheiratet. Um die Zeit, als er eingekleidet werden sollte, war zwischen den Parsen und ihren persischen Tyrannen ein Krieg ausgebrochen. Er und sein Weib wurden gefangen genommen, nach Herat gebracht und verurteilt, geblendet zu werden, doch wurden sie von einem Mitglied der englischen Gesandtschaft vor diesem schrecklichen Schicksal bewahrt. Sie blieben dann fast drei Jahre lang bei ihrem Retter und lernten während dieser Zeit die englische Sprache. Hokeis hatte später das Glück, seinem Wohltäter das Leben retten zu können, und die Folge war, daß zwischen ihnen eine so herzliche Freundschaft entstand, daß die beiden mitgehen durften, als die Gesandtschaft nach England zurückkehrte. In London nahm Hokeis eine Stellung als Dolmetscher an und war bald so wohlhabend geworden, daß er Handelsgeschäfte mit Persien anfangen konnte. Während der neun Jahre, die er so verlebte, schenkte ihm der Himmel kein einziges Kind, wohl aber ungeheuren Reichtum.

Im dreizehnten Jahre ihrer Ehe wurden endlich die Gebete des Ehepaares erhört, denn es wurde ihm ein hübsches Mädchen geboren. In dem Augenblick jedoch, als es das Licht der Welt erblickte, schlossen sich die Augen seiner Mutter für immer.

Eines Tages fuhr die Amme, die eine Verwandte der Frau war, das Kind in den Straßen von Hampstead spazieren. Sie geriet dabei in ein Zigeunerlager und ließ sich überreden, sich ihre und des Kindes Zukunft weissagen zu lassen. Aus den Gesichtszügen und der Hautfarbe der beiden ließ sich leicht auf ihre Nationalität schließen und das Zigeunerweib überzeugte sich durch geschicktes Fragen, daß sie Parsen vor sich hatte. Als der Schwindel vorüber war und die Amme bezahlt hatte, kehrte sie mit ihrem Schützling wieder nach Hause zurück. Die Zigeuner aber schlichen ihr nach und in derselben Nacht wurde das Kind entführt, während die Amme schlief. Man stellte Nachforschungen nach den Zigeunern an – aber vergebens – die ganze Gesellschaft war am folgenden Tage auf einem Paketboot nach Amerika unter Segel gegangen.

Viele Jahre waren verflossen und eines Tages ging der trostlose Vater in dem Garten des Hauses spazieren, aus dem das Kind geraubt worden war, als er von einer alten Frau angesprochen wurde, die ihn fragte, wieviel er für eine Nachricht über sein Kind zahlen würde. Das Folgende mag übergangen werden, es genügt, wenn ich berichte, daß der Vater und die Zigeunerin innerhalb 24 Stunden bereits an Bord eines Schiffes waren, das sie nach der neuen Welt führen sollte. Das Kind, das sich inzwischen zu einer Jungfrau von wunderbarer Schönheit entwickelt hatte, wurde gefunden und Vater und Tochter wohnten eine Zeitlang in New York, wo er sich einen schönen Landsitz gekauft hatte. Der alte Herr liebte Amerika so sehr, daß er beschloß, sich dort für den Rest seines Lebens niederzulassen, nachdem seine Tochter in Europa eine sorgfältige Erziehung genossen hätte. Er brachte sein Vermögen nach Amerika und machte dann noch eine Abschiedsreise nach Persien zu seinen Freunden und Glaubensgenossen im Osten. Auf seiner Rückkehr hatte ich ihn, wie schon erzählt, getroffen und ihn von Ägypten bis nach Frankreich begleitet.

Das bringt mich wieder auf die Nacht meiner Ankunft in Paris zurück. Da es nicht mehr möglich war, sogleich die Tochter aufzusuchen, begaben wir uns in ein Hotel beim Palais Royal. Wir hatten dort soeben unser Souper beendet, als ein Mann, der uns beiden gänzlich unbekannt war, den Speisesaal betrat, eine tiefe Verbeugung machte und sagte: »Heil! Ich komme um dir, Im Hokeis, zu sagen, daß du morgen Paris nicht verlassen wirst. Um die vierte Stunde wirst du deine Tochter nach dem Hause bringen, das das vorletzte ist, wenn du den Boulevard de Luxembourg hinaufgehst. Du wirst keine Fragen stellen, sondern gehorchen. Daß ich das Recht habe, dir zu gebieten, will ich sogleich beweisen«, und er flüsterte Hokeis drei Worte ins Ohr, die diesen aufspringen machten, wie wenn er von einer Kugel getroffen worden wäre. Er hatte ihm das geheime Losungswort der Priester des Feuers gesagt! Dann wandte er sich an mich und sagte: »Und du wirst morgen in aller Frühe in das Hotel Fleury gehen. Dort wirst du deinen Freund Beverly finden. Gehe, wohin er geht, und verlaß ihn während der nächsten zwei Tage nicht einen Augenblick – seine Rettung hängt davon ab! Ich gehe jetzt. Vergiß die Worte des Fremden nicht!«

Ich war grenzenlos verblüfft und man kann sich leicht denken, wovon wir beide diese Nacht sprachen, bevor wir schlafen gingen.

Das führt mich auf meine nächste Zusammenkunft mit Beverly, dessen Geschicken wir jetzt folgen wollen.

Man wird sich erinnern, daß Ravalette ihm ein Papier gegeben hatte, bevor sie Belleville verließen, und daß Vatterale ebenfalls etwas für ihn im Hotel zurückgelassen hatte.

Die Worte auf dem Zettel Ravalettes waren in einer kühnen, kräftigen Handschrift geschrieben und lauteten: »Wenn Sie mich brauchen, wenn Sie bereit sind, einer der unsrigen zu werden – wenn Sie alle Hoffnung aufgegeben haben, je das Geheimnis meiner und Ihrer Existenz zu ergründen – dann suchen Sie mich in dem Hause, das das vorletzte ist, wenn Sie den Boulevard de Luxembourg hinaufgehen – Ravalette.«

Also dieselbe Anweisung – und fast in den gleichen Worten – wie die, die jener geheimnisvolle Fremde Hokeis in der vorhergehenden Nacht erteilt hatte. Dieser Umstand machte auf mich einen starken Eindruck, aber die Klugheit verbot, ihn Beverly gegenüber zu erwähnen. Er schien sehr glücklich über diese Aussicht auf eine Lösung des seltsamen Rätsels zu sein und bat mich zu meiner großen Freude, den Tag mit ihm zu verbringen; am Abend wollten wir dann gemeinsam der Sache nachgehen. Mehrere Gründe veranlaßten mich, das regste Interesse an diesen Vorgängen zu nehmen – Freundschaft, Neugier und eine unbestimmte Hoffnung, das, was Beverly als seinen Fluch bezeichnete, unwirksam zu machen. Man wird sich erinnern, daß Beverly mich einst hatte überzeugen wollen, es sei an der seltsamen Legende von dem König, der Prinzessin, dem Rätsel, dem Mord und dem Fluch und seiner Erfüllung mehr, als die meisten Leute wohl zugeben würden. Ich war wohl geneigt, an Dhoula Bel und die anderen Verdammten zu glauben, aber ich hatte kein rechtes Vertrauen zu Miakus, Ravalette, dem italienischen Grafen und Vatterale. Noch glaubte ich nicht, daß irgend etwas Übernatürliches in die Sache hereinspiele, und da ich das ganze nur geschickten Tricks zuschrieb, beschloß ich, den Zauberkünstlern eine Falle zu stellen, um sie während der Vorführung zu fangen. »Hoho! Herr Vatterale, Sie sollen einmal etwas erleben!« rief ich, als ich Beverlys Hand schüttelte. Als ich ihn dann verließ – da er ein Bad zu nehmen wünschte –, tat ich, als ginge ich zur Post, in Wirklichkeit aber eilte ich zur Polizeidirektion, wo ich kurz und bündig erklärte, daß ein Freund von mir einem ungeheuren Betrug zum Opfer fallen solle. Der diensttuende Beamte hörte mir aufmerksam zu, instruierte mich, wie ich es einzurichten hätte, um die Verdächtigen nicht vorzeitig zu warnen, und versprach mir, er werde zur genannten Stunde mit einer Abteilung Polizisten in der Nähe des Hauses auf dem Boulevard de Luxembourg sein. Auf meinem Rückweg zum Hotel Fleury sprach ich noch bei Hokeis vor, traf ihn aber nicht und erhielt die Auskunft, er sei nach Versailles zu seiner Tochter gegangen. So suchte ich Beverly wieder auf.


8. Kapitel
DER BOULEVARD DU LUXEMBOURG

Beverly erwartete die Ereignisse der nächsten Stunden, in denen alle Zweifel für immer geklärt werden sollten, fast noch ungeduldiger als ich.

Schlag drei Uhr waren wir noch etwa eine Steinwurfsweite von dem Hause unseres Stelldicheins entfernt und die drei oder vier kleinen Schilder mit den Aufschriften »Zimmer zu vermieten«, »Möblierte Zimmer« usw. deuteten an, daß es sich um eines jener Bürgerhäuser handelte, wo man ein Leben lang ungestört leben kann, vorausgesetzt, daß die Miete pünktlich bezahlt wird.

Bald betraten wir den quadratischen, gepflasterten Hof des Gebäudes und bevor wir irgend eine Frage stellen konnten, kam der Hausmeister schon aus seiner Loge, grüßte uns respektvoll und sagte: »Die Herren gehören wohl zu denen, die der Mieter im zweiten Stock für heute erwartet? Bitte, hinaufzugehen. Er wohnt im ersten Zimmer links.« Damit hinkte der Alte in sein Zimmer zurück und begann wiederum auf einen Schuh loszuhämmern, den er in Arbeit gehabt hatte, als wir eintraten.

Wir folgten seiner Anweisung und stiegen eine breite Treppe hinauf bis zum ersten Stiegenabsatz, von dem eine Treppe weiter nach oben führte, während eine zweite in den Hof hinunterging. An dem entfernteren Ende war eine Tür, ebenso an dem näherliegenden. Wir durchschritten die erste Tür und gelangten in ein hübsch ausgestattetes großes, viereckiges Zimmer. Da niemand in dem Zimmer war, gingen wir in das zweite, fanden aber auch hier nicht das geringste Anzeichen, daß der Bewohner in der Nähe sei. So hatten wir Gelegenheit, uns vorher zu erkundigen. Ich rief den Hausmeister und fragte ihn nach Namen und Beschäftigung des Inwohners sowie nach der Dauer seiner Anwesenheit im Hause und erfuhr, daß er ein fremder Gelehrter namens Elatterav sei, daß er offenbar beträchtliches Vermögen besitze und seit fünf Jahren hier wohne, ferner, daß er wenig in Gesellschaft verkehre, niemals zu Hause speise und ein sehr vornehmer Mann sei (er bezahlte dem Portier zwei Louis im Monat). Als der Hausmeister wieder gegangen war, sah ich mir die Räumlichkeiten näher an und bemerkte, daß der Boden und die Decke wie in allen französischen Häusern aus Stein bestanden. Der Kredenztisch war niedrig und schmal und dicht mit Weinflaschen und Gläsern besetzt, so daß man hätte meinen können, man befinde sich in der Wohnung eines Studenten, statt in der eines ernsten Philosophen wie Ravalette, wenn anders er überhaupt mit dem von dem Portier beschriebenen Elatterav identisch war. Der Alkoven war klein und einfach und enthielt nur ein Feldbett mit dem nötigen Zubehör. Von irgendeiner Einrichtung für magische Zwecke war nichts zu sehen. Gerade bei dieser Inaugenscheinnahme schlug die Glocke Vier und wir hörten Schritte in dem andern Zimmer, trotzdem wir von einem Öffnen der Tür nichts bemerkt hatten. Wir gingen hinüber und Beverly rief: »Ravalette, so wahr ich lebe!« Und richtig, da stand, ruhig lächelnd, ein alter Herr, genau der Beschreibung entsprechend, die mir mein Freund von ihm gegeben hatte.

»Sie haben mich gesucht und gefunden! Ich hoffe, es wird Ihnen zum Heile dienen«, sagte er zu Beverly; »und Sie, mein Herr, haben gut daran getan, Ihren Freund zu begleiten«, meinte er dann zu mir gewandt, in einem geradezu beleidigenden Tone. Es war offensichtlich, daß ihn meine Gegenwart höchst unangenehm berührte. Was mich betrifft, so hatte ich kaum den ersten Blick auf ihn geworfen, als ich überzeugt war, daß ich vor einem der gescheitesten Köpfe der Erde stand – vor einem Mann, der alles dessen fähig war, was man ihm zuschrieb, und der sein Ziel erreichen würde und wenn er dazu durch Menschenblut waten müßte. Ich beschloß, seine Pläne auf jeden Fall zu durchkreuzen, selbst wenn ich dabei zu meiner Pistole oder meinem Revolver greifen müßte, die ich vorsichtshalber mitgenommen hatte, bevor wir uns in das Haus wagten, das vielleicht eine Verbrecherhöhle war. Ravalette mochte meine Gedanken erraten haben, denn sein Gesicht bekam einen verärgerten Ausdruck, doch sagte er nichts, denn im gleichen Augenblick öffnete der Portier die Tür, meldete »Monsieur Hokeis und Tochter« und mein Reisegefährte und seine Tochter – das üppigste und herrlichste Weib, das ich je in irgend einem Lande gesehen, die glühenden Schönheiten von Beirut und Stambul nicht ausgenommen – traten ein.

Ravalette hatte sie offenbar erwartet; denn er schien über ihr Kommen nicht im geringsten überrascht zu sein. Die Wirkung aber, die sein Anblick auf Hokeis und seine Tochter ausübte, war eine geradezu elektrische. Hokeis warf sich vor ihm auf die Knie nieder, neigte sein Haupt, faltete die Hände mit einer halb flehenden, halb anbetenden Gebärde und sagte:

»O schrecklicher Geist des Feuers und der Flamme! Sehe ich dich hier? Ach! Ich bin ein Elender, du aber bist mächtig und wirst verzeihen! Mein Abfall geschah nicht aus freier Wahl, sondern war das Werk eines Zufalls und ich habe in der Religion Isauvis mehr Frieden gefunden, als in deinen oder Astartes Tempeln!«

In meinem Gehirn wirbelte es unter einem Sturm von Erregungen, während Beverlys Gesicht aschgrau wurde und seine Glieder wie Espenlaub zitterten.

Im nächsten Augenblick bereits änderte sich die Szene vollständig, denn das junge Weib, das seines Vaters Tun und Sprechen gar nicht bemerkt zu haben schien, trat auf Ravalette zu, legte die juwelengeschmückte Hand auf seine Schulter, blickte ihm gerade ins Auge, wie wenn ihr Blick ihn vernichten wollte, und sagte mit leiser, aber klarer, tiefer Stimme: »So also, Feind, sehen wir uns wieder! Willst du noch mehr von deinen Kniffen und Zaubereien versuchen? Willst du der Tochter Im Hokeis' noch mehr Schlingen legen? Was hast du dabei zu gewinnen? Du antwortest nicht. Gut, ich werde für dich antworten:

Erinnerst du dich des Tages – vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ein Kind war – da du an eines alten Mannes Tür klopftest und um ein Nachtlager batest? Wohl, ich erinnere mich. Du wurdest von dem edelmütigen Indianer aufgenommen. Du aßest an seinem Tisch, rauchtest seine Pfeife und trankst seinen Wein, dann, als du am Feuer saßest, bemerktest du mich und wolltest mir mein Schicksal weissagen. Du sagtest, ich würde in einem Monat einen traurigen, müden, weinenden, unglücklichen, einsamen Jüngling treffen, der mein Herz entflammen würde; ich würde ihn lieben und ihn heiraten wollen; wenn ich dies aber täte, würden dunkle Wolken über uns heraufziehen und der Morgen der Liebe würde einen Tag des Widerwillens und einen Abend der Sorge und eine Nacht des Verbrechens, der Schande und des Todes bringen. Du sagtest, eine Verbindung mit einem anderen Mann jedoch werde mir alles das geben, was das Leben lebenswert machen kann. Ich glaubte dir, denn vieles von dem, was du weissagtest, ging in Erfüllung. Drei Wochen des Monats verflossen und eines Tages hatte ich einen Traum, und ich sah dich und den Jüngling, den ich im Leben noch nie gesehen hatte. In diesem Traum wiederholtest du alles, was du vorher gesagt hattest, und dann verschwandest du. Aber deine verhaßte Gegenwart hörte nicht eher auf, als bis eine erhabene Gestalt erschien, in Schönheit und Majestät gehüllt, die mir gebot, nicht auf dich zu achten, sondern jenen armen Menschen zu lieben, dessen Schatten vor mir stand – ihn zu lieben, aber es nicht zu gestehen, bis die Stunde gekommen sei; denn wenn ich einen anderen wählte, so würde ich glücklich sein, wenn ich aber ihn wählte, dann würde ich eine Seele vor einem schrecklichen Schicksal bewahren. Sie gebot mir, dir zu widerstehen, den Jüngling zu ermutigen, sein Herz zu trösten und ihn zu ermahnen, er solle nicht verzweifeln, denn er würde trotzdem glücklich sein. Er –«

Aber sie konnte nicht mehr weiter sprechen, Beverly stürzte auf sie zu, stieß Ravalette zur Seite, ergriff ihre Hand, küßte sie und rief:

»Eulampia!«

»Beverly!«

Und sie sanken einander in die Arme.

Ich merkte, daß dieses Drama mit jeder Minute ernster wurde, aber mir blieb keine Zeit, lange darüber nachzudenken, denn in diesem Moment wurde die Tür aufgerissen, und zwar von niemand anderem als dem Polizeikommissär, dem zwei Mann der Garde de Ville folgten; gleichzeitig sah ich durch die offene Tür, daß Treppe und Vorplatz dicht mit Gendarmen besetzt waren.

Die Sache wurde ernsthaft.

Ravalette stand unbeweglich und sagte lächelnd:

»Ihre Mühe ist umsonst, Monsieur! Sie werden nicht benötigt und werden unverzüglich dorthin zurückkehren, woher Sie gekommen sind; der Herr hier, der Sie kommen ließ, kann hier bleiben.«

Diese kühle Bemerkung verwirrte den Kommissär ein wenig, doch erwiderte er: »Es ist meine Pflicht, alle zu schützen, die meinen Schutz für sich oder für andere verlangen.«

»Richtig; aber in diesem Falle ist nichts geschehen, oder auch nur beabsichtigt, was irgend einen Grund für eine solche Maßnahme geben könnte. Aber da Sie nun einmal hier sind, so mögen Sie bleiben, bis Sie sich von der Wahrheit meiner Worte überzeugt haben. Nehmen Sie Platz!«

Wenn ich sagen würde, daß die Situation »hochdramatisch« war, so gäbe das nur einen sehr annähernden Begriff von diesen seltsamen Ereignissen. Der einzige, der vollkommen ruhig zu sein schien, war Ravalette. Was Hokeis betrifft, so hätten Michelangelo und Raffael zusammen das Bild seines Antlitzes oder nur den hundertsten Teil der ungeheuren grenzenlosen Bestürzung und des Schreckens unmöglich wiedergeben können, der sich auf seinem Gesicht ausdrückte. Nicht zwei Personen sahen die Sache in demselben Licht, oder verstanden einander, aber alle wurden völlig durchschaut von dem großen Meister vor ihnen.

Für eine Weile herrschte beklemmendes Schweigen, das schließlich – sehr zu meinem Erstaunen – von meinem Rosenkreuzerfreunde Beverly gebrochen wurde, der, Ravalette gerade ins Auge blickend, sagte:

»Wer immer du auch sein magst, ich verzeihe dir, daß du versucht hast, mich, einen Sohn Adams, an der Vermählung mit diesem Weibe, Eulampia, der hellstrahlenden Tochter Ichs zu hindern. Ich verzeihe dir, daß du sie zu einer Heirat mit einem andern treiben wolltest, was mich zu einem Schicksal verdammt hätte, vor dem ich seit Jahrhunderten zurückbebte. Ich verzeihe dir alles Weh, das du mir zugefügt hast, aus Dankbarkeit für das, was du für mich getan hast, und weil ich glaube, daß dein Helfershelfer mich damals in Boston vor der platzenden Retorte rettete, als ich La Brières Versuch mit dem weißen Feuer wiederholen wollte. Durch dich oder deinesgleichen habe ich unbezahlbare Geheimnisse erfahren. Ich bin dir dankbar dafür, daß du mich das Geheimnis des magischen Spiegels gelehrt hast. Ich bin dir dankbar für das Geheimnis aller Jahrhunderte – die Kunst, das Lebenselixier zu verfertigen, nach dessen Genuß niemand mehr altern kann; wer aber ein Jahr lang davon trinkt, der erfreut sich ewiger Jugend. Ich werde dieses Elixier niemals zu seinem eigentlichen Zweck verwenden, aber fünf von seinen sieben Bestandteilen bilden ein Mittel, das die Chemie seit langem vergebens gesucht hat. Dadurch, daß ich die Formel dafür meinem Freunde und damit der medizinischen Welt hinterlasse, werde ich meine Sünden büßen, indem ich Tausenden das Leben gebe.

Freiwillig, ohne Zwang, verspreche ich feierlich, den Schlaf Sialam zu schlafen, bevor ich dieses Haus verlasse. Und ich will dir alles beantworten, was ich kann, doch unter der Bedingung, daß du vorher das Geheimnis aufhellst, das dich selbst umgibt. Und da ich dir freiwillig das gewähre, was du durch ein Menschenalter voll Betrug nicht erlangt hättest, so sollst du zuerst feierlich bei dem, durch dessen Willen du existierst, du magst nun Mensch oder Teufel sein, versprechen, mich weder jetzt, noch nachher, wenn ich schlafe, irgendwie zu beeinflussen.«

Ein Schimmer plötzlicher Freude flammte in den Augen des seltsamen Wesens vor uns auf. Er blickte wie ein Bräutigam in der Überfülle seiner Freude und indem er seine Hände – bleiche, magere, blauweiße Hände – auf die Brust legte, sah er auf und sagte:

»So sei es! Ich verspreche dir, mit dem fürchterlichsten Eide, den man sich denken kann, daß ich alle deine Bedingungen annehme.«

Hierauf ging er nach dem Alkoven und brachte einen halbkreisförmigen, etwas weniger als mannshohen Bettschirm, der etwa vier Fuß Durchmesser hatte. Er bat den Kommissär, ihn zu untersuchen, was dieser auch tat und dann erklärte, es sei ein ganz gewöhnlicher Bettschirm.

»Sie haben Recht; es ist nichts anderes als ein Bettschirm, ich bitte Sie aber jetzt, irgendeinen Platz in diesen Zimmern zu bestimmen, wo wir ihn aufstellen können; damit Sie aber nicht glauben, ich hätte die Absicht zu entfliehen, fordere ich Sie auf, Ihre Leute hereinzurufen und ihnen den Befehl zu geben, auf mich zu schießen, wenn ich versuche, das Zimmer zu verlassen!«

»Ganz, wie Sie wünschen, Monsieur! Peter, rufe die Leute!«

Die Polizisten kamen sogleich – 27 Mann hoch – herein und als alle vollzählig waren, sagte der Kommissär, auf Ravalette deutend: »Dieser Herr ist fluchtverdächtig, habt acht, daß er eure Reihen nicht lebend passiert. Seht zu, daß mein Befehl pünktlich befolgt wird. Ist es Ihnen so recht, Mr. Ravalette?«

»Vollkommen – vollkommen! Es könnte nicht besser sein.«

»Ihr werdet vierzehn Mann rings um das Haus aufstellen, um die Fenster zu bewachen und die übrigen dreizehn verteilt Ihr auf die Treppe und die Treppenabsätze«, sagte der Kommissär zu dem Sergeanten.

»Soll geschehen«, erwiderte dieser und führte seine Leute wieder aus dem Zimmer – aber nicht bevor ich ihm eine doppelläufige Pistole und einen Revolver, beide frisch geladen und mit neuen Zündhütchen versehen, gegeben hatte – denn ich haßte Ravalette, mochte er ein Mensch oder ein Teufel sein, ich haßte ihn mit einem religiösen Haß – und dies ist wohl der glühendste Haß, den es gibt –; ich hatte den lebhaften Wunsch, zu erproben, ob er kugelfest sei oder nicht.

Während dieser ganzen Zeit hatten der Vater, die Tochter, Beverly, ich und die beiden Gefährten des Kommissärs nichts gesagt; auf ein Zeichen Ravalettes jedoch setzten wir uns nieder, und zwar so, daß wir die Tür zwischen den beiden Zimmern, den Alkoven, den Kredenztisch und die Fenster an beiden Seiten übersehen konnten. Der Kommissär stellte nun den Bettschirm mit der konvexen Seite gegen uns in der Mitte des Zimmers auf, nahm dann neben mir Platz und sagte, daß er nunmehr das seinige getan hätte. Die Blässe seiner Lippen, der Ton, in dem er sprach und die Häufigkeit, mit der er sich bekreuzte und Gebete in schlechtem Französisch und noch schlechterem Latein murmelte, zeigten deutlich, daß er wünschte, es möchte alles vorüber sein.

»Ich bin fertig,« sagte Ravalette, »ich, der ich nichts mehr zu verbergen habe, erkläre, daß ich derjenige bin, den jener Mann – Im Hokeis und sein Parsenstamm – jahrhundertelang für den Gott des Feuers und der Flamme gehalten hat. Das Geheimnis meines Seins kann noch nicht entschleiert werden. Ich bin nicht allein! Die Herrschaft über die Magie und die Materie ist eine Erbschaft von Menschenaltern. Wir, die wir einst wie die anderen waren, wurden verdammt durch den Fluch eines Sterbenden wie Isaak Ahasverus, der Jude von Jerusalem, der den Herrn verspottete und anspie, als er sein Kreuz auf dem Schmerzenswege trug, und den er, der Sanftmütige, verfluchte, auf der Erde zu weilen, bis er wieder komme. So mächtig wir in allem anderen sind, kann doch keiner von uns seine eigene Zukunft erforschen: nur besonders Begabte können es, wie dieser Beverly hier. Solche aber werden selten geboren; wenn sie aber geboren werden, so gibt es nur eine Möglichkeit, sie uns dienstbar zu machen; sie müssen im Geiste unvermählt bleiben, sonst können sie nicht den Schlaf Sialam schlafen und auf keine andere Weise können wir das Buch unseres Schicksals enträtseln. Daher die Hindernisse, die wir ihm und jenem Mädchen in den Weg gelegt haben … Es ist möglich, unser Schicksal auf ein neutrales Wesen abzuwälzen, wer immer es auch sein mag. In diesem Falle aber bestand ein starker Beweggrund, jenem Manne die Jahrhunderte aufzubürden, der mein Zeitgenosse gewesen ist, seit Epochen, die weit vor der Erbauung von Babylon und Ninive liegen.

Noch einer dieser Art ist am Leben – und bei ihm ist mir mein Plan mißlungen – es ist der Fremde – und noch jemand gibt es: die Mutter dieses Beverly. Ich hoffte, ihn durch Magie zu gewinnen: es ist nicht gelungen. Er hat mich so gesehen, wie ich jetzt bin –« und bei diesen Worten ging er um den Bettschirm herum bis zur andern Ecke und sagte: »Und so.« Wir waren über alle Maßen erstaunt über die Veränderung, die in weniger als zwölf Sekunden vor sich gegangen war:

Ravalette war verschwunden und an seiner Stelle sahen wir einen mageren, dürren, runzligen kleinen Mann, in jeder Beziehung das gerade Gegenteil Ravalettes. »Miakus! so wahr ich lebe – der Mann von Portland und Boston – er ist es!« rief Beverly, als die Gestalt bereits abermals um den Bettschirm herumging, sich von neuem veränderte, »und so!« sagte. »Beim Himmel!« schrie Beverly, »das ist Ettelavar, mein mysteriöser Führer und Lehrer im Reiche des Traums!«

Und schon war eine neue Veränderung erfolgt und mit den Worten: »Und so!« erschienen nacheinander der italienische Graf und Vatterale. In dieser letzten Gestalt sagte er: »Nibchi ist nur eine Umstellung von »Ich bin«, Miakus heißt: »Ich selbst«, Vatterale ist ein Anagramm aus Ravalette und jeder Schuljunge hätte euch sagen können, daß Ettelavar die Umkehrung dieses Namens ist – dieses Namens, der bedeutet: »der Geheimnisvolle«. Für dich, Beverly, bin ich all dies gewesen. Sieh mich jetzt als das, was ich wirklich bin!« Damit ging er abermals um den Schirm herum und erschien als ein kleiner alter Mann, der vom Kopf bis zum Fuß in flammendes Rot gekleidet war.

»Der Vampir: Dhoula Bel!« schrien Beverly und Im Hokeis zugleich.


Was während der nächsten halben Stunde vorging, läßt sich hier nicht schildern; ich bemerke nur, daß Beverly nach Verlauf dieser Zeit in einen tiefen Schlaf gefallen war, und zwar offenbar aus freiem Willen. Das Folgende wird in dem nächsten und letzten Kapitel dieses Werkes zu lesen sein.


9. Kapitel
DER SCHLAF SIALAM

Tief war das Schweigen, selbst unser Atem hatte aufgehört. Rasch schlugen unsere Herzen und unsere Augen waren voll Tränen; denn Großes ging vor.

Die Glieder steif und kalt von den Dämpfen der Auflösung, das Gesicht bleicher als der Tod, Herz und Puls vollkommen unhörbar, die Augen weit geöffnet und so weit nach oben gedreht, daß nur noch das Weiße zu sehen war, so saß mein Freund Beverly in einem großen Lehnsessel.

Was wir hier sahen, war kein mesmerischer Schlaf. Innerhalb fünf Minuten machte sich auf dem Gesicht des Schläfers eine Veränderung bemerkbar; er wurde erleuchtet, wie wenn seine Seele in diesem Augenblick die unaussprechliche Glorie des Jenseits sähe.

Er sagte: »Jetzt!«

Bei diesem Worte wurde die Tür des Zimmers leise geöffnet und zwei Männer traten herein und wollten sich eben niedersetzen, als der Kommissär rasch aufstand, militärisch grüßte und rief: »Der Kai…«

»Still!« sagte der Angeredete, »hier sind alle Fremde!« dann wandte er sich an Dhoula Bel, mit dem er sehr vertraut zu sein schien, und fragte: »Endlich?«

»Endlich!« antwortete dieser, worauf die Neuangekommenen sich auf zwei Stühlen niederließen.

Das Ganze war so völlig aller Berechnung entgegengesetzt verlaufen, die Ereignisse hatten eine so absolut unerwartete und plötzliche Wendung genommen, daß ich mich über diesen neuen Zwischenfall nicht mehr wunderte, sondern nur beschloß, sorgsam das Resultat abzuwarten, was es auch sein möchte. Natürlich glaubte ich, daß der Neuangekommene nunmehr die Leitung des Vorganges in die Hand nehmen werde. Dies geschah aber nicht, denn Dhoula Bel, wie ich ihn von nun an nennen will, wandte sich an den kleineren der beiden und sagte:

»Warum sucht Ihr mich zu besiegen? Vor vielen Jahren fand ich Euch als Lehrling der Magie in Eurem einsamen Gefängnis, wohin Ihr gesteckt worden wart, weil Ihr in zwei Fällen Mißerfolg gehabt hattet. Ich half Euch, gab Euch Freiheit, Macht und Ansehen und setzte Euch auf den stolzesten Thron der Erde, ich machte Euch berühmt und gefürchtet. Für Euch habe ich Britannien erniedrigt, für Euch habe ich eine Jahrhunderte alte Macht gebrochen – das Papsttum – für Euch habe ich Österreich zerrissen und ein neues Reich auf der Erde errichtet, für Euch habe ich den fürchterlichsten Krieg entfacht, den die Welt je gesehen hat, für Euch habe ich ein Volk von Brüdern in zwei feindliche Lager geteilt, von denen jedes nach dem Blute des andern dürstete. Und während Ihr das schweigende Werkzeug wart, habe ich Euch die Worte eingegeben und die Drähte regiert, mit denen die Welt beherrscht wird, und habe nichts dafür verlangt und doch seid Ihr nun hier, um meinen Plan zu durchkreuzen, obwohl ich doch immer Euer Freund gewesen bin. Warum tut Ihr dies?«

»Ich gebe zu – ich weiß keinen Grund dafür. Ich bin ein Mann des Schicksals!«

»Soll ich es enthüllen?«

»Ich habe keine Lust dazu.«

»Gut, ich gedulde mich; aber laßt diesen Schläfer es sagen!«

»Ich bin einverstanden. Befragt ihn. Dies ist die Stunde, auf die ich seit langem gewartet habe. Laßt das Orakel sprechen.«

»Hört mir zu«, sagte da der größere der beiden Eindringlinge. »Ihr seid beide nur Werkzeuge einer höheren Macht gewesen und obwohl sogar ich, der Fremde, jeden von euch getäuscht habe, wurde doch mein Tun beschlossen. Das Drama von Jahrhunderten wird heute zu Ende gehen. Keiner von uns kann seine eigene Zukunft lesen: Nur einen gibt es auf der Erde, der es kann und nur eine Stunde gibt es, in der es geschehen kann. Der Mann ist da, die Stunde ist gekommen. Nicht mit dem magnetischen Hauch hysterischer stammelnder Somnambulen, nicht mit dem prahlerischen Vertrauen selbstgefälliger Erforscher apokrypher Regionen, die nicht existieren, sondern in einer einfachen reinen Vision wird dieser Schläfer den Horizont der Zukunft rein fegen und unserem Blick enthüllen. Daher seid ruhig und haltet Frieden, bis das mystische Buch gelesen ist.«

Dann wandte er sich an Beverly und sagte: »Was siehst du, o Seele? Sieh zu! Was siehst du von Frankreich und seinem Herrscher?«

»Frankreich wird noch eine Revolution durchzumachen haben. Sie wird in Wasser beginnen und in Blut und Feuer endigen! Aber das Ende wird aufgeschoben werden. Krone, Zepter, Dynastie – alles wird von der unwiderstehlichen Flut der politischen Umwälzung hinweggespült werden und die letzten Adeligen und Priester werden das Schicksal der letzten gekrönten Häupter teilen – Verbannung und Tod.«

»Was siehst du von den anderen Nationen?«

»Preußen wird unter einer neuen Regierung ein Vaterland für sein Volk werden; Belgien, Holland und andere germanische Länder werden mit jetzt schon bestehenden Reichen vereinigt werden. Spaniens Nacht zieht näher – seine Kolonien werden sich in schwarze Republiken verwandeln und es im Stiche lassen, bis es wie Rom ein Teil des großen italienischen Reiches wird. Österreich wird geteilt werden, Ungarn und Polen werden sich verbünden und eine neue Großmacht bilden. Die Türkei wird in die Hände der Griechen übergehen und Syrien in die der Russen. England wird Kanada, Indien, Oregon und Irland verlieren und dieses letztere wird eine Republik werden. Die Vereinigten Staaten werden Kanada, Mexiko und das ganze britische Amerika in sich aufnehmen – seine schwarzen Rassen werden ein Reich gründen, das sich unter der Herrschaft einer Reihe von Präsidenten von seinen südlichen Grenzen bis nach Brasilien erstrecken wird. Das von den Taipings christianisierte China wird die erste Macht im Osten werden und Japan und viele andere kleinere Staaten verdunkeln. Indien wird ein Kaiserreich, Australien eine Republik werden. Und all dies wird geschehen, innerhalb 63 Jahren von dem siebenten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts an gerechnet.«

»Jetzt, Prophet, was siehst du für dich selbst?«

»Raschen Tod, Befreiung von Sorge, das Schicksal aller Menschen, und ein verhältnismäßiges Glück – auf der andern Seite der Zeit.«

»Was siehst du fürs Rosenkreuzertum?«

»Nach vielen Jahren wird ein großer Mann sich erheben – ein Deutscher, ein Preuße – der den Weg bereiten wird für einen Größeren von derselben Nation und dieser wird dann diese Lehre der Welt erklären und er wird für Europa der Mann des Jahrhunderts sein und er wird eine ungeheure Macht ausüben. Denn er wird Könige und Kaiser stürzen und die Freiheit des Volkes erkämpfen. Um diese Zeit wird in der westlichen Welt ein größerer Mann aufstehen, als die Welt ihn je seit Beginn der Zivilisation gesehen hat. Er wird in gewissem Sinne für die intellektuelle und philosophische Welt das sein, was Gautama Buddha – der Gesegnete! – für Indien war, Platon für Griechenland, Thutmosis III. für Ägypten, Moses für die Juden, Mohammed für Arabien, Luther für Europa und Columbus für die Neue Welt, aber er wird größer sein, als sie alle und mächtiger im Guten als irgendeiner. Er wird rasch ans Werk gehen und sein Erscheinen wird das Zeichen für eine religiöse, politische, soziale, moralische und philosophische Erhebung sein, wie sie die moderne Welt noch nie erlebt hat. Er wird kühn die großen Lehren des dritten und höchsten Tempels des Rosenkreuzes verkünden; und seine Jünger werden sein wie der Sand am Meere und ihre Lehren werden so unwiderstehlich sein wie seine Wogen. Er wird sein Werk selbst beginnen, bevor dieser ganze Aufstand der menschlichen Sklaverei beendet sein wird. Beachtet dies wohl!«

Bei diesen Worten des Schläfers schien der kleinere der beiden Fremden verwirrt zu werden, denn er rief aufspringend:

»Dann wird also die Laufbahn dieses Mannes meiner eigenen ähnlich sein?«

»So wie das Feuer dem Eise gleicht. Seine Laufbahn wird friedlich sein. Sein Pfad wird von keinem einzigen Tropfen Blut befleckt sein, kein Verstümmelter wird ihn verfluchen, keine Witwe, keine Waise wird nach Rache schreien, noch auch wird die Unwissenheit des Volkes den Hebel seiner Macht bilden oder das Instrument, mit dessen Hilfe er sich auf den Thron schwingen wird.«

»Aber ich bin stark! – Mexiko! – Kaiserreich! – Die lateinische Rasse! – Die Kirche! – Maximilian! – Was kann diese Kette brechen, wenn ich ihr noch das letzte Glied hinzufüge?«

»Das Schicksal! Der Hauch der Vereinigten Staaten wird sich bald wie eine Wolke auf Frankreich und das neue Reich legen, wenn aber diese Wolke sich erhebt, werden zwei Dynastien für immer verschwunden sein!«

»Zum Teufel –«, rief der Fragesteller und stampfte mit dem Fuße, während er mit den Zähnen in dämonischer Wut knirschte.

»Es wird zwei verfluchte Nationen geben, wenn dieser Vorsatz ausgeführt wird«, sagte der Schlafende mit melodischer Stimme und so ruhig, daß es eher schien, als spreche er vom Gewinn und Verlust eines Spiels als von dem Schicksal von Königreichen.

Für einen Augenblick herrschte Schweigen; dann sagte Dhoula Bel:

»Und nun mein Los? Was, o Schläfer, siehst du über mir?«

Der Seher lächelte mild und streckte seine Hand gegen ihn und den großen Mann aus. Sie traten näher und ergriffen sie.

»Die Feindschaft von Jahrhunderten ist zu Ende!«

»Sie ist zu Ende!« wiederholte der Große.

»Sie ist zu Ende! Dein Werk ist getan – und das meine – und das deine –«, sagte der Seher, bei den letzten Worten auf Ravalette deutend. »Von nun an ist Ruhe für die Müden – ist Ruhe für dich! Wir drei sind nicht länger verurteilt, auf Erden zu wandeln – wir verlassen sie! Unsere Pfade gehen jetzt auseinander. Über unseren Häuptern stehen die Worte:

Ihr könnt dennoch glücklich sein!«

»Dem Himmel sei Dank!« sagte Dhoula Bel.

»Dem Himmel sei Dank!« wiederholte der Fremde.

»Es ist zu Ende!« sagte Beverly. Während er noch sprach, trat Dhoula Bel hinter den Schirm und gleich darauf ertönte der scharfe Knall einer Schußwaffe, begleitet von einigen in nicht sehr gewähltem Französisch ausgestoßenen Flüchen.

Ich stürzte mit dem Kommissär an die Tür und fragte, was vorgefallen sei.

»Bei den heiligen Evangelisten! Ich habe gerade auf seinen Kopf gezielt und habe um keinen Zoll gefehlt!« schrie der Sergeant.

»Und ich habe ihn mitten in den Kopf getroffen, aber es hat ihm nicht das geringste gemacht!« sagte ein anderer.

»Und ich habe ihm zwei Kugeln in die Brust gejagt, auf zehn Zoll Entfernung, und der Teufel soll mich holen, wenn nicht alle beide auf mich zurückgeflogen sind,« rief ein dritter.

»Und ich will schwören, daß er nicht durch die offene Tür kam, denn sie war fest verschlossen und ich habe meine Hand keine Sekunde von dem Riegel genommen!« beteuerte ein vierter.

»Es war der Teufel!« ächzte ein fünfter.

»Oder einer seiner Kobolde!« der sechste.

»Ich will tausend Eide schwören, daß er bei mir hier an der unteren Treppe nicht vorbeigekommen ist!« bemerkte der siebente Mann.

»Kommt alle hier in das Zimmer und berichtet, was geschehen ist!« Mit diesen Worten machte der Kommissär den Ausrufen ein Ende.

»Erinnern Sie sich noch, daß Sie mir sagten, ich sollte einen gewissen Herrn nicht hinausgehen lassen, selbst wenn ich auf ihn schießen müßte?« fragte der Sergeant, als er eingetreten war.

»Gewiß. Erzählen Sie weiter!«

»Nun, das erste, was ich weiß, ist, daß dieser Herr plötzlich außerhalb der Tür stand und mir Gesichter schnitt und die Zunge herausstreckte und höhnte: ›Ich gehe hinaus, Monsieur!‹ ›Wirklich?‹ ›Natürlich: Sie sehen es ja!‹ Und damit schritt er gerade auf die Treppe zu und vier von uns packten ihn, auch ich war dabei. Haben Sie je eine heiße Kartoffel aufgehoben? Gerade so war es. Wir vier haben diesen Mann so schnell wieder losgelassen, als wäre er wirklich eine. Wir hatten genau das Gefühl, das man hat, wenn man eines jener verfluchten elektrischen Dinger mit den Drähten daran anfaßt, die einem den Blitz in die Glieder jagen, ehe man drei zählen kann. Wir ließen also den Herrn sehr schnell wieder los und er lief zwei oder drei Stufen hinab und lachte uns aus, was mich wütend machte, so daß ich auf ihn feuerte. Auch die anderen taten es, aber wir hätten ebenso gut versuchen können, einen Schatten zu töten. Meine Herren, der Mann ist im Rauch unserer Schüsse verschwunden! In sichtbarer Gestalt ist er nicht hinausgegangen!«

Während dieses Berichtes hatte ich beschlossen, nachzusehen, ob Dhoula Bel tatsächlich das Zimmer verlassen hätte, und ging daher an das Fenster und sah hinter den Schirm. Niemand war dahinter oder in der Nähe. Ich kehrte zurück, sagte aber nichts und ließ mich wieder auf meinen Stuhl nieder.

»Seid Ihr dessen sicher, was Ihr uns berichtet habt, daß Ihr völlig wach seid und nicht träumt?« fragte der Kommissär.

»Ebenso sicher, wie er nicht in diesem Zimmer ist!«

»Das zeigt wieder einmal, wie leicht die Leute zu täuschen sind«, sagte da eine Stimme hinter dem Bettschirm und gleich darauf trat Dhoula Bel selbst hervor in die Mitte des Zimmers und nachdem er spöttisch mit dem Finger auf den Sergeanten und seine Leute gedeutet hatte, kehrte er wieder hinter den Schirm zurück.

Mein Haar sträubte sich vor Entsetzen. Die sieben wackeren Franzosen aber stürzten vor und riefen: »Aber jetzt haben wir dich, Mensch oder Teufel!« Damit warfen sie den Schirm um, aber –

Niemand war dahinter.

Der Sergeant stürzte, wie von einer Kugel getroffen, zu Boden.

Entschlossen, mich selbst vor jeder Überraschung zu schützen, blieb ich sitzen und beobachtete den Fremden und seinen Gefährten. Der letztere stand auf, ging auf Hokeis und seine Tochter zu, die während dieser ganzen Szene schweigend und wie gebannt dagesessen hatten, und sprach leise einige Worte mit ihnen.

Während dessen ging der große Fremde in das andere Zimmer und als ich nach etwa 12 Sekunden mich erhob und ihm folgte, war auch er verschwunden!


Am nächsten Tage wurde in Paris eine Hochzeit gefeiert. Ein Sohn Adams hatte sich mit einer Tochter Ichs vermählt.

Zwei Wochen später brachten wir einen Kranken nach den Bädern der Schweiz. Wir blieben drei Monate dort und brachten ihn, da sein Befinden sich verschlimmert hatte, nach Paris zurück.


Drei Monate vergingen. Ein Leichenzug wand sich durch die Wege des Père-la-Chaise. Ein Sarg wurde in ein neues Grab gesenkt. An seinem Rande aber stand ein alter grauhaariger Mann, der ein schönes, gramzerrissenes Weib stützte. – Sie war erst vor kurzem Frau geworden.


Vier Monate: Es war am Vorabend meiner Abreise von Frankreich. Ich ging nach dem Friedhof und saß eine Stunde lang bei einem Grabstein, auf dem die Worte standen:

BEVERLY
Der Rosenkreuzer
»Ich erstehe neu aus meiner Asche«


Über dem Ozean. Ich betrat mein Vaterland wieder. Ich habe mich den Kenntnissen gewidmet, die mir mein Freund übermittelt hat.


Als ich gestern abends von der Rosenkreuzerloge, der ich angehöre, heimkehrte, sprach ich bei einer befreundeten Dame in der x-ten Avenue vor. Sie hielt ein reizendes kleines Kind in den Armen – »ein Knabe«, sagte sie, »ist er nicht schön? Gleicht er nicht seinem Vater?«

»Er gleicht ihm wundervoll«, erwiderte ich, »wie heißt er denn?«

»Osiris Budh! Ein seltsamer Name, nicht?«

»Sehr seltsam!« antwortete ich, als ich ging, »sehr seltsam!«


Consummatum est.