ZWEITES BUCH

1. Kapitel
ÜBER DIE ROSENKREUZER

Es ist nicht meine Absicht, alle Abenteuer Beverlys zu erzählen, noch seine Spuren in Ägypten, Syrien, der Türkei oder in Europa zu verfolgen. Mehr als eine lange Reise unternahm ich mit ihm und gelegentlich verlor ich ihn wohl auf Monate aus den Augen, aber durch die seltsamsten Zufälle trafen wir uns immer wieder, bald auf der Spitze der großen Pyramide von Giseh, bald in den Wüsten von Dongola und Nubien, dann in einem französischen Café oder in den Säulenwäldern von Karnak oder Theben. An der Existenz der Brüderschaft vom Rosenkreuz zweifelte ich ebenso wie an allem, was Beverly über ihre Macht erzählte, obwohl ich über die berühmte Brüderschaft schon viel gehört und noch mehr gelesen hatte.

Auf meinen zahlreichen Reisen begegnete ich immer wieder Pseudoadepten des Rosenkreuzordens, die eine klägliche Unwissenheit hinsichtlich der elementarsten Dinge der wirklichen Brüderschaft an den Tag legten.

Unter dem Buchstaben ›R‹ findet man in der ›American Encyclopedia‹ für das Wort ›Rosicrucians‹ folgende Erläuterung: ›Mitglieder einer Gesellschaft, deren Existenz zu Anfang des 17. Jahrhunderts bekannt wurde. Ihr Zweck war offenbar die Reform der Kirche, des Staates und der Menschen überhaupt. Eine nähere Untersuchung ergab aber, daß ihr wirkliches Ziel die Entdeckung des Steins der Weisen war. Ein gewisser Christian Rosenkreutz, der angeblich lange Zeit unter den Brahminen lebte, soll den Orden im 14. Jahrhundert gegründet haben, doch glaubt man, der wirkliche Gründer sei ein gewisser Andreä, ein deutscher Gelehrter zu Beginn des 16. Jahrhunderts, gewesen. Ihm wird die Absicht zugeschrieben, die durch die scholastische Philosophie entweihte Religion zu reinigen. Andere vermuten, daß er lediglich einer schon vor ihm von Cornelius Agrippa von Nettesheim gegründeten Gesellschaft einen neuen Charakter verlieh. Der Schriftsteller Krause sagt, daß Andreä von frühester Jugend an sich mit dem Plan einer geheimen Gesellschaft zur Hebung des Menschengeschlechts getragen habe. Im Jahre 1614 veröffentlichte er seine berühmte ›Reformation der ganzen Welt‹ und seine ›Fama Fraternitas‹. Christliche Enthusiasten und Alchimisten glaubten die in diesen Büchern geschilderte poetische Vereinigung und so wurde Andreä der Vater der späteren Rosenkreuzer-Brüderschaften, die sich über Europa verbreiteten. Nachdem noch eine Reihe von Büchern über das Rosenkreuzertum erschienen war, geriet die Sache in Vergessenheit, bis das allgemeine Interesse in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts wieder erwachte, und zwar infolge der Auflösung des Jesuitenordens und des Bekanntwerdens seiner Machinationen sowie der Betrügereien Cagliostros und anderer berühmter Schwindler.‹

Soviel von dem Naseweis, der diesen Artikel der ›American Encyclopedia‹ schrieb. Demgegenüber zitiere ich wörtlich Seite 132 bis 135 aus der Autobiographie Heinrich Jung-Stillings, späteren Hofrats des Großherzogs von Baden (London 1858), folgendes:

›Eines Morgens im Frühjahr 1796 kam ein hübscher junger Mann in einem grünseidenen Plüschrock, der auch sonst gut gekleidet war, in Stillings Haus in Ockershausen. Er stellte sich in einer Weise vor, die eine gebildete und adelige Erziehung verriet. Stilling fragte ihn nach seinem Namen und erfuhr, daß es der bekannte … sei. Stilling war über den Besuch erstaunt und sein Erstaunen wuchs in der Erwartung dessen, was dieser rätselhafte junge Mann ihm mitzuteilen haben möchte. Nachdem sie sich beide gesetzt, begann der Fremde seine Erklärungen, indem er den Wunsch aussprach, Stilling wegen einer Augenkranken namens P. zu konsultieren. Der wirkliche Zweck seines Besuches bedrückte ihn jedoch so sehr, daß er plötzlich zu weinen begann, erst Stillings Hand, dann seinen Arm küßte und sagte: ›Mein Herr, sind Sie nicht der Verfasser der ›Nostalgia‹?‹ ›Gewiß.‹ ›Dann sind Sie also einer meiner geheimen Vorgesetzten?‹ (In der Großen Loge vom Rosenkreuz.) Hier küßte er wieder Stillings Hand und Arm und weinte fast laut. Stilling antwortete: ›Nein, mein lieber Herr, ich bin weder Ihr noch sonst jemands geheimer Vorgesetzter. Ich bin in keiner wie immer gearteten geheimen Verbindung.‹ Der Fremde sah ihn starren Auges und mit innerer Erregung an und entgegnete: ›Teuerster Freund, hören Sie auf, sich zu verstellen! Ich bin lange und streng genug geprüft worden. Ich dachte, Sie kennen mich schon!‹

›Nein, Herr, … ich versichere Ihnen feierlich, daß ich keiner geheimen Gesellschaft angehöre und tatsächlich von all dem, was Sie da sagen, nicht das Geringste verstehe.‹

Diese Worte waren zu ernst und streng gesprochen, als daß sie den Fremden noch länger in Ungewißheit hätten lassen können. Die Reihe, erstaunt und bestürzt zu sein, war jetzt an ihm. Er fuhr fort: ›Aber dann sagen Sie mir doch, wie es kommt, daß Sie die große und verehrungswürdige Verbindung im Osten so genau kennen und sie in der ›Nostalgia‹ so umständlich beschrieben haben, wobei Sie sogar Ihre Versammlungsorte in Ägypten, auf dem Sinai, im Kloster von Canobia und unter dem Tempel in Jerusalem erwähnten?‹ ›Ich weiß nichts von all dem‹, erwiderte Stilling, ›diese Ideen stellten sich meinem Geiste in sehr lebendiger Form dar. Das Ganze ist also nichts als Fabel und Erfindung.‹

›Verzeihen Sie, aber die Dinge, die Sie schildern, entsprechen der Wahrheit und Wirklichkeit. Es ist erstaunlich, daß Sie dies entdeckt haben – das kann doch nicht durch Zufall geschehen sein!‹ Der Fremde erzählte nun Einzelheiten von der Vereinigung im Osten. Stilling war über alle Maßen erstaunt, denn er hörte da merkwürdige und außerordentliche Dinge, die jedoch derart sind, daß sie nicht veröffentlicht werden können. Ich stelle lediglich fest, daß das, was Stilling von dem Fremden erfuhr, durchaus keinen Bezug auf politische Angelegenheiten hatte.‹

Um dieselbe Zeit schrieb ein bekannter mächtiger Fürst an Stilling und fragte ihn, ›wie es komme, daß er so genau über die Gesellschaft im Osten Bescheid wisse, denn diese sei tatsächlich genau so beschaffen, wie er sie in seiner ›Nostalgia‹ beschrieben habe.‹ Die Antwort war natürlich dieselbe wie die, die er dem eben erwähnten Fremden mündlich gegeben hatte. Stilling hat noch mehr Erfahrungen dieser Art gemacht, die ihm bestätigten, daß seine Einbildungskraft genau mit den wirklichen Tatsachen übereinstimmte, ohne daß er vorher die geringste Kenntnis oder auch nur Ahnung davon gehabt hätte. Stilling stellt keine Betrachtungen über die Sache an, sondern läßt sie auf sich beruhen und betrachtet sie als eine Fügung der Vorsehung, deren Absichten ihn in ganz bestimmter Richtung führten. Die Entdeckung des Rosenkreuzer-Geheimnisses im Orient ist jedoch für ihn von großer Wichtigkeit, weil sie Beziehung hat zu dem Reiche Gottes. Vieles bleibt freilich im dunkeln, denn Stilling hörte später von einer angesehenen Persönlichkeit Verschiedenes über eine asiatische Gesellschaft ganz anderer Art. Es bleibt noch zu erklären, ob es sich um zwei verschiedene Vereinigungen handelte oder ob beide identisch sind. So weit Jung-Stilling. Erst kürzlich erfuhr ich von der Existenz von Rosenkreuzer-Logen in unserem Lande und erhielt verschiedene Nachrichten über die Brüderschaft, von denen ich die folgenden sieben Paragraphen betreffend die exoterische oder äußere Tätigkeit des Tempels zu veröffentlichen ermächtigt wurde.

DIE ROSENKREUZER
Wer und was sie sind
EHRE, MANNHEIT, GÜTE
VERSUCH'S!

I. Wir Rosenkreuzer sind eine Körperschaft gutgesinnter Männer, die unter einer großen Logenverfassung wirken. Sie leiten ihre Macht und Autorität von dem ›Königlichen Dom‹ des ›Dritten Hohen Tempels‹ des Ordens ab. Die große Loge und der Große Tempel erteilen die Bewilligung zur Gründung von Hilfslogen, und zwar an jedem beliebigen Ort innerhalb der Grenzen ihrer Rechtsprechung.

II. Alle Rosenkreuzer sind praktisch tätige Menschen, die an Fortschritt, Gesetz, Ordnung und Selbsterziehung glauben. Sie glauben fest, daß Gott denen hilft, die sich selbst helfen; daher ist ihr Wahlspruch das Wort: Versuch's! Sie glauben, daß dieses kleine Wort eine gewaltige Brücke werden wird, über die der Mensch vom Schlechten zum Guten und vom Guten zum Besseren wandelt, von der Unwissenheit zur Erkenntnis, von der Armut zum Wohlstand, von der Schwäche zur Macht.

III. Unsere Gesellschaft ist über die ganze Welt verbreitet und die Zahl unserer Niederlassungen ist in ständigem Wachstum begriffen. Wir wollen Menschen hohen Geistes den Verkehr mit Gleichgesinnten ermöglichen. Da außer der unseren keine andere derartige Organisation besteht, gibt es unter denen, die uns noch nicht kennen, viele, die durch ihre Vereinsamung leiden. In unseren Logen finden solche Männer alles, was sie suchen und noch mehr. In unseren wöchentlichen Zusammenkünften wird eine edle Geselligkeit gepflegt. Die besten Gedanken werden vorgebracht und die echteste menschliche Freude wird ausgekostet.

IV. Jeder Rosenkreuzer ist jedem anderen Rosenkreuzer auf der weiten Welt bekannt und sein geschworener Bruder, und als solcher verpflichtet, ihm jede mögliche erlaubte Hilfe zu gewähren. Jeder kann zu einem, zwei oder drei Graden gewählt werden; wenn er einmal ein wahrer Rosenkreuzer geworden ist, ist es nahezu unmöglich, daß er späterhin einmal in Not gerät, denn in allem, was gerecht ist, wird ihm Schutz gewährt, solange er ein würdiger Bewohner des Tempels bleibt. Es herrschen die Wahlsprüche: ›Versuch's!‹ und ›Exzelsior!‹

V. Die Ordensmitglieder zahlen eine Eintrittsgebühr und einen monatlichen Beitrag von einem Dollar. Dafür genießt jedes Mitglied die Vorteile guter Lektüre und wissenschaftlicher Bildungsmittel und eines namhaften Krankengeldes. Ebenso wird für ein standesgemäßes Begräbnis gesorgt, Witwen und Waisen werden vom Orden unterstützt.

VI. Der Orden ist eine Schule der höchsten und besten Kenntnisse, die die Erde überhaupt gewährt. Er überragt alle anderen wohltätigen Gesellschaften, denn er ist nicht nur eine wechselseitige Schutzgesellschaft, sondern er strebt noch nach weit höheren und edleren Zielen – von denen nur einige wenige, sehr wenige, in diesem Büchlein angedeutet sind. Eines der vornehmsten Ziele der Brüderschaft ist es, eine Schule für Menschen zu sein, die Menschen einander nützlicher zu machen, indem man sie stärker, wissender und daher weiser und auch glücklicher macht. Als Rosenkreuzer erkennen wir den ungeheuren Wert von Sympathie, Mut, Ehrgeiz und Ausdauer an.

Nil mortalibus arduum est.

Es gibt keine Schwierigkeit für den, der ernstlich will!

Was immer Gutes und Großes von einem Menschen getan wurde, kann auch durch dich und durch mich ausgeführt werden, mein Bruder, wenn wir so denken und mit wahrem, tiefem Ernst darangehen. Versuch's! Wir proklamieren die Allmacht des Willens! Und wir erklären, daß der Wille des Menschen wie unsere eigenen Taten beweisen, eine erhabene und allerobernde Kraft ist, daß diese gewaltige Macht jedoch nur negativer Art ist, wenn sie ausschließlich zu selbstsüchtigen und eigennützigen Zwecken benützt wird; wird sie aber in die rechten Bahnen geleitet, so wird sie unwiderstehlich. Güte ist Macht. Daher verwenden wir unsere größte Sorge darauf, den normalen Willen zu bilden und ihn so zu einem kraftvollen, mächtigen Werkzeug für das positiv Gute zu machen.

Ein wahrer Rosenkreuzer lernt die Menschen so völlig durchschauen, als wären sie durchsichtig. Und diese Fähigkeit erlangt er nur durch die Tatsache, daß er Rosenkreuzer ist, und kein anderer kann sie je besitzen, er mag tun, was er will. Der Tempel lehrt seine Akolyten, wie diese königliche Kunst der menschlichen Seele, des Willens, zu erwerben, wie sie zu steigern, zu klären und auszudehnen ist.

VII. Die Tore unserer Logen sind ehrlichen und strebenden Menschen niemals verschlossen, noch kann irgendein irdischer Herrscher nur vermöge seines Ranges Zutritt erlangen; denn, mag er auch ein König sein, so braucht er deswegen kein Mann zu sein; dieser Titel steht weit über allen anderen auf der Erde. Wir Rosenkreuzer sind stolz auf unseren Rang, und zwar gerade deswegen, weil wir eine Brüderschaft von Männern sind, und Mannheit als wahres Königtum betrachten. Der Orden hat nichts mit Politik und Religion zu tun, und es ist gleichgültig, zu welchem Glauben sich einer bekennt, wenn er nur ein Mensch ist. Religiöse und politische Dinge dürfen bei uns nicht besprochen, ja nicht einmal erwähnt werden.

Man wird bemerkt haben, daß an diesen Bestimmungen nichts Magisches ist und doch zweifle ich nicht, daß die Mitglieder des Ordens seltsame Geschichten erzählen könnten, wenn sie wollten.

Viele, aber keineswegs alle Alchimisten und hermetistischen Philosophen waren Diener dieser großen geheimen Brüderschaft, die seit den ältesten Zeiten geblüht und unter verschiedenen Namen in verschiedenen Ländern ihre Mission vollendet hat und noch vollendet. Mitglieder dieser mystischen Vereinigung waren die alten Magier in Chaldäa in Mesopotamien. Mitglieder waren auch die ersten Sabäer, die lange vor den Weisen von Chaldäa lebten, ferner die Begründer der semitischen Kultur. Aus dieser großen Brüderschaft gingen Buddha, Lao-tse, Zoroaster, Platon, die Gnostiker, die Essäer und Christus selbst hervor – der ein Essäer war und die heiligen Lehren vom Berge des Lichtes predigte. Mitglieder waren ferner die großen Träumer und Dichter aller Jahrhunderte. Was immer an überirdischem Licht jetzt die Welt erleuchtet, kommt von den Fackeln, die sie an der Quelle alles Lichts entzündeten, auf jenem mystischen Berge, den zu erklimmen sie allein Mut und Ausdauer hatten; und sie erklommen ihn auf einer Leiter, deren Sprossen Jahrhunderte voneinander entfernt waren. Hermes Trismegistos, Ägyptens mächtiger König, war ein Adept und der andere Hermes (Asklepius IX.) ein Bruder. Ein Priester – wie Malki Zadek vor ihm – war jener berühmte präadamitische Monarch, jener Melchisedek, von dem man erzählte, er sei aus einem Gedanken geboren worden und habe unzählbare Jahrhunderte gelebt. Ebenso war es mit dem griechischen Mercurius. Ihrer war jene erstaunliche Gelehrsamkeit, in der Moses so bewandert war, und aus ihrem Brunnen trank der hebräische Josef. Nichts Ursprüngliches ist an der Thaumaturgie, Theologie, Philosophie, Psychologie, Entologie und Ontologie, was sie nicht der Welt gegeben hätten; und wenn je Philosophen glaubten, sie hätten neue Erkenntnisse und Wahrheiten gewonnen, so beweisen die Dokumente des Ordens, daß sie schon Menschenalter vor der adamitischen Zeitrechnung bekannt und das geistige Eigentum der Adepten waren.

Ich habe mich auf diese Bemerkungen und Erläuterungen eingelassen, einmal, um endgültig und autoritativ die schwierige Frage nach dem Wesen des Rosenkreuzertums zu lösen und dann, um auf das Folgende helleres Licht zu werfen.


2. Kapitel
WER WAR ES? – WAS WAR ES?

»Ich machte meine geplante Reise«, sagte Beverly eines Tages zu mir, »und kehrte weiser zurück, als ich ausgegangen war, aber der Erfüllung meiner hauptsächlichsten Hoffnung war ich nicht näher gekommen.« Ich hatte in der Stadt Boston eine medizinische Praxis auszuüben begonnen und bewohnte ein Bureau, das im Rufe stand, von den aufgestörten Geistern verschiedener Personen heimgesucht zu werden, die durch einen seltsamen Einfluß dorthin gezogen wurden. Ich lachte darüber und machte mich über die Behauptungen ganzer Scharen sogenannter Somnambuler lustig, die diese leichtbeschwingte Gesellschaft gesehen zu haben versicherten.

Da kam an einem stürmischen Tag bei stürmischem Schneetreiben eine Dame zu mir, um mich wegen einer skrophulösen Erkrankung ihres Kindes zu konsultieren. Damals genoß ich einen bedeutenden Ruf auf diesem Spezialgebiet, denn ich hatte wenige Monate vorher für diese Art von Leiden eine besondere Behandlungsweise eingeführt. Nachdem ich meiner ärztlichen Pflicht genügt, erhob ich mich und dachte, die Dame würde das Zimmer verlassen. Sie traf jedoch keine Anstalt, sich zu verabschieden, sondern wünschte mit mir über spiritistische oder ähnliche Themen zu debattieren, was ich aus angeborener Abneigung gegen Blaustrümpfe respektvollst ablehnte. Doch besaß sie alle Eigenschaften eines guten Klebepflasters, und ich konnte mich unmöglich von ihrer Gesellschaft befreien. Dabei erklärte sie, sie sehe beständig die Toten und unterhalte sich mit ihnen und wolle auch gerne Proben ihrer Befähigung in dieser Richtung liefern. Nach diesen Worten wurde sie sofort von einem äußerst heftigen Zittern befallen, das von krampfartigen Zuckungen und Konvulsionen begleitet war. Ich hatte so etwas geahnt und war daher über ihren Zustand nicht sehr bestürzt, ging aber doch in das Hinterzimmer, holte mir einen Stuhl und setzte mich nieder, um weitere Vorführungen abzuwarten. Diese ließen nicht lange auf sich warten, aber was da von einem Etwas, das meine Mutter zu sein behauptete, an Ratschlägen und Ermahnungen an mich gerichtet wurde, war nichts als Wortgeflunker und Gemeinplätze. Diese meine angebliche Mutter schien z. B. ihren Namen vergessen zu haben, ebenso wie meinen eigenen, und wann und wo sie aus dem Leben geschieden war. Ich war vollkommen sicher, daß es nicht meine Mutter sein könne, war aber anderseits ebenso überzeugt, daß Mrs. Graham nicht bewußt die Rolle einer Betrügerin spielte. Ich erklärte mir das Phänomen mit der Rosenkreuzerischen Theorie – die mir damals noch ganz neu war –, daß sie von einer anderen Individualität, die ihrer eigenen durchaus fremd war, besessen sei. Für mich war es sehr bald klar, daß sie wie tausend andere unter dem Einfluß und der Herrschaft eines Willens stand, der tausendfach stärker war als der irgendeines menschlichen Wesens, das je auf dieser Land- und Wasserkugel einen Körper bewohnte, eines höchst intelligenten, mächtigen, unsichtbaren und vollkommen gewissenlosen Wesens, das nichts Menschliches mehr an sich hatte.

Die Dame kam nach einigen Minuten wieder zu sich und ich setzte ihr freimütig meine Meinung auseinander. Sie war ihr neu und sie war sichtlich erstaunt. »Keine menschlichen Wesen, aber intelligent? Ein intelligentes Ding und arglistig? Es ist entsetzlich! Fürchterlich! Was ist denn dann dieses Ding? Ein Engel? Nein! Ein Teufel? Wenn ja, woher kommt es? Warum? Zu welchem Zweck?«

Wir plauderten mehr als drei Stunden lang. Die Stimmung meiner Besucherin wurde zuletzt wirklich erregt, denn ich holte noch einmal meine Rosenkreuzerlehre hervor. Schließlich sagte sie: »Gibt es wirklich im Universum intelligente, aber unsichtbare Wesen, anders geartet wie die Menschen – das ist die Frage?«

»Natürlich gibt es solche Wesen! Myriaden!« rief eine klare, männliche Stimme in den Raum hinein. Die Dame konnte es nicht sein, die etwa so auf ihre eigene Frage geantwortet hätte und ich war es erst recht nicht. Nach sekundenlangem Zögern wandte ich mich dem Sprecher zu, der mir als ein magerer, seltsam blickender, runzliger, alter Mann in der Erinnerung haftet, mit merkwürdigen kleinen, scharfen, grauen Augen. Er sah halberfroren aus und benahm sich auch so, denn er begann gemächlich seine Hände über meinem Laboratoriumsofen zwischen der Tür und der Wand zu wärmen. Die Dame schien von der unerklärlichen Gegenwart dieses eigentümlichen Eindringlings nicht überraschter zu sein als ich.

»Ich bin nicht ganz sicher,« erwiderte ich auf die Worte des Alten, »ob es wirklich solche Wesen gibt.«

»Dann sind Sie ein größerer Narr als ich je einen gesehen habe. Guten Abend!«

Und er bewegte sich langsam gegen die Tür zu, an der mein Stuhl stand.

»Gehen Sie noch nicht, ich wünsche noch Aufklärung von Ihnen«, sagte die Dame. »Meinen Sie nicht auch?« wandte sie sich dann an mich, während sich auf ihrem Gesicht, besonders in ihren Augen, ein auffallender Ernst ausdrückte. »Ich glaube, er sollte seine Behauptung beweisen und uns nicht in diesem Zustand der Ungewißheit lassen. Das ist grausam!« Und wie sie so sprach, traf ihr Auge das meine und blieb daran haften, wie wenn die sich treffenden Blicke aneinander gefesselt wären.

Es muß einen magischen Einfluß in der Seele geben, der nur bei sehr seltenen Anlässen in Wirksamkeit tritt; warum hätte sonst ihr Auge meinen Blick für zehn Minuten so gebannt, daß ich mich nicht bewegen konnte? Endlich war dieser faszinierende Zauber vorüber, ich wandte meine Augen ab und antwortete:

»Gewiß; er sollte es uns erklären; und natürlich werden Sie«, so suchte ich den Mann zu überreden, »es gerne erklären …« Aber: Es war niemand mehr da! Keine Spur, daß er jemals dagewesen war. Er war fort – vollständig verschwunden – nicht durch das Fenster, denn von dort waren siebzig Fuß bis zur Straße – außerdem war es vor etwa vier Monaten unten zugenagelt worden – auch nicht durch die Tür, denn mein Stuhl und mein Rücken versperrten sie!

Mein Besuch fiel in Ohnmacht und stürzte vornüber zu Boden.


Ich wohnte damals in Charlestown und an jenem Abend erreichte ich mein Heim ziemlich früh. Nicht, daß ich Furcht empfunden hätte, o nein, aber weil mir meine Wohnung gemütlicher erschien als das Bureau; denn das Wetter war bitter kalt und windig. Immer fort traf den fröstelnden Wanderer, der seinen Weg dahintrabte, der Wind gerade ins Gesicht, gleichgültig, welche Richtung er gerade einschlug, denn ein Bostoner Schneesturm bläst immer von allen Seiten zugleich.

Es war ein schweres Stück Arbeit, des Abends die vier Meilen zu meiner Wohnung zu gehen, denn jeder Schritt mußte erst mühsam erkämpft werden.

Endlich erreichte ich mein Heim und setzte mich fröhlich zu einem üppigen Abendessen, bestehend aus Tee und geröstetem Brot, in meinem engen kleinen Wohnzimmer nieder.

Wie es draußen stürmte! Und wie warm und behaglich es in dem kleinen Hafen war, in dem ich eben Anker geworfen hatte!

Ich genoß gerade die zweite Tasse Tee und die zweite Brotschnitte zusammen mit meiner Zeitung, als plötzlich ein lautes, zweimaliges Klopfen an der Türe ertönte, ähnlich dem der englischen Briefträger, wenn sie Eile haben. Der Diener öffnete und mochte wohl denken, es sei jemand plötzlich krank geworden und ich solle ärztlichen Beistand leisten. Aber wie groß war mein Erstaunen als kein anderer als der kleine alte Mann von vorhin so gemütlich und nonchalant hereinspazierte, wie wenn er hier zu Hause wäre. Ich war wie vom Blitz getroffen. Er ging auf das Feuer zu und rief dabei aus:

»Welch einen Schrecken habe ich Ihnen und Ihrem Gaste heute nachmittag verursacht! Haha! Das war doch großartig, nicht?«

Ich antwortete ziemlich kurz und bündig: »Sehr!« – nichts weiter, denn ich fand keinen Geschmack an seinem Scherz. Überhaupt gefiel mir der ganze Mensch nicht. Nicht daß er mir verabscheuenswert oder verächtlich erschienen wäre, sondern einfach aus dem Grunde, weil ein gewisses Etwas an ihm war, vor dem mir graute.

Es ist allgemein bekannt, daß es eine der Hauptlehren der Rosenkreuzer ist, das leibliche Leben könne auf zwei verschiedene Arten durch Menschenalter hindurch verlängert werden, einmal mit Hilfe des Lebenselixiers und dann durch den bloßen Willen. Im ersten Falle ist das Alter von Schönheit und Jugendkraft begleitet, im zweiten aber ist es ein Jahrhunderte währendes Greisentum.

Jetzt, in dieser stürmischen Nacht, fiel mir ein, als ich das verwitterte Wrack da vor mir ansah, dieser Mann könne einer jener Unglücklichen sein, die durch die zweite Methode eine unendliche Zahl von Jahren erlangt und infolgedessen alles Jugendfeuer, alles Gefühl, alle Liebe und alles Gewissen verloren haben. Ich schauderte bei dem Gedanken, daß dieses Schicksal vielleicht auch mir bevorstehen könne. Er bemerkte die Bewegung und ein Lächeln voll unaussprechlichen Hohns kräuselte dabei seine Lippen. Ich dachte schnell an etwas anderes.

Es ist Tatsache, daß nahendes Unheil seinen Schatten vorauswirft und von feinnervigen Menschen wahrgenommen werden kann. Und ein solches Vorgefühl, ein solcher Schrecken schien mich jetzt zu umschweben, schien in meiner Nähe irgendwo in einem Winkel zu kauern, um auf mich zuzukriechen und meine Seele zu packen, während der seltsame kleine Mann an meiner Seite stand. Es war ein aus Furcht und Schuldbewußtsein gemischtes Gefühl und doch hatte ich keine Schuld auf mich geladen.

Nachdem ich das Wort »sehr« ausgesprochen hatte, schwieg ich in dem Bestreben, den Schrecken, der mich befallen, zurückzudrängen, und versuchte, so unwillig wie möglich dareinzublicken, was der andere aber sogleich bemerkte, denn er trat näher, klopfte mir vertraulich auf den Rücken, goß sich eine Tasse Tee ein, trank sie aus und aß ein Brötchen dazu – womit übrigens das Problem, ob er ein Geist sei oder nicht, für mich gelöst war. Dann ließ er sich gemächlich in meinem Sorgenstuhl nieder, rieb seine kleine aufgebogene Nase mit seinen dünnen, bläulich-blassen Fingern und indem er sich plötzlich mit einem Ruck verbeugte, so daß er mir gerade ins Gesicht sah, lachte er herzlich und heulte dann mehr als er sang in den höchsten Fisteltönen, deren seine Stimme fähig war:

»Ach, wie heult der Sturm so traurig!
Komm, wir wollen lustig leben,
Und wir werden Dinge kennen, Dinge, nie gekannt zuvor!
Ich komme weit vom fernen Westen
Den Mann zu sehen, den ich am meisten liebe.
Glaub nicht, ich sei nur Laster und Verderben –
Ich will den Mittelpunkt der Schwere suchen –
Du aber wirst den Stein der Weisen finden.«

Und dann brach er wieder in ein so wildes und exaltiertes Gelächter aus, wie es kaum je ein Mensch gehört hat.

Ich kannte die paar Verse nicht, die er soeben gekrächzt, noch weniger wußte ich von dem Sänger und nicht im entferntesten dachte ich, daß diese Zeilen für mich die wichtigsten waren, die ich je vernommen hatte. Ganz allmählich und unmerklich begannen meine Vorurteile zu schwinden; ich plauderte mit ihm über verschiedene Gegenstände, und zwar fast vier Stunden lang. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, war es beinahe elf Uhr, als er aufstand, mir herzlich die Hand schüttelte und sagte, er werde jetzt gehen, wobei er aber versprach, wieder zu kommen, »wenn er mir zu dienen wünsche«; dann öffnete er die Tür und ging in einen der fürchterlichsten Stürme hinaus, die je die Küste der Bostonbay heimgesucht hatten. Es war seltsam: im tiefsten Winter war dieser Mann in einen ganz dünnen Anzug gekleidet, der nicht einmal für den Juni der nördlichen Gegenden ausgereicht hätte, geschweige denn für das schreckliche Wetter in der Nacht jenes 4. Februar, bei einer Kälte von 20 Grad unter Null.

»Allem Anschein nach ist er ein Mensch und der Mesmerismus gibt uns einen Schlüssel zur Lösung des scheinbaren Rätsels«, dachte ich; und mit dieser tröstlichen Überzeugung ging ich zu Bett und überlegte mir alles noch einmal, was er gesagt und getan hatte. Obwohl über seine eigene Person nur wenig gesprochen worden war, hatte ich doch soviel erfahren, daß er von Geburt ein Armenier namens Miakus war, was im Altchaldäischen »Priester des Feuers« bedeutet. Er sagte mir dies, als er sich niederbeugte, um die süße kleine Cora, mein Töchterchen, zu küssen, und als er dabei erwähnte, daß er Kinder sehr gern habe. Nachdem das Kind zu Bett gegangen war, hatte Miakus ein kleines, flaches, viereckiges Kästchen aus der Brusttasche gezogen, das offenbar aus Rosen- oder Olivenholz bestand und ungefähr sieben Zoll in der Länge und zweieinhalb in der Breite maß. Es war verschlossen und der silberne Schlüssel hing mittels einer goldenen Spange an einer gewöhnlichen stählernen Uhrkette um seinen Hals. Er stellte das Kästchen auf den Schreibtisch, wo es ungestört stehen blieb. Mir wurde später klar, daß der Grund seines Kommens irgendwie mit diesem Kästchen und mit mir in Zusammenhang stehen müsse. Ebenso klar war mir, daß sein Gesichtsausdruck zur Hälfte verstellt war und daß unter seiner oberflächlichen Nonchalance und Derbheit eine große Sorge ihn beherrschte; denn gelegentlich klang aus seiner Rede ein melancholischer Ton, der kundigen Ohren, wenn nicht von einem gebrochenen Herzen, so doch von einem tief gekränkten und beraubten erzählte. Dieser Umstand berührte mich tief, denn mein ganzes Leben lang war ich betrübt mit den Betrübten, und froh mit den Frohen. Nach einer kleinen Weile sagte er dann, eine seiner Absichten gehe dahin, mich in gewisse Geheimnisse der weißen Magie einzuführen, mich zu lehren, wie ein magischer Spiegel zu verfertigen sei, mittels dessen fast jeder Mensch durch unermeßliche Räume zu blicken und die Toten zu sehen und mit ihnen zu sprechen vermöge. »Es gibt nichts Wertvolles außer der Magie! Sie sind ein Narr gewesen, wenn Sie danach gestrebt haben, weise zu sein, und Sie glauben zu wissen, was Sie sich bisher nur eingebildet haben.«

Er stand auf, nahm das Kästchen, stellte es auf den Tisch zwischen uns und fuhr dann fort: »Es ist eine merkwürdige Fügung des Schicksals, daß der Besitzer eines magischen Spiegels in ihm alle Schicksale erblicken kann, nur das seinige nicht; wenn er es wissen will, muß er andere Seher befragen. Nun gibt es gewisse Wesen, deren Zukunft in diesem Spiegel nur von ganz bestimmten, besonders gearteten Menschen geschaut werden kann. Sie scheinen mir einer von diesen letzteren zu sein, und ich bin eine der ersteren; ein solches Zusammentreffen wie das von uns beiden findet nur am Anfang und am Ende großer Zeitepochen statt. Wir leben jetzt in einem solchen Zeitpunkt. Ich will Ihnen den Spiegel schenken, ich will Sie auch die Kunst lehren, solche Spiegel zu verfertigen.«

Zwei Stunden vorher hatte ich, als ich ihn essen und trinken sah, meine Geisterhypothese über den seltsamen Alten schleunigst aufgegeben. Jetzt aber, als er so merkwürdig daherredete und so großsprecherisch ankündigte, er werde das Tor alles Wissens öffnen, veränderte das Geheimnisvolle, das ihn umgab, seinen Charakter und hüllte ihn in zehnfaches Düster. Es lag etwas Unirdisches in seiner Stimme und in seiner ganzen Art und Weise; z. B. einmal, als er seinen Stuhl herumdrehte, kam sein rechter Oberschenkel unmittelbar in Berührung mit dem bis zur Rotglut erhitzten Ofen; ich beobachtete, daß der Stuhl von der Wärme angegriffen wurde und der Rauch seines Firnisses allmählich den Raum erfüllte. Und doch war der Mann nicht verbrannt, sondern stand kühl auf und öffnete die Tür, um den Rauch abziehen zu lassen; dann ließ er sich wieder auf seinen Sitz nieder, wie wenn nichts geschehen wäre. Zwei- oder dreimal des Abends fühlte ich, daß ein kalter Hauch von ihm ausging und ich sah auch deutlich sein Gerippe sich unter seiner dünnen, pergamentartigen Haut abzeichnen, wie wenn eine durchsichtige Decke leicht über ihn geworfen wäre, um die nackte Formlosigkeit eines Grabentstiegenen zu verbergen.


3. Kapitel
CHEMIE UND LEBENSELIXIER

Von Staunen erfüllt über die seltsamen Ereignisse jenes Tages und jener Nacht, die ich eben erzählt habe, zog ich mich in mein Zimmer zurück, aber nicht, um zu Bette zu gehen, denn noch vor Tagesanbruch ereignete sich etwas, was den Verlauf und den Charakter meines Lebens vollständig veränderte.

An dem Morgen, der dieser ereignisreichen Nacht folgte, begab ich mich zu einem Zahnarzt, der im Rufe stand, ein Philosoph zu sein und dessen Gehirn ein weit interessanteres Museum war als das wirkliche Museum in der Nähe seiner Wohnung. Ich plauderte eine Weile mit ihm und lernte durch ihn einen bedeutenden Denker kennen, dessen Name, glaube ich, Blood war. Nachdem wir in seinem Laboratorium eine Zigarre geraucht hatten, ging ich zu dem Apotheker Nichol, wo ich einige kleine Einkäufe machte, und dann in mein Sprechzimmer.

Ich hatte einige Zeit vorher einen chemischen Apparat gekauft, mit dem ich im Geheimen experimentierte – hauptsächlich nach 12 Uhr nachts –, und zwar mit der Absicht, La Brières großen Versuch zur Entfernung der feurigen und giftigen Bestandteile des Protozoons auszuführen, ohne daß dabei seine belebenden medizinischen Eigenschaften gleichfalls zerstört würden. Ich hatte schon fünf Monate lang unermüdlich und mit größten, meine Verhältnisse weit übersteigenden Kräften experimentiert, aber ich hielt noch immer an der unerschütterlichen Überzeugung fest, daß ich Erfolg haben müßte.

Der Versuch war mir sehr wichtig. Churchill hatte seine Hypophosphate hergestellt und sie hatten kläglich versagt; daher vermied ich bei meinen Arbeiten seine und andere Formeln. Der Erfolg, das fühlte ich, würde nicht nur meiner eigenen privaten Praxis zugute kommen, sondern auch der großen Menge der Nervenkranken und damit der gesamten Medizin nützen. Ich wußte, daß diese Entdeckung den Ärzten ein wirksames und gleichzeitig doch völlig harmloses nervenstärkendes Reizmittel in die Hand geben würde. Der Versuch war daher die Zeit, die Mühe und die Ausgaben, die ich ihm widmete, wohl wert. Tatsächlich war es La Brière gelungen, Erfolge zu erzielen, aber sein Geheimnis war verloren gegangen. Ich beschloß, es wieder zu erwecken. Und nach hunderten von Fehlschlägen gelang es mir endlich, das herzustellen, was er Protozoon genannt hatte.

Ich versuchte seine Wirkung an mir selbst, verschiedene andere Ärzte taten desgleichen; schließlich wurde es an Patienten auf deren eigenen Wunsch ausprobiert und das Ergebnis ließ keinen Zweifel darüber, daß ich vollauf berechtigt war, »Heureka« zu rufen. Diese Vorrede ist zum Verständnis des Folgenden notwendig. Einige Tage vorher nämlich, ehe ich Mrs. Graham gesehen, war es geschehen, daß ich etwa vier Pfund Protozoon zusammen mit dem fünffachen Gewicht anderer Stoffe in einem starken Glasgefäß in ein Sandbad getan hatte, so daß alles für die Bereitung von etwa einem Viertelliter des kostbaren Trankes bereit war. Als ich vom Zahnarzt heimkam und mein Zimmer betrat, war es natürlich mein erstes, das Gas anzuzünden. Einige Minuten lang beobachtete ich, wie der schöne scharlach- und purpurfarbene Dampf aufstieg und sich durch den Hals der Retorte und die langen gläsernen Röhren zum Kondensator wand. Mitten in dieser interessanten Tätigkeit wurde ich plötzlich durch den Ruf: »Sorgloser Narr! Gib acht! Lauf hinaus!« erschreckt. Ich gehorchte mechanisch und sprang in das äußere Zimmer, als auch schon eine heftige Explosion erfolgte, die Retorte war in Millionen Stücke zersprengt, der Apparat und die Fenster in kleine Trümmer geschlagen und einige Pfund glühend heißer Chemikalien auf den Boden verspritzt worden. Ein wüstes Durcheinander herrschte – aber nicht für den Sprecher, denn mit Gedankenschnelle packte er den Teppich auf dem Boden mit samt den darauf geschütteten Chemikalien und warf alles auf den Schneehaufen unten im Hofe hinaus, der unter der Einwirkung der intensiven Glut dieses fast unlöschbaren Feuers alsbald zu schmelzen begann. Endlich fiel es in sich zusammen und nur ein weißer Rauch erzählte noch von der Gefahr, in der ich und das Haus sich befunden hatten. Als das Feuer erloschen und mein Schrecken einigermaßen geschwunden war, sah ich mich endlich um, wer mich eigentlich so gerade im rechten Augenblick noch gerettet hatte und sah den kleinen Alten lächelnd vor mir stehen.

»Wie! Sie sind es?« fragte ich, ihm herzlich meine Hand entgegenstreckend.

»Ich glaube beinahe,« sagte er, »und es war ein Glück für Sie, daß ich zufällig schon so früh am Morgen hier war. Sie sind kein allzu geschickter Chemiker, mein lieber Doktor, sonst würden Sie niemals damit gerechnet haben, daß Ihr Protozoongas den Kondensator erreicht, wenn der Hahn geschlossen ist, oder daß eine gesprungene Glasretorte dem ungeheuren Druck des überhitzten Dampfes widerstehen kann. Ich sehe, daß Sie Alchimist und Hermetist geworden sind – wie ja so viele Rosenkreuzer! Und daß Sie dazu bestimmt sind, sich selbst in die Luft zu sprengen, oder

Das große Elixier zu finden
Und über den Stein der Weisen zu stolpern.«

Dabei schlug der kleine Alte seine Hände zusammen und tanzte in ausgelassener Freude im Zimmer umher.

»Aber, mein Freund,« sagte er dann, »da ausdauernde Versuche ein Mittel zum möglichen Erfolg sind, habe ich nicht den geringsten Zweifel, daß Sie eines Tages ein reicher Mann sein und ein hohes Alter erreichen werden; denn um Ihnen die Wahrheit zu sagen: Sie sind heute früh der Zusammensetzung des Lebenselixiers – dieses wahren Elixiers, um das sich die Weisen aller Jahrhunderte vergebens abgemüht haben – näher gekommen als irgendein Mensch, der je gelebt. Hätten Sie nur eine geringere Menge von Elementen in die Retorte getan, von dem ersten und dritten Ingrediens mehr und vom zweiten, vierten und fünften weniger, dabei etwas weniger Hitze entwickelt, und zwei Unzen … und … eine Unze … (er nannte dabei die betreffenden Stoffe), so hätten Sie das Wasser der ewigen Jugend und Gesundheit gefunden – das wunderbare Mittel, das die Säfte reinigt, Verkalkung der Adern beseitigt und den Menschen gegen Miasmen und Krankheiten und überhaupt gegen alle lebenzerstörenden Einflüsse – außer natürlich gegen Körperverletzung – wappnet. Was meinen Sie dazu? Haha!« Und wieder brach er in ein heulendes Kreischen aus:

»Den Mittelpunkt der Schwere will ich suchen,
Du aber sollst den Stein der Weisen finden.«

Wie groß war mein Erstaunen, als mir der ausgemergelte Alte ins Ohr flüsterte, daß ich vor der größten überhaupt denkbaren Entdeckung stehe, daß der Schlüssel zum Geheimnis aller Geheimnisse in meiner Hand läge!

Eine große Erregung bemächtigte sich meiner. Bald aber wurde ich ruhiger und fragte mich: Wieso kannte er die Stoffe, die ich für das Elixier verwendet hatte? Vielleicht hatte er den Rauch gesehen und daraus Schlüsse gezogen. Aber wie konnte er den Inhalt des Kondensators kennen, durch den der Dampf hindurch mußte, um seine schädlichen Eigenschaften zu verlieren? Kein Mensch hatte mir bei den Vorbereitungen zugesehen. Woher wußte er, zu welchem Zweck ich die Flüssigkeit zusammengebraut hatte? Wie konnte er den Traum, die Hoffnung, das einzige Ziel meiner Seele während langer mühseliger Jahre kennen?

All dies diente nur dazu, ihn selbst noch tiefer in den Schleier des Geheimnisses zu hüllen, und während ich so von Zweifeln hin und her geworfen wurde, stand er an meiner Seite und blickte neugierig durch die zerbrochenen Fenster auf den aufsteigenden Rauch, der sich in die Luft emporkräuselte.

Bald darauf hatten wir die Trümmer beiseite geräumt, der Alte verließ mich mit dem Versprechen, am selben Tag noch einmal herzukommen, und ich ging fort, um einen neuen Apparat, neue Fensterscheiben und einen neuen Teppich zu bestellen und einige Patienten zu besuchen. Dann kehrte ich wieder zurück. Es schlug drei Uhr und ich war noch nicht lange zu Hause, als Miakus, seinem Versprechen getreu, ebenfalls erschien.


4. Kapitel
DER MAGISCHE SPIEGEL

»Ich will Ihnen einen Rat geben«, sagte er, »denn Sie brauchen ihn. Zunächst: vertrauen Sie niemals einem Freunde irgendein Geheimnis an, das Unglück oder Sorge bringen kann, wenn es verraten wird. Mischen Sie sich nie in einen Streit ein, ganz gleichgültig, auf wessen Seite Recht oder Unrecht ist, sondern lassen Sie die Welt ihren Kampf allein austragen, während Sie abseits stehen und sorgfältig auf jeden Vorteil achten, den Ihnen der Zufall verschafft. Und zuletzt: behalten Sie für sich, was Sie wissen, bis die Zeit dazu gekommen ist. So, und jetzt wollen wir unsere magnetischen Spiegel befragen.«

Sogleich gingen wir in das Hinterzimmer, das inzwischen wieder instand gesetzt worden war, wenigstens was Fenster und Teppich betraf. Der Alte hielt das Rosenholzkästchen eine Weile in der Hand und stellte es sodann auf den Tisch. Dann schloß er die Fenster und spannte einen seidenen Vorhang rings um das ganze Zimmer auf, um so jedem Lichtstrahl den Zutritt zu wehren.

»Das ist ein magischer Vorhang«, erklärte er. »Sie haben jedenfalls schon eine Laterna magica-Vorführung gesehen. Nun, ich werde Ihnen hier etwas ganz Ähnliches zeigen, aber ohne Laterne. Ich öffne jetzt dieses Kästchen, wie Sie sehen, und nehme den Spiegel heraus. Er besteht aus zwei französischen Glasplatten, die durch eine Holzumrahmung etwa einen halben Zoll voneinander entfernt gehalten werden, so daß ein gewisses Fluidum zwischen ihnen nicht entweichen kann. Das Kästchen, der Vorhang und die beiden Gläser sind durchaus unwichtig; alles hängt lediglich von dem Fluidum ab, das von dunkelbrauner Farbe ist, aus der Entfernung aber tintenschwarz erscheint.

Ich hänge jetzt den Spiegel mit seinem Haken an den in den Vorhang eingenähten Ring. Dann verriegle ich die beiden Türen und stelle zwei Stühle für Sie und mich davor. Dann nehme ich diesen Reflektor hier und stelle ihn so, daß er einen starken Lichtkegel wirft, damit in der Mitte des Spiegels eine kreisrunde, glänzende Lichtfläche erscheint.« Wir setzten uns vor dem Vorhang nieder und ich bemerkte, daß die Flüssigkeit zwischen den Gläsern in einer opalisierenden Farbe schillerte.

»Bevor wir die Richtigkeit von Hamlets Bemerkung gegenüber Horatio beweisen,« fuhr der Experimentator an meiner Seite fort, »will ich Ihnen einige Erklärungen geben. Zwischen dem menschlichen Körper und allen Dingen der Außenwelt desselben besteht nicht nur eine geheimnisvolle mächtige Sympathie, sondern eine noch größere zwischen diesen Dingen der Außenwelt und der Seele, was durch die erstaunliche Macht bewiesen wird, die verschiedene Substanzen auf sie ausüben, von denen die meisten für immer von der Erde verbannt und verflucht werden sollten, – so z. B. Belladonna, Cantharidin, Bang, Opium, Haschisch, Dewammeskh, Hyndee, Tartooroh, Hab-zafereen, Mah-rubah, Gunjah und viele andere Pflanzengifte, von denen jedes nicht nur den Körper, sondern auch die Seele beeinflußt. Steigen wir jetzt von den greifbaren Körpern zu den flüchtigen Erscheinungen herab, z. B. zum Licht. Mit konkaven Spiegeln können wir Bilder in den Raum senden, die von Tausenden gesehen werden können. Wir fesseln sozusagen einen Schatten, und wer immer eine photographische Kamera besitzt, hat einen solchen Gefangenen. Wir machen damit ein paar magnetische Striche über ein Glas Wasser, sättigen es so mit irgend einer bestimmten, von uns gewünschten, angenehmen oder unangenehmen Eigenschaft, und es bringt sofort bei dem Patienten, der es zu sich nimmt, die entsprechende Wirkung hervor. Da haben Sie Geist und Außenwelt in einem einfachen Willensakt vereinigt. Aber wir gehen noch weiter: Wir nehmen gewisse Stoffe und machen damit das Wasser noch viel empfindlicher. Wir übertragen unsere Seele darauf, und zwar in einem solchen Grade, daß es den Körper eines Menschen völlig einschläfert und seine Seele zum höchsten Grade des Hellsehens erhebt. Noch mehr: es ist möglich, eine Flüssigkeit herzustellen, die jedes auf sie geworfene geistige Bild erfaßt und für eine gewisse Zeit festhält. Noch mehr: es gibt unmittelbare Beziehungen zwischen jedem Ding und jeder Person auf dieser Erde und über ihr. Durch gewisse Kenntnisse vermögen manche Personen jene Substanzen zu finden, die zu den Bewohnern der oberen Welten und des Weltraumes eine innere Verwandtschaft haben. Die Glasscheibe vor Ihnen nun enthält eine solche Flüssigkeit, die folgendermaßen zusammengesetzt ist …«

Hier gab er mir eine genaue Erklärung des Verfahrens zur Herstellung solcher Spiegel und der Art der Einbringung der Flüssigkeit, die, wie ich bemerkte, gleichzeitig eine elektrische, magnetische und ätherische sein mußte. Dann erklärte er mir, wie der Spiegel für die verschiedenen Gebrauchsarten zu präparieren sei – als Spielzeug, als ein Mittel für ärztliche Diagnose, zum Zwecke der Traumdeutung, dann um irdische Dinge zu sehen, verlorene Schätze zu entdecken, Vergangenheit und Zukunft zu erfahren und vieles andere –, da kein Spiegel zur gleichen Zeit zu mehr als einem dieser Zwecke dienen kann, wenn er nicht besonders für allgemeinen Gebrauch eingerichtet ist, was aber seine Herstellung zu teuer machen dürfte.

»Richtig behandelt«, fuhr er dann fort, »wird Ihr Spiegel so ungeheuer empfindlich, daß er nicht nur Dinge festhält, die für das Sonnenlicht zu subtil sind, sondern sie sogar reproduziert und sichtbar macht. Das ist aber noch nicht alles. Es gibt Licht im Lichte, Luft in der Luft und intelligente Wesen, die darin wohnen und mit den Menschen nur durch solche Spiegel verkehren können, in dem sie durch darin nachgebildete Vorgänge und darauf projizierte Worte die Nachricht hervorbringen, die sie zu übermitteln wünschen. Jetzt geben Sie gut acht! Gedanken sind Stoff, sind körperhafte Wirklichkeiten. Sie werfen Schatten, haben Gestalt, Umrisse, Masse, manche sind flach, andere scharfkantig, schneidend, spitz und bohren sich ihren Weg durch die Welt von Jahrhundert zu Jahrhundert. Wieder andere sind fest, rund, massig und wanken, wenn sie an Ihnen vorbeistreichen und gegen die Dinge der Welt stoßen. Gedanken leben, sterben und wachsen. Hören Sie zu! Blicken Sie fest und starr! Wünschen Sie sich irgend etwas zu sehen, ganz gleichgültig, was!«

Ich lächelte ungläubig und meinte, man könne sein Gesicht auch in jedem andern Glase sehen.

»Gewiß,« erwiderte er, »aber Sie haben noch niemals Ihre Seele gesehen und diese Kleinigkeit will ich Ihnen heute zeigen.

Ich will jetzt noch verborgene Ereignisse enthüllen, die bald oder auch in späterer Zukunft auf der Erde oder über ihr geschehen werden.«

Ich erklärte ihm, daß ich der Sache sehr skeptisch gegenüberstünde und mein Glauben erst erzwungen werden müßte.

Ich lachte geradezu, worauf Miakus bemerkte: »Lachen Sie nur zu, lachen Sie immerhin; aber geben Sie acht, daß das Lachen sich nicht gegen Sie wende. Die Wahrheit ist eine recht eifersüchtige Dame und findet niemals Geschmack an Scherzen, die man auf ihre Kosten macht. Aber sehen Sie zu! Der Spiegel beginnt zu wirken.« Und sogleich beugte er sich nieder, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, blieb ungefähr eine Minute lang in dieser Stellung und fragte dann:

»Was sehen Sie in dem Glas?«

»Nichts,« erwiderte ich, »als unsere eigenen Bilder.«

»Geduld! Sehen Sie noch einmal hin! Versuch's!«

Ein kurzes Schweigen folgte.

»Sehen Sie jetzt etwas?«

»Ja, aber nichts Außergewöhnliches. Nur eine helle Stelle, eine Öffnung in der Mitte des Glases. Ja! Jetzt ändert sich etwas – schwache, nebelhafte, dämmerige Schatten huschen darüber, aber nichts Deutliches und Unterscheidbares.«

»Ist das alles?«

»Ja.«

»Sehen Sie weiter!«

»Jetzt sehe ich klar und deutlich den Vorderteil eines großen, grauweißen Hundes. Er wird größer! Jetzt ist er ganz sichtbar! Das Bild steht voll und scharf außerhalb des Spiegels!«

Während ich nun in den Spiegel blickte, wunderte ich mich im stillen darüber, wie es möglich sein sollte, mit Hilfe dieses Glases das große Geheimnis aller Menschenalter zu lösen. Aber gleich darauf fühlte ich einen gewissen Unwillen darüber, ein solches Bild zu sehen, während er mir doch versprochen hatte, ich würde meine eigene Seele erblicken. Ich sagte es ihm. »Nehmen Sie daran keinen Anstoß«, sagte er, »dieses Bild ist nicht wirklich, sondern nur ein Symbol. Ist der Hund nicht ein Muster ausdauernder Freundschaft, vollkommenen Vertrauens und unbegrenzter Liebe? Dies sind die Eigenschaften Ihrer Seele.«

Jetzt erschien auf dem Glas ein breiter, leerer Raum und das Ganze wurde klar und durchsichtig wie der feinste Kristall und gerade in der Mitte zeigte sich ein kleiner, strahlender Lichtfleck, dessen Glanz sich immer mehr steigerte, bis mein Auge vom Hinsehen geblendet wurde. Allmählich breitete er sich aus und wiederum in der Mitte erstrahlte ein Lichtpunkt heller als der hellste Mittag, in den ich mit Entzücken hineinblickte, denn das intensive Licht hatte sich in eine Art von nebligem Dampf verwandelt.

»In diesem Dampf und durch diesen will ich Sie vor mir sehen. Aber nicht jetzt. Die Zeit ist nicht günstig. Was Sie erblicken, ist die Linse eines mystischen Teleskops, mit dem ich die Regionen durchforschen kann, wo Myriaden von Welten gleich der unserigen rollen, die der Mensch noch nicht kennt. Mit ihm können Sie nicht nur diese Welten, sondern auch ihre Bewohner und alles, was sie tun, beobachten.«

»Wie! Wollen Sie damit sagen, daß ein lebender Mensch mit diesem Teleskop, wie Sie es nennen, alles, was auf dem Mars oder Jupiter geschieht, wahrnehmen kann?«

»Gewiß! Und noch eine Million anderer Planeten, Sonnen und Sonnensysteme. Es wird Ihnen das Schicksal jedes Lebenden und Toten enthüllen. Schreiten wir gleich zum Beweis.«

Bei seinen Worten schien sich ein röhrenförmiges Lichtgebilde meinem Auge zu nähern, und ich erblickte dadurch wie in einem Diorama all die schrecklichen und schmerzlichen Szenen dessen, was ich für mein jüngstes Leben auf der Erde halte. Ich sah meine wenigen Freuden und Erfolge und die unzählbaren Schmerzen des Leibes und der Seele, von denen sie umrahmt waren. Und Menschen begegneten dem Phantom meines Ichs mit lächelndem Antlitz, die honigsüße Worte zu sprechen schienen, damit man ihnen vertraue; und dann erdolchten diese Wesen den Zuhörer. Er fiel wohl, aber er schien nicht zu sterben, denn ein scheußliches Gespenst schwebte beständig über ihm, zögerte aber aus Mitleid oder Bosheit, ihm den tödlichen Streich zu versetzen.

Die Szene änderte sich. Ein Landstädtchen erschien – das Datum stand in feurigen Ziffern in der Ecke: 1852. In einem Barbierladen übte ein fröhlicher, leichtherziger Jüngling seinen Beruf aus.

Dann zeigte der Spiegel denselben Mann im öffentlichen Leben; man nützte ihn aus, schmeichelte seiner Eitelkeit und er beging so manchen Fehler. In dem Augenblick jedoch, wo sein Irrtum entdeckt wurde und er ihn eingestand, erhoben sich tausend Dolche gegen ihn, zehntausend Zungen schmähten ihn – und warum? Weil er seiner Vernunft, seinem Gewissen und seinem Gott treu geblieben war. Ich sehe ihn jetzt mit gequältem Herzen.

Wieder eine Veränderung: sieh da, derselbe Mann erscheint wieder. Von der Glut des Hasses, des Neides und des Undanks und der Bosheit seiner früheren Freunde niedergeschmettert, hatte er sich allmählich wieder aufgerichtet. »Ich erstehe neu aus meiner Asche« war der Wahlspruch auf dem Banner, das er im Winde flattern ließ. Er änderte seine Lebensweise. Einer von denen, die ihn zuerst von seiner Arbeit weg in die Welt geführt hatten, klammerte sich noch immer an ihn und erklärte, nicht einmal der Tod könne sie trennen. Die Pantomime war so klar verständlich wie gesprochene Rede und jener glaubte dem Lügner.

Wieder änderte sich das Bild. Der Barbier und Redner war zu Ansehen gelangt, hatte viel Geld verdient, er hatte für ein Weib, das aber seine Liebe nicht erwiderte, zu sorgen, dem sein Herz zugeneigt war. Sein »Freund« eignete sich durch Betrug alles an, was jener besaß und verleumdete dann die Frau bei seinem Opfer, das er zum Bettler gemacht hatte. Dies brachte den ehemaligen Barbier fast um seinen Verstand, während der andere ihn auslachte und in Freuden lebte. Wieder entflog das Bild; Jahre waren vergangen: der Böse hatte den Boden unter den Füßen verloren, sein Opfer, der Barbier, war in der Welt der Wissenschaft emporgestiegen, die Menschen ehrten ihn und verachteten den anderen.

»Der Weg der Welt!« rief Miakus, »aber erinnern Sie sich, daß stets das Recht den Sieg erringt und immer die Gerechtigkeit das letzte Wort behält. Was konnten Sie anders von einem so schwachen Menschen erwarten? Vertrauen Sie niemand! Das war Schicksal und dem Schicksal kann man nicht entgehen. Unterwerfen Sie sich ihm! Es wird für die Folge gut sein. Wir können doch glücklich sein!«

Schon wieder diese Worte! Und noch dazu aus Miakus' Munde!

Mein Geist begehrte etwas von der Zukunft zu sehen, was ebenso klar sein würde wie die Bilder der Vergangenheit, und wollte wissen, ob es kein Mittel gebe, um die Schläge des Schicksals zu mildern, und als mein Auge wieder durch die magische Röhre blickte, glitt der Kopf und die Büste eines jungen Mädchens über das Sehfeld. So schnell floh es dahin, daß nur ein elektrischer Strahl seiner Schönheit in mir zurückblieb. Doch eine unbestimmte Ahnung sagte mir, daß ich das Haupt Eulampias gesehen hatte, daß mir vom Weibe allein die Erlösung kommen könnte. Aber in jenem Fluch hieß es doch: »eine Tochter Ichs« und sie war ein Kind Japhets!

Kaum war dieses Bild entschwunden, als das Glas wolkig und dunkel zu werden begann, bis es schließlich wieder genau das Aussehen hatte wie vorher, als es aus dem Kästchen genommen worden war.

»Heute können wir nichts mehr sehen«, sagte Miakus, »aber ich habe Ihnen schon jetzt unbezahlbare Gaben verliehen. Sie können in die Welt hinausgehen und die Kranken heilen, die Wahnsinnigen wieder zu Verstand bringen, Sie können Spiegel machen und das Elixier bereiten, Sie können Vergangenheit und Zukunft lesen. Und doch ist das alles nichts gegen das, was Sie erwartet, wenn Sie feierlich geschworen haben, den Schlaf Sialam für mich zu schlafen.«

Ich erkannte bereitwillig alles an, was er sagte, und die Dankbarkeit drängte mich, zuzustimmen. Die Worte schwebten mir schon auf den Lippen, als plötzlich dasselbe Haupt und dieselbe Büste wie vorhin langsam vor mir, etwa einen Fuß von meinem Gesicht entfernt, vorbeizog. Es war unzweifelhaft Eulampia und ihr Gesicht war traurig und tränenfeucht, als sie wieder verschwand. Während dies geschah, sprach eine leise, sanfte, wohlklingende Stimme: »Wenn ich in Gefahr bin, wirst du es wissen, wo immer du auch sein magst. Wenn du in Gefahr bist, wirst du mich sehen, und wenn Meere zwischen unseren Körpern lägen.« Genau die Worte, die das Mädchen an der Tür der Hütte des alten Häuptlings gesprochen hatte, als wir so traurigen Abschied nahmen.

So auf geheimnisvolle Weise gewarnt, hielt ich mit meiner Zustimmung zurück. Miakus warf mir einen kläglichen und enttäuschten Blick zu. Er sagte jedoch nichts, sondern packte schweigend seine Instrumente wieder zusammen, wünschte mir ferneres Wohlergehen und dann ging ich mit ihm bis auf die Straße hinab, wo wir uns die Hände schüttelten und Abschied nahmen.

Ich konnte nicht umhin, dem rätselhaften Alten für die Gunst, die er mir erwiesen hatte, dankbar zu sein und doch war ich fest überzeugt, daß ich durch Geisterhilfe aus einer großen Versuchung siegreich hervorgegangen war, wenn auch Miakus mich nach allem für undankbar halten würde. Unwillkürlich klammerte ich mich an die Erinnerung an das Mädchen im Tale, segnete sie von ganzem Herzen und sandte ein Gebet empor, sie möchte, wenn es möglich wäre, der rettende Engel sein, nach dem meine einsame Seele so heiß verlangte und seufzte.