ERSTES BUCH

1. Kapitel
DER SELTSAME MANN

Er setzte sich müde am Wegrand der Landstraße nieder, denn er war weit gewandert an jenem Tage. Seine Füße waren wundgelaufen und seine Körperkraft war durch die Not und das Elend, das er durchgemacht, beinahe erschöpft. Seine Augen blickten verstört und ein Dunstkreis schwerer Düsterkeit umgab ihn, deutlich fühlbar für alle, die in seine Nähe kamen und ihn anblickten. Er war ein Mensch, den schwere Sorgen drückten.

Und als er so am Wegrand saß, das Haupt auf seinen Stock gestützt, quollen bittere Tränen zwischen seinen Fingern hervor und netzten den Boden zu seinen Füßen. In späteren Zeiten erwuchs hier eine Zypresse, der Baum der Sorge, und grünte in düsterer und trauervoller Schönheit, wie um den Ort zu bezeichnen und zu behüten, wo einst der Mann seine klagende Stimme erhoben und laut geweint hatte.

Doch das lag viele Jahre zurück und war der Anlaß zu meiner Bekanntschaft mit dem Manne, der in diesem Buch eine so hervorragende Rolle spielt. Damals bekannte sich der Verfasser dieses Buches zwar noch zu allen religiösen und psychologischen Glaubenssätzen des Christentums, mißtraute ihnen aber innerlich und hätte jemand auf gewisse geheimnisvolle Möglichkeiten, die seitdem bestätigt und bewiesen wurden, auch nur angespielt, so hätte er ihm ganz gewiß ins Gesicht gelacht und ihn für einen hervorragenden Narren oder Idioten gehalten. Seitdem hat sich manches geändert.

Der Mann am Wegrand war von mittlerer Größe, weder beleibt noch mager, von schönem Mittelmaß. Kopf und Stirn waren breit und durch gewisse Eigentümlichkeiten der Kopfform in Wirklichkeit viel massiger, als es auf den ersten Blick schien. Der geistige Organismus des Mannes erhielt sich auf Kosten des körperlichen, da sein Nervensystem, wie bei allen derartigen Menschen, geradezu krankhaft empfindlich und reizbar war. Nichts Rohes, Brutales, Niedriges oder Pöbelhaftes war an ihm, weder von Natur noch durch Erziehung, und wenn je Im Kampf des Lebens eine dieser schlechten Eigenschaften bei ihm auftrat, so war dies lediglich widrigen Umständen zuzuschreiben, und der Behandlung, die er von der Welt erfuhr. Von Natur war er offen, wohlwollend und großmütig bis zur Schwachheit, und diese Züge nützten die Menschen zu seinem Unglück aus. Mit überreichen Fähigkeiten ausgestattet, die tiefsten und abstraktesten Fragen der Philosophie und Metaphysik zu lösen, war er doch vollkommen unfähig, die kleinsten geschäftlichen Angelegenheiten zu erledigen, selbst wenn sie nur ein geringes Maß von finanzieller Geschicklichkeit erforderten.

Eine natürliche Folge davon war, daß dieser Mann mit allgemein als gut anerkannten Eigenschaften beständig das Opfer des ersten besten hergelaufenen Schurken wurde, von dem »Freunde« angefangen, der ihm sein halbes Vermögen abborgte, angeblich um die Hälfte davon anzulegen – in Wirklichkeit, um das Ganze zu behalten, bis zu seinem Verleger, der ihn um Geld und Zeit betrog.

Sein Gesicht war lohfarben gleich dem der Araberkinder in Beirut und Damaskus. Form und Stellung von Kinn, Backenknochen und Lippen verrieten mehr passive als aktive Stärke. Der Mund mit seiner leicht vorstehenden Oberlippe und zwei kleinen Falten an den Mundwinkeln deutete auf Geschicklichkeit, Leidenschaft, Mut, Festigkeit und Entschlossenheit. Die Wangen waren leicht eingefallen; dies deutete auf Kummer und Verdruß, während die ein wenig vorstehenden und breiten Backenknochen auf seine farbigen Vorfahren hinwiesen. Die Nase war nur durch die Beweglichkeit der Nasenflügel bemerkenswert, die ein leicht entzündliches Temperament verriet. Es bedurfte auch tatsächlich nur eines geringen Anlasses, um ihn aus einem passiven, geduldigen Menschen zur Verkörperung mannhafter Kampfbereitschaft für eine gerechte Sache zu machen oder zu einem Dämon von Haß und wahnwitziger Rachgier.

Seine Augen oder vielmehr sein Auge – denn eines war durch einen Unglücksfall nahezu zerstört – war von einem tiefen, dunklen Nußbraun, das das Volk pechschwarz zu nennen pflegt. Es strahlte einen merkwürdigen magnetischen Glanz aus, wenn er auf der Rednerbühne sprach. Er war seinerzeit ein Volksredner gewesen und hatte auf diesem Gebiet keine geringe Berühmtheit erlangt. Wer ihn einmal so gesehen oder gehört, konnte ihn nie wieder vergessen, so verschieden war er von allen anderen Menschen, und so bezeichnend und eigenartig waren seine Eigenschaften.

Er war ein ganz einzigartiger Mann – dieser Rosenkreuzer –; ich kannte ihn wohl. Manche Stunde sind wir beisammen in dem kühlen Schatten irgendeiner alten, ehrwürdigen Ulme auf den grünen, blumenbesäten Ufern von Connecticuts Silberstrom oder unter einer turmhohen Palme am Ufer des alten Nils, im weißen Lande der Pharaonen, der Magie und der Mythen gesessen, wobei er beständig in mein Ohr seltsame, seltsame Sagen flüsterte – Sagen aus uralter Zeit – die meine dürstende Seele trank, wie die von der Sonne ausgetrocknete Erde den ersehnten Regen, oder der Sand die Tränen weinender Wolken. Und diese Erzählungen, diese Sagen, stellten die wildesten Phantasiegestalten Germaniens weit in den Schatten. Besonders betroffen war ich über eine Andeutung, die einmal seinen Lippen entfloh, daß viele Menschen auf dieser Erde und er selbst unter ihnen schon früher auf dieser Welt gelebt hätten, und daß er sich zu gewissen Zeiten deutlich an Orte, Personen und Ereignisse erinnere, die vor der Zeit lagen, in der er seine gegenwärtige Gestalt angenommen, und daß demnach sein wirkliches Alter sogar das Ahasvers, des ewigen Juden, noch übertreffe.

Dieser Mann, mein Freund, sprach während unserer Bekanntschaft oft von der weißen Magie und gelegentlich versteifte er sich geradezu hartnäckig auf seine seltsame Seelenwanderungsdoktrin. Doch das war nicht alles: er behauptete, die Seelen der Menschen verließen zuweilen ihre Körper für ganze Wochen, während dieser Zeit würden dann die verlassenen Leiber von anderen Seelen bewohnt, manchmal von der eines für immer entkörperten Erdenmenschen, ein andermal von der eines Bewohners des Luftraumes, der, so inkarniert, nach Belieben auf Erden umherstreife. Wurde er um eine klare und bündige Erklärung gebeten, dann sprach er seinen festen Glauben aus, daß er auf diese Weise viele Menschenleben hindurch gelebt habe, und aus Gründen, die nur ihm bekannt seien, verurteilt worden, weiter auf Erden zu wandern wie der große Artefius – jener andere Rosenkreuzer – bis die Vollführung einer bestimmten Tat (bei der er selbst, unfreiwillig, tätig mitwirken sollte) ihn davon erlösen und ihm erlauben würde, das Los anderer Sterblichen zu teilen.

Als eine Begleiterscheinung seiner Verschiedenheit von anderen Menschen ist es wohl auch anzusehen, daß er mit gewissen übersinnlichen Kräften ausgestattet war, darunter mit einer seltsamen Fähigkeit des Hellsehens. Diese Fähigkeit, mochte sie auch nicht immer offenkundig sein, setzte ihn bisweilen instand, Dinge, Personen und Ereignisse zu sehen und zu beschreiben, sogar über das Weltmeer hinüber, und die geheime Geschichte und die Gedanken des verschlossensten Menschen so leicht wie in einem Buch zu lesen. Anfänglich bezweifelte ich seine Behauptungen, führte sie auf einen abnormalen Geisteszustand zurück oder lachte über die tolle Behauptung, daß irgendeiner mitten im neunzehnten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung im Ernst so außerordentliche Kräfte für sich in Anspruch nehmen könne. Wie bereits gesagt, wies seine Gesichtsfarbe darauf hin, daß er ein Mischling war – nicht gerade ein Bastard – aber ein Mensch, in dem das Blut von mindestens sieben verschiedenen Rassen floß. Aus seiner Art zu reden hätte man schließen können, daß seine Erziehung nicht ganz vernachlässigt worden, aber sicherlich ganz anders beschaffen gewesen war, als die in christlichen Ländern allgemein gebräuchliche. Es war, wenn überhaupt, sehr wenig feine Sitte an ihm – nicht etwa, daß es ihm an Höflichkeit oder Glätte gefehlt hätte –, aber seine Art war die der Flüsse, Wälder und Seen, nicht die der Salons und der Stätten des guten Tons. In allem, was sein Innenleben betraf, war er rätselhaft, und zwar meist dann, wenn er sich am offensten zu geben schien. Mir erschien er am Ende einer zehnjährigen Bekanntschaft noch sphinxhafter als am ersten Tage. Obwohl arm, hatte er doch ausgedehnte Reisen gemacht. Exotisch in seiner äußeren Erscheinung und seinem Geschmack, war er es noch mehr seiner Geistesverfassung nach und in allem, was Träumerei, Philosophie und Gefühlsleben betraf.

Nach dieser Schilderung der Hauptperson meiner Erzählung gehe ich nun dazu über, eine andere Seite aus dem Lebensbuch dieses Mannes wiederzugeben.


2. Kapitel
SEINE JUGENDZEIT – DIE SELTSAME LEGENDE

Und da saß der seltsame Mann am Wegrand – traurig, still weinend – als wollte sein Herz brechen. Seine Sorge hatte keine geringe Ursache. Es war nicht augenblicklicher Mangel an Nahrung, Unterkunft oder Kleidung, aber sein Herz war voll und seine Quellen flossen über. Die Welt hatte ihn ein Genie genannt und ihn als solches verzärtelt, gepriesen, bewundert und dabei hungern lassen; kein Funken Mitgefühl die ganze lange Zeit über, keine Spur von uneigennütziger Freundschaft. Die große Menge hatte sich um ihn gedrängt, wie die Gaffer der Großstädte sich um die letzte Neuheit im Panoptikum drängen, um dann, zufriedengestellt von der Besichtigung, sich abzuwenden und ihn seiner ganzen grenzenlosen Einsamkeit und seinem Elend zu überlassen.

Im Alter von acht Jahren war er in der römisch-katholischen Kirche auf den Namen Beverly getauft worden. Von seinem Vater erbte er wenig, außer dem hochfliegenden Geist und der ehrgeizigen rastlosen Natur sowie einer Empfänglichkeit für leidenschaftliche Erregungen, so groß, daß sie auf sein ganzes Leben dauernd und stark einwirkte. Nur ein Jahr lang genoß er regelrechten Schulunterricht, alle späteren geistigen Errungenschaften verdankte er nur seiner eigenen Anstrengung. Sein Vater liebte ihn wenig, um so mehr aber seine Mutter. Er war mit allen seinen Zähnen geboren worden und alte Klatschbasen weissagten ihm daraus eine außergewöhnlich erfolgreiche Laufbahn; außerdem bestärkten gewisse merkwürdige Geisterbesuche vor und kurz nach seiner Geburt seine Mutter in der Einbildung, daß er zu keinem gewöhnlichen Schicksal bestimmt sei.

Zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre vor dem Beginn dieser Erzählung wohnte in der New York City, da, wo damals die Canal Street lag, in dem Hause Nr. 70 eine Frau, deren Gesichtsfarbe die einer Mississippiquarterone[1] war. Sie stammte aus Vermont und genoß den Ruf, das schönste Weib in dem Staate und vielleicht auf der ganzen Welt zu sein. Ihr Geist war ebenso vielseitig wie ihr Äußeres reizvoll. Ihr Leben verlief bis zu jener Zeit sehr bewegt und im Grunde tief unglücklich. Ihr Feinsinn, ihre Natur und Erziehung, ihr Charakter und ihre Fähigkeiten verlangten nach einer höheren gesellschaftlichen Stellung als die, die sie aus pekuniären Gründen einnehmen mußte. Ein anderer Grund für ihre Unrast war eine unglückliche Ehe. Ihr Gatte war nach langjähriger Abwesenheit zurückgekehrt, während welcher sie ihn für tot gehalten und eine zweite Ehe mit dem Vater ihres Söhnchens geschlossen hatte, und seit jenem Augenblick empfand sie niemals mehr auch nur einen kleinen Teil dessen, wonach sie sich jahrelang gesehnt, jene Liebe und Zuneigung, die als Tugend der Mütter gerühmt wird und die allein das Leben zu einem Segen machen und den rauhen, dornigen Pfad ebnen kann.

Flora Beverly war unmittelbar verwandt mit den rothäutigen Söhnen der nördlichen Prärien, aber dieses Blut vermischte sich mit dem edleren Safte aus den Adern ihres Vorfahren, des Cid. Als sie heiratete, dachte sie sich als den Mittelpunkt eines Königreiches von ungetrübten Freuden und Wonnen zu sehen, darin sie als unbestrittene Herrscherin regieren wollte. Der Mann, den sie gewählt, nahm sie wegen ihrer Schönheit. Er glaubte mit ihrem Besitz den Himmel auf Erden zu erlangen. Beide wurden bitter enttäuscht. Ihr Gatte wußte nur die äußeren, oberflächlichen Eigenschaften und Vorzüge seiner Frau zu würdigen, während ihr inneres, höheres, besseres Ich – ihre Seele – ihm eine terra incognita war, die zu erforschen ihm, wie es bei so vielen anderen Ehemännern der Fall ist, nicht im entferntesten einfiel.

Und so erwachten die beiden, nachdem der erste Rausch der Sinnlichkeit vorüber war. Der Mann kam zur Erkenntnis, daß sein Weib für ihn ein »recht niedliches Püppchen«, die Frau, daß ihr Gatte ein Tier war, dessen Seele fest unter seinen Sinnen schlief, und sie selbst seine Sklavin und sein Opfer. Naturgemäß wurde sie bald ihres seichten Lebens müde und verlor den Geschmack daran. Da sie fühlte, daß sie von den vielen, die um sie her lebten, nicht verstanden und gewürdigt wurde, verschmähte sie jede Berührung mit ihnen und zog sich ganz in sich selbst zurück, um allmählich ihre Sehnsucht mit jeder Faser ihres Herzens auf die zahllosen Millionen der Toten zu richten. Sie rief sie zu Hilfe und glaubte mit religiöser Inbrunst, ihre Bitten seien erhört und indem sie sich ganz ihrer geheimnisvollen Fürsorge und Leitung überließ, führte sie fortan ein doppeltes Leben – ein Schattenleben in der Welt, ein wirkliches Leben im Lande der Geister. So wurde sie eine Seherin, eine Träumerin und in der für sie wenigstens wirklichen und tatsächlichen Verbindung mit den stolzen Geistern dahingegangener Völker, deren Häupter ihre Vorfahren in beiden Linien gewesen waren, suchte sie Mitgefühl für ihre Sorgen und für ihre seltsamen inneren Freuden. Und sie fand, was sie suchte, oder was für ihre impulsive Seele auf das gleiche heraus kam, sie glaubte es gefunden zu haben. Zuerst hatte sie einige Schwierigkeit, das, was sie für das leise Flüstern der ätherischen Bewohner des unsichtbaren Reiches Manitous hielt, in die verständliche menschliche Sprache des Herzens und der Worte zu übertragen. Sie sehnte sich glühend nach einem freieren Verkehr mit den Toten, und sie wurde befriedigt.

Die arme Flora, dieses merkwürdige Mischgebilde von Natur und Kunst, sollte ein Kind gebären, und dieses Kind – der Held dieses Buches – wurde unter den Umständen geboren, von denen hier berichtet wird.

Im Herzen dieser Frau schlummerte, wie ich schon sagte, ein Vulkan. Ihre überströmende Seele verkörperte sich wieder in dem Sohn, den sie geboren, und sie pflanzte dem Kinde ihre eigene brennende Sehnsucht nach Liebe und Gegenliebe ein, alle ihre mystischen Neigungen, ihre Vorliebe für das Geheimnisvolle, all ihr metaphysisches Streben nach unirdischen Beziehungen, ihre ganze entschlossene und doch fast verzweifelte, leidenschaftliche, impulsive, edle Natur, alles, alles fand in ihm Wohnung und Namen.

So trat er in die Welt, von der Geburt an zu seltsamen und bitteren Erfahrungen verurteilt – verurteilt, allein und ohne Freunde dem schneidenden Wehen der Winterstürme und der glühenden Hitze der Sommersonne zu trotzen; sich an die Hoffnung auf einen frühen Tod anzuklammern und dabei doch mit zehnfacher Zähigkeit am Leben zu hängen.

An dieser Stelle will ich den Inhalt eines Berichtes wiederholen, den er selbst über seine Kindheit und seine geheimnisvollen Erfahrungen mit den Geistern gab. Man hatte ihn einmal über gewisse ihm zugeschriebene außergewöhnliche Kräfte befragt und er entgegnete darauf:

»Als ich noch ein kleines Kind war, wohnte meine Mutter in einem großen, dunklen, düsteren, alten Steinhaus auf Manhattan Island. Damals war New York fast nur ein Viertel von dem, was es jetzt ist, und jenes Haus lag eine ziemliche Strecke außerhalb der Stadt. Es steht noch heute an der gleichen Stelle, aber die City ist meilenweit darüber hinaus gewachsen. Das Gebäude war in Zeiten, wo Pest, Fieber, Pocken oder Cholera wüteten, als Pesthaus oder Lazarett benützt worden und in ihm sind Tausende an jenen Krankheiten gestorben; von ihm aus nahm in meinem fünften Lebensjahre die Seele meiner Mutter ihren ewig dauernden Flug.

Viele waren bereit, einen Eid darauf zu schwören, daß das alte Haus von Geistern heimgesucht werde, die in schrecklichem Schweigen durch die feierlichen, stattlichen Säle des massigen Inselschlosses wandelten. Aber im allgemeinen hatten die Zeugen solcher Geisterbesuche weder Zeit noch Neigung, um die Bekanntschaft mit den Besuchern zu pflegen – ausgenommen einer, ein Apotheker namens Banker, der einmal einer jener Erscheinungen eine Verwünschung zurief, worauf diese ihm einen Schlag auf den Kopf versetzte und ihm zur Strafe für sein Majestätsverbrechen die Kinnlade vollständig zerschmetterte. Von dieser einen Ausnahme abgesehen, beeilten sich alle, die einem jener Geister begegneten, die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, und es war erstaunlich, mit welch überraschender Schnelligkeit selbst Gichtbrüchige die Flucht ergriffen, wenn einer von denen, die mit einem Schafhäutchen über dem Gesicht geboren waren, und denen daher im Volksmund die Fähigkeit zugeschrieben wurde, Geister zu sehen, erklärte, es sei ein Gespenst in der Nähe; und da derartig Bevorzugte Geister sehen konnten, so wünschte ich mir oft, ich möchte einem begegnen, der mit zwei Schafhäutchen geboren war, so daß er sie nicht nur sehen, sondern auch mit ihnen sprechen könnte.

Viele glaubten nicht an Geister. Ich glaube an Geister der verschiedensten Arten, die ich im folgenden aufzählen möchte: 1. Es gibt Abbilder, die von den Seelen ausgesandt und irgendeinem andern weit Entfernten sichtbar werden. 2. Die Erzeugnisse einer erhitzten Phantasie – die Vorspiegelung der Geister – die Folgen von Gehirnfieber, Trunkenheit, Opium und andere Hirngespinste. 3. Die Geister toter Menschen. 4. Geistige Wesen von anderen Planeten. 5. Wesen von ursprünglichen Welten, die nicht gestorben, aber nichtsdestoweniger von so feiner Struktur sind, daß die Gesetze der Materie, denen wir unterworfen sind, für sie nicht gelten, und die, indem sie so unter die Wirksamkeit jener Gesetze fallen, die die entkörperten Menschen regieren, imstande sind, alles zu tun, was jene tun. 6. Ich glaube, daß menschliche Wesen aus Verzweiflung oder bösem Willen häufig geistige Harpyen ins Leben rufen, die furchtbare Verkörperung ihrer bösen Gedanken. Das sind quasi Dämonen, die so lange existieren, als ihre Schöpfer unter der Herrschaft des Bösen stehen. 7. Ich glaube an eine ähnliche, aber von den guten Gedanken guter Menschen ausgehende Schöpfungskraft, die lieblichen Emanationen sehnsüchtiger Seelen. Man beachte diese sieben Klassen wohl. Sie bilden eine genaue Darstellung der Lehre ›der Rosenkreuzer von der höheren Ordnung‹.

Als ich etwa fünf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule nach Hause und fand die irdische Hülle, die körperliche Gestalt der einzigen Freundin, die ich je besessen, meiner Mutter, kalt und zusammengesunken. Welch ein Schlag für mein Kinderherz! Sie war an jenem Morgen der Erde müde geworden, hatte heiter und vertrauensvoll ihre liebevollen Augen geschlossen; und ich blieb allein zurück, um gegen vier mächtige Feinde zu kämpfen: Vorurteil, Armut und meine eigene Natur. Der vierte ist fast zu schrecklich und zu phantastisch, als daß man ihn für möglich halten könnte, aber ich will erzählen:

DIE LEGENDE

Vor vielen, vielen Jahrhunderten lebte in dem Lande, wo in späteren Zeiten Babylon und Ninive standen, ein mächtiger König, dessen Macht groß und unbestritten war. Weise, wohlgebildet, aber exzentrisch, hatte er eine Tochter, die über alle Beschreibung lieblich und klug und schön war. Könige und Fürsten bewarben sich vergebens um ihre Hand, denn ihr Vater hatte geschworen, er werde sie keinem anderen Mann geben als dem, der ihm ein Rätsel lösen könnte, das er, der König selbst, ihm aufgeben würde; wüßte er aber die Lösung nicht, so müsse er sterben. Das Rätsel lautete: »Welches sind die drei wünschenswertesten Dinge unter der Sonne, die nicht die Sonne sind, die aber in der Sonne wohnen?« Tausende von heiteren und ernsten, weisen und ehrgeizigen Männern versuchten die Lösung, fanden sie nicht, ließen ihr Leben und bestiegen das fahle Roß des Todes.

Inzwischen war weit und breit verkündet worden, daß Purpurgewänder, goldene Ketten, der höchste Rang im Reiche und die Hand der Prinzessin die Belohnung des Glücklichen sein würden.

Eines Tages nun kam eine glänzende Gesandtschaft von dem König des Südens an den Hof, die ein Bündnis schließen wollte, und neue Verträge vorschlug. In ihrem Gefolge befand sich ein junger Dichter, der der Gesandtschaft als Dolmetsch diente. Dieser Jüngling hörte von der merkwürdigen Angelegenheit, erkundigte sich nach den Bedingungen und prägte sich das Rätsel ein. Vier lange Monate hindurch brütete er darüber und dachte nach, indem er alle möglichen Antworten in seinem Geist erwog, aber ohne eine zu finden, die allen drei Erfordernissen gerecht wurde.

Um ungestört nachdenken zu können, pflegte sich der junge Mann in eine Grotte hinter dem Palast zurückzuziehen und sich dort das Rätsel und alle möglichen Lösungen durch den Kopf gehen zu lassen. Als die Prinzessin davon hörte, beschloß sie, ihn zu beobachten und führte diesen Entschluß auch aus. So sah sie ihn täglich, ohne daß sie von ihm bemerkt wurde, und bald wurde sie von Liebe zu ihm so entflammt, daß sie ihn mehr liebte als ihr Leben.

Eines Tages nun schlief der Jüngling in der Grotte ein und sein Haupt lag dabei gerade über einer Felsspalte, aus der ein sehr feiner, leichter Dampf hervorströmte, der ihn bald in einen Traumzustand versetzte, in dem er die Prinzessin selbst zu sehen glaubte, unverschleiert und lieblicher als die Blumen, die in des Königs Garten blühten. Er glaubte sodann eine Inschrift zu sehen, die ihn aufforderte, nicht zu verzweifeln, und zu gleicher Zeit stand vor seinem Geiste der Satz, der später die Losung jener mystischen Brüderschaft wurde, die einige Jahrhunderte lang unter dem Namen der Rosenkreuzer bekannt war: ›Es gibt keine Schwierigkeit für den, der ernstlich will.‹ Und mit diesem Satz kam ihm die Lösung von des Königs Rätsel, an die er sich erinnerte, als er erwachte. Sogleich erklärte er, er sei bereit, das zu versuchen, was so vielen Abenteurern das Leben gekostet hatte. Es wurden umständliche Vorbereitungen getroffen, wobei der Henker nicht vergessen wurde, der mit einem blanken Schwert bereit stehen mußte, um den Dichter um einen Kopf kürzer zu machen, wenn er die Lösung nicht fände. Zur bestimmten Stunde versammelte sich der ganze Hof, darunter auch die Prinzessinnen in dem größten Saale des Palastes. Der Dichter näherte sich den Stufen des Thrones, kniete nieder und sprach: »O König, mögest du ewig leben! Welche drei Dinge sind wünschenswerter als Leben, Licht und Liebe? Welche drei sind untrennbarer? Und was kommt mehr von der Sonne und ist doch nicht die Sonne? O König! Ist dem Rätsel gelöst?« »Ja,« sagte der König, »du hast es gelöst, und ich werde mein Wort halten.« Und er gab sogleich Befehl, die Hochzeit mit königlichem Pomp zu feiern, obwohl er, durch einen hohen Hofbeamten beeinflußt, die Dichter im allgemeinen nicht leiden konnte, und diesen einen gerade deswegen nicht, weil er glaubte, der junge Mann habe ihn bei einem der soeben abgeschlossenen diplomatischen Verträge übervorteilt. Nun geschah es, daß der Großwesir gehofft hatte, irgendwie eine Lösung des Rätsels zu finden und so den großen Preis für einen seiner eigenen Söhne zu gewinnen; und sobald nun an jenem Tage der Diwan zu Ende war, eilte er in das Privatkabinett des Königs und bemühte sich, seinen Herrn noch mehr gegen den Sieger zu stimmen, indem er ihm vorspiegelte, jener habe nur durch Zauberei gesiegt. Dies erzürnte den König so sehr, daß er seine Einwilligung gab, den jungen Bräutigam noch in derselben Nacht durch einen schnellen, heimlichen, grausamen Tod beiseite schaffen zu lassen. Zu diesem Zweck wurde bei dem abendlichen Festmahl dem Dichter ein Schlaftrunk gegeben und, als dieser seine Wirkung getan hatte, legte man ihn auf ein Ruhebett und brachte ihn dann in den Raum, der für widerspenstiges Gesinde des Hofes bestimmt war. Dieser Raum lag unter der Erde und als der Jüngling dort mit roher Gewalt auf den Boden geworfen wurde, erwachte er und sah mit Bestürzung, daß er an Händen und Füßen gefesselt war; vor ihm stand der König, der Wesir und einige Soldaten und – der Tod; denn er sah an den Blicken seiner Feinde, daß seine Tage gezählt waren. Vergebens verteidigte er sich gegen die Anschuldigung der Zauberei. Er wurde zum Tode verurteilt und der König gab sogleich Befehl zum Vollzug des Urteils. Gerade in dem Augenblick, als der tödliche Streich fallen sollte, erschien eine riesige Hand, die offenbar die erhobene Klinge aufhalten wollte. Aber zu spät, das Schwert fiel. Als es den Nacken des Dichters berührte, stieß dieser die schrecklichen Worte aus: »Ich verfluche euch alle, die ihr –« der Rest des Satzes wurde im Jenseits gesprochen; aber gleichzeitig erhob sich ein Lärm und ein Geschrei wie von tausend anklagenden Geisterstimmen, und eine von ihnen rief unter Donnergetöse: »Dieser Jüngling hat durch seine Willenskraft die Tore zu dieser Welt und zur Welt des Geheimnisses entriegelt. Er war der erste seines und deines Geschlechts, der jemals so hohen Ruhm erreichte. Und ihr habt ihn erschlagen, und er hat dich verflucht, und darum hast du, o König, und du, o Wesir, wie auch der Tote die menschliche Natur mit einer andern vertauscht. Der König wird durch die Jahrhunderte hindurch von einer Gestalt in die andere wandern. Du aber, o Wesir, wirst leben, bis dir vergeben ist; – Dhoula Bel soll dein Name sein und du sollst den König versuchen durch Menschenalter hindurch und dein Streben soll zunichte werden, so oft immer der Jüngling – der der ›Fremde‹ genannt werden wird – es so will, um der Liebe willen, die er im Herzen trug. Dieses Drama soll dauern, bis ein Sohn Adams eine Tochter Ichs heiraten wird oder bis du, o König, in einer der Gestalten deines Daseins lieben und wirklich und treu wieder geliebt werden wirst, und zwar nur um deiner selbst willen. Möge eine Ewigkeit vergehen, bis dies geschieht.««


»Fragt mich nicht,« sagte der junge Beverly, »warum, sondern glaubt mir, wenn ich sage, daß ich weiß, daß ich vor unvordenklicher Zeit jener König war; daß der Fremde meiner Mutter erschien, daß Dhoula Bel mich noch immer wegen der alten Sünde heimsucht und quält. Ich kenne das Schicksal, das über mich verhängt ist, und ich weiß, daß ich in dieser gegenwärtigen Gestalt ein neutrales Wesen bin, für das es keine Hoffnung gibt, außer der Vereinigung von mir, einem Sohne aus Adams Geschlecht mit einer Tochter Ichs, einer, die nicht aus Adams Geschlecht stammt … Das also ist das tragische Geschick, dem ich so erbarmungslos an jenem Morgen, da meine Mutter auf Manhattan Island starb, ausgeliefert wurde – verurteilt, für ein Verbrechen zu sühnen, das vor Jahrtausenden begangen worden war.«


3. Kapitel
EIN GEISTERHAFTER BESUCH

Beverly fuhr folgendermaßen fort:

»Ich wußte dies alles natürlich noch nicht, als ich fünf Jahre alt war. Das einzige, was mich vollständig beherrschte, war der Verlust meiner Mutter – ihr seltsames Schweigen – der schmerzliche Blick derer, die mein Haupt streichelten und ›armes Kind‹ sagten. Ich versuchte mit aller Kraft, männlich zu sein, wie sie mir geboten, und nicht zu weinen, aber ich konnte meine Tränen doch nicht zurückhalten.

Als ich an dem Bett stand, in dem sie so still lag, fragte ich die anwesenden Trauergäste, wohin meine Mutter gegangen sei, ob sie niemals mehr zu mir reden, mich küssen und liebkosen werde. Und sie sagten ›nie mehr‹, und wiederholten diesen schrecklichen und doch unwahren Kehrreim immer wieder, bis mein armes Herz bis zum Zerspringen voll war von Kummer und Trübsal. Und dann warf ich mich über den teuren Leichnam und weinte, bis die Tränen nicht mehr fließen wollten.

Als ich an der kalten Brust meiner lieben Mutter lag, sagte eine Frau zu mir: ›Weine nicht, armes Kind, sie ist jetzt glücklich. Sie hat den Weg zum Himmel beschritten.‹ Und ich glaubte, was die Frau sagte, und sah hinaus durch das dichte Laubwerk der dicht vor dem Hause stehenden Bäume; ich blickte sehnsüchtig zum Himmel hinauf in der Erwartung, die emporsteigende Seele wahrzunehmen, und als mein Blick auf eine silberne Wolke fiel, da glaubte ich, es sei meiner Mutter geheiligte Seele. Fast glaube ich es jetzt noch, denn, als die Wolke sich in der Bläue des Himmels in Nichts auflöste, hörte ich deutlich eine Stimme, leise, zart und ein wenig traurig, gleich den sterbenden Tönen einer Äolsharfe, die sanft vom Hauch des Zephirs berührt wird, die Worte in mein Ohr flüstern – ich damals noch nicht ganz verstand –: ›Einsamer! möge dir das Leben, das du jetzt beginnst, Ruhe bringen! Laß deinen Wahlspruch sein: ›Versuch's!‹ Verzage nicht, sondern erinnere dich immer daran, daß wir dennoch glücklich sein können, trotz alledem! Lebe in Frieden, armes Kind! Du wirst von deiner Mutter bewacht und behütet!‹ ›Und von dem Fremden‹, fügte eine andere noch hellere Stimme aus der tiefen Stille des nachmittägigen Himmels hinzu. Ich erkannte diese mystische Stimme – die erste – und fühlte, daß sie von jenseits der Schwelle der Zeit kam.

Von dieser Stunde an begann für mich und in mir ein seltsames Doppelleben. Zwei in jeder Hinsicht vollkommen wahre Vorfälle will ich erzählen, von denen der eine es mir für immer zur Gewißheit machte, daß es menschliche Wesen gibt, die die Feuerprobe des Todes überleben. Nicht lange nach meinem unersetzlichen Verlust ging ich mit einigen anderen Kindern in dem Dachzimmer jenes dunklen alten Hauses zu Bett. Irgendein lustiges Geschehnis war vorhergegangen, und wir waren alle von Freude und Heiterkeit erfüllt, und unser Frohsinn war so laut, als er sein durfte bei der Furcht vor den Ogern unter uns, die die üble Angewohnheit hatten, mit Hilfe von Riemen und Birkenruten sich Ruhe zu erzwingen. Mitten im ärgsten Lärm wurden uns plötzlich ganz langsam von einer völlig unsichtbaren Macht die Bettdecken weggezogen. Wir zogen sie wieder zurück, aber immer und immer wieder wurden sie fortgezogen, und dies war von einem Getöse und Gerassel begleitet, wie wenn fünfzig Kanonenkugeln auf dem Boden umherrollten; und das führte sogleich die Oger von unten zu uns herauf, die sehen wollten, was vorging. Soweit es uns unser Schrecken erlaubte, erklärten wir es ihnen, worauf sie schrecklich weise dreinsahen, die Bettdecken wieder in Ordnung brachten und sich zurückzogen. Kaum waren sie fort, als die Kanonenkugeln wieder über dem Boden zu rollen begannen. Und als ich den Mut aufbrachte, mich aufzurichten, um nach der Bettdecke zu haschen, die schon wieder weggezogen worden war, sah ich klar und deutlich eine weibliche Gestalt zu Füßen meines Bettes stehen, aber nicht auf dem Boden, denn sie schwebte wie eine Dunstwolke in der Luft. Es war, wenn überhaupt, nur wenig Licht in dem Raume, außer dem, welches die Erscheinung umfloß und von ihr auszugehen schien. Sie stand inmitten eines silbernen oder phosphoreszierenden Nebels, war aber in ihrem Äußern keineswegs phantastisch, sondern so klar und scharf umrissen, daß ich mich an alle einzelnen Bestandteile ihrer Kleidung erinnere, eine Tatsache, die ein Geheimnis enthält, das kein Psychologe bis jetzt zu ergründen vermochte. Die anderen Kinder, die es ebenfalls bemerkten, erschraken, ich nicht, denn ich fühlte, daß die Gestalt mir nichts tun würde, weil ja eine Mutter ihre Kinder liebt. Und diese Erscheinung war meine Mutter!

Nach diesem Vorfall verfloß eine ziemlich lange Zeit. Ich war zu einem kräftigen, lebhaften Knaben herangewachsen und hatte mich schon einige Jahre lang in der Welt umhergetrieben, als ich mich eines Tages als Schiffsjunge auf der Brigg ›Phöbe‹ aus New Bedford befand, deren Kapitän ein gewisser Alonzo Baker war, der aber nicht aus New Bedford stammte.

Auf diesem Schiff diente ich mehrere Monate, zu niemandes Zufriedenheit, auch nicht zu meiner eigenen, da ich zu klein, zu schwach und zu zart war, um die schweren Pflichten erfüllen zu können, die mir auferlegt waren, und ich mußte daher auch die üblichen Strafen dafür erleiden.

Seeleute sind stets abergläubisch, wenn auch jetzt vielleicht weniger als in der Zeit, von der ich spreche. Aber auch heute ist es trotz allen Fortschritts nicht schwer, Matrosen zu finden, die einem zwischen der Hundewache und acht Glas unter der Wetterreling ein Garn spinnen, daß sich einem die Haare sträuben wie einer zornigen Katze. – An Bord der ›Phöbe‹ befanden sich einige alte Seebären, die eine Menge Geschichten von den Geistern ermordeter Matrosen zu erzählen wußten, die mitten in fürchterlichen Stürmen erschienen, um die Maaten vor dem Mast zu ermuntern und die Seelen schuldbeladener Steuerleute und Kapitäne zu erschrecken. Dies trug natürlich dazu bei, meine abergläubischen und mystischen Neigungen zu verstärken. Oft habe ich die Nähe und die Macht des Todes oder jener, die niemals sterben, gefühlt, und oft bin ich auf geheimnisvolle Weise gerettet worden, wenn ich versucht war, an den gefährlichen Vergnügungen meiner älteren Kameraden teilzunehmen.

Seeleute lieben die Macht und freuen sich, sie über den auszuüben, den ihnen ein glücklicher oder unglücklicher Zufall in die Hände liefert; und auf jedem Schiff gibt es sicherlich einen, der die Zielscheibe kleinlicher Tyrannei und Mißhandlung ist. An Bord der ›Phöbe‹ war ich dieser eine, und da mir ein kräftiger Widerstand nicht möglich war, beschloß ich, mich zu rächen. Ich verwahrte in meiner Kiste ungefähr eine Gallone Rum, in die ich vorher etwa eine halbe Unze Krebsblumenöl aus der Medizinkiste gegossen hatte. Ich versah den Krug mit einem Zettel ›Gift‹. Krebsblumenöl ist das wirksamste gegenwärtig bekannte Abführmittel. Die Matrosen fanden den Krug, lasen den Zettel, glaubten der Aufschrift nicht, tranken die Flüssigkeit und waren folgerichtig danach für mehrere Stunden stark beschäftigt. Eine ganze Reihe von ernsten, gewandten Männern war nicht mehr zu sehen. An jenem Abend konnten sie dem Essen keinen Geschmack abgewinnen. Sie prügelten mich dafür unbarmherzig durch, aber ich war gerächt. Sie mißhandelten mich noch weiter, bis mich eines Tages ein Matrose in der Kambuse in die Nase kniff und für seine Quälerei eine halbe Gallone heißen Schmalzes auf den Unterleib bekam, die ihn sehr belästigte … Zuletzt dachte ich an Selbstmord als die einzige Erlösung, und in einem Anfall von Wut und Verzweiflung, wie sie nur einen Knaben zu überkommen pflegen, rannte ich wirklich aufs Hinterdeck, um den Gedanken auszuführen, durch einen Sprung über den Heckbord in die wogende See. Da wurde ich durch einen leisen Hauch von warmer, beinahe heißer Luft gebannt. Ich war bis in mein Innerstes durchschauert, blieb stehen und in meiner Seele wurde ein beredter und entrüsteter Widerspruch gegen meine Tollheit laut. Ich erlauschte deutlich die Worte: ›Sei geduldig! Versuch's!‹

Es ist unmöglich, all dies einer Selbsttäuschung zuzuschreiben.

Eines Abends, lange Zeit nach dem eben berichteten Ereignis, unterhielt sich eine Gesellschaft von Damen und Herren in Portland im Staate Maine in einem Hause in der Nähe des Observatoriums über das allgemeine Thema ›Geister‹ und über Lohn und Strafe nach dem Tode. Als wir uns in jenem Zimmer niedersetzten, waren wir gerade dreizehn Personen. Wir waren von der Diskussion sehr in Anspruch genommen, so sehr, daß der Gastgeber den Dienern strengen Befehl gab, uns nicht zu stören und niemand einzulassen, wer es auch sei. Und so plauderten wir darauf los; die Diener saßen in der Vorhalle an der Türe und niemand wurde vorgelassen. Mitten im Austausch der Meinungen nahm einer der Anwesenden durch seine Beredsamkeit und seine ehrwürdige Erscheinung unsere ganze Aufmerksamkeit gefangen. Er sprach genau eine Stunde lang, und der Inhalt seiner Ausführungen erschütterte uns tief.

Als er geendet, schwand er uns aus den Augen und wir bemerkten nun erst, daß er der vierzehnte Gast gewesen war. Auf gegenseitiges Befragen stellte sich heraus, daß ihn keiner kannte oder früher je gesehen oder sein Fortgehen wahrgenommen hatte – nicht einmal die Dienerschaft, die erklärte, daß seit zwei Stunden niemand weggegangen sei. Man sagte ›sehr seltsam‹ und wir beschlossen, um unseres eigenen Ansehens willen die Sache zu verschweigen, doch wir kamen überein, in acht Tagen am selben Ort wieder zusammenzukommen, um die Angelegenheit näher zu besprechen und die Meinungen zu vergleichen, zu denen die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft inzwischen kommen würden.«


4. Kapitel
EINE HÖCHST SELTSAME GESCHICHTE ETTELAVAR

»An dem verabredeten Abend kam ein ausgewählter Teil unserer Gesellschaft wieder zusammen, aber keiner hatte eine Lösung des Rätsels gefunden. Unsere Unterhaltung wurde womöglich noch interessanter und spannender als beim erstenmal, und zwar wegen der ungewöhnlichen Dinge, die ich dabei erlebte. Ich war an jenem Abend so vollständig der Sache hingegeben, daß ich zwei- oder dreimal in eine Art mesmerischen Halbschlafs verfiel, der in dem Grade tiefer wurde, als die Diskussion sich steigerte, bis meine unteren Gliedmaßen kalt wurden und mich eine eisige Erstarrung befiel, worüber ich derart erschrak, daß ich, selbst auf die Gefahr hin, das Gespräch zu unterbrechen, den anderen die Verfassung, in der ich mich befand, kundtun wollte.

Wollte – denn ich versuchte es und bemerkte zu meiner Bestürzung, daß ich keine Silbe mehr sprechen konnte – daß ich nicht mehr der geringsten Bewegung fähig war. Ich war entsetzt. Die Gesellschaft war von dem Gesprächsgegenstand so sehr in Anspruch genommen, daß niemand von der an mir vorgegangenen Veränderung Notiz nahm, auch argwöhnte niemand, daß ich nicht mit größter Aufmerksamkeit bei der Sache sei.

Mit unbeschreiblichem Schrecken fühlte ich, daß mir das Leben rasch entfloh und daß der Tod langsam, aber sicher mit eisigem Griff meine Seele packte. Ich war am Sterben. Es schien mir, als sei eine lange Zeit zwischen den letzten bewußten Momenten und dem augenblicklichen deutlich bewußten Todeskampf verlaufen. Da plötzlich schoß ein scharfes quälendes Schmerzgefühl wie ein Nadelstich durch mein Gehirn. Daraufhin nahm mein Empfindungsvermögen ab, wie wenn der Körper in untätiger Passivität der Auflösung keinen Widerstand mehr leisten wollte, und es kamen, mit der Schnelligkeit des Blitzes, die fürchterlichsten Agonien, die je ein sterblicher Mensch erduldet haben mag. Als sie zu Ende waren, schwand mein Bewußtsein und ich fiel auf den Boden, wie ein plötzlich vom Tode Überraschter, zum größten Schrecken der Gesellschaft, wie man mir später sagte.

Wie lange diese physische Leere dauerte, kann ich jetzt nicht sagen, aber, während mein Körper in diesem apathischen Zustand war, wurde meine Seele zu zehnfacher Kraft aufgepeitscht; denn sie sah die Dinge in neuem, geheimnisvollem Licht und weit deutlicher, als sie es je durch die körperlichen Augen vermocht hätte. Diese Zunahme des Gesichts war von einer ebenso starken Zunahme des Gehörs begleitet, und ich hörte eine Stimme, die ganz der ähnlich war, die ich beim Tode meiner Mutter und damals, als ich mich in die See stürzen wollte, gehört, und sie sagte: »Erwache! Eine Aufgabe erwartet dich!« Gleichzeitig ließ meine Lethargie nach und ich wurde nach oben geführt und legte mich mechanisch auf ein Sofa, wobei ich meine Augen unwillkürlich auf das fahle weiße Zifferblatt einer seltsamen alten vlämischen Uhr richtete, die die ganze südliche Ecke des Zimmers einnahm. Dann ließen mich meine Freunde allein, um im Gesellschaftszimmer unten ihre Unterhaltung wieder aufzunehmen.

Das alte Zifferblatt wurde vor meinen Augen heller und heller und dehnte sich immer mehr aus, bis ich, von seiner Körperlichkeit nicht mehr behindert, in ein Meer von märchenhaftem Lichte blickte, dergleichen ich noch nie gesehen. Ich glaubte mich nicht mehr an meinen Leib gefesselt, sondern frei von Raum und Zeit, ein freier Bürger der Ewigkeit. Und ich fühlte mich auf einer Dunstwolke in die Luft emporgehoben, von dem mächtigen Arme eines seltsam blickenden alten Mannes – dem genauen Ebenbild desjenigen, der uns einige Tage vorher durch seine Erzählungen und sein geheimnisvolles Verschwinden in so große Bestürzung versetzt hatte. Er sagte, ich solle mich nicht fürchten, sondern auf mich und ihn vertrauen; nicht Böses, sondern Gutes wolle er mir tun: sein Name sei Ettelavar, seine Jahre zählten nach Menschenaltern und er sei der Gefährte derer, die sterben und wieder leben – und jener, die niemals den Tod erleiden. All dies und noch mehr sagte er mir; und er fügte hinzu, er wolle sich und mir helfen. Er kenne geheimnisvolle Mächte, die durch Jahrhunderte hindurch die Weisen und Gelehrten der Erde zu besitzen behaupten – die Narek el Gebel, die Hermetisten, die Pythagoräer, die drei Tempel des Rosenkreuzes, die mittelalterlichen und die modernen Rosenkreuzer und die zu allen Zeiten und an allen Orten lebenden Erforscher von Geheimnissen.

Während ich diesem seltsamen Wesen Ettelavar zuhörte, war mir, als ob ich im Luftraum schwebte; ich verspürte ein so intensives Lebensgefühl wie nie zuvor, und wußte zum erstenmal, was es heißt, ein lebendes, menschliches Wesen zu sein. Durch eine mir unbekannte Kraft tat Ettelavar unserer Bewegung Einhalt und die Wolke, auf der wir dahinzusegeln schienen, stand mitten im Weltraum still und er sagte zu mir: ›Sieh und lerne!‹

Wie geschäftige Insekten in der Sommersonne sah ich in weiter Ferne zahllose menschliche Wesen, die mühsam auf einer steilen Anhöhe arbeiteten, über deren Gipfel schwerfällig dichte, dunkle, düstere Wolken hingen. An ihren Rändern waren sie blutrot, wie wenn sie mit Donner gekrönt und ihr Inneres übervoll von Blitzen wäre; ihre finsteren Schatten legten sich schwer und bleich auf die Ebene unten, wie Sterbekleider auf die Glieder einer schönen Frau. ›Es ist nur eine Masse‹, sagte ich; und das Wesen an meiner Seite wiederholte in erstauntem Tone: »Nichts als eine Masse? Knabe, die Schicksale der Völker beruhen auf der Masse. Sieh weiter!« Ich gehorchte mechanisch und bald bemerkte ich eine seltsame Bewegung unter der Menge, ein Klagegeheul drang empor – ein Schrei höchster Angst – ein Schall, schwerbeladen mit Weh und Seelenleiden. Ich schauderte.

Auf der äußersten Spitze des Berges stand ein gewaltiges Monument, kein Obelisk, aber eine Art Tempel, vollkommen in allen seinen Linien und prächtig anzuschauen. Auf diesem Gebäude stand eine kleine Pyramide aus glänzendem Gold und auf jeder ihrer Seiten war das lateinische Wort ›felicitas‹ eingegraben. Ich fragte meinen Führer nach einer Erklärung, aber anstatt sie zu geben, legte er seine ätherische Hand auf meine Hand und indem er leicht über meine Augen fuhr, sagte er: ›Sieh!‹

Hatte seine Berührung Zauberkraft? Es schien so, denn sie vergrößerte meine Sehkraft wohl um das Fünfzigfache und als ich mich wieder der Erde zuwandte, wurde mein Interesse durch ein wirkliches Drama erregt, das sich da und dort abspielte. Offensichtlich war die große Mehrheit der Leute teilweise, wenn nicht völlig blind, und ich beobachtete, daß eine Gruppe in der Mitte der Ebene am Fuße des Berges sich in größerer Erregung zu befinden schien als die anderen. Ihre Unruhe schien aus dem Wunsch hervorzugehen, der hier jeden beherrschte, nämlich eine Kugel und einen Stab aus Gold zu bekommen, die auf einem roten Samtkissen in dem prächtigen Gebäude auf dem Berge lagen. Inmitten dieser letzteren Gruppe, die sich heftig bemühte, den Weg zu dem Monument hinauf zu erreichen, befand sich ein Mann, der mit weit mehr Willenskraft und Entschlossenheit ausgestattet zu sein schien als alle anderen. Mutig strebte er auf dem Wege zum Gipfel vorwärts und nach unglaublichen Anstrengungen hatte er auch Erfolg. Frohlockend nahte er sich dem Tempel. An seiner Seite waren noch Hunderte. Er überholte sie, trat ein und streckte die Hände nach der Kugel und dem Zepter aus – ich glaubte schon, er würde gewiß sein Ziel erreichen – seine Finger berührten schon den Preis, ein Lächeln des Triumphes erhellte sein Antlitz, aber da nahm es plötzlich die Farbe des Todes an – er fiel zur Erde, von einem tödlichen Schlag getroffen, den eine verräterische Hand von hinten geführt hatte, und schon packten ihn andere und warfen ihn in den gähnenden Abgrund, an den der Tempel hart angrenzte. Wohl war er der erste, aber der erste, der in Stücke gerissen und von den eisernen Fersen der Neuankommenden zu Tode getreten wurde – von Menschen, die kein Mitleid fühlten, sondern sich vielmehr freuten, daß die Zahl ihrer Rivalen sich um einen vermindert hatte.

›Ist es möglich,‹ rief ich innerlich aus, ›daß ein so infernalischer Neid in menschlichen Seelen kocht?‹

›Leider, wie du siehst‹, antwortete Ettelavar an meiner Seite. ›Laß dir zur Lehre dienen, was du gesehen hast. Ruhm ist ein Wahnsinn, nicht wert, ihn zu besitzen, wenn man ihn erlangt hat. ›Felicitas‹ schwebt dem Menschen immer vor und wird nie erreicht, darum sollte man gar nicht danach streben. Freundschaft ist ein leerer Name oder ein bequemes Kleid, das die Menschen anlegen, um einander mit größerer Leichtigkeit berauben zu können. Kein Mensch freut sich, wenn er den anderen emporkommen sieht, außer, wenn dieses Emporkommen seiner eigenen Erhöhung nützt. Und der Hintenstehende wird den Vornstehenden erdolchen, wenn er ihm im Wege steht. Ich beginne mein Amt als dein Schützer, indem ich dich vor der Welt warne – und damit dich gegen sie bewaffne – und vor allen, die zu ihr gehören. Wenn du wirklich emporsteigen willst, dann mußt du erst lernen, die Welt und alles, was sie enthält, auf seinen richtigen Wert einzuschätzen. Denke daran; ich, der ich zu dir spreche, bin Ettelavar. Erwache!‹

Wie die plötzliche schwarze Wolke in östlichen Meeren, so kam eine Finsternis über mich; meine Augen öffneten sich und erblickten das alte Zifferblatt. Seine Zeiger sagten mir, daß genau dreizehn Minuten verflossen waren, seit ich zum erstenmal auf jener Uhr nach der Zeit gesehen hatte. Seit jener Stunde habe ich manches Ähnliche erlebt und das ist auch der Grund für die in gewisser Hinsicht außergewöhnlichen Kräfte, die ich mir nicht anmaße, sondern die mir zugeschrieben werden.«

Dies war der Inhalt der Erzählung des jungen Mannes, die er zur Antwort auf die Fragen gab, die ihm, lange bevor er hier dem Leser vorgeführt wurde, vorgelegt worden waren.


5. Kapitel
LIEBE – EULAMPIA[2] – DAS SCHÖNE

Die goldene Sonne ging unter, der Tag sank unter seine purpurnen Decken im glühenden Westen. Arbeitsmüde Bauern wanderten langsam ihren Weg nach Hause zum Abendessen. Noch saß der Wanderer an der Landstraße; noch fielen seine Tränen und wenn die Heimkehrenden an ihm vorbeikamen, machten sie wohl Bemerkungen über ihn, ohne sich darum zu kümmern, ob er sie hörte oder nicht. Zuletzt kamen drei Personen des Wegs, von denen zwei unzweifelhaft Indianer waren, während es bei der dritten, einem Mädchen von einzigartiger Gestalt, Grazie und Gesichtsfarbe und ungewöhnlicher Schönheit sehr schwer war, ihre Rassenzugehörigkeit zu bestimmen. Sie war etwa vierzehn Jahre alt. Der Knabe, der sie und den alten grauhaarigen Indianer begleitete, mochte gegen zwölf Jahre zählen. Dieser Junge nun bemerkte den Fremden zuerst.

»O, Eulampia,« sagte er, »sieh doch! Da sitzt ein Mann und weint, ich will ihm helfen!« Er redete in seiner Muttersprache. Er war ein Vollblutindianer, furchtlos, lebhaft und edelmütig. Er war vom Stamme der Oneida, die zu den Mohawks gehören. Unglück sehen und zu Hilfe eilen war für ihn ein und dasselbe, wie es auch bei seinem Volke gebräuchlich war, bis es durch schlechte Sitten und durch eine noch schlechtere Schutzherrschaft »kultiviert« und »zivilisiert« wurde. Der Indianer hieß Ki-ah-wah-nah (der Lindernde und Tapfere) und war der Häuptling des Stockbridge-Zweiges der Mohawks. Das Mädchen, Eulampia, war dem Namen nach sein Enkelkind, in Wirklichkeit aber hatte sie außer Kleidung, Sprache und Erziehung nichts Indianisches an sich, obgleich man sie wohl für einen Mischling hätte halten können. Ihr Name war neugriechisch, aber ihre Züge und ihre Gesichtsfarbe erinnerten nicht mehr an die der schönen Bewohner der Gestade des Bosporus als an die der Indianer oder Angelsachsen. Vor vielen Jahren war das Mädchen von einer Frau, die zu einer Bande wandernder Zigeuner gehört, dem Häuptling gebracht und für eine Woche seiner Obhut übergeben worden. Diese Frau hatte, durch den Ruf der Neuen Welt angelockt, ihre europäische Heimat verlassen und die See durchquert, um eine goldene Ernte zu sammeln. Die Zigeunerbande hatte sich fast ein Jahr lang in Cornhill in Utica aufgehalten und dann von dort das Land in weitem Kreise durchzogen. Die Frau war niemals zurückgekommen, um ihr Kind wieder zu holen, denn die übrigen Mitglieder der Gesellschaft brachen plötzlich auf. Der alte Häuptling, der Eulampia als Kind übernommen hatte, gewann sie, als sie heranwuchs und größer wurde, ebenso lieb wie wenn sie eine Frau seines eigenen Stammes gewesen wäre. Dies war keineswegs verwunderlich, denn ihr überlegener Geist erzwang sich bald Achtung und Bewunderung. Keine einzige der ethnologischen, körperlichen oder seelischen Eigenheiten der Zigeunervölker war an ihr wahrzunehmen und kluge Leute vermuteten deshalb, sie sei irgendwo von jenem Weibe gestohlen worden, das sie aus Furcht oder Berechnung ihrem Schicksal und der Fürsorge des guten alten Indianers überlassen hatte. Sie galt weit und breit nicht nur als die Schönste, sondern auch als die Gescheiteste unter all ihren Altersgenossinnen und war die unbestrittene Königin jener Indianerreservation, nicht von Rechts wegen, sondern durch ihre geistige Überlegenheit.

Dies war also die »hellstrahlende« Jungfrau, die sich jetzt, durch die Rufe des Knaben aufmerksam gemacht, dem jungen Beverly näherte. Als sie sein Äußeres gewahrte, das von Not und Kummer Zeugnis ablegte, legte sie ihre zarte Hand sanft auf sein Haupt und sagte mit einer ungemein herzlichen und sympathischen Stimme: »Mann mit dem schweren Herzen, warum weinst du da? Ist deine Mutter vor kurzem gestorben?«

Der junge Mann hob den Kopf, sah das Mädchen in seiner blendenden Schönheit vor sich und entgegnete, nachdem er einen Augenblick gezögert hatte, wobei ihn ein Schaudern wie von einer schmerzlichen Erinnerung überlief, mit leiser Stimme: »Nein; es kann nicht sein! – es kann nicht sein! – Und gar in diesem Teil der Welt! Nein!« Dann fügte er hinzu: »Mädchen, ich bin allein und das ist's, warum ich weine. Ich bin noch jung, aber das Gewicht von Jahren des Kummers lastet schwer auf mir und drückt mich nieder. Heute ist der Jahrestag des Todes meiner Mutter und ich begehe ihn immer in Tränen und Gebet. Seit sie zum Himmel heimging, habe ich keinen wahren Freund gehabt, und mein Los und Leben ist Elend. Die Menschen nennen sich meine Freunde und beweisen es, indem sie mich berauben. Vor kurzem kam einer zu mir – er war sehr reich – und sagte: ›Man sagt mir, daß Ihr sehr geschickt in der Behandlung von Kranken seid. Kommt; ich habe eine Schwester, die die Ärzte bereits aufgegeben haben. Ich liebe sie, Ihr seid arm, ich bin reich. Rettet sie; Gold wird Euer Lohn sein.‹ Ich ging, die Ärzte hatten sie aufgegeben und nur zwei Möglichkeiten gab es noch, ihr Leben zu verlängern – entweder die Übertragung von Blut aus meinen Adern in die ihrigen, oder eine Übertragung des Lebens selbst. Ich war jung und kräftig und wir beschlossen, den letzteren Weg einzuschlagen. Und Monate lang saß ich nun – während der Zeit von drei Jahren – bei der armen Kranken und ließ ihren zerstörten Körper auf magnetischem Wege wieder Leben gewinnen, ohne darauf zu achten, daß ich dabei meine eigene Gesundheit untergrub. Schließlich brach ich vor Erschöpfung und Krankheit zusammen und war, nur um mein Leben zu retten, genötigt, das magnetische Band zwischen uns zu lösen und nach Europa zu gehen. Kaum war die Verbindung unterbrochen, so sank sie ins Grab. Falsche Freunde haben mich betrogen und mich an den Bettelstab gebracht. Du weißt jetzt, warum ich traurig bin, Mädchen mit dem guten Herzen! Ich bin schwach heute abend; der Morgen wird mir wieder Kraft bringen. Sieh, die goldene Sonne geht im Westen unter. Ich fürchte, meine Sonne geht auch unter und die lange, lange Nacht des Elends wird folgen.«

»Du sprichst gut, Mann mit der wunden Seele,« entgegnete sie, »du sprichst gut, wenn du sagst, daß die Sonne untergeht; aber du scheinst zu vergessen, daß sie wieder aufgehen und so hell wie heute scheinen wird! Alte Leute sagen, daß die finsterste Stunde die vor dem Anbruch des Tages ist. Ich bitte dich, fasse Mut. Du kannst trotzdem glücklich sein!«

»Genau der Wahlspruch der geheimnisvollen Brüderschaft! – Genau die Worte meiner toten Mutter! Wie ist dieses Mädchen dazugekommen? Wann? Wo? Durch wen?«

Beverly stutzte und blickte in die dunkle Tiefe ihres Auges. Er wollte schon die Fragen an sie stellen, die sich ihm soeben aufgedrängt hatten, tat es dann aber doch nicht.

»Wir können alle trotzdem glücklich sein,« wiederholte sie, »denn der große Geist hat es mir gesagt«, und sie faltete ihre Hände über ihrer jungfräulichen Brust – glühend von unsterblicher Glut und Begeisterung. Und sie warf mit einem Ruck ihres Hauptes ihr langwallendes schwarzes Haar zurück und stand da als die vollkommene Verkörperung von Treue und Hoffnung, wie wenn ihre emporgewandten Augen ein Gottesblick vom Himmel herab träfe. Der alte Häuptling und der Knabe an ihrer Seite sagten nichts, aber jeder faltete instinktiv seine Hände zum Ausdruck des Vertrauens und des Gebets. Die Gesamtwirkung dieses Eindrucks auf den jungen Mann war eine ungeheuere. Der seltsame Vorfall erschütterte ihn so mächtig, daß er aufstand und dem Mädchen seine Hände auf das Haupt legte. Dann erhob er seine Augen und seine Stimme gen Himmel und antwortete aus der Tiefe seiner Seele: »Amen und nochmals Amen.«

In diesem kritischen Moment kam ich, der Verfasser dieses Buches, zufällig dahin, wo jene Szene stattfand. Einige wenige Worte genügten zur Einführung, und an derselben Stelle begann eine Freundschaft zwischen uns, die selbst der Tod nicht zu trennen vermochte.

Zwei Stunden später saß der Häuptling mit seinem Sohne, das Mädchen, der Jüngling und ich bei einem freundschaftlichen Mahle in dem Hause des Alten. Nach beendeter Mahlzeit nahm das Gespräch eine philosophische Wendung, wobei der Häuptling, der wirklich ein glänzendes Beispiel eines gebildeten Indianers war, sich lebhaft und mit Interesse an der Unterhaltung beteiligte.

Endlich griffen die Älteren zu ihren Pfeifen, die Jüngeren legten sich schlafen, und Beverly und Levambea, wie sie allgemein genannt wurde, gingen hinaus und setzten sich unter einer alten Sykomore nieder, die ihre gigantischen Glieder wie ein Schutzgeist über das Häuschen streckte. Dort plauderten sie, zuerst heiter, dann aber in einem zarteren und ernsteren Ton und es war klar, daß zwischen diesen beiden Menschenkindern schon etwas Wärmeres als Freundschaft aufgeblüht war. Als sie sich erhoben, um ins Haus zu gehen, waren die letzten Worte, die das Mädchen sprach – und zwar mit demselben begeisterten Ton, wie bei ihren ersten Worten –: »Ja, ich werde dich lieben, aber nicht hier, nicht jetzt, vielleicht nicht einmal auf dieser Erde. Doch ich will deine Stütze und dein Stab sein, mögen auch weite Meere zwischen uns liegen. Höre zu: Wenn ich in Gefahr bin, wirst du es wissen, wo immer du auch sein magst. Wenn du in Gefahr bist, wirst du mich sehen. Vergiß nicht, was ich sage, und stelle keine Fragen. Dein Schicksal ist ein einzigartiges, aber nicht einzigartiger als das meine. Gute Nacht! Lebe wohl! Wir werden uns jetzt nicht mehr sehen – es ist nicht erlaubt!« Und ohne noch ein Wort zu sprechen, verließ sie ihn plötzlich, eilte ins Haus, stieg die Treppe hinauf und war verschwunden wie ein Geist.

Am nächsten Tage willigte der junge Beverly auf das Zureden des Häuptlings und anderer, die Interesse an ihm nahmen, ein, mit mir nach meinem Heim zu gehen, das viele Meilen von jenem Orte entfernt war. Wir kamen nach Verlauf der gewöhnlichen Zeit an und er blieb mehrere Monate lang mein Hausgenosse. Und während er sich noch unter der Einwirkung seiner geschwächten Gesundheit und des daraus folgenden mitteilsamen Zustandes befand, wurde ich mit vielen der erhabenen und tiefen Geheimnisse der berühmten Brüderschaft der Rosenkreuzer vertraut, über die er genau Bescheid wußte und die er mir in bestimmten Grenzen zu veröffentlichen erlaubte, unter der einen Bedingung freilich, daß ich den Sitz der Logen, des Domes und die Namen der obersten Führer nicht angeben dürfe, während er mir für die unteren Tempel des Ordens – die in diesem Lande die drei ersten Grade umfassen – keine solche Beschränkung auferlegte, da den Dienern dieser letzteren die höheren Logen vollständig unbekannt sind.

Wie oft, ach, wie oft, saß ich neben ihm an den grünen Ufern des Flusses, der mein kleines Besitztum durchströmte, und lauschte hingerissen der tiefen Weisheit, und den Schilderungen des Wesens und des Ursprungs, der Macht und der Bestimmung der Rosenkreuzer – und all dies hörte ich von den Lippen eines Mannes, der völlig unfähig war, sich mit der habsüchtigen Welt des Handelns und Feilschens auch nur mit dem geringsten Erfolg herumzustreiten. Es war der seltsamste Widerspruch, der mir je an einem Menschen begegnete. Dieser Mann, der in geistigen Wollüsten schwelgte, wie sie für Engel geschaffen sein mochten, hatte nicht so viel Schlauheit, um die Pläne eines gewöhnlichen Betrügers zu vereiteln; – dieser Mann setzte blindlings für lange Jahre sein ganzes Vertrauen auf einen anderen, dessen einziges Ziel es war, ihm nicht nur sein kleines Vermögen, sondern auch seinen guten Ruf zu rauben – dieser Mann mußte zusehen, wie ein ihm teures Kind verhungerte, buchstäblich verhungerte, und begraben wurde, während jener mit den Seinigen im gleichen Augenblick das Geld verpraßte, für das er seine Gesundheit, ja sein Leben in Tausch gegeben hatte. Welch seltsame Widersprüche! Ich habe mich oft gewundert, wie solche Dinge geschehen konnten und besonders dann, wenn er mir die höheren Geheimnisse des Ordens enthüllte, wenn er von Apollonius von Tyana, von den Platonikern, den alten Pythagoräern, von den Sylphen, Salamandern und Glendovers, von Cardan, von Yung-tse-Soh und dem kabbalistischen Licht, von Hermes Trismegistos und den smaragdenen Tafeln, von Hexerei und weißer und schwarzer Magie, vom Labyrinth, von göttlicher Weisheit, von Gott und dem Reiche der Götter, von den Wahrheiten und Irrtümern der goldsuchenden Hermetisten und Pseudorosenkreuzer, von Justinus dem Märtyrer, von Tertullian, Cyprian, Lactantius und Clemens Alexandrinus, von Origines und Macrobius, Josephus und Philo, von Enoch und den präadamitischen Geschlechtern, von Dambuk und Cekus, Psellus, Jamblichus, Plotin und Porphyrius und Paracelsus und über tausend andere mystische Bekenner sprach.

So sagte er eines Tages zu mir: »Denken Sie noch daran, wie Sie mich auslachten, als ich zum erstenmal von den Rosenkreuzern zu sprechen begann und Sie behaupteten, daß eine solche Brüderschaft, wenn sie überhaupt existiere, aus Schurken oder Narren bestehen müßte? Wie Sie herzlich lachten, als ich Sie darüber aufklärte, daß der Orden auf beiden Seiten des Grabes sich in die kleinsten Verzweigungen gliedere, daß er am anderen Ufer derzeit in seinen unteren Graden als der ›Königliche Orden von Gann‹ bekannt sei und in seinen höheren als der ›Große Orden der Neridien‹, daß, wer immer sich aus irgendwelchen Gründen der Brüderschaft diesseits des Grabes anschließe, nicht nur jedes Schutzes sicher sei und ihm auch eine große Menge wichtiger Kenntnisse vermittelt würden, sondern daß ihm auch ein Anteil an dem jenseitigen Ufer des Lebens zuteil würde, im Vergleich zu der jedes andere Schicksal unbedeutend und nutzlos ist. Ich wiederhole diese Behauptung jetzt.«


6. Kapitel
NAPOLEON III. UND DIE ROSENKREUZER EIN UNGEWÖHNLICHER MANN UND EINE UNGEWÖHNLICHE THEORIE

Beverly fuhr in seiner Erzählung fort: »Ich habe schon von dem Fluch erzählt, der über mich verhängt ist; – daß ich zu ewigen Verwandlungen verdammt bin, wenn ich nicht durch die Ehe mit einer Frau erlöst werde, in deren Adern kein Tropfen vom Blute Adams kreist – und auch das nur, wenn eine vollkommene gegenseitige Liebe besteht. Dieser Fluch hat mich mit gewissen Wesen, Mächten und Einflüssen in Berührung gebracht, wie schon andere vor mir, und schließlich wurde ich ein freiwilliger Adept der Geheimnisse der Brüderschaft der Rosenkreuzer. Wie, wann und wo ich würdig befunden wurde, aufgenommen zu werden, darf ich natürlich nicht sagen; es mag genügen, daß ich zu dem Orden gehöre, daß ich – nachdem ich auf gewisse Dinge hatte verzichten müssen – zu der Genossenschaft der Lebenden, der Toten und derer, die niemals sterben, sowie zu den berühmten Derishavi-Laneh zugelassen wurde und daß ich mit den letzten Geheimnissen der Fakie-Deeva-Register vertraut bin. Im Leben habe ich immer drei große Möglichkeiten vor mir gehabt: Eine davon ist die, daß ich – da ich eine neutrale Seele bin – nach meinem Tode der Führer eines hohen Ordens, das ›Licht‹ genannt, werden würde. Die zweite wäre die Berufung zur Führerschaft des ›Schattens‹, eines entgegengesetzten Ordens, gewesen. Die dritte, die ich am meisten fürchte, ist die, daß der vor vielen Menschenaltern ausgesprochene Fluch eines Sterbenden, ich müsse in verschiedenen Körpern auf der Erde umherwandern, ewige Dauer erlangen könnte, wie ich schon erzählt habe, wenn ich nicht durch die treue Liebe eines Weibes losgekauft werde, in deren Adern nicht ein Tropfen von Adamsblut fließt. Es ist mein sehnsüchtiger Wunsch, alle diese drei Möglichkeiten zu vermeiden und des Loses anderer Menschen teilhaftig zu werden.

Ich habe noch andere geheimnisvolle Dinge zu erzählen. Ohne Zweifel erinnern Sie sich, daß jener Fluch von dem jungen Dichter ausgestoßen wurde und daß die geheimnisvolle Stimme in dem Gefängnis, wo er erschlagen wurde, erklärte, daß jener Jüngling fortan, bis der Fluch erfüllt sei, durch alle Zeiten als der ›Fremde‹ bekannt sein solle. Nun gut, im Verlauf der Jahrhunderte wurde dieser Fremde Mitglied einer erhabenen Brüderschaft des Jenseits mit dem Namen ›das Licht‹. Sie wissen auch, daß ich, der König, verurteilt wurde, bis zu meiner Erlösung rastlos umherzuwandern, und Sie wissen auch, daß dem Wesir, der den Namen ›Dhoula Bel‹ erhielt, ein seltsames Geschick auferlegt wurde. Auch er wurde ein tätiges Mitglied einer ausgedehnten Vereinigung im Weltraum, des ›Schattens‹. Das ist jedoch nur die eine Hälfte des Geheimnisses, denn Dhoula Bel und der Fremde hatten es sich zur Aufgabe gemacht, aus mir ein in jeder Beziehung neutrales Wesen zu machen, eines, das keine Neigungen zum Guten oder zum Bösen, sondern nur zu rastlosem Streben haben sollte.

Bei einem meiner zahlreichen Aufenthalte in Paris wurde ich mit einigen hervorragenden Rosenkreuzern bekannt und als ich ihre seelische Tiefe maß, fand ich das Wasser sehr seicht und sehr schmutzig – wie dies ja auch bei denen gewesen war, die ich in London getroffen hatte. Schließlich bekam ich eine Einladung von dem Baron D…t, an einer mesmeristischen Sitzung teilzunehmen. Ich ging hin und der Ruf, den ich dabei erlangte, bewirkte, daß ich schon nach einigen Tagen auf Befehl Kaiser Napoleons III.[3], der 34 Jahre lang ein treuer Rosenkreuzer gewesen war, in die Tuilerien entboten wurde. Ich war schon vorher mit ihm am gleichen Orte, aber in einer anderen Angelegenheit zusammengetroffen. Was damals, soweit ich als tätiger Teilnehmer in Betracht kam, geschah, das zu sagen steht mir nicht zu, außer daß gewisse Experimente in ›Hellseherei‹ als sehr gut gelungen bezeichnet wurden.

Bei dieser Gelegenheit spielte ich Schach und Karten mit verbundenen Augen und gewann, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Dabei fanden die Spiele gleichzeitig statt und die Spieler saßen in drei getrennten Zimmern. Es war auch ein italienischer Edelmann mit einem unaussprechlichen Namen da, ferner ein russischer Graf Tsowinski und eine Frau Dablin, eine Mesmeristin und Opernsängerin. Nach einer Weile fragte der Kaiser die Kaiserin und den General Pellissier, den späteren Herzog von Malakoff, ob sie sich einem magnetischen Versuch durch einen der drei genannten Lehrer dieser Kunst unterziehen wollten. Sie stimmten zu, worauf der Kaiser mit lauter Stimme fragte, ob jemand aus der Gesellschaft geneigt sei, in eigener Person die magnetischen Kräfte seiner Exzellenz des italienischen Grafen zu bestätigen, dessen Methode beim Magnetisieren sich völlig von der damals allgemein üblichen unterschied. Er pflegte nämlich, wie der Schauspieler Boucicault in seinem berühmten Spiel ›Das Gespenst‹, nicht herumzugehen, auch blickte er die Versuchsperson überhaupt nicht an.

›Mit dem größten Vergnügen,‹ erwiderte der Graf auf die Aufforderung, seine seltsamen Kräfte vorzuführen, ›mit dem größten Vergnügen, Majestät‹. Und sogleich wandte er sich um und blickte starr in einen großen Spiegel, der den ganzen Raum zwischen den Fenstern des Salons einnahm. Als er sprach, kam es mir plötzlich zum Bewußtsein, daß ich diesen italienischen Rosenkreuzer schon einmal getroffen hatte, aber ich hätte um den Preis meines Lebens nicht sagen können, wo. Doch war ich völlig sicher, seine Stimme schon gehört und noch sicherer, sein seltsames, süßliches Lächeln schon gesehen zu haben.

Der Graf stand so vor dem Spiegel, daß, wenn sein Auge eine leuchtende Flamme gewesen wäre, die von dem Spiegel zurückgeworfenen Strahlen mitten auf die Stirne eines aus unserer Gesellschaft getroffen hätten; dieser jedoch argwöhnte nicht das Geringste. Er merkte es erst, als es zu spät war und als der Experimentator ihn in den Brennpunkt seiner Sehstrahlen brachte, die Fäuste ballte, mit zehnfacher Konzentration in den Spiegel blickte und einige unverständliche Worte vor sich hin murmelte; – und schon fiel der andere zu Boden, wie wenn ihn eine Kugel ins Herz getroffen hätte, oder wie wenn er mit einer Keule niedergeschlagen worden wäre. Alles fuhr auf und jeder glaubte, es handle sich um einen Schlaganfall – ausgenommen der Kaiser, der Experimentator, ich und der Russe.

Einige eilten herbei, um ihn aufzurichten, aber bevor sie dazu kamen, sprang er auf die Füße und begann zu tanzen und zu singen (im gleichen Moment begriff die Gesellschaft, daß es sich um ein mesmeristisches Phänomen handelte), um gleich darauf für sein Leben zu flehen, wie wenn er mit der Aussicht auf Gefängnis oder Hinrichtung vor seinen Richtern stände. Alles war von dem Vorfall im höchsten Grade hingerissen.

Plötzlich verwandelte sich diese Gerichtsszene in eine musikalische, ohne daß der Graf ein Wort gesprochen hätte, und obgleich der Betreffende sonst durchaus nicht singen oder musizieren konnte, spielte er jetzt mehrere schwierige Stücke auf der Harfe und dem Klavier, sang selbst den Text dazu und das in so hervorragender Weise, daß alle Anwesenden unwillkürlich applaudierten.

Plötzlich unterbrach er sein Spiel und trat genau an die gleiche Stelle, an der der Italiener vorher gestanden hatte und starrte wie er in den Spiegel. Zwanzig Sekunden später stürzte ein anderer Herr, der im Brechungswinkel der reflektierten Strahlen stand, zu Boden und als eine Dame ihm zu Hilfe eilen wollte, und dabei zufällig in den Bereich der Sehstrahlen geriet, hob sie ihn so leicht auf, als wäre er eine Puppe gewesen und begann mit ihm einen geradezu unbeschreiblich wilden Tanz. Dies wirkte ansteckend, denn in weniger als einer halben Minute wirbelten, sprangen und flogen wohl siebzehn Personen, würdige Lords und vornehme Damen, wilder als Bacchanten durch den Saal. Sie hatten sich alle der Reihe nach gegenseitig hypnotisiert. Über alle Maßen erstaunt, zog ich mich, um die weitere Entwicklung der Szene besser zu beobachten, nach der entgegengesetzten Seite des Salons zurück und lehnte mich an eines der beiden dort stehenden kolossalen japanischen Götterbilder. Niemand war in meiner Nähe. Und in meiner Überraschung murmelte ich leise: ›Welch erstaunliche Kraft!‹ Ich bin fest überzeugt, daß selbst ein ganz nahe bei mir Stehender nicht hätte verstehen können, was ich sprach, und doch hatte ich diese Worte kaum geäußert, als sich der Graf auf dem Absatz umdrehte, auf mich zukam und mit einem seltsamen süßlichen Lächeln sagte: ›Diese ganze Kraft ist die Ihre, wenn Sie nur ein einziges Wort sprechen.‹

›Was für ein Wort?‹ fragte ich, verblüfft, daß jemand so schnell meine Gedanken hatte lesen können, denn er konnte meinen Ausruf unmöglich gehört haben.

›Daß Sie sich freiwillig der erhabensten Brüderschaft anschließen wollen, die es je auf der Erde gegeben hat. Überlegen Sie sich's. Wir sprechen uns später!‹

›Wann? Wo?‹ fragte ich hastig, denn die erlauchte Gesellschaft und insbesondere der Kaiser, der uns unter seinen buschigen Brauen hervor ebensoviel Aufmerksamkeit schenkte, wie den wunderbaren Vorgängen im Saale, beobachteten uns fortwährend.

Er antwortete nicht ohne weiteres, sagte aber schließlich: ›Durch die Ausübung der Macht, die ich besitze und Ihnen übertragen will – bedingungsweise natürlich. Sie werden fähig sein, jeden Menschen der Sprache zu berauben und Mann, Weib oder Kind vollkommen Ihrem stummen Befehl dienstbar zu machen, wie die Leute dort meinem Willen dienstbar sind. Da lebt hier z. B. in Paris ein gewisser Jean Boyard, der durch einen bloßen Blick jeden beliebigen Gegenstand auf sich zutanzen lassen kann. Sie werden ihn um das fünfzigfache übertreffen! Auf dem Boulevard du Temple läßt ein gewisser Hektor eine Rose aus einer grünen Knospe in sieben Minuten voll erblühen. Sie werden es in einer Minute tun können.

In der Rue du Jour lebt eine weise Frau, die alle Übel heilt, die überhaupt heilbar sind, und zwar durch bloße Berührung und durch Gebet: Sie werden mehr leisten, als sie je zu hoffen wagen darf. Sie brauchen nur zu sagen: ›Ich will diese Kräfte haben.‹ Und sie werden Ihnen zu Gebote stehen, und sie sind wahrhaftig des Besitzes wert. Ich habe meine Geheimnisse unter den Magiern des Ostens erlernt – Männern, die nicht halb so zivilisiert sind, wie wir im Westen, die aber trotzdem ein gut Teil mehr wissen als die Weisen der Christenheit – nicht von Technik, Politik und Finanzwesen, sondern von der menschlichen Seele, ihrer Natur, ihren Kräften und den Methoden ihrer Entwicklung. Anstatt der modernen wissenschaftlichen Entdeckungen auf diesem Gebiet froh zu sein, schämen wir uns des ›Wahren Tempels‹ … ›Was für ein Tempel?‹ unterbrach ich ihn. Der ›Hohe Dom des Rosenkreuzes‹‹, sagte er.

Der Kaiser mußte diese Frage und die Antwort gehört haben, denn er ging gerades Wegs zu uns herüber, um an unserer seltsamen Unterhaltung teilzunehmen. Der Graf verneigte sich und schien durch die Gegenwart des großen Gründers des zweiten Kaiserreiches nicht im geringsten in Verlegenheit gebracht.

›Was ich sagen wollte‹, nahm er den Faden wieder auf, ›anstatt über das, was die Wissenschaft geleistet hat, in Ekstase zu geraten, schämen wir uns vielmehr über den zögernden Gang des ›Fortschritts‹ – ja: ›Fortschritts!‹ Wo sehen Sie denn einen Fortschritt, außer im Elend, in der Armut, im Verbrechen, in der Unterwürfigkeit? Fortschritt ist mehr Phantasie als Wirklichkeit. Zivilisation ist ein Irrtum, Utilitarismus eine Entweihung der Menschenseele, Philosophie ist Betrug und Gelehrsamkeit Lüge.

Ich war froh, daß der Kaiser gerade in diesem Augenblick zu uns getreten war, und zwar aus zwei Gründen: einmal, weil ich hören wollte, was er darauf zu sagen hatte, und dann, weil ich sehen wollte, ob die Hypnotisierten unter dem Einfluß des Grafen bleiben würden, wenn seine Aufmerksamkeit von ihnen abgelenkt und auf andere Dinge gerichtet war.

›Kehren Sie sich nicht an das, was er da erzählt‹, sagte der Kaiser zu mir, ›diese Mesmeristen sind alle ein wenig verrückt.‹ Und er lächelte, während der Italiener die Achseln zuckte und ausrief:

›Doch mit Methode!‹

Dann wandte der Italiener seine Aufmerksamkeit wieder der Gesellschaft zu, tat durch irgendeine unerklärliche Macht ihrem Tanze Einhalt und brachte sie wieder in ihren normalen Zustand zurück, nahm dann gleich darauf Mme. Dablin aufs Korn, die stracks mit geschlossenen Augen auf ein großes Piano zuging, mit unvergleichlicher Geschicklichkeit wie zum Vorspiel über die Tasten fuhr und dann eine der seltsamsten, glänzendsten und dabei wildesten und zauberischsten Phantasien, die je ein Genie erträumt, zum Besten gab. Mein ganzes Wesen aber war in diesem Augenblick von weit wichtigeren Dingen erfüllt, als von diesem Experiment, so interessant es auch sein mochte. Denn im besten Falle konnten seine Wirkungen und die Erinnerung daran nur vorübergehend und ephemer sein, sagte ich mir, während die Dinge, die ich von dem Italiener lernen konnte, im Gegenteil so lange dauern würden, als meine Seele ihr Bewußtsein behielt. Der Kern der Antworten, die er auf meine und des Kaisers Fragen gab, war folgender:

›Die Seele und ihre Eigenschaften, ihre Leidenschaften und ihr Ausmaß drückt sich im körperlichen Wesen deutlich aus und ist für alle ohne weiteres klar, die den Schlüssel dazu besitzen. Für alle anderen ist es schwierig, diese Zeichen richtig zu deuten und noch schwieriger, die gegenwärtige, die mögliche und die relative Stärke und den Wert jeder Eigenschaft zu erkennen. Jede Handlung eines Menschen wirkt sowohl auf seinen Körper wie auf seine Seele ein, und die Spuren dieser Einwirkungen sind für immer in seinen Gesichtszügen wahrzunehmen. Daher kann der Adept leicht seine Vergangenheit – sogar seine geheimsten Taten oder Gedanken – erkennen, und zwar so leicht, wie wenn sein Gesicht eine bedruckte Seite mit großen, schönen, klaren Lettern wäre. Jeder Mensch kann auf mesmerischem Wege von einem anderen ausgeforscht werden, weil kein Mensch im ganzen genommen stärker ist als seine schwächste Eigenschaft: eine Kette ist nicht stärker als ihr schwächstes Glied. So hypnotisiere ich jetzt die Menschen, weil ich auf den ersten Blick die verwundbarste Seite ihres Wesens erkenne. Selbstliebe, Eifersucht und Wille ist die einige Dreiheit, um die sich das Seelenleben dreht. Eins von diesen ist immer verwundbar; unterwerfen Sie sich dieses und Sie haben den ganzen Menschen unterworfen. Wenn ich hier solche Experimente vollführe, wie Sie sie soeben gesehen, dann mesmerisiere ich zunächst nicht das ganze Gehirn, sondern eine einzelne Eigenschaft desselben, die bald auch die übrigen nach sich zieht. Der Geist des Menschen ist ein Spiegel! Das werden Sie zugeben. Nun gut, ich schalte dann meinen eigenen Geist vollständig aus: ich denke nämlich an gar nichts anderes, als an ein in Umdrehung begriffenes Rad. Die Versuchsperson spiegelt diese Tätigkeit wider; dann singe, tanze, spiele ich in meiner Phantasie und der Magnetisierte spiegelt meine Gedanken durch die entsprechenden Handlungen wider.‹

›Aber angenommen, Ihre Versuchsperson besitzt die Fähigkeiten dazu nicht, wie dann?‹

›Alle Seelen haben diese Fähigkeiten. Die Körper freilich nicht, aber ich bringe ja die Seele unter meine Gewalt, nicht nur den Körper.‹

›Das ist eine gefährliche Macht‹, meinte der Kaiser, ›und nur ein guter Mensch sollte sie besitzen.‹

›Ein schlechter Mensch kann kein wahrer Rosenkreuzer werden, obgleich die Menschen ihre Waffen gegen die Mitglieder der Brüderschaft gekehrt haben, und ihre Geheimnisse wie ja auch sonst alles, was dazu gehört, zu unlauteren Zwecken mißbraucht worden sind. Es kann ein Kundiger einen Kranken durch diese Kraft heilen, aber er kann auch einen Gesunden damit töten; tatsächlich ist dies schon oft geschehen, besonders bei den Eingeborenen Afrikas.

Ich stelle mir z. B. vor, daß Sie krank und am Sterben sind, und wenn ich diesen Wunsch und Willen aufrecht erhalte, so ist nichts sicherer, als daß er in Erfüllung gehen wird. Manche Leute besitzen von Natur eine ungeheure Willenskraft und sind sogar fähig, sichtbare Bilder hervorzubringen. Bilder von allem, was sie sich gerade vorstellen – etwa von einer Blume, einer Hand, einem Arm, einer menschlichen Gestalt – und diese Erscheinungen werden dann von Scharen verblüffter Zuschauer gesehen, die in ihrer vollständigen Unwissenheit und Unkenntnis des menschlichen Geistes und Körpers und ihrer gegenseitigen Kräfte sie für die Geister toter Menschen halten.‹

Der Kaiser bat nun den Grafen, aus eigener Kraft Geisterphänomene vorzuführen, was dieser sofort versprach. Er eilte mehrmals rasch im Saale hin und her, gab Befehl, das Licht zu verringern; dies geschah; dann trat er wieder wie vorher vor den Spiegel, wo er eine oder zwei Minuten lang stehen blieb. Endlich wiederholte er kurz und scharf dreimal das Wort: ›Seht her!‹ Wir taten es und wirklich: die Flammen tausend leuchtender Blitze zuckten über die Oberfläche des Spiegels, den Boden, die Decke und die Wände; bald in Gestalt von Gabeln, bald wie Ketten eines elektrischen Fluidums, bald verwandelten sie sich in feurige Eicheln, die sich allmählich zu einer flammenden Krone vereinigten; einen Augenblick schwebte sie über der Gesellschaft und schließlich blieb sie etwa fünf Zoll über dem Haupte Napoleons stehen – eine Krone von Feuer.

Nachdem er einen so glänzenden Beweis seiner fast unglaublichen Macht gegeben hatte, wandte er sich an mich, wiederholte seine Einladung, ich möchte ein Akolyt des ›Tempels‹ werden und sagte noch einmal, wir würden uns später noch begegnen. Bald darauf war die Sitzung zu Ende und ich verließ den Palast um ein bedeutendes klüger als bei meinem Eintritt fünf Stunden vorher.


Eines Nachts kam ich nach Monte Carlo, um mir den ›Barbier von Sevilla‹ anzuhören und dem herrlichen Gesang eines Mario, Grisi oder einer Gassier zu lauschen. Ich war über all meinen Kummer hinausgehoben durch die ›Musiklektion‹ dieser berühmten Sängerin und summte auf dem Heimweg die gehörten Melodien vor mich hin, und als ich schon im tiefen Schlafe lag, klangen sie noch lange in meinem Ohr nach. Ich war zu Bett gegangen. Mit all der Vorsicht, die die Amerikaner im allgemeinen und die Kalifornier ganz besonders an sich haben, – deren Gewohnheiten ich angenommen – hatte ich vor dem Schlafengehen das ganze Zimmer untersucht, um zu sehen, daß alles sicher und in richtiger Ordnung war. Nachdem ich dann noch Türen und Fenster gewissenhaft geschlossen, schlief ich bald ein. Unter meinem Kopfkissen lag meine Geldkatze mit etwa 2000 Golddollars und ein scharf geladener Revolver, der einmal einem meiner Bekannten in Kalifornien gehört hatte.

Am Morgen war das Zimmer noch genau so wie am Abend vorher, aber der Revolver war entladen und das Gold lag auf dem Tisch, und zwar in Form eines Dreiecks angeordnet, an dessen Spitze der Buchstabe ›R‹ thronte. An der Brust meines Schlafanzuges aber war mit einigen Nadeln ein Brief in englischer Sprache in einer kühnen, klaren Handschrift, in roter Tinte, angeheftet. Am Abend war dieser Brief noch nicht dagewesen – menschliche Hände konnten ihn nicht hieher gebracht haben. Ich las: ›Vergiß den Zweck nicht, um dessentwillen Du den Ozean überquert hast, denn Dein Unternehmen betrifft die kommenden Jahrhunderte der Welt! Es ist noch nicht vollendet. Vollende es! Ich will Dir dienen und Dich retten. – E.‹

Ich war wie vom Blitz getroffen. Wieder kreuzte ein geheimnisvolles Wesen meinen Weg, ein Wesen, dessen Reich das Hier und Drüben war und dessen Willen mich in einen feurigen Ring einschloß, aus dem es kein Entkommen gab. Ich war in Verzweiflung, denn schon hatten sich graue Haare auf meinem Haupte gezeigt; ich fühlte, daß ich vorzeitig alt wurde und immer weniger durfte ich mit der Möglichkeit rechnen, daß ich, ein Sohn Adams, mich jemals mit einer Tochter Ichs vermählen würde.«