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Herr de Saint-Cyr an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Anmey, September 1750.

Verehrtes Fräulein, ich bin glücklich, Ihnen endlich durch eine kleine Gefälligkeit ein Zeichen meines dankbaren Sinnes geben zu können; meine geliebte Gattin, der Sie in den schwersten Zeiten ihres Lebens mit solcher Güte zur Seite standen, dachte täglich an Sie; und seit ihrem frühzeitigen Tode durch jenen entsetzlichen Unfall hat sie mir ihre Gesinnungen fast wie eine Erbschaft hinterlassen; denn in Wahrheit, hätte ich nicht Ihre tröstenden Briefe empfangen, ich wüßte nicht, wie ich die ersten Zeiten meines Schmerzes überstanden hätte, eines Schmerzes, der nicht frei von Selbstvorwürfen war; denn ich hätte sie, die sonst so sanft und gefügig war, vielleicht durch inständigeres Bitten abgehalten, das unglückselige Pferd zu besteigen, dem ihre Reitkunst nicht gewachsen war.

Heute hatte ich endlich eine Unterredung mit Herrn de Voisenon. Auf Ihren Wunsch faßte ich Mut zu der indiskreten Frage, was ihn, den ich sonst als spielenden Skeptiker kannte, als einen Philosophen, dessen freundlicher Gleichmut durch nichts zu erschüttern war und den gewiß nie ein Gefühl zu übermannen vermochte, dessen selbstlose Güte ihm gewiß nie erlaubt hat, irgendeinem Menschen Böses zuzufügen, der nicht einmal einem böswilligen Dienstboten ein hartes Wort sagen konnte – was ihn, wenn es weder Frömmigkeit, noch Weltüberdruß, noch Reue war, denn veranlassen konnte, sich dergestalt von allen Menschen zurückzuziehen und wie ein Asket zwischen Büchern und Papieren in einem ärmlichen Stübchen zu leben. Er sah mich mit seinem gütigen und liebenswürdigen Lächeln an und erwiderte: »Wenn die Kämpfe, die wir gegen uns selbst führen, allzugefährlich werden, so ist es gut, unserer Kriegslust ein neues Ziel zu setzen.« Mehr vermochte ich nicht von ihm zu erfahren. Er schien an einem großen Werk zu arbeiten; ich sah Zeichnungen von Kriegsmaschinen auf seinem Tisch; er vermied es aber, von seiner Beschäftigung zu sprechen.

Eine Weile dachte ich, daß vielleicht sein körperlicher Fehler, der ihn verhinderte, nach seinem Lieblingswunsch Soldat zu werden, die Ursache seiner eigentümlichen Lebensweise sei. Aber ich gab diesen Gedanken auf, als ich ihn sah, wie er mit einer sonderbaren Zärtlichkeit eine späte Rose berührte, die er in einem Blumenscherben im Fenster stehen hatte. Vielleicht war seine Seele zu weich geschaffen, und er hat allzujugendlich, trotz seiner bereits männlichen Jahre, irgendeine zufällige trübe Erfahrung mit Menschen verallgemeinert. Solche Verallgemeinerungen sind gewiß ein Unrecht, das wir an der Menschheit begehen, denn im Grunde sind doch alle Menschen gut, mögen sie auch oft anders scheinen; aber wer könnte einer so zarten und feinen Empfindung einen Vorwurf machen?

Daß Sie solches Interesse für den Freund von Emiliens Gatten nehmen, ist mir ein neues Zeichen für die reine Güte Ihrer Seele; seien Sie versichert, daß Ihnen mein Herz immer erkenntlich sein wird.