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Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Tournay, April 1750.

Ich habe lange darüber nachgedacht: insoweit man von Schuld sprechen kann bei unserer Trennung, auf wessen Seite lag denn die Schuld? Aber ich bin zu dem Ende gekommen, daß das eine unlösbare Frage ist. Als wir zusammen waren, entstand ein Neues zwischen uns Beiden, das weder Sie waren noch ich – das auch nicht einmal Züge von uns Beiden hatte, sondern es war ganz neu entstanden. Und wie das mit dem Glück war, so war das nachher auch mit dem Streit und mit dem Auseinandergehen: es war ein neues Wesen zwischen uns entstanden, das uns trennte.

Von Herzen danke ich Ihnen für Ihren Brief. Er beweist, was er zwar mir nicht beweisen mußte, daß Sie groß denken: dafür danke ich Ihnen, daß Sie das vermögen, wie ich Ihnen immer dankbar bin dafür, daß Sie sind. Erzählen Sie mir, was Ihnen auf der Seele liegt; ich werde Ihre Worte treu aufnehmen. Vielleicht gibt Ihnen das eine gewisse Beruhigung in der Aufregung, in welcher Sie sich offenbar jetzt befinden, daß Sie zu einem Mann sprechen können wie zu einem Fremden, der ein Beichtvater ist: nicht wahr, Sie wissen, daß Sie nicht mehr von mir erwarten dürfen, wie einen Fremden, einen sehr gütigen Fremden, der ein Beichtvater ist? Als wir uns trennten, sagte ich Ihnen: »Ich werde immer Güte fühlen gegen Sie«; auch das haben Sie gewiß nicht vergessen, denn als ich es Ihnen sagte, wollte ich, daß Sie es in Ihrem Sinn behalten sollten.

Ich schließe mit den Worten, mit denen Sie Ihren Brief beginnen: Liebe Freundin.