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Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Tournay, April 1750.

Liebe Freundin, der Vicomte de Palafoy ist achtzehn Jahre alt, Sie selbst zählen sechsundzwanzig. Sollte eine so kluge Frau, wie Sie sind, die so viel gesehen hat, nicht wissen, welcher Art die Liebe des jungen Mannes ist, welcher Art Ihre eigene Zuneigung sein kann? Lassen Sie uns sprechen als die zwei Erfahrenen der Liebe, die wir sind: der Jüngling ahnt in Ihnen das Weib, das ihn bilden kann, das den doppelten Reiz von Geliebter und Mutter auf ihn ausübt. Er ist gut, vornehm und unschuldig; er versteht den Zug der Natur nicht zu deuten; das ist die Sache der Erfahrung, ist Ihre Sache, liebe Freundin. Können Sie glauben, daß seine Beziehung zu Ihnen auch nur wenige Wochen das Angesicht behalten kann, das sie jetzt hat, das neue und ersehnte Angesicht, das sie in den ersten Tagen des Taumels erfüllter Liebessehnsucht haben wird? Ist seine Natur vornehm und gut, und ist seine jetzige Verfassung nicht durch bloße Zufälligkeiten eines behüteten und zurückgezogenen Lebens in der Provinz verursacht, so wird er durch Sie aus dem Jüngling ein Mann werden und muß dann seine Neigung einem unberührten Mädchen zuwenden, das in ihm den Geliebten und Vater sehen wird. Um Ihre neue Ausdrucksweise zu gebrauchen: so tugendhaft wie seine jetzige Liebe zu Ihnen wird dann seine neue Liebe sein, denn er folgt einem durch die Menschen veredelten Triebe der Natur.

Möchten Sie wünschen, alsdann den heute noch Unerfahrenen durch ein unlösliches Band an sich gekettet zu haben, seine Vorwürfe zu hören, denn wenn er ein Mann wird, muß er die Ihnen machen; Ihre eigenen Vorwürfe zu übertäuben; unglücklich zu machen und unglücklich zu sein? Ich glaube, Sie sind zu klug, eine solche Tat zu begehen; und wenn Sie vielleicht auch nicht Güte des Herzens haben, so haben Sie doch die wertvollere Güte des Verstandes, die Ihnen eine solche Schlechtigkeit verbieten wird.

Aber ich warne Sie auch vor anderem.

Frauen sind in der Liebe immer klüger wie wir Männer, so lange es sich nur um Gefühl und Empfindung handelt; aber sie werden törichter wie der törichtste Mann, sobald die bürgerliche Ordnung der Liebesbeziehungen in Frage kommt. Sie haben alle recht in ihrer Klugheit: in ihrer Torheit haben die Geringeren noch mehr recht, denn die ist ihnen eine wichtige Waffe im Lebenskampf, der für die Kleinen ja nun einmal den Lebensinhalt bildet. Wenn ich von unserer Beider Beziehung sprechen darf: Sie begannen mich nicht mehr zu verstehen, als ich das von Ihnen verlangte, was Sie nannten »Ein Opfer bringen«. Ich habe mich beschieden, denn ich bin stolz und weiß, was meine Liebe wert ist, daß sie wirklich auch das aufwiegt, was Sie Opfer nannten; denn wenn ich liebe, so will und kann ich geben und brauche nicht zu nehmen; wo die Hand nicht ausgestreckt ist zum Nehmen, wo sie geballt ist zur Verteidigung, da ist freilich ein Geben nicht möglich.

Dieselbe Torheit, die sie mir zeigten, zeigen Sie nun auch dem Vicomte. Liebste, Liebste, sind Sie denn so wenig, daß es erstrebenswert für Sie ist, mehr zu sein? Sie wollen Vicomtesse werden, Schloßherrin, reich, und den ganzen Traum einer kleinen Grisette zur Wirklichkeit machen. Es ist also nichts, eine in ihrer Art einheitliche Persönlichkeit zu sein? Der junge Mann stammt aus einer vornehmen Familie; er muß eine Frau vornehmer Abstammung haben, die von seinen Standesgenossen anerkannt wird, in ihre Lage hineingehört, ihm nachfolgeberechtigte Kinder gibt und die nach den Anschauungen und Bedürfnissen ihres Standes erzieht. Eine solche Frau wird auf Grund ihrer Eigenschaften und ihrer gesellschaftlichen Stellung geachtet. Werden Sie nicht geachtet auf Grund Ihrer Eigenschaften und Ihrer Stellung in der geistigen Gesellschaft? Würden Sie es nicht töricht finden, wenn eine Dame aus den vornehmen Kreisen, bloß, weil sie Ihre Stellung wünschenswerter findet wie die, zu welcher Natur und Gesellschaft sie bestimmt, das werden wollte, was Sie sind? Und Sie wollen werden, was jene ist? Jene könnte nicht unglücklicher werden wie Sie. Oder meinen Sie, daß die Schloßherrinnen glücklicher sind wie die Schauspielerinnen? Ich habe das Glück als Regel nur gefunden bei den körperlich schwer arbeitenden und sich den Tieren nähernden Menschen; als Ausnahme in den Kreisen, welchen Sie angehören, wo man die Kunst versteht, sich vorzulügen, was man will und für den Augenblick zu sein, wer man will; und nie fand ich es in der höheren Gesellschaft. Haben Sie sich das nie klar gemacht: Je höher einer steht, desto mehr sieht er, desto mehr muß er wünschen, desto mehr bleibt ihm unerfüllt – desto weniger bedeutet ihm eine Erfüllung.

Wenn meine Worte Sie überzeugt haben sollten, so werden Sie vielleicht auf einen neuen Weg für Ihre Wünsche kommen. Denn Sie lieben den Vicomte. Wollen Sie ein freies Herzensbündnis mit ihm schließen und wollen Sie ihm gewähren, was Sie mir versagten? Ich verstehe durchaus, daß Ihre neue Neigung stärker sein muß, wie die Neigung, die Sie zu mir haben konnten. Ich sprach zu Ihrem Verstand, zu Ihrer Phantasie, mit mir lebten Sie in jenem Kreis, der bis zu einem gewissen Grade – nämlich soweit die schauspielerische Darstellung Kunst ist – der Kreis ist, in welchem sich Ihre höchsten Empfindungen bewegen. Aber der Vicomte spricht zu ihrem Herzen, in seiner Gegenwart kann das tiefste Menschliche in Ihnen warm überströmen, das in meiner Gegenwart erstarren mußte. Er kann Ihnen Kind sein, ich war Ihnen immer Lehrer.

Sie wissen, daß mich selbst nie ein Leiden abhalten würde, wenn ich meine Seele bereichern kann; und ich kann Ihnen nicht raten, was für Ihr kleines Wohlbefinden gut ist; dazu schätze ich Sie zu sehr, halte ich Sie zu sehr für meinesgleichen; ich kann Ihnen nur raten, was ich selbst tun würde. Das ist: Geben Sie sich ihm hin, machen Sie ihn ganz glücklich und suchen Sie jedes Glück, das Sie mit ihm haben können; indem Sie wissen, daß er in kurzem Sie unglücklicher machen wird, als jemals ein Mensch Sie gemacht hat; denn Sie können ihm mehr geben, als Sie sonst jemandem geben konnten, und deshalb wird nachher seine Undankbarkeit die größte sein, Ihre Leere die vollständigste.

Aber mußte ich Ihnen das alles sagen? Haben Sie das nicht alles vorher gewußt, wollten Sie nicht nur, nach Frauenart, eine Bestätigung, oder – einen Vorwand zur Blindheit? Wird Ihnen diesen Vorwand nicht mein Brief dennoch verschaffen, denn es ist doch der Brief eines Verschmähten?

Was ist das für eine Geschichte von Herrn de Saint-Cyr und Emilie? Es lebt in meiner Nähe ein Ehepaar dieses Namens. Ich lernte den Herrn auf der Jagd kennen, als ich auf der Pirsch durch Unkenntnis in sein Revier geraten war. Die Beiden scheinen sehr liebenswürdig; nur ist die Frau wohl etwas gedrückt, vielleicht, weil die Ehe kinderlos ist. Der Mann gibt sich viele Mühe, sie zu erheitern. Sie haben ihr Gut vor etwa zwei Jahren gekauft, und es kennt sie sonst niemand von dem umwohnenden Adel.