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Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Tournay, Mai 1750.

Liebe Freundin, Ihre Erzählung finde ich erstaunlich. Gestatten Sie mir jedenfalls eine kleine Zurechtsetzung: ich habe nicht geschrieben, daß das Ehepaar glücklich ist.

Ich habe immer gefunden, daß Schauspieler behaupten, gute Menschenkenner zu sein; und Menschenkenntnis nennt man wohl die Begabung zum Mißtrauen. Ich selbst bin Dichter, und Dichter sind gläubige Menschen – für meine eigene Person mißtraue ich nicht, auch Mlle. Eugenie Chabert gegenüber war ich ja stets gläubig, ungläubig war ich immer nur gegen mich selbst. Aber wäre ich Schauspieler, so würde ich sagen: vermutlich hat Mlle. Emilie Herrn de Saint-Cyr das Suchen nicht allzu schwer gemacht. Ich habe selten einen so vornehm empfindenden Mann getroffen, wie ihn: er kann unmöglich in irgend einer Lage seines Lebens, auch wenn er sein Teuerstes suchte, eine hervorragende Intelligenz entwickelt haben. Gewöhnlich verbindet die gütige Natur – auch das haben Sie ihr gewiß abgelauscht! – Vornehmheit der Gesinnung mit einem Vermögen, das den Besitzer vor den Folgen schützt; da Herr de Saint-Cyr einen begabten Vormund hatte, der ihn seines natürlichen Schutzmittels beraubte, so war es wohl ganz natürlich, daß schon sein erster Schritt ihn in eine unmögliche Lage brachte. Aber man bewundere die nie versagende Weisheit der Natur: sie pflanzte den Lebenskünstlerinnen ein, daß sie einem solchen Mann rettungslos erliegen müssen; ich bin gewiß, daß Emilie ihren Mann liebt mit einer Leidenschaft und Aufopferung, wie – nun, das »wie« sage ich Ihnen nicht, Sie wissen es nur zu gut, das zeigen Sie mir täglich.

Aber bin ich ein Schauspieler? Ich bin ein Dichter: was ich eben sagte, war eine Verstandesplattheit. Nein, Emilie ist gegen ihren Saint-Cyr wahr gewesen; haben denn nicht die Frauen die Begabung, immer wahr zu sein? Alle ihre Lüge – und sie lügen wohl immer – ist ja nur Oberfläche, ihre Tiefe ist wahr: auch Sie sind wahr, Liebste, Allerliebste! – Glauben Sie es auch? Ach, wir Dichter sind allzu schamhaft!

Bekannte schreiben mir, Ihr junger Vicomte habe die Bekanntschaft von Mlle. de Villars gemacht. Sollten Sie nichts davon gehört haben? Ich finde eine allzu große Klugheit unanständig; wenn wir die Handlungen und Beweggründe der andern Menschen zu gut erraten, so müssen wir ihnen wohl sehr ähnlich sein und nahe stehen; ich für meine Person wünsche nicht solche Ähnlichkeit und Nähe. Deshalb möchte ich Ihnen nur schreiben, daß ich Mlle. de Villars sehr liebe – wenn ich ein Ihnen nicht unbekanntes Bild gebrauche: sie besitzt einen Teil meiner Seele, der Ihnen unbekannt ist.

Wenn ich das Glück hätte, sie zu meiner Gattin zu machen, so würde ich mit ihr in diesem alten ehrwürdigen Haus leben, das von tüchtigen Vorfahren gebaut ist; wir würden Kinder haben, welche die Züge meines Geschlechtes haben, und hoffentlich keine Erbschaft von ihrem Vater, dem Dichter, überkommen, sondern Krieger werden und gar nicht bedeutend, wie meine Vorfahren; ich würde täglich ihre Hand küssen, sie würde zu Tisch in großer Toilette erscheinen, und wir würden jeder unsere Mauer um uns ziehen; denn finden Sie nicht auch: man kann sich nicht mehr achten, wenn man zu vertraut miteinander wird; und seine Gattin muß man doch wohl achten? Ich fürchte, ich habe zu viel verachtet in meinem Leben.

Ich glaube, besonders sind es die Menschen, die durch sich (ich sage nicht: an sich) leiden, die sich mit andern vertraut machen. Gott schuf vielleicht das Weib, daß sie zu dem Mann kommt und ihm sagt, was er ist. Er schuf es demnach als Schauspielerin. Sie lacht und sagt zu dem Mann: du bist ja nicht einsam, du hast ja mich. Aber verletzt es nicht die Scham, wenn sie mit dem Mann mit leidet, mehr noch: nur in ihrer Phantasie mit leidet? Denn ich glaube ihr ja nicht, daß sie mit leidet. Sie hat da ein gewisses Land in ihrer Seele, daß sie in solchen Fällen entdeckt. Für jede neue Rolle entdeckt sie ein solches Land. – Nebenbei; es fällt mir ein: Haben Sie noch Ihre frühere Auffassung von der Rolle in meinem Lustspiel, Sie wissen, das an jenem Abend gegeben wurde, wo der Vicomte sie zum ersten Male sah? –

Sie sagen vielleicht wieder: ich bin herrschsüchtig? Ich werde Mlle. de Villars nach meinem Willen formen, wenn ich sie heiraten sollte, und ich werde auf ihre Persönlichkeit keine Rücksicht nehmen? Ja, ich möchte, daß sie vornehm wird, daß sie das Leben in Heiterkeit erträgt, daß ich sie immer achten kann; darum liebe ich dieses Kindchen: ich weiß, daß sie eine Frau zu werden vermag, die ich immer achten kann. Und ich sehne mich so danach, jemanden zu achten! Ich werde sie lieben mit aller meiner Kraft.

Und liebe ich denn nicht Sie? Weshalb dürfen wir nicht ein Spiel aus unserm Leben machen, dem wir in Heiterkeit zuschauen! Ich sagte Ihnen einmal: ich möchte mein Gesicht in Ihrem Schoß bergen und weinen. Sie haben mich nicht verstanden. Ich bat Sie einmal um etwas, das Sie mir hätten geben müssen; und indem ich fühlte: ich dürfte nicht bitten, ich müßte nehmen; und ich würde nehmen, wenn ich Sie nicht so unendlich liebte, daß ich durch die Liebe schwach bin; – indem ich das fühlte, schmerzlich und nicht ingrimmig, sagte ich: Ich habe vor Ihnen keine Scham. Auch das haben Sie nicht verstanden. Vielleicht verlangte ich zu viel von Ihnen; Sie sollten gleichzeitig ein Stern sein, den ich ersehne und eine Blume, die ich pflücke: unerreichbar und erreicht. Es scheint, daß Dichter leicht närrisch werden, wenn sie lieben. Fräulein de Villars liebt der Edelmann, Sie liebt der Dichter. Ich bin nicht stolz auf die Tatsache, daß ich ein Dichter bin, Sie hätten Grund stolz zu sein, daß ein Dichter Sie liebt.