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Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.

Chateau Tournay, Mai 1750.

Den Brief von Frau de Saint-Cyr sende ich Ihnen mit verbindlichstem Dank zurück. Ich habe in demselben freilich keine Veranlassung gefunden, meine Ansichten über die Dame zu ändern; indessen hat mir aber mein Porträt, das er enthielt, große Freude gemacht. Man erfährt doch zu selten, wie man eigentlich ist. Besonders interessierte mich der Bericht meines indiskreten Gespräches über Kinder, das ich, wie Sie sich wohl gedacht haben, aufbrachte, um zu erfahren, bei welchem Teil der Ehegatten der Wunsch nach Kinderlosigkeit vorhanden ist.

Ihrem eigenen Brief habe ich natürlich nichts hinzuzufügen. Nur möchte ich doch noch einmal von der Beziehung Ihres jungen Vicomte zu Mlle. de Villars sprechen. Ich schreibe sehr ernst; hielten mich nicht zur Zeit ganz dringende Geschäfte hier fest, so würde ich nach Paris reisen: wenigstens diese Angelegenheit wird mir nicht zum Lustspiel in meiner Empfindung (Sie wissen, ich habe eine unüberwindliche Neigung, das Tragische komisch zu finden: möchten Sie nicht die Kolombine in meinem nächsten Lustspiel spielen? Es heißt »Der verliebte Dichter«). Also: Sie werden nicht verstehen, was ich schreibe, vielleicht werden Sie es wenigstens fühlen: Ich hasse die Unvernunft, ich hasse die Unsittlichkeit, und ich bin an beide gekettet durch meine dichterische Begabung; ich hasse diese dichterische Begabung, denn sie macht den Menschen zu ihrem Werkzeug, der sie besitzt, sie zwingt ihn zu Dingen, die er nicht will und nicht darf; ich hasse eine unvernünftige und unsittliche Leidenschaft, die dem Mann vorgaukelt, er werde ein vollkommenes Wesen erst durch eine notwendige Ergänzung. Ich will eine vernünftige und sittliche Leidenschaft, bei der ich frei bin, unabhängig von einem andern Menschen, von einer Mauer umgeben. Ist mein Wille weniger mein Selbst wie meine Begabung? Meine Begabung ist es weniger, denn mein Selbst ist nicht unvernünftig und nicht unsittlich, ist nicht unterjocht durch etwas Fremdes, sondern ist frei – frei, hören Sie, Eugenie?

Ich habe mich sehr töricht gegen Sie benommen – Sie meinen, weil ich töricht bin? Glauben Sie, ich weiß nicht, wie man ein Weib nimmt? Glauben Sie, ich wußte nicht, wie ich Sie hätte nehmen können, daß Sie willenlos mir gegenüber wurden? Aber ich streife da an Dinge, die in Wahrheit verhüllt werden sollten; denn wer auch die beiden Menschen sein mögen, es ist etwas Heiliges um den Augenblick, wo das Weib, das so lange verweigert hatte, begehrt. Seien Sie nicht wieder klein, werden Sie nicht gekränkt darüber, daß ich den Augenblick empfand, ihn nicht benutzte, und Ihnen das jetzt sogar noch sage; es ging Furchtbares vor in mir; ich liebte Sie zu sehr, und ich haßte meine Leidenschaft; Sie hätten mich damals schonen müssen, schonen Sie mich wenigstens jetzt.