Der kleine General.
Die Szene spielt am Weihnachtsabend in einem vornehm ausgestatteten Zimmer. Der kleine Hans liegt schwer krank im Bette. Die Mutter wacht bei ihm. Im Nebenzimmer steht der Christbaum. Eine rote Lampe verbreitet ein traumhaftes Licht. Auf dem Nachttischchen stehen zwölf Bleisoldaten.
Hans (richtet sich matt auf):
Mutter, ich möchte den Christbaum noch einmal sehen.
Die Mutter:
Wird dich nicht wieder das viele Licht stören, Hans?
Hans:
Ach, nein … ich möchte ihn sehen. Zünde doch die Lichter noch einmal an, Mutter … ja?
Die Mutter:
Gewiß, mein Kind, wie du willst …
Sie geht ins Nebenzimmer und zündet die Weihnachtskerzen an. Es wird lichter im Gemach. Hans schaut mit großen, fiebernden Augen der Mutter zu. Die Mutter kommt zurück.
Die Mutter:
Gefällt dir der Baum, mein Goldjunge?
Hans:
Er ist schön … er ist sehr schön! … Es ist wohl viel Marzipan dran? … Ich kann keines essen … es schmeckt mir bitter … Aber die Krone und der Engel! – – – – Ach, Mutter, mir tun die Augen weh … lösch die Lichter aus … bitte, bitte, lösch die Lichter wieder aus!
Die Mutter geht seufzend ins Nebenzimmer zurück und löscht die Weihnachtslichter aus.
Hans:
Ach, ist das schade! Die schönen, funkelnden Lichter! … Nun ist er ganz finster, der Baum …
Die Mutter (zurückkommend):
Ist es so gut?
Hans:
Ja, es ist gut so … Ich freu' mich so über die Soldatensachen, Mutter.
Die Mutter:
Mein lieber Junge!
Hans:
Bring mir doch den Säbel und den Helm! Und einen Spiegel … ja? Ich will mich gern sehen …
Die Mutter:
Ja, ich hole sie! (Pause.) So, mein guter Hans, hier sind die Sachen!
Hans:
Stütz' mir den Rücken, ja … ich will mich setzen, daß ich den Helm aufsetzen kann … So … ah, es geht schwer … und jetzt … jetzt den Säbel … halt' mich fest, Mutter, fest … ja so! … Und jetzt noch den Spiegel … Oh, oh, … wie seh ich denn aus? … Das bin ich doch nicht! Das ist ja ein ganz … altes … häßliches Gesicht!
Die Mutter (mit unterdrücktem Schluchzen):
Du wirst bald besser aussehen, lieber Hans!
Hans (mit tiefem, schmerzlichem Erstaunen):
Bin ich das wirklich?!
Die Mutter (tröstend):
Sieh doch den Helm … er steht dir so schön … mein kleiner, lieber Held …
Hans:
Oh … ich sehe aus … wie der Tod …
Die Mutter (läßt den Spiegel fallen):
Hans! … Sprich nicht so, Hans … das darfst du nicht … das ist böse von dir … entsetzlich böse …
Hans (sinkt erschöpft zurück; ganz leise und matt):
Ich will nicht böse sein … ich will gut sein … und ich will auch nicht gern … zum Tode … ich möchte bei dir bleiben, Mutter … bei dir ist's so schön …
(Die Mutter setzt sich langsam am Bette nieder. Lange Pause.)
Hans:
Ich glaube … daß ich heute sterben soll …
Die Mutter:
Du sollst ja nicht so sprechen … du wirst nicht sterben, Hans … ich laß dich ja nicht sterben … ganz bestimmt nicht … ich verspreche es dir … du weißt, ich halte immer, was ich verspreche … ich lasse dich nicht sterben, mein Junge, mein Junge!
Hans (langsam):
Aber der Vater ist ja auch gestorben und der Großvater auch.
Die Mutter:
Sie waren älter als du, aber so ein Knabe stirbt nicht, nein, der stirbt nicht!
Hans:
Setz' dich auf den Stuhl, Mutter … erzähl' mir vom Großvater … wie es war, ehe er starb, ja?
Die Mutter:
Nein, nein, heute nicht, ein anderes Mal will ich dir's erzählen …
Hans:
Heute, Mutter, heute! … Wo gehst du hin? …
Die Mutter:
Die Anna soll nach dem Arzt; ich warte schon so …
Hans:
Er hat Einbescherung zu Hause; laß ihn, er hat jetzt nicht Zeit für mich.
Die Mutter:
Ich will doch schicken, ich komme gleich wieder … Der Arzt kommt bestimmt …
(Sie geht hinaus.)
Hans (schaut ihr scheu nach, dann wendet er sich an die Bleisoldaten):
Paßt auf, ihr blauen Jungen, paßt auf … ich will euch was sagen … Ich bin euer General … Seht ihr meinen Degen und meinen Helm? … Ich kommandier' euch! … Jawohl! … Und wenn der Tod kommt … dann wollen wir mit ihm kämpfen … tapfer, ihr Jungen … er … er darf uns nicht unterkriegen … er nicht … wir ihn … wir müssen ihn unterkriegen … Hört ihr? … Versteht ihr? … Wir ihn! … Mein Großvater, der ist auch mit 12 Mann … den Hügel hinauf … gegen viele Franzosen … bumm, schossen sie, bumm, bumm … sechse fielen … eine Kugel … eine ganz kleine, blaue Kugel … flog auch meinem Großvater in den Leib … er machte sich nichts draus … nein, gar nichts daraus aus der kleinen Kugel … er stürmte weiter … und erst, als er die Fahne hatte … da … da … tat er sterben … So, so müssen auch wir … tapfer, ihr Soldaten, tapfer … (er sinkt gänzlich erschöpft zurück).
Die Mutter (zurückkommend):
Da, Hans, bin ich wieder. Du liegst so still. Soll ich dir die Geschichte vom Großvater aus dem Kriege erzählen?
Hans (halb im Fiebertraum):
Nein, ich weiß sie; ich weiß sie gut … Stell' meine Soldaten zurecht … so mit den Flinten auf das Fenster zu! … Dort herein wird er kommen … ja, gewiß, dort zum Fenster herein kommt er! …
Die Mutter (angstvoll):
Wer denn? Wer soll denn kommen? Das Fenster ist fest zu.
Hans:
Er kommt! Er kommt durch! Er kriecht durchs Glas! Es ist der Feind … ja, der Tod … der ist der Feind …
Die Mutter:
O Gott, o Gott, wenn doch der Arzt … Fürchte dich doch nicht, Hans, es kommt niemand, es kann niemand herein, ich stelle mich vor das Fenster …
Hans (mit der Hand schlenkernd):
Nein, weg, Mutter, weg! Ich muß ihn gleich sehen, wenn er kommt … ich muß aufpassen, ich bin ja der General … Die Soldaten … sieh mal die Soldaten, Mutter, sie wachsen … sie werden groß … groß wie die Riesen … sie haben richtige Flinten … o, er soll nur kommen … gib meinen Degen … weg, Mutter, weg vom Fenster … wenn die Soldaten auf ihn schießen … treffen sie dich! …
Die Mutter (reicht ihm in höchster Angst die Medizin):
Trinke, Hans, trinke!
Hans:
Ich will nicht! … Halt, doch … ein Schluck ist gut … Aah so! … Gib den Soldaten auch … aber geh nicht mehr zum Fenster … Wenn er kommt, legen wir gleich los … Achtung, ihr Soldaten …
(Die Mutter hält Hansens Kopf, unausgesetzt wirre, qualvolle Gebetsworte murmelnd, der Kranke hält den fiebernden Blick lauernd nach dem Fenster gerichtet.)
Hans (jäh aufschreiend):
Da ist er … da ist er … der schwarze König! … Der Tod! … Oh … oh, er schießt. Oh, er hat mich getroffen … in die Brust … mit einer Kugel … Ich mach mir nichts draus … Drauf, ihr Soldaten … drauf … schießen, stechen, hauen! … Mein Säbel … wart' … ich bring dich um … ich zerschlag dir den schwarzen Kopf … ich … jetzt … jetzt hat er mich … jetzt hab ich ihn … laßt uns … helft nicht … ich nehm ihn allein … ich brech ihm den Hals … ich siege … o du … du schlechter Feind … du hast meinen Vater … meinen Großvater … wart … dein Hals, dein Blut … ich reiß dir das Herz heraus … ich hab's … ich hab' dein Herz … es hat Großvaters Blut getrunken – – – – Er … er … er ist tot … der Tod ist tot! … Der Tod ist tot …
(Er fällt mit geschlossenen Augen zurück.)
Die Mutter:
Gott im Himmel, erbarme dich! Hans! Hans! Hans! (Schreiend:) Doktor! Doktor! Hilfe! Mein Sohn stirbt! Hilfe! O Gott … Hilfe! Zu Hilfe …
Einige Stunden später. Gegen Morgen.
Der Arzt:
Wollen Sie nicht ruhen, gnädige Frau?
Die Mutter:
Wie könnte ich heute ruhen?
Der Arzt (beugt sich über Hans):
Er schläft gut … ich glaube bestimmt, nun ist er gerettet! Sein Lebensmut, sein Lebenstrotz haben ihn die schlimme Stunde überstehen lassen.
Die Mutter (schlicht, aber mit großer, stiller Freude):
Er hat den Tod besiegt!
Die Frau sinkt langsam am Bette auf die Knie. Draußen beginnen die ersten Weihnachtsglocken zu läuten. Aus dem Nebenzimmer dringt Tannenduft. Die Bleisoldaten stehen am Lager ihres siegreichen, heldenhaften Generals und präsentieren ihre Gewehre.