Der Schatz in der Waldmühle.

Andreas, der Waldmüller, ging im Großgarten um den starken Apfelbaum im Kreis herum, immer im Kreis herum. Dabei hielt er die Hände auf dem Rücken gefaltet, preßte die Lippen zu einem Spalt zusammen und bezeigte überhaupt eine ernste Haltung. Nach einiger Zeit kam der Mühlknecht Jakoble heraus, ging neugierig auf den Müller zu und fragte:

»Meister, warum geht Ihr denn immerfort so im Kreise herum?«

Ohne ein Wort zu sagen, holte der Müller aus und hieb dem Jakoble eine gewaltige Ohrfeige herunter. Da stellte sich Jakoble erschrocken beiseite, rieb sich die Backe und sagte bei sich selbst: »Es scheint, er will mir's nicht verraten, warum er so im Kreise herumgeht.« Und er schlich in die Mühle zurück und war ob des Vorfalls sehr betrübt.

Der Müller ging noch oft seine Runde; aber endlich blieb er stehen, seufzte tief und sprach: »Tausend und einmal! Und ganz schweigsam! Diesmal, wenn ich mich nicht verzählt habe, wird es endlich glücken.«

Dann setzte er sich unter den Baum ins Gras. Rundum blühten die herrlichen Löwenzahnblumen, und der Gartengrund war schön wie ein Königsmantel mit lauter Orden und bunten Knöpfen. Die Mailuft trug Tau und Blütenstaub auf ihren weichen Flügeln, und die Wassermühle sang ihr surrendes, friedliches Lied.

Des Müllers Gedanken gingen weit zurück in seinem Leben, zu dem Tage, da seine Frau begraben wurde, zu dem anderen, da sein einziges Kind, die Trudel, geboren wurde, schließlich über Soldatenzeit und dumme Jungenstreiche weiter zurück bis zu dem Tage der eigenen Geburt. Da hatte sein Vater zu seiner Mutter gesagt: »Johanna, wir sind arme Leute. Die Bauern sind geizig und unsere Mühle ist verschuldet; was fangen wir nun mit diesem Büblein an?« Die Müllerin hatte gesagt: »Zunächst wollen wir es Andreas taufen, das ist ein schöner und kräftiger Name, und dann wollen wir unsere reiche Base Dorette zu Gevatter bitten, die wird dem Jungen ein gutes Patengeschenk geben.«

Als nun der Tag der Taufe kam, erhielt das Büblein zwar den schönen und kräftigen Namen Andreas, das reiche Patengeschenk aber erhielt es nicht, wenigstens nicht in blanken Talern, wie es die Müllerleute erhofft hatten. Tante Dorette brachte nur ein winziges Holzkästlein, darin ein blanker Kupferdreier lag, und sprach:

»Dieses Kästlein müßt ihr in eurem Garten vergraben. Alsdann muß der Vater über dieselbe Stelle, wo der Kasten liegt, einen Apfelkern stecken. So wie der Baum wächst, so wird der Kasten und die Zahl der Dreier wachsen, und an dem Tage, wo das Bäumchen veredelt wird, werden sich alle Kupferdreier in Golddukaten umwandeln. Wenn dann der Kasten reif zum Heben ist, wird auf dem Apfelbaum ein Glöcklein läuten. Inzwischen müßt ihr fleißig und sparsam sein, dürft keinen Schnaps trinken und alle Wochen nur dreimal Fleisch essen. Auch muß das Büblein, sobald es größer geworden ist, immer an seinem Geburtstag tausend und einmal um den Baum herumgehen, darf aber dabei kein Wort sprechen.«

Der Müller hatte ein wenig geseufzt über das sonderbare und umständliche Geschenk, dann aber hatte er das Kästchen vergraben und das Körnlein gesteckt. Als aber die Base Dorette fort war, hatte er sich arg hinter den Ohren gekratzt, denn seine Frau hatte den grauen Steinkrug, in dem der Schnaps war, mit einer Axt zerschlagen. Damit, meinte der Müller, sei eine schöne Quelle des Trostes und der Labsal in der Mühle versiegt. Die Frau hielt auch fortan auf großen Fleiß und Sparsamkeit, und es kam nie öfter als dreimal in der Woche ein Fleischgericht auf den Tisch.

So hob sich der Wohlstand der Müllerleute. Das Bäumchen wuchs von Jahr zu Jahr, und als es der Müller mit eigener Hand veredelte, zitterte er. Sein Bub stand neben ihm und behauptete, ein feines Klingen vernommen zu haben.

»Das ist,« belehrte ihn sein Vater, »wie das Kupfer in das Gold umgesprungen ist.«

Die Zeit verging. Tante Dorette, Vater und Mutter starben, der Bub wurde groß, wurde selbst Müller, wurde fünfzig Jahre alt. Ein Glöcklein aber läutete auf dem Baum niemals.


Als der Müller jetzt noch so da saß und von seinem lang ausbleibendem Reichtum träumte, trat Reinhard, der Müllerbursch, in den Garten. Er war ein so schöner Bursch, daß er sicher ein Prinz gewesen wäre, wenn er einen König zum Vater gehabt hätte. Heute stak Reinhard nicht in seiner staubigen Müllertracht, sondern war sonntäglich gekleidet und hatte einen runden Hut mit einer Feder auf dem Kopf. Der Müller schaute ihn verwundert an und fragte:

»Wie bist du denn so herausgeputzt; ist es bei dir heut Sonntag?«

»Herr Meister,« sagte der Jüngling, indem er einen kleinen Kratzfuß machte, »bei mir ist heute der allergrößte Festtag. Denn nicht bloß, daß Ihr den Geburtstag habt, es ist auch heute der Tag gekommen, wo ich mir ein Herz fasse, Euch zu bitten, daß Ihr mir Eure herzliebe Trudel zur Ehefrau gebt.«

Der Müller schaute den Burschen erst einige Augenblicke schweigend an; dann sagte er ohne weitere Umschweife: »Reinhard, du bist verrückt!«

Diese Worte klangen dem Freiersmann gar nicht wie liebliche Musik in den Ohren, und er machte ein betrübtes Gesicht. Der Müller stand auf, reckte sich und sagte:

»Die Trudel soll's besser haben als ich. Sie soll nicht ihr Leben lang in diesem dunklen Waldwinkel sitzen. Der sollen bald schönere Tage kommen.«

»Ach, du lieber Gott,« seufzte der Bursche, »wie sollen ihr bessere Tage kommen, wenn Ihr mir sie nicht zur Frau gebt? Sie wird sich eben so sehr darum zu Tode grämen wie ich.«

Gegen solche Krankheit würde schon noch ein Kraut gewachsen sein, meinte der Müller, und da Reinhard grade so schön angezogen sei, habe er, der Meister, nichts dagegen, wenn der Bursch sein Ränzel nähme und über alle sieben Berge davonzöge. So – und damit basta.

Darauf ging der Müller aus dem Garten. Als er an das Türchen kam, trat ihm Jakoble in den Weg und fragte gutmütig und neugierig:

»Meister, was habt Ihr denn so böse mit dem Reinhard gesprochen?«

Der Müller langte ihm eine Ohrfeige herunter und ließ ihn stehen. Da rieb sich Jakoble die Backe und meinte bei sich: »Er will mir nicht verraten, was er mit dem Reinhard gesprochen hat. Also werde ich den Reinhard selbst fragen.«

Und er fragte ihn und erfuhr das ganze Elend und Herzeleid.


Als es gegen Abend war und die müde Sonne sich gegen die Waldberge senkte, wanderte der junge Müllerbursch in die Fremde. Die Trudel gab ihm ein Stück das Geleit und weinte, und der Jakoble ging mit und weinte aus Freundschaft auch.

Es war so traurig im Walde. Die Vögel saßen am Wege und sangen: »Lebe wohl! Lebe wohl!« und die Bäume schüttelten die Köpfe, und ein Reh sah mit großen Augen aus dem Gebüsch, als wollte es verwundert fragen: »Ja, wo geht Ihr denn hin?«

Langsam gingen die drei; jeder Schritt wurde ihnen schwer, der Sand knirschte, und die alte Mühle sang im Tal.

Als die drei an den Kreuzweg kamen, mußte geschieden sein. Das Mädchen hatte den beiden Burschen von dem Aberglauben des Vaters erzählt und was er sich für törichte Hoffnungen mache auf einen großen Schatz, der gewiß nicht da sei. Und es schloß mit vielen Tränen:

»Wenn ich nun sterbe, so mag mich der Vater in einen Sarg legen und unter dem Apfelbaum begraben, dann hat er dort in einem Kasten seinen Schatz liegen.«

Bei diesen traurigen und kläglichen Worten fing auch Reinhard heftig an zu weinen. Das Jakoble aber zählte plötzlich mit Eifer die Knöpfe an seinem Anzuge ab und sprach immer dazu: »Mit ihr! Mit ihm! Mit ihr! Mit ihm!« Endlich rief er freudig aus:

»Reinhard, ich muß mit dir in die Fremde ziehen, denn erstens habe ich es an den Knöpfen abgezählt, und zweitens ist es auch wegen der vielen Ohrfeigen.«

Es wurde noch ein bißchen verhandelt und dann wurde beschlossen, daß Jakoble den Reinhard begleiten sollte auf der Reise in die weite Welt. Jakoble machte ein feierliches Gesicht bei diesem Beschluß, so feierlich, daß ihm die Ohren weit abstanden und die Kopfhaut hin- und herrutschte. Dann sprach er in väterlichem Tone:

»Trudelchen, weine nicht mehr. Denn wir bleiben dir treu, und in drei Jahren und drei Tagen kommen wir wieder.«

Darauf küßte Reinhard das Mädchen auf den Mund, und dann schieden sie voneinander, und dann ging die Sonne unter.


Reinhard und Jakoble wanderten miteinander in der Abenddämmerung dahin. Oftmals seufzte Reinhard tief und schmerzlich und sprach: »Ach, Jakoble, wenn du nicht da wärst, was sollte ich wohl anfangen?«

Da nickte Jakoble und erwiderte: »Ja, ja, was sollten wir wohl anfangen, wenn ich nicht da wäre!«

Es wurde finster, und die beiden wußten nicht, wohin sie kommen würden. Wenn man aber in der Welt nicht weiß, wohin man kommen wird, kommt man meist in eine Schenke.

So kamen auch die beiden in ein Straßengasthaus, wo es hoch herging. Bauern saßen drin und Fuhrleute, von denen manche so reich waren, daß sie zwei Pferde besaßen.

Was aber die Hauptsache war: in dem Gasthaus war ein Zauberkünstler anwesend. Er trug ein grün- und schwarzkariertes Gewand und auf dem Kopfe einen zinnoberroten Fez. Er stammte aus Hinterindien und hieß Kiutschitsufilutschi. Sein Vater war ein heidnischer Oberpriester und seine Mutter eine malaiische Göttertochter. Das alles hatte Kiutschitsufilutschi selbst gesagt. Als Reinhard und Jakoble eintraten, hörten sie den Zauberkünstler eben sagen:

»Jawoll, meine Herr'n, dat is nich so einfach wie Schnapstrinken. Diese Attraktion habe ick mal 'n Kaiser von Fedschir vorgemacht. Der wollte mir dabehalten und mir an seine Tochter verehelichen, und ick sollte mal da in der Jejend Kaiser werden, aber ick habe gesagt: Nee, Majestät, habe ick gesagt, is nich zu machen! Ick will man lieber wieder rüber nach Europa.«

Nach diesen Worten zog Kiutschitsufilutschi einem Bauern aus der roten dicken Nase wohl an die hundert Dukaten. Die Dukaten warf er in die Luft, wo sie spurlos verschwanden. Jakoble vergaß vor lauter Erstaunen eine Viertelstunde lang den Mund zuzumachen und hatte überhaupt einen so merkwürdigen Gesichtsausdruck, daß ihn Reinhard nach einiger Zeit anstieß und sagte:

»Jakoble, tu mir den Gefallen und putz dir wenigstens die Nase!«

Ehe Jakoble diesen Wunsch erfüllen konnte, stürzte der Zauberkünstler auf ihn zu und steckte ihm eine Schlange in den Mund. Jakoble verschluckte sich und war krebsrot vor Angst und Aufregung.

Dann fing der Zauberkünstler an, Abendbrot zu speisen. Die Bauern spendeten ihm einen mächtigen Krug Bier, und Kiutschitsufilutschi aß dazu einen Frosch, einen Spazierstock, ein Bierglas und ein Hufeisen. Endlich zündete er sich eine Zigarre an und blies statt Rauchringel Schweinsblasen in die Luft.

Jakoble nahm Reißaus. Reinhard fand ihn draußen vor der Tür, wimmernd vor Angst. Er beruhigte Jakoble und nahm ihn mit in die Schlafkammer. Dort fanden die beiden trotz ihrer müden Glieder lange nicht den erwünschten Schlummer. Den einen plagte die Sehnsucht im Herzen, den andern die Schlange im Magen. Und sie stöhnten und seufzten, denn wer schlafen will, dem müssen Herz und Magen in Sanftmut gewiegt sein.

Als es Mitternacht war und der Wind draußen lauter pfiff und in den Sparren des Holzwerks klapperte, öffnete sich die Tür, und Kiutschitsufilutschi trat ein. Jakoble tat einen Schrei und versuchte, an der Wand hochzuklettern, auch Reinhard richtete sich erschrocken auf. Aber der hinterindische Zauberer beschwichtigte die beiden und sagte:

»Haben Sie man keene Angst, meine Herr'n; ick will hier bloß 'n bißchen mit schlafen.«

Darauf ließ er sich seufzend neben den beiden nieder und nahm den Fez vom Kopfe. Der Mond schien durch die Dachluke und bestrahlte seine phantastischen Kleider. Ein schwerer Gram tat sich auf dem Gesicht des fremden Magiers kund, und endlich fuhr er drohend mit den Armen zur Höhe und sagte grollend:

»60 Pfennige, und das ist allens! Solche Duckmäuser!«

Es stellte sich heraus, daß der Hinterindier von den Bauern und Fuhrleuten für seine glänzenden Darbietungen nur vorbenannte Summe Geldes geerntet hatte. So war auch er ruhelos und ohne Schlummer, denn außer dem Herzen und dem Magen muß sich auch der Geldbeutel sicher und befriedigt fühlen, ehe der holde Schlaf auf die Wimpern eines irdischen Wanderers sinkt.

Jakoble, der etwas Mut gefaßt hatte, meinte schüchtern, der Zauberer könne sich doch die Goldstücke aus jeder Nase ziehen; worauf ihn Kiutschitsufilutschi halb mitleidig und halb zärtlich anblickte und zur Antwort gab:

»Können Sie mir vielleicht 'ne Mark pumpen?«

O ja, das könne er wohl, sagte Jakoble eifrig, fischte in seiner Hosentasche herum und übergab dem Zauberer eine Mark. Dieser war dankbar und machte gerührt Brüderschaft mit Jakoble, worauf alle drei sehr munter und aufgeräumt wurden.

Der Zauberer erklärte, er heiße »künstlerisch« Kiutschitsufilutschi und stamme »künstlerisch« von einem Oberpriester und einer Göttertochter ab. Sein »bürgerlicher« Name aber sei Heinrich Bimske, und seine »bürgerlichen Eltern« seien ehrsame Bäckersleute aus Rixdorf bei Berlin. Ursprünglich habe er das schöne und reinliche Gewerbe eines Barbiers betrieben, aber dann sei die höhere Magie über ihn gekommen; er sei weit in der Welt herum, von Kottbus bis Salzwedel habe er alle bedeutenden Orte bereist. Aber nun sei er wandermüde, und wenn es ihm je gelänge, zwei bis drei Taler Reisegeld zu erübrigen, wolle er zu seinen Eltern zurückkehren und nebst einem neuen Lebenswandel ein eigenes Barbiergeschäft anfangen.

Wie es nun so ist: heimatloses Wandervolk lernt sich rasch kennen, wird rasch vertraut und verbündet sich leicht miteinander gegen die tückischen Mächte des Lebens, die ihm bedrohlicher sind als jenen, die in festen Häusern wohnen und am gedeckten Tische sitzen. So war es auch hier. Während der ganze Kretscham schlief und der Mond draußen auf der stillen Landstraße vergebens nach einem Wanderer, ja nach einem wachenden Vogel suchte, saßen die drei Gesellen in der Dachkammer beisammen und tauschten ihre Lebensschicksale aus. Reinhard erzählte von seiner Trudel, dem Müller, dem geheimnisvollen Schatz unter dem Apfelbaum und seiner Ausweisung und traurigen Fahrt in die weite Ferne. Die Gedanken flogen hin und her, und als der Hahn krähte, war ein kühner Plan gefaßt, und nun konnten die drei erst recht nicht schlafen: denn will ein Mensch Schlummer finden, darf er keine Pläne fassen.


»Begraben unter dem Baume
Liegt mein ganzes Gut,
Hatte ein liebes Mädel,
War wie Milch und Blut;
Was ich auch je im Leben
Erwerben und sparen wollt',
Gäb für den Schatz unterm Baume
All mein Silber und Gold.«

Dieses traurige Lied sang die Trudel in der Waldmühle nun täglich am Morgen und am Abend. Wenn es der Müller hörte, war ihm nicht wohl dabei, denn außer dem Gelde liebte er am meisten sein Kind. Aber er glaubte, mit der Zeit würde das Mädel seine »Mucken« schon verlieren, und alles würde gut und schön sein, wenn erst einmal ein Glöcklein auf dem Baum erschien und läutete.

Sonst auch hatte der Müller verschiedene Verdrießlichkeiten. Der neue Knecht, den er für das Jakoble eingestellt und dem er gleich in der ersten halben Stunde probeweise eine Ohrfeige gegeben hatte, hatte ihm zwei Ohrfeigen dafür zurückgegeben. So etwas ist kränkend für einen Mann, der auf Ansehen hält, ist ebenso sehr gegen die Achtung wie gegen das Wohlbefinden eines Hausherrn.

Und dazu das blasse Mädel mit seinem traurigen Lied!

So kam es, daß der Müller einmal bis spät in die Nacht munter war und auch dann noch nicht in den dicken Federbetten lag, als die Uhr schon auf halb zehn Uhr zeigte. Wie er nun so sorgenvoll und still am Tische saß, spitzte er plötzlich die Ohren und machte Augen wie ein Luchs; er tat sogar etwas, was er noch nie in seinem Leben getan hatte – – er öffnete das Fenster.

Und nun hörte er es deutlich!

Unten im Garten, auf dem Apfelbaum, läutete ein Glöcklein. Silbern klar schallte sein Stimmlein durch die Nacht: Müller, die Zeit ist erfüllt, Müller, der Schatz ist reif!

Erbleichen konnte der Müller nicht; dafür war sein Gesicht zu rot; aber blaßrosa wurden seine Wangen, und der Schreck schüttelte seine Glieder, wie der Wind einen Eichbaum schüttelt.

Das Glöcklein läutete, läutete immerzu. Da ging der Müller zögernden Fußes hinaus in den Hof, suchte einen Spaten und rief sein Kind herbei.

»Trudelchen,« sagte er leise, »hörst du es läuten? Die Zeit ist erfüllt. Der Schatz ist reif. Komm mit mir, wir wollen ihn heben.«

»Ach, was nützen mich alle Schätze der Welt,« sagte das Mädchen. Aber es ging mit dem Vater. Die Nacht war dunkel; große, schwarze Wolkenberge ragten in den Himmel, und der Wind flog von der Erde zu den dunklen Bergen hinauf; er zog um ihre Gipfel und zerwühlte ihre Abgründe. Dann löste es sich los von den Bergen wie große Adlervögel, die aufgescheucht waren und mit zuckenden Schwingen über den Himmel zogen.

Das Glöcklein war verstummt. Es hing an dem untersten Ast des Apfelbaumes, und eine weiße Schnur war an ihm befestigt. Der Müller und sein Kind gingen auf den Zehenspitzen zu dem Baume hin. In des Müllers Auge flackerte die Geldgier, in des Mädchens Augen war die alte Trauer, und in beiden wohnte die Furcht.

Ächzend setzte sich der Müller schließlich unter den Apfelbaum. Ein wenig verpusten, erst ein wenig verpusten.

So war nun der große Augenblick gekommen, auf den seine Eltern gehofft, nach dem er selbst von frühester Jugend an ausgeschaut hatte. Erfüllt war seine Sehnsucht, der ganze goldene Segen des Reichtums war nahe und gewiß.

»Trudel, du wirst dir einen Fürsten heiraten oder gar einen Offizier,« sagte er traumhaft glücklich vor sich lächelnd. Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Der Reinhard ist kein Fürst und kein Offizier,« sagte es in seiner großen Treue.

»Wird alles anders, alles anders! Nur ein wenig verpusten!«

Da kam aus der Erde ein starkes Klopfen. Der Müller sprang auf; er glaubte, es komme ein Erdbeben. Zweimal holte er noch tief Atem, dann sagte er:

»Rasch machen, rasch, damit die glückliche Zeit nicht vergeht! Auch ist es hier sehr unheimlich. Hörtest du das Poltern in der Erde?«

Und er stieß den Spaten ins Gartenland und geriet augenblicklich auf einen Widerstand, der sich als ein starkes Brett herausstellte.

»Die Kiste, Trudel, die Kiste!«

Es war wirklich der Deckel einer Kiste, den der Müller in rascher, aufgeregter Arbeit bloßlegte. Dieser Deckel hatte über ein Meter im Geviert. Es war eine Riesenkiste, und der Müller sagte in schwerster Beklemmung:

»Trudelchen, wenn sie voll puren Goldes ist, müssen es an die tausend Taler sein!«

Auf einmal hob sich der Deckel der Kiste von selbst – der Müller und die Trudel wichen erschrocken zurück – der Kistendeckel wurde beiseite geschleudert – und wie aus einem Grabe heraus erstand eine Gestalt und ragte mit dem halben Körper aus der Erde.

Es war Reinhard.

»Müller,« rief er mit feierlicher Stimme, »wisse und glaube: ich bin der Schatz, der dir und deiner Mühle und deiner Trudel bestimmt ist. Höhere Mächte haben mich hier eingegraben; jetzt bin ich Euch verliehen und Euer eigen.«

Das Trudelchen hatte erst ein bißchen erschrocken aufgequiekt, aber dann stand es eins, zwei, drei neben Reinhard in der Kiste und rief immerfort:

»Ja, ja, ja, so ist es, so ist es, so ist es!«

Und plötzlich kam etwas aus dem Zaungebüsch dahergerannt, und ob es auch geisterhaft aussah, wie es so daherhuschte, erwies es sich doch bei näherer Betrachtung als das Jakoble, und das rief:

»Ja, das ist der geheimnisvolle Schatz! Ich weiß es und kann es bezeugen.«

Um das Schmerzliche ganz kurz zu sagen: den Müller erfaßte eine Riesenwut. Er prügelte zuerst das Jakoble windelweich, dann stürzte er sich auf Reinhard, und er brüllte so laut, daß alle Leute in der Mühle zusammenliefen. Denen erklärte er nun in japsenden Sätzen, mit einer Stimme, die vor Wut schrill wurde und sich überschlug: er sei genarrt, sei betrogen, sei von Spitzbuben geprellt; sein kostbarer Schatz, der unter dem Apfelbaum gelegen, sei ausgegraben, sei von diesen Dieben und Räubern gestohlen, und sie müßten nun alle, alle an den Galgen.

In der Nähe wohnte ein doppelter Sicherheitsmann, der zu gleicher Zeit Bahnwärter und Polizist war. Dieser Mann wurde herbeigeholt, Reinhard und Jakoble wurden überwältigt, es wurden ihnen Hände und Füße gebunden, wie es Räubern geziemt, und ihnen dann befohlen, mit dem Sicherheitsmann nach dem Amtsgefängnis zu marschieren. Zwecks Ausführung dieses Polizeibefehls mußten den Gefangenen die Füße wieder freigegeben werden.

Die Trudel weinte so laut, daß der ganze Hof und Garten aufwachte, die Vögel zu zwitschern, die Kühe zu brummen begannen und der Hahn zu krähen anfing.


Eberhard Schleifle, der Bahnwärter und Polizist, beförderte durch die dunkle Nacht seine beiden Gefangenen zum Gerichtsgefängnis, das zwei Stunden von der Waldmühle entfernt war. Er trug als Waffe einen Spieß, der so schwer war wie weiland der Spieß Goliaths: sein Schaft war wie ein Weberbaum. Da nun Eberhard Schleifle den ganzen Tag schwere Bahnwärterdienste getan hatte, indem er fünf Eisenbahnzüge an sich hatte vorüberfahren sehen, so war er müde und gab dem Jakoble seinen Amtsspieß zu tragen. Zu diesem Zweck band er ihm die Hände los. Auch den Reinhard befreite Schleifle von den Handfesseln, weil sie ihn in dem Augenblick behinderten, als alle drei gemeinschaftlich eine Prise Tabak schnupfen wollten. Als die drei nun auf solche Weise ans Gefängnis kamen, war dieses geschlossen. Es ist auch nicht mehr als recht und billig, daß Gefängnisse des Nachts geschlossen sind. Der Polizist kehrte also mit seinen Gefangenen in ein Gasthaus ein, wo eben eine Hochzeit gehalten wurde, und gedachte da den Morgen abzuwarten. Er und Jakoble tanzten mit den Brautjungfern, Reinhard aber hielt sich traurig beiseite, denn er dachte an die Trudel. Am nächsten Morgen wurde er mit Jakoble eingekerkert. Die Zelle war so eng, daß Reinhard seufzte und sprach: »Hier hat man fast so wenig Luft wie in der Kiste, als sich der Müller grade oben auf das Luftloch gesetzt hatte; denn da wäre ich fast erstickt und mußte gewaltig anklopfen.«


Ach, du schwere Zeit! In der Waldmühle schlug die Uhr keine gute Stunde mehr. Der Müller ging in verbissener Wut umher; die Trudel weinte sich die Augen rot, wenn sie daran dachte, wie Reinhard und Jakoble von dem barbarischen Eberhard Schleifle so roh davongeführt worden waren.

Nun war es damals wie immer im Mai: es war kalt. Die Eisheiligen hatten sehr strenge Herrschaft aufgetan, und der Müller saß eines Abends am Ofen und fror. Es war um die Dämmerstunde, und alle Leute waren in den Ställen beschäftigt. Der Müller war allein.

Da tat sich die Tür auf, und ein fremder Mann trat ein, der war in einen schwarzen Mantel gehüllt und hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen. Er grüßte nicht und stellte sich dem erstaunten und erschrockenen Müller ganz nahe gegenüber. Und er tat seinen Mund auf und sprach ohne jede weitere Einleitung:

»Müller! Müller! Gold ist Wind!«

Damit griff er dem Müller, der ganz verblüfft dasaß, an die Nase, zog ihm eine Menge Dukaten heraus und warf das blinkende Gold in die Luft, wo es spurlos verschwand. Dann sprach der Fremde weiter:

»Müller! Müller! Gold ist Wasser.«

Und er griff aus der Luft die Dukaten zurück, ließ sie am Herdfeuer auf seiner flachen Hand glänzen und steckte sie darauf in den Mund, worauf er einen Strahl Wasser auf den Fußboden spuckte, lachte und weitersprach:

»Wenn nun Gold Wind und Wasser ist, müssen alle Wind- und Wassermüller im Lande reich werden.«

Dem Müller standen die Haare zu Berge, und er vermochte es nicht, ein Wörtlein zu sagen. Der Fremde aber sagte:

»Auch in der Erde liegt Gold.« Er bückte sich darauf nach dem schwarzen Estrich der ungedielten Stube und hob da viele Getreidekörner auf, die zuvor dort nicht gelegen hatten. Er zeigte dem Müller die Körnlein, und sie wurden zu Goldmünzen.

»Wenn nun,« sprach der Fremde mit ernster Stimme, »Wasser und Wind und Erde Gold sind, warum hängst du so sehr am geprägten Golde? Wisse, es ist nicht gleich, ob du sagst: ›Wind ist Gold‹ oder ob du sagst: ›Gold ist Wind.‹ Es ist ganz etwas anderes, es ist das Entgegengesetzte. Verstehst du das?«

Der Müller schüttelte den Kopf; in diesem Augenblick hätte er überhaupt nichts verstanden.

Der Fremdling nahm nun den Hut ab und strich sich durch die Haare. Da zischten und blitzten Flammen daraus; auch begann die Nase des unheimlichen Gastes in grellem Lichte zu leuchten. Zwei große Augen richteten sich auf den zitternden Müller, und der Fremde sprach:

»Den wahren Schatz hast du verschleudert; den Mann, der dir aus Wind und Wasser und Erde Gold gemacht hätte, hast du verjagt, und als ihn dir die höheren Mächte zurückbrachten, hast du ihn einem abscheulich verrohten Kerkermeister übergeben. Wenn du ihn nicht freimachst und ihn nicht deiner Trudel vermählst, so wird all dein Hab und Gut zerrinnen, so bist du über Jahr und Tag ein Bettler. Bedenke das wohl. Ich sage es, ich, der große Zauberer Kiutschitsufilutschi.«

Und der Zauberer griff mit der rechten Hand eine kleine Trommel, mit der linken einen Schläger aus der Luft, schlug einen kurzen, dumpfen Wirbel, öffnete seinen Mund und spie Rauch und Flammen aus, warf Trommel und Schläger durchs geschlossene Fenster hinaus, nahm eine große Wurst vom Tisch, die sich zusehends in eine Schlange verwandelte und ihm in den Halskragen kroch, verwandelte ein Stück Speck, das dalag, in eine Maus, die in seine Rocktasche schlüpfte, und verschwand knarrend durch die Tür.

Den Müller schwitzte und fror in dem gleichen Augenblick. Lange saß er fassungslos da, dann schrie er um Hilfe. Das Trudelchen kam gesprungen und war außer sich vor freudigem Schreck, als ihr der Vater keuchend sagte:

»Trudelchen, zieh dir eine Jacke an; wir müssen augenblicklich den Reinhard aufsuchen, und du mußt ihn heiraten! Es ist etwas Schreckliches geschehen: du mußt jetzt den Reinhard heiraten, oder ich werde ein Bettler.«

O, wie flink hatte das Trudelchen die Jacke an und das Tuch über den Kopf gebunden! Die beiden machten sich nun auf und gingen zu Herrn Schleifle, der eben vor der Tür seines Bahnwärterhauses damit beschäftigt war, sich mittels eines Steines auf der Schiene Haselnüsse aufzuklopfen.

Er hielt in seiner Arbeit inne und sah die beiden erwartungsvoll an.

»Schleifle,« sprach der Müller, und man hörte ihm an, daß ihm das Reden schwer wurde, »Schleifle, du bist ein Mann der Gerichtsbarkeit. Du hast den Reinhard eingesperrt und mußt nun sehen, daß du ihn wieder herausbekommst, denn mein Trudelchen muß ihn heiraten.«

Herr Schleifle war sehr erstaunt, und indem er einige Haselnußschalen von der Schiene putzte, dachte er bei sich: Ei, ei, seht an, das Mädel hat den Alten herumgekriegt; nun soll es ihn aber auch was kosten! Er schob also seine Amtsmütze aufs linke Ohr und sagte:

»Reinbringen ist leicht; rauskriegen ist schwer! Reinhard sitzt da drin im Namen des Gesetzes; ich kann ihn nicht begnadigen.«

Der Müller griff in die Hosentasche und ließ von ungefähr einen blanken Taler sehen, aber Schleifle, der schnell im stillen ausrechnete, drei Taler seien mehr als einer, meinte:

»Die Obrigkeit sieht nicht aufs Geld. Reinhard ist nun einmal ein Räuber und muß dafür brummen.«

In diesem Augenblick kam ein Zug angesaust.

Herr Schleifle, der dieses Ereignis nicht vermutet hatte, sprang beiseite und stand stramm, in der einen Hand den Stein, in der anderen die Haselnußtüte. Auch als der Zug fort war, blieb Herr Schleifle fest und meinte, die Geschichte mit Reinhard sei ein schwerer juristischer Fall und er könne da vorläufig nichts tun.

Mit diesem Bescheid mußten sich die beiden begnügen, und der Müller ging verdrossen mit dem weinenden Trudelchen heim. Was sollte nun werden? Der unheimliche Fremde, der so unerhörten Zauber ausüben konnte, hatte gedroht, der Müller würde zum Bettler werden, wenn der Reinhard die Trudel nicht heiratete. Und Schleifle war als Beamter wie von Stahl und Eisen. Was sollte nun werden?!

Eine schwermütige Nacht brach an. Das Trudelchen war schluchzend nach seiner Schlafkammer gegangen; der Müller saß allein und hörte den Nachtwächter die zehnte Stunde tuten. Die Zukunft lag erschreckend und trostlos vor ihm. Wie der Fremdling Trommel und Schlägel durchs geschlossene Fenster geschleudert hatte, so würde all Müllers Geld und Gut auf die Gasse fliegen, er mochte es verschließen und bewachen, wie er wollte. Und wie sich Müllers schöne Wurst und sein saftiges Stück Speck in eine Schlange und eine Maus verwandelt hatten, so würde all seine Habe der Geier holen. Wer kam gegen Zauber an?

Wie nun der Ärmste noch in so schweren Gedanken dasaß, hörte er plötzlich vom Garten her wieder das silberhelle Klingen des Glöckleins. Mit drei Sätzen war der Müller im Hof, ergriff den Spaten und eilte nach dem Garten. O, wenn der Reinhard wieder unter dem Baume in der Erde steckte, welch ein Glück!

Der Müller stieß den Spaten in den Rasen, hob die Schollen ab, grub, grub um den ganzen Baum herum, und fand schließlich ein Kästlein, das zwar nicht ganz klein war, aber sich doch bequem in den Händen tragen ließ.

Wie betäubt stand der Müller mit dem Kasten da, stand wohl länger als fünf Minuten still, ehe er die Kraft fand, mit dem Schatz nach der Stube zu gehen.

Dort öffnete er den Kasten und stieß einen jubelnden Schrei aus.

Gold! Gold! Gold! Pures, eitles, blinkendes Gold! Flimmernde Stücke ohne Zahl! Der Müller schloß die Augen, nahm drei, nahm zehn Münzen, nahm beide Hände voll und lachte und schluchzte und verschluckte sich und bekam einen Krampfhusten vor lauter Freude.

Zehnmal wühlte er die Hände in den goldenen Segen. Das war ein Reichtum ohne Maß. Auch Diamanten, Rubinen und schimmernde Smaragdsteine waren unter den Münzen, und manch einer von den Edelsteinen war so groß wie ein Taubenei.

Der Müller brach in Tränen aus. Er war reich, reich wie kein Mensch der Welt, reicher als der Kaiser, reicher als der Sultan, reicher selbst als Herr von Pritzewitz, der drei Rittergüter besaß! Nun war alles gut und herrlich, nun konnte sich sein Trudelchen goldene Schuhe und silberne Schürzen kaufen, und jeder Jackenknopf sollte ein Demant sein. Und den Reinhard wollte er loskaufen, den Reinhard –

Hm! Halt! Halt! Hm! Vorsicht! Immer sachte!

Man brauchte nichts zu voreilig zu tun, man konnte es sich überlegen. Wer war er jetzt, der Müller, wer war die Trudel, und wer war der arme Reinhard? Unerhört wäre es, wenn ein Müllerbursch eine Prinzessin heiratete, die die Erbin solcher Güter war, die einen Fürsten oder gar einen Offizier bekommen könnte. Müller übereil' dich nicht! Wenn das Mädel das hier sieht, diese Pracht, diesen märchenhaften Reichtum, dann wird sie schon von selbst vernünftig werden. Der Zauberer? Der Zauberer mit seiner Prophezeiung? Wo ist seine Prophezeiung? Wenn er der Teufel gewesen ist, muß er ein sehr dummer Teufel gewesen sein. Ist das der Rückgang von Müllers Wohlstand? Kann soviel Geld und Reichtum überhaupt je zu Ende gehen? Unsinn! Müller, sei fest, jetzt kann dir kein böser Geist mehr was anhaben. Halloh, nun mußte noch alles anders, ganz anders kommen, mußte so kommen, wie es der Müller wünschte. – –

Es klopfte ans Fenster. Der Müller erschrak und schloß den Kasten. Draußen an den Scheiben wurde das rote, umfangreiche Riechorgan Herrn Schleifles sichtbar. Der Müller ging in den Hof hinaus.

»Was willst du?«

Herr Schleifle machte eine hoheitsvolle Amtsmiene.

»Müller,« sagte er, »ich hab mir's überlegt und die Gesetzbücher nachgeschlagen. Ich könnte den Reinhard doch vielleicht freikriegen. Aber es ist ein schwieriger Fall. Und Spesen wird's machen, viel Spesen.«

Der Müller sah Herrn Schleifle hochmütig an.

»Ich brauch' dich nicht mehr, Schleifle. Es ist anders gekommen. Meinetwegen kann nun der Reinhard solange im Gefängnis sitzen, wie ihm und den Herren Richtern beliebt. Nicht einen Pfennig gebe ich für ihn her.«

Damit schlug er dem verdutzten Gerichtsmann die Tür vor der Nase zu und ging nach der Stube zurück. Dort wartete er, bis er sich völlig unbeobachtet wußte, und öffnete dann wieder sein Schatzkästlein.

Da starrten seine Augen – – da stieß er einen Schrei aus, der durch die ganze Mühle gellte, und fiel schwer zu Boden. – – –

Das Trudelchen fand ihren Vater vor einem geöffneten Kästlein, in dem nichts war als ein paar Scherben, ein paar Kieselsteine, ein Bündelchen dürres Gras und ein Häufchen Asche.


Vierzehn Tage lang lag der Müller krank, dann stand er auf, tat Geld in seinen Beutel und wanderte nach dem Amtsgericht. Dort fragte er nach Reinhard. Er hörte, daß Reinhard und Jakoble inzwischen nach der Stadt hineingeschafft und dort von dem Gericht freigegeben worden wären, da keine Schuld an ihnen gefunden worden sei.

Der Müller wanderte nach der Stadt und fragte nach Reinhard und Jakoble. Sie waren auf und davon; niemand wußte wohin.

Da ging der Müller aus der Stadt hinaus, setzte sich auf einen Wiesenrain und schluchzte zum Steinerbarmen. Nun wußte er, daß sein Glück dahin war, wußte, wie grausam sich die Prophezeiung des fremden Zauberers erfüllen würde. Eine ingrimmige Reue erfaßte den Müller. Wie hatte er sein Glück verscherzt! Nun mußte er ein Bettler werden, wenn er Reinhard nicht fand und nicht Schuld und Strafe von sich und seiner Mühle abwandte. Suchen mußte er den Reinhard, suchen, und wenn ihm die Füße bluteten.


Jahrelang wanderte der Müller durchs ganze Land. In allen Herbergen, auf allen Straßen fragte er nach Reinhard und Jakoble. Er fand sie nicht. Oft glaubte er, eine Spur zu haben, doch er verlor sie immer bald wieder. Oft auch beschloß er heimzukehren; aber er fürchtete sich. Vielleicht war inzwischen seine Mühle abgebrannt, seine Trudel gestorben; vielleicht war auch sein Besitztum verpfändet und sein Kind davongetrieben worden in die weite Welt. Das hätte er nicht ertragen; viel lieber wollte er suchend durch die ganze Welt irren, um am Ende doch noch, wenn er seine Schuld gesühnt hatte, Reinhard zu finden und für sich und sein Kind das Glück zurückzugewinnen.

So wurde der Müller wirklich ein Bettler.


Nach Jahren, als seine Haare und sein Bart lang und grau geworden waren, kam er in eine Stadt und setzte sich müde auf eine Bank, die unter einer großen Linde war. Ihm gegenüber war ein schmuckes, ansehnliches Haus, davor hing ein blinkendes Becken, wie es die Barbiere als Aushängeschild haben. Über der Tür stand: Heinrich Bimske, Frisier- und Rasiersalon. Im Fenster, an der Tür und an den Wänden waren große Plakate, darauf stand in fetten Lettern zu lesen: »Bimskes Universalsalbe!« »Bimskes unfehlbares Haarwasser!« »Bimskes wohlriechende Mundpastillen!« »Bimskes weltbekanntes Zahnschmerzmittel!« Und so waren noch viele Schilder und eines in roten Buchstaben lautete: »Alles eigene Erfindung«! Auch wurden »Wahrsagen«, »Hühneraugentod« und eine wunderbare »Wünschelrute« angezeigt.

Nach einiger Zeit trat ein gelenkes Männlein aus dem Laden, kam auf den Müller zu und sagte:

»He, Herr Nachbar, Ihr seid wohl hier fremd? Wollt Ihr Euch vielleicht Kopf- und Barthaar scheren, Schröpfköpfe setzen oder wahrsagen lassen? Alles schmerzlos und konkurrenzlos billig! Erste Firma am Platz.«

Der Müller schüttelte den Kopf; aber dann fragte er schüchtern, was wohl das Wahrsagen koste.

»Von 25 Pfennig an aufwärts!« erwiderte das Männlein flink; »kommt ganz auf die Qualität an, mein Lieber. Aber da ich sehe, Ihr wollt nicht viel ausgeben, und da jetzt gerade stille Geschäftszeit ist, kommt nur mit! Fünfzehn Pfennig wird Euch für einen klaren Blick in die Zukunft nicht zu viel sein.«

Der Müller kramte in seinen Taschen, brachte fünfzehn Pfennige Kupfergeld zusammen und ging mit dem Barbier in eine Stube, wo es recht kunterbunt aussah von allerhand geheimnisvollen Dingen, als da sind: Totenköpfe, Eulen, Phiolen, und Siedekessel, seltsame Waffen, Urnen, alte Bücher. Vor allem aber fiel dem Müller ein Kästchen auf, das auf das Haar jenem Kästchen ähnlich war, das er einst unter dem Apfelbaum daheim ausgegraben und das ihm erst so viel Glück und dann so viel Kummer und Herzeleid gebracht hatte.

»Was möchtet Ihr nun wissen?« fragte der Wahrsager.

Der Müller seufzte und erzählte seine ganze Geschichte, vor allem, wie er nun seit Jahren Land aus, Land ein den Reinhard suche, der ihm allein sein Glück und seine Ruhe wiedergeben könne.

Während dieser Erzählung rückte der Wahrsager unruhig hin und her, kratzte sich auf dem Kopf und wurde abwechselnd blaß und rot. Als der Müller geendet hatte, wandte sich der Barbier ab und sagte:

»Ja – hem – das tut mir leid – ja hem – das hätte ich nicht gedacht – nicht – nicht gewollt und ich – ich – nun wartet, da muß Euch ein stärkerer Geist helfen, als ich bin.«

Ein Viertelstündchen verging, dann trat Kiutschitsufilutschi ins Zimmer. Der Müller stieß einen Schrei aus; aber der Zauberer beruhigte ihn und sprach: »Ich komme als dein Freund! Deine Schuld ist gesühnt; ziehe nach Hause, du wirst wieder glücklich werden.«

Darauf legte er eine Schlange auf den Tisch; sie verwandelte sich in eine Wurst. Er ließ eine Maus aus dem Ärmel krabbeln; sie verwandelte sich in ein Stück Speck.

»Das nehmt,« sagte der Zauberer; »ich glaube, ich blieb es Euch schuldig. Und dann nehmt noch diese drei Taler, setzt Euch auf die Eisenbahn und fahrt heim!«


Und der Müller fuhr wirklich nach Hause. Als er seiner Mühle ansichtig wurde, überfiel ihn heftiges Zittern aus Angst und Sorge, wie er da alles antreffen werde.

Plötzlich sah er das Jakoble. Es ging eben mit einer Sense aufs Feld.

»Jakoble! Jakoble!« schrie der Müller; »sag, bist du's? Sag, wo ist der Reinhard?«

Das Jakoble erschrak, erkannte den Müller und wollte Reißaus nehmen. Erst auf die klagenden Zurufe des alten Mannes kam er näher.

»Jakoble, sag mir, wo ist Reinhard? Sag mir, was ist aus meiner Trudel und meiner Mühle geworden?«

Da duckte sich Jakoble und sagte:

»Meister, gebt Ihr mir keine Ohrfeige?«

»Nie mehr!« sagte der Müller. »Nie mehr, liebes Jakoble.«

»So will ich Euch sagen: die beiden sind längst verheiratet, und es geht ihnen gut.«

»Sie sind – sind verheiratet?«

»Ja! Ihr, Meister, seid den Weg nordwärts gegangen und habt uns nicht gefunden; aber die Trudel ist südwärts gegangen, und da saßen wir beide, als wir aus dem Gefängnis heraus waren, ganz nahe bei der Mühle. Und da haben sie sich halt geheiratet. Und zwei Kinder haben sie, und Geld haben sie auch.«

»So, so,« nickte der Müller. »Es ist gut. Nun wollen wir heimgehen.«

Sie gingen. Unterwegs blitzte dem Müller durch den Kopf, da alles gut gehe, müsse er sehen, daß er nun das Heft wieder in die Hand bekomme. Man könne ja nicht wissen, ob das Glöcklein auf dem Baume am Ende doch nicht noch einmal läute.

Drei Tage später bekam Jakoble wieder die erste Ohrfeige.