Die Ferienkolonisten.
»Durch die Güte freigebiger Menschen kann auch in diesem Jahre wieder eine Anzahl bedürftiger Kinder in die Ferienkolonie geschickt werden.«
Es gab einen Tumult in der Klasse, als der Lehrer das sagte. Doch er setzte bald einen Dämpfer auf die Freude.
»Pst! Wir haben 400 Kinder in der Schule, und davon dürfen wir nur sechs vorschlagen, von denen wieder der Schularzt nur zwei auswählt. Also, von den 400 Kindern unserer Schule können nur zwei in die Ferienkolonie mitgenommen werden.«
»Heißt 'n halbes Perzent,« brummte Moritz Cohn auf der hintersten Bank. Er beschloß, bei so schlechten Chancen auf dies Geschäft erst gar nicht zu reflektieren.
Anders Heinrich Menzel. Er saß ganz vorn, war der kleinste und schwächlichste von allen. Tagelang zerbrach er sich den Kopf, ob er zu den zwei Auserwählten gehören würde, betete inständig zum lieben Gott um diese Gnade, verfiel zuletzt sogar in Aberglauben, indem er Vaters alten Würfelbecher zum Orakel machte. Einen Wurf mit den drei Würfeln! Wenn es über 16 wären, würde es mit der Ferienkolonie glücken. Schon hatte er den Becher in der Hand, da setzte er die Schicksalszahl von 16 auf 14 herab.
Er warf 18!
Und richtig wurde er am nächsten Tage unter die sechs Kandidaten eingereiht, aus denen der Schularzt als oberste und unwiderrufliche Instanz die zwei Glücklichen auswählen würde, die auf vier lange Wochen das unsägliche Glück haben sollten, in einem grünen Gebirgsdorf zu leben, fern von den engen Straßen und dumpfen Höfen der Großstadt.
Der kleine Trupp der sechs Buben machte sich auf den ziemlich weiten Weg zum Schularzt. Auch Moritz Cohn gehörte zu ihnen. Vornweg stelzte Karl Perschke mit seinem lahmen Bein. Wie ein Anführer zog er daher, überzeugt, daß ihn sein sichtliches Gebrechen zum Siege führen würde. Fritz Neumann prahlte mit den eiterigen Mandelentzündungen, die er hinter sich hatte.
»Das ist noch gar nichts,« warf Gottlieb Scharfenberger ein, »zweimal Diphtherie, einmal Scharlach und einen Leistenbruch, das soll mir erst mal einer nachmachen. Die Zahnkrämpfe gar nicht mitgerechnet.«
Dagegen kam sich allerdings Heinrich Menzel mit seinen lumpigen Masern und seinem Ziegenpeter gerader ärmlich vor.
»Der Max Scholz, der sollte erst gar nicht mitmachen,« sagte einer verächtlich, »er ist bloß zweimal übers Treppengeländer gefallen.«
»Aber einmal vom zweiten Stock herunter, und da hat der Kopp gelitten,« verteidigte sich Scholz.
»Ach was, Kopp! Kopp ist nicht so schlimm!«
»Ich hab auch was für mich,« dachte Moritz Cohn. »Ich bin der einzige Jude in der Schule, und ganz können sie unsere Religion auch nicht ausschließen. Wir müssen berücksichtigt werden!«
So zog der kleine Trupp dahin in Hoffen und Bangen, und keiner der vielen reichen Leute, die ihm begegneten, dachte daran, daß da sechs auszögen, um vier Wochen grüne Waldjugend zu suchen.
»Es gibt doch gute Leute,« meinte Scholz; »Leute, die für so was das Geld geben. Es kostet dreißig Mark pro Mann. Ein schweres Geld!«
»Oh,« sagte Moritz Cohn, »30 Mark for 'ne vierwöchige Sommerfrische is immer noch 'n reeller Preis!« …
Sie kamen zum Arzt, wurden untersucht und über vielerlei gefragt, und endlich fällte der Mann mit der goldenen Brille den entscheidenden Spruch:
»In die Ferienkolonie werden mitgenommen: Gottlieb Scharfenberger und der Kleine da, der Heinrich Menzel.«
Heinrich entfuhr ein kleiner Freudenschrei, und der Arzt lächelte. Dann sagte er freundlich:
»Es tut mir ja leid, daß ich euch nicht alle sechs schicken kann. Am liebsten schickte ich die ganze Schule. Na, vielleicht kommt ihr anderen in einem der nächsten Jahre dran. Jetzt könnt ihr gehen.«
Draußen vor der Haustür sagte Moritz Cohn, der nicht mit »ausgehoben« worden war: »Der Mann is 'n Antisemit.«
Der Lahme aber fing in ohnmächtigem Zorn an zu heulen.
Der Mond schien in die Stube, in der Heinrich Menzel mit seinen Geschwistern schlief. So eng die Klause – und doch vor dem träumenden Kinderauge die Welt so weit. Ein Waldtal stand vor der jungen Seele, wie es phantastische Bilder zeigen: himmelhohe Berge, ein klarblauer See, eine Sägemühle am silbernen Bach, im Hintergrund eine drohende finstere Burg.
»Du«, fragte ihn sein jüngerer Bruder, »ob es da auch Wölfe und Löwen gibt?«
»Du bist dumm,« sagte Heinrich im Tone aufgeklärter Leute, »Wölfe und Löwen gibt es nicht, aber Hirsche in Menge und gewiß auch Räuber und Wilddiebe.«
»Da würd' ich mich fürchten!« sagte der Kleine.
»Oh, ich fürchte mich gar nicht!« rief Heinrich und setzte sich im Bette auf.
Er reckte seine dünnen, schwachen Ärmchen, wie er an die Räuber und Wilddiebe dachte, die es möglicherweise im Gebirge gab, und beschloß, seine kleine braune Büchse mitzunehmen, die er von dem reichen Hauswirtssohn bekommen hatte. Die Büchse ging zwar nicht mehr los, weil die Feder schon zerbrochen war, als er sie bekam, aber gut würde es sich ausnehmen, wenn er sie auf dem Rücken trüge. Die Hasen, Füchse und Adler würden einen Schreck bekommen und schleunigst die Flucht ergreifen, und das würde ein Spaß sein. Augen würde er da machen – oh! Wer sich nicht vor der Flinte fürchtete, sollte vor den Augen ein Gruseln bekommen!
Und dann konnte er mit dem Munde so täuschend einen Flintenschuß nachmachen, daß der Erfolg gewiß nicht fehlen konnte. Und fischen wollte er! Hechte fangen und Karpfen! Eine Schnur für die Angel besaß er schon; einen Stecken schnitt er sich aus dem Walde, und nur der Angelhaken fehlte. Aber der würde sich wohl finden; im schlimmsten Falle bog man eine Stecknadel krumm. Da würden aber die Hechte was zu zappeln haben! Blumen pflücken, Pilze sammeln, nach dem Hexenhause im Walde suchen und womöglich einen Räuber fangen helfen! – Oh!
Wieder reckte er die dünnen Ärmchen, und in seiner Erregung sprang er aus dem Bett, öffnete weit das Fenster und schaute hinaus.
Die goldenen Sterne funkelten in die Kinderaugen; hinten am Horizont stand eine Wolke, die sah aus wie ein zerklüftetes Bergland. Die Firnen waren weiß vom Sternenlicht, und rundum der Himmel war wie dunkelgrünes Wiesenland. Ob dort drüben das liebe, gesegnete Land der Waldfreiheit war?
Zwei Tage vor der Abreise in den Sommeraufenthalt sagte der Lehrer in der Schule:
»Da also leider der kleine Heinrich Menzel an schwerer Lungenentzündung erkrankt ist, wird Moritz Cohn an seiner Statt in die Ferienkolonie mitgenommen.«
Moritz Cohn bedankte sich und dachte im stillen:
»Man soll also nie eine Sache voreilig aufgeben; 's kann immer noch werden.«
Moritz war ein ganz guter Junge. Anfangs beschloß er, Heinrich Menzel aufzusuchen; aber dann dachte er:
»Was sollste sagen? Daß der's leid tut? Das wird er nich glauben. Er wird bloß einen Gift auf der haben. Wirst ihm eine Ansichtskarte schicken, wenn se dort nich zu teuer sind.«
Im Fiebertraum war der kleine Heinrich immer in den Bergen. Er ging auf die Jagd, fischte, kämpfte mit Rittern und Räubern. Manchmal lachte er zwischen dem Röcheln und Stöhnen seiner Schmerzen selig auf.
Und einmal, als er einige Minuten unbewacht war, sprang er aus dem Bett, öffnete das Fenster, streckte die Arme aus und wollte hinaussteigen und mitten durch die Luft ins grüne Land wandern. Die Mutter erfaßte ihn noch, und es war ein Wunder, daß kein Rückschlag der Krankheit eintrat.
In der vierten Ferienwoche, als Heinrich schon auf dem Wege der Genesung war, bekam er einen Brief von Moritz Cohn:
Eulenhausen, den …
Die Ansichtskarten sind hier schlecht und teuer. Den Briefbogen hat der Wirt umsonst hergegeben, und die 10 Pfennige auf die Marke kannst du mir einmal wiedergeben, wenn du wirst Geld haben.
Lieber Heinrich, Räuber und Hechte gibt es hier nicht. Es ist überhaupt nichts los, nichts wie lauter Buschwerk, Kühe, Stallmägde und Heuwiesen. Die anderen helfen auf dem Felde; ich bin zur Erholung hier. Ein paarmal war ich beim Kaufmann, welcher Krämer heißt. Es ist ein jammervolles Geschäft. 3 Mark 50 Pfennig Losung hat der Mann einmal auf den ganzen Tag gehabt. Ich wundere mich, wo er den Kredit hernimmt. Der Laden hat zwar eine gute Lage, aber Eulenhausen ist überhaupt kein Geschäftsort. Für Zucker nimmt der Mann bloß 2 Prozent, und wieviel wiegt er ein!
Lieber Heinrich, da du so gern nach Eulenhausen willst, so habe ich an meinen Vater geschrieben. Wir werden's machen! Ich habe mit dem Wirt gesprochen. 30 Mark bekommt er pro Mann (da kommt er gut auf seine Rechnung). Für dich wollte er auch 30 haben. Da habe ich ihn ausgelacht: »Spaß,« habe ich gesagt, »30 Mark, wo die Ferien vorbei sind, und es ist bloß die lumpige Nachsaison.« 12 habe ich ihm geboten. Er hat gelacht und hat noch hin- und hergeschmust, und für 15 will er's machen. Der Lehrer hat mich auch ein bißchen unterstützt. Aber mit der Ferienkolonie ist das nun vorbei, die zahlt nicht. Da macht's mein Vater. 15 Mark kostet es, mit Reisespesen 18 Mark. Da hat sich der Vater mit sechs anderen zusammengetan, von denen gibt jeder einen Taler. Du kannst also, wenn du gesund sein wirst, vier Wochen hierher kommen; im September ist noch das schönste Wetter.
Es grüßt dich Dein Freund
Moritz Cohn.
Selig lächelnd lag Heinrich Menzel mit dem Brief im Bette. Nun sollte er doch noch in sein geliebtes Waldtal! Er sollte dann ganz allein dort der Herr aller Berge sein … Räuber und Hechte gäb's nicht? Oh, Moritz hat sie bloß nicht gesehen, hat den ganzen Tag beim Krämer gesteckt und zugesehen, was der einnimmt.
Die große Freude trat als Wundertäterin an Heinrichs Bett und machte ihn gesund.
»Ja,« sagte aber einmal Heinrichs Schwester nachdenklich, »wenn es 18 Mark kostet und wenn Moritz' Vater sich noch mit sechs anderen zusammengetan hat, von denen jeder einen Taler gibt, da hat er ja selber gar nichts gegeben!«
»Laß nur,« sagte Heinrich, »die Hauptsache ist: er macht's. Die Hauptsache ist: ich kann in den Wald!«