Ein Abenteuer auf der Themse.
Von meinem Freunde erzählt, dem die Geschichte passiert ist.
»Weißt Du, was die Oxford-Cambridge Boat Race ist? Nichts Genaues? Also eine Ruderwettfahrt in Achtern zwischen den Studenten der Universität Cambridge und Studenten von Oxford. Eine alte Sache. Schon seit 1829 im Schwange. Die Cambridger sind die Hellblauen und die Oxforder die Dunkelblauen. Natürlich wettet die Hälfte von London auf Hellblau, die andere Hälfte auf Dunkelblau. Die Damen tragen dunkel- oder hellblaue Toiletten, Hüte, Schleifen (natürlich die Farbe, die sie am besten kleidet); Herren tragen hell- oder dunkelblaue Krawatten, Kinder hell- oder dunkelblaue Fähnchen, die Droschkenkutscher hell- oder dunkelblaue Bänder an den Peitschen. Ein Volksfest, ein Rummel! Ganz London auf der Themse oder wenigstens an der Themse.
Also, ich stand damals mit einem großen Sportblatt in Verbindung, war reiselustig und fuhr extra von Berlin nach London, um an der Oxford-Cambridge Boat Race teilzunehmen und meinem Blatt Bericht zu erstatten. Ich wußte, daß der Statt der Studenten bei Putney, zwei Stunden oberhalb Londons, stattfand und hatte nach mancherlei Mühe einen Platz auf dem Pressedampfer bekommen, von dem aus das Schauspiel am besten zu beobachten war.
In London treffe ich einige Bekannte und mache mit ihnen eine lange Nacht. Als ich um fünf früh ins Hotel kam, fühlte ich mich ruhebedürftig und schlafe und schlafe und schlafe richtig bis dreiviertel zehn Uhr.
Punkt 10 Uhr aber fuhr der Pressedampfer vom Londoner Kai aus hinaus nach Putney. Ich erschrak. Heraus aus dem Bett und die Unterhose verkehrt anziehen war eins. Donnerwetter! Donnerwetter! So ein Lumpenkerl – ich! Extra nach London gekommen, und nun – wo sind die Strümpfe? – Wenn bloß der Kragen nicht so blödsinnig eng – Waschen? Verrücktheit! Ich wasche mich andermal wieder – Himmel, da ist ja mein linker Schuh am rechten – Portier! Portier! Waiter! Waiter! Einen Wagen! Ein cab! Sofort!
Ich flog die drei Treppen hinab und stieß mir sechs Beulen, auf jeder Treppe zwei, saß im Wagen, versprach dem Kutscher eine königliche Belohnung. Der Kerl hatte hellblaue Peitschenschnüre, und ich trug eine dunkelblaue Mütze. Er ein Cambridger, ich ein Oxforder! Trotzdem fuhr er großartig. Ich ein Oxforder, o nein, ein Ochse, ein großer Ochse! Zu verschlafen! Kutscher, wir müssen, müssen, müssen zurechtkommen!
Und wir kamen zurecht. Ich konnte gerade noch den Pressedampfer abdampfen sehen. Ich streckte die Arme nach ihm aus, ich brüllte wie ein Stier hinter dem Schiffe her, dann setzte ich mich auf einen Straßenstein und knirschte vor Wut mit den Zähnen. Es war mir, als müsse ich den bummeligen Kerl, der das verschuldet hatte, beim Kragen kriegen und in der Themse elend ersäufen – mich!
Extra von Berlin gekommen in dies blödsinnige Nest, wo die Dampfer so pünktlich abgehen, und jetzt, wo's da draußen losgeht, kauere ich hier wie ein trauriger Affe auf dem Straßenstein.
Müde erhob ich mich. Keine Möglichkeit, auf anderem Wege nach Putney zu kommen. Ein Boot? Unsinn, das kam gerade hinaus, wenn der Start längst vorüber war. So schlenderte ich in seltsamen Gefühlen und eigenartigen Selbstbetrachtungen den Kai entlang.
Da sah ich dicht an der Ufermauer einen stattlicher Dampfer liegen. Leer! Nur ein paar Bedienungsmannschaften lungerten träge herum, und der Kapitän spazierte auf Deck hin und her.
Ein Gedanke! Ein rettender Gedanke!
»Sir!« rufe ich dem Kapitän zu, »ich habe den Pressedampfer verpaßt, was mir äußerst unangenehm ist, und ich muß nach Putney, ich muß! Wollen Sie mich, mein Herr, auf Ihrem Schiff nach Putney fahren?«
»Aber sehr gern, mein Herr!« erwiderte er in freundlichstem Ton; »ich habe gerade Zeit, und es wird mir ein Vergnügen sein, Sie nach Putney zu fahren.«
Hurra!
»Und welches ist der Preis für den Extradampfer?«
»O, mein Herr, der Preis ist Nebensache. Steigen Sie nur ein!«
»Ja, my dearest, so ungefähr möchte ich wohl …«
»Steigen Sie nur ein, Sir, Sie werden sehr zufrieden sein. Indes vergeht sonst unnütz die Zeit.«
Das sah ich ein, und ich bestieg das Schiff, auf die Gefahr hin, daß mir hinterher der Mann eine riesige Summe abverlangte. Ich mußte doch nach Putney! Ein Kommandowort nach dem Maschinenraum, ein Signal, das Schiff setzte sich in Bewegung. Und ich war sein einziger Passagier! An einem solchen Tage, wo sonst alle Schiffe überfüllt waren! Ein freudiger Stolz, ein Gefühl großer Vergnügtheit ergriff mich.
Der Kapitän trat an meine Seite und sagte:
»Mein Herr, Sie werden gewiß das wundervolle bunte Leben und Treiben auf der Themse und an ihren Ufern, wie es gerade der heutige Tag bringt, beobachten wollen. Wir haben hier an Bord einen brillanten Auslugposten. Sehen Sie, hier, wo die Bordwand unterbrochen und durch ein schmales Geländer ersetzt ist! Stellen Sie sich hierher! Hier sehen Sie alles.«
Ich war dem liebenswürdigen Manne aufs äußerste dankbar, drückte ihm gerührt die Hand und stellte mich an den bezeichneten Platz.
Eine prachtvolle Aussicht! Eben kommt eine blumengeschmückte Gondel vorbei. Dunkelblaue Fahnen, alle Insassen mit dunkelblauen Abzeichen. Oxforder!
Da – mit einem Male stutzen die Leute im Boot, betrachten mein Schiff, betrachten mich und – brechen in ein schallendes Gelächter aus.
»O, Ihr lieben Oxforder! Ihr seht wohl meine dunkelblaue Mütze, seht, daß ich von Eurer Partei bin, ahnt, daß ich mir einen Extradampfer gechartert habe, um noch nach Putney zu kommen, und bringt mir diese jubelnde Ovation?! Seid bedankt, Freunde, seid bedankt!«
Und ich schwenke vergnügt meine dunkelblaue Mütze. Als die Leute das sehen, jubeln sie noch viel lauter. Entzückend, diese übersprudelnde Fröhlichkeit!
Da – ein Boot mit Hellblauen! Die gegnerische Partei. Aber auch sie – auch sie brechen ja in ein jubelndes, in ein schallendes Gelächter aus …
Nanu!
Was haben die Kerle zu lachen?
Aha, das ist Hohn! Sie sehen, daß ein Dunkelblauer sich verspätet hat und ein Extraschiff nehmen mußte. Glaubt nur ja nicht, ihr dummen Kerle, daß ich mich über euch ärgere! Im Gegenteil, ich schwenke herausfordernd meine dunkelblaue Mütze und wundere mich nur, daß diese hellblauen Kunden so blödsinnig vergnügt weiter lachen. Na ja, die Hellblauen, von denen kann man alles erwarten.
Potz Blitz, was ist das dort drüben am Strande? Ein Menschenauflauf. Männer, Weiber, Kinder stürzen herbei, und alles zeigt auf mein Schiff und auf mich, der ich an seinem sichtbarsten Punkt stehe, und eine donnernde Lachsalve tönt vom Ufer herüber. Die Männer fuchteln mit den Armen, einzelne Frauen setzen sich platt auf die Erde und scheinen sich in Lachkrämpfen zu winden, Buben schlagen Purzelbäume vor Vergnügtheit, und immer neue Scharen strömen, nein, stürzen herbei und stimmen in das Gelächter ein.
Ich winke hinüber – stürmischer Jubel! – ich begucke und betaste bestürzt meinen Anzug – zwerchfellerschütternde Heiterkeit, – ich drehe mich verwirrt dreimal um meine Achse – ein brüllendes Gewiehere – ich reiße einen kleinen Spiegel aus meiner Tasche und betrachte mich – die Leute wollen bersten!
»Um Himmels willen, Kapitän, was ist denn los?«
Er sieht mich mit freundlichem, unendlich wohlwollendem Gesichte an.
»Ein bißchen verrückt,« sagt er phlegmatisch.
»Was, ein bißchen verrückt? Total verrückt ist diese Gesellschaft!«
Ein zweites, drittes, viertes – zehntes Boot fährt vorüber, und alle, alle, alle Insassen lachen, lachen, lachen ein wahnsinniges, tollhäuslerisches Gelächter.
Darüber werde ich völlig verwirrt. Ich drehe mich wie ein Kreisel, ich werfe die Arme wie Windmühlflügel, ich deute nach der Stirn, um die Leute auf ihren Geisteszustand aufmerksam zu machen.
Sie lachen, sie lachen Stürme!
»Kapitän, sagen Sie mir – erklären Sie mir um Himmels willen – das ist ja – das ist ja –«
»Boat race,« sagte er schmunzelnd.
»Aber Mann, wenn auch heute Oxford-Cambridge-Tag ist, braucht doch dieses Volk nicht über einen anständigen Ausländer in ein so verrücktes –«
Ein Schrei. Ein »Seelenverkäufer«, in dem zwei Leute gesessen haben, ist gekentert. Die Kerle klammern sich an ihr Boot, kämpfen mit den Wellen und lachen, lachen, – – – sie ersaufen beinahe und zeigen doch auf mich und lachen – lachen –
Also – irgend jemand mußte hier verrückt sein! Und da doch wahrlich nicht ganz London plötzlich toll geworden war, so war wahrscheinlich ich – –
Ein Angler, der am Ufer sitzt, zieht eben einen Fisch aus dem Strom, sieht mich, kriegt augenblicklich Schreikrämpfe und fliegt samt Angelrute und Fisch kopfüber ins Wasser. Mich überläuft es siedendheiß. Ich zittere vor Aufregung.
Da – ein Marineschiff kommt daher. Endlich ein ernstes Fahrzeug. Ein wildes, knallartiges Gelächter der Mannschaft samt den Offizieren …
Also doch!! Elender Porter! Elender Brandy! Eine einzige Nacht, und ich bin – – o, es ist nicht zum Ausdenken! Vielleicht befinde ich mich gar nicht auf einem Schiff; vielleicht bilde ich mir das alles bloß ein! – Aber hier stehe ich doch, hier halte ich doch das Geländer, hier ist doch die Themse!
»Es ist ein guter Tag heute!« sagt freundlich der Kapitän.
»Guter Tag?«
Ich fange an, einfach radzuschlagen und die Beine nach oben zu strecken.
Rundum dröhnt die Luft, knallt, prasselt, ächzt, stöhnt, heult es vor Gelächter. Am Strande, auf kleinen Booten, auf Segelschiffen, auf Dampfern, überall, überall diese entsetzlich lachenden Menschen. Ich drehe mich um die horizontale oder um die vertikale Achse wie eine Spule oder wie ein Flugrad. Mit einem Wort: ich rotiere.
Der Kapitän behält seinen menschenfreundlichen, wohlwollenden, zufriedenen Gesichtsausdruck. Unheimlich, grauenhaft ist meine Lage.
Da endlich sehe ich den Pressedampfer. Selbst in meinen Kinderjahren habe ich nicht an Zauberei geglaubt, jetzt aber bin ich felsenfest überzeugt, daß ich mich auf einem verhexten Schiffe befinde.
»Halt! Kapitän, halt! Ein Boot! Ich will da hinüber! Da auf den vernünftigen Pressedampfer. Verlangen Sie meinetwegen, was Sie wollen, nur lassen Sie mich von diesem blödsinnigen Schiff herunter!«
Dort – dort sammeln sich die Hell- und Dunkelblauen zum Start. Die ganze internationale Pressegesellschaft sieht zu. Aber plötzlich verliert für sie die boat race alles Interesse, alle wenden sich meinem Schiff zu, und ein internationales Gelächter erdröhnt, untermischt mit Jubelrufen in aller Herren Sprachen.
Kalter Schweiß rinnt mir von der Stirn. Auch diese – auch diese Internationalen! Nur mühsam fuchtele ich noch mit den Armen.
»Was bin ich Ihnen schuldig?« keuche ich.
»Nichts!« sagt der Kapitän.
»Nichts? Für einen Extradampfer – nichts? Ach ja – ich – ich – bin ja –«
»Im Gegenteil,« fährt der Kapitän fort, »meine Gesellschaft ist Ihnen zu großem Dank verpflichtet, und ich bedaure nur, daß es nicht möglich ist, Sie beständig für uns zu engagieren. Sie wären eine Goldgrube für uns. Bitte, behalten Sie dies zum freundlichen Andenken!«
Er gibt mir ein kleines Paket. Mir ist schon alles eins; ich nehme das Paket.
»Also nichts?« lallte ich.
»Nichts!« sagte er. »Im Gegenteil: tausend Dank!«
Endlich sitze ich in einem Boot, das mich nach dem Pressedampfer bringen soll, von dem unaufhörlich das Gelächter weiterdröhnt.
Wie ich etwas Distanz gewonnen habe, wage ich es, einen Blick auf das verlassene Zauber- und Gelächterschiff zu werfen.
Da sehe ich – – – daß der ganze mächtige Schiffsrumpf mit schreienden Plakaten bedeckt ist.
Ein Reklameschiff ist es.
Und ich lese:
»Beechams Pillen! Beechams Pillen! Alle Krankheiten kommen aus der Leber! Und die Leber wird einzig geheilt durch Beechams Pillen! Wer an Cholera, Verstopfung, Gehirnschwund, Bartlosigkeit, Krätze, Triefaugen, Plattfüßen, Buckel, roter Nase, Hühneraugen oder Altweiberrunzeln leidet, nehme Beechams Pillen!!!«
Die Liste war noch viel länger, noch viel beleidigender.
Die Hauptsache aber:
Unter dem Auslugposten, auf dem ich gestanden und auf dem ich in der Erregung meine wilden Bewegungen mit den Händen und Beinen gemacht hatte, war eine Riesenhand mit nach oben gestrecktem Zeigefinger gemalt und daneben stand:
»Sehet diesen Mann! Er hat an sämtlichen Krankheiten gelitten, die an unserem Schiff verzeichnet stehen. Er hat Beechams Pillen genommen und ist kuriert worden. Seht seine freundlichen und kräftigen Bewegungen!«
Das kleine Paket, das mir der wohlwollende Kapitän zum Andenken überreicht hatte, enthielt eine Schachtel Beechams Pillen.