Das Skelett im Hause

Harro kam nicht. Marfa saß am Fenster ihres Zimmers, das neben Güldenfeys Zimmer lag, sah über die Teiche hin und wartete. Ihr Leben war nur ein Warten. Die alten Weiden dort drüben begrünten sich, standen in vollem Laub, wurden fahl, starben ab. War es die Zeit, da die Primeln ihre Augen aufschlugen? Flossen die schweren Ströme des Lichts über die dürftigen Erdwellen von Heilisoe? Ging der Herbst in knisterndem Brokat oder standen die Bäume in winterlichem Rauhfrost wie arme bettelnde Waisenkinder? Sie wußte es nicht, sie achtete dessen nicht. Sie zählte nicht mehr nach Jahreszeiten, sie zählte nur noch Harros Besuche.

Seit ihr das Leben ihres Kindes entglitten, hing sie sich mit einem Verlangen, das sie verzehrte, an ihn, den Einzigen, den sie noch besaß. Haushaltssorgen hatte sie nicht, andre Beschäftigungen befriedigten sie nicht. Alles, was die Frau in dieser nothaften Zeit die Hände regen ließ, um den Schwestern zu helfen, schien Marfas Seele in jenem Kasernensaal in Riga verloren zu haben, wo täglich der Tod in die Schar der gefangenen Frauen griff und die auf ihn harrenden mehr quälte als die fortgeführten.

Harro! Warum mußte er fern von ihr sein? Während einer Zeit schrieb sie endlos lange Briefe an ihn. Sie gab es auf, als sie merkte, daß er nur die ersten Seiten las. Stieg er aus dem Bahnwagen, den sie, seit einer Stunde auf dem windigen Bahnsteig stehend, erwartet hatte, so überströmte sie ihn mit einer kindlich-stürmischen Freude. Doch am Abend schon begann sie die Stunden zu zählen, die sie noch von seiner Abfahrt trennten.

Er wurde warm, aber seine Zerstreutheit fand kein Ausruhen bei ihr, solange er den heftigen Puls ihrer Unruhe empfand. Von seinen politischen Dingen mochte er nicht zu ihr reden: sie duldete es, aber er wußte, daß sie alles haßte, was ihn von ihr trennte. Tröster ihres Leides konnte er nicht sein; vielleicht verstand er es nicht, jedenfalls konnte er nicht trösten, wo er selbst getröstet sein wollte.

»Marfa ist eine von denen, die suchen und sich darüber selbst verlieren«, sagte einmal Frauke.

Güldenfey sah sie überrascht an. Zuweilen tat Frauke einen Ausspruch, der wie ein Spalt in ihrer kühlen, verhaltenen Art erschien und Tiefen ahnen ließ. Aber man konnte nie hinabblicken, weil immer gleich wieder eine hochmütige Gebärde, ein frostiges Wort sich wie eine kalte Schicht darüberbreitete. Güldenfey allein ahnte, daß dieses hastige Zudecken nur Scham sei.

Frauke kam zuweilen, um Marfa zu besuchen. Es zog sie etwas in dieser Frau, die der Zukunft nicht froh ward, weil sie nicht vergessen konnte, an. Sie saß Marfa gegenüber, und wenn nach den ersten Worten das Gespräch stockte, betrachtete sie das schöne Gesicht in dem dunklen Flechtenrahmen grübelnd. Dann stand sie plötzlich auf und ging unter einem nichtssagenden Vorwand wieder fort.

Ja, wäre Güldenfey nicht gewesen! In die Tage eines aufreibenden Wartens trug sie Leben.

»Marfa, heut stäubt's um die Haseln im Teichwald, und der Haubentaucher schwimmt im gelben Rohr. Du mußt mitkommen und es sehen.« — »Marfa, gestern ist einer armen Frau im Sachsenviertel ein Kind geschenkt; komm mit mir, es wird dich freuen.«

Und Marfa, die nur ungern das Haus verließ, ging mit, stand wortlos daneben, wo Güldenfey bewunderte und lobte, und in ihre Wangen stieg ein leises Rot. Wie konnte Güldenfey an den langen Winterabenden erzählen! Nicht wie Ose, die in der Vergangenheit Bescheid wußte, sondern aus der Gegenwart: sie streute immer Blumen in die grauen Stunden, und ihre tröstenden Worte waren die goldenen Schlüssel, die die verschwiegensten Kammern erschlossen.

Sie war es, die auf den Postboten wartete und dann leuchtenden Auges ins Zimmer trat: »Marfa, hier ist ein Brief von Harro!« Und so kam sie auch an dem Morgen, da man die Osterpalmen aufgestellt hatte und alle Räume vom Duft jungen Wuchses voll waren.

Marfa las mit flimmernden Augen, das Papier zitterte in ihrer Hand. »Harro kommt,« sagte sie, »er kommt heute gegen Mittag.«

Und sie begann sich für den Gang zum Bahnhof zu rüsten, obgleich noch Stunden sie von dem Augenblick des Wiedersehens trennten.

Harro kam. Er sah angegriffener aus als sonst und war zerstreut. Sie merkte, wie ihre Zärtlichkeit an ihm abglitt und sah ihn besorgt an.

»Verzeih, ich bin achtlos«, sagte er und blickte dabei starr auf eine Menschengruppe, die sich mühte, einen Handwagen mit vielem Gepäck zu beladen. »Ich muß dich bitten, allein nach Hause zu gehen. Ich will Malte aufsuchen.«

Ihr ahnte nichts Gutes, sie wollte fragen, aber sein verschlossenes Gesicht drängte jedes Wort zurück. Sie ging allein nach Hause und sah mit zuckenden Lippen auf die Schneeglöckchensträuße, die sie zu seinem Empfang hingestellt hatte. —

Malte sah den Bruder verwundert an, als der eintrat. Es war die Stunde, da keiner vorgelassen wurde.

»Ja, ja, Häberle hat mich beschworen, zu warten,« sagte Harro, »aber es duldet keinen Aufschub. Ich komme deshalb schon früher, als ich darf.«

Er nahm erschöpft Platz und begann zu berichten. Er hatte für einen Parteifreund gutgesagt, die Forderung war ihm jetzt zugestellt, es mußte in kürzester Frist für Deckung gesorgt werden.

»Wieviel?« fragte Malte.

Als Harro eine namhafte Summe nannte, legte er entschieden den Bleistift auf die Tischplatte. »Ich bedauere, ich kann dir jetzt nicht helfen.«

Harro blickte erstaunt auf: »Du, der Mann, durch dessen Hände täglich ungeheure Summen laufen? Der Verbindungen hat wie keiner in unserer Stadt?«

»Das verstehst du nicht, Harro.«

»Gut, so schaffe Rat!«

Malte hob die Schultern. Er sagte, daß es leichter sei, eine Torheit zu begehen als sie gutzumachen.

Da wurde Harro erregt. »Du vergißt, daß es mein Geld ist, was ich fordere, und nicht das deine.«

Es war kein freudiges Wiedersehen. Malte warf dem Bruder Leichtfertigkeit vor, dieser berief sich auf sein Recht der freien Verfügung. Sie standen einander mit zornigen Augen gegenüber wie Kämpfer. Es war bei Malte beschlossen, daß er dem Bruder helfen müsse, doch daß dieser seine törichte Handlung nicht reuig ansah, das versteifte seinen Trotz. Mochte er doch die bitteren Folgen seines Leichtsinns schmecken! Er war auch in täglicher Bedrängnis. Unerhörte Forderungen drängten auf ihn ein.

Plötzlich griff Harro nach seinem Hut. »Du willst also nicht?«

Es war etwas in des Bruders Gesicht, das Malte erschreckte, eine Entschlossenheit, die vor dem Letzten nicht haltmachte. War er denn so benommen gewesen, daß er über die Ängste fortsehen konnte, die in Harros Seele ihre Zähne gruben? Er sah den kleinen Jungen vor sich, mit dem er den Ball geworfen hatte. Er hob die Hand. »Ich will dich nicht in Unehre kommen lassen, Harro«, sagte er. »Aber versprich mir: Nie wieder! Setz' dich hin! Wir wollen überlegen, was sich tun läßt.«

Als Harro gegangen war, trat Häberle ein und berichtete. Die Tretmühle drehte sich, aber Malte mußte sich heute anstrengen, die Gedanken bei der Sache festzuhalten. Nein, Harros Angelegenheit ließ sie nicht mehr unruhig flattern. Aber immer aufs neue verloren sie sich in dem Grübeln darüber, wie es möglich sei, daß er über diesem Täglichen die Empfindungen für den Bruder verloren hatte. Er sah sich im Spiegel, und sein Wesen erschien ihm sonderbar verändert.

»Noch etwas, Herr Häberle?« fragte er, als dieser seine Schriftstücke in die Mappe tat und zögernd stehenblieb.

»Ja, Herr Konsul, sie war wieder hier.«

Malte sann nach.

»Die Frau Jobst. Sie hat abermals gefragt, wann sie vorgelassen werden könnte.«

»Ich bin für die Frau nicht zu sprechen. Auf keinen Fall!«

»Sie will wiederkommen.«

»Verbieten Sie ihr das Haus. Entfernen Sie sie, drohen Sie ihr mit der Polizei!«

Häberle versprach es, doch seine Miene verhieß keinen Erfolg.

Malte stand auf und ging durch das Zimmer, sobald er allein war. Was bedeutete dies wieder? Schon einmal hatte Häberle ihm diese Frau gemeldet, und er hatte sie abweisen lassen; nun war sie wiedergekommen! Was mochte sie wollen? Sicherlich betteln. Er war erschrocken gewesen wie selten, als er erfahren, daß sie in der Stadt wieder aufgetaucht war. Der Schreck hatte sich wiederholt, als Klaus ihm erzählt, wie sie sich an Güldenfey gedrängt. Er hatte sich erkundigt, ob es keine Möglichkeit gebe, sie aus der Stadt unter irgendeinem Vorwand zu entfernen. Onkel Rolf hatte sich vergeblich bemüht. Nein, es war unmöglich. Sie lebte unbescholten, ihr Mann — irgendein Arbeiter — war krank, und sie ernährte ihn und ein fünfjähriges Kind. Am besten war es, man übersah ihr Dasein, ließ sie gewähren, solange sie die andern in Ruhe ließ.

Darüber war eine längere Zeit vergangen. Vielleicht wußten Leute in der Stadt darum und munkelten von alten Zusammenhängen. Man mußte es stillschweigend dulden, man hatte eben wie viele andre auch ein Skelett im Hause. Nur es nicht berufen! Nur nicht daran denken!

Aber nun war sie von selbst gekommen, ging um und störte die Ruhe des Hauses. Er hätte in ihr mehr Stolz vermutet. Aber solche Geschöpfe — wer wußte, wie tief die gesunken war! Klaus hatte gesagt, sie sei damals betrunken gewesen.

Was nun? Sie würde wiederkommen, o ja, sie würde wiederkommen, Malte wußte es. Wohl wäre es das einfachste, ihr Geld zu geben, um sie fürs erste loszuwerden, aber Geld stachelt die Begehrlichkeit an, sie würde wieder und wieder pochen, und was seit zwanzig Jahren begraben war, würde wieder in aller Leute Mund sein. Und dann das väterliche Verbot! Nein, sie von sich fernhalten, war das beste. Landgraf, werde hart!

Malte setzte sich nieder und begann etliche Schriftstücke durchzusehen.

Als er eine Stunde später das Haus verließ, trat ihm am Fuß der Treppe eine Frau entgegen. In diesen groben Kleidern und mit dem gealterten Gesicht unter einem zerdrückten Mützchen hätte er sie nicht wiedererkannt. War das die stolze Schönheit von einst? In seiner Erinnerung lebte ein Bild, das war biegsam schlank, trug ein seegrünes schillerndes Kleid und hatte rötliches Nixenhaar. Doch er hatte immer in heißem Groll daran gedacht und jeden Gedanken an diese Verführerin gewaltsam zurückgedrängt: ihr Bild hatten die Jahre undeutlich gemacht. Als jetzt sein Blick sie streifte, wußte er trotzdem, daß sie es war.

Sie trat auf ihn zu und grüßte. Er beachtete es nicht und wollte vorüber; da vertrat sie ihm den Weg. »Ich bin Frau Jobst«, sagte sie.

»Ich kenne Sie nicht«, sagte er hastig. »Bedauere, ich habe keine Zeit.«

»Wenn Sie mich nicht kennen, so ist das begreiflich«, erwiderte sie, ohne den Weg freizugeben. »Ich werde mich etwas verändert haben. Kurze Zeit hieß ich Frau Treß.«

Er blickte sie hochmütig an, dann glitt sein Blick an ihrer dürftigen Erscheinung nieder. Wie, wagte sie es, ihn daran zu erinnern? »Wenn Sie mich daran mahnen, so werden Sie wissen, daß wir nichts mehr miteinander zu schaffen haben.«

»Ich weiß es«, entgegnete sie fast demütig. »Aber ich will Sie sprechen, und man hat mir den Zutritt verweigert.«

»Meinen Sie, die Straße sei der passende Ort für ein Gespräch mit Ihnen?«

Sie machte eine schnelle Bewegung, als hasche sie etwas, das ihr entgleiten wolle. »Wenn es Ihnen unangenehm ist, mit mir gesehen zu werden, so bestimmen Sie die Stunde, in der ich Sie im Hause treffe. Mein Anliegen ist so dringend, daß ich darum bitten muß.«

»Ich sagte Ihnen, daß davon keine Rede sein kann«, sagte Malte. »Erlauben Sie, bitte!« Er trat zur Seite und ging schnell davon.

Aber sie blieb neben ihm. »Ich komme wieder und bitte: Schicken Sie mich nicht fort«, sagte sie. »Es würde nichts nützen, denn ich käme doch wieder und käme so oft, bis ich vorgelassen bin. Verlassen Sie sich darauf!«

Der Platz an seiner Seite war leer. Er atmete auf, als sei er einer Gefahr entronnen, bog nach einigen Schritten ab und blickte zu den Fenstern seines Hauses auf, um zu sehen, ob von dort aus Frauke Zeugin dieser Begegnung gewesen sei. —

Am folgenden Tage zögerte Häberle wieder vor dem Hinausgehen. Malte tat, als bemerke er nichts. Als er aber das Haus verließ, stand die Frau wieder an der Tür. Sie stand am Abend dort, sie erwartete ihn früh am Tage. Sie schritt vor dem Hause auf und nieder; er hörte ihre Schritte auf dem Pflaster, hielt sich die Ohren zu und vernahm sie doch. Er dachte daran, die Hilfe der Polizei anzurufen, gab aber den Gedanken sofort wieder auf. Man trieb sie fort, aber keiner konnte diese Beharrlichkeit tilgen, die neue Wege finden würde. Am dritten Tage war sein Trotz gebrochen. Er konnte sich nicht überwinden, sie rufen zu lassen, doch als er ihre Stimme vor seiner Tür hörte, wie sie Häberle zum ungezählten Male bat, sie zu melden, ging er hinaus und winkte.

Er preßte die Lippen fest aufeinander, als sie eintrat; er war mit Zorn bis zum Überlaufen angefüllt. Er, der jeder Dienstmagd den Sitz geboten hätte, ließ sie an der Tür stehen. Er hielt sich weit von ihr entfernt. »Ich will diese Komödie beenden«, sagte er. »Was wollen Sie? Aber, bitte, kurz!«

Sie nickte. In dem kalten Morgenwind, der über den Markt strich, mußte sie gefroren haben, denn ihre Hände waren rot und sie barg sie unter dem eng angezogenen Tuch. »Es ist mir damals eine Abfindungsumme gerichtlich ausgesetzt, die ich nicht annahm. Ich habe mich ohne sie durchgebracht. Ich würde auch heut nicht danach fragen, wenn ich allein stände und die Zeit nicht so drückend wäre. Ich habe keine Möglichkeit zu verdienen mehr.«

»Sie haben das Recht darauf verwirkt.«

»Man hat mir das bereits gesagt. Ich suche auch bei Ihnen nicht mein Recht, aber vielleicht geben Sie der Notleidenden, was Sie der Frau Ihres Vaters ...« Sie verstummte vor der heftigen Gebärde Maltes.

»Davon kein Wort, bitte, wenn Sie nicht wollen, daß dies Gespräch sofort beendet sein soll«, rief er.

»Der Haß sitzt sehr tief bei den Treß,« sagte sie; »so tief, daß sie selbst unumstößliche Tatsachen tilgen könnten.«

Malte zog ein Schubfach auf und entnahm ihm eine Brieftasche.

»Lassen Sie das!« sagte sie rauh. »Ich will kein Almosen! Ich erwarte von Ihrem Gerechtigkeitgefühl, daß Sie mir das zubilligen, was Ihr Vater zu geben für nötig fand.«

Malte wollte etwas entgegnen, doch er hielt an sich. Er mochte die letzten Worte seines Vaters vor ihr nicht preisgeben.

Die Frau lockerte ihr Schultertuch und zog eine Rolle von Papieren hervor. »Ich lasse auch nicht mit mir handeln«, fuhr sie fort. »Ich weiß, Sie haben mich gehaßt von dem Augenblick an, da ich den Treßhof betrat. Ich habe es dem Jungen, der das Andenken an seine tote Mutter damit zu ehren glaubte, nicht verdacht. Damit Sie aber jetzt verstehen, wie alles kam, wollte ich es Ihnen erzählen. O, ich weiß, Sie haben für dergleichen Dinge keine Zeit, deshalb hab' ich hier den Hergang aufgeschrieben. In den kommenden Feiertagen werden Sie Zeit zu lesen finden. Am Tage nach Ostern hole ich mir die Schrift ab und erwarte Ihren Bescheid.« Sie legte die Rolle auf seinen Schreibtisch und zog das Tuch um die Schulter.

»Bemühen Sie sich nicht,« sagte Malte; »ich habe andres zu tun, und vorlassen werde ich Sie nicht wieder.«

»Sie werden lesen und Sie werden sich sprechen lassen«, sagte sie bestimmt. »Glauben Sie mir, wer so weit in das Elend kam wie ich, dem ist es gleich, wenn er nach tagelangem Warten auf dem Pflaster umfällt.« Sie grüßte mit einer hastigen Kopfbewegung und ging.

Malte wollte sie zurückrufen, sie bewegen, daß sie die Schrift mitnahm, doch das war zu spät. Sollte er sie ihr nachsenden? Aber er wußte ihre Wohnung nicht. Mochte sie uneröffnet liegen, bis sie sie abholte; lesen wollte er sie nicht. Mit spitzen Fingern ergriff er die Rolle und verschloß sie in seinem Schubfach. —

Seltsam! Es war Malte, als sei ein Fremdes in seinem Zimmer, wenn er allein war. Er empfand die Gegenwart eines andern, wie man sie fühlt, wenn jemand ungesehen in den Raum getreten ist. Das leise Rauschen einer Kleiderfalte, das Wehen eines Atemzugs! Mitten im Schreiben eines Wortes blickte er auf. Sahen von dort, aus dem Dunkel neben der Tür, nicht zwei Augen auf ihn?

Nervenüberreizung, sagte er sich und fuhr in seiner Arbeit fort. Doch das spukhafte Gewißsein einer fremden Gegenwart blieb. Er war endlich überzeugt, daß ihn die Papiere in der Lade erregten, und wußte doch, daß er sie nicht loswerden konnte. —

Den Stillen Freitag hatten die Geschwister im Treßhof zugebracht. Es waren seltsam gehaltene Stunden gewesen. Man hatte von Jörg gesprochen, dessen Wirksamkeit Aufsehen zu erregen begann, trotzdem er sich noch immer als ein Lernender bezeichnete. Dann — wie war es nur dahin gekommen? — hatte Marfa begonnen, Lieder ihrer baltischen Heimat, die sie in das Deutsche übertragen, mit leiser müder Stimme zu singen. Eins hatte Malte unerträglich schwermütig geklungen:

Wenn ich sterbe, werden keine

Klageglocken um mich gehn,

Wird an meinem Grab nicht eine

Seele weinend stehn.

Auch Harro war von der trübseligen Stimmung dieses Liedes angesteckt worden. »Laß das, Marfa!« hatte er unwirsch gesagt. »Wir haben genug, was unsre Stimmung verdüstert.«

Erschrocken hatte Marfa abgebrochen, und Frauke hatte bald danach Malte zum Aufbruch gemahnt.

Der Ostersonnabend verging in der üblichen Unruhe und Arbeitsunlust derer, die an die Vergnügen der Festtage denken. Malte sah das rege Treiben auf der Straße, hörte die Glocken, die das Fest einläuteten. In den Schmuckrosen des Rathausgiebels verglomm das Abendrot des Frühlingstages. Er erschien sich so verloren, so ausgeschlossen von der geringen schalen Freude, die den Menschen da draußen trotz aller Not verblieben war. Solche stimmunghaften Stunden taugten nicht für ihn. Mit dem Entschluß, zu arbeiten, ging er, als Frauke sich zur Ruhe zurückgezogen hatte, noch einmal hinab.

Aber da war wieder dieses unhörbare Atmen der fremden Gegenwart. Er kämpfte dagegen an und wurde doch des unbehaglichen Gefühls nicht Herr. Endlich, da es schon auf Mitternacht ging, schob er die Hefte zurück, entnahm dem Schließfach das Bündel und begann zu lesen:

Ich habe mich entschlossen, aufzuschreiben, wie alles kam. Wenn es andern nichts nützt, so gibt es vielleicht mir Klarheit und dient ihnen, ihr Urteil über die Verlorene zu mildern.

Ich habe nichts von Glück oder dergleichen erwartet, als ich verheiratet wurde. Im Gegenteil. Aber für die Neunzehnjährige war das Elend zu Hause unerträglich, und da es aus ihm keinen andern Ausweg gab als die Heirat, so griff ich zu. Unter welchen Bedingungen die Verbindung zustande kam, wußte ich freilich nicht. Mein Mann war der reiche Treß, das genügte. Er war bürgerlich — das war mir gleich; er war fünfundzwanzig Jahre älter als ich — damit hoffte ich mich abzufinden. Jedenfalls besaß er jugendliche Frische, war Kavalier und maßlos verliebt. Dies schmeichelte mir so, daß ich darüber vergaß, wie mein Herz andre Wege gegangen war. Was wußte ich denn damals von Welt, Menschen und ihren Herzen!

Mein erstes Ehejahr — ja, davon muß ich jetzt reden. Es gefiel mir eigentlich recht gut. Um die Kinder, besonders um die kleine Myrrha, durfte ich mich nicht kümmern, überhaupt an nichts rühren, was an die verstorbene Frau meines Mannes erinnerte. Doch das wollte ich ja auch nicht. Ich sollte mich putzen, mich vergnügen und ihn vergnügen, wenn er kam, um mit mir zu spielen. Das war im Anfang häufig, dann seltener. Als es seltener war, gefiel es mir besser. Denn obwohl mein eitles, unerfahrenes Herz daran Gefallen fand, merkte es doch unbewußt, daß ich wie eine Puppe gehalten wurde, die man aus der Hand legt, sobald es an ernsthafte Dinge geht. Wäre mein Mann zu mir wie ein Vater gewesen — es hätte mir vielleicht anfangs weniger behagt, aber ich wäre später nicht so leer dagestanden, als ich nach meiner Empfindung entscheiden sollte.

Das trat bald genug ein. Nach einem Jahre war ich einmal widerspenstig. Mein Mann wollte mich bestrafen und verreiste. Vor seiner Abreise kam er zu mir und sagte mir den Grund.

»Ich hoffe, du bist zur Vernunft gekommen, wenn ich nach einer Woche wiederkehre«, sagte er weiter. »Denke über dich nach. Willst du deinen Vater besuchen, so habe ich nichts dagegen.«

Er ging und ließ mich wie ein ausgescholtenes Kind zurück. Zu meinem Vater hatte mich während des ganzen Jahres nichts gezogen, dort erinnerte zuviel an eine freudlose Jugend. Doch als ich mich am zweiten Tage langweilte, lockte mich der Gedanke, es sei vielleicht recht hübsch, meinen Glanz im Lichte meiner früheren Umgebung zu spiegeln, und ich fuhr nach Hanneshof.

Es war das alte liederliche Treiben dort, dem entrückt zu sein eine Tante mich glücklich gepriesen hatte: mein Vater befand sich viel auf der Jagd; war er im Hause, so fanden sich Kumpane zu Trunk und Karten ein. Die Wirtschaft war jedoch wie früher in gutem Stand.

An einem Abend waren wir allein. Mein Vater begann von meiner Ehe zu sprechen. Ich glaubte, er wolle mich über das Verhältnis zwischen mir und Treß ausfragen, und malte meine Tage in glänzenden Farben. Aber das war es nicht. Schließlich kam es heraus: ich sollte bei meinem Mann für die Dargabe von Geld an meinen Vater eintreten.

Entrüstet lehnte ich ab und erregte den Vater, der ohnehin getrunken hatte. Er befahl, ich widersprach. Er wurde maßlos heftig, und nun sagte er es: er habe mit meiner Heirat ein gutes Geschäft gemacht.

Der Gedanke, verkauft zu sein, weckte in mir Ekel und Abscheu, Ekel vor dem Verkäufer, Abscheu gegen den Mann, der es gewagt hatte, mir eine Kaufehe zuzumuten. Ich stand auf und bestellte selbst den Kutscher, daß er anspanne. Ich wollte in die nächste Stadt und in einem Gasthause die Nacht zubringen.

Als ich dort eintraf und dem Kellner meinen Auftrag gab, erblickte ich durch die Spalte einer halbgeöffneten Tür den Baron Usfeldt, der dort einsam bei der Flasche saß. Ich wich zurück, doch er hatte meine Stimme erkannt und stand plötzlich neben mir.

»Bekomme ich keine Hand?« fragte er.

»Rühren Sie mich nicht an, Muck!« sagte ich. »Ich weiß jetzt, daß ich verhandelt bin.«

»Ich weiß es lange und habe Sie darum nicht einen Augenblick lang geringer geachtet«, erwiderte er. »Nehmen Sie, wenn Sie durchaus einen Sündenbock brauchen, mit mir vorlieb, Tessi; denn hätte ich Mut genug besessen, trotz meiner verzweifelten Lage um Sie anzuhalten, so wäre dies alles nicht über Sie gekommen.«

Er führte mich an seinen Tisch und schloß die Tür. Ich war wie betäubt, hatte nur den Wunsch, mich mit einem Menschen, der mich verstand, aussprechen zu können und bedachte nichts. Nein, ich hätte es nicht tun sollen; aber was weiß ein ungeschultes Herz in solchen Stunden! An jenem späten Abend lernte ich das erstemal die alle Not betäubende Wohltat des Rausches kennen.

Das Gerücht traf vor mir im Treßhof ein. Wäre ich reuig gewesen, was in diesem Falle klug heißt, vielleicht daß sich alles anders gewendet hätte. Aber ich wollte nicht. Mein Stolz forderte das ganze Leben heraus.

Ich ging nach Westdeutschland; eine Freundin hatte mich, während meine Ehe geschieden wurde, zu sich eingeladen. Ich blieb dort kaum so lange, bis die Trennung ausgesprochen war. Ihres Gatten Blicke gingen mir oft sonderbar nach, ich duldete das. Ich duldete auch, daß er mich zur Vertrauten seiner Nöte machte: er war nicht glücklich.

Am nächsten Tage reiste ich ab.

Was blieb mir übrig? Ich mußte verdienen. Also trat ich in ein Geschäft, wo ich vornehmen Käuferinnen ihre Kleider vorführen durfte. Der Chef hatte mich lange gemustert und dann zufrieden gelächelt. Mir graute, aber es gab keinen andern Weg. Sollte ich Klavierstunden erteilen, Puppen ausstopfen oder Blumen auf Gläser malen? Die Auswahl war nicht groß, und vielleicht saß ich doch noch eines Tags an einem der langen Tische, an denen zwanzig Mädchen Fäden zupfen oder Federn sortieren. Vorläufig trug ich noch seidene Kleider, die andre kauften, und wohnte in einer Dachkammer.

Die Freude dauerte ein Jahr. Da verließ die erste Verkäuferin das Geschäft, und eine Woche später ließ mich der Chef in sein Zimmer rufen.

»Ich glaube, Sie verdienen hier nur recht wenig«, sagte er. Merkwürdig, daß ihm dies plötzlich einfiel!

»Sie können sich besser stehen, wenn Sie wollen«, fuhr er fort.

Ich schwieg und wartete. Plötzlich griff er nach meiner Hand.

»Nein!« schrie ich und riß mich zurück. Damit ging ich.

Einen Monat darauf stand ich wieder auf der Straße. Menschenströme liefen an mir vorüber, ich aber war allein, wußte nicht, wo aus noch ein. An diesem Abend betrank ich mich wieder bis zur Bewußtlosigkeit.

Wie viele Sprossen hat die Leiter, auf der man abwärts steigt, in das Dunkel, tiefer, immer tiefer? Ich habe sie nicht mehr gezählt, aber ich weiß, daß der Abstieg endlos ist. Ich saß nach nicht allzu langer Zeit wirklich mit neunzehn Mädchen an einem Tisch und falzte Papiere. Ekelhafte Luft, erniedrigende Reden, der ganze Brodem einer gärenden Lebenszone schlug mir Tag für Tag entgegen. Ich atmete ihn und stumpfte allmählich völlig ab, wurde eine andre und vergaß ganz, was ich gewesen war und wie ich hieß.

Aber eins hielt mich, daß mir der Schlamm nicht bis ans Herz stieg: der felsenfeste Vorsatz, meine Brotrinden mit meiner Hände Arbeit zu verdienen. Nicht mehr wollte ich, als satt werden. Alles andre war käuflich: Vergnügen, Ehre, Stellung, man mußte nur zahlen können.

Seit jenem Tage, da meine Ehe in die Brüche gegangen war, haßte ich das Geld, und jeder Tag hat es mir bestätigt, daß die Geldherrschaft der größte Fluch ist, der jemals über die Menschheit gekommen ist; daß die wahnsinnigen Eroberer, die Millionen Menschen opferten, und die großen Pestzeiten nicht halb so verderblich gewesen sind wie der Mammonismus. Es ist nicht wahr, daß er die Triebfeder von Arbeit und Kultur ist. Er züchtet die Genußsucht, den Zerfall und verdirbt jede Arbeit, weil er ein Geschäft daraus macht!

Das sage ich, Therese Jobst, Frau des schwindsüchtigen Monteurs Jobst, verehelicht gewesene Frau Treß, geborene Freiin Horn, die durch alle Schichten des Lebens ging und keine, keine sah, die Erlösung bot.

Während des Krieges trug ich Zeitungen aus, half in Hausständen, flickte, nahm an, was sich fand. Dabei lernte ich meinen Mann kennen, als er auf Urlaub heimkam. Er war ein edler Mensch. Als er mir die Ehe mit ihm antrug, war ich gewiß, daß er es nicht seinetwegen tat, sondern um mir zu helfen. Was hätte er sonst an mir gefunden! Solche, die ihm Kartoffeln kochten und das Arbeitzeug flickten, hätte er in Menge haben können.

Ich schenkte ihm ein Mädchen, und dies Kind wird, wenn er längst nicht mehr ist, für mich die Erinnerung an die schönste Zeit meines Lebens sein.

Nun habe ich ausgesprochen, wie alles wurde. Vielleicht sind Lücken da, daß nicht jeder alles versteht, aber das ist nicht schade. Wer noch Ohren hat zu hören, der wird mich verstehen und auch das Leben dieser Zeit, von dem ich nur ein winziges Bruchstück bin. — —


Kling! sagte die Glocke der alten Uhr. Der Arm des Mannes, der die Hippe trug, fiel herab und hob sich wieder. Es war ein Uhr.

Malte faltete die Bogen zusammen und lehnte sich in den Stuhl zurück. Durch die Osternacht ging ein Wind aus West, der strich hörbar an den Scheiben vorüber. Malte legte die Hand über die Augen, die vom Lesen brannten und das blendende Licht nicht vertrugen.

Was nun? Es war etwas in diesen Zeilen, das an sein Herz griff: ein Mensch, der redlich gerungen und in harter Fron seine Fehler und Schwächen gesühnt hat. Was sie hier geschrieben, war wohl ein echtes Bekenntnis, das keine Pose entstellte. Aber sie war nun einmal das Skelett im Hause, und das durfte man nicht durch Verbindlichkeiten an sich fesseln.

Und noch eins: das väterliche Gebot! Wie war es doch gewesen?

In den letzten Tagen vor seinem Ende hatte ihn der Vater zu sich beschieden. Alle andern hatten das Zimmer verlassen müssen, auch Güldenfey, die er sonst nicht von seiner Seite ließ. Irgendeine dringliche geschäftliche Verfügung! hatte Malte gedacht; doch es kam nichts von Geschäften.

»Pastor Thomasius wird heut nachmittag kommen, Malte, du weißt! Was ich ihm nicht sagen kann, will ich dir, meinem Ältesten und Nachfolger, beichten. Ich habe gegen euch und eure liebe Mutter ein schweres Unrecht begangen, als ich so bald nach ihrem Tode diese — Person in das Treßhaus führte.«

»Es ist ja alles gut geworden, Vater,« hatte Malte gesagt; »du hast darunter genug gelitten und gesühnt.«

»Gelitten, ja; ob gesühnt, das weiß ich nicht. Es quält mich jetzt wieder stündlich. Wie konnte ich als ein reifer Mann einen so unbegreiflichen Schritt tun! Ich suche meiner Kinder Verzeihung, mein Sohn!«

Malte hatte die unruhigen Hände gefaßt und ihm trostreich zugesprochen, doch der Vater war danach nicht ruhiger geworden.

»Versprich mir noch eins!« hatte er weiter gesagt. »Ich mußte die Folgen meines Leichtsinns tragen, aber mit mir soll es begraben sein; ich will nicht, daß ihr noch darunter leidet. Wenn jemals jene Frau wieder auftauchen, sich an euch drängen sollte — versprich mir, daß du nichts tust, was die Erinnerung an jene schmachvollen Tage wieder weckt. Laß tot sein, vertilge alles, was unsern Namen verunehrte.«

Es war ein heftiges Flackern in den Augen des Sterbenden gewesen, das war mehr als Selbstanklage, das war Haß. Sein war die Leichtfertigkeit, die ein unfertiges Mädchen zur Gattin wählte, aber jene hatte den ihr angetragenen alten Namen durch den Schmutz geschleift. Sie hatte recht: der Haß saß tief in den Treß. Weh dem, der ihn weckte!

Malte hatte in jener Stunde dem Vater alles gelobt, was er verlangte. Er verstand ihn so gut. Nun aber saß er hier, ein Richter, in dessen Brust die Ehrfurcht vor dem, was er versprochen, sich mühsam gegen die Menschlichkeit behauptete. Was sollte er tun? —

Als am ersten Werktag nach dem Fest das Nötige mit dem Prokuristen besprochen war, sagte Malte: »Herr Häberle, es könnte sein, daß jene Frau wiederkommt, die uns seit Tagen belagert.«

»Sie steht schon draußen vor der Tür, Herr Konsul.«

Schon? Sie war seiner sehr sicher, nachdem er sich einmal nachgiebig gezeigt hatte. »So lassen Sie sie eintreten.«

Häberle ging. Lächelte er nicht? Malte schämte sich seiner schnellen Bereitwilligkeit, die dem andern auffällig war. Sein Stolz versteifte sich. Er nickte hochmütig, als die Frau grüßend eintrat, und sah an ihr vorüber.

»Setzen Sie sich!« Seine Hand wies flüchtig auf einen Stuhl, der in der Nähe der Tür stand.

»Heute bin ich noch nicht ermüdet«, entgegnete sie.

Er wiederholte die Aufforderung nicht, so standen sie sich wieder räumlich getrennt gegenüber. Malte hatte ihre Blätter sorgsam gebündelt, man sah ihnen nicht an, daß er darin gelesen hatte. Mit einer Handbewegung schob er ihr die Rolle entgegen. »Sie geben selbst zu, daß Sie ein Recht, zu fordern, nicht haben«, sagte er. »Eine Forderung würde ich auch stets unbeachtet lassen. Was ich Ihnen sage, gilt nur Ihrer bedrängten Lage.«

Sie blickte ihn unentwegt an, und unter ihren Blicken wurde es ihm unbehaglich. Was redete er nur, wo jemand auf Brot wartete!

»Ich will Ihnen, der Frau Jobst« — er hob das Wort bedeutsam —, »eine einmalige Unterstützung zuwenden, wenn Sie sich vertraglich verpflichten, auf meine Forderungen einzugehen.«

»Bitte«, sagte sie kurz.

»Sie versprechen auf ... Sie versprechen vertraglich sich nie wieder an mich oder an ein Glied meiner Familie mit einem Anliegen zu wenden oder sich auf alte Beziehungen zu berufen. Sie versprechen ferner, niemandem gegenüber Ihres früheren Zusammenhangs mit dem Hause Treß Erwähnung zu tun.«

Der Schein eines Lächelns glitt um ihren Mund, aber sie schwieg abwartend.

»Sie verpflichten sich weiter, die Stadt unverzüglich zu verlassen.«

»Das ist unmöglich«, sagte sie. »Mein Mann ist schwer krank, und ich verlasse ihn nicht. Und selbst wenn das nicht wäre — wer nimmt uns denn auf? Jeder ist froh, wenn er einen Raum hat, wo er bleiben kann. Wenn ich ginge — jedes Wohnungsamt ist imstande, meinen leidenden Mann auf der Straße umkommen zu lassen.«

Malte zuckte die Schultern: »Das ist das, auf das es mir eben ankommt.«

»Sie wissen genau, daß Sie Unmögliches fordern«, sagte sie. »Sie lassen mir die Wahl zwischen dem Hungertod und dem Tod im Gassenwinkel. Was soll ich tun? Wenn ich allein stände, gäbe es für mich kein Besinnen. Ich bin ja auch nur in diese verwünschte Stadt zurückgekommen, weil es für meinen Mann einst keine andre Verdienstmöglichkeit gab.«

Ihre Stimme zitterte unter Tränen. Malte sah verlegen vor sich nieder. Er wußte, daß diese Forderung ihr Pein bereiten mußte. Dennoch wollte er darauf bestehen. Es galt, sie dem Gesichtskreis der Seinen ein für allemal zu entrücken.

»Ich würde mich für Ihr Unterkommen an einem entfernt gelegenen Ort verwenden«, wandte er ein.

»Vor dem Wesen oder Unwesen von heute gilt das Wort des Konsuls Treß nichts mehr«, entgegnete sie schneidend. »Und wenn es etwas gälte — ich kann einem, der nicht fern vor der letzten Reise steht, keinen Umzug zumuten. Oder geben Sie mir — bis dahin Frist?«

»Sie müßten sofort gehen. Verstehen Sie mich: Sie allein!«

Sie stand unschlüssig im Widerstreit der Gedanken. Plötzlich ging es wie ein Aufzucken durch ihren Körper. Sie trat auf ihn zu. »Geben Sie mir meinen Brief!« sagte sie hart.

Malte blickte sie erstaunt an.

»Geben Sie mir den Brief wieder! Ich sehe, es ist vergeblich. Vielleicht findet er auf einer Behörde mehr Verständnis als bei Ihnen. Oder ich stehe morgen mit ihm an der Rathaustür, um zu betteln. Es lohnt nicht, zu verhandeln, während Menschen Hungers sterben.«

Sie nahm die Rolle und hielt sie hoch. Malte blickte sie jetzt wie gebannt an. Nun, da eine Glut sie durchströmte, erschien sie wie mit einem Schlag verändert; diese welken Gewänder ihres ärmlichen Aufzugs verschwanden völlig unter dem Glanz, der von ihrem Gesicht ausging. Das stolze Blut ihrer Ahnen war in der Dienenden aufgestanden und verschönte sie auf eine eigene Art. Mit der herrischen Gebärde einer aus dem Kerker kommenden Königin warf sie den Arm gegen Malte.

»Bisher war ich Ihre Schuldnerin, jetzt sind die Treß meine Schuldner!« rief sie. »Sie werden mich nicht wiedersehen, deren Freiheit Sie kaufen wollten, aber diese Stunde wird Ihnen keine Ruhe lassen, nie, nie, nie Ruhe lassen. Hier draußen auf dem Pflaster wird es auf und ab gehen, täglich, und wenn Sie glauben, das Glück, Ihr Glück zu ergreifen —«

Sie schwieg plötzlich. Eine Hand legte sich leise auf ihren Arm. Auch Malte war so benommen, daß er erst jetzt bemerkte, wie Güldenfey neben ihr stand.

»Bitte, sagen Sie ihm nichts Böses«, sprach Güldenfey. »Um Ihretwillen! Flüche fallen immer auf den zurück, der sie ausschickt.«

Beklommenes Schweigen.

»Malte, wer ist diese arme Frau?« fragte Güldenfey. »Können wir ihr nicht helfen?«

Sie erhielt keine Antwort. Malte hob wie abwesend die Schultern.

»Sagen Sie mir doch, ob ich etwas für Sie tun kann«, bat Güldenfey. »Wir haben uns schon einmal gesehen, ich erkenne Sie wieder.«

Die Frau starrte sie wie eine fremdartige Erscheinung an. Güldenfey lächelte ihr ermutigend zu. Und dieses ängstlich-herzliche Lächeln, das wie ein Geschenk war, zerschmolz Zorn und Starre zu gleicher Zeit.

Die Fremde wandte sich Güldenfey voll zu, beugte sich tief, tief vor ihr, wie man sich vor priesterlichen Menschen neigt, ergriff den Saum ihres Kleides und hob ihn an ihre Lippen.

Dann, ehe die Treßkinder sich ihres Erstaunens bewußt wurden, war sie verschwunden.