Der vergessene Garten
»Ose, ach, Ose!«
Die Alte stand unter leeren irdenen Töpfen und Glashäfen und bedachte, wie geringe Vorräte man in dieser Zeit habe und wie wenig im kommenden Sommer eingemacht werden könne. Da trat Güldenfey ein. Ose hörte es im Schwingen der hohen Stimme, sie sah es an der Röte auf des Kindes Wangen: es mußte Außerordentliches geschehen sein. Sie winkte gegen den Hinterraum der Kammer zu, wo ein Mädchen hantierte, band die Schürze ab und verließ mit Güldenfey den Vorratsraum.
»Was ist geschehen?« fragte sie.
Aber Güldenfey führte sie in ihr Zimmer und schloß hinter sich die Tür. »Die Frau!« sagte sie. »Ich traf sie bei Malte. Sie wollte etwas Schlimmes sagen, aber ich bat sie, es nicht zu tun.«
»Es geht ihr nicht gut«, murmelte Ose erschrocken.
»Und nun will ich wissen: Wer ist sie?«
Ose kniff die Lippen zusammen. Die kleine, sanftmütige, stets bittende Güldenfey, wie selbstbewußt und fast zornig stand sie da!
»Dein Bruder Malte kam aus deines Vaters Sterbezimmer zu mir«, sagte Ose. »Da hab' ich's ihm hoch und heilig versprechen müssen, daß ich es dir nie sagen werde.«
»Das ist nichtig!« rief Güldenfey. »Ich bin ja Zeugin gewesen von dem, was sie gesprochen haben. Sollen meine Ahnungen mehr sagen, als in Wirklichkeit geschehen ist? Und dann: Ich habe Malte bedrängt, es mir zu sagen, und Malte hat mich an dich gewiesen.«
»So, das hat er getan?« sagte die Alte. »Und was wird, wenn ich nicht will?«
»Dann, Ose,« sagte Güldenfey und hob die Hand, ihre Worte bekräftigend, »dann suche ich so lange durch die Stadt, bis ich sie gefunden, und frage sie selbst. Es ist etwas Dunkles da, das geht uns nach, und ich weiß jetzt, daß es mit ihr zusammenhängt. Ich will es sühnen.«
Ose wußte: wenn sie so spricht, dann gibt es kein Entrinnen. War die Stunde da, die die Erfüllung bringen sollte? Sie blickte lange durch das Fenster in den blauenden Himmel.
»Sie ist deines Vaters zweite Frau gewesen«, sagte sie dann im Flüsterton.
Güldenfey sah sie sprachlos an. Sie hatte immer auf dem Weg hierher die Furcht vor Schreckhaftem gehabt, dies hatte sie nicht erwartet, und sie erlag ihm. Langsam sank die erhobene Hand nieder und tastete nach der Lehne des nächsten Sessels. Ihr geliebter Vater! Wann war das geschehen? Doch vor der Zeit, da ihr Denken begann. O Mutter!
Ose kniete vor der Sitzenden und umschloß Güldenfeys Hände, die kalt wurden, mit den ihren. »Kind, Kind, nimm es nicht so arg, es ist ja längst Vergangenes! Du kennst die Männer noch nicht. Gerade jene, die am glücklichsten in der Ehe waren, sind nach dem Tod der Frau hilfloser und verwaister als die Lebensklugen. Sie können sich nicht zurechtfinden, lassen sich betören und werden unglücklich.«
»Ja, ja«, sagte Güldenfey langsam. »Nun, erzähle, Ose.«
»Ach, Kind, da gibt es viel zu sagen. Du sollst aber nicht denken, daß dein Vater das Andenken der lieben Mutter nicht geehrt hat. Er verzehrte sich völlig darin, ging täglich nach dem Friedhof, konnte sich nicht genugtun, ihre Briefe zu lesen und in ihrem Zimmer zu sitzen. Wir sorgten uns um ihn, wir dachten, er würde daran zugrunde gehen. Aber wir wissen alle wenig voneinander. Was Trauer heißt, ist oft nur aufgesammelter Lebenshunger.«
»Sprich doch weiter, Ose!«
»Ja. Du warst noch nicht ein Jahr alt, als er eines Tages sich ganz erregt zu Tisch setzte. Ich bekam einen großen Schreck, dachte: Um Gottes willen, er wird doch nicht anfangen, zu trinken! Es war wie ein Rausch über ihn gekommen. Später hat mir Mellin erzählt, wie alles gekommen ist und was an jenem Tage begann. Es kam damals fast täglich der Baron Usfeldt in die Stadt, ein Spieler und Abenteurer, dessen wilde Streiche im ganzen Lande erzählt wurden. Für nichts hatte er Sinn als für Pferde, und so fuhr er denn seine glänzenden Gespanne in unsern Straßen zur Schau. An diesem Tage kutschierte er auch wieder hier herum, und neben ihm auf dem hohen Selbstfahrer saß die junge Baroneß Horn. Es ist viel gesprochen worden von ihr und ihm und ihr und ihrem Vater. Ich weiß nichts mehr, hab' auch damals nicht darauf geachtet. Was gingen uns die fremden Leute an!
An jenem Tage begegnete ihnen dein Vater und muß von Stund an behext gewesen sein. Sie hatte rotes Haar, und wenn sie lachte, dann glitzerte etwas in ihren Augen, das war nicht von dieser Erde. Engelke hat gesagt ... Doch das gehört nicht hierher. Kurz, dein Vater war wie von Sinnen. Auf der Straße ist er stehengeblieben, sie hat ihn angelacht, und er hat dem Wagen nachgestarrt. Dann ist er in die Krone gegangen, wo der Muck Usfeldt ausspannte, hat sich mit ihnen in der Weinstube bekannt gemacht; danach ist er, den Kopf voll wirrer Gedanken, nach Haus gekommen.
Einige Tage ist er zerstreut umhergegangen, jeder von uns war daran gewöhnt und fand nichts dabei. Aber dann hat er sich aufgemacht nach Hanneshof zum alten Baron Horn. Dort hat er leichtes Spiel gehabt, denn es hat nicht acht Tage gedauert, bis er versprochen war.«
»Der arme Vater«, sagte Güldenfey. »Aber das Ende, Ose.«
»Das kam schnell genug, Kind, nach kaum einem Jahr. Sie taugte nichts. Vielleicht wäre sie an anderm Platz etwas Rechtes geworden. Bei uns war sie nicht am Platz. Der Reiz, daß der erste Mann der Stadt um ihretwillen sich und andres vergaß, verflog bald. Laß es genug sein!«
»Doch dies, dies!« sagte Güldenfey. »Sie ist arm und elend.«
»Sie hat geerntet, was sie gesät«, entgegnete Ose hart.
»Nein, das ist es nicht, Ose. Du kennst soviel vom Leben und bist doch so hart. Du solltest sie sehen, und du würdest Mitleid mit ihr haben.«
Die Alte schüttelte den Kopf. »Mitleid? Es gibt viel unverschuldetes Elend heute, das man bemitleiden muß. Diese aber, die sich für Geld verkaufte —«
Güldenfey erhob sich und nötigte Ose damit, auch aufzustehen. »Jörg hat mir einmal geschrieben: Wessen Liebe völlig sein soll, der darf nicht richten«, sagte sie leise. »Wenn sie sich verkaufte, so wurde sie auch gekauft. Und wir alle ... Ach, Ose, mir ist zuweilen so bang um uns! Wie oft Malte sich wohl verkauft und Harro und alle von uns, die ihre Geschäfte machen. Ich glaube, es ist viel Schuld da, nicht nur von alter Zeit — du weißt, Balzer Treß, der fliegende Holländer! —, sondern auch aus jüngster Zeit, von Großvätern, Vätern und uns. Und das schwärt nun in dieser bösen Zeit aus.«
»Ja, ja«, sagte Ose. »Wolle Gott uns gnädig sein!«
»Ach, Ose, das sagen sie jetzt alle und seufzen und ringen die Hände. Aber das allein tut's nicht.«
Die Alte öffnete die kleinen Augen weit und blickte Güldenfey lange an. Ihr schien, als sei das Kind gewachsen und sei eine ganz andre, als sie vor kurzem war. »Was soll man tun?« fragte sie. »Was willst du tun?«
»Ich?« antwortete Güldenfey. »Ich werde gehen und die Frau suchen. Ich weiß nicht, was sie von Malte wollte, aber wer so ausschaut wie sie, der ist in Not.«
Ose hatte Einwände. Man müsse vorher Malte fragen; man dürfe sich jener nicht aufdrängen; sie sei es vielleicht gar nicht wert. Güldenfey käme in unliebsame Berührung. Endlich machte sie geltend, daß man doch nicht Haus bei Haus absuchen könne. Und den Namen der Frau? Ja, sie habe ihn wohl gehört, aber sie könne sich nicht besinnen.
Güldenfey schüttelte zu allem den Kopf. Sie fürchtete nichts, sie sah nur auf ihren Weg. —
Wenig später stand sie drunten in Mellins Wohnung. Der Packmeister stellte schnell die Pfeife, die er sich vor Tisch vergönnte, aus der Hand. Aber als Güldenfey die entscheidende Frage an ihn richtete, blinzelte er unsicher und gab vor, von nichts zu wissen. Um Dinge, die die Herrschaft angingen, kümmere er sich grundsätzlich nicht. Telge zu fragen, war nicht nötig. Aber Engelke! Doch auch Engelke versagte. In ihre klösterliche Abgeschiedenheit war wohl auch kaum etwas von diesen Ereignissen des Treßhauses gedrungen.
Aber als Güldenfey beim Fortgehen unter dem Torbogen des Heiligen Geist stand und etwas bänglich auf die volkreiche Straße am Binnenhafen hinaussah, kam ihr plötzlich das Gedenken an jenen nebelerfüllten Abend, da sie mit Engelke die Versammlung der Gemeinschaftsbrüder besucht hatte. Hanna Wilkens!
Sie fragte in dem Geschäftshaus, in dem die Näherin arbeitete, nach ihr. Nein, die Wilkens war hier nicht mehr tätig, doch man wußte ihre Wohnung. In einer halben Stunde hatte sie sie gefunden und ihr Anliegen vorgebracht.
Ja, die Blasse wollte ihr helfen und wußte auch sofort Rat. Die Straßenbahnverwaltung! Und dort sagten sie Güldenfey Namen und Wohnung der entlassenen Schaffnerin, auf die die Beschreibung zutraf.
Einkaufen, vieles einkaufen! dachte Güldenfey. Aber sie verwarf den Gedanken gleich wieder. Gab das nicht zu Mißdeutungen Anlaß, wenn sie als Spenderin mit gefüllten Armen eintrat? Sie wollte zuerst Vertrauen gewinnen.
Als sie klopfenden Herzens die unsaubere Stiege des von häßlichen Küchendüften erfüllten Hauses emporstieg, lehnte sich eine Frau in unordentlichem Anzug über das Geländer und musterte sie in aufdringlicher Neugier.
»Nicht wahr, hier wohnt Frau Jobst?« fragte Güldenfey freundlich.
Die Musternde wurde zugänglich und gab mit lauter Geschwätzigkeit Bescheid. Die Jobsten! Ja, ja! Noch wohne sie hier. Ob sie zu Haus sei, wisse man nicht, sie habe seit gestern wieder eine Stelle. Aber der Jobst sei da und das Kind.
Güldenfey hielt dem Redestrom tapfer stand und blickte die Frau ruhig an. In ihr krampfte sich etwas zusammen. Wie roh die Gesichtszüge waren, wie rauh die Worte und wie wüst das armselige Haar! Das waren die Hausgenossen der Frau, die einst mit glänzendem Gespann durch die Straßen fuhr und im Treßhof ein und aus ging, die erste Dame der Stadt!
Sie dankte und tappte in den dunklen Gang, den jene ihr gewiesen. Es waren viele Türen hier. Auf gut Glück pochte sie an eine, hinter der ein lang anhaltendes hohles Husten hörbar war. Eine zerbrochene Stimme sagte etwas, dann näherten sich trippelnde Kinderfüße der Tür.
»Wohnt hier Frau Jobst?« wiederholte Güldenfey ihre Frage.
Das Kind führte den Finger zum Mund und sah den Besuch unschlüssig an. Aus der Tiefe des Raumes drangen wieder Laute der zerbrochenen Stimme.
»Darf ich wohl eintreten?« fragte Güldenfey und schob sich durch den Türspalt in die Stube.
Daß es Gott erbarm! Der Raum war kalt und wirkte darum in seiner Kahlheit noch frostiger. Zwei Stühle, ein Tisch, ein Bett, ein Gestell, das wohl zur Herrichtung eines zweiten Lagers diente. Kisten, in denen einiges Geschirr aufgestapelt war. Von einem Kochofen stieg ein seltsamer Brodem auf. Durch kahle Fenster sah der blaue Frühlingstag.
Auf dem Bett lag ein Mann mit wirrem blondem Kopf- und Barthaar. Seine dürre Hand hielt ein blau und weiß gestreiftes rauhes Hemd über der Brust zusammen. Auf dem Stuhl am Bett stand ein Trinkgefäß mit braunem Trank gefüllt.
»Ich suche Frau Jobst«, sagte Güldenfey, als sich ihr das wächserne Gesicht fragend zuwandte. Es kostete sie Mühe, mit ihrer Stimme die Lasten der Beklemmung zu heben, die dieser Anblick auf sie legte.
Der Mann machte eine bedauernde Gebärde. »Meine Frau ist auf Arbeit gegangen«, sagte die zerbrochene Stimme mühsam. »Sie wollen sie wohl zur Aufwartung. Das ist unmöglich. Sie ist fast den ganzen Tag über fort, und die Zeit, die ihr übrigbleibt —«
Eine Handbewegung deutete auf die kärgliche Umgebung und das Kind. Ein Hustenanfall riß wütend die ausgehöhlte Brust auf und nieder. Und dich, du Armer, begreift deine Gebärde nicht einmal mit ein, dachte Güldenfey. Sie wartete, bis er Ruhe fand, sie anzuhören. Etwas in ihr warnte sie, zu sagen, warum sie gekommen sei.
»Kann man denn nichts für Sie tun?« fragte sie.
Er gab weder durch Gebärde noch Miene Antwort. Sein Schweigen war durchaus abweisend: Laß mir meine Ruhe und frage nicht!
»Ich hätte Ihre Frau gern gesprochen«, begann sie zaghaft aufs neue. »Wann könnte das wohl sein, wann darf ich wiederkommen?«
»Heute nicht«, sagte der Kranke.
»Also morgen! Gut, ich komme morgen. Und um welche Zeit? Bemühen Sie sich nicht mit Reden. Nicken Sie nur, wenn es zutrifft. Mittags? Nein, schön! Nachmittags etwa gegen fünf Uhr? Auch nicht! Also des Abends?«
Jobst wandte plötzlich das Gesicht Güldenfey zu; aus seinen erlöschenden Augen traf sie ein forschender Blick. »Schreiben Sie Ihre Adresse auf«, sagte er. »Meine Frau wird sich schon bei Ihnen melden.«
O nein, sie würde nie kommen; in den Treßhof würde sie nimmermehr gehen!
»Es ist besser, ich komme morgen selbst wieder«, sagte Güldenfey hastig. »Ihre Frau ist am Abend müde und findet hier mancherlei zu tun. Ja, morgen abend komme ich und wünsche herzlich, daß es Ihnen bis dahin besser gehe.«
Ihre Augen grüßten; mit unbeschreiblich lieber Bewegung neigte sie sich zu dem Kind und streichelte es. Ach, was alles ihm fehlte! Dann ging sie.
Und dann kam ein Tag voll aufgeregten Wartens, voll guter Vorsätze und heimlicher Pläne. Was sich Güldenfey alles ausdachte, und wie ihr Herz einem gesegneten Brunnen im Frühling glich, der seine Wasser von einer Schale in die andre sprudeln läßt! Malte? Nein, sie ging nicht zu ihm, sie wollte ungehemmt alles allein tun. Auch Ose teilte sie sich nicht mit.
Aber dann kam die Enttäuschung.
Als sie am Abend vor dem Hause eintraf, das ihre Gedanken während des ganzen Tages umkreist hatten, stand da vor der Tür ein kleiner Wagen, mit einem müden Pferdchen bespannt, von dem Leute einen geringen Hausrat abluden. Kinder schleppten vor ihr her Besen und Eimer die Treppe empor und in den dunklen Flur hinein. Auf dem Treppenabsatz stand mit einer andern schwatzend die unordentlich gekleidete Frau, zottig wie gestern, obschon es spät am Tage war. Güldenfey grüßte und schickte sich an, den Gang zu betreten.
»Jobstens sind fort«, rief ihr die Frau zu.
Güldenfey blieb stehen. »Fort?« fragte sie staunend.
»Sie sehen ja. Es ziehen doch schon andre ein.« Die Auskunft wurde fast kränkend hingeworfen.
»Ja, aber ... Wo sind sie denn hingezogen?«
»Das kann ich nicht wissen.«
Es war augenfällig: sie waren vor ihr geflohen, sie wollten nichts mit ihr zu schaffen haben. Am Vormittag mußte es geschehen sein, und schon nahmen andre von dem traurigen Raum Besitz. Güldenfey sprach auf die Frau ein, aber die wiederholte in ihrer derben Art, daß sie nichts wisse. Also vergeblich! Güldenfey blickte in das unwohnliche Zimmer. Einige Burschen standen dort und ließen die Flasche kreisen.
Der Wirt konnte keine Auskunft über den Verbleib der Familie Jobst erteilen, auch die Polizei konnte es nicht. Güldenfey war enttäuscht. Was hatte sie geben wollen! Und man nahm es nicht an, man zeigte, daß man trotz alles Elends der Hilfe nicht bedürfe, die so spät kam.
Und dennoch sollte sie ihnen kommen! Güldenfey beschloß, so lange zu suchen, bis sie gefunden hätte. Hanna Wilkens mußte ihr helfen. Und sie ging und fragte unermüdlich und fand mehr als sie suchte.
Was für ein furchtbares Gesicht war es doch, in das Güldenfey blickte! War dies das Antlitz des deutschen Volkes? Wie Metalle in der Erde die Gewächse des Bodens in Form und Farbe anders gestalten, so hatte die Not verändernd auf das Gepräge der Menschen gewirkt. Die Starre war da, das Seelenlose.
Stieg Güldenfey, einer gewiesenen Spur folgend, die düstere Stiege eines Hinterhauses in der Sachsenvorstadt empor, dann grinste es sie teuflisch an.
Aus der Tiefe des Treppenschachtes drangen die rauhen Laute eines Zwiegesprächs bis zu ihr empor, während sie Atem schöpfend vor einer Tür stand.
»Kommst du morgen mit uns?«
»Nein. Am Sonntag muß ich die Papierhaufen durchzählen, die ich in der Woche verdient habe.«
Ach ja, sie trugen den Verdienst in Geldbündeln, mit denen sie die Taschen vollstopften, heim, warfen es für Nichtigkeiten wieder aus und lebten in den Tag hinein.
»Mach, daß du es los wirst«, riet die erste Stimme. »Wer weiß, was es am Montag noch gilt!«
Eine grelle Musik setzte ein. Im Untergeschoß befand sich eine Filmbühne; in dem Saal des Nachbargrundstücks wurde getanzt. Die Melodien der beiden Spielbanden schrien widereinander; dazwischen das jauchzende Aufkreischen einer Frauenstimme.
Güldenfey klopfte an. Schlurfende Schritte; dann wurde geöffnet.
»Können Sie mir wohl sagen, ob eine Frau Jobst hier im Hause wohnt? Der Mann ist krank, ein kleines Mädchen gehört zu ihnen.«
Wie oft hatte sie diese Frage getan!
Der bärtige Mann schob den Kopf vor, um die Fragende zu mustern. »Kenne ich nicht!«
Güldenfey gab genauere Angaben: der Mann sei Monteur, das Kind trage einen blonden Zopf.
Der Mann schüttelte den Kopf. »Machen Sie um diese Zeit noch Nachfragen, Fräulein? Lassen Sie das lieber! Wenn Sie auch von der Fürsorge sind, es könnte Ihnen was passieren.«
Güldenfey dankte und ging. Die Tür wurde geschlossen. Im Hinabsteigen blieb sie an dem Treppenfenster stehen und blickte in den schmutzigen Hof hinab. Tanzmusik und Bühnenmusik schrillten noch immer widereinander. Die Hinterwand des Hauses stand buntscheckig wie ein Bühnenstück unter dem erlöschenden Abendhimmel: der Verputz war in großen Stücken abgebröckelt, und keine Hand hatte sich gerührt, die großen Wunden der Wände zu verstreichen.
Und was zerbröckelte erst hinter den Türen dieser vielen Wohnungen, in die jetzt Güldenfey so oft schaute! Ja, wäre es nur der Hausrat allein gewesen! Doch die seelischen Werte, die verloren gingen, zu zählen, fand sich keiner. Die Starre, das Seelenlose nahm überhand, das Leben wurde mechanisiert.
War das der Giftodem des Tieres, das aus dem Meer stieg? Die große Lüge, von der die Schreier selbst glaubten, daß es die Sorge um das Wohl eines entrechteten Standes sein sollte, war nichts als Gottesfeindschaft und Streit wider den belebenden Geist?
Traurig kam Güldenfey an jedem Abend heim, wenn sie wieder nicht gefunden hatte, was sie suchte. O, sie wußte wohl, daß sie trauriger wurde durch das, was sie fand.
Einmal traf sie Oberst Helf auf der Straße. Er trug eine Blechkanne und war ausgegangen, um für seine kranke Frau etwas Milch zu kaufen. Er war von einem Laden in den andern gewandert und hatte nichts erhalten. Da, wo Milch vorrätig gewesen, hatte man unerschwingliche Preise gefordert.
»O kommen Sie mit mir, wir wollen sehen«, sagte sie, fühlte in ihrer Tasche, ob die Geldmappe darinnenstak, und erwog, ob Ose wohl Milch übrig hätte, wenn sie nicht fänden.
Sie suchten, und nach einer Stunde hatten sie ein wenig Milch eingehandelt und sie sogar bezahlen können. Der Oberst war glücklich und trug seine Kanne so stolz, als sei sie eine erbeutete Standarte.
»Nun darf ich mit Ihnen gehen und Ihrer Kranken einen guten Tag wünschen«, bat Güldenfey. Im stillen hoffte sie, daß sie Gelegenheit finde, ihm zu helfen.
Der freundliche alte Herr lehnte das Anerbieten nicht ab, aber die Blechkanne, die sie ihm abnehmen wollte, gab er nicht her. »Welche liebenswürdige Miene hat dieser Tag dadurch gewonnen, daß ich Sie traf!« sagte er. »Es fing heute morgen so verheißunglos an.« Und er erzählte, daß er unlängst ein Möbelstück verkauft habe, was man ja von Zeit zu Zeit tun müsse, um das Dasein zu fristen. Aber da sei das Steueramt gekommen und habe seinen Anteil an dem geringen Erlös gefordert. Heute morgen sei er dort gewesen, um vorzustellen, daß er das Geld nötig zu einer Anschaffung brauche; es war vergebens gewesen, man hatte ihm den Anteil entrissen.
Er blieb an einer Straßenecke stehen. »Lassen Sie mich hier Ihnen danken und Lebewohl sagen«, fuhr er fort. »Ich darf Sie doch nicht bitten, uns um diese Zeit zu besuchen. Meine Frau würde es vielleicht peinlich empfinden, weil noch nicht fertig aufgeräumt ist. Solange sie krank ist, muß ich für Ordnung sorgen, und da ich früh fortgegangen bin ...«
Güldenfey dachte: Welche Not spricht er mit diesen paar Worten aus! Ihr Herz lag ihr schwer wie Bergeslast in der Brust. »Wann werden diese Zeiten enden?« fragte sie.
Der alte Herr lächelte: »Weltnebelspanne, wissen Sie, was das ist? Das ist die Epoche des Drucks und der Pressung, in der sich im Weltenraum ein neuer Himmelskörper bildet. So vollzieht sich wohl jetzt eine Neubildung der Menschheit. Was tut es, daß wir wenigen den Wechsel mit unserm Herzblut bezahlen? Wir müssen glücklich sein, wenn wir ein bißchen Freude am Wege finden, wie ich sie heute durch Sie finden durfte.« Er verneigte sich ritterlich vor ihr, wie ein Junger vor der Dame seines Herzens: »Tragen Sie Ihr köstlich Gut weiter, Fräulein Treß. Bringen Sie auch andern noch ein bißchen Freude.«
Ein Kraftwagen fuhr schnell durch die Straße, hart am Fußgängersteig entlang. Die Pfeife schrillte brutal die Menschen an: Platz, Platz für mich! Der Wagen stieß an den Oberst, der ihn nicht sah; um ein weniges hätte er den alten Herrn umgeworfen.
Der Mann am Steuer warf das Gefährt herum und brachte es zum Stehen. »Zum Donnerwetter! Können Sie nicht aufpassen?«
Alle Männer im Wagen, die die Ledermütze in den Nacken geschoben und ihre Pelzmäntel geöffnet trugen, schalten auf den Mann, der ihre Fahrt verzögerte. Dann fuhren sie weiter.
Der Oberst sah ihnen still nach. Womit wucherten jene, die sich so breitmachten und die Straße für sich allein begehrten, mit Zucker oder mit Fetten? Oder verschoben sie Vieh? Es lohnte nicht, zu fragen, auf welche Art die Leute in dieser Notzeit reich wurden. — Geschmeiß!
»Wir werden kein Volk mehr sein, wenn es so fortgeht, nur eine Masse«, sagte der alte Herr. »Aber trotzdem« — und nun verklärte das freundliche Lächeln wieder sein im Schreck erbleichtes Gesicht —, »trotzdem tragen Sie ein wenig Freude weiter aus, mein liebes Fräulein!«
Ja, das wollte Güldenfey, und sie suchte weiter und ließ ihren Mut nicht verkümmern, als Woche um Woche verging, ohne daß sie Frau Jobst gefunden hatte. Sie würde sie schon entdecken, und es lag ja so viel am Wege, was auch des Findens wert war. Nur ein bißchen Freude! wiederholte sie täglich, wenn sie am Morgen ausging.
Es wurde ihr schwer, die Stadt auf einige Wochen im Sommer zu verlassen und nach Heilisoe überzusiedeln. Aber Harro hatte sie gebeten, Marfa zu begleiten. Er reiste in einer politischen Sendung nach Norden, und Marfa war stiller als je. Es war undenkbar, daß man sie allein auf der Insel gelassen hätte, das sah Güldenfey ein.
Doch Heilisoe bot ihr nicht die Ruhe wie einst. Nein, gewiß nicht, sie schaute nicht nach den gewaltigen Türmen aus, die an sonnenhellen Tagen im Süden aus dem Dunst der Ferne auftauchten; sie bemühte sich, nicht an ihre Armen dort zu denken, und war um Marfa eifrig bemüht. Doch alles, was sie einst so erfreut und was ihr Jörg gedeutet hatte, weckte in ihr die Sehnsucht nach dem Bruder, der seit drei Jahren nicht heimgekommen war.
Was hatte er an dieser Stelle gesagt, wo sich die blauen Glockenblumen über den Rand der narbigen Dünenwand neigten und die silbergrünen Ölweidenbüsche sich fest an den Abhang klemmten? Und hatte er nicht die Insel mit einer Brücke, aus der Zeit in die Ewigkeit führend, verglichen, als sie am Abend droben auf den Königsgräbern standen und das unruhige Zucken des Blinkfeuers über das Land huschte? Und die Käuzchen schrien um die Dämmerungzeit wie damals, und der Wind griff wieder mit lichtfrohen Händen in das Gewölk und zerrte den grauen Flaus, den er zerrissen, auseinander.
Ja, es war alles wie einst, aber es fehlte Güldenfey der Mund, der diese Sprache gedeutet hätte. Es wäre so gut gewesen, wenn sie das, was sie empfand, hätte ausdrücken können, schon um Marfas willen, die so schweigsam wurde.
Marfa liebte nicht den nördlichen Strand, wo sich die hohen zerrissenen Dünenwände gegen die brausende Flut stemmten, von wo aus man in die ungemessene Ferne blickte, aus der vor vielen Jahrhunderten auf hochgeschnäbelten Schiffen die Väter gekommen waren. Marfa suchte viel lieber das südlich gelegene Flachland auf, um das der Gesang des Meeres gedämpfter klang.
Da war die Heide, deren Färbung, blaßviolett wie in der Sonne verblichener Samt, dem Lande ein kränkliches und doch ehrwürdiges Aussehen verlieh. Wo die Narbe des dürren Pflanzenwuchses fehlte, schimmerte grell der weiße Sand, von harten silbernen Gräsern gesäumt. Oder es blinkten wie verschlossene Augen tintenschwarze Wassertümpel aus dem Binsenkranz. Ganz vereinzelt drückten sich in Sandmulden zwerghafte verbogene Föhrenbüsche oder winzige Weiden, die wie silberne Myrten erschienen, und denen der immer hastige Wind kein Wachstum gestattet, sondern nur ein bescheidenes Vegetieren.
Hier fühlte Marfa sich wohl, hier konnte sie tatenlos liegen und in die Ferne schauen. Iphigenie! dachte Güldenfey.
Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,
Das Land der Griechen mit der Seele suchend.
War das immer noch ungestillte Sehnsucht nach dem Manne, den sie in dieser Fremde gewonnen hatte und doch nicht besaß? Güldenfey erschien es zuweilen, als sei dies Verlangen nach Harro nur der Name für Tieferes, Unausgesprochenes, was die Seele dieser Frau in sich barg.
Es war gut, daß Hanna Wilkens da war. Ja, das hatte sich Güldenfey ausbedungen: dieses kleine verblichene Nähmädchen sollte zu seiner Erholung einige Wochen in Sonnenschein und Seewind gebadet werden. Malte hatte Bedenken geäußert, aber Frauke hatte in ihrer Art die Schultern gehoben und gesagt: »Warum nicht?« Damit war es entschieden gewesen.
Hanna Wilkens blühte auf, daß es eine Freude war. Sie wollte durchaus etwas arbeiten, doch das litt Güldenfey nicht; sie sollte stilliegen und höchstens Güldenfey Rat erteilen, was man tun könne, um den Armen in der Stadt zu helfen.
»Die Armen!« sagte sie. »Ach, die wohnen nicht allein in den Häusern der Sachsenvorstadt, die Sie aufsuchen, Fräulein Treß. Aber die alten Stiftsdamen in den Klöstern und die Weiblein und Männlein in ihren verräucherten Stuben leiden bittere Not. Sie leiden vor allem darunter, daß niemand sich um sie kümmert.«
Güldenfey hob beide Hände: »Ich wollte ihnen allen helfen, aber ...«
»Sie, Fräulein Treß?« sagte Hanna und sah Güldenfey gläubig an. »Sie dürfen nur lächelnd und mit einer Blume zu ihnen ins Zimmer treten, und alles ist gut.«
Ein wenig Freude! dachte Güldenfey. Und sie dachte an den Garten hinter der Mauer. Hatte sie nicht schon früher die Blumen in ihm für arme sonnenlose Zimmer gepflückt? Sie konnte es kaum erwarten, bis die Stunde schlug, in der Telge mit dem Boot kam, um sie abzuholen.
Sie nannten ihn den vergessenen Garten, weil er, von wenigen gekannt, in einem abseitigen Winkel der alten Stadt lag. Gegen das Meer zu deckte ihn der Rest der wehrhaften Stadtmauer, und der Chor der alten Klosterkirche St. Johannes Evangelist sah von der andern Seite aus altersdunklen hohen Fenstern auf ihn herab. Dann war noch eine Hauswand da, aber von Süden her hatte die Sonne ungehindert Zugang zu ihm.
Wer ihn aufsuchen wollte, mußte die Winkelgänge des alten Klostergebäudes kennen und sich in dem Gewirr der Stiegen und Häuschen zurechtfinden, die willkürlich und nach jeweiligem Bedarf hier errichtet waren. Der Großvater Treß hatte ihn von der Stadt übernommen; keiner hatte sich um ihn gesorgt, bis Güldenfey ihn entdeckt und als Ziergarten mit Mellins Hilfe hergerichtet hatte.
Mellin, der etwas von der Gärtnerei verstand, wirkte hier unermüdlich. Zwar war er in den mageren Jahren wiederholt an Güldenfey mit dem Vorschlag herangetreten, man müsse Gemüse bauen. Doch dann hatte sie ihn nur angeblickt.
»O, Mellin, meine Blumen, meine Freude!«
Im Frühling, wenn die Sonne die Höhe ihrer Bahn noch nicht beschritten, war das Blühen in dem vergessenen Garten spärlich. Aber welche Zier begrüßte Güldenfey, als sie von Heilisoe zurückkehrte! Das wilde, inbrünstige Blühen des Sommers war zu ihrem Empfang bereit: Löwenmäuler schwefelgelb, purpurn und elfenweiß; Strohblumen von tiefem Blutrot; Rudbeckien, Astern und Georginen schufen ganze Wolken von Bunt um den violenfarbenen Phlox; Stiefmütterchen, späte Rosen und besondere Veilchen blühten, und die zarten Lackfarben der Gladiolen schimmerten wie fließendes Wachs.
In der tauigen Frühe des Sonntagmorgens war Güldenfey schon dort. Sie hatte sich Hanna Wilkens und eine ihrer Schwestern bestellt, die die Sträuße binden sollten, die man später austragen wollte. Sie selbst schritt wählerisch unter ihrem Reichtum umher und schnitt Verbenen, Zinnien und Studentenblumen, dunkelblauen Eisenhut und Honiggold. Und jede Blume, die sie schnitt, empfing einen Wunsch, den sie weitertragen sollte.
»Hanna, hier müßten Sie noch eine brennend rote Salvie dazutun, damit es leuchtender wirkt. Und dieser Levkoienstrauß sollte noch ein paar Kosmeen oder Geißblumen tragen.«
Kresse, Astilben und die Wicken am Zaun, deren bunte Blüten wie Schmetterlinge in der Luft schwebten, gaben unerschöpfliche Reichtümer her.
Dann gingen die Mädchen, und Güldenfey blieb allein, während das Geläut der Glocken wie Bienensummen über die Stadt zog. Nur die Klänge von St. Johannes sanken hallend auf die Blumen des vergessenen Gartens und überließen sich hier erst dem Wind, der von der See kam.
Der vergessene Garten! Güldenfey setzte sich auf die Bank und sann. Dort oben hinter den Fenstern der Häuschen und der Klosterräume wohnten die alten Männer, deren Leben lautlos verrann. Einige von ihnen erhoben sich noch am Morgen von ihrem schlaflosen Lager, rückten den binsengeflochtenen Stuhl zurecht und strickten Strümpfe und Netze. Andre aber zogen die Ärmelweste an und saßen, ihre Arme auf die Knie gestützt, den Tag über auf dem Bettrand, und während sie das bärtige Gesicht in den Falten ihrer schwieligen Hände verbargen, warteten sie auf den Tod. Zuweilen erhoben sie sich und schauten mit unbewegten Mienen in den blühenden Garten hinunter, der ihnen seine Düfte und Farben entgegenhob. Was an Gedanken mochte durch diese altersweißen Köpfe gehen? Oder ob sie mehr nicht dachten als das eine, daß der Tod sie vergessen habe, wie das Leben diesen blühenden Gartenfleck?
Und ergraute Damen waren dort drüben mit Löckchen vor den Ohren, dünnen Ringen, die verschlissene Türkisen faßten, auf den welken Fingern und mit erloschenen Augen. Das Alter hatte ihren Gestalten die Zierlichkeit jugendlicher Jahre wiedergegeben, aber die Not der Zeit hatte ihre schwarzen Abendmahlsgewänder fadenscheinig und grau gemacht. Und auch sie saßen, wenn der Wind vom Meer nicht durch die morschen Rahmen blies, auf ihrem Fensterplatz, und an warmen Sommerabenden öffneten sie einen Flügel und lehnten sich ein wenig hinaus, um in ihr welkendes Dasein etwas von dem Nelkenduft ihrer blumigen Mädchenzeit fließen zu lassen. Aber sie waren wie die rostigen Schlüssel der weihnachtlichen Bescherungstuben, die man von außen verschließt: sie sehen, wenn sie in das Schlüsselloch gesteckt werden, alle Herrlichkeiten dort innen und kommen doch selbst nicht hinein. Wenn die Sonne sank, schlossen sie das Fenster wieder, wanden die Gewichte ihrer Uhren auf und lauschten auf die blechernen Schläge bis Mitternacht. Und vielleicht kam dann zögernd der Schlaf und schenkte ihnen einen Traum.
Es ist alles nur ein Warten, dachte Güldenfey, bei diesen und jenen, bei Marfa und den hungernden Menschen. Auch bei mir? Nur ein Warten?
Güldenfey horchte auf. Kamen da nicht Schritte, und hatte die Pforte nicht geknarrt? Als sie den Kopf wandte, erkannte sie Thomasius, der hell und grüßend auf sie zukam.
»Störe ich auch nicht Ihre Sonntagsfeier?« fragte er.
»Aber Sie?« fragte Güldenfey. »Es ist doch die Zeit des Gottesdienstes!«
Er erklärte, daß er heute frei sei und die Alten besucht habe, denen der Gang zur Kirche beschwerlich war.
»O das ist schön!« rief sie. »Gerade habe ich an die Altersschwachen gedacht und was ihnen das kümmerliche Lebensrestchen noch bedeutet. Wir haben für sie die Blumen dieses vergessenen Gartens gebunden.« Sie deutete auf die Sträuße, die im beschatteten Gras lagen.
Thomasius sah nicht die Blumen, er blickte Güldenfey an, und in seinem bewundernden Blick war etwas, das sie verwirrte. Was er nicht aussprach, das sagten seine Augen: Du selbst bist der vergessene Garten, aus dem vielen eine reiche Labe fließt. »Ich besitze etwas, das ich Ihnen bringen wollte«, sagte er. »Nun sah ich Sie hier vom Fenster aus und dachte, es Ihnen gleich zu geben. Es ist mir eine Genugtuung, der Freudespenderin einmal auch Freude machen zu können.« Er entfaltete ein Zeitungsblatt und reichte es ihr. »Von Jörg Treß wird über sein letztes Konzert berichtet. Lesen Sie, wie warm und anerkennend!«
Er beobachtete heimlich ihr Gesicht, während sie las. Die rote Welle der Freude stieg in ihre Wangen und höher, bis an die Wurzeln ihres lichten Haares. Es war, als teile sich ihm ihre Empfindung mit und ziehe seine Seele an die ihre. Du Feine, du Güldene! dachte der Mann.
Als sie am Ende war und tief atmend aufblickte, nahm er das Blatt und wandte es um. »Noch etwas«, sagte er.
Ein Artikel: Vom ungelebten Leben! Und Jörg Treß zeichnete als Verfasser.
Ja, sie wußte darum, wie Jörg seine Kunst ausübte; aber hier sprach er es klar und schön aus und stellte es allen als sein hohes Ziel vor: Keine Folge blendender Musikvorträge in den Konzerten, bei deren Anhören sich einige etwas, die meisten nichts dachten, sondern die Perlen großer Meister ausgereiht auf das vermittelnde und bindende Wort des Vortragenden in gewählter Form. Erst wenn die Kunst wieder gottesdienstliche Handlung wird, erst dann werden wir ihr Wesen erleben.
»Wie wahr ist alles, was er sagt!« rief Güldenfey. »Er hat große Gedanken und ein reines Herz. O, ich liebe ihn!«
Sie sagt es inbrünstig wie eine Braut, dachte Thomasius, und eine kleine eifersüchtige Regung schwoll in ihm auf. »Sagen Sie das nicht«, bemerkte er lächelnd.
Sie blickte ihn verwundert an.
»Es könnte eines Tages jemand des Weges kommen,« fuhr er ohne scherzenden Beiklang fort, »der stillsteht, wenn er Sie sieht, und anklopft. Ich glaube, er wäre traurig, wenn er die Tür verschlossen fände, in die er einzutreten wünscht.«
Güldenfey sah in ihren Schoß. An ihrem Kleid haftete noch ein Stiefmütterchen; sie nahm es und drehte den Stengel zwischen ihren schlanken Fingern. Dann schaute sie auf und erkannte, daß seine Worte bedeutsam waren. »Wer glaubt, hier anpochen zu müssen,« sagte sie ruhig, »wird wissen, daß er alle, die schon darinnen sind, nicht ausweisen darf.«
»Nicht ausweisen!« entgegnete er zögernd. »Aber —«
Sie wiegte langsam den Kopf. »Es hieße an dem Reichtum der Liebe zweifeln.«
»Sie haben völlig recht!« sagte er überzeugt. »Wollen Sie mir das Stiefmütterchen wohl schenken?«
Güldenfey reichte ihm die Blume und erhob sich. Sie ging den Gartensteig entlang und bückte sich nach den Sträußchen. Dann kam sie wieder zurück. Seine Blicke umfingen zärtlich diese schlanke, lichte Mädchengestalt, die voll reifen Frauentums war.
»Ich muß jetzt gehen«, sagte sie, und er erhob sich, um sie zu begleiten.