Das Tier

»Nein!« sagte Güldenfey. »Nein, Klaus.«

Klaus zupfte an seinen Handschuhen und sah verlegen zu Boden. »Warum nein? Weißt du denn, was ich will?«

»Ich weiß es. Bitte, sprich nicht mehr.«

Sie saßen in Güldenfeys Zimmer, das voll warmen herbstlichen Sonnenscheins war. Des Mädchens Augen wanderten über die glänzend gebohnerten Möbel aus hellen Hölzern, die schon in der Mutter Mädchenstube gestanden. Was sagten diese lieben Biedermeierdinge zu dem, was hier gesprochen wurde, diese Säulenuhr unter dem Glassturz, deren Pendel emsig die Sekunden zählte, der Rundtisch mit dem vierfachen Fuß, dieser kleine Spiegelschrank, der die Sammlung alter Seltsamkeiten barg, und das mit Fadeneinlagen gezierte Sofa? Alles, alles hatte für sie Laut und Stimme, wenn sie allein hier war. Warum schwieg denn jeder Gegenstand heute?

Als Güldenfey noch hängende Zöpfe trug, hatte sie sich zuweilen die bunte Stunde ausgemalt, die ihr den ersten Antrag brachte. Jetzt war sie da. Was sollte sie sagen? Keiner half, und sie wollte doch nicht weh tun.

»Nun denn: ja, ich kam, dich um deine Hand zu bitten, Güldenfey. Warum soll es nicht gesagt werden?«

»Ich hätt' es dir gern erspart«, entgegnete sie. Ihre Hände strichen zart über die Lehnen ihres Stuhls.

»Was? Die Abfuhr? Nun, man hat ja schon allerlei erlebt«, fuhr er fort. »Aber vielleicht hast du die Güte, deine Ablehnung zu begründen. Ich habe fast fünfzehn Jahre vor dir voraus, denkst du. Das ist richtig. Ich glaube kaum, daß mir die Rolle des jugendlichen Liebhabers sehr liegt.« Er schwieg und machte eine bedauernde Gebärde. Sein vollwangiges Gesicht war noch tiefer gerötet als gewöhnlich.

Güldenfey wehrte ab. Nein, das war es nicht. Er durfte sie nicht erst daran mahnen, daß sein Haar an den Schläfen ergraute und das Wohlleben seinem Körper die Beweglichkeit vorzeitig genommen hatte. Sie wollte im Mann das Väterlich-Behütende finden, nicht das Stürmisch-Begehrende. Wie hatte Jörg jüngst an sie geschrieben? »Wenn man einen Menschen liebt, findet man nur Liebenswertes an ihm.« Sie mußte plötzlich an die Worte denken, die Jörg auf Heilisoe gesprochen. Sie stellte ihn sich vor, wie er mit aufzehrendem Eifer arbeitete. Und der dort ...?

»Gründe, sagst du?« sagte sie leise. »Es ist nur einer, Klaus. Willst du wirklich, daß ich ihn nenne?«

»Ich bitte, Güldenfey.«

»Ich kenne nur zwei Arten des Menschen«, fuhr sie fort. »Die einen wollen, daß das Leben ihnen diene; die andern dienen dem Leben, nicht nur mit Hingabe, sondern auch mit Opfern.«

Er sah sie betroffen an. »Und du?«

»Ich gehöre zu den letzten.«

»Aber das ist ja jugendlicher Überschwang!« fuhr er erregt auf. »Das verliert sich mit den Jahren.«

»Nein, das ist Wesen«, sagte sie fest. »Meine liebe Mutter ... Doch warum davon reden! Es sollen Menschen, die im Innersten so verschieden geartet sind, nicht an gleichem Strang ziehen.«

In diesen Worten lag etwas, das wie eine Schranke Halt gebot. Sollte er jetzt noch versuchen, Malte zu Überredungskünsten anzueifern? Es wäre doch vergeblich gewesen. An Klaus' Augen zog das Bild einer wohlhabenden, dunkelhaarigen Witwe vorüber, deren Blicke schon lange lockten. Etwas ganz andres als dieses süße lichte Blond. Und dennoch ...

Er stand auf. Der Rückzug ist für den Soldaten in jedem Falle peinlich, der Rückzug vor einem Mädchen ist doppelt unangenehm. Er bewahrte Haltung, doch die gekränkte Miene war nicht zu verleugnen.

»Vergib mir, Klaus!«

Er beugte sich über ihre Hand, und in diesem Augenblick ward ihm klar, was sie meinte. Ja, es war besser so. —

Güldenfey ging mit ausgebreiteten Armen durch das Zimmer, als sie allein war. Wie glänzten die Dinge um sie her! Sie tauchte ihr Gesicht in den bunten Herbstlaubstrauß auf der Kommode und ging wieder von einem zum andern.

Du hast recht getan! wiederholte fortwährend die kleine Säulenuhr. Wir bleiben bei dir, und ich zeige dir neue, versteckte Heimlichkeiten, sagte der Schrank mit dem verborgenen Fächerwerk; und der Spiegel schien ihr freundlich zuzunicken. Da lachte sie fast übermütig und strich die Delle auf dem Sofa, die Klaus hinterlassen hatte, glatt.

Sie hätte gern einem Menschen erzählt, daß sie frei bleiben dürfe, aber Harro hatte Marfa abgeholt und war zu ihrer Aufmunterung mit ihr in den Harz gefahren. Und Frauke? Nein, was hätte Frauke davon verstanden! So ging Güldenfey zu Engelke.

Die Alte war krank gewesen, befand sich jetzt aber in der Besserung. Ihre Schwester, die Schusterswitwe Friedchen Waterström, die auf dem Räucherboden von St. Johannes eine Altersstube bewohnte, war bei ihr.

»Was hat dir nur gefehlt?« fragte Güldenfey erschrocken.

Das mundfertige Friedchen, das man nie ohne ihre mit Siegellack geflickte Brille sah, nahm sofort das Wort. »Was wird's gewesen sein, gnä' Fräulein! Rheuma. Als Singen und Beten nicht halfen, haben wir ein Pechpflaster aufgelegt, das hat gezogen. Pechpflaster ist das Beste! sagte mein seliger Waterström.«

»Aber Sie hätten mich rufen sollen«, sagte Güldenfey.

»Ach, gnä' Fräulein,« rief das Friedchen, »hier im Heiligen Geist wohnt sie ja so gut, da ist ja das Kranksein schon eine Lust. Wenn ich dagegen an den Räucherboden denke! An den Geruch gewöhnt man sich und auch an die schwarze Rußfarbe, aber die Enge —«

Es war nicht leicht, wenn die Waterström diesen Vergleich zog, durch ihren Wortschwall bis zu Engelke vorzudringen, die matt und ein wenig lächelnd im Ohrenlehnstuhl saß. Sie war noch geduldiger und freundlicher als vorher und wartete, bis die Schwester gegangen war.

»Ich wollte nicht, daß sie dich beunruhigte«, sagte sie. »Ich nahm die Schmerzen als Gottes Strafe für meinen Undank. Ich hab' es doch wirklich hier so gut und murre, weil ich nicht den Treßhof vergessen kann.«

»Du hast dich noch nicht eingelebt, Engelke?«

»Nie, nie!« sagte sie und wischte hastig ein paar Tränen fort.

Güldenfey hatte viel zu streicheln und zu trösten. »Ich möchte dir etwas ganz Besonderes schenken, Engelke. Hast du einen Wunsch?«

»N—ein.«

Aber auf längeres Zureden gestand sie, wie leid es ihr sei, daß die dumme Krankheit sie verhindert habe, in den herbstlichen Wald zu kommen. Ein Ausgang in den mailichen Wald, einer, wenn die Blätter fielen, das waren seit ihrer Jugend die freien Tage des Jahres, die die alte Magd für sich begehrt hatte.

»Es ist aber nicht zu spät«, sagte Güldenfey. »Das Laub färbt sich erst. Ich hole dich im Wagen ab. Sage nur, wann.«

Wie fein war der Tag, da die beiden ausfuhren! Sämtliche Bewohnerinnen des Heiligen Geist bildeten Spalier, als Engelke von Güldenfey zum Wagen geführt wurde, der vor dem Portal wartete. Güldenfey nickte strahlend nach rechts und links, und die welken, zahnlosen Mäulchen dankten ein wenig säuerlich. Engelke war verschämt.

Allerseelen war vorüber. Wo der Schatten den Weg deckte, knisterte um den Mittag noch die silberne Reifspur der Nacht, aber die Sonnengarbe stand leuchtend über leeren Feldern und smaragdgrüner Wintersaat.

»Sieh, Engelke, wie braun noch das Laub ist!«

Die Alte nickte stumm über gefalteten Händen. Ach Gott, daß ihr das noch wurde! Im Wagen durch diese Pracht. Sie hätte immerfort danke, danke sagen mögen, aber das litt Güldenfey nicht. Dann ein Kaffeestündchen in der Waldschenke, ein kurzer Spaziergang unter dunklen Tannen, und schon verschwelte die Sonnenglut des kurzen Tages.

»Ist es schon zu Ende?« fragte Engelke.

»Denk' an dein Rheuma.«

»Ach, nun kann ich wieder viel ertragen«, seufzte die Alte.

Güldenfey ließ den Wagen einen Weg einschlagen, den sie liebte und der durch jungen Wuchs führte. Der westliche Himmel war gänzlich mit Purpurflöckchen bestreut, der östliche aber, an dem die nahezu volle, grünlich-blasse Mondscheibe hing, war glatt und funkelnd wie polierter Stahl. In dieser kurzen Frist, da Tag und Nacht zu seltsamem Zwielicht ineinanderflossen, erschien der junge Trieb wie ein Märchen. Die wenigen starken Eichen trugen ihr rostiges, gekräuseltes Laub wie eine dunkle Wolke. Das Braun der Buchenheister hob sich fein von dem ernsten Grün der Jungtannen und Wacholder ab, und die Lärchen streuten ihre gelblichen Nadeln über bemooste Baumstümpfe am Wegrand.

Güldenfey ließ den Wagen halten. Engelke murmelte aus ihren Tüchern:

»Wie ist die Welt so stille

Und in der Dämmrung Hülle

So traulich und so hold

Als eine stille Kammer,

Wo ihr des Tages Jammer

Verschlafen und vergessen sollt.«

»Verschlafen? Ja; aber vergessen? Ach, Engelke!«

Mitten in der Schönheit der flammenden Wälder fiel auf Güldenfeys liebendes Herz die schwere Not der Zeit, die alle Häuser des Landes bewohnte. Gab es denn nicht einen Ort, dahin man vor ihr fliehen konnte?

Die Schönheit der Natur bot auch keine Zuflucht. Wie sollen die Menschen, die beständig gegen das große Gesetz der Liebe fehlen, in ihr Frieden finden, deren Wesen auf strengste Gesetzmäßigkeit gegründet ist!

Die Pferde trabten der Stadt entgegen, der Wald versank im bläulichen Atem der Nacht.

»Engelke, du bist fromm«, sagte Güldenfey. »Weißt du, was der Grund unsrer herzbeklemmenden Not ist?«

»Das wißt ihr wohl besser als ich einfältige Magd, die Gott auf ihre Weise dient«, wehrte die Alte ab.

»Ich habe viele gefragt; doch weiß es keiner«, sagte Güldenfey.

Engelke schwieg eine Weile, dann begann sie: »Ich find' es auch nicht. Aber wenn du es fertigbrächtest, einmal unsre Versammlung zu besuchen ...! In einigen Wochen kommt ein erleuchteter Mann zum Vortrag.«

»Ich komme, Engelke.«

»Ach, Fräulein Fink wird es dir noch ausreden. Sie hält mehr vom Spuk- und Teufelskram als vom Glauben.«

Als Güldenfey der Alten am Tor des Heiligen Geist vom Wagen half, sagte sie: »Nun vergiß nicht diesen schönen Tag. Ich komme bald, um die Ankunft eures Redners zu erfragen. Dann begleite ich dich.«


An dem Abend im späten November lag schwer und feucht der Seenebel über der Stadt. Das Leckwasser tropfte träge in den Gossen, die Straßenlaternen bildeten gelbe Lichtflecke in dem trüben Dunst. Güldenfey tat einen alten Mantel um, setzte ein verschrobenes Hütchen auf und ging zu Ose hinauf.

»Jetzt geh' ich, Ose, und du leistest also Frau Doktor Gesellschaft. Aber, bitte, erzähle ihr keine gruseligen Geschichten.«

Ose stand schon bereit. »Frau Doktor will immer solche Geschichten hören«, sagte sie.

»Aber nicht wieder von Mariakron, wo sie im Klostergrund die Kinderskelette fanden«, bat Güldenfey.

»Gut, gut!« sagte Ose. »Du gehst also wirklich?«

»Natürlich, Ose.«

Die Alte schüttelte den Kopf. »Diese Winkelfrommen! Nimm doch einen Schleier, daß dich nicht jeder erkennt.«

Aber Güldenfey winkte ihr nur zu, öffnete eine Tür, um Marfa noch einen Gruß zuzurufen, und ging.

Das Pflaster der Straßen war feucht und von einer dünnen Schicht klebrigen Schmutzes bedeckt. Einzelne Menschen liefen hastig durch das Dunkel der kaum erhellten Häuserzeilen, als strebten sie, so bald als möglich unter Dach zu kommen. Der Nebel dämpfte jeden Laut. Die Sirene, die im Hafen zuweilen aufschrie wie ein hungerndes Wüstentier, schien ihren Ruf aus entlegenen Weiten zu senden. Die Glockenschläge der Kirchen klangen gedämpft.

Zuweilen wurde die Tür eines Hauses geöffnet, die Steinstufen herab huschte eine Gestalt, die über die Straße lief, um jenseits im Schatten einer Beiwacht, eines Hauswinkels wieder zu verschwinden. Es lag etwas Gespenstisches in diesem lautlosen Eilen schweigsamer Menschen, deren Geschlecht, Alter und Art unkenntlich war, und Güldenfey mußte an Oses Erzählung von den Schatten vergangener Geschlechter denken, die durch die lichtlosen Straßen der Stadt irren, weil sie die Tür von St. Niklas zur Mitternachtmesse nicht geöffnet finden.

Vom Binnenhafen drang der Geruch im Wasser faulenden Unrats. Die Fenster der Schenken, hinter denen das Lärmen der Zecher und die Klänge einer Harmonika durcheinanderbrausten, waren vom Niederschlag menschlicher Dünste getrübt. Eine heisere Stimme rief hinter Güldenfey drein.

Endlich hatte sie den Heiligen Geist erreicht. Engelke stand schon bereit.

»Mein altes Herz hat in Angst um dich geschlagen. Dieses Wetter! Ich hätte dir den Gang doch nicht vorschlagen sollen.«

Güldenfey beruhigte sie, und sie gingen, gingen durch Winkel und Gäßchen, von deren Vorhandensein Güldenfey nichts wußte.

»Wo sind wir eigentlich, Engelke?«

Die Alte murmelte etwas, was Güldenfey nicht verstand. Es gab hier Mörderstraße und Diebsteig; warum das Kind erschrecken!

Endlich standen sie vor einem schmalen Vorstadthäuschen, aus dessen Pforte ein Mann trat. Engelke begrüßte ihn, und er geleitete sie die Stiege empor auf einen Flur, wo er ihnen beflissen eine Tür öffnete.

»Es wird gleich beginnen«, sagte er leise. »Hier rechter Hand ist noch Platz.«

Sie betraten einen länglichen, mäßig großen Raum, der schwach beleuchtet war. An der einen Schmalseite standen ein Rednerpult und ein Harmonium; die hell getünchten Wände waren kahl. Auf hölzernen Bänken und Stühlen saßen die Angehörigen dieser Gemeinschaft, Männer mit harten Arbeiterhänden, Frauen mit welken Gesichtern, Mädchen, die mit der Nadel oder im Hausdienst erwarben, ein paar Burschen; aber alle waren mit sauberer Schlichtheit gekleidet, ernst und gesammelt.

Es kamen noch einige. Die Art, wie sie die schon Anwesenden begrüßten, hatte etwas Eigenes. Es lag im Blick, den sie tauschten, im Neigen des Kopfes nichts Steifes, Hergebrachtes, sondern der Ausdruck gegenseitigen Verstehens und Gelobens. Diese Menschen, die aus ihrer Tagesnot hier Entlastung suchten, erschienen Güldenfey wie die Glieder der ersten römischen Gemeinden in den Katakomben, wie die Gottsucher, die vor dem Zorn der Kirche flüchten mußten.

Seltsam! Keiner musterte sie mißtrauisch oder neugierig. Jeder schien ohne weiteres ihre Zugehörigkeit anzuerkennen.

Und da waren ja auch Bekannte. Unter den schlichten Leuten saß schlicht und unscheinbar Oberst Helf, der Kriegsverstümmelte, und etwas schamhaft im Winkel Frau von Ebel, die ihre drei Söhne verloren hatte und deren Augenlicht durch Tränenströme fast erloschen war.

Güldenfey sah sich freier um. Sie wurde sogar gegrüßt und dankte mit einem gewissen Stolz. Kannte dieser junge Beamte von einem der zahllosen neuen Ämter sie wirklich wieder? Sie hatte seine freundliche Art einmal in der Amtsstube laut gerühmt, um die aufgeblasenen Unehrerbietigen zu strafen, die grob mit den verängsteten Rat- und Hilflosen verfuhren.

Die Tür war wieder geöffnet und ein Mann eingetreten, der sich durch nichts auszeichnete. Er trat hinter das Pult auf eine Erhöhung, legte ein Buch auf den Pultdeckel und neigte für kurze Zeit den Kopf.

»Das ist er!« flüsterte Engelke.

Also das war er! Vielleicht ein einstiger Beamter, vielleicht auch ein Geistlicher, den es im Schatten der Kirche nicht gelitten hatte.

Er hob das Gesicht, seine Blicke wanderten über die Harrenden dahin. Jeden schien er zu prüfen; jeden schien er zu fragen: Was gebe ich dir? Was verlangst du von mir? Dieser Mann bot den Eindruck unbegrenzter Freiheit, die sich durch nichts, was Menschen schreckt, beirren läßt.

Er nannte ein Lied, das gesungen werden sollte. Eine junge Lehrerin saß am Harmonium. Eine Weise, feierlich-getragen und doch seltsam rhythmisch bewegt, ward angestimmt. Alle sangen mit. Dem Oberst reichte eine Hand das geöffnete Buch. Güldenfey lauschte. Sangen so nicht die verfolgten Gläubigen auf den russischen Strömen, wenn sie am Abend auf verankerten Flößen saßen?

Das Lied war verklungen.

»Was jeder dem Vater an Not der Sorge oder der Schuld zu sagen hat, das tue er jetzt und entlaste sein Herz.«

Stirnen senkten sich, Hände suchten sich; zuweilen klang eines halb erstickten Seufzers Laut durch den Raum.

Und wieder ging das Fragen der Augen da vorn von Gesicht zu Gesicht. Sie waren bereit, und er begann zu reden.

Vor sechseinhalb Jahren, sagte er, sei er das letzte Mal an einem warmen Juniabend durch diese Stadt gegangen, die voll fröhlicher Reisenden war. Gesang, Gelächter, Musik, auf dem Balkon des Artushofes bunte Lampen und Gläserklirren. Aber hinter diesem glänzenden Vorhang habe eine dämonische Macht unheimlich gelauert: sechs Wochen später hätten wir die Kriegserklärung gehabt.

Der Oberst hob witternd den Kopf. Ja, damals!

Heute sei er wieder durch die Stadt gegangen. Winterliches Dunkel, Schweigen, Nebel auf den Dächern wie ein Deckel auf dem Sarg, eilige stumme Menschen. Und wieder habe er hinter dünner grauer Wand eine dämonische, menschenfeindliche Macht lauernd stehen sehen: die bange Sorge.

Güldenfey spürte einen kühlen Hauch im Nacken, als sie an die Schauer ihres Weges dachte. Ja, so war es! Die Sorge.

»Aber Krieg und Sorge sind die Namen des Dämons nicht, der jetzt die Welt beherrscht, es sind nur Geißeln, mit denen er zuschlägt. Die Menschen haben Gott verlassen, aber da sie ohne einen Herrscher nicht sein wollen und nicht leben können, haben sie sich einen Beherrscher des Abgrunds gewählt, der viel verspricht, aber dafür seine Untergebenen peinigt und quält.«

Er sah wieder über die Reihen hin.

»Schon vor fast zweitausend Jahren ist von diesem Dämon geweissagt worden. Hört, was das Wort von ihm sagt!«

Er schlug das Buch, das auf dem Pult lag, auf. Es war eine Stelle, die auf den letzten Blättern verzeichnet war.

»Ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, und der ganze Erdboden verwunderte sich des Tieres und betete es an und sprach: Wer ist dem Tier gleich, und wer kann mit ihm kriegen? Und es tat seinen Mund auf zur Lästerung gegen Gott. Und ihm ward Macht gegeben, zu streiten mit den Heiligen und sie zu überwinden. Und es macht, daß die Kleinen und Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Knechte sich ein Mal geben an ihre rechte Hand oder Stirn, daß niemand kaufen oder verkaufen kann ohne dieses Mal des Tieres oder die Zahl seines Namens.«

Er hielt bedeutsam inne und fuhr dann lauter fort: »Hier ist Weisheit not! Wer Verstand hat, der überlege des Tieres Zahl, denn es ist eines Menschen Zahl.«

Der Mann schloß das Buch. Die Augen, die sich auf ihn richteten, waren heiß und voll Begehren.

»Freunde, soll ich euch jetzt noch den Namen nennen, vor dem die Welt im Staube liegt? Kennt ihr die dämonische Macht, die allen, die Liebe und Glauben fortwerfen, Glück verheißt, die der Inbegriff des Unpersönlichen und Niedrigen ist? Es ist das Geld! Ihr alle kennt den Namen des Tieres.«

Es ging ein Aufatmen durch die Versammlung: Ja, so ist's! Geld hat den Krieg entfesselt, Geldsucht der Erpresser schafft diese Not. Güldenfey horchte angespannt. Würde der Mann ihrem Herzen Antwort geben?

Er sagte: »Das ist das Erniedrigende, Vertierende dieser unheimlichen Gewalt, daß sie mit einem gemeinen Betrug wirkt: Ich mache dich zum Herrn. Jawohl, Herr der Dinge, aber ihr unentronnener Knecht. Das Geld besitzt den, der sich ihm unterwirft, eher, als er das Geld besitzt. Die Gier, zu besitzen, ist das Knechtmal.«

Wie füllte sich die Stimme des Sprechenden mit Glut und Gewalt, die seine Hörer aus diesem Haus entrückten! Er war in dem großen Erdteil jenseits des Ozeans gewesen, wo das Tier aus dem Wasser stieg. Vor 425 Jahren hatte Europa seine Schiffe ausgesandt, einen Seeweg, ein Land zu entdecken. Da fanden sie das Tier, den Fluch Gottes, und unterwarfen sich ihm.

Wie ein Magnet zog es die Menschen an und vertierte sie. Die eingesessenen Völker mit Schwert und Branntwein ausgerottet! Das von Blut und Frevel dampfende Land an sich gerissen! Dann die Hetzjagd nach Besitz! Man betete das Tier an, das seinen Mund gegen Gott auftat und sein Werk lästerte.

Dann kam es über das Meer nach Europa. Man wollte es hier denen da drüben gleichtun. Ein Volk entriß dem andern den Vorrang: Holland den Spaniern, England den Holländern. Dann fiel die Gier Deutschland an; das Volk mit der Kindesseele warb um das Mal des Tieres an der Stirn, kaufen und verkaufen zu können. Da stand Gott auf und gebot Halt. Und wir verloren den Krieg.

Mein Gott! dachte Güldenfey. Mein Gott! War es so? Hatte die glitzernde Bahn des Verderbens diesen Verlauf genommen? Sahen das nur wenige, waren die andern mit Blindheit geschlagen?

Wo hatte sie schon Ähnliches gehört, gesehen? Balzer Treß, der fliegende Holländer, der die Heimat verspielte. Und dann Jörgs Bild von dem ungeheuerlichen Menschen auf den Geldsäcken. Ja, die wußten darum.

Sie zwang sich, der Rede weiter zu folgen. Was war das, was er soeben sagte? Wir sind noch nicht am Ende, wir haben die letzten, bittersten Hefen noch nicht getrunken? Was käme uns noch?

Der Sprecher war völlig hingenommen von dem, was er aus seiner Seele schleuderte. Er glich einer steil steigenden Flamme.

»Wir sind so der Starre verfallen, daß wir Wahrheit und Notwendigkeit nicht mehr kennen«, rief er. »Wir haben das, was wir gewannen, mit dem Verlust unsrer Seele bezahlt. Erst wenn uns das Grauen anwandelt über das, was wir verloren, werden wir erkennen, werden wir umkehren.«

Ein Seufzer stieg irgendwo wie eine wortlose Klage auf. Ein Mütterchen fuhr mit dem Handrücken über nasse Augen. Ach, sie erkannten; sie wollten nur ihre stillen abseitigen Wege gehen. Wann endeten sie nur?

Es war, als hätte sie die Gründe der Seufzenden erschaut. Diese alle waren doch gekommen, Trost zu hören. Und dann die Irrenden, die wie der fliegende Holländer durch die Wildnis der Wasser fuhren. Es waren so viele, von denen sie wußte, daß sie Deutschland den Geist, der dort drüben regierte, einblasen wollten. Malte hatte erst jüngst davon gesprochen. Malte! Sie sah ihn vor sich, sein ernstes, blasses Gesicht. War seine Schöpfung, diese neuen Räume am Markt, diese vielen Tische mit den Lichtkreisen, das Bild der Fieber, die ihn verzehrten?

Eine plötzliche Angst überfiel sie und jagte eine heiße Blutwelle in ihre Stirn. Wußte der Mann dort um das Tier, so mußte er auch um die Rettung vor ihm wissen. Warum schwieg er davon?

Sie wußte nicht, was sie tat, aber sie stand plötzlich.

Engelke sah seitwärts an ihr hinauf und zupfte sie verlegen.

Der Redner dachte wohl, sie wolle den Saal verlassen; er sprach weiter. Doch die Dringlichkeit, mit der sie ihn ansah, beirrte ihn. Er zögerte, fuhr wieder fort und brach plötzlich ab.

»Wünschen Sie etwas zu bemerken?« fragte er.

Alle Gesichter wandten sich ihr zu, sie fühlte sich unwillig angesehen. Das Blut in ihren Ohren brauste, vor ihren Augen drehte sich ein Kaleidoskop, und die Kniee lähmte eine seltsame Schwäche.

»Wo ist der Weg nach Heilisoe?« fragte ihre flackernde Stimme.

War der Nebel vor ihren Augen, oder floß er um den Mann? Aber sie sah doch, daß er sie freundlich anblickte.

»Ich verstehe nicht ganz«, sagte er.

»Ich meine die Hilfe«, sagte sie. »Was sollen wir tun?« Ihre Stimme war jetzt hell.

Der Sprecher lächelte. »Ich danke Ihnen, liebes Fräulein«, sagte er. »Ich wollte darüber eigentlich erst morgen sprechen, aber vielleicht sind Sie dann nicht hier. Sie haben recht. Ich werde sogleich auf Ihren Wunsch eingehen.«

Er sprach einige überleitende Worte und öffnete dann sein Buch.

»Ich las in dem gegebenen Text ein Wort nicht, das auf die ängstliche Frage Antwort gibt. Hört es jetzt: So jemand ins Gefängnis führt, der wird in das Gefängnis wandern; so jemand mit dem Schwert tötet, der muß mit dem Schwert getötet werden. Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen not.«

Güldenfey saß wieder und lauschte.

»Alle ihr, die ihr die tägliche Notdurft höher schätzt als die Anhäufung des Reichtums, die ihr eure Hand von Wucher rein hieltet und unrecht Gut nicht nehmt, ihr seid frei vom Mal des unsauberen Tieres. Aber ihr müßt Not und Schuld eures Volkes mittragen in Glauben und Geduld. Keine Gewalt! Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert fallen. Glaube und Geduld!«

Und die Erlösung? dachte Güldenfey. Es muß doch eine Erlösung sein.

Seine Worte schlugen wie Hammerschläge. Die Hörenden packte es wie ein Schauer, in dem sie fröstelten.

»Gelobt ihr, euch frei zu halten von der Befleckung des Ungerechten und das Gebot eures Königtums zu erfüllen?«

Er blickte sich fragend um. Die Menschen hatten die Köpfe gesenkt.

»Sagt, daß ihr es wollt!«

Plötzlich rief Frau von Ebel: »Ja, wir wollen es!«

»Ja, ja! Amen!« sagten die andern.

Sie waren in heiliger Verzückung, sie hätten sich wie die Geißlerscharen der großen Pestzeiten inbrünstig mit knotigen Stricken blutiggeschlagen, um ihr Volk zu erlösen. Einige warfen sich auf die Knie, andre vergruben ihr Gesicht in gefaltete Hände. Schluchzen, Stöhnen füllte den Raum.

War dies die Erlösung? Güldenfey dachte an Jörgs Erzählung von der Versuchung. Er mußte erst nahen, der Stille, Wartende, der unter den Bäumen harrte, bis seine Stunde reifte. Bis dahin durfte man nur auf das Winken seiner Augen achten. —

Leise, wie sie gekommen, entfernten sich die Versammelten. Beim Hinausgehen nickte mancher Güldenfey freundlich zu.

»Wie liebenswürdig sie sind, Engelke!« flüsterte Güldenfey.

Die Alte, die mit jemand gesprochen, wandte sich Güldenfey wieder zu. »Hast du nun erfahren, was du wissen wolltest?« fragte sie.

»Das Tier! Ja, nun kenn' ich es.«

Engelke ergriff die Hand eines blassen Mädchens, das neben ihr stand. »Das ist Hanna Wilkens, unsre fleißige Näherin«, sagte sie. »Sie geht den gleichen Weg wie du und wird dich begleiten.«

»Und du, Engelke?«

»Ach, mich alte Person läßt schon jemand einhaken, und bis zum Heiligen Geist ist's nur eine kleine Strecke.«

So ging Güldenfey an der Seite des kleinen Nähmädchens durch die Straßen. Der Nebel war noch schwerer geworden, er hüllte die dürftigen Straßenlampen wie mit abblendenden Händen ein. Vor den Fenstern der Häuser lagen die Läden fest verklammert. Nur selten klangen ferne Schritte durch die Nacht.

Es lauert etwas dahinter, dachte Güldenfey. Ich kenne es: das Tier, das aus dem Meer stieg, bedroht uns.

Sie versuchte mit ihrer Begleiterin ein Gespräch anzuknüpfen; die antwortete leise und bescheiden. Sie arbeitete in dem Anfertigungraum eines Geschäftshauses, einer großen Stube, deren Fenster auf einen tiefen Hof sahen und zwischen dunkelnden Wänden standen. Ihre Mutter war Witwe; sie hatte zwei unversorgte Geschwister und versuchte, noch außer ihrer Arbeitszeit zu verdienen.

»Und obgleich Sie so müde vom Tage sind, besuchen Sie noch abends die Versammlungen?« rief Güldenfey erstaunt.

»Es ist fast die einzige Freude, die ich mir gönne«, sagte das Mädchen.

»O!« Güldenfey fühlte sich sofort beschämt, und ihr Herz wallte auf. »Besuchen Sie mich doch Sonntags. Sie wissen, der Treßhof.«

»Ich habe sehr wenig Zeit, auch am Sonntag«, erwiderte die kleine Näherin. »Ich bin aber schon für die gütige Einladung dankbar.«

»Nein wirklich, Sie müssen kommen«, sagte Güldenfey herzlich. »Wir wollen nachdenken, wie wir Ihre Lage verbessern.«

Die andre lächelte. Nach einer Weile fragte sie: »Sie werden in unsre Gemeinschaft nicht mehr kommen?«

»Ich glaube nicht!« sagte Güldenfey leise. Es war, als hüte sie sich, mit ihrer Antwort dem Mädchen weh zu tun.

Mellin in seinem Wettermantel stand vor der Torfahrt und schaute nach Güldenfey aus.

»Wir sehen uns gewißlich wieder«, sagte Güldenfey und drückte dankbar die Hand der Freundlichen.

Mellin steckte die Schlüssel in das Türschloß. Sie aber stand noch und sah der Fortgehenden nach, bis ihre Schritte im Nebel der dunklen Straße verhallten.