Das Volk in Not

Was für ein Treiben begann jetzt im Haus am Markt? Die Herren vom Rat staunten, man sprach bei den sonntägigen Zusammenkünften im alten verräucherten Weinkeller davon; die Olrogges machten runde Augen. Der alte Aldermann des Schneidergewerks wartete nach einer erregten Sitzung im Vorsaal auf Onkel Rolf, um ihn zu begleiten.

»Herr Justizrat, ist es wahr, was ich hörte? Ihr Neffe wird eine Bank eröffnen?«

»Sie sind recht berichtet, Herr Hofmeister.«

Der weißbärtige Herr schüttelte den Kopf: »Sehr schön, Herr Justizrat, ich bewundere Malte Treß. In dieser Zeit, da keiner weiß, was uns widerfahren kann, wie sich alles auswirkt ...«

»Ich bewundere ihn auch. Ich habe immer etwas übrig für Leute, die den Kopf in Zeiten der Not hoch tragen. Jetzt erst recht! Wir Alten sind mürbe geworden und verstehen das nicht mehr.«

Als er seinen Weg allein fortsetzte, verdüsterte sich sein Gesicht wieder. Er würde es keinem sagen, daß er Malte doch ernstlich abgeraten hatte.

Maltes Mund war fester geschlossen als bisher, die Züge seines Gesichts waren gestrafft, seine Blicke gingen immer, wenn er sprach, über den Angeredeten fort. Herr Häberle hatte den Eindruck, als sähe sein Chef auf einen Punkt, den er unter keinen Umständen aus dem Auge verlieren dürfe. Nur wenn jemand etwas sagte, das entfernt einer Warnung vor allzu kühnen Wagnissen glich, konnte er den Sprecher so erstaunt anblicken, daß dieser jeden Einwand aufgab.

Die Schreibstuben waren in den Treßhof verlegt. Im unteren Stockwerk des Hauses am Markt klopften und hämmerten Maurer und Zimmerleute. Das Vorderhaus war neuzeitlich, aber von dem einstigen Giebelhaus ragte in den Hof noch der alte Flügel mit den Kemladen, jenen Gemächern im Halbdunkel, zu denen man über unzählbare Stufen, hinauf und wieder hinab, gelangte. Alles wurde jetzt nutzbar gemacht.

Malte trieb die Arbeitenden an, da der Umbau mit dem Ausgang des Winters beendet sein mußte, doch bei ihnen stieß sein fieberndes Eilen auf eine starre Wand. Er mußte verdrossene Worte hören, und die verwundert-gebieterischen Blicke prallten wirkunglos ab.

»Herr Häberle, die Leute arbeiten zu langsam!«

Häberle rückte seine Brille gerade. Verstand denn der Chef die Zeit so wenig? »Herr Konsul, die Menschen können sich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß wir arm sind und Arbeit unser einziges Kapital bleibt. Sie glauben an den großen Wechsel in ihrer Tasche.«

Malte zuckte die Schultern. Sein Beispiel mußte sie anstecken, er würde sie schon mit sich reißen. Er selbst arbeitete unermüdlich. Ausruhen? Wozu? Nach wenigen Stunden Schlaf lag er doch wach, und im Dunkel und in der horizontalen Lage arbeiteten die Gedanken ungestümer denn je. Erholung? Bah, er war aus altem Holz geschnitzt! Der Weg vom Markt zum Treßhof, vier-, sechsmal am Tage, genügte ihm vollauf.

Die in den Schreibstuben saßen, mußten mit. Sie stöhnten, sie schalten, aber sie fügten sich. Wer nicht mitlaufen konnte, wurde abgelohnt. Es waren genug brotlose Leute da. Zehn für einen.

Auch Herr Häberle stutzte. Arbeit wurde ihm so leicht nicht zuviel, aber er vermißte den Ausblick auf die Weite des Weges, den der junge Chef eingeschlagen. Warum tat der so geheimnisvoll? Er versuchte zu erkennen.

Malte besprach einmal mit ihm ein Vorhaben. Häberle riet ab.

»Warum fehlt Ihnen seit einiger Zeit das Vertrauen?«

»Herr Konsul, diese ungeheuren Wertmassen, die auf dem Papier stehen, deren Verzinsung allein den Geldvorrat der Welt übersteigt, werden uns in eine Sackgasse jagen, aus der keiner herausfindet.«

»Wollen Sie gegen den Strom schwimmen?«

»Nein, aber ich denke an unsern Namen. Die Valuta beruht auf dem Glauben, daß der Schuldner einlösen kann. Das muß mehr als eine Annahme sein, es wird aber allmählich zum Begriff.«

Er machte sich an seiner Brille zu schaffen. Malte überlegte und stand plötzlich auf.

»Sie haben recht, Herr Häberle. Aber wir tragen keine Verantwortung, denn wir müssen mitmachen. Gedulden Sie sich noch ein wenig, und Sie werden sehen, daß ich in dieser Wirrnis erkannte, was zu tun nötig war.« —

Endlich waren die Werker im Haus am Markt fertig, und die Schreiber und Rechnungführer hielten in die Räume, in denen es nach Kalk, Farbe und frischem Holz roch, ihren Einzug.

Frauke kehrte zurück, Frauke, die vor dem Lärmen der Hämmer nach Hamburg geflüchtet war. Sie war fast während des ganzen Winters dort gewesen, und nur in den Weihnachttagen hatte Malte sie besucht. Natürlich, er war zu Hause unentbehrlich gewesen, aber es litt ihn auch sonst dort nicht lange. So gern er auch die alte Hansestadt aufsuchte und seine Brust in ihrer Luft weiten mochte — war er dort, zog es ihn wieder heimwärts. O ja, man begegnete ihm freundlich im Hause Poppelmann, man schätzte seine ruhig wägenden Urteile; der alte Poppelmann mit den scharf geschnittenen Zügen schien ihn zuweilen auszeichnen zu wollen, und doch — nirgendwo als in diesem Luftkreis fühlte Malte so stark, wie fern ihm seine Frau war. Zu Hause hatte sie schließlich nur ihn. In Hamburg lebte sie in einer ihm fremden Zone, ihr Denken drehte sich in fernen Kreisen. Er war Gast in ihrem Hause.

Frauke also kehrte heim, und Malte erwartete sie auf dem Bahnhof. Als sie aus dem Portal auf die Straße traten, stand da ein funkelnd neuer Kraftwagen, dessen Schlag Malte ihr öffnete.

Sie blickte ihn verwundert an. Der Mann am Steuerrad grüßte. Das war ja doch Telge!

»Mein Geschenk für dich«, sagte Malte.

Sie ließ einen gurrenden Laut der Überraschung hören. »Du? Für mich?«

Malte nickte zufrieden. Sie konnten den Wagen hier nicht betrachten. Schon sammelten sich die Gaffer.

»Ich danke dir!« sagte sie. Und der freudige Ton schien ihm Lohns genug.

Frauke war froher denn je. Ja, diese Vorfrühlingstage an der Alster, die so eigen waren, wenn das Eis brach! Aus den Fleten stieg dann ein ganz besonderer Duft, und der herbe Wind, der über die Elbe strich, trug bis in die Gassen am Gänsemarkt etwas mit sich, das es nirgendwo gab: Geruch von der Erdkraft der Lüneburger Heide, Rauchduft vom Reisig niedersächsischer Herde.

»Willst du gleich die Geschäftsräume sehen?«

Ja, sie wollte. Die Köpfe der Emsigen fuhren in die Höhe.

»Bitte die Herren, sich nicht stören zu lassen!«

Und die Stirnen senkten sich über die Tischplatten, auf deren weiße Buchblätter die grünumschirmten Lampen helle Kreise warfen. Federn scharrten leise, Papiere knisterten, die Luft war erfüllt vom Atem der Arbeit.

Frauke stand auf der Stelle, von wo sie die Flucht der geschaffenen Räume überschaute. Ihre Nasenflügel witterten. Etwas Helles durchlichtete sie und trat in ihre Augen. Sie war stolz auf ihren Mann; ihre abwägende Vorsicht schwieg.

Unumwunden drückten es ihre Worte aus, als sie und Malte oben am Teetisch beisammen waren. »Du sprachst einmal von anzuknüpfenden Verbindungen.«

»Ich bin auf dem besten Wege, Frauke. Noch ein paar Monate, und alles wird geregelt sein.«

»Ich habe gestern noch einmal mit Vater gesprochen.«

»Ich bin dir sehr dankbar, Frauke. Kann ich mich, sobald es not tut, um Rat an ihn wenden?«

»Er rät ungern. Du kennst ihn ja: Selbst ist der Mann! Doch empfiehlt er dringend Vorsicht bei Abschlüssen von Verbindlichkeiten auf lange Dauer. Er sagt, die Zukunft sei undurchdringlich.«

War das alles? Ja, mehr hatte er nicht gesagt. Malte rückte auf seinem Sitz. Jawohl, selber ist der Mann.

»Also Güldenfey geht es gut, und Marfa erwartet ein Kind? War Harro oft hier? Und der Benjamin Jörg?«

Malte berichtete. Über kurze Andeutungen, die Familie betreffend, war er in den eiligen Briefen, die nach Hamburg geflogen, nicht hinausgegangen. Gottlob, sie waren ja alle gesund.

»Klaus ist jetzt im Geschäft?«

Ja, darüber war mancherlei zu sagen. Malte erzählte.

Klaus war gekommen und hatte gesagt: Hier bin ich, gib mir zu tun. Malte hatte ihn aufmerksam betrachtet. Er trug sich selbst auch gewählt, doch nicht in der Weise, daß er die Sonderung betonte. Hier aber: Lackschuhe, Gamaschen, das feinste Tuch und über allem der Duft teurer Blumenseife. Klaus hatte sich draußen tapfer gezeigt, war wochenlang im Sud versumpfter Gräben gelegen. Weibisch-Verderbtes lag seinem mannhaften Wesen fern. War dies das Dürsten nach Kultur, das sich übersteigerte? Viele konnten sich jetzt im Ausleben nicht genug tun und verloren das Maß.

»Du willst also arbeiten?«

»Gewiß will ich das.«

»So komm! Ich werde dir das Gefüge des Betriebs erklären.«

Klaus hatte gut achtgegeben, vernünftige Fragen getan, sich aufnahmefähig erwiesen.

»Dein Platz ist hier, gegenüber von Herrn Häberle. — Herr Häberle, Sie leiten freundlichst Herrn Hauptmann an!«

Eine Stunde später war Klaus bei ihm eingetreten. »Hör' mal, Malte, einen andern Platz mußt du mir anweisen.«

»Blendet die Sonne oder zieht es dort?«

»Nein, aber unter den jungen ungedienten Leuten kann ich nicht sitzen. Und dann: Häberle gibt mir ja richtige Schulaufgaben. Auszüge aus dem Kurszettel. Ich dachte doch, ich gehöre ins Chefzimmer.«

»Du bist ein Lernender. Hier muß ich allein sein, und keiner kann dich so gut einführen wie Häberle. Sei zufrieden!« —

»Und er ist dort geblieben?« fragte Frauke. »Nun, mich wundert, daß er sich fügte. Ist es ihm ernstlich um Güldenfey zu tun?«

Malte bejahte. Klaus selbst hatte es angedeutet. Er konnte sein Heil versuchen. Malte war damit einverstanden.

»Baue darauf keinen Plan«, sagte sie. »Du wärst ein übler Menschenkenner, nähmst du an, Güldenfey finde sich dazu bereit.«

»Unser williges Kind, Frauke!«

Sie machte eine bedauernde Gebärde und erhob sich. »Du wirst noch hinabgehen wollen, ich habe die Jungfer für das Auspacken bestellt.«

War die heimliche Stunde schon verstrichen? Geschwätz von Geschäften und Familie? Mußte nicht noch etwas Besonderes kommen?

»Frauke!« sagte er und streckte beide Hände nach ihr aus. »Hätten wir uns heute nichts mehr zu sagen?«

»Was nur?« fragte sie. Als er schwieg, blickte sie ihn prüfend an und errötete leicht.

»Ich war lange allein, Frauke.«

»Es ist ja nun gut. Im Sommer will ich mit dem Vater und Johns auf Sylt zusammentreffen. Bis dahin bleibe ich hier.«

Sie neigte die Stirn gegen ihn, daß er sie mit den Lippen berühre; dann ging sie. Er blieb stehen und lauschte entzückt auf das feine metallische Klingen der Reifen an ihren Handgelenken, das durch das Nebenzimmer läutete und sich in der Ferne verlor. Dann atmete er glücklich auf. —

Klaus schlenderte durch die Bechermeistergasse der unteren Stadt zu. Es war noch nicht Zeit, zum Essen zu gehen, und er bedurfte der frischen Luft. Das Hocken in dem abgesperrten Raum, diese Zahlen, die von Mund zu Mund flogen und denen er keine Teilnahme abgewann, ermüdeten ihn. Er hatte Herrn Häberle etwas von einer Verabredung gesprochen und war gegangen.

Die Hauptstraße vermied er; dort konnte ihm Malte begegnen. Der nahende Lenz spürte sich auch in der engen Gasse, die so schmal war, daß Sperrbalken die einander gegenüberliegenden Häuserwände absteiften und die Gangsteine nur für einen Gehenden Raum boten. Der Entgegenkommende mußte zur Seite treten.

Eigentlich seltsam, dieses Leben! Wie oft war er vor dem Kriege durch die Straßen dieser seiner Heimatstadt geritten, den Burschen auf dem zweiten Pferd hinter sich, nach rechts bald und bald nach links grüßend. Als einziger Sohn des vermögenden Ratsherrn Glöden hatte er eine bevorzugte Stellung eingenommen. Und jetzt? Der beste bürgerliche Anzug ersetzte nicht die Uniform, und er zwängte sich durch die Bechermeistergasse, um seinem Vetter aus dem Wege zu gehen. Warum war er nicht wie tausend andre draußen geblieben, irgendwo eingescharrt? Jetzt mit fünfunddreißig Jahren Kaufmann! Es war so sinnlos.

Er war bis zur alten Sachsenbastion gekommen, da erblickte er plötzlich Güldenfey. War sie krank? Ihr Gesicht war seltsam gespannt, und ihr federnder Gang trug eine Hemmung.

»Güldenfey!«

Sie blieb stehen und reichte ihm die Hand. Im Arm trug sie ein großes Paket. Er machte Miene, es ihr abzunehmen.

»Nein, nein«, wehrte sie. »Ich gehe zu Engelke. Hier ist es schon.«

Er zeigte ein enttäuschtes Gesicht. »Aber du bleibst ja nicht lange«, sagte er. »Ich werde dich erwarten und begleite dich nach Hause.«

Sie wäre viel lieber allein geblieben, doch sie besann sich, daß sie ihn bei dem letzten Sonntagskaffee unfreundlich behandelt hatte und deshalb von Gewissensbissen geplagt war. Sie wollte wieder gutmachen. »Wenn du Geduld hast —«

Nun, die Geduld wollte er beweisen. Und während er auf und nieder ging, überlegte er, wie er gefällig erscheinen konnte. Von seiner Kupferstichsammlung mochte sie nichts hören. Hat man in dieser Zeit wirklich etwas für so kostspielige Liebhabereien übrig? hatte sie einmal gefragt und ihn eigentümlich angesehen. — Du mußt den onkelhaften Ton aufgeben, wenn du mit Güldenfey sprichst, hatte sein Vater geraten. Es ist nicht gut, deinen Vorsprung an Jahren zu betonen. Gut, gut; also kameradschaftlich!

Er eilte ihr freudig entgegen als sie erschien; ihn freute im besonderen, daß sie das gräßliche Paket nicht mehr im Arm hielt. Merkwürdig, Güldenfey sah so gut aus und hatte bei aller Natürlichkeit viele Reize, aber auf solche entstellenden Dinge achtete sie nicht.

»Du besuchst wohl eure Engelke oft?« begann er. »Ich fürchte, das strengt dich an. Du siehst nicht so wohl wie früher aus.«

Sie lächelte ein wenig.

»Fühlst du dich krank?« fragte er besorgt. »Ich begreife nicht ... Aber Malte bemerkt ja jetzt überhaupt nichts mehr außerhalb seiner Geschäftsräume. Ich werde mit ihm reden.«

»Bitte, nicht«, sagte sie. »Wozu das? Es würde ihn beunruhigen. Ich bin nicht krank, ich leide nur.«

»Ist das nicht dasselbe? Oder kränkt, benachteiligt man dich?«

»Mich? Ach, Klaus!«

Ja, was dann? Klaus war am Ende und blickte sie ratlos und bekümmert an. Sie lächelte wieder. Was hinter diesem in Gesundheit geröteten Gesicht lebte, wußte wohl nichts davon. Trotzdem wollte sie es sagen.

»Ich leide an dieser furchtbaren Zeit, schon lange, seit jenem Tage in Heilisoe, da Malte uns die Schreckensnachricht brachte. Es ist entsetzlich!«

Klaus machte eine zustimmende Bewegung. Ja, natürlich entsetzlich. Diese zerbrochenen und verkrüppelten Existenzen, diese Vergewaltigung dessen, das zu Besserem bestimmt war.

Güldenfey merkte, wie ihn seiner Enttäuschungen Bitternis überkam. Sie schwieg, in ihr verkroch sich etwas ängstlich. »Das wäre wohl das geringste Übel«, sagte sie endlich leise. »Aber das andre, die Verderbnis, der Hunger.«

Sie blieb stehen, ihr Arm machte eine weite kreisende Bewegung. Die Vorübergehenden blickten verwundert auf sie.

»Komm doch!« sagte Klaus. Es war ihm peinlich, in dieser Weise Aufmerksamkeit zu erregen. Er redete weiter, heftig, hastig, sein Ärger gegen alle, die er für die Verderber hielt, entlud sich in starken Worten. Hätte er gewußt, wie weit er sich von ihr fortredete!

Güldenfey hörte ihn nicht mehr. »Wohin sind wir gegangen?« sagte sie und sah sich um. »Ich wollte zu bestimmter Zeit zu Hause sein. Ich muß die Bahn benutzen.«

Sie hatte erwartet, daß er sie jetzt verlassen würde: sie redete ihm zu, daß er um ihretwillen nicht seinen Spaziergang verkürze. Er bestand darauf, sie begleiten zu wollen. Als der elektrische Wagen vor ihnen hielt, bestieg er ihn nach ihr.

Die Plattform war um diese Zeit von Fahrenden leer. Die Schaffnerin kam und reichte ihnen die Scheine. Klaus machte eine gleichgiltige Bemerkung, Güldenfey wollte antworten. Plötzlich fuhr sie zurück. Das Gesicht der Frau, die die grüne Dienstmütze trug, näherte sich dem ihren und blickte sie dreist, mit einem häßlichen Lächeln an.

»Nun, schönes Fräulein Güldenfey! Einen vergnügten Spaziergang gemacht?«

»Verzeihen Sie, ich kenne Sie nicht«, stammelte Güldenfey erschrocken.

Die Frau lachte rauh. »Das will ich glauben. Es ist lange her, seit wir beide unter einem Dach wohnten.«

Güldenfey erbebte. Was war das für ein unangenehmer Geruch, den die Frau ausströmte? »Ich weiß nicht —«

Da griff Klaus ein: »Bitte, uns nicht zu belästigen!«

Jetzt wandte sich die Frau ihm zu. Ihre glitzernden Augen wurden dunkel im Groll. »Sie? Was hätte ich denn mit Ihnen zu schaffen?«

»Schweigen Sie! Lassen Sie sofort den Wagen halten. Sofort, oder —«

Klaus' Stimme schnarrte, als stände er auf dem Exerzierplatz. Als die Frau noch nicht Miene machte, ihm zu willfahren, riß er das Glockenseil so heftig, daß der Wagen gleich darauf stand. Er sprang ab und reichte Güldenfey die Hand. Noch einen Blick warf diese auf die Frau. Das Gesicht war verwüstet, verwildert, aber hinter der rauhen Schrift lag die Glätte einer versunkenen Schönheit, und etwas wie ein Erschrecken ließ sie jetzt erstarren.

Güldenfeys Glieder zitterten. »O Klaus, wer war das?«

Klaus murmelte vor sich hin: »Unglaublich! Jetzt drängt sie sich uns schon öffentlich auf.«

»Kennst du sie? Sie sagte, sie habe bei uns gewohnt!«

Es schien, als besinne er sich. »Das ist törichtes Gewäsch. Ich kenne die Person nicht, will sie nicht kennen. Sie ist eine Verworfene. Hast du nicht bemerkt, daß sie betrunken war?«

Das war also der widerliche Geruch. Und doch — Güldenfey fühlte, er verbarg ihr etwas. Ihr Blut wallte warm in Mitleid, Tränen stiegen ihr auf. »Eine Verworfene? Und du konntest so hart sein, Klaus!«

Er schwieg betroffen. Er fühlte, daß er etwas in Güldenfeys Sinn eingebüßt habe, was nicht leicht gutzumachen war.

Als sie zu Hause eintraf, rief sie nach Ose. Die Alte stand im oberen Flur vor den Leinenschränken und bündelte Wäsche ein. Atemlos erzählte Güldenfey ihr Straßenerlebnis.

Oses Lippen wurden schmal und herbe. »Laufen viele Frauen jetzt durch die Welt, die einst guter Herkunft waren; habe jüngst erst eine gesehen, die einstmals in Seide ging und nun Lumpen trägt. Was soll die Schaffnerin mit uns zu schaffen haben, du liebe Seele!«

Güldenfey trat vor sie hin: »Sieh mich an, Ose! So, und nun sag': Was hat es mit der Frau auf sich?«

Die Alte schluckte mühsam. »Kind, ich kenne sie doch nicht. Und wenn ich wüßte, wer sie wäre, glaubst du, ich würde reden, wenn ein Verbot meinen alten Mund versiegelt hält?«

Da flossen Güldenfeys Tränen. »Es ist soviel Not da, die wird verdeckt mit Schweigen. Ich möchte helfen und kann nicht, weil ich ihr nicht auf den Grund sehe. Hilf du mir doch, Ose.«

Aber Oses Gesicht blieb verschlossen und war fast hart, und der Mund, der immer willfährig war, wo es zu trösten galt, blieb dieses Mal stumm. —

Ja, Güldenfey litt mehr, als alle wußten.

Frau Mellin war mit einem Brief zu ihr gekommen, das älteste Kind der Tochter siechte dahin. Die Kinder in den großen Städten starben in Menge, weil ihnen das Nötigste fehlte: Milch und Brot.

»Lassen Sie das Kind kommen«, riet Güldenfey. »Wir werden es herauspflegen.«

Doch Frau Mellin wußte, daß die Not hier die gleiche sei. »Sehen Sie sich doch die Kinder auf der Straße an, gnädiges Fräulein!«

Seitdem achtete Güldenfey in der Stunde, da sich die Schulen schlossen, auf die Scharen, die sich in die Straßen des Sachsenviertels ergossen. Sie ging hinter den Trupps her, sie stellte sich mit ihnen vor die Ladenfenster, wo hungrige Blicke die märchenhaften Dinge der Auslage prüften. Sie wollte hören, und sie hörte. Ach, was hörte sie!

»Mutter sagt, wir verkaufen jetzt unsre Milchkarten. Was nützt die Karte, wenn wir die teure Milch nicht bezahlen können.«

»Grete ist gestern gestorben.«

»Der Otto von nebenan auch.« Es klang, als werde ein Trumpf ausgespielt.

»Der Doktor sagt, sie hat die Grippe gehabt. Mein Vater sagt: Unsinn, sie ist einfach verhungert.«

Hunger! Wie furchtbar klang das Wort vom Kindermund! Welche Anklagen stiegen aus den vielen kleinen schmucklosen Särgen, die man heimlich, wie verschämt, in der Dämmerung zum Friedhof trug!

»Kinder, wartet hier. Ich kauf' euch etwas.«

Sie warteten. Ihre Blicke hinter der dicken Scheibe hafteten an dem Fräulein drinnen, das mit dem Bäcker verhandelte.

»Brot, natürlich, und Semmeln. Und die trockenen Küchlein im Glas. Packen Sie nur ein. Und bitte, schnell noch etwas von dem Zuckerwerk.«

Sie trat aus der Ladentür, beide Arme befrachtet mit Gebäck. Ein Dutzend blasser Kindergesichter — oder waren es mehr? — hob sich ihr entgegen. Das verlegene Lächeln derer, die nicht zu glauben wagten, schnitt in ihr Herz. Es tat so weh, dieses Lächeln, weil es nicht glücklich war.

»Seht, das ist für euch. Nehmt nur, nehmt!« sagte Güldenfey. Sie stand da wie die heilige Elisabeth und legte ihre Gaben in die geöffneten Hände.

»Nehmt es, nehmt das liebe heilige Brot!«

Wie schauten sie nur aus, diese Menschlein, um deren entkräftete Körper die zerstörenden Fieber des Lebens wie nächtige Schakale um niedergebrannte Feuer schlichen: ungepflegt, rauhe, vertragene Stoffe auf dem hageren, von keinem Hemdlinnen geschützten Leibe tragend und ohne Glauben an die große Güte, die des Hungernden sich erbarmt. Sie konnte das stumme Elend nicht ertragen, sie ermunterte: »Ihr lieben Kinder, erzählt mir etwas.«

Da und dort begann einer der essenden Münder zu sprechen. Ein Mädchen erzählte, daß man heute das Bild des Kaisers aus der Schulstube entfernt habe. Krampfte nicht das Herz, wenn man das hörte? Papierne Bestimmungen jagten einander: die Bilder ausgetrieben, der Heiland ausgetrieben — und Reihen hungernder Kinder saßen da, denen man etwas nahm und statt des nötigen Brotes eine neue Rechtschreibung gab. Es war, daß sich Steine erweichen konnten!

Wenn Güldenfey jetzt um die Mittagsstunde durch die Straßen schritt, liefen ihr die Hansen und Greten schon entgegen, und die Menge wuchs, die draußen vor dem Bäckerladen harrte, in dem sie Brot einhandelte. Sie mußte die Stücke verkleinern, denn oft reichte ihr Geld nicht aus. Und immer begleitete ihre Gabe ein segnendes Wort. Nehmt hin, nehmt das liebe Brot!

Wenn Güldenfey heimkam, wußte sie zu erzählen.

»Kind, du ißt so wenig«, mahnte die Alte und rückte ihr die Schüssel näher.

»Ach, Ose, wenn man dem nachdenkt, was man heut wieder sah.«

»Hast ja deine Pflicht getan, so darf's dir auch schmecken. Nimm noch ein wenig, nachher such' ich auch noch nach altem Leinen.«

Es war nicht allein Deutschlands Not, die sich ins Herz fraß, es war vielmehr der Übermut, der dieser Not spottete.

Als Güldenfey einmal aus dem Laden trat, ihre hungrige Schar zu speisen, stand da eine Gruppe Herren und Damen, die sich das seltsame Ereignis betrachten wollten. Es waren solche, die mit funkelnd neuen Koffern durch die Geschäfte zogen, um die Waren des geschmähten Landes aufzukaufen. Ihrer Sprache nach kamen sie von jenseits des großen Wassers.

Güldenfey schämte sich. Die Fremden, schwatzend und lachend, standen wie beim Beginn einer Tierfütterung.

»Kommt ein wenig weiter, Kinder!«

Doch die Hungrigen waren zu ungestüm, und sie mußte austeilen. Die Fremden gafften und schwatzten. Zog keiner die Kamera hervor? Spitzte kein Berichterstatter den Stift zu interessantem Bericht: Speisung hungernder Kinder auf der Straße? O Deutschland!

Ein Kind ging leer aus, ein flachshaariger Bub mit tiefliegenden Augen.

»Warte, Kind, ich hole für dich!«

Güldenfey hatte kein Geld mehr, sie mußte borgen. Aber um alles nicht sollte der Junge darben. Als sie sich der Tür zuwandte, griff einer der Fremden in die Tasche und warf ihr einen schmutzigen Schein zu. Es war, als hätte er sie geschlagen. Blutrot war ihr Gesicht. Dann hob sie das Papier auf und schritt auf ihn zu. Unter ihrem Blick erstarrte das gutmütige Grinsen. »Danke! Wir bedürfen der Almosen nicht!«

In Güldenfeys Seele brannte eine Wunde neben der andern.

Hans Olrogge kam in den Treßhof. Es hätten sich Kreise von wohlhabenden Erwachsenen gebildet, die fremdländischen Tänze zu studieren; ob Fräulein Treß teilnehmen möge.

Als sie ihn ansah, fühlte er, daß es vergeblich sei, von seinen Erklärungen für die so lange unterbundene Lebensfreude Gebrauch zu machen.

»Ich sollte jetzt tanzen?« fragte sie. »Ich würde den Gedanken an die nicht los, die vor den erleuchteten Fenstern stehen und auf die fremden Weisen hören. O nein, Herr Olrogge!«

Es war angstvoll gewesen, in einer Zeit zu leben, die nach Blut und Eisen schmeckte. Der Dunstkreis dieser gärenden Zeit war gesättigt mit verderblichen Keimen, die wie geistiger Meltau auf die Willensschwachen fielen. Die Angst um das kleine Ich verschattete völlig die Sorge um das Ganze.

Was war es nur, das diese unvereinbaren Gegensätze schuf, die das deutsche Wesen zerrissen: Verzagtheit und frecher Übermut, Darben und Verschwendung? Es mußte etwas im Dunkel des Hintergrundes stehen, das mit frevelnden Händen an den Drähten zerrte, in denen das Wohl und Weh der Menschheit hing. Aber was war es, daß man es packen konnte!

Wäre nur Jörg einmal gekommen; Güldenfey verlangte es nach ihm, er würde ihr antworten können. Aber Jörg war jetzt ganz der Musik verfallen, seine Arbeit litt keine Unterbrechung, und seine Briefe waren in der knappen Pause, die zwischen zwei Stunden lag, geschrieben.

Malte? Ach nein! Sein Ernst erweichte vor Güldenfey noch immer zu einem Lächeln, aber das kam nicht aus seiner Seele. Seine Seele war immer zerstreut; wenn er nicht im Geschäft war, flog sie stets als Wolke vor dem Sturm der Zeit. Nur Pastor Thomasius war stets für sie bereit. In seinen Augen war ein Schein froher Zuversicht, und nie klang eine Stimme so jugendhell wie seine, wenn er vor dem Altar die Bibel in beiden Händen hob: Wir wollen bekennen!

»Welches ist der Geist, der uns zerstört?« fragte ihn Güldenfey.

»Der Haß!« entgegnete er.

Sie sann ein wenig. »Aber warum haßt man? Es muß etwas sein, weswegen man haßt.«

»Vielleicht, ja! Doch warum fragen Sie danach? Es ist die Welt frostig geworden, weil die Liebe fehlt. Wir müssen sie suchen.«

Es war ein wunderbarer Klang in seiner Stimme. Hob er das alte Buch? Sein Blick umfing warm ihre Gestalt. Güldenfey wandte das Gesicht zur Seite und begann, ihm von Marfa zu sprechen.

Marfa verließ das Haus selten. Sie hütete ihre Mutterhoffnung, doch Güldenfey wußte, das war es nicht allein, was sie in der Verborgenheit festhielt: sie sehnte sich nach Harro, sie litt, weil er fern war. Ihre jäh erweckte Liebe, die stürmisch nach ihm drängte, wußte in ihm ihren einzigen Halt. Sie hatte alles verloren, nun klammerte sie sich mit verzweiflungähnlicher Sorge an den Trost, den ihr das Leben als Ersatz gegeben. Kam er, so lebte sie auf; ging er, so krankte sie.

»Hier versteht mich keines, nur du, Güldenfey«, sagte sie. »Es fehlt allen hierzulande der sechste Sinn, der ahnt und erfühlt. Auch Harro fehlt er, sonst ließe er mich nicht so oft allein.«

»Wie sollte ich ihn denn besitzen!« zweifelte Güldenfey.

»Deine Seele ist wie das Geheimnis des Kristalls«, antwortete Marfa.

»Ich bleibe bei dir«, tröstete Güldenfey. Und sie begann zu erzählen, daß sie beide im Sommer auf Heilisoe wohnen und unter Sonnenschein und Seewind froh werden wollten.

»Wir liegen am narbigen Rand der Dünen, wo die blauen Glockenblumen wachsen, denn an den Strand darfst du nicht so oft hinabsteigen. Wir bleiben dort, bis der Abend alles Grün der Königsgräber in Grau verwandelt.«

»Ob wohl Harro dann eben Ferien hat?«

Harro und nur Harro! Aber Güldenfey war nicht gekränkt. Sie wußte, daß in Marfa die Vergangenheit nicht zur Ruhe kam und sie quälte, wenn sie zur Nacht wach lag und lauschte, wie der Wind der Januarnächte in den Luken der Speicher umging und Mellins silbergraue Katze klagend über die Dächer stieg.

»Du sollst dich jetzt auf dein Kind freuen. Ich glaube fest, daß deine Freude es froh machen wird.«

»Ja, du Herzlieb, ich will mich freuen. Wenn es da ist, wird Harro häufiger kommen.«

Diese zitternde Liebe ist vielleicht gar keine Liebe mehr, sondern nur ein Bangen vor grauenvoller Verlassenheit, dachte Güldenfey und sann auf Tröstungen andrer Art, die Marfa erfreuen sollten. Sie begriff, warum sich Marfa in Monaten, da sich alles in der Frau auf das Mütterliche sammelte, doch an Harro klammerte.

Es liefen schon lange dunkle Gerüchte durch die Stadt: eine Bande derer, die Eigentum und Leben des Nächsten nicht schonen, hätte sich die Hilflosigkeit der für die Sicherheit verantwortlichen Macht zunutze gemacht und triebe ihr Unwesen seit Wochen ungeahndet. Einer aus dieser Raubgesellschaft war beim Einbruch von einem Bürger getötet, die andern aber setzten in gutem Vertrauen auf die Ohnmacht der Gesetzesschützer ihr Handwerk fort.

In einer Nacht, da der rieselnde Regen in den Gossen seine einförmige Weise sang und das Dunkel vor jeder Tür lag, stieg aus dem Innern des Treßhofes ein schreckhafter Schrei, der selbst die Schläfer in den Kellerräumen aufstörte.

Güldenfey fuhr empor. Gehörte der Ruf in den Traum, den er zerbrochen hatte? Aber er war doch von außen gekommen und hatte geklungen, als stieße ihn Marfa aus. Jetzt zitterte er nur noch nach; draußen war die Stille des Regengeriesels. Die alte Uhr unten schlug die dritte Stunde.

Sie warf ein Morgenkleid um sich und eilte hinaus.

Die Tür zu Marfas Zimmer war halb geöffnet. Marfa saß aufgerichtet in ihrem Bett, beide Arme als Stützen hinter sich gestemmt. Ihr von der Nachttischlampe hell beleuchtetes Gesicht war linnenweiß, ihre geweiteten Augen starrten auf einen Punkt. Sie saß, als sei sie gelähmt.

Auch Güldenfey stand in der Türöffnung wie gelähmt. Ein riesiger Schatten füllte fast den Raum, und plötzlich erkannte sie hinten am Fenster, durch das es feuchtkalt hereinwehte, stand ein Mensch, breitschultrig, die Schirmmütze in die Stirn gezogen, die Faust um etwas gekrallt. Seine wölfische Wildheit war erstarrt unter dem Entsetzensblick der erwachenden Frau, die das Licht entzündete, um das Furchtbare zu entdecken.

Wie der Regen murmelte!

Von Güldenfey wich die Starre zuerst. Ihr Fuß stieß an einen Sack, in dem Werkzeug klirrte. Der Ton löste alles auf. Der Mann warf sich blitzschnell herum. Nun er nicht mehr die Lampe verdeckte, war alles hell.

Güldenfey fühlte einen Stoß, sie sank gegen die Wand, und es hastete an ihr vorüber. Sie eilte auf Marfa zu und umschlang die Regungslose mit barmherzigen Armen: »Liebste, Liebste, welch ein Traum!«

Erst nach langem Zureden fand Marfa die Sprache. »Ein Traum? — Ich glaubte — der Henker — sei — eingetreten — mich — zu holen.«

Vom Hof herauf drang wilder Lärm; der Flüchtling war den Erwachenden in die Arme gelaufen. Telge schlug furchtbar auf ihn ein. Das Blut auf der Schwelle wusch der Regen nicht fort.

Was half das? Der Räuber war ohne Schlag zum Mörder geworden.

Als das Morgenlicht einfiel, brachte Marfa einen toten Knaben zur Welt. —

Wie hieß die Hand, die Macht, die alle Begierden aufpeitschte und jede Bändigung lähmte? Malte stand am Fenster und sah auf den Markt, als es anhob. Es war ein geringfügiger Anlaß.

Die feilgebotenen Fische waren klein. Sie fingen doch auch große! Wo blieben die? Schob man sie dahin, wo der aufgemästete Wucher märchenhafte Preise zahlte? Sind Gräten und Schuppen und Schwänze für uns gut genug?

Die beißenden Reden fielen wie Funken in Zunder.

Plötzlich eine grelle Stimme: »Nehmt sie ihnen doch fort!«

Eine rauhe antwortete: »Tretet sie in den Dreck!«

Vier, sechs, acht Hände griffen zu, stießen, schlugen. Tische stürzten, Wagschalen klirrten. Ein Gelächter flog wie eine Lästerung in die helle Luft, als grobe Stiefel die toten Fische zerstampften.

Die Händler waren geflüchtet. War nicht im Rathaus die Wache? Es rasselte kein Säbel.

Aber die Zerstörer hatten Zulauf an Frauen und Unbärtigen. Man erzählte von der Heldentat mit großen Gesten. Eigentlich war ja jetzt alles getan, aber sollte die kochende Wut schon verdampfen? Nein.

Jetzt ein Wort, das wie ein Schüreisen in die Glut stieß. »So betrügen sie uns alle, die Schufte!« Wer rief das? Die Vorderen sahen sich um: überall heiße Augen, verzerrte Münder. Einen Augenblick Stille!

»Schlagt ihnen doch die Fenster ein!«

Das war das Wort, auf das alle Triebe lauerten; nun sprangen sie an. Ein vielstimmiges Gebrüll antwortete. Es bedurfte keiner weiteren Weisung. Dort lag der nächste Kaufladen, Mehl und Teigwaren in der Auslage; dahin wälzte sich die Masse.

Eine Hand warf hart die Tür zu und drehte den Schlüssel. Im Haufen lachte es roh auf. Eine Stange stieß gegen die Scheibe, ein Stein flog: splitternd barst das Glas, die vorragenden Zacken brach man nieder. Hände, besudelt von Blut und Schmutz, griffen hinein, zerrten heraus, warfen den andern zu, die schreiend auffingen. Das meiste geriet unter die Füße.

»Herr Häberle,« sagte Malte, »wir müssen sofort schließen. Sie fangen an, regelrecht zu plündern.«

Als Herr Häberle, nachdem er selbst die Tür verriegelt und Wache gestellt hatte, an das Fenster trat, war schon der zweite Laden erbrochen.

Aber nein, nach Geld gelüstete es sie nicht. »Nach den Warenhäusern!« rief es. Die Masse flutete ab. Es war ein Ziel gesteckt, die Lust auf Beute war wie ein fressendes Feuer, das gierig um sich leckte.

Gerade als die ersten des abziehenden Zuges die Bogenhalle des Rathauses erreichten, erschienen zwischen den Säulen zwei bewaffnete Polizisten. Drohworte flogen ihnen entgegen. Der eine hob Halt gebietend den Arm. Glaubten sie wirklich, durch ihren bloßen Anblick den rasenden, leidenschaftlichen Strom zu hemmen? Sie wurden lachend zur Seite gedrängt.

Die Straßen boten bald ein seltsames Bild. Geifernde Zerstörungswut war bald in lachendes Berauschtsein gewandelt. Man hatte plötzlich, was man lange entbehrt und ebenso lange verlangend in den Läden betrachtet hatte. Über die Glassplitter zerstörter Fenster fort eilten vergnügt ausschauende Männer und Frauen, die Beutel, Kisten, Tücher und Bekleidungsstücke im Arm trugen. Sie wollten den Raub in Sicherheit bringen, doch keiner hielt es für nötig, ihn zu verbergen.

»Hast du auch was erwischt, Gevaddersche?«

Die Alte öffnete ihre Schürze und ließ hineinsehen. »Geht zum Apollonienmarkt, dort gibt es Schuhe!«

Leute, die sich nie einen Faden unrechtmäßig angeeignet hatten, prahlten mit den geraubten Dingen wie mit vorteilhaften Jahrmarktseinkäufen. Woher kam diese Verwirrung des Sinnes für Gerechtigkeit? Oder war dieser Sinn nie in Schichten gedrungen, deren Gesittung nur in der Furcht vor Strafe bestand?

In der Tat, als um Mittag die bewaffnete Gewalt anrückte, wurde es auf den Trümmerstätten ruhig.

Frauke und Güldenfey konnten den Besuch bei einer alten Verwandten am Nachmittag ausführen. Sie saßen eine Stunde lang unter altfränkischem Hausrat und bewunderten die feinsten Spitzen, die unter den kleinen, mit zahllosen dünnen Ringen geschmückten Händen des ergrauten Fräuleins hervorwuchsen.

»O, ich bin so furchtsam!« sagte sie zum drittenmal in das Gespräch hinein und sah besorgt auf das leere Bauer, in dem der letzte Kanarienvogel während des dritten Kriegssommers trotz ihrer Fürsorge verendet war.

Güldenfey trat an das Fenster und sah hinab; die breite Straße war völlig menschenleer, nur aus der Ferne drang das Geräusch tobender Kinder. »Du kannst beruhigt sein, Tantchen«, sagte sie. »Die Gefahr ist vorbei. Oder soll ich dich zu uns mitnehmen?«

Frauke und Güldenfey gingen. Die Straße war freilich ruhiger denn je, doch nach wenigen Schritten erkannten sie die Ursache dieser Stille: an beiden Enden war die Straße durch Postenketten abgesperrt. In ihrer Mitte standen auf dem Damm Maschinengewehre, die nach links und rechts drohten.

Ein Hauptmann im Stahlhelm trat auf sie zu: Ob die Damen nicht lieber in das Haus zurückkehren wollten; die Straße mußte gesperrt werden, hinter den Posten staue sich die Menge.

»Aber wir müssen nach Hause«, sagte Güldenfey.

»Wir gehen!« fügte Frauke schroff hinzu.

Der Hauptmann zuckte die Schultern. Diese wohlgekleideten Damen sollten ungefährdet durch die tobenden Menschen kommen? dachte er. Sein Befehl schrieb ihm nichts vor. Sie würden schon umkehren!

Je näher sie der Sperrkette kamen, um so mehr vernahmen sie den wüsten Lärm. Das also waren die tobenden Kinder! Die Soldaten standen unbeweglich, die Waffe mit aufgepflanztem Bajonett im Arm. Die auf sie niederströmenden Beschimpfungen, denen sie wehrlos ausgesetzt waren, trieben ihnen das Blut ins Gesicht. Besser war feindliches Trommelfeuer als diese Schmähung der Volksgenossen.

»Henkersknechte seid ihr. Schießt doch, ihr feigen Hunde!«

Das waren die Plünderer, die so schalten.

Zaghaft blieben die Frauen stehen. »Können wir wohl hier weitergehen?«

Ein Soldat trat ein wenig vor. Die Menge wich nicht.

»Bitte, dürfen wir durch?« fragte Güldenfey. »Wir waren hier auf Besuch und wollen nach Hause.«

Schweigen, Trotz. Ein unflätiges Wort drang aus der Menge, eine Lache schlug auf. Güldenfey erbleichte.

»Pöbel!« sägte Frauke mit zusammengebissenen Zähnen.

»O bitte!« Güldenfey hob die Hände. Bat sie um den Durchlaß oder um Verzeihung wegen des bitteren Wortes?

Allein die Männer fletschten grinsend die Zähne. Die Verlegenheit der feinen Damen befriedigte sie aufs höchste.

Plötzlich rief eine helle Kinderstimme: »Vater, laß sie doch gehen. Das ist ja Güldenfey.« Ein blasses Mädchen schob und zwängte sich durch die Menschenwand. »Sie hat uns doch Brot geschenkt!«

»Kennst du mich, Kind?« Güldenfey kniete nieder und legte einen Arm um das Mädchen. In ihrer Stimme jauchzte etwas, nicht befreite Angst, sondern Freude. Sie streichelte das verwirrte Haar. »Wie heiß du bist. Bist du nicht das Lieschen vom Katerberg?«

Wie waren sie alle so still! Soldaten, rauflustige Männer und zeternde Frauen blickten jetzt betroffen, entspannt auf das zärtliche Bild.

»Kommen Sie!« sagte die Kleine und ergriff Güldenfeys Hand.

Die Wand spaltete sich. Kein Wort fiel auf sie. Das Kind leitete sie sicher durch die Menge, die ihnen stumm Platz machte.

»So wären wir also durch den Mob vom Mob gerettet«, sagte Frauke, als sie durch das Tor schritten.

Güldenfey antwortete nicht. Frauke hätte sie doch nicht verstanden. Auf dem Markt nahm sie eiligen Abschied.

Sie eilte wie auf Flügeln nach Hause. Ein Sieg, ein Sieg! Die Menschen, die an ihr vorübergingen und mit einem Blick ihr Gesicht streiften, wunderten sich über den strahlenden Glanz dieser Augen. Sie konnten freilich nicht wissen, daß es der verklärende Schimmer war, den ein feierliches Gelöbnis um den Gelobenden breitet.