Kriegsereignisse bis Ende 1916
Der rumänische Feldzug
Unsere politische Lage Rumänien gegenüber hatte im Verlauf der Kriegsjahre 1915/16 nicht allein an unsere politische Leitung sondern auch an unsere Heeresführung ungewöhnlich hohe Anforderungen gestellt. Es ist eine billige Weisheit, nach dem Eintritt Rumäniens in den Kreis unserer Feinde und angesichts unserer unzureichenden militärischen Vorbereitungen dem neuen Gegner gegenüber ein scharfes Urteil über unsere damals verantwortlichen Stellen und Persönlichkeiten auszusprechen. Solche Urteile, meist ohne Kenntnis der wirklichen Vorgänge auf willkürlichen Behauptungen aufgebaut, erinnern mich an eine Äußerung Fichtes in seinen „Reden an die deutsche Nation“, in welcher er von jener Art von Schriftstellern spricht, die erst nach gegebenen Erfolgen wissen, was da hätte geschehen sollen.
Es dürfte wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß die Entente in unserer Lage die rumänische Gefahr, oder vielleicht besser gesagt, die rumänische militärische Drohstellung spätestens 1915 beseitigt hätte, und zwar mit der Anwendung ähnlicher Mittel, wie sie solche gegen Griechenland in Tätigkeit brachte. Wie es sich später herausstellen sollte, wurde Rumänien im Sommer 1916 durch ein Ultimatum der Entente in den Kriegsstrudel hineingetrieben, indem es aufgefordert wurde, entweder zum sofortigen Angriff zu schreiten [pg 177]oder dauernd auf seine Vergrößerungspläne zu verzichten. Eine ähnliche Lösung war aber politisch zu gewalttätig, als daß sie bei uns ohne dringendste Not Anhänger hätte finden können. Wir glaubten, mit Rumänien säuberlicher verfahren zu sollen, wohl in der Hoffnung, daß es sich sein Grab selbst graben würde. Gewiß trat dies auch ein, aber nach welchen Krisen und Opfern!
Die Beteiligung Rumäniens am Kriege auf der Seite unserer Gegner rückte in greifbare Nähe, als die österreichische Ostfront zusammenbrach. Es wäre vielleicht nicht ausgeschlossen gewesen, daß sich diese Gefahr auch dann noch hätte beschwören lassen, wenn der deutsche Plan eines großen Gegenangriffes gegen den bis zu den Karpathen vorgedrungenen russischen Südflügel hätte verwirklicht werden können. Allein bei den immer erneuten Zusammenbrüchen in den österreichisch-ungarischen Linien kam diese Operation nicht zustande. Die Angriffskräfte verschwanden in Verteidigungsfronten.
Angesichts dieses Verlaufes der Kämpfe an der Ostfront hatte die deutsche Oberste Heeresleitung Mitte August im Einvernehmen mit General Jekoff zu dem Aushilfsmittel gegriffen, mit den bulgarischen Flügelarmeen einen großen Schlag gegen die Ententekräfte bei Saloniki zu führen. Der Gedanke war sowohl politisch wie militärisch durchaus zu billigen. Gelang das Unternehmen, so war zu erwarten, daß Rumänien eingeschüchtert und seine zweifellos vorhandene Hoffnung auf eine Zusammenwirkung mit Sarrail zerstört würde. Rumänien wäre daher vielleicht schon dann zur Ruhe veranlaßt worden, wenn starke bulgarische Kräfte nach einem Siege über Sarrail für beliebige andere Verwendung freigeworden wären. Die deutsche Oberste Heeresleitung geriet freilich gerade durch diesen Angriff der Bulgaren zunächst in einen gewissen militärischen Widerspruch hinein. Da sie nämlich gleichzeitig gezwungen war, Truppen in Nordbulgarien zu versammeln, um auf die täglich stärker werdenden rumänischen Kriegsleidenschaften ernüchternd zu [pg 178]wirken, so wurden Kräfte, die zum Angriff auf Sarrail an der mazedonischen Front hätten Verwendung finden können, aus politischen Gründen an die Donau gezogen. Das Verfahren der deutschen Obersten Heeresleitung wird erklärlich einerseits durch das Vertrauen, das man auf den Angriffswert des bulgarischen Heeres hatte, andererseits durch eine gewisse Unterschätzung der gegnerischen Stärke bei Saloniki. Ganz besonders täuschte man sich über die Bedeutung der dort auftretenden, neugebildeten serbischen Verbände in der Zahl von 6 Infanteriedivisionen.
Der bulgarische Angriff in Mazedonien gelangte zwar mit der linken Flügelarmee bis an die Struma, drang dagegen mit dem rechten Flügel in Richtung auf Vodena nicht durch. Hier blieb das Unternehmen aus Gründen hängen, deren Erörterungen uns an dieser Stelle zu weit führen würden. Die bulgarische Infanterie schlug sich auch bei dieser Gelegenheit im Angriff wieder vortrefflich, freilich mehr heldenhaft als kriegerisch gewandt. Der Ruhm blieb ihr, aber der Erfolg war ihr versagt. Dieser Ausgang des Angriffes in Mazedonien stellte die deutsche Oberste Heeresleitung vor eine neue schwierige Frage. Die rumänische Kriegslust steigerte sich dauernd. Es war zu erwarten, daß die Stockung der bulgarischen Operationen in Mazedonien auf die politischen Kreise in Bukarest kriegsermunternd wirken würde. Sollte die deutsche Oberste Heeresleitung nunmehr den Angriff der Bulgaren endgültig abbrechen lassen, um starke bulgarische Kräfte aus den jetzt wesentlich verkürzten mazedonischen Fronten nach Nordbulgarien zu führen, oder sollte sie es wagen, die an der Donau schon versammelten Streitkräfte nach Mazedonien überzuführen, um hier nochmals zu versuchen, den rumänischen gordischen Knoten mit dem Schwerte durchzuschlagen? Die Kriegserklärung Rumäniens befreite die Oberste Heeresleitung aus diesen Zweifeln.
So also hatte sich die allgemeine Entwicklung der Verhältnisse südlich der Donau gestaltet. Nicht weniger schwierig war die Lage nörd[pg 179]lich der transsylvanischen Alpen geworden. Während nämlich Rumänien offenkundig rüstete, verzehrten die Kämpfe an der deutschen Westfront sowie diejenigen an der österreichischen Ost- und Südwestfront alles, was den Obersten Heeresleitungen irgendwie an Reserven verfügbar schien oder aus nicht angegriffenen Frontteilen noch verfügbar gemacht werden konnte. Gegen Rumänien glaubte man keine Kräfte freimachen zu können. Man vertrat den an sich richtigen Grundsatz, von Streitkräften, die auf den augenblicklichen Schlachtfeldern dringend benötigt waren, nichts aus politischen Gründen brachliegen zu lassen.
So kam es, daß die rumänische Kriegserklärung am 27. August uns dem neuen Feind gegenüber in einer nahezu völlig wehrlosen Lage traf. Ich bin auf diese Entwicklung der Verhältnisse deswegen ausführlicher eingegangen, um die Entstehung der großen Krisis verständlich zu machen, in der wir uns seit dem genannten Tage befanden. Das Bestehen einer solchen kann auch angesichts der späteren erfolgreichen Durchführung des Feldzuges nicht gut bestritten werden.
Wenn auch von seiten des Vierbundes nur unzureichende Vorbereitungen getroffen werden konnten, um der rumänischen Gefahr zu begegnen, so hatten sich doch seine verantwortlichen militärischen Führer selbstredend über die beim eintretenden Kriegsfall zu treffenden Maßnahmen frühzeitig geeinigt. Am 28. Juli 1916 hatte zu diesem Zwecke eine Besprechung der Heereschefs Deutschlands, Österreich-Ungarns und Bulgariens zu Pleß stattgefunden. Sie führte zur Aufstellung eines Kriegsplanes, in dessen entscheidender Ziffer 2 es wörtlich heißt:
„Schließt Rumänien sich der Entente an: schnellstes, kräftigstes Vorgehen, um Krieg von bulgarischem Boden sicher, von österreichisch-ungarischem, soweit irgend möglich, fernzuhalten und nach Rumänien hineinzutragen. Hierzu
a) demonstrative Operationen deutscher und österreichischer Truppen von Norden her, zwecks Fesselung starker rumänischer Kräfte;
b) Vorstoß bulgarischer Kräfte von der Dobrudschagrenze gegen die Donauübergänge von Silistria und Tutrakan zum Schutze der rechten Flanke der Hauptkräfte;
c) Bereitstellung der Hauptkräfte zum Übergang über die Donau bei Nikopoli zwecks Offensive gegen Bukarest.“
In einer kurz darauf folgenden Zusammenkunft mit Enver Pascha in Budapest wurde auch die Teilnahme der Türken an einem etwaigen rumänischen Feldzug festgelegt. Enver verpflichtete sich zur baldigen Bereitstellung von zwei osmanischen Divisionen für den Einsatz auf der Balkanhalbinsel.
Dieser Kriegsplan gegen Rumänien erfuhr, so lange mein Vorgänger noch die Zügel der Heeresleitung in der Hand hatte, keine Änderung. Wohl aber fand noch ein wiederholter Gedankenaustausch darüber zwischen den einzelnen Feldheereschefs statt. Auch Generalfeldmarschall von Mackensen, der zur Führung der südlich der Donau bereitgestellten Kräfte bestimmt war, wurde zur Sache gehört. Bei diesen Gelegenheiten zeichneten sich zwei Gedankenrichtungen deutlich ab. Generaloberst von Conrad vertrat diejenige eines rücksichtslosen sofortigen Vorgehens auf Bukarest, General Jekoff diejenige eines Feldzugsbeginns in der Dobrudscha. Die Kräfte südlich der Donau waren bei Kriegsausbruch noch viel zu schwach, um die an dieser Front beabsichtigte Doppelaufgabe, nämlich Donauübergang und Angriff gegen Silistria und Tutrakan, gleichzeitig durchführen zu können.
Am 28. August erging von meinem Vorgänger an Generalfeldmarschall von Mackensen der Befehl zum baldmöglichsten Angriff. Richtung und Ziel blieben dem Feldmarschall überlassen.
So fand ich am 29. August bei der Übernahme der Operationsleitung die militärische Lage gegenüber Rumänien. Sie war schwierig.
Wahrlich, noch niemals war einem verhältnismäßig so kleinen Staatswesen wie Rumänien, eine weltgeschichtliche Entscheidungsrolle von gleicher Größe in einem ebenso günstigen Augenblicke in [pg 181]die Hände gelegt. Noch niemals waren starke Großmächte wie Deutschland und Österreich in gleicher Gebundenheit der Kraftentfaltung eines Landes ausgeliefert, das kaum ein Zwanzigstel der Bevölkerung der beiden Großstaaten zählte, wie im jetzt vorliegenden Falle. Auf Grund der Kriegslage hätte man annehmen können, daß Rumänien nur zu marschieren brauchte, wohin es wolle, um den Weltkampf zugunsten derjenigen Staaten zu entscheiden, die seit Jahren vergeblich gegen uns anstürmten. Alles schien davon abzuhängen, ob Rumänien gewillt war, von seiner augenblicklichen Stärke einigermaßen Gebrauch zu machen.
Nirgends schien diese Tatsache klarer erkannt, lebhafter gefühlt und mehr gefürchtet zu werden, als in Bulgarien. Seine Regierung zögerte mit dem Kriegsentschluß. Darf ihr daraus ein Vorwurf gemacht werden? Als dann aber am 1. September der bulgarische Kriegsentschluß zu unseren Gunsten gefallen war, trat das Land mit all seinen Kräften und mit dem ganzen Haß seiner Volksseele, der im Jahre 1913 aus dem rumänischen Überfall in den Rücken des gegen Serbien und Griechenland schwer ringenden Landes entsprungen war, an unsere Seite. Der mörderische Tag von Tutrakan gab den ersten Beweis für die kriegswillige Stimmung unseres Bundesgenossen.
Der vorhandene Kriegsplan hatte angesichts unserer mangelnden Vorbereitungen zunächst naturgemäß jede Bedeutung verloren. Der Gegner verfügte fürs erste über die volle Freiheit des Handelns. Bei seiner Kriegsbereitschaft und seiner zahlenmäßigen Stärke, die durch die uns bekannte russische Hilfe noch wesentlich gesteigert wurde, war zu befürchten, daß unsere eigenen Mittel nicht ausreichen würden, der rumänischen Heeresleitung vorerst diese Freiheit wesentlich zu beschränken. Wohin der Rumäne auch seine Operationen richten wollte, ob über das transsylvanische Gebirge gegen Siebenbürgen oder aus der Dobrudscha gegen Bulgarien, überall schienen ihm große Ziele und leichte Erfolge zu winken. Ganz besonders glaubte ich [pg 182]rumänisch-russische Offensivbewegungen gegen Süden befürchten zu sollen. Selbst Bulgaren hatten darüber Zweifel ausgesprochen, ob ihre Soldaten gegen die Russen kämpfen würden. Das feste Vertrauen des Generals Jekoff in dieser Richtung – ich sprach an früherer Stelle schon davon – wurde in Bulgarien keineswegs allgemein geteilt. Es war nicht zu bezweifeln, daß unsere Gegner mit dieser russenfreundlichen Stimmung wenigstens eines starken Teiles der bulgarischen Armee rechnen würden. Ganz abgesehen aber auch hiervon lag es für Rumänien nahe, durch einen Angriff nach Süden der Armee Sarrails die Hand zu reichen. Wie mußte alsdann unsere Lage werden, wenn es den Gegnern auch nur gelang, unsere Verbindung mit der Türkei, ähnlich wie das vor Durchführung der Operation gegen Serbien der Fall gewesen, erneut zu unterbrechen oder gar Bulgarien von unserem Bündnis abzusprengen? Eine abermals isolierte Türkei, gleichzeitig bedroht aus Armenien und Thrazien, ein fast hoffnungslos gewordenes Österreich-Ungarn hätten einen solchen Umschwung der Lage zu unseren Ungunsten nimmermehr überwunden.
Das von meinem Vorgänger angeordnete sofortige Vorgehen Mackensens entsprach durchaus dem Gebot der Stunde. Eine Überschreitung der Donau mit den in Nordbulgarien verfügbaren Kräften konnte hierbei freilich nicht in Frage kommen. Es genügte aber schon, wenn wir dem Gegner die Vorhand in der Dobrudscha abgewannen und seine Feldzugspläne dadurch verwirrten. Um letzteres Ziel wirklich und durchgreifend zu erreichen, durften wir den Angriff des Feldmarschalls aber nicht auf die Gewinnung von Tutrakan und Silistria beschränken. Wir mußten vielmehr durch eine weitgehendere Ausnützung von Erfolgen in der Süddobrudscha bei der rumänischen Heeresführung Besorgnis für den Rücken ihrer an der siebenbürgischen Grenze eingesetzten Hauptkräfte zu erregen suchen. Und wirklich gelang uns dies. Angesichts des Vordringens des Feldmarschalls bis in bedrohliche Nähe der [pg 183]Linie Constanza-Czernavoda sah sich die rumänische Führung veranlaßt, Kräfte aus ihrer gegen Siebenbürgen gerichteten Operation nach der Dobrudscha zu entsenden. Sie versuchte sogar durch Einsatz weiterer frischer Kräfte, der Offensive Mackensens über Rahowo, donauabwärts Rusčuk, in den Rücken zu gehen. Auf dem Papier ein schöner Plan! Ob dieser dem rumänischen Gedankenkreis oder demjenigen eines seiner Verbündeten entsprang, ist bis heute nicht bekannt. Nach den Erfahrungen, die wir bis zu dem Tage dieses Rahowo-Intermezzos, dem 2. Oktober, mit den Rumänen gemacht hatten, hielt ich das Unternehmen für mehr als kühn und dachte mir nicht nur, sondern sprach es auch aus: „Man verhafte diese Truppen!“ Dieser Wunsch, in entsprechende Befehlsworte gekleidet, wurde auch von den Deutschen und Bulgaren bestens erfüllt. Von dem Dutzend rumänischer Bataillone, die bei Rahowo das südliche Donauufer betreten hatten, sahen während des Krieges nur einzelne Leute die Heimat wieder.
Das Verhängnis brach über Rumänien herein, weil seine Armee nicht marschierte, weil seine Führung nichts verstand, und weil es uns doch noch gelang, ausreichende Kräfte in Siebenbürgen rechtzeitig zu versammeln.
Ausreichend? Gewiß ausreichend für diesen Gegner! Tollkühn wird man uns vielleicht einmal nennen, wenn man die Stärkeverhältnisse vergleichen wird, unter denen wir gegen das rumänische Heer zum Angriff schritten, und mit denen General von Falkenhayn am 29. September den westlichen rumänischen Flügel bei Hermannstadt zerrieb.
Aus der Schlacht von Hermannstadt wirft der General dann seine Armee nach Osten herum. Er rückt unter Nichtachtung der ihm durch rumänische Überlegenheit und günstige gegnerische Lage nördlich des oberen Alt drohenden Gefahr mit der Masse seiner Truppen südlich des genannten Flusses am Fuße des Gebirges entlang gegen Kronstadt vor. Der Rumäne stutzt, [pg 184]verliert das Vertrauen zur eigenen Überlegenheit wie zum eigenen Können, vergißt die Ausnutzung der ihm immer noch günstigen Kriegslage und macht auf der ganzen Front Halt. Damit tut er aber auch schon den ersten Schritt rückwärts. General von Falkenhayn reißt die Vorhand nunmehr völlig an sich, zertrümmert südlich des Geisterwaldes den gegnerischen Widerstand und marschiert weiter. Der Rumäne weicht nunmehr allenthalben aus Siebenbürgen, nicht ohne am 8. Oktober bei Kronstadt noch eine blutige Niederlage erlitten zu haben. So geht er denn auf den schützenden Wall seiner Heimat zurück. Unsere demnächstige Aufgabe ist es, diesen Wall zu überschreiten. Wir halten zuerst an der Hoffnung fest, die bisherigen taktischen Erfolge strategisch dahin auswerten zu können, daß wir von Kronstadt unmittelbar auf Bukarest durchbrechen. Mögen auch das wilde Hochgebirge und die feindliche Überlegenheit unsere wenigen und schwachen Divisionen vor eine sehr schwere Aufgabe stellen, die Vorteile dieser Vormarschrichtung sind zu groß, als daß wir den Versuch unterlassen dürften. Er gelingt nicht, so tapfer auch unsere Truppen um jede Kuppe, jeden Felshang, ja jeden Felsblock kämpfen. Unsere Bewegung stockt völlig, als am 18. Oktober ein rauher Frühwinter die Berge in Schnee hüllt und die Straßen zu Eisrinnen verwandelt. Unter unsäglichen Entbehrungen und Leiden halten unsere Truppen wenigstens die gewonnenen Gebirgsteile, bereit, sich weiter durchzuringen, wenn die Zeit und Gelegenheit dazu kommen wird.
Die bisherigen Erfahrungen weisen darauf hin, andere Wege in das walachische Tiefland zu suchen als diejenigen, die von Kronstadt aus über den breitesten Teil der transsylvanischen Alpen führen. General von Falkenhayn schlägt den Durchbruch über den westlicher gelegenen Szurdukpaß vor. Die Richtung ist freilich strategisch weniger wirkungsvoll, aber unter den jetzigen Verhältnissen die taktisch und technisch einzig mögliche. So brechen wir über diesen Paß am 11. November in Rumänien ein.
Inzwischen hat sich Generalfeldmarschall von Mackensen südlich der Donau bereitgestellt, um dem nördlichen Einbruch von Süden her die Hand zu reichen. Er hatte am 21. Oktober die russisch-rumänische Armee südlich der Linie Constanza-Czernavoda gründlich geschlagen. Am 22. Oktober war Constanza in die Hand der dritten bulgarischen Armee gefallen. Der Gegner weicht von da ab unaufhaltsam nach Norden. Wir aber lassen die Bewegung einstellen, sobald nördlich der erwähnten Eisenbahn eine Verteidigungslinie erreicht wird, die mit geringen Kräften behauptet werden kann. Alles, was dort an Truppen entbehrlich ist, rückt gegen Sistow. Verlockend war ja der Gedanke, sofort die ganze Dobrudscha in die Hand zu nehmen und dann bei Braila im Rücken der rumänischen Hauptmacht in das nördliche Donaugebiet einzubrechen. Allein, wie sollten wir das notwendige Brückenmaterial in die nördliche Dobrudscha bringen? Eisenbahnen bestehen dorthin nicht, und den Wasserweg versperren die rumänischen Batterien vom Nordufer der Donau. Wir müssen dem Schicksal dankbar sein, daß diese nicht schon längst unseren einzigen verfügbaren schweren Brückentrain bei Sistow in Trümmer geschossen haben, der, seit Monaten im Bereich der feindlichen Geschützwirkung, nur durch einen für uns nicht aufklärbaren Fehler des Gegners der Zerstörung entgangen ist. So können wir wenigstens dort den Stromübergang im Auge behalten.
Im Morgengrauen des 23. November gewinnt Generalfeldmarschall von Mackensen das nördliche Donauufer. Das erstrebte Zusammenwirken zwischen ihm und General von Falkenhayn ist erreicht. Auf dem Schlachtfeld am Argesch findet es seine Krönung in der Zertrümmerung der rumänischen Hauptkräfte. Der Schlußakt vollzieht sich am 3. Dezember. Bukarest fällt widerstandslos in unsere Hand.
Am Abend dieses Tages schließe ich den gemeinsamen Vortrag über die Kriegslage mit den Worten: „Ein schöner Tag.“ Als ich später in die Winternacht hinaustrete, beginnt von den Kirchtürmen [pg 186]des Städtchens Pleß das Dankgeläute für den großen neuen Erfolg. Ich hatte längst aufgehört, in solchen Augenblicken an anderes zu denken als an die wunderbaren Leistungen unseres braven Heeres, und einen anderen Wunsch zu hegen, als daß diese Leistungen uns dem endlichen Abschluß des schweren Ringens und der großen Opfer nahe brächten.
Den Gewinn der rumänischen Hauptstadt hatten wir uns freilich etwas kriegerischer vorgestellt. Wir hatten Bukarest für eine mächtige Festung gehalten, hatten schwerstes Artilleriematerial zu ihrer Bezwingung herangeführt, und nun zeigte sich der berühmte Waffenplatz als offene Stadt. Kein Geschütz krönt mehr die mächtigen Wälle der Forts, und die Panzerkuppeln haben sich in Holzdeckel verwandelt. Unsere vom Feinde so viel verschrieene Friedensspionage hatte nicht einmal dazu ausgereicht, die Entfestigung von Bukarest vor dem Beginn des rumänischen Feldzuges festzustellen.
Das Schicksal Rumäniens hatte sich mit dramatischer Wucht vollzogen. Die ganze Welt mußte sehen, und Rumänien sah es wohl auch selbst, daß kein leerer Schall in dem alten Landsknechtvers lag:
Wer Unglück will im Kriege han,
Der binde mit dem Deutschen an.
Mit Anführung dieses Verses will ich aber nicht die Mitwirkung Österreich-Ungarns, der Türkei und Bulgariens an diesem großen und schönen Unternehmen irgendwie verkleinern. Unsere Bundesgenossen waren alle zur Stelle und hatten treulich mitgeholfen an dem großen mannhaften Werke. Rumänien, in dessen Hand das Schicksal der Welt gelegen hatte, mußte froh sein, daß seine Heerestrümmer durch russische Hilfe vor Vernichtung bewahrt wurden. Sein Traum, daß noch einmal, wie im Jahre 1878 auf dem Schlachtfelde von Plewna, der Russe ihm in pflichtmäßiger Dankbarkeit, wenn auch mit bitterem Gefühl im Herzen, die Hand für die erwiesenen Dienste drücken müßte, hatte sich in das grausame Gegenteil verkehrt. Die Zeiten hatten sich gewandelt.
Meinem Allerhöchsten Kriegsherrn hatte ich Ende Oktober 1916 meine Anschauung dahin ausgesprochen, daß wir am Ende des Jahres den rumänischen Feldzug beendet haben würden. Am 31. Dezember konnte ich Seiner Majestät melden, daß unsere Truppen den Sereth erreicht hätten, und daß die Bulgaren am Südufer des Donaudeltas stünden. Die gesteckten Ziele waren erreicht.
Kämpfe an der mazedonischen Front
Die Schwierigkeiten unserer Kriegslage im Herbste 1916 wurden durch den Fortgang der Kämpfe an der mazedonischen Front nicht unwesentlich erhöht.
Die Armee Sarrails hätte jeden Anspruch auf Daseinsberechtigung verloren, wenn sie nicht im Augenblick der rumänischen Kriegserklärung auch ihrerseits die Offensive ergriffen hätte. Ihr Vorgehen erwarteten wir im Wardartal. Wäre sie hier bis in die Gegend von Gradsko vorgedrungen, so hätte sie das Zentrum der wichtigsten bulgarischen Verbindungen in Besitz genommen und hätte auch das Verbleiben der Bulgaren in der Gegend von Monastir unmöglich gemacht. Sarrail wählte die unmittelbare Angriffsrichtung auf Monastir, vielleicht durch besondere politische Gründe veranlaßt.
Die bulgarische rechte Flügelarmee wurde durch diese Offensive aus ihren Stellungen, die sie beim Angriff im August südlich Florina gewonnen hatte, zurückgeworfen. Sie verlor im weiteren Verlauf der Kämpfe Monastir, behauptete sich aber dann.
Wir waren hierdurch genötigt gewesen, den Bulgaren Unterstützungen aus unseren Kampffronten zuzuführen, Unterstützungen, die meist für den rumänischen Feldzug bestimmt gewesen waren. War die Größe dieser Hilfe im Verhältnis zur gesamten Stärke unseres Heeres auch nicht sehr bedeutend – es waren gegen 20 Bataillone sowie zahlreiche schwere und Feldbatterien – so traf uns diese Abgabe [pg 188]doch in einer außerordentlich kritischen Zeit, in der wir tatsächlich mit jedem Mann und jedem Geschütz geizen mußten.
Wie wir, so leistete auch die Türkei dem verbündeten Bulgarien in diesen schweren Kämpfen bereitwilligst Hilfe. Enver Pascha stellte über die für den rumänischen Krieg versprochene Unterstützung hinaus ein ganzes türkisches Armeekorps zur Ablösung bulgarischer Truppen an der Strumafront zur Verfügung. Diese Unterstützung wurde von bulgarischer Seite ungern gesehen, da man befürchtete, es würden sich daraus unangenehme türkische Ansprüche auf politischem Gebiet geltend machen. Enver Pascha versicherte uns jedoch ausdrücklich, daß er solches verhindern würde. Es war ja begreiflich, daß Bulgarien deutsche Unterstützung der osmanischen vorgezogen hätte, unbegreiflich aber war es, daß man in Sofia nicht einsehen wollte, wie wenig Deutschland in dieser Zeit imstande war, seine Kräfte noch weiter anzuspannen.
Der Verlust Monastirs war nach meiner Auffassung ohne militärische Bedeutung. Die freiwillige Zurücknahme des bulgarischen rechten Heeresflügels in die außerordentlich starken Stellungen bei Prilep wäre von großem militärischen Vorteil gewesen, weil alsdann die bulgarische Heeresversorgung ganz wesentlich erleichtert, diejenige unserer Gegner um vieles erschwert worden wäre. Gerade die ungeheuren Schwierigkeiten in den rückwärtigen Verbindungen hatten auf bulgarischer Seite die in den Kämpfen wiederholt eingetretenen Krisen wesentlich mitverschuldet. Die Truppen mußten tagelang hungern und litten zeitweise auch Mangel an Schießbedarf. Wir haben unter Hintansetzung eigener Interessen mit allen Mitteln versucht, den Bulgaren die Schwierigkeiten in dieser Richtung zu erleichtern. Die Größe der zurückzulegenden Wegesstrecken, die Wildheit und Unkultur des Gebirgslandes erschwerten die Lösung dieser Aufgabe ungemein.
Bei den Kämpfen um Monastir hatten die Bulgaren zum ersten Male in schweren Verteidigungsschlachten gestanden. Hatten die [pg 189]bisherigen Nachrichten unserer Offiziere über die Haltung des bulgarischen Heeres den glänzenden Geist des Soldaten beim Angriff gerühmt, so trat jetzt bei diesem eine gewisse Empfindlichkeit gegenüber einem länger andauernden feindlichen Artilleriefeuer in die Erscheinung. Diese Wahrnehmung mochte überraschen, man konnte sie aber bei allen Völkern, sowohl auf feindlicher als auch auf unserer Seite bestätigt finden, die mit sogenannter unverdorbener Naturkraft in den Krieg traten. Es macht den Eindruck, als ob die modernen Angriffsmittel in ihren nervenzerstörenden Wirkungen für durchhaltende Verteidigung eine Zugabe zu dieser Naturkraft verlangen, die nur durch eine höhere Willenskultur geliefert werden kann. In der Hauptmasse unseres deutschen Soldatenmaterials scheint die richtige Mischung von sittlicher und körperlicher Kraft vorhanden zu sein, die unsere Truppen in Verbindung mit unserer militärischen Willensschulung in den Stand setzt, den gewaltigen Eindrücken eines modernen Kampfes erfolgreich Widerstand zu leisten. Der Oberbefehlshaber des bulgarischen Heeres hatte das richtige Gefühl für die eben erwähnte Empfindlichkeit seiner Soldaten. Er äußerte darüber in soldatischer Offenheit seine Sorgen, wenn er auch weit davon entfernt war, eine ängstliche Natur zu sein.
Auf den asiatischen Kriegsschauplätzen
Durch die Stellung, die der deutsche Chef des Generalstabes des Feldheeres nunmehr innerhalb der gesamten Kriegsleitung einnahm, wurden wir auch zur Beschäftigung mit den Vorgängen auf den asiatischen Kriegsschauplätzen veranlaßt. Zur Zeit der Anwesenheit Enver Paschas in unserem Großen Hauptquartier Anfang 1917 glaubten wir die Lage in Asien folgendermaßen beurteilen zu können:
Die russische Offensive in Armenien war nach der Gewinnung der Linie Trapezunt-Erzinghan zum Stillstand gekommen. Die [pg 190]türkische Offensive, die im Sommer dieses Jahres von Süden her aus Richtung Diabekr gegen die linke Flanke dieses russischen Vorgehens angesetzt war, kam infolge der außerordentlichen Geländeschwierigkeiten und der ganz ungenügenden Nachschubmöglichkeiten nicht vorwärts. Es war jedoch zu erwarten, daß die Russen in diesem Jahre mit Rücksicht auf den im armenischen Hochlande früh eintretenden Winter ihre weiteren Angriffe bald endgültig einstellen würden.
Die Gefechtskraft der beiden türkischen Kaukasusarmeen war aufs äußerste zurückgegangen, einzelne Divisionen bestanden nur noch dem Namen nach. Entbehrungen, blutige Verluste, Fahnenflucht hatten verheerend auf die Truppenbestände gewirkt. Mit schweren Sorgen sah Enver Pascha dem kommenden Winter entgegen. Es fehlte seinen Truppen die notwendigste Bekleidung; dazu bot die Ernährung der Armeen in diesen armen, großenteils entvölkerten und verwüsteten Gebieten außerordentliche Schwierigkeiten. Bei dem Mangel an Zug- und Tragtieren mußten den osmanischen Soldaten in dem öden, wegarmen Gebirgslande die Kampf- und Lebensbedürfnisse durch Trägerkolonnen in vielen Tagemärschen zugeführt werden. Weiber und Kinder fanden dabei einen mageren Verdienst, aber auch oft den Tod.
Besser waren die Verhältnisse zu dieser Zeit im Irak. Dort war der Engländer augenblicklich in dem Ausbau seiner rückwärtigen Verbindungen noch nicht so weit vorgeschritten, um schon jetzt zur Rache für Kut-el-Amara schreiten zu können. Daß er eine solche nehmen würde, war für uns zweifellos. Ob alsdann die türkische Macht im Irak hinreichte, um dem englischen Angriff erfolgreich zu widerstehen, vermochten wir nicht zu beurteilen. Trotz der sehr optimistischen Anschauungen der osmanischen Obersten Heeresleitung ermahnten wir zu Verstärkung der dortigen Truppen. Leider ließ sich aber die Türkei aus politischen und panislamitischen Gründen verführen, ein ganzes Armeekorps nach Persien hineinzuschicken.
Der dritte asiatische Kriegsschauplatz, nämlich derjenige in Südpalästina, gab Veranlassung zu unmittelbarer Sorge. Die zweite gegen den Suez-Kanal gerichtete türkische Unternehmung war Anfang August 1916 in der Mitte des nördlichen Teiles der Sinai-Halbinsel gescheitert. Daraufhin waren die türkischen Truppen allmählich aus diesem Gebiete hinausgedrängt worden und standen jetzt im südlichen Teile Palästinas in der Gegend von Gaza. Die Frage, ob und wann sie auch hier angegriffen würden, schien lediglich von dem Zeitpunkt abzuhängen, an dem die Engländer ihre Eisenbahn aus Ägypten bis hinter ihre Truppen ausgebaut hatten.
Der somit drohende Angriff auf Palästina schien für den militärischen und politischen Bestand der Türkei weit gefährlicher als ein solcher auf das fernab liegende Mesopotamien. Man mußte annehmen, daß der Verlust von Jerusalem – ganz abgesehen davon, daß er voraussichtlich den Verlust des ganzen südlichen Arabiens nach sich zog – die jetzige türkische Politik vor eine Belastungsprobe stellen würde, die sie nicht ertragen könnte.
Leider waren die operativen Verhältnisse für die osmanische Kriegführung in Südsyrien nicht wesentlich besser als in Mesopotamien. Hier wie dort litten die Türken, im schärfsten Gegensatz zu ihren Gegnern, unter solch außerordentlichen Schwierigkeiten der rückwärtigen Verbindungen, daß eine wesentliche Verstärkung ihrer Streitkräfte über den jetzigen Stand hinaus den Hunger, ja selbst den Durst für alle bedeutet hätte. Die Verpflegungsverhältnisse waren auch in Syrien zeitweise trostlos. Zu ungünstigen Ernten, ungewolltem und gewolltem Versagen der verantwortlichen Stellen kam die nahezu durchweg feindliche Haltung der arabischen Bevölkerung.
Zahlreiche wohlgemeinte Darlegungen suchten mich im Laufe des Krieges von der Notwendigkeit zu überzeugen, daß Mesopotamien und Syrien mit stärkeren Kräften verteidigt, ja daß hier wie dort zum Angriff übergegangen werden müßte. Das Interesse [pg 192]weiter deutscher Kreise an diesen Kriegsschauplätzen war groß. Augenscheinlich irrten die Gedanken uneingestandenermaßen vielfach über Mesopotamien durch Persien, Afghanistan nach Indien und von Syrien nach Ägypten. Man träumte im stillen an der Hand der Karten, daß wir auf diesen Landwegen an den Lebensnerv der uns so gefährlichen britischen Weltmachtstellung herankämen. Vielleicht lag in solchen Gedanken oft unbewußt das Wiedererwachen früherer napoleonischer Pläne. Zu ihrer Durchführung fehlte uns aber die erste Vorbedingung derartiger weitgreifender Operationen, nämlich genügend leistungsfähige Nachschublinien.
Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916
Während wir Rumänien niederschlugen, dauerten die Angriffe der Russen in den Karpathen und in Galizien ununterbrochen an. Von russischer Seite war nicht beabsichtigt gewesen, dem neuen Bundesgenossen bei seinem Angriff auf Siebenbürgen unmittelbar zu unterstützen, wohl aber sollte diese rumänische Operation durch ununterbrochene Fortsetzung der bisherigen russischen Angriffe gegen die galizische Front erleichtert werden. Unmittelbare Hilfe gewährten die Russen den Rumänen dagegen in der Dobrudscha, und zwar von Anfang an. Die Gründe hierfür lagen ebensosehr auf politischem wie militärischem Gebiete; Rußland rechnete zweifellos sehr stark mit russophilen Neigungen innerhalb der bulgarischen Armee. Daher versuchten auch bei Beginn der Kämpfe in der Süddobrudscha russische Offiziere und Truppen, sich den Bulgaren als Freunde zu nähern, und waren bitter enttäuscht, als die Bulgaren mit Feuer antworteten. Dazu kam, daß Rußland zwar ohne politische Eifersucht zusehen konnte, wenn Rumänien sich in den Besitz von Siebenbürgen setzte, aber nicht dulden durfte, daß der neue Verbündete [pg 193]selbständig Bulgarien auf die Knie warf und dann möglicherweise noch den Weg nach Konstantinopel einschlug oder wenigstens freimachte. Galt doch die Eroberung der türkischen Hauptstadt seit Jahrhunderten als historisches und religiöses Vorrecht Rußlands.
Es mag dahingestellt bleiben, ob es von russischer Seite klug war, den Rumänen ohne unmittelbare Unterstützung, sei es auch nur durch etliche russische Kerntruppen, die Operation nach Siebenbürgen allein zu überlassen. Man überschätzte dabei jedenfalls die Leistungsfähigkeit der rumänischen Armee und ihrer Führung und ging von der irrigen Ansicht aus, daß die Kräfte der Mittelmächte an der Ostfront durch die russischen Angriffe vollständig gebunden, ja sogar erschöpft seien.
Diese Angriffe erreichten zwar ihren Zweck nicht in vollem Umfange, stellten uns aber immerhin wiederholt vor nicht unbedenkliche Krisen. Die Lage wurde zeitweise so mißlich, daß wir befürchten mußten, unsere Verteidigung würde von den Karpathenkämmen heruntergeworfen werden. Deren Behauptung war aber für uns eine Vorbedingung zur Durchführung unseres Aufmarsches und unserer ersten Operationen gegen den neuen Feind. Auch in Galizien mußten wir den Russen mit allen Mitteln aufhalten. Eine Preisgabe weiterer dortiger Gebietsteile würde an sich für unsere Gesamtlage von geringer militärischer Bedeutung gewesen sein, wenn nicht hinter unserer galizischen Stellung die für uns so kostbaren, ja für die Kriegführung unentbehrlichen Ölfelder gelegen hätten. Wiederholt mußten aus diesen Gründen für den Angriff gegen Rumänien bestimmte Truppenverbände gegen die ins Wanken geratenen Frontteile abgedreht werden.
Wenn auch die kritischen Lagen schließlich immer wieder überwunden und unser Feldzug gegen Rumänien einem glücklichen Abschluß entgegengeführt wurde, so kann man doch nicht behaupten, daß die russischen Entlastungsangriffe ihren großen operativen Zweck völlig verfehlt hätten. Rumänien unterlag wahrlich nicht durch die Schuld seiner Verbündeten. Die Entente tat im Gegen[pg 194]teil alles, was sie nach der Lage und ihren Kräften tun konnte, und zwar nicht nur im unmittelbaren Anschluß an das rumänische Heer, sondern auch mittelbar durch die Angriffe Sarrails in Mazedonien, durch die italienischen Angriffe am Isonzo und schließlich auch durch die Fortsetzung der englisch-französischen Anstürme im Westen.
Wir hatten, wie ich schon früher andeutete, von Anfang an damit gerechnet, daß der Gegner mit dem Eintritt Rumäniens in den Krieg seine Angriffe auch gegen unsere Westfront mit aller Kraft, mit englischer Zähigkeit und französischem Elan fortführen würde. Dies trat auch ein.
Unsere Führereinwirkung auf diese Kämpfe war einfach. An einen Entlastungsangriff konnten wir mangels genügender Kräfte weder bei Verdun noch an der Somme denken, so sehr auch ein solcher meinen eigenen Neigungen entsprochen hätte. Kurz nach der Übernahme der Obersten Heeresleitung sah ich mich auf Grund der Gesamtlage gezwungen, Seiner Majestät dem Kaiser den Befehl zur Einstellung unserer Angriffe bei Verdun zu unterbreiten. Die dortigen Kämpfe zehrten wie eine offene Wunde an unseren Kräften. Es ließ sich auch klar überblicken, daß das Unternehmen in jeder Hinsicht aussichtslos geworden war und seine Fortsetzung uns weit größere Verluste kostete, als wir dem Gegner beizubringen imstande waren. Unsere vordersten Stellungen lagen in allseitig flankierendem Feuer übermächtiger gegnerischer Artillerie; die Verbindungen zu den Kampflinien waren außerordentlich schwierig. Das Schlachtfeld war eine wahre Hölle und in diesem Sinne bei der Truppe geradezu berüchtigt. Jetzt in rückschauender Betrachtung stehe ich nicht an, zu sagen, daß wir aus rein militärischen Gründen gut daran getan hätten, die Kampfverhältnisse vor Verdun nicht nur durch Beendigung der Offensive sondern auch durch freiwilliges Aufgeben noch größerer Teile des eroberten Geländes als geschehen zu bessern. Im Herbste 1916 glaubte ich jedoch davon Abstand nehmen zu müssen. [pg 195]Für das Unternehmen war eine große Masse unserer besten Kampfkraft geopfert worden; die Heimat war bis dahin in Erwartung auf einen endlichen ruhmreichen Ausgang des Angriffs erhalten worden. Nur zu leicht konnte jetzt der Eindruck hervorgerufen werden, als ob alle Opfer umsonst gebracht seien. Das wollte ich in dieser an sich schon so sehr gespannten heimatlichen Stimmung vermeiden.
Unsere Hoffnung, daß mit der Einstellung unseres Angriffes bei Verdun auch der Gegner dort im wesentlichen zum reinen Stellungskrieg übergehen würde, erfüllte sich nicht. Ende Oktober brach der Franzose auf dem Ostufer der Maas zu einem großangelegten, kühn durchgeführten Gegenstoß vor und überrannte unsere Linien. Wir verloren Douaumont und hatten keine Kräfte mehr, um diesen Ehrenpunkt deutschen Heldentums wieder zu nehmen.
Der französische Führer hatte sich bei diesem Gegenstoß von der bisherigen Gepflogenheit einer tage- oder gar wochenlangen Artillerievorbereitung freigemacht. Er hatte seinen Angriff durch Steigerung der Feuergeschwindigkeit seiner Artillerie und Minenwerfer bis zur äußersten Grenze der Leistungsfähigkeit von Material und Bedienung nur kurze Zeit vorbereitet und war dann gegen den schlagartig körperlich und seelisch niedergedrückten Verteidiger sofort zum Angriff übergegangen. Wir hatten diese Art gegnerischer Angriffsvorbereitung wohl schon innerhalb des Rahmens der langen Dauerschlachten kennengelernt, aber als Eröffnung einer großen Angriffshandlung war sie für uns neu und verdankte vielleicht gerade diesem Umstand ihren ohne Zweifel bedeutenden Erfolg. Im großen und ganzen schlug uns der Gegner diesmal mit unserem eigenen bisherigen Angriffsverfahren. Wir konnten nur hoffen, daß er es im kommenden Jahre nicht mit gleichem Erfolg in noch größerem Umfang wiederholen würde.
Die Kämpfe bei Verdun erstarben erst im Dezember.
Die Sommeschlacht hatte auch von Ende August ab den Charakter eines außerordentlich erbitterten, rein frontalen Abringens der [pg 196]beiderseitigen Kräfte gezeigt. Die Aufgabe der Obersten Heeresleitung konnte nur darin bestehen, den Armeen die nötigen Kräfte zum Durchhalten zur Verfügung zu stellen.
Man gab dieser Art von Kämpfen bei uns den Namen „Materialschlachten“. Man könnte sie vom Standpunkt des Angreifers aus auch als „Taktik eines Rammklotzes“ bezeichnen, denn es fehlte ihrer Führung jeder höhere Schwung. Die mechanischen und materiellen Elemente des Kampfes waren in den Vordergrund geschoben, während die geistige Führung allzusehr in den Hintergrund trat.
Wenn es unseren westlichen Gegnern in den Kämpfen von 1915 bis 1917 nicht gelang, ein entscheidendes Feldzugsergebnis zu erreichen, so lag das im wesentlichen an einer gewissen Einseitigkeit der dortigen Führung. An der nötigen zahlenmäßigen Überlegenheit an Menschen, Kriegsgerät und Schießbedarf fehlte es dem Feinde wahrlich nicht; auch kann man nicht behaupten, daß die Güte der gegnerischen Truppen den Anforderungen einer tätigeren und gedankenreicheren Führung nicht hätte genügen können. Außerdem war für unsere Feinde im Westen bei dem reichentwickelten Eisenbahn- und Straßennetz und den in Massen vorhandenen Beförderungsmitteln jeder Art freieste Entfaltungsmöglichkeit für eine weit größere operative Gelenkigkeit vorhanden. Von alledem machte jedoch die gegnerische Führung nicht vollen Gebrauch. Die lange Dauer unseres Widerstandes war also doch wohl neben anderen Gründen auch auf eine gewisse Unfruchtbarkeit des Bodens zurückzuführen, auf dem die feindlichen Pläne reiften. Ungeheuer blieben aber trotzdem die Anforderungen, die auf den dortigen Schlachtfeldern an unsere Armeeführungen und unsere Truppen gestellt werden mußten.
Anfang September besuchte ich mit meinem Ersten Generalquartiermeister die Westfront. Wir mußten die dortigen Kampfverhältnisse sobald als möglich kennen lernen, um wirklich helfend eingreifen zu können. Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit der Deutsche Kronprinz schloß sich uns unterwegs an und ehrte mich in [pg 197]Montmédy durch Aufstellung einer Sturmkompagnie auf dem Bahnsteige. Dieser Empfang entsprach ganz dem ritterlichen Sinn des hohen Herrn, dem ich fortan öfters begegnen sollte. Sein frisches, offenes Wesen und sein gesundes militärisches Urteil haben mich stets mit Freude und Vertrauen erfüllt. In Cambrai überreichte ich auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers zwei anderen bewährten Heerführern, den Thronfolgern Bayerns und Württembergs, die ihnen verliehenen preußischen Feldmarschallstäbe und hielt dann eine längere Besprechung mit den Generalstabschefs der Westfront ab. Aus deren Darlegungen ging hervor, daß rasches und energisches Handeln dringend not tat, um unsere erschreckende Unterlegenheit an Fliegern, Waffen und Munition einigermaßen auszugleichen. Die eiserne Arbeitskraft des Generals Ludendorff hat diese ernste Krisis überwunden. Zu meiner Freude hörte ich später durch Frontoffiziere, daß sich die Früchte der Besprechung von Cambrai bald bei der Truppe bemerkbar gemacht hätten.
Die Größe der Anforderungen, die an das Westheer gestellt wurden, war mir bei diesem Besuch in Frankreich zum erstenmal so recht plastisch vor die Augen getreten. Ich stehe nicht an, zu bekennen, daß ich damals erst einen vollen Einblick in die bisherigen Leistungen des Westheeres gewann. Wie undankbar war die Aufgabe für Führung und Truppe, da in der aufgezwungenen reinen Verteidigung ein sichtbarer Gewinn immer versagt bleiben mußte! Der Erfolg in der Abwehrschlacht führt den Verteidiger, auch wenn er siegreich ist, nicht aus dem ständig lastenden Druck, ich möchte sagen, aus dem Anblick des Elends des Schlachtfeldes heraus. Der Soldat muß auf den mächtigen seelischen Aufschwung verzichten, den das erfolgreiche Vorwärtsschreiten gewährt, ein Aufschwung von so unsagbarer Gewalt, daß man ihn erlebt haben muß, um ihn in seiner ganzen Größe begreifen zu können. Wie viele unserer braven Soldaten haben dieses reinste Soldatenglück nie empfinden dürfen! Sie sahen kaum etwas anderes als [pg 198]Schützengräben und Geschoßtrichter, in denen und um die sie wochen-, ja monatelang mit dem Gegner rangen. Welch ein Nervenverbrauch und welch geringe Nervennahrung! Welche Stärke des Pflichtgefühls und welche selbstlose Hingabe gehörten dazu, solch einen Zustand jahrelang in stiller Entsagung auf höheres kriegerisches Glück zu ertragen! Ich gestehe offen, daß diese Eindrücke für mich tief ergreifend waren. Ich konnte nun verstehen, wie alle, Offiziere wie Mannschaften, aus solchen Kampfverhältnissen sich heraussehnten, wie sich alle Herzen mit der Hoffnung füllten, daß nun endlich nach diesen erschöpfenden Schlachten ein hoher Angriffszug auch in die Westfront ein frisches kriegerisches Leben bringen würde.
Freilich sollten unsere Führer und Truppen noch lange auf die Erfüllung dieser Sehnsucht warten müssen! Viele unserer besten, sturmbegeisterten Soldaten mußten noch vorher in zertrümmerten Schützengräben ihr Herzblut hingeben!
In dem Kampfgebiet an der Somme wurde es erst stiller, als die einbrechende nasse Jahreszeit den Kampfboden grundlos zu machen begann. Die Millionen von Geschoßtrichtern füllten sich mit Wasser oder wurden zu Friedhöfen. Von Siegesfreude war auf keiner der beiden kämpfenden Parteien die Rede. Über allen lag der furchtbare Druck dieses Schlachtfeldes, das in seiner Öde und seinem Grauen selbst dasjenige vor Verdun zu übertreffen schien.