Geisterscene.

(Der Schauplatz ist ein Schlachtfeld. In der Ferne sieht man das verschanzte Lager der Feinde. In der Ebne liegen die Todten und Verwundeten. Waffen, Pferde, und Leichen sind aufeinander gethürmet. Von allen Seiten fliehen die Schaaren Eduards. Panisches Schrecken verscheucht sie. Eduard erscheint mit fliegenden Haaren und mit blutigem Schwert in der Hand. Donner rollen, Blitze leuchten; ein fürchterliches Ungewitter wütet. Aus den feindlichen Wällen tönen Stückschüsse. Es ist Mitternacht.)

Edu. Ihr feigen Memmen! Wo eilt ihr hin? Zurück! Wider die Feinde! Ich bin Eduard, euer König! —— Fechtet! —— Folget mir nach! Ihr verzagten, wo fliehet ihr hin?

Ein Hauptmann. Unsere Kräfte erliegen, die Feinde sind unüberwindlich ——

Edu. Sklave stirb! (Er schleudert ihn zu Boden). Zur Schlacht, zum Gefechte! Hieher! —— Alles flieht, alles verläßt mich! Tod und Verderben! Ich muß siegen! Ich muß die Feinde tödten! Ich will allein fechten!

(Ein königlicher Schatten mit einem Heere von Geistern in einer majestätischen Schlachtordnung erscheinet. Eduard erstarrt, und steht wie eine Bildsäule mit gesträubtem Haare, und mit dräuendem Schwert.)[19]

Edu. Welche Gespenster erblicken meine Augen? —— Himmel und Hölle wafnet sich wider mich! —— Ich bin besiegt, mein Glück sinkt, aus meinen Händen fallen die Zepter, und die Kronen entstürzen meinem Haupte! Entsetzen!

Der k. Schat.

Sieh an die Opfer deiner Wuth!

Wie lang wird noch dein Ehrgeiz wüten?

Wie lange trinkest Du noch Menschenblut?

Die Rache folget deinen Schritten!

Du bist zur Strafe schon gereift.

Die Hand des Winters, die den Baum entblättert,

Hat auch dein kahles Haupt gestreift.

Bald wird die hohe Stirn zerschmettert!

Die weise Vorsicht wiegt

Mit unbestochener furchtbarer Waage

Die Thaten aller deiner Tage!

Erwach! Dein Traum entfliegt!

(Die Geister verschwinden unter Blitz und Donner.)

Edu.

Das Schicksal hemmt den Lauf von meinen Siegen!

Ich sollte mich vor meinen Feinden schmiegen?

Nein! Eduard mißkennt den Sklaventon!

Ich stütze dieses Reich und meinen Thron!

Der Himmel mag mit seinen Donnern dräuen;

Die schwarze Hölle mag auf mich Gespenster speyen;

Ich höhne nur den Schattentroß!

Ich zittre nicht, mein Geist bleibt groß!

(Er eilt wütend fort.)

Neue Epopee.
Ein heiliger Gesang.

Die helikonischen Schwestern besangen die Thaten des Königs.

Er sah sich von kriechenden Völkern und Schmäuchlern vergöttert.

Könige bebten vor seinem länderzermalmenden Donner.

Eilends beschlich der Stolz den eitelkeitliebenden Busen.

So wie der heisseste Sommer auf paradiesischen Fluren

Blumenverzehrende Heere der wilden Insekten erzeuget;

So gebähren die glücklichsten Tage die häßlichsten Laster.

Eduard kannte sich nicht mehr, er wurde von Hochmuth begeistert.

Wie der donnerkochende Hekla die Gegend verwüstet,

Auf die benachbarten Hütten die brennende Lava verspritzet,

Und die armen Bewohner der Thäler despotisch verscheuchet;

So zerschlug der siegende König die bebenden Bürger.

Eiserne Ruthen bestraften sein Volk, und selbsten die Freunde,

Die ihr Blut und Leben ihm weihten, enteilten dem Hofe.

Ich bin der Herrscher, so rief er, ich gebe der Erde Gesetze;

Mein Wink ist heilig, und alles verehret mein göttliches Antlitz.

Himmlischbegeisterte Sänger verewigen meine Trophäen,

Denn mein Rachschwert hat täglich die tapfersten Feinde gezählet.

Durch mich fielen die mächtigsten Heere; mich betet die Welt an!

So rief der aufgedunsene Sieger am Morgen und Abend,

Und die Ohren der Gottheit wurden vom Frevel beleidigt.

Wer ist der Mann vom fürstlichen Saamen, der dort wie die Ceder

Bis zu den Wolken die trotzige Stirne mit Kühnheit erhebet?

Hat er denn nicht die Krone von Mir, und von Mir den Segen?

Hab Ich nicht Völker und Länder in seine Verwaltung gegeben;

Hab Ich ihm nicht die goldenen Zepter zu Füssen geworfen?

Wie hat dieser Kameleon sich so plözlich verändert!

Ich will dem würgenden Parder die zierlichen Flecken verwischen.

Ich will dein Horn, du Stolzer zerbrechen, und wieder erniedern!

Bald soll dein blühender Lorbeer verwelken, und Schande dich decken!

Deine Hände sollen erschlappen, dein Herz soll verzagen;

Nicht mehr werden die glänzenden Stralen der Sonne dir leuchten;

Ewige Dämmerung soll dein Gedächtniß verwirren, umnebeln!

Wohn in stinkenden Gräbern, benetze mit Thränen die Leichen

Jener unschuldig erwürgten Schlachtopfer der thörichten Ruhmsucht.

Ich will in dir den mächtigsten Fürsten ein Beyspiel bereiten!

Gabriel, fasse die blutige Sichel, dort reifet die Aernde!

So sprach zörnend der Alte der Tage; die rollenden Donner

Brüllten durch die hohen Gewölber des staunenden Himmels.

Feyerlich horchte die ganze Natur, und die zitternde Schöpfung

Auf die allesbeherrschenden Winke des Gottes der Götter.

Und der gehorchende Seraph entflog mit hastigen Schwingen.

Noch überdeckten den schlummernden Erdkreis die nächtlichen Schatten;

Eduard wälzte sich schlaflos auf goldenem Lager, und webte

Riesenentwürfe für kommende Tage der Welt zur Erstaunung.

Als der dräuende Herold des Himmels die sichern Gemächer

Majestätisch betrat, und donnernd den Schläfer begrüßte:

Ich will das Nest des himmelhochfliegenden Adlers zerstören!

So spricht der große Beherrscher der Schöpfung. Wer bist du Verwägner,

Der du so kühne Gewebe von künftigen Planen gebährest?

Wisse, du säest nur Wind, und ärndest nur reifes Verderben!

Augenblickbettler, was macht dich so stolz? Erzähl mir die Thaten!

Kennst du die größten und kleinsten Geschöpfe? Hast du sie erschaffen?

Gabst du der glänzenden Sonne Befehle, der Erde zu leuchten;

Bist du zu dem geheiligten Buche des Schicksals getreten;

Hast du der weisen Natur erstaunliche Wunder ergründet?

Wechselt durch deinen allmächtigen Wink der Winter und Sommer;

Kannst du der trockenen Erde den segnenden Morgenthau schenken?

Oder ist nur dein gröstes Geschäfte die Völker zu tilgen?

Geissel des Menschengeschlechtes erwache vom täuschenden Traume!

Ich will deinen verfinsterten Augen die Nebel entreissen;

Aber dann will ich dich wieder mit ewiger Blindheit bestrafen!

Nur die Erstlinge deiner Regierung sind Opfer der Tugend.

Du hast die Wege der Demuth verlassen; aus Undank vergessen,

Wer die Kronen Euch Sterblichen giebt, und wieder entreisset.

Du gabst die Ehre dir selbsten, die nur der Gottheit gehöret,

Welche dich aus dem mindesten Staube so gütig erhöht hat;

Eben die Gottheit schleudert dich wieder zum Staube zurücke!

Du sollst irren in Wäldern, und häßliche Höhlen bewohnen!

Wenige Stunden sind dir noch zur Reue, zu Thränen geschenket.

Trage die Strafe geduldig, und nütze die goldnen Minuten,

Vielleicht kannst du durch Zähren und Demuth die Allmacht entwafnen,

Doch izt trinke den Kelch der Rache bis auf die Hefen!

So sprach der Bothe des Himmels, und flog durch die schwarzen Gemächer,

Und er betäubte das Ohr des niedergedonnerten Fürsten.

Gnade! So rief er, indem er mit Zittern dem Lager entstürzte,

Und im Staube demüthig sich wälzte, Herr, schenk mir Erbarmung!

Sieh, ich bin schon zu Boden geschleudert, gerichtet, verworfen!

Selbst der Schatten der vorigen Grösse wird von mir verschwinden.

Meine Palläste sind öde, die goldnen Kronen zersplittern;

Meine stockenden Nerven erschlappen, der Busen verwelket;

Hangende Wolken lassen sich nieder auf meinem Gehirne!

Wer bin ich izt, wo wandelt mein Fuß, wo find ich die Ruhe?

Hülfe! Höret mich niemand? Bin ich von Himmel und Erde

Grausam verlassen? So rief er betäubt, und stürzte zur Pforte,

Irrte durch Wälder, und Gräber, und ward den Verbrechern zum Schrecken.

Nur in seltnen Minuten gab ihm das Schicksal die Ruhe;

Seine Vernunft erwachte zu Zeiten, das Elend zu fühlen,

Und nieversiegende Thränen benezten die sterbenden Augen.