Roman.
Es war Friede, und Eduard überließ sich den Freuden der Liebe. Sein Hof war der Sammelplatz des schönen Geschlechtes, und die artigsten Liebesgeschichten waren täglich der Gegenstand der lächelnden Kreise. Der König wurde von den Gunstbezeugungen der wohlthätigen Grazien zu sehr überhäufet, und wünschte einmal das seltne Vergnügen zu fühlen, nicht als König, sondern bloß als Liebhaber zärtlich geliebt zu seyn. Ein Zufall gab ihm, was er lange vergebens wünschte, eine Geliebte, die ihn selbst, und nicht seinen Stand liebte.
Eduard hatte einer seiner Freundinnen ein niedliches Landhaus gekauft, das er oft verkleidet besuchte. Es stand in einer Gegend, wo auf malerischen Hügeln einige Lusthäuser zerstreut lagen. Eines Tags spazierte er ganz allein, und beschaute alle benachbarten Gärten. Er sah einen, dessen angenehme Aussicht ihn entzückte. Er fand eine kleine Thüre offen. Er schlich durch das Gegitter, trat in die Ebne, und weidete sein Auge an den zierlichen Blumenbeeten. Er durcheilte den ganzen Garten, ohne jemand zu finden. Plötzlich trat er in eine duftende Laube; freundschaftliche Aeste neigten ihre fruchtbaren Wipfel einander entgegen, und umschatteten ein artiges Rebengeländer. Hier fand er ein schlummerndes Mädchen, das alle Schönheiten übertraf, die er jemals gesehn hatte. Sie fuhr beym Geräusche vom Schlummer auf. Er wich bescheiden zurück, machte ihr die höflichste Entschuldigung, erzählte ihr seine gereizte Neugier, und mischte so artige Schmäucheleyen in sein Gespräch, die sie immer sehr geistreich beantwortete, daß sie einander bezauberten. Die Liebe wirkt rasch. Sie bedarf nur weniger Augenblicke zum Siege, Elisie, so hies die Schöne, führte ihren Liebhaber durch die kleinen Stuffen der Zärtlichkeit, und Eduard liebte, ohne den König blicken zu lassen. Er gab sich für einen Höfling aus, und erfuhr, daß seine Schöne die Tochter Alsanders eines bemittelten Edelmannes war. Izt begann eine geheimnißvolle Liebesgeschichte. Man wechselte Herzen, man bestellte sich zärtlich, und dieses mystische Gepräng hatte für einen siegreichen König besondere Reize.
Eines Tages findet Eduard seine Elisie in Thränen. Er dringt in sie; er späht die Ursache; mit Schluchzen erklärt sie ihm, daß ihr Vater sie an einen Nachbar seinen alten Freund vermählen wollte. Das soll er nicht! Ich befehle, rief Eduard, der den Liebhaber vergaß, und den König zur Unzeit spielte. Er faßte sich plötzlich, er ersann ein Rettungsmittel; keines gefiel. Er schlug ihr die Flucht vor; aber Elisie war tugendhaft. Eine seltsame Lage für einen verliebten König!
Der Vater hatte von der heimlichen Liebe seiner Tochter einige Spur, doch ohne zu wissen, daß dieser Anbeter sein König seyn sollte. Er wollte dem Liebesverständnisse, das seinen Absichten zuwider war, Schranken setzen, und hielt seine Tochter sehr eingeschränkt, ließ sie selten allein, und der durchlauchtige Verehrer mußte sich mit kleinen zärtlichen Briefchen begnügen. Eduard war in Verzweiflung, er wollte seine Geliebte besitzen, und entschloß sich seinen gefährlichen Nebenbuhler zu entfernen. Er berief ihn unter einem Vorwande nach Hof, und verheurathete ihn an ein reiches Fräulein. Der Vater Elisiens als ein Mann von Entschlüssung tröstete sich damit, daß er einen andern Eidam wählte, und Eduard hatte einen neuen Nebenbuhler. Noch niemals fand sich ein verliebter König in solcher Verlegenheit. Er entwarf tausend Plane. Bald spielte er den Monarchen, und riß gewaltthätig die Entwürfe seiner Gegner über den Haufen; gleich nahm er wieder Zuflucht zur Sanftmuth um seinen königlichen Stand nicht zu verrathen.
Endlich näherte der traurige Zeitpunkt, in welchem er alle seine Hofnungen verschwinden sah. Ein Prozeß zwang den Alsander in der Stadt zu erscheinen. Er nahm aus Vorsicht seine Tochter mit sich. Er besuchte gelegentlich alle Palläste, zeigte ihr alle Seltenheiten, und ließ sie auch den König bey der Tafel sehen, um ihr die Pracht eines königlichen Mahles begreiflich zu machen. Sie traten in den Speisesaal, viele Fremde waren zugegen. Alle bewunderten den fürstlichen Aufwand, den Geschmack und die Kunst der goldnen Geschirre; aber der König zog alle Augen auf sich.
Alsander zeigt seiner Tochter den König, sie erblickt in ihm ihren Geliebten, und sinkt ihrem Vater ohnmächtig in die Arme. Der Zufall war neu. Alle Hofdiener, und Schranzen eilten herzu. Ein Fräulein, das mehr ein Engel, als ein Mensch war, in Ohnmacht zu sehen, war für galante Höflinge ein zu wichtiger Gegenstand. Alles war beschäftiget. Hundert Hände mit Balsamgerüchen waren gerüstet. Jeder machte sich ein Verdienst daraus, der erste zu seyn. Eduard selbst sprang von der Tafel auf, und drängte sich durch; aber welche Erstaunung befiel ihn, seine geliebte Elisie an seinem Hofe in Gefahr zu sehen. Er ließ sie eilends in seinen Gemächern zur Ruhe bringen. Der königliche Leibarzt ward gerufen, und alle Höflinge machten tausend Muthmassungen, und bestimmten das gute Fräulein entweder für sich selbst, oder für den König zur Geliebten.
Den ganzen Tag ward nur von der unbekannten Schönen und ihrer wunderbaren Ohnmacht gesprochen. Diese Begebenheit war eine wichtige Beschäftigung für müßige Hofleute. Elisie befand sich in einer kritischen Lage. Eduard verließ nicht das Vorgemach seiner Gebieterinn, spähte immer auf alle Zufälle, und empfahl dem Arzte seine Geliebte wie sein eignes Leben. Er rufte Alsandern zu sich, und entdeckte ihm seine ganze Liebesgeschichte. Der Vater staunte, und sah wohl ein, daß er in einem schweren Handel verflochten wäre; er sagte dem König mit der Entschlossenheit eines rechtschaffenen Mannes: Eure Majestät, nach den gewöhnlichen Sitten der Welt sollte ich sagen, daß ich mir die gröste Ehre daraus mache, meine Tochter von einem Könige geliebt zu sehen; aber ich bin von den ausserordentlichen Menschen, die nach eignen Begriffen handeln, und ich gestehe Eurer Majestät, daß ich zu ihrer eignen Ruhe und zum Wohl meiner Tochter wünschte, daß sie von einem Manne ihres Standes, nicht aber von einem durchlauchtigen Anbeter geliebt würde. Ich bin Unterthan, Eure Majestät sind mein Gebieter. Ihre Gewalt ist grösser als die Meinige; alles, was ich als Vater thun kann, ist, meiner Tochter wie ein wahrer Freund zu rathen, und ihrem Herzen die Entscheidung zu überlassen. Die Folge wird zeigen, ob sie mehr ihren Liebhaber, oder ihre Ehre und die Tugend liebt. Da ich sie mit schwachen Händen als Vater wider einen mächtigen Monarchen schützen würde; so soll der Himmel und ihre Rechtschaffenheit sie wider die Versuchungen der Liebe, der Gunst, der Grösse, und der Gewalt schützen!
Sie sprachen noch, als Elisie sich dem König, und ihrem Vater zu Füssen warf, und beide um eine Gnade flehte. Jeder bewilligte die Bitte; aber wie erstaunten sie, als sie hörten, daß sie um die Freyheit bat, in eine geistliche Freystäte sich zu begeben. Ich liebe Eure Majestät; rief sie, ich erröthe nicht über dis Geständniß, ich habe bey meiner Wahl ihre persönlichen Eigenschaften nicht ihren erhabnen Stand gekannt. Als König hört Eduard auf mein Liebhaber zu seyn; aber kein Mann ist würdig sein Nebenbuhler zu werden. Ich verlasse Sie auf ewig, weil ich meine Tugend mehr liebe, und fliehe alle Menschen, weil ich sie allein liebe. So sprach sie entschlossen, troknete ihre Thränen ab, faßte liebreich die Hand ihres Vaters, und eilte zur Pforte. Umsonst beschwur sie Eduard, ihren Entschluß zu ändern; nichts machte sie wanken, und sie flog in die Einsamkeit. Eduard wollte seine gegebene Verheissung aus Großmuth nicht brechen, und überließ sich lang einer schwermüthigen Laune, bis nach und nach neue wichtige Zufälle die zärtlichen Regungen aus seinem Herzen verbannten. Doch blieb die reizende und tugendhafte Elisie ewig der Gegenstand seiner Bewunderung, und wenn er das schöne Geschlecht preisen wollte, pflegte er zu sagen, schön und tugendhaft wie meine Elisie!
Die Meinungen der Höflinge waren getheilt. Einige bewunderten die ausserordentliche Entschliessung der schönen Elisie; andere tadelten die romantischen und strengen Begriffe; die meisten wünschten, daß ihre Töchter, Schwestern und Muhmen in einer so vortheilhaften Lage sich befänden, die sie und ihre Familie besser benutzt hätten. Aber die Ohnmachten waren sehr selten bey Hofe. Alsander pries seine würdige Tochter, und Elisie fand in der stillen Einsamkeit und in der sanften Beruhigung eines reinen Gewissens die Belohnung, welche der schönste Preis der Tugend ist.