Scene.

Eduard, ein Kämmerling, hernach Marsis.

Edu. Lasset ihn nicht vor! Ich hasse seine Strenge; er ist ein harter unbeugsamer Mann! Fort! —— Wer trit wider meinen Willen ein?

Mars. Ich habe oft den Zutrit begehrt; aber deine Diener verweigerten ——

Edu. So war mein Befehl!

Mars. Das wollte ich aus deinem Munde wissen. Ich gehe wieder. Ich habe die Freystäte des Friedens verlassen, und bin hieher geeilt, dich zu sehen, denn du nanntest mich einst deinen Freund. Nur zwey Worte mein König, und dann mein Lebewohl, meinen Abschiedsgruß! —— Ich bin hieher gekommen meinen königlichen Freund zu sehen; aber ich finde ihn nicht mehr. Jenen grossen Eduard kannte ich, dessen Herz der Thron der Menschlichkeit war; dessen Ohr beym Geschrey des Elendes sich herabneigte; dessen Augen von edlen Thränen sanft überflossen, wenn er seine Bürger leiden sah; Fürst, das war ein Mann! So einer kömmt nicht wieder! Er war die Zierde des Thrones, die Säule des Vaterlandes, und die Wollust seiner Völker! —— Aber Ach! Er ist todt! —— Du kennst denjenigen, der an seine Stelle trat ——

Edu. Das ist dein Lieblingston, du veränderst dich nie —

Mars. Ich habe diese standhafte Denkungsart meinem Unglücke zu danken. Wär ich in Weichlichkeit erzogen, vielleicht würde mein Herz verzagt, und meine Seele weibisch. Ich weiß, daß niemand ohne Zittern sich dir nähert; doch ich bin ganz ruhig hieher gekommen, denn ich fürchte nichts, weil ich nichts zu gewinnen, nichts zu verlieren habe. Dieses Leben widmete ich tausendmal deinem Dienste, fast reut es mich ——

Edu. Ich dulde deine Kühnheit. Ich will dich hören. Ich will bis zu dir herabsteigen. Was verweisest du deinem König? Denn ein Verweis drückt deine Zunge ——

Mars. Wollte Gott, ich könnte itzt dein Lob absingen! Aber zum Schmäuchler bin ich nicht gebohren. Herr, ich verlasse ein kleines Landhäuschen, ich höre rings um mich das Gewinsel der Elenden. Da rufen die Waisen um Brod; dort ringen die Wittwen die Hände; die gedruckte Armuth seufzet in allen Winkeln; ich schleiche bestürzt in deine Burg; ich finde sie entvölkert; die treuen Diener sind vom Dienste geworfen; deine Freunde hast du verscheucht; weise thätige Bürger des Staats hast du des Landes verwiesen; der Patriot segnet weinend sein Vaterland, schüttelt den Staub von den Füssen, und eilet zur Gränze. Alles haßt dich; du hast die Liebe deiner Unterthanen verloren; du bist ein Tyrann einer gekränkten Familie, deren Thränen dich überall anklagen. Hörst du die Klagen deiner Kinder; weist du den Jammer ——

Edu. Du sagst mir keine Neuigkeit. Ich habe meine Ausspäher ——

Mars. Ausspäher? —— Ich weiß nicht, ob die Ausspäher Despoten, oder die Despoten Ausspäher machen! —— Im Kriege mögen sie gelten; aber im Frieden —— Ein König muß wie ein Vater unter seinen Söhnen leben, sie müssen seinen Segen wie den Thau des Himmels fühlen —

Edu. Wer kann den Pöbel begnügen? Ich giesse meine Wohlthaten willkürlich aus; ich bin wie ein Gott; Er beglücket, wen Er will.

Mars. Alle haben gleiche Ansprüche, gleiches Recht! Du sagst Wohlthaten? —— Wohlthaten! Das sind ja die Güter deiner Völker, die dir nur anvertraut sind, um sie mit Billigkeit zu vertheilen.

Edu. Ich bin Herr über meine Eroberungen ——

Mars. Die Beute des Glücks, willst du sagen, aber mit wessen Kräften erwarbst du sie? Dein Arm allein? —— O fürchte den Eigensinn des Glücks! Sieh, mitten unter deinen Siegesgeprängen geht das Vaterland zu Grunde!

Edu. Geh aus meinen Augen! Ich will dich vergessen ——

Mars. Ich vertheidige das Recht der Menschlichkeit ——

Edu. Deine Pflicht ist zu schweigen!

Mars. Ich eifre für deine Ehre ——

Edu. Es ist schön den Donner, den man schleudern könnte, zurückzuhalten; aber geh meinem Jähzorne aus dem Wege! Eil! Entweich! Mein Bogen ist gespannt! Meine Pfeile ——

Mars. Schrecken mich nicht! Denn ich bettle hier nicht um Gnaden. Durchbohr diese Brust, die sich so oft dem Feinde bloßstellte, um dein Leben zu beschützen; es reut mich keine That; aber dein Undank schmerzt mich. Du hast alles vergessen, du bist izt ein liebloser Egoist. Du lebst dir! Die ganze Welt soll dein Fußschemmel werden. Du tritst alles mit Füssen; verachtest alle Menschen, und liebst nur dich selbst! Du vergiessest Menschenblut wie Wasser, um deinen unersättlichen Ehrgeitz zu befriedigen. Du verwandelst die Welt in eine Brandstäte, um deinen Groll an jedem Nachbar zu weiden; aber zittere, es wacht eine Vorsicht, sie wird dich herabstürzen und demüthigen!

Trauerspiel.

(Eduard zieht wüthend den Degen, und ersticht den Marsis. Die Wachen eilen herzu, und unterstützen den Sterbenden. Eduard sieht kaum seinen Freund bluten; so schleudert er den Degen weg, und steht versteinert. Plötzlich stürzt er sich in die Arme des Marsis)

Mars.

Ich sammle noch mein Fürst, die letzte Kraft,

Um dich als Freund und Unterthan zu segnen ——

Ich sterbe ——

Edu.

Sey verflucht du Mörderschwert.

Mein Freund, Du stirbst, ich habe Dich getödtet!

Vergieb mir Theuerster, wenn du vergeben kannst.

Ich bin dein Mörder, ich, der Dir das Leben dankt.

O Undank, schwarze That! Nein, keine Reue tilgt

Verbrechen aus, die unser Herz entehren.

Ich will dein Rächer seyn, ich selbst will mich bestrafen,

Und deine Wunde Freund, mit meinem Tode rächen!

(Er faßt den blutigen Degen, um sich zu durchbohren. Marsis sammelt die letzten Kräfte, und entreißt ihm das Schwert.)

Mars.

Halt ein, die Thränen sind mir theurer als dein Blut!

Die Thräne, die mein Mund begierig trinkt,

Verwäscht die kleine That, die schon vergessen ist.

Ich sterbe froh, wenn dich mein Tod belehrt.

O kehre schnell zurück, und such die edlen Gleise,

Die deine Tugend stäts mit kühnem Fuß betrat.

Erwähl die Menschlichkeit zur Zierde deines Thrones.

Bereue jeden Tag, den keine grosse That,

Die deiner würdig ist, dir schätzbar macht.

Die Güte muß aus jeder Handlung blicken.

Streck deine milde Hand auf Waisen aus,

Und lächle sanft der armen Wittwe zu.

Erheb die Künste hoch, ermuntre Wissenschaften.

Sey wie ein Gott durch lauter Gnaden groß.

Dann ist mein Blut bezahlt, dann fließt noch Segen

Aus meinem Grab auf Dich! Du wirst geliebt,

Als Mensch geliebt, und angebetet seyn.

Der gute Rath, der mir vom Herzen strömt,

Soll mein Vermächtniß seyn! Nimm hin mein Lebewohl.

Wie heiter, und wie froh ist meine Sterbescene.

Ich nehme Freund, die süsse Hofnung mit,

Mein Vaterland durch dich beglückt zu sehn.

Dieß ist mein Abschiedsgruß. Lebt wohl ihr Bürger!

Ihr Staaten lebet wohl, die meine Jugend sah!

Der letzte Schauer naht —— Mein Blut erstarrt ——

Auf! — Höher Geist! — Zu Gott! — Zu Gott! — Ich sterbe ——

Edu.

Es ist geschehn! —— O That! O schöne That!

Er segnet mich, und lehret seinen Mörder!

Der edle Glanz von seiner Tugend stralt,

Und schleudert mich herab von meiner Höhe!

Wie häßlich schein ich mir! Wie bin ich schwarz!

Gebrandmarkt ist die Hand von seinem Blute.

Ein jedes Laster steht izt vor mir auf,

Und klagt mich an; bang zittert mein Gewissen.

Kehr wieder theurer Freund, O komm zurück!

Von deinem Aug ein Blick bringt Leben in mein Herz.

Ich fühle nichts als Sturm; mein Busen kocht;

Wo soll ich Trost, wo soll ich Hülfe suchen?

Im Grabe nur allein will ich vergessen,

Daß ich ein Mörder bin, der seine Freunde würgt.

(Er sucht das Schwerdt; Die Höflinge halten ihn ab.)

Laßt mich! Zurück! Ich muß mit Marsis sterben!

(Indem er entkräftet auf die Leiche sinkt.)

Dieß sey der letzte Kuß, den mir dein blasser Mund

Zum Labsal giebt! Verzeih! Vergieb o Freund!

Die Thränen waschen Dich! Sieh meine Reue;

Nie soll ein Lächeln mehr die Stirne heitern!

Die schwarze Nacht des Grabes soll mich decken,

Und unbeweint will ich vergessen seyn!

(Man schleppt ihn gewaltthätig von der Leiche.)