Scene.
Platz der Stadt. Lusian, das ganze königliche Leichengefolge, und eine unendliche Menge Volks, hernach Beliam.
(Lusian sprenget mit verhängtem Zügel daher, stürzt hastig von seinem Pferde, und eilt zur Leiche Eduards.)
Lus. Ich muß meinen König sehen —— Haltet! —— Ich muß meinen Eduard mit Thränen waschen! —— (Er küßt die Leiche und weint) Du bist todt! —— Auf der Reise fiel mir der Stiefel in die Augen, den ich als ein Denkmaal deiner Grösse bewahre —— Diesen Stiefel, sagt ich zu mir selbst, hat er von meinen Füssen als König gezogen, und du Lusian verlässest ihn? —— Ich zog zurück von Liebe und Dankbarkeit beflügelt —— Ich komme zu spät! —— Ich finde Dich nicht mehr! —— Da liegst Du in einem schmalen Häuschen! —— Welch ein durchlauchtiges Gehirn veredelte Dich! Was für ein grosses Herz schlug in deinem Busen! —— O meine Freunde, weinet, weinet mit mir um unsern Freund, um unsern Vater! —— Unser Eduard ist todt! —— Erinnert Euch aller seiner Thaten! Wie viel Güte, wie viel Großmuth, wie viel Standhaftigkeit! Wo ist ein Geist von seinem Umfang, von diesem erhabnen Schwunge? wo ähnliche Kräften, seine Riesenarbeiten auszuführen? —— Wie hat er uns geliebt! O! unsterblich hättest du seyn sollen mein Eduard! Verflucht sey die Hand, die dich getödtet hat! Weiber! O Weiber! —— Gute Nacht mein lieber König! Schlummre sanft, ruh aus von deinen Heldenarbeiten! Die Nachwelt soll bey deinem Gedächtnisse staunen, und weinen! —— Das ist mein Abschiedskuß, eine Leichenrede von warmen Herzen! —— Sezt nur den Stiefel auf sein Grabmaal, und alle aufgedunsenen Könige sollen erröthen; die stolzen Riesen sollen zusammenschrumpfen, wenn man ihnen den Namen Eduard entgegen ruft. —— Meine Thränen hemmen die Worte —— Gute Nacht lieber Eduard?
(Das Volk weinet; eine traurige Stille herrscht überall. Beliam schleicht traurig daher, zieht sein Kleid aus, und hängt es an die Pforte des Grabmaals.)
Bel. Das Lustspiel ist aus; laßt den Aufzug herab! —— Morgen werden wir die Ehre haben aufzuführen die Krönung Sigismund, ein Originallustspiel in fünf Aufzügen; wir bitten um einen zahlreichen Zuspruch.
(Das Volk lacht und zerstreut sich.)
Bel. So sind die Menschen, bald weinen, bald lachen sie! —— Ich als ein Narr thue, was ich kann. Ein treuer Diener überlebt seinen Herrn nicht. (Er pocht an die Trödlerbude.) He Mann! Bring mir einen Domino! Da ist Geld! Geschwind! Das soll mein Leichengewand seyn! (Er zieht den Domino an.) Felices illi, qui moriuntur in Domino, pflegte mein Vater zu sagen, der ein Narr war, wie ich. Izt gute Nacht! Ich will meinen Arzt besuchen, bringt er mich nicht um; so sollen die Weiber, die mit Riesen selbsten nur spielen, mich kleinen Zwergen übermeistern, und der langsamen Natur die Arbeit meiner Zerstöhrung erleichtern. —— Eduard gute Nacht! —— Du warst ein guter Kerl, ich habe dich sehr lieb gehabt, also gute Nacht! —— Beliam fühlt sich, und stirbt bald; zum letztenmal allerseits gute Nacht!
(Er geht traurig ab.)
Metamorphose[23].
Stehet mir bey unsterbliche Götter bey meinem Gesange!
Ich will eure Verwandlungen singen; womit ihr die Menschen
Bald bestrafet, bald belohnet, und eure Gerechtigkeit zeiget.
Salinia genoß noch der Wollust der süssesten Rache.
Ich bin gerächet, so rief sie, am schwärzesten Frevler gerächet!
Mag er doch sterbend die Buhlerinn krönen! Die Siege verschwinden
Wie ein Traumgesicht. Doch wer nähert? Was bringt mir Amanda?
Göttliches Blatt, du zeugest von Liebe, wie war ich geblendet!
Eduard liebt mich, und stirbt durch meine voreilige Rache.
Sie schlug den Busen, und eilte mit fliegenden Haaren zur Pforte.
Sie stürzt zur Leiche des Königs, und nezt sie mit zärtlichen Thränen.
O mein Eduard, ewiggeliebter, eröffne die Lippe!
Ich hab aus Liebe gefehlt, aus Eifersucht thöricht gehandelt;
Theurer vergieb; ich eile dein Blut durch Meines zu rächen!
So sprach sie wütend, und faßte den Dolch mit hastigen Händen;
Amor entwaffnete sie, und gab ihr die schmäuchelnde Hofnung.
Wie einst den Orpheus will ich zur Pforte der Hölle dich leiten
Deine bezaubernden Thränen sollen die Geister besiegen.
So sprach Amor, und führte die Schöne zum schwarzen Gestade.
Cerberus brüllte, die Schatten erstaunten beym Anblick der Fremden.
Pluto vergaß sein trotziges Wesen, und forschte die Ursach.
König der Schatten, aus dessen Gebiete nie Sterbliche kehren,
Vor dir kniet die Unglücklichste, die dein Mitleid erflehet.
Gieb mir den theuren Geliebten zurück, wo nicht so vertilge
Meine Gebeine, damit ich den seligen Schatten begrüsse.
Ich bin die Mörderinn Eduards! Ach unseliger Irrthum!
Tausendmal tödtet mich schon der Schreckengedanke des Lasters.
Laß durch die heissesten Thränen dich rühren, und hör mein Begehren!
Und der Höllenfürst gab ihr zu Antwort; Ich will dich belohnen!
Deine Reue vertilgt das Verbrechen; du sollst ihn besitzen.
Doch solang Ihr beym finstern Gestade der Hölle verweilet,
Soll ein heiliges Schweigen Euch beiden die Lippen verschliessen!
Eine neugierige Sylbe wird eure Gelübde zerbrechen;
Eduard wird dir wieder entrissen! Geh, fürchte die Götter!
So rief der Schattenbeherrscher, und gab ihr den Eduard wieder.
Sie umarmte mit Innbrunst den wiederbelebten Geliebten;
Und sie eilte von Liebe berauscht zur schrecklichen Pforte.
Aber grinsende Haufen der Furien standen im Wege,
Schreckten sie zehnmal vom Gleise zurücke; sie dräuten vergebens,
Denn die Liebenden eilten entschlossen durch tausend Gefahren.
Grosse Geschwader der Geister erregten ein lautes Gelächter,
Und die Neugier begrüßte die Wandrer mit spöttischen Worten.
Welch ein Phantom entführst du der Hölle betrogene Schöne?
Eine Larve betrügt dich! Die Stimme beweiset das Leben.
Kann den ungütigen Pluto die weibliche Thräne bewegen?
Siehst du denn nicht den schlauen Betrug aus seinen Befehlen?
Ihr sollt schweigen, damit nicht ein Wörtchen den Irrthum zerstöhret.
Zweifel und Angst bemächtigten sich der zitternden Wandrer,
Da sie die listige Rede der prüfenden Neugier verschlangen.
Sprich nur ein Sylbchen, so sprach Salinia zu dem Geliebten,
Nur ein Athem ist Trost für mein Herz, und Labsal dem Busen.
Laß die Thräne, die selbsten die höllische Gottheit besiegte,
Dich mein Eduard rühren, und flüstre mir labende Worte!
Eduard ließ sich erweichen, er sprach, und fiel in die Arme
Seiner getäuschten Salinia. Sie sah ihn plötzlich erstarren,
Und sie sank leblos zur Erde. Da lagen die schönen Ruinen.
Amor vom Mitleid durchdrungen begrüßte den Vater der Götter,
Und Zeus wandelt den Helden in einen berühmten Kometen.
Noch in seiner veränderten Miene bedräut er die Menschen,
Und weissaget der Erde Verderben, und blutige Kriege.
Alle Geschöpfe bewundern sein Antlitz; so lebt er verewigt.
Aber Salinia wandelte Zeus in Rosengebüsche.
Und noch tragen sie deutliche Spuren von ihrem Charakter;
Sie verwunden mit Dörnern, sie laben mit süssen Gerüchen,
Und sie bleiben das ewige Sinnbild der zärtlichen Liebe.