Tragisches Singspiel.
Die Scene ist ein Grabmaal. Die Königin Sophie[15] ihr kleiner Sohn, zwey Töchter, und weibliches Gefolge.
(Sie schmücken den Sarg der königlichen Leiche mit Blumenkränzen. Die Königinn sitzt in tiefer Schwermuth auf den untersten Stuffen mit ihrem Sohne.)
Chor.
Theurer Schatten nimm die Thränen,
Die der Schmerz vom Auge preßt;
Hör der Kinder banges Stehnen,
Sieh das schwarze Trauerfest!
Ach! Wir suchen unsern Vater!
Schwester wein, wir sind verwaist!
Die Mädchen des Gefolges.
Ach! Wir suchen den Berather;
Blick herab gekrönter Geist!
Alle.
Theurer Schatten, nimm die Thränen,
Die der Schmerz vom Auge preßt;
Hör der Kinder banges Stehnen,
Sieh das schwarze Trauerfest!
(Die Königinn Sophie fährt auf, blickt wild um sich, und drückt ihren Sohn an den Busen.)
Soph.
Noch lebst du mein geliebter Sohn!
Der Tod entriß mir einen Gatten,
Und dir den Vater und den Thron!
Er ist des stolzen Siegers Lohn,
Der theure Preiß für seine Thaten.
Bald wird sein Aug uns neidisch sehn.
Bald wird die Staatskunst dich aus meinen Armen reissen.
Nein! Eh muß ich zu Grabe gehn!
Dann mag sich unser Feind auch deinen Mörder heissen.
Zuerst durchbohrt man mich,
Und dann erwürgt er dich.
O Gatte, dessen Geist mich hört!
Belohn mein zärtliches Vertrauen!
Da meine Zähren dich bethauen,
Bin ich des sanften Blickes werth.
Entreiß den Sohn den Tygerklauen!
Wirst du als Vater auf uns schauen,
So sinkt vielleicht das Mörderschwert.
Chor.
Wie sich izt rings um uns der Himmel trübt?
Da liegen wir bethränt auf diesen Marmorstufen,
Und wagen es, die Gottheit anzurufen,
Daß sie uns gütig Beystand giebt.
(Man hört ein Geräusche. Die Gegenwärtigen zittern, und harren ängstlich den Kommenden entgegen. Das Gefolge Eduards erscheint gewafnet, die Königinn umarmet mit ängstlicher Innbrunst ihren Sohn, und die Mädchen umgeben sie)
Soph.
Zurück! entweicht von dieser frommen Stätte,
Wo mein gekrönter Gatte ruht!
Vielleicht verhönt ihr mich mit blutigem Gespötte?
Entflammet Euch die rächerische Wuth;
Ihr Mörder dürstet Ihr nach Menschenblut?
So kommt, und trinket erst das Meine!
Verschont den Sohn; entehret nicht Gebeine,
Dieß ist der edle Rest, der uns noch heilig ist,
Schenkt dieser Thräne Huld, die izt von neuem fließt!
(Eduard mit seinem Gefolge erscheint, die Königinn eilt zu seinen Füssen.)
Soph.
Fürst Gnade, Gnade!
Edu.
Wie göttlich schön ist sie!
So viele Reize sah ich nie!
O sieh, wie ich mich hier in Thränen bade ——
Beraub mich meiner Kinder nicht!
Edu. (indem er sein Antlitz von ihr wegwendet.)
O schönste Königinn, bedecke dein Gesicht!
Du könntest meine Tugend schwächen.
Dann will ich weiter mit dir sprechen.
(Sophie verschleyert sich.)
Edu.
Dein Schmerz ist edel und gerecht.
Ich bin ein Mensch, und ehre dein Geschlecht,
Ich schätze dich, und zähle deine Thränen.
Ich komme nicht hieher den Todten zu verhöhnen,
Weil ich sein Sieger bin; Nein, Ehrfurcht führt mich her.
Die Zähre, die ihn nezt, soll seine Thaten krönen!
Ich fällte manchen Feind, der Würdigste war er!
Ruh sanft du edle Leiche! ——
Wie rühmlich floß dein Heldenlauf!
Wenn ich dir einst am Ruhme gleiche,
Und dir auch nicht an Tugend weiche;
So bin ich stolz darauf.
(Zur Königinn.)
Arie.
Besteig den Thron als Königinn!
Ich schenke deinem theuren Sohne
Sein weites Reich, und seine Krone!
Wiß, daß ich Feind der Stolzen bin;
Doch die Demüthigen verschone.
Nimm diesen goldnen Zepter hin!
Chor.
Preiset, und ehret ihr rühmlichen Krieger,
Den mächtigsten Helden, den tapfersten Sieger!
Soph.
Der gröste Fürst bist Du!
Der Himmel schicket uns durch Dich den Segen zu!
Izt hab ich noch den schwersten aller Siege!
(Er blickt sie an, wankt, und sagt entschlossen.)
Lebwohl —— Wir haben uns das letztemal gesehn!
Indem ich rasch aus diesem Grabmaal fliege,
Wird erst die gute Handlung schön.
(Er geht.)
Chor.
Preiset, und ehret ihr rühmlichen Krieger,
Den mächtigsten Helden, den tapfersten Sieger.
Sendschreiben.
Alsin an Eduard.
Wie, mit Lorbern belastet, in Mitte der glänzendsten Siege
Eduard, liebst du mich noch, und schreibst mir freundschaftliche Briefe?
Wie kannst du bey soviel Geschäften die goldnen Minuten
Gütig verschenken, den Lehrer zu grüssen, der ewig dich liebet,
Dich in blutige Schlachten mit Zittern begleitet, und seufzet,
Dich mein erhabner Zögling, von Feinden umringet zu sehn?
Wie oft wünsch ich dich in die Arme der Musen zurücke;
Wie oft träum ich mich wieder in jene glückseligen Stunden,
Da ich mit dir die Lichter der Erde mit Musse besuchte;
Bald mit dem Honig der Dichtkunst, und bald mit dem Nectar der Weisheit
Deine hungrige Seele durch grosse Gedanken erquickte.
O schon damals reiften die Keime der edelsten Tugend!
Welche Wonne durchströmte mich oft, wenn zärtliche Bilder,
Sanfte Gemälde des Lebens die Thränen vom Auge dir lokten!
Freudiger schlug mir das Herz, und Hofnungen labten den Busen.
Dieser wird König! So sagt ich, wie wird Er die Erde beglücken!
O weissagend ist dieses Gefühl, und heilig die Regung!
Menschlichkeit ist die Zierde der Fürsten, die Stütze der Throne!
Dank dir allmächtiger Himmel, du hast die Lehren gesegnet!
Sieh, schon reifet mein Zögling, mein Liebling zum Fürsten der Fürsten!
Nicht durch blutige Siege, — Durch ewige Thaten des Herzens!
Thaten, die noch unsterblicher werden, wenn Er schon verweset.
Indeß die fressende Zeit die goldnen Trophäen verschlinget,
Die nur ein Denkmaal der harten Zerstörung der Menschen bereiten.
König, du weintest, so schreibst du, nach jenem berufenen Treffen;
Schick mir die Thränen, damit ich sie trinke, die göttlichen Thränen!
Eine von ihnen verdient Obelisken; die Lorbeern verwelken!
Du hast die Wunden der Feinde gesalbet. O könnt ich dich küssen!
Wie ein Vater den Sohn mit brünstigen Armen umfassen,
Dich mit Zähren des Dankes bethauen! Ich danke dir Zögling,
Du hast den Saamen der Weisheit gesammelt, gepflegt, und genähret.
Aber was soll ich vom Siege, vom herrlichsten Siege dir sagen?
Selbst der herzenzerschmelzenden Schönheit der Weiber entfliehst du!
Nimm die Krone! Sey König! Die reizende Tugend bekrönt dich!
Eduard, liebe die rühmlichen Gleise, sey immer dir ähnlich;
Sey stets ein Bruder der Menschen, ein zärtlicher Vater der Völker;
Liebe dein Vaterland mehr als die verwelkenden Palmen!
Schenk, sobald es die Staatskunst erlaubt, der Erde den Frieden;
Sey mehr gütig als groß, mehr menschlich, als unüberwindlich!
Nicht nur im Schlachtfeld ist Arbeit, der Friede hat edle Geschäfte.
Einst beglükst du die blühenden Staaten mit weisen Gesetzen;
Du verherrlichst die Städte mit Wissenschaft, steigenden Künsten,
Schönen Pallästen, die deine ruhmwürdige Kenntniß bezeichnen.
Da lebst du von Freunden gepriesen, von Bürgern verehret,
Von den Bundesgenossen geliebt, von Nachbarn bewundert.
O dieß reizende Bild verjünget mein silbernes Alter!
Dann kriech ich mit segnender Lippe zur Stufe des Thrones,
Bringe Dir lallend den Abschiedgruß, preise die selige Stunde,
Die dich der Erde zum Trost, zum süssesten Labsal geschenkt hat.
Aber zu weit verliert sich mein Geist in reizenden Träumen!
Träumen? Nein! Lebende Bilder sind dieses, du wirst sie beseelen!
Sey nur so thätig wie jener, der jede Minute beweinte,
Die nicht sein göttliches Herz durch rühmliche Handlungen schmückte.
Aber dein Anfang beweiset, daß du nicht Sekunden verlierest.
Schenk dich uns bald, mit Sehnsucht erwarten dich schmachtende Freunde:
Nicht mehr mit Briefen, mit jauchzendem Munde will ich dich begrüssen.
Brief.
Eduard an Alsin.
Zu Pferde lese ich deinen Brief, und zu Pferde schreibe ich auf meine Schreibtafel zur Antwort: Meine Feinde sind gedemüthiget, und ich komme dich kindlich zu umarmen, und dir mündlich zu sagen, wie sehr ich dir für dein warmes Sendschreiben danke, und dich liebe u. s. w.