Kowno.
Ich war sehr froh, daß das Schicksal uns 1859 wieder nach Litauen brachte, wo das Leben großzügiger, inhaltreicher, und die Juden intelligenter waren. Wir siedelten uns in Kowno an, das damals ein kleines, schönes Provinzstädtchen war. Juden bildeten den Stamm der Bevölkerung. Sie sprachen hier ein Gemisch von Hebräisch und Deutsch. Das preußische Grenzstädtchen Tauroggen war nicht fern. So kam es wohl, daß ihre ganze Lebensweise von deutscher Art nicht unwesentlich beeinflußt wurde.
Während in den übrigen Städten Litauens die jüdische Tradition noch völlig unberührt blieb, hatte sich in Kowno allmählich der Zwang der Überlieferung gelockert. Als wir nach Kowno kamen, war die Aufklärung dort in vollem Gange, und die neuen Ideen fanden ihre begeisterten Vertreter. Es herrschte in den vorgeschrittenen jüdischen Häusern, zumeist bei den reichen Kaufmannsfamilien, deren Väter und Söhne in geschäftlicher Verbindung mit Deutschland standen und häufig über die Grenze kamen, der Abfall. Man behielt eigentlich nur noch die koschere Küche bei.
Der Sabbath wurde von den Männern nicht mehr heilig gehalten und unterbrach den Eifer der Geschäfte nicht. War der Jude früher nach den Worten Heines durch die ganze Woche ein Hund, der sich erst am Sabbath als Prinz und am Sedertisch des Pesach als Herrscher entzauberte, so lebten die Männer der zweiten Generation eigentlich das ganze Jahr wie die Hunde; ohne Ruhe und Rast, immer in Sorgen und Arbeit. Der Geist stieg nicht empor in himmlische Sphären, und der Körper raffte nicht mehr in der strengen Ruhe des Sabbaths seine in der Arbeit der Woche verlorenen Kräfte zusammen. Es war eine seltsam gemischte unruhige Stimmung am Sabbath. Die Frauen, die ja ihrer ganzen Natur nach zäher am Alten hängen, pflegten ja noch am Freitag Abend Sabbathlichte anzuzünden und das Gebet zu sprechen. Aber der aufgeklärte Herr Gemahl steckte sich seine Zigarette daran an, und ihr sonst so friedliches Gesicht verzog sich zu einem schmerzlichen Lächeln. Mit derselben Herzlichkeit, mit der der Hausherr einst die Sabbathengel begrüßt hatte, hieß er jetzt seine Freunde willkommen, um mit ihnen Préférence zu spielen. Der Kidduschbecher stand zwar mit Wein gefüllt auf dem Tisch. Aber niemand nippte daran. Er war zu einem Symbol geworden. Aber die gefüllten Pfefferfische — so weit ging die Abtrünnigkeit nicht, um auch sie vom Freitag-Abendtisch zu verbannen. Die Barches blieben auch erhalten. Nur daß eben die Dienerin sie fein säuberlich geschnitten auf dem Brotkorb servierte. An die Stelle der Sabbathlieder, der Semiraus, traten Humoresken, Anekdoten — das ganze Gebiet des jüdischen Witzes. Das Kartenspiel aber durfte sich weit über die Mitternacht hinziehen. Denn keine Chewra t'hillim erwartete die Herren am frühen Morgen zum Gebet. Und die christlichen Bedienten konnten ruhig schlafen gehen. Denn der Sabbath hinderte die Männer nicht, die Kerzen selbst zu löschen. Am Samstag stand man früher auf als gewöhnlich. Es war ein Tag vor dem Sonntag, und da gab es im Geschäft besonders viel zu tun. Aber auch am Sonntag wurde fleißig gearbeitet. Denn ein letzter Rest nationalen Trotzes hielt doch alle ab, diesen Tag etwa festlich zu begehen.
Selbstverständlich war auch der Verkehr der beiden Geschlechter miteinander ein wesentlich anderer geworden. Man veranstaltete Tanzabende, an denen nicht nur die Jugend, sondern auch die verheirateten Frauen und Männer unserer Generation teilnahmen. Daß junge Mädchen von solchen Zusammenkünften in Herrenbegleitung nach Hause gingen, war ganz selbstverständlich geworden; und es ergab sich bei diesen Sitten von selbst, daß in den Häusern, wo erwachsene Mädchen waren, auch junge Herren verkehrten. — Auch in den Gesprächen herrschte ein freierer Ton. Jene Innigkeit, mit der man einst die Eisches chajil (die Heldenfrau) besungen hatte, wurde verdrängt von der aufflackernden Begeisterung für die Operettendiva, die gerade das Tagesgespräch hergab. Der Zynismus war der neuen Generation nicht fremd geblieben.
Das Talmudstudium hörte natürlich in diesen fortschrittlichen Kreisen vollständig auf. Nur hier und da setzte ein Romantiker, der vom Alten nicht lassen konnte, sein Talmudstudium weiter fort und ließ auch seine Kinder im Talmud unterrichten. Bei den »Gebildeten« kam das nur selten vor.
Sogar unter den ganz Frommen sahen manche Eltern die Notwendigkeit der europäischen Bildung für ihre Kinder ein und erlaubten ihnen, in der Residenz zu studieren. Eines aber forderten sie von ihren Söhnen unbedingt: sie sollten »koscher« essen. Diese absonderlichen Verhältnisse werden durch manche Anekdote illustriert.
So geschah es einmal, daß sehr fromme Eltern ihren Sohn zum Studium nach Petersburg sandten. Ein christlicher Freund, der nach einiger Zeit in die Residenz fuhr, sollte nun nachforschen, ob der Sohn wirklich sein Versprechen halte. Nach seiner Rückkehr beruhigte er die Eltern und versicherte sie, daß der Sohn nur »koscher« speise — er selbst war bei ihm zum Mittagstisch. »Was haben Sie denn bekommen?« fragten die Eltern interessiert. — »Einen Hasen,« antwortete der Freund, »aber er war koscher, denn Ihr Sohn erzählte mir, daß er vom jüdischen Schlächter (Schochet) geschlachtet sei.«
Die Zustände, von denen ich hier spreche, waren natürlich nur für die Schichten bezeichnend, die man so gemeinhin die »oberen« zu nennen pflegt. Wer weiß, an welche Stelle sie rücken, wenn einst die gerecht waltende Geschichte die Rangordnung feststellen wird!... Allein gewaltige Kulturumwälzungen wühlen nicht gleich das ganze Volkstum auf und durcheinander. An der Kruste mögen die Prozesse des kulturellen Abbaues und des Anbaues schneller und sichtbarer vor sich gehen. In der Tiefe vollzieht sich das Umsetzungswerk oft überhaupt nicht, meist in seltsamen Formen. Immer aber ungleich zögernder!
So war es auch in Kowno!
In jener Zeit lebten und wirkten in diesem »aufgeklärten« Kowno in einem anderen Teile der Stadt, drüben über der Brücke des Flusses Wilja, Menschen, die in ihrem ganzen Leben und Treiben unter dem Einfluß der veränderten Verhältnisse gerade auf die entgegengerichtete Bahn gedrängt wurden. Und sie fanden getreue Mitwanderer in den Juden der kleinen Städtchen des Gouvernements. Sie landeten in der Askese. Es waren kleine Leute, aber große Menschen! Groß in ihrem Talmudwissen, in ihrer Hochherzigkeit, Nächstenliebe und in der größten Tugend, der bescheidenen Selbstlosigkeit. Ihre Ansprüche auf Essen, Trinken und Kleidung setzten sie auf das geringste Maß herab. Ihre idealen Ziele aber waren riesengroß. Das Forschen, Schaffen, Grübeln in dem Talmud betrieben sie jetzt mit gesteigerter Gier Tage und Nächte hindurch.
Zunächst bestand diese Asketengruppe nur aus zehn Personen. Sie überwachten unermüdlich das junge, heranwachsende Proletariat, beobachteten ihr Lernen und ihr Leben und wiesen sie mit guten und strengen Worten zurecht. Mit gleichgestimmten, würdigen Männern gründeten sie später einen Verein, der sich die Predigt der Askese zur heiligen Aufgabe stellte. Jeder Lebensgenuß schien ihnen verächtlich. »Diese« Welt war ihnen nichts anderes als eine Übergangsstufe zu einem besseren, höheren, reineren Sein. Jeder Schritt, jede Handlung am Tage sollte deshalb wohl überlegt sein. Und dreimal des Tages müsse man Gott anflehen, daß er die unwillkürlich begangenen Sünden, selbst des Lauteren, vergebe.
Das jüdische Proletariat in seinem Getto, zermürbt vom Kampfe ums Dasein, drängte sich um diese Prediger. Besonders aber wurden die jungen Talmudisten und die »Orimbocherim« für diese Bewegung begeistert, hingerissen. Diese Strafpredigten fanden zuerst in der Dämmerstunde statt, und die Synagoge war von alten und jungen Zuhörern überfüllt wie am Vorabend zum Jomkippur. Alle weinten und flehten ob ihrer Sünden aus tiefster Seele zu Gott.
An der Spitze dieser Bewegung stand der berühmte Reb Israel Salanter (Liebkin), dessen Seelengröße an Hillel heranreichte. Er war hart gegen sich und voll unsäglicher Liebe gegen andere. Er kämpfte für die Einfachheit der Sitten. Aber die Askese sollte nie in einer Zerstörung des Lebens ausarten. Es war im Jahre 1855, da die große Choleraepidemie durch das Land verheerend zog. Das Volk fastete, um Buße zu tun, denn die unheimliche Krankheit galt als Gottesgeißel. Da Rabbi Salanter aber fürchtete, daß das Volk durch die selbstauferlegten Entbehrungen Schaden leiden könnte, trat er nach dem Morgengebet am Jomkippur in der Synagoge mit einem Stück Kuchen in der Hand auf den Almemor und aß vor allem Volke davon. Durch dieses Beispiel wollte er das Volk zu gleichem Tun ermuntern. R. Salanter war ein echter Lehrer des Volkes. Waren doch wunderbare Menschen seine Erzieher gewesen: Reb Hirsch Broide und Reb Sundel.
Von den Tugenden des Reb Broide weiß ich folgende Geschichten: Die ungepflasterte Straße, an der er mit seiner alten Mutter lebte, hatte einst ein schwerer Regenguß aufgeweicht. Reb Broide wußte, daß die alte Mutter trotzdem ihren täglichen Synagogengang nicht unterlassen würde. So machte er sich des Nachts daran, den Weg mit Ziegelsteinen auszulegen, daß seine Mutter trockenen Fußes in die Schul' gehen konnte. Ein anderes: Es erregte seine Verwunderung und war ihm zugleich ein Schmerz, daß die Bettler ihn gar nicht aufsuchten. Er meinte, daran könnte nur das Schloß an seiner Tür Schuld haben: es war zu fest. So entfernte er es eines Tages ganz. Der Gute: er ahnte nicht, daß die Bettler genau wußten, wie arm er selbst war. Sie mieden sein Haus, um ihn nicht zu beschämen.
Reb Sundel pflegte seine Studien in Feld und Wald, in Gottes freier Natur zu betreiben. Einmal bemerkte er, wie sein Schüler Salanter hinter ihm her kam. Er wandte sich zu ihm mit klugen Worten und schloß mit dem Satz: »Israel, beschäftige dich mit Strafpredigten und fürchte Gott.« Diese Worte gruben sich dem Jüngling tief in die Seele und bestimmten sein ganzes Leben. Sein Amt[9] in Wilna legte er bald nieder, um seiner idealen Bestimmung nicht untreu werden zu müssen.
Wenn die Chassidim gegen die Schwermut eiferten, so wandte sich sein Wort gegen den Übermut der Freude. Der Chassidismus lehrte, Gott mit Freude zu dienen, die Strafprediger dagegen forderten, Gott im Ernste zu dienen. Die Schwermut hemmt die höhere Eingebung, behaupten die Chassidim. Die Freude führt zum Leichtsinn, entgegnen die Strafprediger. Die Tat bringt die Erlösung, lehrte Rabbi Salanter, und er wurde nicht müde, die Gemeinde zu Werken der Liebe aufzurufen. Wohltätigkeit und Reue sind die Stützen der Welt. Wenn ein Mensch nur eine Stunde am Tage in der Reue zubringt und ein einziges Mal vor Verleumdung sich durch die Reue hütet, hat er schon eine große Tat vollbracht. Die Wirkung seiner Rede war überwältigend. Aber der Reiz dieser reinen Persönlichkeit war wie ein Zauber. Man wird es begreifen, daß das Rabbinat von Litauen durch das Anwachsen der Bewegung in Schrecken geriet. Man fürchtete, daß die Predigt der Askese zu einer Sektenbildung führen könnte, die das Judentum streng verbietet. So gingen die Rabbiner zu den Strafpredigern selbst und traten ihnen entgegen. Das gab oft verwunderliche Kämpfe, für die die Aufklärung freilich nur Spott hatte. Lebten doch in Kowno die ersten Adepten der Lilienthalschen Bewegung.
Unter ihnen war eine der markantesten Erscheinungen der jüdische Dichter Abraham Mapu, der dort ein bescheidenes Leben führte und durch Unterrichten in der russischen und deutschen Sprache sein Brot verdiente. Er war ein stiller, anspruchsloser Mensch, seinem ganzen Wesen nach ein Lehrer, der erst in seinem kleinen Studierstübchen auflebte und zu jenem Mapu wurde, den die jüdische Welt als ihren ersten großen hebräischen Belletristen ehrt. Eine wunderbare Seele lebte in diesem so unscheinbaren Gettojuden. Aus den schmalen, krummen Gäßchen des Ansiedlungsrayons mit all ihrem Elend und ihrer Armut, aus der dumpfen schwülen Atmosphäre des Gettolebens trug ihn seine Phantasie in die große, glänzende Vergangenheit seines Volkes, und voll Begeisterung schrieb er seinen ersten Roman: »Ahawath Zion«[10], die Zionsliebe, und zeigte dem jüdischen Leser an diesen Schilderungen den Kontrast zwischen ihrem gegenwärtigen trostlosen Dasein und der ehemaligen Pracht und Größe des jüdischen Lebens auf dem eigenen Boden.
Diesem Romantikerwerk folgte ein wuchtiger, satirischer Tendenzroman: »Ajit Zabua«, ein grimmer Protest gegen die althergebrachten Formen der jüdischen Art. »Ajit Zabua« begeisterte die Jugend und empörte die Alten. Es erhob sich ein Sturm gegen Mapu und sowohl er wie sein Werk wurden verpönt, verspottet, verfolgt. Aber Mapu fand seine begeisterten Anhänger unter der jüdischen Jugend. Er war ein Kämpfer für die Aufklärung der Juden. Aber er kämpfte mit ganz neuen, bisher nie gebrauchten Mitteln — mit echter Poesie. Er gab der Jugend neue Gedanken. Er wies ihnen neue Wege, eröffnete ihnen neue Horizonte und Lebensmöglichkeiten. So manches Talent wurde durch ihn angeregt und zu hebräischen Dichtungen begeistert.
Wir hatten oft Gelegenheit, den versonnenen Mann in unserem Hause zu sehen. Er gab meinem ältesten Sohne Unterricht im Deutschen und Russischen. Aber er stellte sich auch zu einem gemütlichen Plauderstündchen ein. Mein Mann verehrte ihn sehr; und es war immer eine Lust, der angeregten Unterhaltung zu lauschen.
Unser Leben in Kowno gestaltete sich anfänglich sehr angenehm. Mein Mann fühlte sich hier in seinem Element, und obwohl mich die neuen Sitten zuerst befremdet hatten, so gefiel mir doch mit der Zeit die Geselligkeit und der freie, einfache, zugleich doch vornehme und harmlose Verkehr der beiden Geschlechter miteinander. Meine Verlegenheit schwand allmählich, und ich nahm gerne teil an den oft veranstalteten Jours-fix, beobachtete, schaute zu und amüsierte mich auch. Je nach der Stimmung.
Ich trug noch immer meinen »Scheitel«. Alle übrigen Frauen, auch die älteren in unserem Kreise, hatten sich längst davon befreit. Ich fühlte mich unbehaglich. Aber der Gedanke lag mir fern, dem Beispiel anderer Frauen zu folgen, obwohl ich wußte, daß mein eigenes Haar mich nur schmücken konnte. Es dauerte aber nicht lange, so forderte mein Mann die Entfernung des Scheitels. Ich müsse mich den Sitten der Gesellschaft anpassen, um mich nicht dem Spotte auszusetzen.
Ich erfüllte seinen Wunsch jedoch nicht und trug die Perücke noch lange Jahre.
Geschäftlich ging es uns in Kowno nicht gut. Es war die Zeit (1859), in der es in Russisch-Polen und Litauen im Volke zu gären anfing. Der polnische Aufstand bereitete sich vor. Die Geistlichkeit begann unter dem Volke die Abstinenz (trezwost) zu predigen — also eine Agitation gegen den Branntwein; und da der Gewinn unseres Geschäftes an einen ausgiebigen Branntweinverbrauch gebunden war, so drohte uns jetzt der Ruin. Die monatliche Pachtsumme von 120000 Rubel, welche die Konzessionäre der Staatskasse zu zahlen verpflichtet waren, konnten sie bald nicht mehr entrichten. Die drei Familien: Kranzfeld, Gorodezki und Wengeroff, die an dem großen Unternehmen teilnahmen, wurden materiell vernichtet. Mein Mann hätte wohl noch seine Existenz als Angestellter leidlich sichern können. Aber sein Großvater wollte nicht, daß er in einem Geschäft, in dem er einmal Herr war, eine abhängige Stellung annehme. Er gehorchte und wurde brotlos.
Die politische Propaganda in Polen riß auch die jüdische Jugend mit sich fort. Sie nahm Teil am Aufstand, als ob es ihre eigene Sache und ihr Vaterland wäre, für das sie kämpften. Ungehört verhallten die Warnungen des berühmten Rabbiners Meisel in Warschau, der die Juden beschwor, zur jüdischen Fahne, d. h. der Thora, zurückzukehren: sie gingen in den Kampf — für Polen!
Sie wurden aber in ihren Hoffnungen betrogen. Das stärkere Rußland siegte. Kosaken jagten durch Polen, und ihre Nagaikas schonten die Juden nicht. Aber sie mußten noch mehr erdulden. Sie, die ihr junges Blut vergossen hatten und unerschrocken, opfermutig in den Reihen der Kämpfenden gestanden, blieben die Verachteten. Man ließ sie fühlen, daß sie nur Juden seien. Wieder einmal hatte das jüdisch-polnische Sprichwort sich bewahrheitet: »Jak bida, to do Zyda, po bidzie za drzwi Zydze« — »Wenn die Not kommt, geh zum Juden, Not vorbei — Jude raus!«
Das Frühjahr kam. Es wurde wieder still im Lande. Aber es war nicht die Ruhe im Genusse erfüllter Wünsche und Forderungen, die lächelnde Ruhe des Sieges. Es war jene unheimliche Stille, die in stummen Worten von Entsetzen, von Blut und Verbannung erzählt.
Und wir — wir standen vor dem Nichts. Nun hieß es, von neuem anfangen und Brot suchen. Zum Glück bot sich meinem Manne bald eine Beschäftigung beim Telegraphenbau in Wilna. Er zögerte nicht lange und ging dorthin. Ich blieb mit den drei Kindern vorläufig in Kowno zurück. Nach kurzer Zeit konnten wir ihm nach Wilna folgen.