Weitere Schicksale.
Luben hieß der Ort, in dem wir unsere selbständige Existenz begründen wollten. Die jüdische Bevölkerung in diesem zu Kleinrußland gehörenden Städtchen war in der Kultur weiter fortgeschritten als die in Konotop; zumal in der äußeren Lebensweise, den Gebräuchen und Sitten näherte sie sich mehr der europäischen Art. Die wenigen Juden in Luben, die dem überlieferten Judentum noch treu anhingen, spielten hier keine Rolle. Man führte hier ein Leben, das durchsetzt war mit Sitten und Gebräuchen der großen Mehrheit der christlichen Bevölkerung. Es gab dort keine Talmudisten, keine großen jüdischen Gelehrten, nicht einmal eine große Synagoge. Es war aber nicht eine Irreligiosität, die die Aufklärung mit sich bringt. Es war einfach ein Mangel an Tradition, Unwissenheit und ein Aufgehen in fremder Art.
Es existierte in Luben eine kleine jüdische Gemeinde, deren Mitglieder ganz ungebildete und unwissende Leute waren, die uns als die geistige Aristokratie betrachteten.
In Luben fanden wir bereits eine kleine Wohnung vor, welche die Schwiegereltern unseren Bedürfnissen und Ansprüchen entsprechend eingerichtet hatten. Es dauerte nicht lange, und ich fand mich in meiner ziemlich großen Wirtschaft zurecht und führte sie mit Sachkenntnis. Mein Mann übernahm das Geschäft, für das er, wie sich erwiesen hat, Fähigkeiten besaß.
Nun war die Rücksicht auf die Eltern nicht mehr wirksam. Mein Mann durfte frei nach eigenem Willen sein Leben gestalten. Das tägliche Beten in Tallis und Tefillin hörte jetzt auf. Aber das Interesse am Talmud dauerte noch an. Er diskutierte gern und lange mit dem Rabbiner der Stadt, welcher häufig als Gast in unserem Hause verkehrte; doch hatte dieses Interesse, wie ich schon früher bemerkte, einen rein wissenschaftlichen Charakter angenommen.
Die berühmte kleinrussische Gastfreundschaft herrschte auch in unserem Hause; wir wurden schnell bekannt und beliebt, und die Besuche von Verwandten, Freunden und Bekannten hörten gar nicht auf. Dreimal täglich war der Tisch reichlich für acht bis zehn Personen gedeckt. Es gab fast nie eine Mahlzeit ohne Gäste. Unsere Wirtschaft vergrößerte sich von Tag zu Tag. Sie wurde freilich viel zu groß für unsere Verhältnisse. Die Schwiegereltern machten uns schwere Vorwürfe wegen dieser Verschwendung.
»Es ist eine Nachricht von Kathy gekommen.« Mit diesen Worten trat mein Mann an einem Samstag Morgen in mein Schlafzimmer und reichte mir ein Blatt Papier, auf dem mit Bleistift folgendes geschrieben war: »Schwester, schicke mir etwas zu essen, ich und mein Kind sind hungrig und wir haben nichts bei uns.« Mein Mitleid und mein Schreck waren grenzenlos, und ich überhäufte meinen Mann mit Fragen. Ich erfuhr, daß der Bote in der Küche wartete, warf hastig etwas über und lief zu ihm hinaus. Von dem Überbringer des Briefes, einem jungen Bäuerlein, erfuhr ich, daß der jüdische Fuhrmann, mit dem meine Schwester gekommen war, Freitag abends in einem Dorfe unweit Luben haltgemacht hatte und wegen der Sabbathruhe und eines Schadens an dem Wagen nicht hatte weiter fahren wollen, trotzdem er selbst, sowie seine Passagiere, auf diese Weise ohne Lebensmittel bis zum Abend des nächsten Tages unterwegs zu bleiben gezwungen waren. »Heute Abend«, fügte das Bäuerlein hinzu, »kann sie schon hier sein.«
Ich überlegte nicht viel, lief ins Speisezimmer, packte in eine Serviette lauter gute, schmackhafte Speisen ein: ein Sabbathbrot, kaltes gekochtes Huhn, Butter, Käse, etwas Likör und Mandeltorte, die meine Schwester, wie sie mir nachher erzählte, sofort an unsere Kindertage, an die Heimat erinnerte. Dieses Paket sollte der Bauer, welcher für seine Mühe einen Silberrubel erhielt, schleunigst meiner Schwester hinbringen.
Nachdem der Bote abgefertigt war, kleidete ich mich an, ordnete das Nötige in der Wirtschaft, wobei mich eine nervöse, freudige Ungeduld gar nicht verlassen wollte. Am liebsten hätte ich den Wagen anspannen lassen, um meiner Schwester entgegenzufahren und sie abzuholen. Aber es war ja Samstag, und in jenen Zeiten, in denen die Religion bei uns Juden in Rußland das ganze Leben, Tun und Handeln regelte und bestimmte, durfte ich meinem Herzenswunsch nicht nachgeben; hatte doch auch der Kutscher fast nur des Sabbaths wegen seine Passagiere beinahe verhungern lassen...
Es wurde dunkel; ich deckte den Teetisch, traf Vorbereitungen für die lieben Gäste und wartete. Endlich kamen sie. Wie herzlich war unsere Begrüßung! Wir freuten uns so sehr miteinander! An diesem Abend gingen wir spät zur Ruhe. Ich begleitete meine Schwester in das für sie bequem eingerichtete Zimmer, küßte sie herzlich und lud sie ein, gemeinsam mit uns morgen zu frühstücken. Als wir am nächsten Morgen zum Tee erschienen, erwartete uns bereits mein Mann. Ich bemerkte sogleich eine Befangenheit im Benehmen meiner Schwester, suchte nach der Ursache, konnte sie aber nicht finden. Mein Mann verließ uns. Wir beide blieben noch lange am Teetisch sitzen und plauderten von unseren Erlebnissen. Wir vergaßen vollkommen die Gegenwart und verloren uns in der Vergangenheit. — Dann kehrte mein Mann vom Geschäft zurück. Wir speisten in munterer Stimmung zu Mittag und plauderten immerfort bis spät in die Nacht hinein. — Das Fragen und Erzählen hatte kein Ende; was wollten wir alles voneinander erfahren nach der vierjährigen Trennung!
Als ich Schwester Kathy an diesem zweiten Abend unseres Zusammenseins auf ihr Zimmer begleitete, lud ich sie wieder herzlich ein, mit mir und meinem Manne gemeinsam das Frühstück einzunehmen. Da umarmte sie mich und bat befangen, in ihrem Zimmer allein frühstücken zu dürfen, und als ich sie befremdet nach der Ursache fragte, antwortete sie mir verlegen: »Ich habe außer meinem Manne noch keinen Mann im >Chalat< (Morgenrock) gesehen, und das geniert mich bei deinem Manne.« Obwohl ich diese für die damaligen Jüdinnen bezeichnende Schamhaftigkeit etwas seltsam fand, bat ich doch meinen Mann, dem Wunsch der Schwester nachzugeben. Er erschien von nun an, trotz seines Hanges zur Bequemlichkeit, am Frühstückstisch vollständig angekleidet. So rücksichtsvoll blieb er die ganze Zeit; er bezeigte seiner Schwägerin vom ersten Tage ihrer Ankunft an stets die größte Ehrerbietung und Aufmerksamkeit und fand es ganz in der Ordnung, daß ich ihr stets den ersten Platz am Tisch einräumte, auch wenn die vornehmsten Gäste zugegen waren. Ihr fünfjähriges Töchterchen wurde von uns allen zärtlich geliebt und gepflegt.
Drei Monate vergingen seit der Ankunft der Schwester Kathy, als wir von unserer älteren Schwester Marie die Nachricht erhielten, daß sie uns in den nächsten Tagen besuchen würde. Wieder umfing mich eine ungeduldige, freudige Spannung. Es vergingen aber mehrere Tage, und sie kam immer noch nicht. Auch blieb jede weitere Nachricht von ihr aus. Unsere Unruhe wuchs. Eine Möglichkeit der schnellen Verständigung in die Ferne wie heute gab es nicht. Und so blieb uns nichts anderes übrig, als geduldig zu warten, bis sie uns eines Tages überraschte. Stürmisch war die Freude des Wiedersehens. Ihr Aufenthalt in unserem Hause verbreitete allgemeinen Frohsinn. Wir wurden lustiger, jugendlicher. Das Verhältnis zwischen meinem Mann und Marie gestaltete sich viel gemütlicher und unbefangener als seine Beziehungen zu Kathy. Man lachte, sang und scherzte den ganzen lieben Tag. Wir suchten alles, was Luben an Unterhaltung bot, auszunutzen, um uns gut zu amüsieren.
Zu den Belustigungen, die Luben während des Aufenthalts meiner Schwester Marie bei uns bot, gehörte auch das Theater, das regelmäßig einmal im Jahre zur Zeit des großen Jahrmarkts in unser Städtchen kam. Dieses Theater, das aus einer wandernden Truppe bestand, befand sich noch in einem sehr primitiven Zustande. Als Theatergebäude diente hier, wie auch sonst in Provinzstädten, eine Scheune. Die Wände schmückte man mit bunten Bettüchern. Aus Brettern wurde eine Erhöhung, die Bühne, hergestellt. Bänke, Stühle, sowie das ganze notwendige Mobiliar, ja selbst einzelne Kleidungsstücke lieferten die wohlhabenden Bewohner von Luben. Dafür hatten sie freien Zutritt. Man erhielt aber keine Freikarten, wie es heute zu geschehen pflegt. Es genügte, wenn man vor der Kasse den geliehenen Gegenstand laut nannte, um ohne weiteres hineingelassen zu werden. »Ein Leuchter«; »drei Kattundecken«; »zwölf Stühle«; »ein Rock«, hörte man die Gäste rufen. Gleich zog sich der geliehene Kattunvorhang zurück, und der Gast konnte seinen Platz einnehmen.
Die Vorstellung in diesen Theatern sollte gewöhnlich um neun Uhr abends beginnen, fing aber fast nie vor elf Uhr an, weil stets auf die Würdenträger des Ortes gewartet wurde.
Während der Pausen spielte eine Musikkapelle, zumeist ausschließlich aus jüdischen Musikanten — »Klesmorim« — bestehend. Da diese mit dem Publikum gut bekannt waren, so geschah es oft im Theater, daß die Gäste von ihren Sitzen aus den Musikanten ihre Wünsche zuriefen: »Jankel, spiel a Polke!« Dann wieder »a Walzer« usw. Jankel erfüllte selbstverständlich den Wunsch seines Bekannten, sein Kollege wieder den des seinigen, so daß die Pausen sich bis ins Unendliche hinauszogen. Oft kam es vor, daß es schon heller Tag war, wenn die Leute das Theater verließen.
Das Theater war ein Ereignis im Städtchen. Man begrüßte es immer mit großer Freude und besuchte es jeden Abend. Von den Juden ging nur die Jugend ins Theater. Die Alten und Frommen besuchten es nie, ließen aber die Jugend gewähren und schwiegen weise dazu.
Da wir zu den Wohlhabendsten des Städtchens gerechnet wurden und sehr viele Gegenstände geliehen hatten, so überließ man uns mehrere Plätze. Wir gingen fast jeden Abend dorthin in großer, lustiger Gesellschaft und amüsierten uns köstlich.
Wir hatten in dieser Zeit viel Besuch; an den drei täglichen Mahlzeiten nahmen bis fünfzehn Personen teil. Dabei wurde streng auf »Koscher« geachtet; Milch- und Fleischgeschirr waren voneinander geschieden sowohl im Gebrauch, wie auch beim Abwaschen.
Am Freitag abend wurden nach dem jüdischen Gebrauch für jeden Herrn zwei ganze Brote (»Challes«) zur »Mauze« seinem Gedeck beigelegt; und die Zahl der Herren in jenen lustigen Wochen war nicht gering... da gab es viel zu tun!
Marie blieb einige Wochen bei uns und verließ uns sehr entzückt über die gastfreundliche Aufnahme. Die Solidarität zwischen den Angehörigen einer Familie gehörte zu den größten Tugenden, die sogar unter dem Einflusse der ganzen Sturm- und Drangperiode, die so manche gute Sitte des jüdischen Familienlebens zerstörte, bestehen blieben, wenn auch nicht in dem hohen Maße wie vorher. Wie alle Ethik bei den Juden, wurzelte sie in den religiösen Gesetzen, in denen es heißt: »Du sollst dich deinem Blute nicht entfremden.«
Und so blieb Kathy, da sie wegen des Krimkrieges nicht zu Haus bleiben konnte, vierzehn Monate unser Gast — lange, lange Monate, in welchen die arme Frau viel Leid und Kummer durchgemacht hat.
Tage und Wochen vergingen. Ihre Niederkunft stand nahe bevor. Die Großmutter meines Mannes, von deren ärztlichen Kenntnissen und Fähigkeiten ich ausführlich gesprochen habe, erbot sich, zu uns nach Luben herüberzukommen. Im November erhielten wir die Nachricht, daß die opferwillige Frau auf dem Wege zu uns war. Der böse Zufall wollte es, daß nicht Frost und Schnee, wie sonst um diese Zeit in Rußland, sondern regnerisches Wetter herrschte, und statt einer bequemen, schnellen Fahrt im Schlitten mußte die alte Frau den beschwerlichen Weg in der »Postkibitka« machen, einer höchst primitiven Kutsche ohne Federn. Nach zweitägigen Reisestrapazen langte sie bei uns an, ermüdet und erschöpft. Zum Glück war sie in einen Riesenpelz gehüllt, der sie vor Erkältung bewahrte.
Der neue Familiensprößling ließ nicht lange auf sich warten. Es war ein Sohn. Nach dem Briß reiste die Großschwiegermutter fort. Kathy erholte sich allmählich, wir kehrten zu unserm normalen Leben zurück. Nach wie vor verging keine Mahlzeit ohne Gäste. Der Keller und der Geflügelhof waren stets voll und boten den Gästen die schmackhaftesten Leckerbissen. Das Geflügel war in Luben zu jener Zeit sehr billig. Ich glaube, es ist nicht ohne Interesse die damaligen Preise anzuführen: es kostete ein Truthahn 15 Kop. = ca. 35 Pf., eine Gans 30 Kop. = 65 Pf., ein großes fettes Huhn 30 Kop. = 65 Pf.
Das Jahr 1855. Eine wichtige Epoche für das russische Reich, die Epoche des Krimfeldzuges. Die Zeitungen, die dreimal in der Woche nach Luben kamen, brachten unaufhörlich die schrecklichsten Nachrichten vom Kriegsschauplatze. Eine Niederlage folgte der anderen. Die russische Armee, in der der unglaublichste Wirrwarr herrschte, hatte viele Schwierigkeiten, denen sie nicht gewachsen war, zu überwinden, wie den Transport des Militärs, der Munition, des Proviantes. In den endlosen Steppen der Krim fand man im Frühjahr so manche Militärabteilung, die im Winter zu Fuß nach dem Kriegsschauplatze befördert worden war, vom Schneesturm verschüttet, erstarrt, erfroren. Der russische Adel, die Gutsbesitzer und die Kaufmannschaft rüsteten ganze Regimenter auf eigene Kosten aus, die »Ratniki« genannt wurden. Aber es waren nur undisziplinierte, ungeschlachte Bauern, die man auf dem Kriegsschauplatze nur als Kanonenfutter verwerten konnte.
Wenn einmal die russische Armee ausnahmsweise einen Sieg davontrug oder ein General wie Malakoff auf eine geniale Idee verfiel[7], so war es nur ein momentaner Triumph, der die vollständige Niederlage nicht verhindern konnte. Es war nicht nur ein Kampf feindlicher Heere, sondern der Kampf zweier Systeme; und der Sieg gehörte dem neuen, besseren, vervollkommneten, das alle Errungenschaften der europäischen Kultur in den Kampf begleiteten.
Die Stimmung im russischen Volke wurde immer düsterer. Nur denen, die schon längst im stillen gegen das bisherige Regime murrten, war diese Niederlage eine traurige Genugtuung. Denn nur durch äußere Erschütterungen, glaubten sie, könnte das gewaltige Reich von seinen Schäden geheilt werden.
Im April wurde ich wieder Mutter. Mein Söhnchen erhielt den Namen Simon. Ich erholte mich sehr rasch.
Der Frühling kündigte sich in diesem Jahre mit ungewöhnlicher Hitze an. Und dazu brachten die Zeitungen die Schreckensnachricht, daß auf dem Kriegsschauplatz und in seiner Umgegend die Cholera zu wüten anfinge, und sie mahnten die Bevölkerung zur Vorsicht im Essen und Trinken.
Ich hatte von dieser Krankheit nur eine dunkle Erinnerung von meiner Kindheit her. Eine furchtbare Angst packte mich, so daß keine Vernunftgründe imstande waren, mich zu beruhigen. Wie ein Gespenst verfolgte mich der Gedanke an die Seuche. Er wurde zu einer Zwangsvorstellung, von der ich mich gar nicht befreien konnte. Meine Gesundheit litt sehr darunter. Melancholisch, niedergeschlagen ging ich im Hause umher.
Und nun wollte das trotzige Schicksal, daß ich in nahe Berührung mit der schrecklichen Krankheit kommen sollte. — Es war gegen Ende Mai, als wir von der Tante meines Mannes eine Einladung erhielten, sie in Kremenschuk, wo sie wohnte, zu besuchen. Wir nahmen unser ältestes Kind Lise mit auf die Reise nach dem Süden. Wir wurden dort mit großer Freude empfangen. Am vierten Tage unseres Aufenthaltes versammelten sich viele Verwandte und Bekannte, um mich, die angeheiratete Nichte, kennen zu lernen. Es war sehr lustig, und die Zeit verging uns auf die angenehmste Art. Am nächsten Morgen trat die Tante zu uns ins Schlafzimmer und kündigte uns an, daß die Seuche schon in Kremenschuk eingezogen sei, und mit Tränen in den Augen erzählte sie, daß manches Mitglied der gestrigen munteren Gesellschaft sich nicht mehr unter den Lebenden befinde. Mein Entsetzen war grenzenlos. Wir rafften unsere Sachen zusammen, und in einigen Stunden verließen wir traurig und tief erschüttert die Stadt.
Auf der ersten Poststation ließ man uns nicht mehr ins Wartezimmer hinein. Wir vernahmen von dorther das Stöhnen und Schreien eines in Schmerzen sich krümmenden Cholerakranken. So mußten wir für die Nacht draußen im Freien lagern. Es war eine Juninacht, warm und kurz. Um zwei Uhr morgens ging die Sonne auf. Doch uns kam diese Nacht wie eine Ewigkeit vor. Meine Angst und Beklommenheit steigerten sich noch, als mein Töchterchen Lisenka über Magenschmerzen zu klagen anfing. Mit zitternden Händen gab ich dem Kinde Medikamente, die wir von der Tante mitgenommen hatten. Gegen hohes Entgelt erhielt ich von den Bauern ein wenig warmes Wasser, womit ich dem Kinde Pfefferminztee bereitete, und bangenden Herzens erwartete ich den kommenden Tag. Endlich bekamen wir Pferde und setzten die Reise fort. Das Kind fühlte sieh besser. Die Schmerzen ließen nach, und als wir abends zu Hause eintrafen, war es wieder ganz munter.
In Luben erfuhren wir, daß die Cholera auch hier bereits wütete. Der Arzt kam und verordnete strenge Diät. Noch an demselben Abend erkrankte meine Schwester ganz unmittelbar und plötzlich, nachdem sie noch einige Augenblicke vorher an der Abendmahlzeit teilgenommen hatte. Ich war vor Angst einfach wie besessen, brach zusammen und mußte ins Bett gebracht werden. — Meine Schwester genas. Aber ihr Kindchen, das sie selber nährte, steckte sie an, und es starb nach einem Tage furchtbarer Schmerzen.
Die Seuche verbreitete sich von Sebastopol über das ganze Land mit Riesenschritten, und tausende Menschen fielen ihr zum Opfer. Und es waren gar viele Verwandte und Freunde dabei.
Kein Wunder! Es konnte bei den damaligen hygienischen Verhältnissen nicht anders sein, bei dem vollkommenen Mangel aller Vorsichtsmaßregeln. Wie günstig mußten die Bedingungen für die Verbreitung der Cholera in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts gewesen sein, wenn noch jetzt, 1908, die Cholera den ganzen Sommer, Herbst und bis spät in den Winter hinein wütet und ihr so viele Menschen wie Fliegen auf der Straße zum Opfer fallen. Und doch liegt ein halbes Jahrhundert dazwischen, ein Zeitraum, in welchem gerade die westeuropäische Kultur nach dieser Richtung so große Fortschritte gemacht hat. Aber zwischen Westeuropa und Rußland besteht eine strenge Grenze, und der Fortschritt schleicht sich in Rußland nur auf Schmugglerwegen ein: St. Petersburg besitzt noch heute keine Kanalisation, und das Volk glaubt nicht an die kleinen verderblichen Bakterien, die im klaren Wasser leben sollen.
Nicht ohne Interesse ist es, daß unter den Juden die Epidemie ungleich weniger verbreitet war als unter der übrigen nichtjüdischen Bevölkerung. Ihr Leben war durch das Gesetz geregelt, war einfacher und entsprach mit seinen zahlreichen Waschungen, den strengen Speiseverboten wesentlich mehr allen hygienischen Forderungen.
Ich selbst litt furchtbar, wurde immer schwächer und lag tagelang apathisch und melancholisch zu Bett. Mein Gemüt war unter dem Eindruck der letzten Erlebnisse erschüttert.
Und so kam der Juli. Eines Tages erhielt meine Schwester die frohe Nachricht von der Ankunft ihres Mannes. Wir freuten uns alle herzlich auf sein Kommen; und diese freudige Erwartung brachte einen freundlichen Schein in unser so düsteres Leben. Während der Anwesenheit unseres Schwagers Abraham Sack, der ein munteres, heiteres Wesen besaß, verlor sich meine Schwermut ein wenig, und ich atmete freier auf. In den zehn Tagen seines Aufenthaltes bei uns führten wir alle unser altes normales Leben. Er verreiste voll Hoffnung auf eine Besserung seiner materiellen Verhältnisse. Mit ihm verließ die Freudigkeit wieder unser Haus. Ich verfiel von neuem in trübe, melancholische Stimmung. Meine Schwester blieb zurück und wartete weiter und harrte von Tag zu Tag, von Woche zu Woche auf Nachrichten. Sie litt unsäglich und fürchtete schon das Schlimmste. Aber Gott hat Erbarmen. Je größer die Not, um so näher die Hilfe. Der langersehnte Brief kam an. Er war an mich adressiert und enthielt ein Schreiben für mich, ein zweites für Schwester Kathy. Mein Schwager berichtete von der glücklichen Wendung in dem Gange seiner Geschäfte, die ihm nunmehr endlich gestatteten, seine Frau wieder zu sich zu nehmen. Unsere Freude hatte keine Grenzen. Wir jauchzten den ganzen Tag vor Glück, und meine Schwester vergoß Tränen der Rührung und Dankbarkeit. Ich half ihr beim Packen, und in kurzer Zeit war sie zur Abreise fertig. Ich begleitete sie mit meinem Mann bis nach Poltawa, wo wir ihr halfen, eine elegante Equipage mit drei guten Pferden zu kaufen, einen Kutscher und eine jüdische Köchin mieteten und sie sodann weiterbeförderten.
Meines Schwagers Hoffnungen hatten sich erfüllt. Er war ein reicher Mann geworden. Das war eine der großen Schicksalswendungen, die das Kriegsjahr 1855 mit sich brachte, das Jahr, in dem das launische, verschleierte Weib Fortuna das Rad der Menschenschicksale in Rußland in rascherem Tempo rollen ließ und mit einem mächtigen Stoß alles Obere zu unterst, alles Untere zu oberst kehrte.
Meines Schwagers Genius führte ihn immer höher und höher, sein Selbstvertrauen gab ihm Beharrlichkeit in seinen Bestrebungen. Und auch die Zeit war günstig. Alexander II. hatte den Thron bestiegen. Eine neue Ära war angebrochen. Tüchtige und ehrliche Menschen konnten sich jetzt in Rußland auf allen Gebieten betätigen. —
— Wir blieben in Luben bis 1859. In diesem Jahre übernahmen die drei großen »Otkupscheriki« — der Großvater und der Vater meines Mannes und Herr Kranzfeld — die Konzession auf die Akzise des Branntweinmonopols — eine Pachtung, die sich auf das ganze Gouvernement Kowno erstreckte. In diesem Unternehmen erhielt mein Mann einen hohen Posten. Er wurde Chef des Bureaus.
Mein Wanderlied konnte ich wieder singen. — Wir liquidierten unser Geschäft in Luben, packten unser Hab und Gut zusammen und gingen nach Kowno.
Ehe ich aber von meinen weiteren persönlichen Lebensschicksalen weiter erzähle, will ich zuerst noch einmal vom Jahre 1855 sprechen, das nicht nur im Leben ganz Rußlands, sondern speziell für die Juden den Beginn einer neuen Epoche bedeutet. Es ist das Jahr der Thronbesteigung Alexanders II.
[Alexander II.]
Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht! Die Sonne ging golden auf und weckte mit ihren erwärmenden Strahlen alle verborgenen Keime zur Blüte und zum Leben: Alexander II. bestieg 1855 den Thron. Dieser edle, feinsinnige Fürst gemahnte an die Sprüche des königlichen Psalmensängers (Ps. CXIII, 7, 8 und PS. CXVIII, 22):
»Er richtet empor aus dem Staube den Armen, aus dem Kehricht erhöht er den Dürftigen, daß er ihn setze neben die Edlen, neben die Edlen seines Volkes.
Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zum Eckstein geworden.«
Alexander II. hat diese Worte tatsächlich in Erfüllung gebracht, indem er hochherzig 60 Millionen leibeigner Bauern vom Frondienste befreite und auch uns Juden die drückendsten Fesseln löste. Er öffnete uns die Tore seiner Residenzen, so daß ein Schwarm jüdischer Jünglinge sich in die Hauptstädte ergoß, um an den Universitäten den Durst nach westeuropäischer Bildung zu stillen.
In dieser glänzenden Periode geistiger Blüte durfte und konnte sich der geknechtete Geist der Juden wieder nach Herzenslust recken und strecken. Der Jude nahm jetzt an der freudigen Aufregung des großen Volkes teil, an dem Aufschwunge der schönen Künste, an der Entwicklung der Wissenschaften und trug damit sein Scherflein zu dem geistigen Gut des Landes bei. Die Wirkungen der Reform der vierziger Jahre zeigten sich bereits nach zwei Dezennien. Es gab da schon eine Reihe jüdischer Professoren, Ärzte, Ingenieure, Schriftsteller, Musiker, Bildhauer, die auch im Auslande Anerkennung fanden und ihrem Lande Ehre machten.
Für die Emanzipation der Juden in Rußland sind Generalgouverneur von Neurußland und Bessarabien Graf Alexander Strogonow und Generalgouverneur von der Krim Graf Woronzow in den Jahren 1856-1858 energisch eingetreten[8]. Sie äußerten ihre Meinung in der Antwort auf die Anfrage der eingesetzten Kommission (der Vorsitzende dieser Kommission war Graf Kisselew) zur Lösung der Judenfrage in Rußland wie folgt:
»Wenn die Juden auf das einheimische Volk einen schlechten Einfluß ausüben sollten, so ist es doch nicht ratsam, sie im Nordwesten Rußlands, auf dem kleinen Teil des Einheimischen zu lassen. — Unserer Ansicht und Erfahrung nach wäre es doch rationeller, diese wenigen Millionen Juden Rußlands auf das ganze große Reich zu verteilen und sie damit unschädlich zu machen. Ich bin auch nicht weit von der Meinung entfernt, daß unser einheimisches Volk von den Juden so manches Gute, wie den Handel und die Enthaltsamkeit vom Trinken, Bescheidenheit im Essen, lernen könnte. — Es ist unrecht, unserer Meinung nach, diesem historisch ältesten Volke alle Rechte zu rauben, die das einheimische Volk besitzt, und zu gleicher Zeit alle Pflichten zu fordern, Geld und Menschenmaterial zum Schutz und Trutz des Landes gegen die Feinde aufzubieten! Nicht mit Strenge kann und soll man Fehler eines Volkes aus dem Wege schaffen. Wir wollen wie die westeuropäischen Staaten den Juden erst die Gleichberechtigung geben, dann wird ihr angeblich unmoralisches Wesen sich bessern können. Die Befreiung vom Drucke, vom Elend wird schneller wie alle repressiven Mittel helfen. Sie sind von allen höheren Ämtern im Lande ausgeschlossen, so müssen sie notgedrungen zum Handel greifen, manchmal auch zum Betruge. Daß sie aber fleißig, befähigt, beharrlich in ihrem religiösen alten Glauben sind, kann niemand leugnen.« Die Kommission antwortete, daß sich in den westeuropäischen Staaten viel weniger Juden finden als in Rußland; auch wären sie viel gebildeter. Hier habe man noch Schwierigkeiten, den Juden die Bildung beizubringen.
Die Entwicklung der Dinge brachte es mit sich, daß die Juden auch auf dem Gebiete des Handels und der Industrie einen ungeahnten Einfluß gewannen. Niemals vorher und nachher kannten die Juden in St. Petersburg ein so reiches und vornehmes Leben wie damals, da die Finanzgeschäfte in den Residenzen zum guten Teil in ihren Händen lagen. Es entstanden jüdische Bankhäuser. Es wurden Aktiengesellschaften gegründet, die Juden leiteten. Die Börsen- und Bankgeschäfte nahmen unerwartete Dimensionen an. Hier auf der Börse fühlte sich der Jude in seinem Element. Die Börse schuf oft über Nacht reiche Leute. Aber auch so mancher stürzte in die Tiefe. Diese Art geschäftlicher Tätigkeit war in Rußland etwas Neues. Von den Juden aber wurde sie geradezu genial erfaßt, selbst von denen, deren Erzieher nur der Talmud gewesen. —
Gegen Ende der fünfziger Jahre erfuhr das alte Branntweinmonopol »Otkup« eine Einschränkung, die zugleich in mancher Beziehung eine Verbesserung war. Hatten sich seit Beginn des vorigen Jahrhunderts viele Kaufleute, Juden, Russen und Griechen, an diesem Geschäft bereichert, so entwickelte sich jetzt das Akzisesystem, das in dem vollständigen Branntweinmonopol der Regierung landete. Schon die Einführung der Akzise machte das Geschäft für die Unternehmer unlohnend. Mit dem Monopol der Regierung hörte die Privatinitiative vollständig auf. Da wandten die jüdischen Kaufleute ihr Kapital anderen Erwerbszweigen zu und entwickelten eine große Tätigkeit besonders auf dem Gebiete der Eisenbahnkonzessionen. Hier fand ihr nüchterner und reger Geist ein dankbares Feld. Großer Gewinn belohnte ihre Mühe und brachte große Kapitalien in ihre Hände. Die völlig neue Beschäftigung erheischte freilich eine Lebensweise, die von der altgewohnten bedeutend abwich. Die jüdische Religion und die Tradition kamen ins Gedränge. Mit dieser Tätigkeit ließ es sich eben kaum noch vereinen, daß die jüdischen Angestellten wie einst das Studium des Talmuds pflegen und alle religiösen Vorschriften getreulich beobachten konnten. Die Bezeichnungen »Akzisnik«, d. h. ein beim »Otkup« oder bei der Akzise Angestellter, und »Schmin-Defernik«, das ist ein Angestellter beim Bahnbau (chemin de fer), waren gleichsam Spitznamen geworden. Und die altjüdische Gesellschaft mußte die Nichtbeachtung der überlieferten Gebräuche bei diesen jungen Leuten ebenso dulden wie bei den jüdischen Bankbeamten, die den Sabbath und die Feiertage zu ignorieren gezwungen waren und auch nicht eine Stunde mehr am Tage dem Talmud widmen konnten und — wollten.
Ein Volksliedchen gibt diesen Zuständen humoristischen Ausdruck:
Un akzisne junge Lait
Sainen varschait: (ausgelassen, liederlich)
Golen (rasieren) die Bärdelach
Un reiten auf Ferdelach
Geihen in Galoschen
Un essen ungewaschen.
Aus dieser Zeit stammt auch ein Scherzlied Michael Gordons: »Ihr seid doch Reb Jüd in Poltawa gewesen«, das in einer launigen Melodie bald weit über die Grenzen Rußlands bekannt wurde.
[Zwei Worte sagte meine kluge Mutter.]
»Zwei Dinge kann ich gewiß sagen: ich un mein >Dor< (Generation) wellen gewiß als Juden leben und sterben; unsere Einiklach (Enkel) wellen gewiß nicht als Juden leben und sterben. Nor wos von unsere Kinder wet weren, kenn ich nit >raten< (erraten, voraussehen).« Die beiden ersten prophetischen Behauptungen haben sich teilweise erfüllt, die dritte geht auch in Erfüllung, denn unsere Generation stellt eine Art Zwitterding dar.
Hingerissen von dem unaufhaltsam vorwärtsdringenden Strom der neuen westeuropäischen Bildung, haben wir selbst im vorgerückten Alter uns bemüht, auf mannigfachen Gebieten der Wissenschaft und in fremden Sprachen uns Kenntnisse anzueignen.
Während aber andere Völker und Nationen von den modernen und fremden Strömungen und Ideen nur aufnehmen, was ihrem Wesen entspricht und dabei ihre Individualität und Eigenart bewahren, lastet auf dem jüdischen Volke der Fluch, daß es das Fremde und Neue sich fast nie anders aneignet, als indem es sich vom Alten, von seinem Eigensten und Heiligsten lossagt.
Wie wirbelten im Gehirn der jüdisch-russischen Männer die modernen Ideen chaotisch durcheinander! Plötzlich, mächtig, unaufhaltsam drang der Geist der sechziger und siebziger Jahre in das jüdische Leben hinein und zerstörte seinen bisherigen Charakter. Rücksichtslos sagte man sich vom Alten los. Die alten Familienideale schwanden, ohne daß neue aufkommen konnten.
Bei den meisten jüdischen Frauen jener Zeit hatten Religion und Tradition derart ihr innerstes Wesen durchdrungen, daß sie ihre Verletzung fast wie einen physischen Schmerz empfanden und deswegen einen schweren Kampf in ihrem engsten Familienkreis zu bestehen hatten.
In dieser Übergangsperiode wurde der Mutter, der natürlichen Erzieherin ihres Kindes, das Recht der Erziehung nur für jene Zeit zugebilligt, in der das Kind nichts als schwere Opfer und schwere Pflichterfüllung erfordert. Sobald aber die Zeit der geistigen Erziehung heranrückte, da wurden die Mütter brutal beiseite geschoben, da endeten ihr Walten und ihre Sorge um das Kind. Die Frau, die an den Traditionen noch mit jeder Fiber ihres Wesens hing, wollte sie auch ihrem Kinde beibringen: die Sittenlehre der jüdischen Religion, die Traditionen ihres Glaubens, die Weihe des Sabbaths und der Feiertage, die hebräische Sprache, das Lernen der Bibel, dieses Buches aller Bücher, dieses Werkes aller Zeiten und Völker. Diesen ganzen Reichtum wollte sie in schönen und erhabenen Formen ihren Kindern übergeben — zugleich mit den Ergebnissen der Aufklärung, zugleich mit dem Neuen, das die westeuropäische Kultur gebracht hatte. Aber auf alle Bitten und Einwände erhielten sie von ihren Männern stets die gleiche Antwort: »Die Kinder brauchen keine Religion!« Vom Maßhalten haben die jüdischen jungen Männer jener Zeit nichts gewußt, und sie wollten auch nichts davon wissen. In ihrer Unerfahrenheit wollten sie unvermittelt den gefährlichen Sprung von der untersten Stufe der Bildung gleich zur obersten machen. Manche verlangten von den Frauen nicht nur Zustimmung, sondern auch Unterwerfung, — sie verlangten von ihnen die Abschaffung alles dessen, was gestern noch heilig war. Alle modernen Ideen, wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, in der Gesellschaft predigend, waren diese jungen Leute zu Hause ihren Frauen gegenüber die größten Despoten, die rücksichtslos die Erfüllung ihrer Wünsche forderten. Es gab erbitterte Kämpfe innerhalb des bis jetzt so patriarchalischen und beschaulich dahinfließenden Familienlebens. Gar manche Frau wollte nicht nachgeben. Sie ließ ihrem Manne volle Freiheit außerhalb des Hauses, verlangte aber im eigenen Hause die Ehrung der alten, lieben Bräuche. Daß dieses Doppelleben nicht auf die Dauer möglich war, begreift sich leicht. Der Zeitgeist siegte in diesem Kampfe; und blutenden Herzens gaben die Schwächeren nach. Wie das so kam bei den anderen und bei mir, davon will ich in den nächsten Kapiteln erzählen.