Petersburg.
In den siebziger Jahren unter der Regierung Alexanders II. war Petersburg in seiner höchsten Blüte. Der Hauptteil von Petersburg, wo das bewegteste und eleganteste Treiben herrscht, ist der Newsky Prospekt und die Morskaja. Hier entwickelte sich vor unseren Augen Tag und Nacht das russische Straßenleben, in dem sich die ganze russische Natur widerspiegelt. Um jede Tageszeit ein anderes Bild, stets ganz eigenartig und sehr interessant.
Acht Uhr morgens. In den Straßen von St. Petersburg dominiert die Jugend, die aus allen Enden der Stadt in ihre Schulen eilt. Die Schulzeit in ganz Rußland beginnt um 9 Uhr und währt bis 3 Uhr nachmittags, nur mit einer einstündigen Unterbrechung von zwölf bis eins.
Da eilen die kleinen und großen Gymnasiasten in ihren Uniformen in Grau und Silber. Die Studenten in Schwarz und Blau mit goldnen Knöpfen, die breitrandigen Mützen keck auf die Seite geschoben. Die Mädchen in ihren schlichten braunen Kleidern mit schwarzen Schürzen, die, aller Mode spottend, nach einer streng vorgeschriebenen Fasson angefertigt sind... äußerlich alle gleich aussehend. Sowohl die Schüler wie die Schülerinnen haben einen Ranzen, der nach Vorschrift der Schulbehörde auf dem Rücken getragen werden muß.
Unterwegs einander begrüßend, laute Reden führend, eilen sie aneinander vorbei, jeder seinem Ziele zu, lustig, übermütig.
Die Lastwagen, die des Morgens die elegantesten Straßen durchziehen, lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Den mit Kot und Schmutz bedeckten Wagen zieht ein großes, plumpes Pferd, das seit Jahr und Tag keine Reinigungsbürste auf seinem Fell verspürt hat. Die zentnerschwere Last mit einer zerlumpten und zerfetzten Plane bedeckt. Wagen und Pferd warten nur auf den wohltätigen Regen, der sie einmal von dem Schmutz befreit. Ganz dem Wagen und dem Pferde angepaßt ist der ungepflegte Kutscher mit seiner grünen Mütze und dem an den Ärmeln zerrissenen Schafpelz, der ihm zugleich als Kleid und Schlafdecke dient.
Zwölf Uhr mittags. Von der Peterpaulkirche schlägt die Stunde, von der Festung ertönt ein Kanonenschuß. Die Leute auf dem Newsky-Prospekt ziehen mechanisch die Taschenuhren hervor, um sie zu richten. Die Straßen bieten wieder ein anderes Bild: Gouvernanten, Bonnen, die russischen »Nianias« (Kindermädchen) und die ausgeputzten Ammen in ihrer Nationaltracht führen die Kinder durch den schönen breiten Newsky spazieren.
Um vier Uhr nachmittags beginnt in Petersburg der Korso, der besonders im Winter ein prächtiges Bild bietet. Was für ein Luxus kommt bei diesen Fahrten zum Vorschein! Die herrlichsten Schlitten, die seltensten Rassepferde, die ausgesuchtesten Toiletten und kostbarsten Pelze dürfen da Revue passieren.
Der Korso bewegt sich vom Nikolaibahnhof durch den Newsky, die große und breite Morskaja bis zur »Poztelujewbrücke«. Der Weg ist so breit, daß drei Schlittenreihen bequem nebeneinander fahren können. Alles prächtige, weite Schlitten (hauptsächlich Privatschlitten), innen mit Schafpelz und Teppichen ausgeschlagen, ein schwarzes Bärenfell als Decke. Über die Pferde sind blaue, rote, grüne, manchmal weiße Netze gebreitet. Silbernes Geschirr. Der Kutscher ist meist von ungewöhnlichem Umfang, da sein gepolsterter Mantel (»Jarmak«) von Schulter zu Schulter fast einen Meter breit ist. Es ist ein Oberkleid, festgeknöpft mit einem roten, grünen, blauen oder weißen Gürtel, entsprechend der Farbe des Netzes. Dieses Oberkleid deckt den Kutscher und nimmt die Hälfte des Schlittens ein, so daß es aussieht, als säße der Kutscher auf den Knien seiner Herrschaften. Auf dem Kopf eine vierkantige gepolsterte, rotsamtne Mütze, mit Pelzbesatz und Goldschnur geschmückt. Weiße oder gelbe lange Handschuhe mit Stulpen ergänzen diese so eigenartige Tracht der Petersburger herrschaftlichen Kutscher.
In den Schlitten Damen und Herren, in die kostbarsten Pelze eingehüllt. Hier und da saust mit einer unheimlichen Schnelligkeit ein »Lichatsch« vorbei — ein Einspänner mit einem kleinen Schlitten, nicht größer als ein Sessel. Man sieht nicht mehr als einen Biberpelz, darüber ein kleines kokettes Pelzmützchen.
Das Publikum fährt so nahe aneinander vorbei, daß nicht nur kurze Grüße ausgetauscht werden können, auch Fragen und Antworten fliegen hinüber und herüber. Man verabredet Rendezvous und tauscht Komplimente aus.
Der glitzernde, knirschende Schnee, das Wiehern der Pferde, das leise Rauschen der seidenen Stoffe, das Lachen und Plaudern des Publikums, die Pracht und der Luxus der Schlitten und seiner Insassen — das gibt ein Bild, das nicht nur den Fremden, sondern auch den Einheimischen stets von neuem fasziniert.
Mit der Übersiedelung nach Petersburg ging ich einer Zukunft entgegen, die an Ereignissen und Veränderungen die Vergangenheit, die Gegenwart und alle Erwartungen übertraf.
Das Milieu, in das wir in Petersburg kamen, bestand aus vornehmen, gebildeten Leuten, bei denen meistenteils Reichtum und Luxus herrschten, und die ein fast sorgloses Dasein führten. Trotzdem die Petersburger jüdische Gesellschaft eine große, prächtige Synagoge besaß und zwei Rabbiner hatte, — einen modernen studierten und einen orthodoxen — trennte sie doch vieles von jüdischer Sitte und jüdischer Tradition. Die Vornehmen übernahmen gar manche fremde Tradition und feierten fremde Feste, wie Weihnachten. Von den eigenen Feiertagen hielt man nur noch zwei Feiertage: Jom Kippur und Peßach. Aber sie wurden »modern« gefeiert. Manche kamen ruhig in einer Equipage in die Synagoge und speisten am Jom Kippur während der Pausen.
Das Peßachfest hielt sich selbst in den vorgeschrittensten Kreisen. Es blieb ein Fest der Erinnerung. Freilich nicht an den Auszug aus Ägypten, sondern an die eigene Kindheit in den kleinen litauischen Städtchen. Der Sederabend wurde gefeiert, aber auf eine sehr abgekürzte Art. Sogar die getauften Juden mochten sich vom Sederabend nicht trennen. Veranstalteten sie auch kein besonderes Mahl in ihrem eigenen Hause, so ließen sie sich doch gern in ihren Bekanntenkreisen bei den — noch nicht Getauften einladen. Es sah recht feierlich aus. Die Hausfrau im höchsten Staat, die Kinder sorgsam angezogen, die Gäste in Frack und weißer Binde. Den Tisch schmückte ein Stoß Mazzaus, die auf einem Tablett aufgehäuft waren. Eine Schüssel mit Eiern, mit grünem Salat und Radieschen war hergerichtet. An gutem Wein fehlte es natürlich nicht. Und doch zogen die Herren meistens den »Zmukim« (Rosinenwein), vor, der sie so stark an das Elternhaus erinnerte. Von Gebeten und der ganzen Reihe alter, symbolischer Bräuche nahm man Abstand. Das Gespräch dauerte zwar auch bis Mitternacht. Aber es galt nicht dem Auszug aus Ägypten, sondern Tagesfragen, Zeitungsneuigkeiten, Börsengeschäften. Das Mahl war recht reichhaltig und fing natürlich mit den Eiern an, die in Salzwasser genossen wurden. Dann folgten gefüllte Pfefferfische, Fleischbrühe mit schmackhaften Klößchen und Putenbraten. Es war ein gemütliches Souper mit einigen Eigenheiten, mehr aber nicht. Mit dem Sederabend hatte es eigentlich nur noch den Namen gemeinsam. Auf dem Tisch lag keine Haggadah, sie lag irgendwo in einer alten Holzkiste friedlich bei den vergilbten Talmudexemplaren, der Bibel und alten hebräischen Büchern. Die Fragen wurden nicht gestellt. Die Hände hatte man sich zu Hause mit parfümierter Seife gewaschen. Und beim Weintrinken legte man weiter kein Gewicht darauf, ob es gerade nur vier Becher waren. Natürlich trat das Préférencespiel an die Stelle des Benschens.
Was ich hier schildere, waren die neuen Sitten einer feinen, dünnen Oberschicht der Petersburger Juden.
Die Mehrheit jedoch war der alten hergebrachten Religion, der Tradition treu geblieben, und darunter waren nicht wenige, die zur Elite der jüdischen Gesellschaft gehörten.
In dieser Umgebung zu leben und von ihrem Einfluß unberührt zu bleiben, erforderte eine Charakterstärke und eine religiöse Festigkeit, wie sie mein Mann leider nicht besaß. Mich hätte es unberührt gelassen, mich hätte mein starker Glaube, meine Erziehung und die religiöse Innigkeit, mit der ich an jüdischer Sitte hing, vor der Untreue bewahrt. Ja, stolz wäre ich umhergegangen unter all den Schwachen. Stolz und glücklich, daß ich noch im Besitz all des innigen Reichtums war, den jene längst verloren hatten. Und ich hätte sie wegen ihrer Armut bedauert.
Und doch hatte ich gerade hier in Petersburg, wo die Juden sich von so vielen jüdischen Bräuchen lossagten, oft Gelegenheit zu beobachten, wie stark das Zusammengehörigkeitsgefühl trotz allem unter den Juden entwickelt war: Wenn Juden irgendwo in der Provinz in einem Streit mit der Behörde unterlegen waren, so wandten sie sich nach Petersburg um Unterstützung; und niemals sparte die Petersburger jüdische Gesellschaft Geld und Zeit, um die Sache ihrer Stammesgenossen zu vertreten. Man appellierte und setzte die höchsten Instanzen in Bewegung, damit den bedrängten Juden ihr Recht werde; und dieser Eifer war allen natürlich und selbstverständlich. Nicht umsonst ist ja das Solidaritätsgefühl der Juden in der ganzen Welt sprichwörtlich geworden. Sogar die meisten getauften Juden machten dabei keine Ausnahme. Ja, es gehörte geradezu zum guten Ton in der Petersburger jüdischen Gesellschaft, wohltätige Anstalten für die Juden zu gründen, wo Hunderte von Kindern Unterkunft, Erziehung und Bildung erhielten. —
Es ging bei uns ähnlich zu wie in so vielen anderen Familien, in denen der Kampf um die Tradition gekämpft wurde. »Der Mann, der Verdienende, der die Pflicht hat, die Seinigen zu versorgen, besitzt auch das größere Recht, er ist der Herr im Hause, er kann bitten, darf aber auch fordern,« hieß es dort. Auch mein Mann bat zuerst, und als er damit sein Ziel nicht erreichte, forderte er die Erfüllung seiner Wünsche. Er wurde despotisch und verlor jedes Maß.
Mit seinem schlichten, ruhigen, ehrlichen Wesen, mit dem grenzenlosen Vertrauen, das er den Menschen entgegenbrachte, paßte er nicht hinein in das Großstadtleben, in dessen Hasten und Streben und Ringen. Trotz seiner Kenntnisse und Fähigkeiten ging es ihm in pekuniärer Hinsicht nicht gut, und in dem Riesenunternehmen, an dem er teilnahm, konnte er nicht vorwärts kommen. Das schmerzte und quälte ihn. Denn frisch noch lebten in seiner Erinnerung die Zeiten, da er ein großer Herr war, reich und vornehm. Wenigstens in seinem Hause, im eigenen Familienkreise wollte er Entschädigung haben für diese Ungerechtigkeit. Hier wollte er ganz Herr sein — und er war es auch im vollsten Sinne. Es genügte nicht, daß ich ihm volle Freiheit außerhalb des Hauses ließ. Ich mußte mich selbst und mein Haus »reformieren«.
Zuerst waren es Kleinigkeiten, aber liebe, vertraute Kleinigkeiten, die mir ans Herz gewachsen waren, von denen ich mich trennen mußte. Aber damit waren die Umstürzler noch nicht zufrieden. Es wurde weiter gefordert; und rücksichtslos wurden die Grundlagen unseres bisherigen Lebens zerstört.
Hier in Petersburg war es, wo ich gleich am Anfang unseres Aufenthaltes den »Scheitel« abnehmen mußte. Hier war es, wo ich nach heftigstem Widerstand die koschere Küche abschaffte und allmählich eine schöne, alte Sitte nach der anderen aus meinem Hause vertrieb. — Nein, ich vertrieb sie nicht, ich begleitete jede von ihnen bis zur letzten Pforte meines Hauses mit Schluchzen und Weinen. Blutenden Herzens ließ ich sie hinausziehen und schaute ihnen lange, lange nach — und war so traurig, als wenn ich das Teuerste zu Grabe brächte. Was litt ich damals, welche Seelenkämpfe habe ich durchmachen müssen! Ich ahnte nichts davon in meiner Jugend, als ich noch so glücklich das beschauliche, ruhige, stolze, patriarchalische Leben in meinem Elternhause lebte. Trotzdem ich meinen Mann so heiß und treu liebte wie in der ersten Zeit unseres Zusammenlebens, konnte und durfte ich nicht widerstandslos nachgeben. Für mich und für die Kinder wollte ich das teure Gut erhalten und kämpfte einen Kampf um Sein oder Nichtsein.
Das ganze Leben in Petersburg war dazu angetan, daß selbst tausend verschiedene Erlebnisse immer wieder auf das eine Problem des Judentums zusammenliefen. Was hat mir die Gymnasialzeit meines Sohnes für Sorge und Herzeleid gebracht! Simon war Schüler des vierten Gymnasiums. Eines Tages wurden die Knaben in die Kapelle des Gymnasiums zu einem Gottesdienst geführt. Vor den Heiligenbildern knieten alle nieder. Mein Sohn nur blieb stehen. Der Klassenaufseher forderte ihn auf, sofort niederzuknien. Mein Sohn lehnte es entschieden ab: »Ich bin ein Jude. Und mein Glaube verbietet mir, vor einem Bilde zu knien.« Wütend ging der Aufseher. Nach dem Gottesdienst wurde Simon gerufen: er war entlassen. Morgen sollte er sich seine Papiere holen. Das war eine böse Kunde. Auch diese Sorge noch! Ich eilte zu den Popetschitjel, flehte, jammerte. Mein Sohn hätte ja nicht die Schuldisziplin mißachten wollen. Er wollte nur der Erziehung treu sein, die er im Elternhause und in der Rabbinerschule genossen. Achtung vor der Autorität der Eltern sei auch ein wichtiges Erziehungsmoment. Wo sie aufhört, beginnt vielleicht das Laster. Aber Fürst Liwin blieb hart. Ich konnte nicht mehr sprechen. Der Schmerz drückte mir die Kehle zu. Tränen auf Tränen quollen aus meinen Augen. Sah ich doch das Lebensglück meines Sohnes zerstört. Ich lief hinaus. Aber kaum hatte ich das Vorzimmer erreicht, da rief mich der Fürst zurück. Dieses Gymnasium sollte er verlassen. Aber er wollte doch dafür sorgen, daß er in ein anderes aufgenommen würde. Und so geschah es. Ich fand wieder die Ruhe und genoß mit tiefem Behagen die Freude über die stolze Handlung meines Sohnes. Das war Blut von meinem Blute. Aber durfte ich unter den fremden Einflüssen hoffen, daß die Kinder immer der Art der Mutter folgen würden? Sie wurden größer. Sie begriffen auf ihre Weise, was in ihrer Umgebung vorging und — stellten sich manchmal auf die Seite des Vaters. So war ich oft vereinsamt: Der Mann, die Gesellschaft gegen mich. Ich unterlag. Aber niemand ahnte die Tragik jener Tage, die ich damals durchlebte.
Nur ein paar vergilbte Blätter, denen ich mein Leid damals vor achtunddreißig Jahren in einer Verzweiflungsstunde anvertraut hatte, sind stumme, starre Zeugen meiner Leiden — Ich füge hier jene Worte, die ich am 15. April 1871 schrieb, bei, denn sie scheinen mir von allgemeinerem Interesse zu sein, geben sie doch dem Schmerz und dem verzweifelten Kampf Ausdruck, den nicht nur ich allein, sondern so manche Frau und Mutter in dieser schweren Übergangsperiode des jüdischen Lebens zu ertragen hatten.
[Die gefährliche Operation. — Die Reform der Küche.]
... Das Geschwür ist so groß geworden, daß es mich zu ersticken droht! Was tun? Wo Rat holen? Woher die Kräfte zum Kampf nehmen? O, lieber Gott, schenke mir Seelenstärke, die Operation ohne bleibenden Schaden ertragen zu können! Ich fühle mich zu schwach, das zu überstehen. Es ist ein Kampf auf Tod und Leben. Ich habe mich in den eigenen Kräften verrechnet und glaubte nicht, daß diese letzte Reform mich in solche Bangigkeit und in so starkes Zerwürfnis mit mir selber hineinstürzen würde. Warum fällt es mir so schwer, meine bisherigen Grundsätze zu überwinden? Ich glaube, meine anhängliche Natur ist daran schuld. Die Verehrung und Liebe für meine Eltern sind bei mir unzertrennlich mit der Verehrung ihrer religiösen Sitte verbunden. Es überkommt mich die Verzweiflung, wenn ich an die Notwendigkeit meines Handelns denke, von der mein künftiges Heil, meine Ruhe und Zufriedenheit, selbst das Glück meiner Kinder abhängen soll. Es wird sicher eine tiefe Wunde in die Herzen meiner Eltern schlagen. Ich war ihnen bisher eine liebe Tochter. Nun haben sie volles Recht, mir zu fluchen — Ja, ich verstehe ihren brennenden Schmerz. Ich bin selbst Mutter!
Aber wo sind meine eigenen Grundsätze? Ja, sie sind da. Seit fünfzehn Jahren kämpfe ich, sie zu erhalten. Sie sind mir ans Herz gewachsen, in Fleisch und Blut übergegangen. Nun sind sie aber der Störenfried und Anstoß für alle Meinigen geworden, an ihnen zerschellt jeden Augenblick alle Zärtlichkeit, alle Achtung und Liebe. — Und was mich so unglücklich in meinem jetzigen Zustand macht, ist das Verhältnis meines Mannes zu mir. Er hat es nie verstanden, oder sich nie die Mühe gegeben, mich anders zu betrachten, wie ein für sich notwendiges Ding. Er ist nie auf den Gedanken gekommen, daß ich meine eigenen Grundsätze, Gewohnheiten habe, daß ich bereits von Haus aus zu ihm mit Erinnerungen, ja sogar mit gewissen Erfahrungen kam; und daß die mannigfachen Lebensumstände meine Standhaftigkeit ausgebildet und gefestigt haben. Er gab sich nicht die Mühe, sich meinem inneren Wesen zu nähern und es zu erkennen. Er fordert von mir vor allem Unterwürfigkeit und Verleugnung meiner Grundsätze. Nein, mein Freund, diesen deinen letzten Wunsch ohne Murren zu erfüllen, bin ich nicht imstande. Dazu hättest du mich allmählich vorbereiten sollen, dann wäre es mir vielleicht nicht so tödlich schwer geworden! Da es aber nicht geschah, da du meinem inneren Leben fremd bliebest, wurde meine Anhänglichkeit an die Eltern und das Pflichtgefühl ihnen gegenüber von Tag zu Tag stärker. Ich schuf mir eine eigene Welt in mir, von der ich mich jetzt so schwer trennen kann. O, Gott im Himmel, nur du kannst unparteiischer Zeuge meiner Leiden sein! Wem soll ich klagen! Verstehst du mich, mein Mann? Legst du mir meine Konsequenzen nicht als eine Hartnäckigkeit aus, kannst du nicht darin etwas Höheres, Edleres sehen, als Eigensinn? Und die Kinder? Die sind ja noch zu jung — sie werden aber schon auf deine Seite kommen. Sie sind ja Kinder ihrer Zeit!
Das Messer ist geschärft. Ich muß mich entscheiden. Die Operation soll vor sich gehen, denn ich ersticke! Nur bitte ich um Zeit, damit ich den Kampf zuerst mit mir selbst auskämpfe und meine geistigen Kräfte sammle. O, wer hilft mir? Niemand! Zurück also in meine eigene Welt, in mein Herz, in die Gesellschaft meiner Gedanken, in die Welt meiner Vergangenheit, die eine inhaltreiche Geschichte ist, und in die undurchdringliche Zukunft. Ich will dieses furchtbare Opfer auf dem Altar meines häuslichen Herdes darbringen. Eher darf ich nicht sagen, daß ich meine Pflicht als Frau und Mutter erfüllt habe, bis ich auch diesem Wunsch der Meinigen nachgegeben habe. Was ist mein Leben ohne Liebe, ohne Anhänglichkeit und in einem immerwährenden Streit mit den Nächsten? Nach jedem Auftritt wegen dieser unheilvollen Frage sehe ich den Tod vor Augen. Die Bitterkeit, die ich stets dabei empfinde, könnte drei Leben, und nicht nur eines vergiften! Daher, ihr Henker, schärft die Messer, ich bin fertig. Ich will mit dieser Tat dem ewigen Spotten über die Religion in meinem Hause ein Ende machen. Lieber begehe ich selbst das Schreckliche und rette mit dieser Handlung die wahre Grundlage der Religion, den Glauben. Ich darf vielleicht nicht länger zögern, wenn ich das Schlimmste verhindern soll. — Heutzutage muß man ein Hillel und kein Schamai sein[37].
O, Schweres, namenlos Schweres hast du mir, Gott, auferlegt! Ich lebe ja in der schwersten Übergangszeit, in der wir jüdischen Frauen ohne alle persönlichen Rechte in den Ehestand getreten sind, in der unsere Männer sich als unsere Herren oder Diener, nie aber als unsere Freunde betrachten. O, totes Papier, fühlst du es nicht, welche Worte ich hier niedergeschrieben habe? Es wird mir schrecklich zumute. Meine Sinne schwinden. Meine Hand versagt ihre Dienste. Ich werfe das Papier weit von mir. Soll ich wünschen, daß es jemandem einmal in die Hände kommt?
So wurde denn in meinem Hause die treifene Küche eingeführt. Für dieses Opfer, das ich den Meinigen brachte, forderte ich die Erfüllung eines Wunsches: Einundfünfzig Wochen im Jahre mußte ich so leben, wie sie es haben wollten, eine Woche, die der Peßachfeiertage, sollte mir gehören. Und niemand sollte mir im Wege stehen, diese Feiertage ganz so zu feiern, wie ich es von Hause aus gewohnt war. Und dabei blieb es.
Ein guter Freund beeilte sich natürlich, meinem Vater von dieser Reform in meinem Hause Mitteilung zu machen. Mein Vater hörte ihn ruhig an, schwieg weise eine Weile und sagte dann. »Wenn meine Pessele es getan hat, so mußte sie es tun.«
Zu diesen religiösen Kämpfen im Hause kam noch der Kampf ums Dasein. Die geschäftlichen Angelegenheiten meines Mannes blieben dauernd unerfreulich. Weder als Bankangestellter, noch als Börsenmakler hatte er Glück. Er fühlte sich niedergeschlagen und müde, denn das schlechte Petersburger Klima übte einen bösen Einfluß auf seine Gesundheit aus. Die Kinder wurden groß. Ihre Erziehung forderte Mittel, die die unseren überstiegen. Unsere materiellen Verhältnisse hielten nicht Schritt mit den Bedürfnissen, die noch durch unseren Verkehr von Tag zu Tag größer wurden. Ich hatte so manche schwere Stunde durchzumachen. Aber ich tat mein Möglichstes, um vor den Kindern und den Fremden unsere materielle Lage zu verbergen. Die Hoffnung auf bessere Zeiten verließ mich nie. Ich arbeitete und arbeitete, daß das Glück, sollte es einmal kommen, keine verelendete Familie vorfände. Diese Hoffnung gewann mit der Zeit in meiner Phantasie Form und Gestalt — ich sah vor unserer Wohnung das Unbestimmte, das Wunderbare, das uns die frohe Nachricht bringen sollte, harren und leise unsere Tür öffnen —
Aber es öffnete sie gar so leise und langsam —
Es bedeutete eine glückliche Wendung für uns, als meinem Manne die Stellung eines Vizedirektors der Kommerzbank in Minsk angeboten wurde. Wir überlegten nicht lange, packten unser Hab und Gut zusammen und siedelten nach Minsk über.
Das war gegen Ende 1871.
Endlich wich die materielle Sorge von uns. In kurzer Zeit erhielt mein Mann die Stelle des Direktors, und von nun an führten wir wieder ein reiches, vornehmes Leben in Minsk.
[Die dritte Generation.]
Und es kam die dritte Generation, die weder Gott noch den Teufel fürchtete. Die allerhöchste Huldigung brachte sie dem eigenen Willen entgegen und erhob ihn zu einer Gottheit. Dieser Gottheit wurde Weihrauch gestreut. Ihr wurden Altäre errichtet; und ohne Scheu, ohne Rücksicht wurden ihr die heiligsten Opfer dargebracht. Es war die Tragik und das Verhängnis dieser Jugend, daß sie ohne Tradition aufgewachsen war. Unsere Kinder erhielten keine Eindrücke von den Erinnerungen des historischen, selbständigen Judentums. Fremd blieben ihnen die Klagelieder am Tischo b'Ab, fremd die in den dreimal täglich verrichteten Gebeten lebende Sehnsucht nach Zion, dem Lande der großen Vergangenheit, fremd der Rhythmus der jüdischen Feiertage, nach welchem stets einem traurigen ein freudiger folgt. Sie fand nirgends Anregungen — diese Generation. Sie wurden Atheisten.
Vielleicht mag mancher jugendliche Leser glauben, daß ich die Verhältnisse gar zu trübe sehe. Ist meine Erinnerung getrübt und decken dunkle Flore meine Augen?! O nein. Ich bin ein getreuer Chronist. Mein lichter Blick sieht nur die tiefen Schatten, weil sie wirklich die Wege der neuen Jugend über und über decken.
Die dritte Generation! Zeigt mir das Glück, zeigt mir den Adel eurer Moral — und ich will mich vor euch beugen!...
... Allmählich sahen die Väter, die jüdischen Brauch und jüdische Sitte aus der Erziehung der Kinder entfernt und sie ausschließlich im modernen aufklärerisch-europäischen Sinne hatten bilden lassen, ihren verhängnisvollen Fehler ein. Sie selbst, wenn sie sich auch von Religion und Tradition abgewandt hatten, blieben doch im Grunde ihres Herzens Juden. Gute Juden im nationalen Sinne dieses Wortes, stolz auf ihre Vergangenheit; denn in ihnen lebten noch die Erinnerungen ihrer Kindheit. Aber ihre Kinder hatten diese Erinnerungen nicht mehr; ihre eigenen Eltern, hauptsächlich die Väter, waren daran schuld. Und nicht selten kam es, daß feiner empfindende Jünglinge, die ihre innere Armut erkannten, die Eltern anklagten!
Es gab zwar eine Möglichkeit, die Mängel der häuslichen Erziehung einigermaßen zu ersetzen: durch einen geordneten Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen. Tüchtige Lehrer hätten so leicht das Interesse der Jugend der großen jüdischen Vergangenheit zuwenden, ihre Aufmerksamkeit auf die alte hebräische Poesie, die Geschichte der Juden lenken und auf diese Weise in ihnen die stolze Gewißheit erwecken können, daß sie einem Volke angehörten, dessen Kultur und Geschichte alt, inhaltsreich, erschütternd sind. Dann hätte die jüdische Jugend sich nicht gleich bei der ersten Berührung mit der Schuljugend anderen Stammes verloren. Sie hätte nicht das Gefühl der Erniedrigung gehabt, das ihnen jede Erinnerung an die jüdische Abstammung brachte. Sie hätte sich nicht mit solcher Wut von ihrem eigenen Volke abgewandt, ihre Pflichten vergessen und ihre Kräfte rücksichtslos in die Dienste der »anderen« gestellt, wie sie es getan. — Aber leider standen die jüdischen Religionslehrer nicht immer und nicht überall auf der Höhe ihrer Aufgabe. Nur die allerwenigsten verstanden ihre Mission.
In den sechziger Jahren beginnt die Russifizierung der Juden durch die Regierung. — In der ersten Epoche der Aufklärung, in der Zeit des Einflusses Mendelssohns, war die Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen deutsch. Jetzt war die Stimmung eine andere geworden, die »Aufgeklärten« kamen den Russifizierungstendenzen der Regierung entgegen, weil sie von der Zukunft politische Freiheiten erwarteten und die Vereinigung mit dem großen russischen Volke anstrebten. Die Sprachenfrage war definitiv gelöst, als die Regierung nach dem polnischen Aufstand die russische Sprache in den jüdischen Schulen Litauens als obligatorisch eingeführt hatte.
Danach ging man zu den Unterrichtsgegenständen über und verfolgte dabei die gleiche Tendenz der Russifizierung. So wurde allmählich das Programm der jüdischen Unterrichtsgegenstände gekürzt zugunsten der »allgemeinen«, d. h. russischen Bildung. Es kam so weit, daß in den Mädchenschulen der hebräische Schreibunterricht verboten wurde. — Auch in dieser Hinsicht entsprach die Tendenz der Regierung dem stillen Wunsche der jungen Generation und vor allem auch dem der jüdischen Lehrer, daß der allgemeinen Bildung der Vorzug zu geben sei. Diese Lehrer haben das Judentum schließlich auch aus den jüdischen Schulen gedrängt.
So war es kein Wunder, als die finstere, kalte, stürmische Periode der achtziger und neunziger Jahre für uns Juden hereinbrach und unsere Kinder in ihrem schwanken, gebrechlichen Schiffchen von der Hochflut ergriffen und von den brausenden Wellen des Lebens bald nach oben, bald nach unten geschleudert wurden, — daß sie ihr Schifflein in Sicherheit bringen wollten.
Dieser sichere Hafen war — die Taufe.
Das glaubten sie damals.
Da fiel es, das inhaltsreiche, schwere, schreckliche Wort, das wie eine Seuche in das Innere des Judentums hineingriff und die Nächsten auseinanderriß. Nur ganz selten kam dieses Wort über meine Lippen, weil es mir zu nahe ging, mir zu tief ins blutende Mutterherz schnitt...
Nachdem das Furchtbare geschehen war, sprach ich darüber auch mit den Nächsten nicht.
Nur meinen Blättern habe ich es anvertraut, mit Tränen benetzt und aufbewahrt tief, tief in der Erinnerung — bis heute.
Aber heute will ich mich überwinden, heute will ich von jener finsteren Nacht erzählen... Und wie alles, was ich erlebe, so fügt sich mir auch dieses Vorhaben, diese Aufgabe, in ein Bild: ich sehe mich selbst als das Großmütterchen am Kamine sitzen — und um mich herum die Jugend von heute. Sie hören mir so gerne zu, wenn ich von den alten vergangenen Zeiten des jüdischen Lebens erzähle. Die Augen werden größer, sie leuchten, die Kinder heben stolz die Köpfe und lauschen. O, Wunder des Blutes! Die Kinder, deren Eltern sich vom Judentum abgewendet, kehren zu ihm zurück. Sie sehnen sich nach ihm und nach der alten großen jüdischen Melodie, die sie nie gehört. Das alles lese ich in den klugen Augen der Kinder, und ihnen will ich das wunde Herz öffnen und von all dem Leid und den Schrecknissen jener Nacht erzählen ...
Zwischen dieser modernen Schule, deren Führer überzeugt und systematisch die Kinder dem Judentum entfremdeten, und der großen Masse der orthodoxen jüdischen Bevölkerung herrschte ein sehr feindliches Verhältnis. Man wird das begreifen. Die hebräische Sprache sollte nicht treulos verlassen werden. Alle erlaubten und unerlaubten Mittel mußten herhalten, um den hebräischen Unterricht zu ermöglichen. Bestrafung und Strafgelder — ganz gleich, wenn nur das Ziel erreicht wurde. So leichten Kaufes wollten sich die Alten nicht ergeben. Die Chedarim bestanden fort, die arg verspotteten Melamdim »knellten« ihre Schüler weiter. Und mochte sich auch die Regierung einmischen; wie armselig war diese Bevormundung gegen den heiligen Eifer der Frommen! Standen auch die höheren Talmudschulen — die Jeschiwaus — unter der Kontrolle des Ministeriums für Volksbildung, so blieb die Aufsicht nur eine theoretische. Die Regierungsgewalt drang nicht in die Stille der Bethäuser. Mit Zwang war eben wenig zu erreichen. Schließlich gab die Regierung nach. Nicht zum mindesten, als sich 1863 die Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den russischen Juden gebildet hatte und nach Überwindung einer Sturm- und Drangperiode mit versöhnender Liebe und Verständnis für den Wert des Althergebrachten ihre stille, aber hartnäckig durchgeführte Arbeit betrieb. Freilich fand sie im Zeitgeist eine kraftvolle Unterstützung. Die wohlhabenden Klassen sandten ihre Kinder nur in die Kronsschule. Der Cheder blieb eigentlich nur den Kindern des Proletariats. Aber ganz wurde auch bei den Reichen in der Folge das Studium der hebräischen Sprache nicht vernachlässigt. Der Melamed kam für einige Stunden in der Woche ins Haus. Gymnasium und Universität: das waren jetzt die Ziele. Und es war schon eine auffällige Ausnahme, wenn ein Reicher seinen begabten Sohn in eine Jeschiwah gab.
In diesen Jahren der inneren Wandlung, in der Zeit der siebziger Jahre, tauchten in Rußland alle möglichen geflügelten Worte, wie Nihilismus, Materialismus, Assimilation, Antisemitismus, Dekadenz, auf. Sie beherrschten das letzte Viertel des XIX. Jahrhunderts und hielten sowohl die jüdische wie die nichtjüdische Jugend in Rußland in einer unaufhaltsamen Bewegung, in einer Aufregung. Es erschien der Roman: »Väter und Söhne« von Turgenjew, in dem das Wort Nihilismus zuerst geprägt wurde. Die begeisterte Jugend fand in dem Helden dieses Romans in der Folge das Echo ihrer Anschauungen und Bestrebungen, und sie ergänzte und formte das, was noch fehlte, nach dem Vorbild des Basarow. Der Kampf mit den Eltern wurde immer rücksichtsloser und erbitterter. Mehr und mehr entfernte sich die jüdische Jugend von den Eltern. Ja, es war nicht selten, daß die Kinder sich ihrer schämten. In ihren eigenen Eltern sahen sie oft nichts anderes als den Geldbeutel, der ihnen die Mittel zur Befriedigung ihrer Wünsche verschaffen mußte. Die Eltern achten? Weshalb? Achten kann man ja nur den, der an Bildung höher steht. Die Ergebenheit, Dankbarkeit, Pietät der früheren Zeiten waren aus dem jüdischen Leben spurlos verschwunden, als seien sie niemals der Stolz und der Glanz des jüdischen Hauses gewesen. Im Eifer, das Alte zu stürzen, alles Vorhandene skeptisch zu prüfen, zu kritisieren, die eigene Individualität zu behaupten, kannte die junge Generation keine Grenzen mehr, und nicht selten kam es vor, daß ein solcher Philosoph (Mädchen nicht ausgenommen), ausgestattet mit allen Sentenzen Franz Moors, seine Geburt den Eltern zum Vorwurf zu machen wagte, wenn es ihm einmal im Leben nicht nach Wunsch erging. Solch ein Wesen neuester Formation äußerte sich beispielsweise gnädig: »Wenn ich sehe, daß meine Mutter und ein Fremder sich gleichzeitig in Gefahr befinden, so rette ich zuerst meine Mutter!« — Als ob es anders sein könnte. — Das ist ein kleiner Beleg dafür, wieweit die Jugend der achtziger und neunziger Jahre vom natürlichen Empfinden entfernt war, daß sie erst beweisen zu müssen glaubte, was so selbstverständlich sein sollte, was im Blut liegt und zum Instinkt geworden ist.
Wenn ich die Szenen zwischen Eltern und Kindern der vierziger und fünfziger Jahre als tragikomisch bezeichnet hatte, so waren die Auftritte in vielen jüdischen Familien der achtziger und neunziger Jahre rein tragisch.
Die jüdische Jugend verlor sich in fremder Art. Assimilation bis in den Kern war ihr Losungswort. Im jüdischen Leben ging alles durcheinander, es herrschte ein wahres »Tohuwabohu«. Aber der Geist Gottes schwebte nicht über der Oberfläche.
Das war die allgemeine Stimmung und die Verfassung der jüdischen Jugend, als die finstere, kalte, stürmische Periode über ihr Leben und ihr Schicksal hereinbrach —
»Wajhi hajaum«! Und es war ein Tag am 1. März 1881, an dem die Sonne, die in den fünfziger Jahren über dem jüdischen Leben aufgegangen, plötzlich erlosch: Alexander II. wurde am Ufer des Kanals Mojka in St. Petersburg erschossen! Die Hand, die den Befreiungsakt für sechzig Millionen Leibeigene unterzeichnet hatte, wurde starr. Der Mund, der das große Wort der Befreiung ausgesprochen, verstummte auf ewig. Und das vom Volke erwartete Heil rückte in weite, weite Ferne.
In einer Sitzung hatte die Minsker Stadtduma beschlossen, zwei Männer aus ihrer Mitte als Delegierte nach Petersburg zu senden, um dort auf das frische Grab des humanen Kaisers einen Kranz niederzulegen.
Man wählte den Bürgermeister der Stadt, H. Golinewitsch, und meinen Mann; die Gemeinde fertigte eine Vollmacht mit den Unterschriften aller Mitglieder aus, und sie reisten ab.
Es geschah zum erstenmal, daß Juden an einer solchen Trauerkundgebung teilnahmen.
Und es kamen andere Zeiten — andere Lieder erklangen — Das Schlangengezücht, das sich bisher nicht ans Tageslicht gewagt hatte, kroch jetzt aus den Sümpfen hervor: der Antisemitismus brach los und drängte die Juden zurück in das Getto. Ohne viel Umstände verschloß man ihnen die Pforten der Bildung. Der Jubel der fünfziger und sechziger Jahre wurde zu »Kines«[38], die Hoffnungen auf die Zukunft zu den Klagen Jeremias —
Den Juden wurde der letzte Rest ihrer bisherigen Freiheiten genommen. Beschränkungen über Beschränkungen, die mit zeitweisen Verschärfungen und Milderungen noch bis heute fortdauern und deren Ende nicht abzusehen ist. Das Wohnrecht der Juden wurde mehr und mehr eingeengt. Der Aufenthalt in Petersburg und anderen Städten Rußlands wurde ganz verboten oder nur bestimmten Kategorien von Juden gestattet, z. B. den Kaufleuten erster Gilde, die dafür eine sehr hohe Gebühr an die Regierung bezahlen mußten und denen, die in Rußland ein akademisches Diplom erworben hatten.
Die akademische Bildung selbst aber wurde den Juden immer mehr erschwert, indem man zur Aufnahme in die Gymnasien nur eine geringe Anzahl zuließ und die wenigen, die dann trotz aller Hindernisse das Gymnasium absolviert hatten, bei der Einschreibung in die Hochschulen nochmals durchsiebte. Es ist begreiflich, daß diese Härten eine arge Korruption bei Juden und Russen zeitigen mußten. Alle nur denkbaren Mittel wurden von den Juden angewandt, um ihren Kindern den Eintritt in die Gymnasien und Universitäten zu ermöglichen und die brutalen Gesetze zu umgehen. Kam es doch später sogar so weit, daß jüdische Eltern für unbemittelte christliche Kinder das Schulgeld bezahlten, nur um so die Zahl der christlichen Schüler zu erhöhen und dann ihre eigenen Kinder noch in die Schule bringen zu können. Denn es durfte nur ein bestimmter Prozentsatz Juden aufgenommen werden.
Geld und Protektion spielten vereint die größte, ja oft einzig und allein eine Rolle bei der Entscheidung über die Aufnahme jüdischer Schüler. Welche Demoralisation sogar bei den kleinen Kindern diese Zustände im Gefolge hatten, läßt sich leicht denken. Oft fragten die kleinen Kandidaten einander schon bei Beginn der Prüfungen: »Wieviel gibt dein Vater...?« Und welche Erbitterung mußte das in die Kinderherzen tragen, daß die Reichen noch allenfalls manches für sich erlangen konnten, während die Armen ganz zurückstehen mußten. — Das Geld war das Recht!
Und wenn es nun schon nach unendlichen Mühen gelungen war, einen jüdischen Knaben bis zur Reifeprüfung zu bringen, und wenn er diese sogar mit der höchsten Auszeichnung bestanden hatte, dann war er doch noch keineswegs sicher, auch in die Hochschule aufgenommen zu werden. Abermals trat die »Prozentnorm« in Wirksamkeit. Da die Zahl der jüdischen Studenten ebenfalls wieder abhängig war von der der nichtjüdischen Studierenden, so mußten beim Eintritt in die Universität wieder viele, viele Juden zurückbleiben. Und die Wahl des Berufes war und ist für den jüdischen Jüngling in Rußland keine Frage der Neigung und Fähigkeit oder der Absichten der Eltern, sondern einzig und allein des blinden Zufalls, der einige wenige zuläßt und die meisten ohne Wahl und ohne Rücksicht ausscheidet. Aus keinem andern Grunde, als weil sie Juden sind.
Wie in der Schule, so im Leben.
Die Atmosphäre um die Juden wurde düster und gewitterschwer. Sie wurden auf Schritt und Tritt auch von der niedrigsten Schicht der Bevölkerung verspottet und verfolgt. So erinnere ich mich einer für jene Zeiten charakteristischen Episode, die mein Mann in Minsk erlebte. Als er einmal auf der Straße ins Gedränge geriet, hörte er plötzlich neben sich einen kurzen Befehl: »Jud', fort vom Wege!« Er wandte sich um und erblickte einen Russen, aus dessen Zügen das Gift des Hasses quoll. Die Straße wimmelte von Juden. Da erhob mein Mann unzweideutig seinen Spazierstock und rief dem Antisemiten laut zu: »Was fällt Ihnen ein, so verächtlich zu reden; die Straße ist doch für jeden frei —!« In einem Augenblick war er von Juden umringt, die in ihrer Wut sofort Rache an diesem Menschen nehmen wollten. Der Antisemit machte sich aber schleunigst aus dem Staube.
Einige Tage nach diesem Vorfall ließ der Gouverneur Petrow meinen Mann zu sich bitten und begrüßte ihn mit folgenden Worten: »Wie ich höre, sind Sie in der Stadt mehr Befehlshaber als ich selbst. Vielleicht wollen Sie überhaupt meinen Posten übernehmen?« Mein Mann bedankte sich höflich und versicherte dem Gouverneur stolz und mit vornehmer Ruhe, er sei mit seiner Stellung als Direktor der Kommerzbank sehr zufrieden und verlange keine andere.
Nur die hohe Stellung meines Mannes und seine Verbindungen in der Beamtenschaft verhinderten einen schlimmen Ausgang dieses Vorfalles. Jeder andere würde ihn schwer gebüßt haben.
Solche und ähnliche Episoden wiederholten sich immer häufiger. Sie waren die Vorboten jener blutigen Ereignisse, die nicht mehr lange auf sich warten ließen.
Und »Pogrom« war das neue Wort, das die achtziger Jahre geprägt hatten... Die Juden von Kiew, Romny, Konotop und anderen Orten mußten zuerst das Furchtbare erleben; sie waren die ersten, die wehrlos von den wilden Massen des heimischen Pöbels überfallen und auf die roheste Weise niedergemacht wurden. Die Zeitungen, hauptsächlich aber Privatbriefe, brachten ausführliche Nachrichten über das Vorgefallene und verbreiteten eine unglaubliche Panik —
Das war der Anfang... Ein vielfaches Echo erscholl aus allen Enden Rußlands. Unter den Juden herrschte Niedergeschlagenheit und die Verzweiflung.
Doch verharrten sie nicht lange in dieser trostlosen Starrheit und rafften alle ihre Kräfte zusammen, um sich gegen den Feind zu wehren. Sie sahen ein, daß Gott ihnen nur dann helfen würde, wenn sie sich selbst helfen — und sie trafen Maßregeln und Vorbereitungen für die Zukunft, unerschrocken, mutig, an die Worte aus der »Megilath Ester« denkend: »Kaascher — owadeti, owodeti« — »Sowieso sind wir verloren, daher wollen wir uns doch wehren!«
In der Stadt Minsk herrschte eine düstere Stimmung. Der Handel stockte. Die Juden verließen ihre Geschäfte. Man sah sie durch die Straßen eilen, hastig, unruhig, mißtrauische Blicke um sich werfend. Sie waren auf ihrer Hut und hätten im Falle eines Pogroms verzweifelt gekämpft. Die Luft war geladen. Jeden Augenblick erwartete man die Explosion.
Die jüdischen Marktweiber, die zu mir ins Haus kamen, erzählten voll Schrecken und Entsetzen von den Roheiten und den Drohungen der Bauern, die zweimal wöchentlich ihre Ware zum Minsker Markt brachten. Die Bauern sprachen öffentlich von einem baldigen Überfall und von der Ermordung aller Juden.
Mein Mann brachte ebenfalls Schreckensnachrichten aus seiner Bank, die Kinder aus der Schule. Die judenfeindliche Stimmung wuchs mit jedem Tage. Und es kam dahin, daß sogar kleine Straßenbengel sich erdreisteten, die Fensterscheiben bei den angesehensten Familien von Minsk mit Steinen einzuwerfen und den Juden verächtliche Worte und Schimpfreden nachzurufen.
Einmal wurde an der Entreetüre unserer Wohnung, die zu ebener Erde lag, stark geklopft. Das Mädchen öffnete die Tür und sah erstaunt einen kleinen Gassenjungen vor sich. Dreist, mit einem frechen, herausfordernden Gesichtsausdruck, ohne die Mütze zu ziehen, fragte er nach dem Namen der Herrschaft. Als das Mädchen ihm unseren russisch klingenden Namen und unseren russischen Vornamen nannte, wiederholte er noch einmal ungeduldig seine Frage: »Ich will wissen, ob hier Juden oder Christen wohnen!« Nachdem er die gewünschte Antwort erhalten, schrie er wütend in die Wohnung hinein: »Judenpack, na, warum protzt ihr denn mit russischen Namen —« und lief davon.
In allen Schichten der Bevölkerung glimmte der Haß gegen die Juden, die sich unter den feindlichen, gehässigen Blicken wie unter geschliffenen Messern bewegten.
Die Juden in Minsk rüsteten sich zum Kampf und ihre Häuser wurden Kriegszelte. Jeder nach seiner Art, wie es ihm am leichtesten war: einer besorgte sich starke Stöcke — »Drongi« genannt —, der andere mischte Sand und Tabak, um dieses Zeug dem Pogromgesindel in die Augen zu werfen. Jungen von acht Jahren, Mädchen von zehn nahmen Teil an den schrecklichen Vorbereitungen, »waren mutig, unerschrocken auf den Straßen«. Es kam, daß ein solcher Held seiner besorgten Mutter zurief: »Sei ruhig, wenn die Kazappes kommen, uns zu töten, so hab ich auch ein Messer!« Bei diesen Worten griff er in seine Tasche und holte sein kleines Messer, das er für zehn Kopeken gekauft hatte, hervor.
Im eigenen Hause fühlte man sich nicht mehr sicher. Die christliche Dienerschaft, die seit längerer Zeit bei uns im Dienst war, wurde plötzlich unhöflich und herausfordernd, so daß wir uns vor diesen Hausfeinden zu sichern gezwungen waren. Jeden Abend, nachdem die Dienerschaft zur Ruhe gegangen, nahm ich alle Messer und Hämmer aus der Küche und verschloß sie in einem Schrank in meinem Schlafzimmer, und ohne daß es die Dienerschaft merkte, richtete ich jede Nacht vor der Eingangstür eine Barrikade aus Küchenbänken, Stühlen, einer Leiter und anderen Möbelstücken auf. Dabei lächelte ich wehmütig, denn ich glaubte nicht, daß wir uns im Falle eines Pogroms auf diese Weise wehren und retten könnten. Doch ich baute diese Barrikade immer von neuem, und frühmorgens stand ich als die erste auf, um alles wieder in Ordnung zu bringen, damit die Dienerschaft unsere Angst nicht merke.
Doch zu einem Pogrom kam es in Minsk nicht. Diese Stadt wurde zufälligerweise, oder vielleicht nicht zufälligerweise, verschont.
So gab es in jenen achtziger Jahren, als der Antisemitismus in ganz Rußland wütete, für einen Juden nur zwei Wege: entweder auf alles, was ihm jetzt schon unentbehrlich geworden war, im Namen des Judentums zu verzichten — oder die Freiheit und alle Möglichkeiten, wie Bildung, Karriere, d. h. die Taufe. — Und Hunderte von den aufgeklärten Juden gingen den letzten Weg. Aber die Meschumodim dieser Zeit waren nicht Täuflinge aus Trotz (l'hachis), sie waren auch nicht, wie die Marannen in früherer Zeit, die in Kellern ihren Gottesdienst abhielten, diese Meschumodim waren Verneiner alles Religiösen — sie waren Nihilisten —.
— Es komme der größte Zadik und sage, daß er den Mut und das Recht hätte, von einem jungen Menschen, der ohne jede Tradition, fern vom Judentum aufgewachsen, zu fordern, er solle im Namen dieses ihm unbekannten und leeren Begriffes auf alles verzichten, was die Zukunft ihm bieten könnte, auf Glück, Ehre, Namen. Zu fordern, daß er diesen Versuchungen widerstehe und sich in die Finsternis und Enge eines Provinzstädtchens zurückziehe und ein armseliges Dasein friste. Er sage, ob er das Recht und den Mut dazu hätte, denn ich hatte ihn nicht!
Und so gingen auch meine Kinder den Weg, den so viele andere gingen. Der erste, der uns verließ, war Simon.
Als wir es erfuhren, schrieb mein Mann unserem Kinde nur folgende Worte: »Es ist nicht schön, das Lager der Besiegten zu verlassen.«
Seinem Beispiele folgte mein Herzenskind Wolodia, der sich nicht mehr unter den Lebenden befindet. Nachdem er die Maturitätsprüfung in Minsk glänzend bestanden hatte, reiste er nach St. Petersburg, um dort an der Universität sein Studium zu beginnen. Er erschien in der Universitätskanzlei und wies seine Papiere dem Beamten vor, der über die Aufnahme zu entscheiden hatte.
Für die Juden herrschten große Beschränkungen. Es wurden nur diejenigen aufgenommen, die eine goldene Medaille bei der Abgangsprüfung erhalten hatten, und auch von diesen nicht alle, sondern nur bis zu zehn Prozent der Gesamtzahl der Studenten. Der Beamte gab die Papiere meinem Sohne mit den barschen Worten zurück: »Das sind nicht Ihre Papiere!« Als mein Sohn ihn erstaunt ansah, fügte er noch bestätigend hinzu: »Sie haben sie irgendwo entwendet; Sie sind ja Jude und in Ihren Zeugnissen steht kein jüdischer, sondern ein russischer Name >Wladimir< verzeichnet.« Noch an demselben Tage mußte der tiefgekränkte, in seiner Würde verletzte Jüngling St. Petersburg verlassen, denn als Jude durfte er, ohne Student zu sein, dort keine vierundzwanzig Stunden verbleiben. Noch einige Male mußte der Junge in dieser Angelegenheit nach Petersburg reisen, stets mit dem gleichen Erfolg, bis er den verhängnisvollen Schritt tat — und sogleich in die Liste der Studenten eingetragen wurde. Und ähnlich erging es auch manchen anderen Kindern.
Die Taufe meiner Kinder war der schwerste Schlag, den ich in meinem Leben erlitten habe. Aber das liebende Herz einer Mutter kann so viel ertragen — ich verzieh und schob die Schuld auf uns Eltern.
Allmählich verlor dieses Leid für mich die Bedeutung eines persönlichen Erlebnisses, immer mehr wurde es zu einem Nationalunglück. Ich betrauerte nicht nur als Mutter, sondern auch als Jüdin das ganze jüdische Volk, das so viele edle Kräfte verlor.
Aber es haben sich in jener finsteren Periode nicht alle aufgeklärten Juden zu den Fremden verirrt — es waren unter ihnen viele, die den Weg zum Judentum zurückfanden und die unter dem Einfluß der letzten Ereignisse sich zusammenschlossen. Ja, es entstand als Reaktion auf den Antisemitismus die Gesellschaft der »Chowewe Zion« (Palästinafreunde), gegründet von Dr. Pinsker, Dr. Lilienblum und anderen.
Nach den Ereignissen der letzten Zeit war mein Mann lange niedergeschlagen, verkümmert und erst als sich ihm Gelegenheit bot, seine Kräfte in den Dienst des jüdischen Volkes zu stellen, kam von neuem ein Geist freudigen Schaffens über ihn.
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begann in Rußland die Arbeiterfrage in den Vordergrund zu treten und gewann allmählich an Bedeutung und Interesse.
Bei den Juden galt seit Jahrhunderten die Arbeiterklasse, die größtenteils aus Unwissenden bestand, als niedere Klasse, und kein Wunder, daß sie von einem Volke, das die Bildung am höchsten ehrt, bei dem die geistige Aristokratie alles gilt, gering geschätzt wurde. Redensarten, wie: »Er versteht >Chumisch< (die 5 Bücher Moses) wie ein Schuster, wie ein Schneider« usw. haben sich eingebürgert und wurden sehr oft angewandt. Es kommt noch heute in jüdischen Familien nicht selten vor, daß der Vater in die Heirat seiner Tochter oder seines Sohnes nicht einwilligen will, wenn er erfährt, daß in der Familie Schneider oder Schuster sind. Trotz aller modernen Ideen gilt noch heute bei der großen Mehrheit auch der aufgeklärten Juden der »Jiches«[39] sehr viel.
Nun drang in die Finsternis, in die dumpfen, dunklen Behausungen dieses dritten Standes ein lichter Strahl und weckte auch diese Zurückgebliebenen zum neuen, schöneren Leben. Auch unter ihnen begann eine geistige Gärung.
Diesen Tendenzen des Proletariats kam das vermögende, vornehme Judentum entgegen und schonte keine Mühe und kein Geld, seine Bestrebungen zu unterstützen.
Die neuen Ideen fanden in unserem Hause eine begeisterte Aufnahme, und mein Mann faßte den Plan, eine dreiklassige Gewerbeschule für Knaben in Minsk zu begründen. Gedacht, getan! »Ojmer w'ojße,« wie der Hebräer sagt.
Er zog den Rabbiner Chaneles zur Mitarbeit heran und ersuchte die jüdische Gemeinde, von der Taxe auf Koscherfleisch eine bestimmte Geldsumme zu dem Unternehmen beizusteuern. Das übrige notwendige Geld sollten Mitglieder durch monatliche Beiträge zusammenbringen.
Mit welchem Eifer ging mein Mann an die Arbeit! Jede freie Stunde widmete er jetzt der »heiligen Sache«. In dieser Schule sollten anfangs die folgenden Handwerke gelehrt werden: Schlosserei, Tischlerei, Schmiederei. Daneben sollte auch in den Elementarfächern Unterricht erteilt werden, dem Programm der Volksschulen entsprechend.
Man mietete ein Haus und richtete es mit dem Notwendigsten ein. Meinem Mann gelang es zu seiner großen Freude, das Inventar sehr billig und oft umsonst zu erhalten.
Die jüdische Bevölkerung von Minsk war sehr zufrieden. Von den wohlhabenden Juden erklärte sich jeder bereit, mit einer Geldgabe das gute Werk zu fördern. Nicht ohne Grund sagten unsere Weisen schon: »Jisroel rachmonim bne rachmonim« — »Die Kinder Israel sind barmherzig und Kinder der Barmherzigen«.
Es wurde ein Vorstand aus den fortschrittlichen vornehmen Juden der Stadt gewählt, die meinen Mann zum Vorsitzenden ernannten.
Alles war bereit, und man begann mit der Aufnahme der Kinder. Den Vorzug hatten Waisenkinder und Kinder sehr armer Eltern. Es wurden über sechzig Knaben angenommen.
Man richtete Internate für die ganz Armen und Obdachlosen ein; zuerst aßen die Kinder bei den Bürgern der Stadt — jeden Tag wurden sie bei anderen Leuten untergebracht. Doch mit der Zeit fanden sich Mittel, um eine Köchin zu mieten, und die armen Kinder bekamen dreimal täglich in der Schule zu essen. An Wochentagen waren die Mahlzeiten sehr einfach, doch frisch und gesund — Suppe, ein Stück Suppenfleisch, Grütze. Aber am Freitag abend und am Sabbat wurde der Tisch festlich gedeckt und die Kinder bekamen ein echt jüdisches traditionelles Mahl. Am Sabbat wurde nicht gearbeitet. Es war ein Festtag, an dem die Knaben auch in ihrer Synagoge beteten.
Diese Schüler, meistens Kellerbewohner waren magere, blasse Kinder, mit großen, klugen, schwarzen Augen. Sie waren natürlich nur schlecht gekleidet. Aber sie arbeiteten und lernten mit Lust. Ich kam öfters in die Schule, um mich an dem Anblick der arbeitenden Kinder zu erfreuen.
Es verging kein Tag, ohne daß mein Mann die Schule besucht und mindestens eine Stunde dort verweilt hätte. Rabbiner Chaneles beschäftigte sich sehr viel mit dieser Anstalt und unterrichtete selbst die Kinder unentgeltlich in der Bibel und in anderen Fächern.
So verging ein Jahr. Die Schule hatte gute Erfolge. Mein Mann und Rabbiner Chaneles veranstalteten einen offiziellen Akt, um den Jahresbericht über ihre Tätigkeit abzustatten.
Man lud zu dieser Feierlichkeit den Gouverneur Petrow ein und mehrere Regierungsbeamte, die Direktrice des Mädchengymnasiums, Madame Buturlina, und die Lehrer der oberen Klassen, wie auch die vornehmsten Damen und Herren der jüdischen Gesellschaft.
Mein Mann las den Bericht vor, und die ganze Gesellschaft folgte mit wahrem Interesse seinen Ausführungen. Es geschah zum erstenmal, daß in den Räumen einer jüdischen Schule Juden und Christen einträchtig und in feierlicher Weise die Angelegenheiten des heranwachsenden jüdischen Proletariats besprachen.
In der großen Tischlerwerkstatt waren die Schüler — Knaben im Alter von 11-13 Jahren — versammelt; sie erweckten durch ihr elendes Äußere in den Gästen das wärmste Mitleid.
Als der offizielle Teil des Aktes vorbei war, wandte ich mich an die reichen Damen und sagte ihnen, daß es unsere heilige Pflicht sei, für das tägliche Brot und eine angemessene Bekleidung dieser armen Knaben zu sorgen. Meine Aufforderung hatte den gewünschten Erfolg.
Am nächsten Tage lud ich einige Damen zu mir, und wir berieten unser Vorhaben. Wir bildeten vor allem einen Damenverein; ferner sandten wir einige hundert Briefe an die jüdischen Damen mit der Bitte, unserem Verein beizutreten. Wir baten sie gleichfalls um neue oder abgetragene Wäsche und Kleidungsstücke, wie auch um kleine Geldspenden für unsern Zweck.
Schon in den nächsten Tagen kamen ganze Sendungen Kleidungsstücke. Für das Geld, das wir zu diesem Zweck erhielten, kaufte ich den Kindern wollene Handschuhe und sogenannte »Baschliki« — Kapuzen. Alles, was an Stoffen in meinem Hause war, wurde zusammengesucht, und die Bonne meiner Kinder saß mehrere Tage an der Nähmaschine und verfertigte die Baschliki. Ich empfand eine wahre Freude, wenn ich während meines Spazierganges den Kindern in warmen Mützen und Handschuhen begegnete. An diesen Kapuzen erkannte das Volk die Angehörigen dieser Schule, die man in der ersten Zeit »Wengeroffs Werkstatt« nannte.
Die Beiträge der Mitglieder liefen pünktlich in die Schulkasse ein, und wir hatten nun die Möglichkeit, den Kindern außer den Mahlzeiten in der Schule auch neue, gediegene Kleidung aus grauem, starkem Baumwollstoff zu verschaffen.
Es war eine große Genugtuung für meinen Mann, als einige Generationen von Lehrlingen, die die Schule mit einem Diplom verlassen hatten, überall, wo sie angestellt wurden, als gute Handwerker gelobt und anerkannt wurden. Diese ersten Handwerker zerstreuten sich im ganzen Lande; viele gingen aus Litauen nach Großrußland, wo sie als Handwerker das Wohnrecht erhielten. Es waren die ersten jüdischen Handwerker im nordwestlichen Ansiedelungsrayon, die eine systematische Ausbildung sowohl in ihrem Fach, als auch in der Bibel und in den Elementarfächern wie Lesen, Schreiben, Rechnen genossen hatten.
Die Zeiten waren noch so nahe, in denen der Handwerkerlehrling vor allem bei seinem Meister als Hausknecht dienen mußte und jahrelang hungerte und darbte, bis er etwas vom Handwerk lernte. Jetzt konnte er in gesunden Verhältnissen sich ruhig und systematisch zum guten Arbeiter heranbilden.
Unter solchen günstigen Bedingungen blühten die Kinder auf. Sie lernten eifrig und machten große Fortschritte.
Doch das Budget reichte leider nicht aus. Unser Damenverein beschloß, die Bürger von Minsk auf angenehme Weise zu Beiträgen heranzuziehen und veranstaltete ein Herbstfest, an dem auch viele Nichtjuden, sogar der Gouverneur, teilnahmen. Das Fest brachte uns an zweitausend bis dreitausend Rubel, und wir veranstalteten seitdem jeden Herbst von neuem diese Feste, stets mit großem Erfolge. Wir brauchten aber für unsere Zwecke immer mehr Geld, und nicht selten beglich mein Mann das Defizit aus seiner eigenen Tasche.
So existierte die Schule schon etwa acht Jahre unter der Leitung meines Mannes. Ein gelungener Tanzabend brachte in die Kasse des Damenvereins über dreitausend Rubel. Bei der nächsten Sitzung machte mein Mann den Vorschlag, bei dieser Kasse eine Anleihe zu machen, da die große Kasse leer sei — dieser Antrag stieß auf Widerspruch. Mein Mann legte, dadurch gekränkt, das Präsidium nieder. Es war ein Schlag sowohl für meinen Mann wie für mich — uns wurde ein wichtiger Lebensinhalt geraubt.
Aber gottlob prosperierte die Schule auch ohne uns; sie entwickelte sich mit jedem Jahre und existiert bis auf den heutigen Tag.
In dieser Zeit kam ein großes Unglück über die Stadt. Es brach ein Brand aus, der mehr als zwei Millionen Rubel Schaden anrichtete. Unsere Wohnung samt allen Möbeln und neuen Schränken, voll mit kostbaren Kleidern und Pelzen, wurde vernichtet. Wir waren froh, mit dem Leben davonzukommen. Durch Flammen und Rauch bahnten wir uns mit den Kindern den Weg nach einem entlegenen Teil der Stadt, wo unsere Freunde wohnten, die uns gastfreundlich bei sich aufnahmen. Der Schrecken jener Nacht erschütterte mich sehr. Ich wurde sehr krank und mußte zur Kur ins Ausland reisen. Ich nahm die Kinder nach Wien mit.
Die Gewerbeschule hatte nur wenig durch diesen Brand gelitten.
Ich kehrte erst nach drei Jahren nach Minsk zurück. Wir bezogen unser eigenes Heim, das mein Mann in unserer Abwesenheit hatte bauen lassen. Ich brachte aus Wien eine ganz neue Einrichtung mit; und unser Haus sah vornehm und gemütlich aus. Unser Leben gestaltete sich sehr angenehm.
Nicht lange nach meiner Rückkehr erschien bei mir eine Frau Kaplan, eine sehr gescheite Dame, eine »Gabbete«, die für die Not des jüdischen Volkes großes Verständnis hatte und auch einen starken Drang, dieser Not abzuhelfen. Sie schlug mir die Gründung einer Gewerbeschule für Mädchen vor, einen Plan den ich mit Begeisterung aufnahm. Ich drückte dankbar ihre Hand, und damit war unser Bund geschlossen.
Und von diesem Augenblick an fühlte ich, wie mein Leben wieder einen Inhalt, eine intensivere, ich möchte sagen religiöse Färbung erhielt.
Wir gingen sofort an die Arbeit. In den nächsten Tagen mietete Frau Kaplan eine Wohnung für die Schule. Wir wählten dann ein Damenkomitee aus jungen Frauen und wandten uns ebenso, wie bei der Begründung der Knabenschule, an die jüdischen Bürger von Minsk mit der Bitte, sich mit Beiträgen an dieser Sache zu beteiligen. Für die ersten Ausgaben jedoch veranstaltete ich ein Liebhabertheater. Die Einnahme brachte etwa die Hälfte der nötigen Summe.
Und nun führten uns jeden Tag die Bewohner der Mansarden, der Keller der entlegensten Teile der Stadt ihre acht- bis zehnjährigen Töchterchen zu und baten, sie in die Schule aufzunehmen. Wir kauften auf Abzahlung drei Nähmaschinen, engagierten eine Schneiderin mit einem Gehalt von zwanzig Rubeln monatlich, eine Wäschenäherin mit zehn Rubeln monatlich und eine Korsett- und Miedernäherin mit dem gleichen Gehalt. Wir kauften mehrere hundert Meter vom einfachsten Kattun, alles nötige Nähzeug, einige Plätteisen, Scheren usw.
Der Tag, an dem wir diese bescheidene Anstalt eröffnen sollten, rückte heran. Wir fanden uns alle zur bestimmten Stunde in den Schulräumen ein. Frau Kaplan, die selbst die Schneiderkunst mehrere Jahre in Königsberg gelernt hatte, schnitt von einem großen Stück Stoff mehrere einzelne Teile ab und verteilte sie unter die versammelten Mädchen, und der Unterricht in den drei Klassen nahm seinen Anfang.
Es währte nicht lange, so meldeten sich mehrere Damen und junge Mädchen bei uns und boten ihre Dienste an. Die jungen Mädchen erteilten den Kindern unentgeltlichen Unterricht in der russischen Sprache und im Rechnen; auch ein Melamed für den Unterricht im Hebräischen wurde von uns engagiert, der täglich unterrichtete, während die Lektionen in der russischen Sprache nur zweimal wöchentlich stattfanden.
Aber das vernachlässigte wilde Äußere unserer Schützlinge gab uns keine Ruhe, und unser nächster Wunsch, sie anständig gekleidet zu sehen, ging bald in Erfüllung.
Schon nach kurzer Zeit hatten wir die Genugtuung und Freude, unsere sechzig Mädchen sauber gewaschen, mit kurzgeschnittenen Haaren in einfachen, reinen Kleidchen und Schürzen bei ihrer Arbeit fleißig beschäftigt zu sehen.
Auf meinen Vorschlag hin wurden diesen Kindern des Volkes die kernigen, praktischen Lebensregeln unserer Weisen: »Pirke Abot« (Sprüche der Väter) beigebracht.
Ich war oft bei diesen Vorlesungen zugegen, und es bereitete mir viel Freude zu sehen, mit welchem Interesse und Verständnis die Kinder diesen Ausführungen folgten.
Dank der warmen Teilnahme der Bürger der Stadt Minsk, die mit Spenden und Beiträgen unsere Schulkasse unterstützten, waren wir bald imstande, nicht nur für den Unterricht der Mädchen, sondern auch für die Ernährung dieser armen, ausgehungerten Wesen zu sorgen.
Die Kinder lernten sehr schnell und verfertigten bald nützliche Kleidungsstücke. Im Verlauf eines Jahres brachten sie es so weit, daß vornehme jüdische und christliche Damen ihre Toiletten in unserer Werkstatt anfertigen ließen.
Im Herbst des ersten Jahres veranstalteten wir zugunsten unserer Schule ein Fest, das uns zweitausend Rubel brachte. Die Feste wurden zu einer ständigen Einrichtung bis auf den heutigen Tag.
Beide Gewerbeschulen, die für Knaben und die für Mädchen, existierten lange Zeit ohne alle Privilegien und Rechte. Doch gelang es uns mit der Zeit, für beide Schulen gewisse Rechte vom Ministerium für Volksaufklärung zu erlangen, so das Wohnrecht in Großrußland. Das Zeugnis, das der Handwerker nach Absolvierung der Schule erhielt, gab ihm das Recht, in ganz Rußland sein Gewerbe auszuüben. Ich selbst habe eine Weißnäherinnenprüfung bestanden, als ich nach Jahren das Wohnrecht in Kiew erlangen wollte.
Von jetzt ab standen unsere Minsker Schulen unter dem Schutz und der Aufsicht der Direktion der Volksbildung. Die Regierung protegierte diese Schulen von Anfang an, weil sie durch die Einführung der russischen Unterrichtssprache auch hier ihre russifizierenden Tendenzen fördern konnte.
Zehn Jahre nach der Begründung der Mädchenschule veranstalteten wir eine Ausstellung der von unseren Schülerinnen verfertigten Gegenstände. Das vornehmste Publikum der Stadt, Juden und Christen, fanden sich ein, und sogar der Gouverneur, Fürst Trubetzkoi, beehrte uns mit seiner Gegenwart. — Es war wieder ein schöner Tag in meinem Leben!
Die Mädchen, vor kurzem noch verarmte, elende, verwilderte Kinder, standen jetzt in dem festlich geschmückten Ausstellungsraum da, schmuck, rein, gesund und umgeben von den Höchsten und Vornehmsten der Stadt, die ihre Arbeiten bewunderten und lobten.
Den Armen und Zurückgesetzten gab unsere Schule die Möglichkeit, redlich und anständig ihr Brot zu verdienen, sie gab ihnen Gesundheit, Frische, Jugend und vor allem die menschlichen Rechte. Vielleicht kommt bald der große Tag wieder, wo die jüdischen »Bal meloches«, Arbeitsleute, auf gleicher Stufe mit den Gelehrten des Volkes stehen werden. Wie in den Zeiten unserer Tanaïm und Amoraïm, wo Rabbi Jochanan Schuhmacher, Rabbi Jizchok und R. Jehuda Schmiede, R. Joseph Zimmermann, R. Schimon Weber, R. Hillel Holzhauer, R. Hunna Wasserschöpfer, R. Jichah Köhler, R. Jose und R. Chanina Schuhflicker auf öffentlichem Markt, R. Nehunja Brunnengräber waren. Ihr Handwerk hinderte sie nicht, talmudische Vorträge zu halten...
Mit Tränen im Auge sah ich unsere jüdischen Kinder, und eine stille Freude war in mir, denn ich wußte in diesem Augenblick, daß Gott unsere Mühe und Arbeit gesegnet hat.
Trotz der großen Geldgaben, der monatlichen Beiträge unserer Mitglieder und der Erträgnisse der Feste reichten unsere Mittel nicht aus, und wir arbeiteten mit einem Defizit. Da kam zu uns die Nachricht, daß Baron Hirsch in seinem Testament mehrere Millionen Rubel für die Gewerbeschulen der russischen Juden hinterlassen hätte. — Es klang wie ein Märchen. Doch bald wurde es Tatsache. Aus Petersburg kam zu uns ein Bevollmächtigter des Hauptkollegiums der Vertrauensmänner, und nach Erledigung gewisser Formalitäten erhielten beide Schulen eine ständige Unterstützung — jede einige tausend Rubel jährlich —, die bis auf den heutigen Tag bezahlt wird.
Nach Jahren begegnete ich manchmal fremden jungen Mädchen in der Straße, die mich mit besonderer Freundlichkeit begrüßten und mit meinem Namen ansprachen. Als ich sie dann etwas erstaunt nach ihrem Namen fragte, erhielt ich zur Antwort: »Madame Wengeroff, ich bin doch Riwke oder Malke usw., aus der Werkstatt —,« und ich brauchte eine gute Weile, um in dem fast wohlhabend aussehenden Mädchen die kleine zerlumpte, elende Riwkele zu erkennen!
Der Prozeß der Europäisierung der jüdisch-russischen Massen ist, so sehr er auch das alte Gefüge des Gettos zerstörte und bei den Schwachen und Widerstandslosen eine vollkommene Zerrüttung herbeiführte, im wesentlichen doch nur als ein Umwandlungsprozeß zu betrachten. Wie konnte es auch anders sein! Ein Geist, der seit Jahrhunderten in die straffe Zucht des Talmuds genommen war, der über den Alltag hinaus nach dem höheren Gesetz strebte, der in höchster Anspannung zwischen Recht und Unrecht zu scheiden sich geübt hatte; ein Gefühlsleben, das sich in milden, verklärten und sinnigen Gebräuchen ausgelebt und in den stillen Gärten der Haggadah von der Herbheit des Alltags seine Erholung gefunden hatte —: der Reichtum dieser psychischen Werte konnte unmöglich durch die neue Bildung einfach verschüttet werden. Im Blute liegende Kultur, verfeinert und höher gezüchtet durch die Jahrhunderte, suchte und fand ein neues Gebiet ihrer Betätigung, eine neue Heimat in der Kunst. Freilich waren es nur wenige, die Bildner von starker Qualität wurden. Aber die Tausende und Abertausende junger Schriftsteller, die um die sechziger Jahre zum Lichte drängten, die vielen Empfinder, Nachempfinder und Genießer all der künstlerischen Schöpfungen Europas bewiesen immer nur das eine: daß wohl das Gebiet des persönlichsten, leidenschaftlichen Interesses ein anderes geworden war; daß aber die seelischen Antriebe die gleichen waren wie seit Jahrhunderten. Wer die Dinge in dieser Auffassung sieht, dem werden sich Erscheinungen wie Antokolski nicht mehr als Wunder darstellen. Künstler gab es eben immer im Getto. Es mußte aber eine geistige Freiheit kommen, um den Schöpferwillen zu entbinden, die Knebel von den Händen zu lösen. Antokolski war der Sohn eines armen Schankwirtes aus dem Vororte Antokol bei Wilna. Schon früh war seine ungewöhnliche Begabung aufgefallen. Er schnitzte Holzfiguren, machte Siegel, deren Griffe allerlei Gestalten wiedergaben. Noch als kleiner Junge schnitzte er in eine Brosche aus Bernstein die Ganzfigur des Generalgouverneurs Nasimow, die sprechend ähnlich war, obwohl der Knabe den Gouverneur nur mehrmals flüchtig von der Ferne gesehen hatte. Aufsehen erregte eine Holzschnitzerei, die die Überraschung einer Marannenfamilie in einem Keller beim Szederabend darstellte. Die ganze Tragik dieser Situation war festgehalten. Der Tisch war umgestürzt, die Haggadahs, das Geschirr, die Leuchter, die Kerzen, Weinflaschen alles wirr durcheinandergeworfen. In einem Winkel standen die Männer aneinandergepreßt. An eine Wand war eine Frau gelehnt, einen Säugling auf dem Arm haltend. Man fühlte, daß sie nicht zu atmen wagte.
Es war klar, daß dieses ungewöhnliche Talent im Getto verkümmern mußte, wie so viele dort verkümmert waren. Da nahm sich ein Herr Gerstein in Wilna des jungen Mannes an und verschaffte ihm, als er heranwuchs, die Möglichkeit, nach Petersburg zu gehen. Das war eine lange Reise auf einem Leiterwagen. Brot und Hering waren des Jünglings einzige Nahrung. In Petersburg wurde der berühmte Schriftsteller Turgenjew auf ihn aufmerksam, der ihn zu sich heraufzog, ihm die Bildung seiner Zeit vermittelte und ihm den Weg zu den einflußreichen Männern der Stadt ebnete. Ich hatte das große Glück, den jungen Meister kennen zu lernen, als er an seinem gewaltigen Werke, Iwan Grosny, Iwan der Schreckliche, arbeitete. Wegen des Umfanges der Arbeit hatte sich Antokolski an den akademischen Rat um Gewährung eines größeren Ateliers gewandt. Aber ihm wurde nur eine Mansarde im dritten Stock angewiesen, die nur auf einer schmalen Hintertreppe zu erreichen war. Er mußte sich mit dem schlecht erhellten niedrigen Raume bescheiden. Aber das Werk wuchs und wuchs. Und alle, die es werden sahen, wurden begeistert. Ich denke noch heute jener fast leidenschaftlichen Erregung, die mich beim Anblick dieses Werkes packte. Mein Schwager Sack, der mit Antokolski befreundet war, hatte mir den Zutritt zu seinem Atelier ermöglicht. Das Werk war noch im Tonmodell. Aber mir war, als stand ich nicht vor einem toten Gebilde, sondern vor dem Leben. Hinter der harten Stirn sah man die großen Gedanken werden, die rücksichtslos auf ein Ziel lossteuern. Beide Arme waren auf die Sessellehnen gestützt, so daß man glaubte, daß Iwan jetzt aufspringen müßte; die Bibel, die auf seinen Knien liegt, würde herabgleiten, und bald würde seine machtvolle Hand die Paliza, den adlergeschmückten Stab erheben und seine Eisenspitze einem Aprichnick (Gardist) durch Stiefel und Fuß jagen.
Es war jedenfalls das gewaltigste Werk, das die Bildhauerei in Rußland gezeitigt hatte. In allen Gesellschaften wurde davon gesprochen, bis schließlich das Gerücht von diesem Werke bis zu Kaiser Alexander II. kam. Auch er wollte es sehen. Da fuhr den professoralen Stümpern der Schrecken in die Knochen. Sie baten den jungen Künstler, das Modell in einen größeren Raum bringen zu lassen. Denn sie fürchteten, der Kaiser könnte ahnen, wie engherzig sie den jungen Künstler behandelt hatten. Antokolski lehnte ab. Angeblich, weil er sein Modell nicht gefährden wollte. Auf der schmalen Treppe könnte es beschädigt werden. Aber auch sein Künstlerstolz bäumte sich auf. Sollte doch der Kaiser sehen, daß Großes auch im Niedrigen wachsen könnte. So wurde denn die Treppe hastig mit echten Teppichen belegt und mit exotischen Pflanzen geschmückt. Der Kaiser fühlte sich zwar auf diesen labyrinthischen Wegen, deren Ausgang man nicht recht sah, unbehaglich. Aber als er in die Mansarde des Künstlers trat, riß ihn das Werk in den Bann. Er reichte dem Künstler die Hand, lobte ihn und dankte ihm. Bald darauf erhielt Antokolski den Titel Professor.
Ungleich größer war die Zahl der reproduzierenden Künstler. Die Musik war ja im Getto immer beliebt. Wohl konnten die Kleßmorim nicht nach Noten spielen, aber in ihr ungefüges, wildes Spiel legten sie ihre ganze Seele. Und sie wußten zu ergreifen. Die Chasonim hatten auch nie Musik studiert. Allein ihr regelloser, den Sinn der Gebetsworte bis in die letzten Feinheiten interpretierender Gesang gab doch Weihe, Andacht und — Zerstreuung. Es gab nicht viel Abwechslung im Getto. Und ein neuer Chason — und es gab solche, die von Stadt zu Stadt mit ihrer Truppe wanderten — war ein Ereignis. Er stillte auch jene Bedürfnisse, denen heute Operetten und Konzerte dienen. Auch der Badchen, der Troubadour der Familienfestlichkeiten, der mit seinen ernsten und lustigen »Grammen« die Zuhörer in Stimmung brachte, war im letzten Grunde doch auch ein Künstler. Verfolgt man die große Schar der ausübenden Musiker, die jetzt die ganze Welt überschwemmen, und weiß man die verdrehten Namen nur richtig zu stellen, so wird man bei den meisten Kleßmorim, Chasonim, Badchonim unter ihren Vorfahren finden. Von einem, der jetzt Musikmeister an der Kaiserlichen Oper in Moskau ist, will ich hier erzählen. Die Geschichte ist eben typisch.
Es war an einem Nachmittag, als mein Freund N. Friedberg mit zwei Jungen, von denen der ältere sieben, der jüngere sechs Jahre zählte, zu mir ins Schreibzimmer trat und sie mir mit den Worten: »Das sind die Kinder von Badchen Fidelmann« vorstellte. Es waren blasse, magere Knaben, die mich mit ihren kohlschwarzen Augen wie Kaninchen anblinzelten. »Ich möchte, daß sie Ihnen vorspielen. Sie wollen sie doch spielen hören, und ich hoffe, dadurch Ihr Interesse für sie zu gewinnen.« »Gut,« sagte ich, »ich werde mein Möglichstes tun.« Unterdessen lief der ältere hurtig ins Vorzimmer, brachte die zwei kleinen Geigen samt dem Notenheft, eine Schule, welche nur kleine, polnische Lieder und Tänze enthielt, die mir gut bekannt waren. Der ältere fiedelte mir kreischend eines und das andere davon vor; ich horchte auf die bekannten Melodien und war froh, als das Spiel zu Ende war. Nun begann der Jüngere mit Eifer zu spielen — seine Äuglein funkelten, seine Gesichtszüge belebten sich, und ich folgte ergriffen den raschen Bewegungen der kleinen Hand und beobachtete sein ausdrucksvolles Gesichtchen. Die Prüfung war beendet. Ich sagte Herrn F., daß ich und meine Freunde für das Unterrichtshonorar — monatlich acht Rubel — gutsagen würden. Somit wurden die Kinder in Frieden entlassen, um schon am nächsten Tage mit dem Unterricht zu beginnen, den sie hatten abbrechen müssen, da der Lehrer ein größeres Honorar verlangte. Mein Freund F., selbst ein hervorragender Musiker, entdeckte bei dem Jüngeren Talent. Die Jungen, besonders der kleinere, lernten eifrig. Ich hatte meine Freude daran. Außer der Musik ließ ich sie bei dem jüdischen Melamed in der Bibel, im Schreiben, im Russischen unterrichten. Nachdem sie ein Jahr Unterricht gehabt, waren meine Hausgenossen, die zuerst stets davonliefen, gern bei den Prüfungen zugegen. Selbst mein Mann fing an, sich für das Spiel des Kleinen zu interessieren.
Es pflegte oft zu geschehen, daß der Kleine den Korb mit Lebensmitteln zu mir in die Küche brachte, da die Mutter am Freitag keine Zeit hatte, ihn mir selbst zu bringen. Ich schalt ihn deswegen, er solle sich nicht unterstehen, durch die Gassen den Korb zu schleppen. »Ich hoffe zu Gott,« sagte ich, »daß du ein großer, berühmter Mann werden und in Kutschen fahren wirst und will nicht, daß jemand dich mit dein Korbe sieht.« Er antwortete: »Für Euch, Madame Wengeroff, kann ich alles tun.« Drei Jahre waren vergangen. Der Kleine hatte gelernt, was sein Lehrer ihm in der Musik bieten konnte. Da es einen andern in Minsk nicht gab, beschloß ich gemeinsam mit Herrn F., ihn nach Petersburg zu senden. Ich schrieb an meine Schwester, Exzellenz Sack, sie möge sich des Knaben, von dem ich ihr schon bei meiner Anwesenheit in Petersburg erzählt hatte, annehmen.
Es mußte Geld für die Reise und die erste Zeit seines Aufenthaltes in Petersburg beschafft werden. Wir veranstalteten ein Konzert, worin auch mein Schützling Ruwinke, später »Roman Alexandrowitsch« auftrat. Das Konzert hatte den gewünschten Erfolg. Nun trafen wir Anstalten zu seiner Abreise.
An seiner Ausstattung beteiligten sich die verschiedensten Personen. Er erhielt sogar eine silberne Uhr von Herrn Syrkin, seinem zweiten Protektor, über die er sich ganz närrisch freute.
Als er Abschied nahm, ermahnte ich ihn, sich auch im Glück seiner alten Mutter und all seiner Gönner in Dankbarkeit zu erinnern. Ich bat ihn auch, bald über seine Aufnahme in das Konservatorium zu berichten, worauf er naiv sagte: »Woher werde ich denn eine Briefmarke nehmen?« Ich gab ihm einen Rubel für Briefmarken. — Er hat ihn für diesen Zweck nicht verwendet.
Durch Vermittlung meiner Schwester und die Fürsprache Anton Rubinsteins erhielt er vom Gouverneur Grosser die Aufenthaltserlaubnis und unentgeltliche Aufnahme ins Konservatorium. Er trat in die Violinklasse von Professor Auer ein und studierte mit dem besten Erfolge so lange, bis er seiner Militärpflicht zu genügen hatte. Vorher mußte er noch eine Gymnasialprüfung ablegen, um nicht als einfacher Soldat zu dienen. Bei dieser Vorbereitung kamen ihm die vornehmsten Studenten zu Hilfe; für seine übrigen Lebensbedürfnisse sorgten Frau Sack und Frau Anna Tirk, in deren Häusern er oft mit großer Anerkennung spielte. Er trat in das vornehmste Gardekürassierregiment ein und trug die malerische Uniform, den reich mit Tressen besetzten Hut. Man räumte ihm zwei Zimmer in der Kaserne ein und gab ihm einen besonderen Bedienten. Er wurde mit Schonung von seinen Vorgesetzten behandelt und gewann durch sein Spiel die Herzen der Obrigkeit. Um seinen täglichen Übungen zuzuhören, kamen die höchsten Herrschaften, und wenn es ihm einfiel, ihnen seine Laune zu zeigen, verwies er sie ins Nebenzimmer.
Zur selben Zeit besuchte ein französisches Orchester Petersburg und gab seine Konzerte bei Hof; nun galt es, ein Petersburger Orchester nach Paris zu senden. Da wurde Roman Alexandrowitsch die Ehre zuteil, als erster Geiger dabei zu fungieren. Noch im Militärdienste, in der glänzenden Uniform, spielte er im Palais vor dem Präsidenten Carnot mit großem Erfolge und bekam von ihm einen kostbaren Brillantring. Er beendigte sein Studium im Konservatorium. Während der Militärzeit konzertierte er in Petersburg, Düsseldorf und Berlin.
[Der Tod meines Mannes.]
Leise und tückisch schlich sich das Gespenst des Todes an unser Heim heran. Mein Mann fühlte sich von Tag zu Tag schlechter. Es stellte sich bei ihm ein Herzleiden ein, das die Aufregung im Geschäft nur immer verschlimmerte. Er sollte nicht mehr lange unter den Lebenden weilen. Aber ich ahnte damals noch nicht, wie nahe sein Ende war.
In den letzten Jahren seines Lebens wurde er still, milde und verfiel in die mystische Stimmung der Jugendzeit, da er sich in die Lehren der Kabbala vertiefte. Ich fühlte, wie er mich beneidete, daß ich mir durch alle Stürme unseres Lebens mein gläubiges Gemüt erhalten hatte —
Er empfand die mystischen Regungen aber dennoch als eine Schwäche. Und er schämte sich ihrer im Stillen. Mich ließ er jetzt gewähren und hatte keinen Hohn mehr für meine religiöse Auffassung und mein Tun. Ja es kam sogar vor, daß er an Feiertagen — er selbst ging nicht beten — zu mir in die Synagoge kam, um, wie er sich verlegen entschuldigte, nach mir zu sehen — Seine Besuche hatten aber eine tiefere Ursache: es war ein Zwang der Seele, der ihn ins Bethaus trieb. Die Atmosphäre der feierlich versammelten betenden Juden zog ihn an.
Er kam ins Schwanken. Die einmal eingeführte Lebensweise mochte er nicht ändern. Die Jugenderinnerungen wurden aber doch immer mächtiger, immer stärker und schlugen ihn in Bande. Die Tradition, die ihm im Blute lag, war eben doch stärker als aller moderne Sturm und Drang...
Diese innere Zerrissenheit kam immer mehr zum Vorschein, oft ganz unvermittelt. Einmal gaben wir ein Abendessen, zu dem sechzig Personen geladen waren. Mein Mann war die ganze Zeit gut gestimmt, unterhielt sich mit allen und spielte den liebenswürdigen Wirt. Es war schon spät in der Nacht, als die Gäste unser Haus verließen. Plötzlich, wie aufgewühlt von einem großen Schmerz, rang mein Mann die Hände und rief: »Ach, sechzig jüdische Kinder saßen hier beieinander und aßen treife!«
Und so erfüllte sich die Prophezeiung meiner Mutter! — Diese Stimmung gewann wieder Macht über viele Männer dieser Generation. Denn in den heiligen Stunden, da sie sich selbst zu offenbaren wagten, fühlten sie den Riß, der durch ihre Seele ging. Der Rausch verflog, die Erinnerungen der Jugend rieben sich den Schlaf aus den Augen und heischten schmeichlerisch ihr Recht. Das Alte nahm sie gefangen. Die neue Zeit lockte.
Mein Mann wurde immer stiller und einsamer. Die einzige Leidenschaft seiner letzten Lebensjahre war die Pflege der Blumen, die er mit väterlicher Sorge betreute. In seinen Mußestunden beschäftigte er sich auch gern mit der Holzschnitzerei und Kupferstecherei. Aber das tat seinen Lungen nicht gut.
Bis zum letzten Augenblick seines Lebens vertrat er die Interessen seiner Stammesgenossen. Sein Eifer kannte keine Grenzen, wenn es galt, ihnen zu helfen, irgend etwas Nützliches für sie durchzuführen. Da half nicht mein Warnen und Flehen. Er arbeitete dann ohne Rücksicht auf den bedrohlichen Zustand seiner Gesundheit. Jedes jüdische Ungemach traf ihn wie ein eigenes. Und ein Unrecht, das anderen mehr als ihm galt, gab ihm den Tod.
Der Bürgermeister der Stadt Minsk war damals der Graf Czapski, ein vornehmer, gebildeter Mann von echt europäischer Kultur, dessen einziges Ziel es war, Minsk zu europäisieren. So führte er die Straßenbahn ein, ließ ein prächtiges Schlachthaus bauen, die Straßen pflastern u. a. m. Er gab Hunderttausende Rubel für diese Zwecke aus — nicht nur vom Gemeindegeld, sondern er legte auch große Summen aus seiner eigenen Tasche zu. Für seine eigene Person war er einfach und sparsam. Sein Essen und seine Kleidung waren schlicht, ja dürftig. Doch rechnete Graf Cz. bei der Ausführung seiner großen Pläne nicht mit den Mitteln der Bürgerschaft, die in der Mehrheit arme Leute waren und die Ausgaben nicht tragen konnten. Das Resultat seines Eifers war eine städtische Schuld von 200 000 Rubeln, und diese sollten selbstverständlich die Bürger begleichen. Es war eine überschwere Last, die vor allem den Juden aufgebürdet wurde. Mein Mann hielt es für eine Ehrenpflicht, gegen dieses Ansinnen anzukämpfen.
Er arbeitete genaue Aufstellungen für die Ausgaben der letzten Jahre aus, die seine Ausführungen stützen sollten. So ausgerüstet begab er sich in die letzte Sitzung der Stadtduma — deren Mitglied er seit 12 Jahren war. Trotz meiner Beschwörungen und verzweifelten Bitten!
Mein Mann hielt eine zweistündige Rede, die einen starken Eindruck machte. Sie wurde in den Blättern abgedruckt und war das Tagesgespräch in der Stadt. Aber schon am folgenden Tage brach er zusammen.
Am dritten Tage — es war ein Freitag — ging mein Mann zum letztenmal in die Bank, kam aber bald zurück und ließ unseren Hausarzt holen. Der Arzt beruhigte uns, daß es nur eine vorübergehende Schwäche sei. Zwar ahnte ich das Furchtbare schon, doch ließ ich mich gern täuschen.
Mein Mann teilte mir mit, daß er zum Abendessen einen Geschäftsfreund eingeladen hätte und bat mich, gute jüdische Fische vorzubereiten. Der Abend verlief sehr gemütlich, die Kinder spielten auf Vaters Wunsch Klavier und Cello. Die eleganten Räume waren festlich erleuchtet und zum letzten Male herrschte in unserem Heim Sabbathstimmung.
Aber mein armer Mann hatte keine Ruhe, es hielt ihn nicht auf seinem Platze. Er sprang auf und ging hastig in der Wohnung herum.
Er sah auf die spielenden Kinder, auf die schönen Räume, und ich merkte, daß in aller Unrast ein Hauch des Glückes über seine flammenden Wangen strich. — Gott hatte ihm noch eine frohe Stunde vor seinem Hinscheiden gegönnt.
Der Gast nahm Abschied von uns und lud mich ein, mit den Kindern zu ihm nach Libau zu kommen.
Mein Mann begab sich, von seinem Diener begleitet, sofort in sein Schlafzimmer. Die Kinder gingen zur Ruhe. Im Hause wurde es still. Nur ich allein war noch im Eßzimmer beschäftigt.
Plötzlich ertönte schrill die Klingel aus dem Zimmer meines Mannes. — Das war die Glocke, die den kommenden Sturm ankündigte, der unser ganzes bisheriges Leben zerstören und uns für immer zerstreuen sollte —.
Ich eilte in das Schlafzimmer und fand meinen Mann schon sehr verändert. Der Arzt kam, verordnete Medikamente und tröstete uns, so gut er es nur vermochte. Doch blieb er gemeinsam mit mir die ganze Nacht am Krankenbett. Mein Mann war unruhig, erwachte jeden Augenblick von seinem Schlummer, und jedesmal, wenn er mich noch am Bette wachen sah, bat er mich, zur Ruhe zu gehen: »Schone dich, erhalte du dich wenigstens gesund für die Kinder...«
Morgens fühlte sich der Kranke erheblich besser und verlangte aufzustehen. Er kleidete sich an, trank seinen Tee, ging in sein Arbeitszimmer, las in einem Buche und erteilte sogar einem Bankprokuristen Anordnungen.
Und wieder schlich sich die Hoffnung in mein verzweifeltes Herz — doch die verhängnisvolle Stunde näherte sich immer mehr und mehr. Mein Mann fing von neuem zu klagen an. Die Unruhe in ihm erreichte den Höhepunkt. Bald saß er, bald legte er sich wieder hin, um sich nach einem Augenblick wieder hastig zu erheben. Die Uhr schlug sechs. — Die entsetzlichste Stunde meines Lebens. Es war an einem Samstag, 18. April 1892. Ich war neben meinem Mann, der sich auf ein Sopha niedergesetzt hatte. Ängstlich schaute ich ihm ins Gesicht, und mit quälender Sorge beobachtete ich die winzigsten Veränderungen seiner Züge. Das regte ihn auf, und er ließ meine Fragen unbeantwortet. Ich goß ihm Tee auf die Untertasse, von dem er einen Schluck zu sich nahm.
So saßen wir noch etwa fünfzehn Minuten nebeneinander, als er plötzlich die Augen voll Schrecken weit aufriß, den Atem schwer durch Mund und Nase einzog und den Kopf in den Nacken warf. Die Kräfte versagten ihm. Er fiel zurück und blieb bewegungslos liegen.
Es wurde ganz still — einen Augenblick herrschte im Zimmer jene entsetzliche Ruhe, die entsteht, wenn Tausende Stimmen aus Verzweiflung und in grenzenlosem Schmerz verstummen.
Halb wahnsinnig warf ich mich schluchzend über meinen Mann. Ich hielt seinen Kopf in beiden Händen. Seine Augen waren schon geschlossen. Ich rief laut seinen Namen. Mein ganzes Herz, meine ganze Liebe, alle unsere lieben Erinnerungen legte ich in diesen Ruf. Ich glaubte, er müßte ihn noch einmal wecken. Noch einmal sollten seine Augen auf mir ruhen, bevor er sie für ewig schloß. Und er blickte auf. Aber es waren nicht mehr die Augen meines geliebten Mannes. Verschwommen, glanzlos, fremd war sein Blick, als ob er von weither käme, von dort vielleicht, woher man nicht mehr zurückkehrt.
Die nächsten Stunden war ich bewußtlos. Und dann — das Erwachen! Eine Leere tat sich vor mir auf, in der alle Trost- und Liebesworte der mich umgebenden Kinder und Freunde und Verwandten ohne das leiseste Echo in meinem Herzen verhallten.
Leer, leer, namenlos leer lag das Leben vor mir, das ich in jener Stunde so gerne verlassen hätte, um gemeinsam mit meinem Teueren, Geliebten den anderen Weg zu gehen. In dieser Stunde begriff ich so gut die indische Sitte, nach der die Frau des Toten zusammen mit ihm eingeäschert wird.
Zehn alte Juden (ein Minjan) »Batlonim« verrichteten dreimal täglich an der Leiche Gebete, und mein seliger Wolodia sagte »Kaddisch«.
Am Montag, um zwölf Uhr mittags, fand das Begräbnis statt.
Eine große Menschenmenge versammelte sich um unser Haus. Viele Knaben, die von den Gebethäusern abgesandt waren, sangen Psalmen an der Leiche. Man brachte Blumenkränze, die aber auf mein Verlangen im Hause zurückgelassen wurden.
Meine Kinder und ich — wir zerrissen unsere Kleider an der Brust. Man hob die Bahre und trug ihn hinaus — den Mann, den Vater, den Herrn dieses Hauses.
Auf dem Friedhof sprachen alle, die das Grab umstanden, Gebete. Aus der Menge, in der sich die vornehmsten Juden und Christen befanden, trat der Maggid, der Stadtprediger, hervor und hielt eine Leichenrede, die mit den Worten schloß: »Wenn er auch manche jüdische Sitte in seinem Leben vernachlässigt hat, so muß man doch an seinem Grabe laut gestehen: ›Daß er ein Auhew Amau Jisroel war, daß er sein Volk Israel liebte.‹«
Im gleichen Verlag erschien:
Memoiren einer Großmutter.
Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands
im 19. Jahrhundert.
Von
Pauline Wengeroff.
Mit einem Geleitwort von Dr. Gustav Karpeles.
Band 1.
Preis broschiert M. 3.—. Leinwandband M. 4.—
Urteile der Presse:
Berliner Tageblatt.
Wenn man das Memoirenwerk eines russischen Autors zur Hand nimmt, das russische Verhältnisse behandelt, ist man von vornherein darauf gestimmt, eine Jobiade zu lesen, in der alles zu finden ist, nur keine Freude und kein Sonnenstrahl. Diese Vorerwartung steigert sich noch, wenn es sich um russisch-jüdische Verhältnisse handelt, die ein jüdischer Verfasser schildert. Aber diesmal sind wir auf wunderbarste und angenehmste Weise enttäuscht. Das Werk der Pauline Wengeroff ist so sonnig und innig, daß es kein Leser unbefriedigt aus der Hand legen wird. Insbesondere wird der jüdische Leser seine reiche Freude finden an der warmherzigen Pietät, die das ganze Buch adelt. Die Schilderungen der jüdischen Feiertage nehmen den breitesten Raum ein; aber sie sind so künstlerisch dargestellt und dabei von soviel Gemütswärme unterströmt, daß man mit tiefer Ergriffenheit der alten Erzählerin lauscht, als sei sie unser aller Großmütterchen, das uns in stimmungsvoller Dunkelheit wunderbare Märchen erzählt; Märchen, die wir selber einmal geschaut und erlebt haben, da wir jung waren... Das Herz feiert Reminiszenzen bei dieser Lektüre, und die Seele klagt um all das, was wir Modernen verloren haben im Kampf ums bittere Leben — alles, was tief und innig war, und was das Leben einst zu einem ernsten Feiertag machte. Welch ein naives, gemütreiches Buch, das keine andere Prätension hat als die, uns den Spiegel der eigenen Vergangenheit vorzuhalten. Und doch gibt dieses Memoirenwerk zugleich ein Kulturbild von unvergleichlicher Treue.
Vossische Zeitung, Berlin.
Ein merkwürdiges und, was noch mehr bedeutet, ein wertvolles Buch sind diese von einer Greisin geschriebenen Memoiren, die durch die Gewissenhaftigkeit und Ausführlichkeit, mit denen die von einem staunenswerten Gedächtnis unterstützte Verfasserin zu Werke geht, einen sehr schätzenswerten Beitrag zur Kulturgeschichte der russischen Juden während der Mitte des vorigen Jahrhunderts liefern. Der Leser wird in das Familienleben, wie es sich in jener Zeit in einem reichen jüdischen Haus abspielte, eingeführt und gewinnt durch die keine Einzelheit vergessende Darstellung einen Einblick in die von tausend religiösen Vorschriften eingeengte, nur dem Studium des Talmuds dahingegebene und jede weltliche Bildung abweisende Lebensführung auch der oberen Klassen der orthodoxen Juden damaliger Zeit. Von der Wiege bis zum Grabe, während der zahlreichen Fest-, Trauer-, Buß- und Fasttage des Kalenderjahres mußte der Jude auf die Erfüllung der unzähligen Vorschriften bedacht sein, die ihm der Talmud machte, und durch die sein Essen und Trinken, seine Kleidung, sein Wachen und Schlafen, sein Beten und Feiern, seine Lust und seine Trauer geregelt wurden. Das, was dem Laien nur als Sitte erscheint, wurde bei diesem temperamentvollen Volke auch zur Sittlichkeit. Innerhalb der strengen Gebundenheit, die jede menschliche Empfindung einer Kontrolle unterwarf, wurde der Jude zur Frömmigkeit, zur Selbstbeherrschung erzogen. Das Studium des Talmuds gewöhnte an logisches Denken, und die Gemeinsamkeit der zahlreichen Religionsübungen entwickelte im Verein mit der Abgeschlossenheit des Juden gegen die ihn umgebende christliche Welt den Familiensinn zu einer Innigkeit, wie kaum je bei einem anderen Volke. Ergreifend ist die Schilderung der auf Befehl Kaiser Nikolaus I. erfolgten Zerstörung des Heimatsortes der Verfasserin, der Stadt Brest in Lithauen, an deren Stelle eine Festung erbaut werden sollte. Selbst die Toten mußten ihre letzte Ruhestätte verlassen. Im Jahre 1838 kam es wie die erste Ahnung einer neuen Zeit über das in Unwissenheit und strengem Formelglauben dahinlebende Volk, als die russische Regierung die Schulen einer gründlichen Reform unterzog und mit der Aufgabe, westeuropäische Bildung unter den Juden zu verbreiten, den Minister der Volksbildung und den Gelehrten Dr. phil. Lilienthal betraute. Zu dem Wert und Reiz des Buches trägt die Darstellung nicht wenig bei. Schlicht und einfach, ohne rethorischen Aufputz, ohne besonderes Pathos schreibt die Verfasserin Gebräuche und Einrichtungen, jedoch besitzt sie in hohem Grade die Gabe, Erlebtes anschaulich zu machen und auch den fernstehenden Leser lebhaft zu interessieren.
Frankfurter Zeitung.
Die Verfasserin, deren Jugend in die dreißiger und vierziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts fällt, entwirft ein sehr anschauliches Bild vom Leben und Treiben in einer streng gläubigen, jüdischen Familie, die zu den wohlhabendsten in der Stadt Brest-Litowsk zählte. Schon nach Durchsicht der ersten Seiten wird einem der Eindruck zuteil, daß man es mit einer photographisch treuen, dabei künstlerisch abgerundeten Wiedergabe des Geschauten und Erlebten zu tun hat, daß, mit einem Wort, ein kulturhistorisches Dokument vorliegt. Solche Bücher sind immer lesenswert. In diesem Falle kommt noch das Spezialinteresse hinzu, welches die bis in die feinsten Details gehenden, dabei keineswegs ermüdenden Schilderungen der religiösen Gebräuche der lithauischen Juden, den Religionsgenossen der Verfasserin, darbieten können. Bedeutungsvoll ist das Kapitel, welches vom Beginn der Aufklärungsperiode unter den russischen Juden handelt. Wie anderwärts, so auch hier hat die Emanzipation der Geister neben mancherlei Freuden auch ihre Leiden mit sich gebracht. Die Aufklärung hat, wie Dr. Karpeles in seinem Geleitwort sagt, »die Nebel, die bis dahin über dem russischen Judentum lagerten, durchbrochen,« sie hat aber auch die Juden, die bis dahin, gleichsam wie auf einer Insel inmitten des slawischen Völkerozeans eine Sonderexistenz führten, in Berührung mit feindlichen und häufig moralisch minderwertigen Elementen gebracht. Im zweiten Bande, der hoffentlich bald dem ersten nachfolgen wird, erfahren wir vielleicht einiges darüber.
Die Zeit. Wien.
»La Russie se recueille«, »Rußland sammelt sich«, hat bekanntlich Gortschakow nach dem Krimkriege gesagt. Dasselbe kann man vom Judentum sagen, seitdem es von allen Seiten aus der Oeffentlichkeit verdrängt ist. Zwar finden die reichen Juden noch immer Eingang in aristokratischen Kreisen, wenn man ihr Geld braucht, und man läßt sich sogar auf eine Mesallianz mit ihnen ein, wenn es gilt, ein verblaßtes Adelswappen frisch zu vergolden. Auch lassen sich »freisinnige« Deutsche die Stimmen der Juden bei den Wahlen gefallen. Aber es heißt doch auf der ganzen Linie: »Grüß mich nicht unter den Linden!« Der Rückschlag dieser Verdrängung äußert sich bei den Juden in ihrer Besinnung auf sich selbst, in verstärkter Pflege ihrer Memoirenliteratur und vermehrter Schilderung der Vergangenheit des Judentums, besonders seines Innenlebens. Eine solche Schilderung liegt in den »Memoiren einer Großmutter« vor. Es ist ein liebenswürdiges Buch, das die Häuslichkeit und Lebensführung eines wohlhabenden russischen Juden in Brest aus dem ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts in anspruchsloser Weise beschreibt. Über dem Hauswesen lagert der Hauch patriarchalischer Frömmigkeit und angestammter Sitte. Von Sabbat zu Sabbat, von Festtag zu Festtag übersteigen die Hausgenossen wie auf Brücken die Mühseligkeiten und Beschwerden der Arbeitstage und erhalten sich in gehobener Stimmung, die in der Innigkeit des Ehe- und Familienlebens, in strenger Kinderzucht, in der Gastlichkeit und Wohltätigkeit zum Ausdruck kommt. Es entfaltet sich hier ein Reichtum an geistigen Anregungen und sittlichen Befriedigungen, der wohl imstande war, für manche bittere Erfahrung zu entschädigen. Auch an Seelenkämpfen fehlt es nicht, die durch den Eintritt deutscher Bildungsversuche und die veränderte Kleidertracht herbeigeführt wurden. Die fesselnde Schilderung macht das Buch zu einer ebenso anregenden wie belehrenden Lektüre.
Wien.
Oberrabbiner Dr. M. Güdemann.
Pester Lloyd.
»Ich bitte die Leser um Nachsicht. Ich bin keine Schriftstellerin und mag auch nicht als solche erscheinen. Ich bitte nur, diese Aufzeichnungen als das Werk einer alten Frau anzusehen, die einsam in der stillen Dämmerung ihres einsamen Lebensabends schlicht erzählt, was sie in einer ereignisvollen Zeit erlebt und erfahren.« Wahrlich, jeder Versuch einer sachlichen Kritik und Würdigung dieses Buches wäre eine Blasphemie. Solange wir unter dem Banne der Lektüre stehen, kommt uns die Erwägung gar nicht in den Sinn, ob diese Blätter vom rein künstlerischen Standpunkt aus überhaupt eine literarische Existenzberechtigung haben, und selbst wenn wir das Buch schon lange aus der Hand gelegt, empfinden wir nur das Gefühl verehrungsvoller Dankbarkeit für diese feinsinnige Großmutter, die uns so großmütig aus dem reichen Schatz ihrer abgeklärten Lebenserfahrungen teilnehmen läßt. Mit liebevollen, behutsamen Frauenhänden entrollt Pauline Wengeroff heitere und ernste, aber immer gleich farbenprächtige Genrebildchen aus dem jüdischen Familienleben; Bilder, von denen jedes einzelne durch seinen eigenartigen strengen Reiz unser Herz gefangen nimmt, die aber dann in ihrer Gesamtheit sich zu einem imposanten Kulturgemälde runden. Was die temperamentvolle Greisin da von Emanzipation der lithauischen Juden erzählt, mutet uns wirklich an wie ein Märchen aus Großmütterchens liebem Plaudermunde; aber ein ganz modernes Märchen, vom schicksalsschwangeren Feuergeiste unserer Zeit durchweht. Mit zauberhafter Geschwindigkeit verdrängt die Morgenröte einer neuen Epoche die Nebel des Ghetto. Manch liebliches Bild, das nur im Dämmer gedeihen konnte, muß der unbarmherzigen Helle weichen. Aber wie zahlreich auch die Opfer der Übergangszeit gewesen sein mögen, der Platz an der Sonne war den Juden damit nicht zu teuer erkauft. Schmerzlich süß muß es für diese Großmutter sein, in diesen freud- und leidvollen Erinnerungen zu wühlen. Wahrhaft heroisch ist es jedenfalls, diese zarten Herzensblüten vor der großen, blasierten Menge auszubreiten. Aber wenn auch nur wenige sich finden sollten, denen aus diesen vergilbten Blättern erquickender Duft bis ins tiefste Gemüt dringt, so werden diese wenigen um so gespannter der weiteren Plaudereien der Großmutter harren.
Tägliches Unterhaltungsblatt der Posener Neuesten Nachrichten.
Den bisher ganz vereinzelten Memoirenwerken der jüdischen Literatur reiht sich hier ein Werk an, das uns einen tiefen, charakteristischen Einblick in die große Übergangszeit der Aufklärungsperiode unter den Juden Lithauens gestattet. Pauline Wengeroff ist eine der ersten, die uns diesen Kulturschatz aufzeigt, und sie tut es mit so inniger Liebe und Pietät, mit so seltener Treue und Wahrhaftigkeit, mit mildem Humor und feinem psychologischen Takt, daß man mit größtem Interesse ihren liebenswürdigen Schilderungen folgt. Wenn mau diesen ersten Band gelesen hat, wird man mit um so lebhafterer Erwartung dem zweiten entgegensehen.
Unterhaltungsblatt des Fränkischen Kurier.
Die jüdische Literatur besitzt nur sehr wenige Memoirenwerke. Aus dem jüdischen Leben in Rußland dürfte nur ein einziges, die »Zapiski Jewreja« von Gregor Isaakowitsch Bogrow, bekannt sein. Diesem Werke, das einen tiefen und charakteristischen Einblick in das Leben und Treiben der Juden in Rußland zu Anfang des vorigen Jahrhunderts eröffnet hat, schließen sich die Memoiren von Pauline Wengeroff ebenbürtig an. Mit inniger Liebe und großer Pietät, mit seltener Treue und aufrichtiger Wahrhaftigkeit, mit einem milden, verklärenden Humor und feinem psychologischen Takt erzählt sie wichtige Episoden aus einer großen Übergangszeit, aus der Zeit, in welcher die Aufklärung unter den Juden in Rußland die Nebel, die bis dahin über dem russischen Judentum lagerten, zu durchbrechen begann.
Essener Volkszeitung.
Es ist ein Buch, das uns in breiter, behaglicher Form das Leben der Juden in der Stadt Brest in Litauen vorführt. Die Verfasserin blickt bereits auf siebzig Jahre zurück, und sie hat sogar die Eindrücke aus ihrer frühesten Kindheit mit bewundernswerter Genauigkeit im Gedächtnis behalten. Der vorliegende Band schildert die Zeit, wo die Juden noch ungestört nach ihren alten Sitten und Gebräuchen und in ihrer eigenen Tracht in Rußland leben konnten, sowie den Anfang des von der Regierung eingeleiteten Reformwerkes. Eine Menge charakteristischer Einzelzüge aus dem Leben dieses Volkes finden wir hier mit gewissenhafter Sorgfalt verzeichnet. Es sind ganz eigenartige kleine Kulturbilder, die auch für den Forscher von Wert sein werden und in denen nebenbei auch die Kenner des jüdischen Jargons eine reiche Ausbeute finden werden. Besonders muten uns die Schilderungen des behaglichen, engumgrenzten Familienlebens dieser Juden alten Schlages an, dies feste Zusammenhalten der einzelnen Familienglieder, der Eltern und der Kinder, selbst wenn diese schon selbst verheiratet waren. Jeder, der den ersten Teil dieser interessanten und auch in der Form gut abgerundeten Memoiren gelesen hat, wird der Fortsetzung mit Spannung entgegensehen.
Breslauer Zeitung.
Selten haben in kurzer Zeit so mächtige Wandlungen in einer Bevölkerungsschicht stattgefunden als unter den russischen Juden Litauens, jahrhundertelang wie bewegungslos, einem Bilde gleich verharrend, hat ganz plötzlich eine gewaltige Umgestaltung dort Platz gegriffen und gewitterartig Veränderungen geschaffen. Das Interesse für dieses Eckchen Unkultur und Kultur ist ein allgemeines geworden, und insbesondere die Verfolgungen, denen die russischen Juden ausgesetzt waren, ließen die Augen der ganzen Welt sich nach jenen Gegenden richten. Da interessiert es denn besonders, wenn ein Buch uns mit Schilderungen bekannt macht, die noch von keinem Hauche der Neuzeit berührt wurden, und doch finden wir dort eine Fülle von interessanten Tatsachen, von Phantasie, dichterischer Begabung, eigenartiger Bildung und sonderlicher Zustände. Man wird deshalb mit großem Interesse das Buch »Memoiren einer Großmutter« lesen und es gleich einem interessanten alten Bilde auf sich wirken lassen.
Ost und West, Berlin.
Ein Buch der Erinnerungen. Wir haben diese stillen Dämmerstunden der sabbatlichen Nachmittage alle selbst erlebt. Und glühend haben unsere Kinderaugen zur Großmutter geblickt und Großmutters Träume zogen wie wundersame Helden-Scharen in unsere Seelen ein.
Nicht als Erlebnis: — als Traumgebilde voll blasser, milder Farben, voll schwermütigen Dämmerglanzes knüpft sich das Einst an das Heute. Und so erscheint uns das Einst immer so reich an Frieden, selbst wenn es noch so stürmisch war und die blaue Blume der Romantik blüht auf der Stätte, die eines Ahnen Fuß beschritt...
Eine Großmutter erzählt von altem Leben und eine Welt der Stille, idyllischer Enge und einer die Seelen befreienden Gebundenheit steigt vor uns auf. Aber sie würde wieder versinken. Die Enkel wachsen heran und von Großmutters Erzählungen bleibt nur süße körperlose Erinnerung. Das Wort verfliegt. Die Melodie nur bleibt. Akkorde, —
Ein sabbatlicher Spätnachmittag... Heimlich und verstohlen gleiten scheue Sonnenstrahlen durch das dichte Netzwerk der Gardinen und zeichnen matthelle, seltsam verästelte, verschlungene Linien auf den dunklen Eßtisch.
In einem Winkel sitzt Großmutter in ihrem Lehnstuhl, und die Enkel drängen sich an sie, und die Dämmerung hüllt sie mit dunkeldichtem Schleier ein...
Großmutter erzählt von fernen Tagen; von Menschen, die ferne sind, weit, weit, wo Gottes stille Himmel liegen; von einem Leben, das längst erstorben.
Großmutter erzählt: Ein süßes Behagen läßt jedes Wort aufquellen; selige Erinnerungen steigen lächelnd auf; und eine milde Trauer flutet weich um die versunkene Vergangenheit und dämpft die Worte zu stiller Ergebung.
Großmutter erzählt: Und Seufzer schleichen durch das Dunkel. Und die Kinder lauschen und lauschen. Es ist wie ein Märchen...
Es fehlt den Juden nicht der Sinn für einstiges Geschehen. Der Zwang der Tage, das Joch des Heute hielt nur immer die Seelen gefesselt. Die Großmütter, die in den engen Stübchen ihre Gebete flüstern, hüteten — frei von der Frohnde des Daseinskampfes — den Schatz der Erinnerungen. Und hätten sie alle nur die Erzählungen aufgeschrieben, denen im Dämmer sabbatlicher Nachmittage ihre Enkel gelauscht, die Geschichte unseres Volkes läge vor uns, festgefügt und durchglüht von einem Stimmungszauber, den niemals ein Historiker wird ahnen lassen können.
Das Wort war behende. Doch die Hand war schwach und welk... Und so trug der Tod zugleich mit den Hütern der Vergangenheit die Vergangenheit ins Grab. Nicht was einst war und was einst geschah, bildet den intimen Reiz der Geschichte. Das mag die Sorge des hockenden Chronisten sein, der wie ein geiziger Wucherer die Einzelstücke aneinanderreiht und aufeinander schichtet. In den Geschehnissen und Menschenschicksalen suchen wir das Einzelschicksal. Wir kennen wohl die Wirkungen großer Ereignisse als kompakte Größen; und der Philosoph wird aus diesen Werten den Weg der Geschichte, die Richtung der Entwicklung, aus der Verworrenheit der wirksamen Faktoren die Gesetzmäßigkeit, aus allen Brutalitäten ringender Mächte den Sinn, den Geist der Geschichte ableiten. Aber verhüllt sind uns die einzelnen kleinen Komponenten der geschichtsschreibenden Kräfte: wie der einzelne Mensch die Geschichte beeinflußt und wie er von der Geschichtsentwicklung beeinflußt wird. Denn ein Nehmender und Gebender, zugleich Schöpfer und Geschöpf, Baumeister und Baustein, Subjekt und Objekt der Geschichte ist das Individuum. In diese wundersame Gewalt des Werdens, des Wandelns, der ewigen Umformung läßt uns die mikroskopische Geschichtsforschung blicken. Diese »Andacht zum Kleinen« — wie Grimm sie genannt — schafft und verinnerlicht die Weihe für den wuchtigen Schritt Gottes in der Geschichte. Die Sonne spiegelt sich in den kleinsten Tautropfen und gigantischen Epochen der Vergangenheit in der Seele des niedrigsten Zeitgenossen. Aus diesen Erkenntnissen ist allmählich der Sinn für die Familienforschung erstanden, das Interesse für den Briefwechsel zwischen Menschen früherer Geschlechter, die Lust an Memoirenwerken ... »Großmutter erzählt...«
Das neuere jüdische Schrifttum ist arm an solchen nachdenklichen Erinnerungen und es kann wohl nicht anders sein. Familienforschung! Wie kann Familienforschung den Spürsinn regen, wo in unserer Gemeinschaft ängstliche Scheu die Kette der Geschlechter zerbrechen möchte? Ein jeder möchte ein Autochthone sein — gewachsen aus der Erde, geworden durch eigene Kraft. Wir haben noch nicht den Mut, von der geduldigen Märtyrerkraft unserer Ahnen zu sprechen, noch nicht den Sinn, die stille Schönheit ihres engen Seins zu rühmen. Wer möchte das Leben seines Urahns erforschen, der mit dem Packen auf dem Rücken von Dorf zu Dorf keuchte, mit alten Kleidern handelte — und doch ein ganzer Mensch war: unbarmherzig gegen sich, weil das Wissen um Gottes Barmherzigkeit in ihm war... Wir haben noch nicht die Kraft der festwurzelnden Persönlichkeit, den billigen Witz zu verachten, den der Tor über das armselige, erzwungene äußere Leben unserer Ahnen machen könnte. Wir wagen noch nicht laut zu sagen, daß sie nur Knechte schienen und freie Menschen waren, die in Not und Wanderelend danach rangen, würdig zu werden der Gnade, im Ebenbilde Gottes erschaffen zu sein. Wir haben uns noch nicht emanzipiert von dem Hochmut der eben erst bürgerlich Emanzipierten, über Sitte und Brauch unserer Ahnen, über ihre Vorstellungen und Gedanken zu lächeln. Wir haben die Phrase noch nicht überwunden — die Phrase, die unsere ganze Armut bloslegt: Moderne Menschen. Mit dieser Phrase wollen wir das eiserne Band zerhauen, das uns an die Ahnen schmiedet. Bilden wir uns ein — und ist doch ein Strohhalm in der Hand eines Kindes.
»Großmutter erzählt.« Von ihrer Welt! Wie weit wären wir, könnten wir erst ohne ängstlich umherblickende Voreingenommenheit mit Großmutter durch ihre Zeiten wandern. Sie faßt uns gütig an der Hand und führt uns: ein kleines Städtchen, ein niedriges Häuschen, sogar mit einer richtigen Vortreppe — also ein Herrensitz! — ein paar winklige Gassen, ein dunkles Cheder — und da lebt man!
Man lebt da!...
»Ein Jahr im Elternhause.« Wir wandern von Fest zu Fest. Und der graue Alltag wird licht, weil er eine Vorstufe der Feste ist.
Was ist eigentlich das Ziel unseres Lebens? Der Festtag.
Unser ganzes Leben ist nur ein Warten auf den kommenden Tag der Feier.
Aber unser Warten ist voll Pein und Ungeduld, quälerisch. Unsere Hoffnung ist wirr und wildtreibend, zermürbend in der Angst des Verschmachtens auf halbem Wege: Wann kommt uns die Stunde der Feier? Vielleicht kommt sie uns niemals.
Großmutter lächelt: Ihr Armen. Zunächst freut man sich die ganze Woche auf den Sabbat. Man braucht sich nicht zu sorgen: Kommt er? Kommt er nicht?! Er kommt! Kommt der Sabbat, kommt die Ruhe. Und wer den Sabbat so recht feiert, weiß gar nicht, daß es einen Alltag gibt. Wir heiligen den Sabbat, glauben wir. Aber der Sabbat heiligt uns. Er weiht unser Leben und Treiben; und Essen und Trinken wird Gottesdienst. Und so fällt schon auf den Freitag — den Torwart der Ruhestunden — der milde Abglanz des Sabbats. Die Arbeit am Freitag macht die Hand nicht müde. Die Erdenlast ist von ihr genommen. Und gute Engel helfen beim Werke. Darum schmecken die Fische am Freitag abend so köstlich. Sie haben den Geschmack von — »jener Welt« selbst wenn Vater sich nicht so besorgt in der Küche umsähe und die Sauce kostete. Beten, Ruhe und Essen — dieser Dreiklang schlingt sich zur Harmonie des Sabbats zusammen. Und wenn der Tag zur Neige gegangen, begleitet wieder ein Mahl die »Königin Sabbat« in ihre Heimat.
Es singt in allen Festen die gleiche Melodie — nur die Tonart wechselt und der Rhythmus. Am Chanuka läßt uns Großmutter die Reise durch das ganze Jahr beginnen. Mit den Latkes — den Honigflinsen — fängt sie an. Mit dem Pflichträuschchen am Simchas-thora hört sie auf. Zwischen Lust und Trauer pendelt das Leben hin. Wenn die Trauer die Seele gar zu fest zu umschnüren droht, löst ein Festtag die Schlingen. Und ein Trauertag dämmt die über die Borde schlagende Fröhlichkeit ein. Nicht kalendarisch-äußerlich gehalten, sondern in ihrem spezifischen Charakter hingenommen, nach ihrem Stimmungsgehalt gelebt, nach ihren gedanklichen Inhalten begriffen — wirken die jüdischen Feste wie ein Regulator menschlichen Treibens. Sie lösen die Verworrenheit unseres Seins in geruhige Harmonien auf und gleichen das stürmische Auf und Nieder aus zum Wellenschlag eines friedlich hingleitenden Lebens. Und wundersam haben sich Sitte und Brauch dem Sinn der Feste angeschmiegt.
Großmutter Wengeroff hat in ihren Memoiren, — »dem Ben-Sekunim«, dem Kind des Greisenalters — mit unendlicher Liebe den Kranz der vielen Bräuche zusammengewunden, die die Feste schmücken und — ihr Werk. Wenn einmal die alte Formensprache unserer Volkssitten verstummt sein sollte, wird der Ethnologe und Kulturhistoriker nach diesen Blättern das Leben der Juden in alten Tagen wieder aufbauen können. Der häusliche Herd — der in der Küche steht — ist der Mittelpunkt der Familie. Was dort brodelt und kocht, dient nicht gedankenloser Genußsucht und Völlerei. Die Hausfrau beginnt ihre Arbeit nicht, eh daß sie ein Gebet gesprochen und ein Opfer dargebracht hat. Die Speisen sind den Festen angepaßt und alle Zutaten sind zugleich — Symbole! Speise und Trank, die den Körper kräftigen sollen, damit die Seele ungehemmt von irdischer Schwere ihren Flug in die Höhe nehmen kann, sind selbst nur — beseelte Materie. Sie sind geweiht. Und wenn die Hausfrau nicht fast erdrückt wurde von der Fülle der Sorgen, der Pflichten, der religiösen Gebote und der Subtilitäten, die der Brauch zum Zwange gesetzlicher Vorschriften erhoben hat, so konnte nur der Gedanke, mit all der peinlichen Arbeit höheren Zwecken, ja dem höchsten Zwecke zu dienen, die Last heiligen und adeln — und aus der Sphäre des ermattend Körperlichen hinaus — und emporrücken.
In dieser in Gott und Judentum zentrierten Welt kann schlaffe Bequemlichkeit nicht hemmend in den Weg der Pflichten treten. Je getreulicher die Gebote erfüllt werden, um so leichter wird das Leben getragen. Je enger der Zaun der Gesetze, um so lichter und freier schwingt sich die Seele zu Gottes Thron. Und gemeinsam wie der Flug in die Höhe, rollt sich auch das bürgerliche Leben ab. Der einzelne versinkt nicht in der Gemeinschaft bis zur Unkenntlichkeit. Sein individueller Wert wird gesteigert, sein individueller Charakter ausgearbeitet durch die Gemeinschaft. In das Schicksal des einzelnen, welche Phasen vom Glück zum Leid es auch durchlaufe, sind doch Schicksalfäden der anderen verwoben. Die Lebensbedingungen jedes einzelnen Juden sind die der anderen Juden. Jeder braucht den anderen, zum gemeinsamen Gebet in der Chewra, in der Trauerzeit, beim Mahle, in den Scherzen des Purim, in der Lust des Freudenfestes. Und dieses Aufeinanderangewiesensein in den Bedürfnissen eines höheren Lebens verinnerlicht die Bande angeerbten Volkstums und gemeinsamer äußerer Geschicke und schafft auf einem weitab vom materialistischen Sozialismus führenden Wege einen sozialen Bund von ganz spezifischer Prägung.
Eine idyllische Ruhe und der Frieden einer in ihren Sehnsüchten, ihrem Gottvertrauen geeinten Menschengruppe ruhten über jener Generation. Und lösten wir selbst den Glorienschein auf, den die alte Großmutter um ihre Jugendjahre legt, und wollten wir in Einzelzügen ergänzen, was die versöhnende und nivellierende Vergeßlichkeit des Alters verwischte, die Grundlinien einer lieblichen Idylle verlören ihre Schärfe nicht. Die Spiele der Kinder und das Sinnen der Alten erfüllen nur eine enge Welt; aber sie ist voller duftiger Träume, voll tiefer Beziehungen und in jeder Spanne persönlich erobert und ganz zu persönlichem Besitze geworden. Der Tag ist unendlich lang, so lang, daß das gewöhnliche Ausmaß der Stunden seine Geltung verloren zu haben scheint. Aber Gefühl und Begriff der Langeweile sind keinem bekannt. Es gibt keine toten Stunden, weil jede Stunde ihr eigenes Leben hat. In grauer Frühe, da die Nacht kaum an den kommenden Tag denkt, denken die Juden schon an ihr Tagewerk. Wer weiß, wie der Beruf die Stunden knebeln wird — darum schnell noch zum Talmudfoliant greifen, der von gestern noch aufgeschlagen ungeduldig schon des »Lerners« harrt; darum schnell noch in das Beth-Hamidrasch eilen, um in der Chewra Thillim im Zweisang die lieben Psalmen zu sagen.
Das Leben ist so kurz — und des Betens und Lernens ist so viel. Diesen Gedanken heißt es den Kindern zu überliefern. Sie können nicht früh genug in den Cheder. In seiner Enge und seinem ewigen Dämmer wächst eine heilige Weit. Und der erste Chederbesuch wird so der wahre Geburtstag — der Menschenseele. Der Ärmste gibt sein letztes Gut hin, um sein Kind nicht geistig verhungern zu lassen. Und es ist ein Brauch, der die ganze Judenseele bloßlegt, ein Brauch von ergreifender Tiefe und unsagbarer Innigkeit, daß der Vater den jungen Chederbuben in einen Gebetmantel gehüllt zum Melammed trägt... Er zeigt ihm die strahlende Pracht der Himmel und lehrt sie, sich den Weg zu Gott zu schlagen und mit den Quadern der heiligen Buchstaben zu ebnen. Sonnig ist das Ziel. Aber die Arbeit ist hart. Selbst die Spiele in den freien Zeiten sind noch durchwebt mit den Seidenfäden der Lehre, die das Halbdunkel des Cheders gesponnen. Schon frühe lernt das Kind sich bescheiden. Denn das Ghetto ist eine bescheidene Welt. In gedämpften Tönen klingt aller Sturm der Seelen aus. Das ganze Sein ist voller Geheimnis. Und die Bangheit und Scheu, die das Kind empfand, als es einmal in dem leeren Gotteshause vor der heiligen Lade stand, trägt es allezeit mit sich und sie geben ihm die stille Ergebenheit, wenn es einst vor den heiligen Fragen des Lebens stehen wird... In diese festgefügte Welt mit ihrer eigenen Bildung, mit ihrem schillernden Reichtum der Phantastik, mit ihrer geschlossenen Lebensanschauung, in diese Welt der Träume und mystischverdämmerter Ahnungen, in diese Welt der klaren Tage, der besonnenen Arbeit — tritt nun polternd mit groben Füßen die neue Zeit! Kann aus den zerstampften Schollen gleich herrliche Saat erblühen? Die Menschen sind zu gefestet, als daß die neue Zeit sie ganz zu zerbröckeln vermöchte. Noch lachen sie und spotten ihrer, und reißen der Zeit ihre neuen Gaben aus der Hand. Chausseen werden gebaut. »Solange sich Menschen erinnern, waren zwei Tage nötig, um den Weg von Brest nach Bobruisk zurückzulegen, nun kommt Reb Zimel Epstein und erzählt uns, er wird ihn auf eine Tagereise verkürzen.« Wer ist er? Gott? Wird er die übrige Strecke Wegs in seine Tasche stecken? Und Reb Zimel Epstein hat Recht. Indessen was verschlägt's? Kann man mit Lampen, die heller und ruhiger brennen als Kienfackeln, den Sabbatabend nicht lichtiger und geruhiger machen?... Und kann man bei neuen Wegen nicht ein alter Jude bleiben?... Und doch: auf neuen Wegen kommt die neue Zeit! Die Welt wird größer. Die Enge löst sich. Die plumpen Wägelchen verschwinden. Es kommen die Karossen und bald, bald wird das Dampfroß die Wälder durchjagen. Jeder Tag bringt neue Wünsche; und wie die Mauern des Ghetto zu wanken beginnen, so kommen die Kinder des Ghetto ins Wanken. Die stille Harmonie wird zerstört. Sie scheinen wie Trunkene und wir lächeln ihres torkelnden Ganges. Auf den Hintertreppen schleicht die Aufklärung in die Häuser. Sie verdüstert mehr als sie erleuchtet — denn es ist eine Aufklärung, der — russischen Regierung! Über dem Talmudexemplar liegt Schillers Don Carlos und Posa sagt seine Leitartikel auf im »Gemara-Nigen«. Die Jugend will dadurch die Eltern täuschen. Aber sie täuscht sich selbst: Schiller wäre ihnen unverständlich, wenn er nicht »gelernt« würde... Die Eltern fürchten die neue Zeit und sie beschwören den Missionar der russischen Regierungsaufklärung, Lilienthal, bei »der Sepher Thora« zu erklären, ob er die Juden zur Taufe führen will. Sie fürchten. Aber ihre Furcht ist mehr ein Ahnen furchtbarer Entwicklungen. Was sie um sich sehen, macht sie mehr stutzig, als erschrocken. Hier eine Szene, die die schwangere Zeit köstlich zeichnet: Dem Schwager unserer Großmutter hatte es die Naturwissenschaft angetan. Bei grauendem Morgen war er halb entblößt in den Garten gegangen. »Die rechte Hand arbeitete kräftig, sie beseitigt die Rinde der Pappel und holte kleine Insekten heraus, die mein Schwager — nicht ohne Ekel! — in ein kleines Kästchen mit einem Glasdeckel warf.« Die Mutter hatte ihn bemerkt und rief halb verwundert, halb belustigt: »Wos tust du do?«
»Gur nischt«, gab er lakonisch zur Antwort.
»Wos is do im Kästchen auf der Erd'?« fragte die Mutter weiter.
»Gur nischt«, meinte der erregte Naturforscher.
»Warum biste so früh do?«, forschte die Mutter.
»Früh! S'es gur nischt früh!« antwortete der junge Mann, in der Hoffnung, sich so aus der Affäre zu ziehen... Die Mutter beugte sich über das Gitter und entdeckte nicht ohne Ärger ein Buch neben dem Kästchen. Sie tritt näher. Der Naturforscher ergreift die Flucht. Meine Mutter blickte in das Kästchen und entdeckte zu ihrem unbeschreiblichen Erstaunen eine gewöhnliche Fliege, einen Maikäfer, ein Marienkäferchen, eine Ameise, einen Holzwurm... Sie traute ihren Augen nicht, und ihr Achselzucken deutete mehr als gesprochene Worte es hätten tun können, auf die Frage hin: »Wozu braucht ein Mensch solches Gewürm?«
Zu dem »Gewürm«, das den inneren Menschen zernagte, kam ein anderes Unheil. Ein Ukas der Regierung verbot die jüdische Tracht: der äußere Mensch mußte reformiert werden. Sogar die Pejes, »die dem Juden erst die Gottähnlichkeit geben«, sollten schwinden. Es gab erbitterte Kämpfe mit den ausführenden Polizeiorganen. Aber schwerer waren die Kämpfe in der Seele der Juden. Der Mantel fiel und der Herzog mußte ihm folgen. Die neue Tracht führte die Juden nicht in eine neue Welt hinein. Sie führte sie nur aus ihrer alten Welt heraus. Das empfanden alle tiefer blickende Männer, das machte sie traurig und ihre Ohnmacht so unsäglich qualvoll. Als die Gräber des alten Brester Friedhofs geöffnet wurden und die Leichen ihre Friedensstätte verlassen mußten, weil die Stadt zu einer Festung umgebaut wurde, war ein Wehklagen in der Gemeinde — doch die Toten fanden einen Ruheplatz. Aber die Seelen, die aus ihrer stillen Welt hinausgezerrt wurden, die Seele der Jugend wurde heimatlos und mußte wandern in eine ungewisse Welt. Die Besten wurden schwankend. Die Schwachen wurden haltlos. Sie wechselten die äußere Tracht und wurden äußerlich.
»Schwarze Röcke, seidne Strümpfe, Weiße, höfliche Manschetten Sanfte Reden, Embrassieren — Ach! Wenn sie nur Herzen hätten.«
Es sind nur die ersten Anfänge jener neuen Zeit, von denen unsere Großmutter spricht. Mit verhaltenen Worten. Ihre ganze Innigkeit hat sie über das alte Ghettoleben gebreitet, von dem sie uns freilich nur einen Bruchteil gibt. Wir lernen nur ein Haus mit allen seinen Freuden, Erregungen und seinem Kummer kennen. Es ist ein reiches und vornehmes Haus, in das wir als Gäste eintreten. Und doch ist es nur ein Paradogma für das Treiben im Ghetto. Denn das Leben im Patrizierhaus ist seinem Wesen und seiner Form nach nicht herausgehoben aus der Ghettoartung.
Hütte und Herrensitz unterscheiden sich nur in den groben Äußerlichkeiten der Lebensformen. Charakter und Inhalt der Vorstellungsinhalte, die Skala der Gefühle und die zarten Bedürfnisse der Seele: — vielleicht, daß sich darin eine individuelle Differenzierung spiegeln könnte. Aber niemals die soziale! Dem Reichen wird nur die Gnade, daß er die Fülle der Pflichten leichter und unermüdlicher tragen konnte. Und sein Dank für diese Gnade war, daß er die Pflichten peinlicher beobachtete und ihre Kreise weiterzog!
Im Hause des Reichen zerbröckelte nicht das Judentum. Sitte und Überzeugung, Tat und Gebet, Alter und Jugend standen in Schönheit und unbefleckt durch die grobe Not nebeneinander, das Haus zu einer Stätte Gottes zu machen...
Großmutter erzählt... Und eine Welt der Schönheit, des Friedens und verjüngender Heiterkeit steht vor uns auf. Und uns überflutet eine Sehnsucht nach dem versunkenen Lande der Ganzen.
Nach all den Enttäuschungen, die die Zivilisation bringt und die sie — je empfindsamer und zarter wir werden — uns immer herber wird fühlen lassen, blicken wir in jene stille, abgestorbene Welt zurück und in einsamen Stunden regt sich leise in uns ein Fragen, ob dort nicht die blaue Blume der Romantik ihre Düfte um die Menschen hauchte.
Es war eine enge Welt. Aber sie war hoch und reichte bis an den siebenten Himmel...
Die Menschen waren klein. Aber ihre Seelen waren voller Harmonie und Einheit. Sie verschmachteten nicht im Genusse. Wunsch und Kraft, Wille und Ziel, Leben und Lehre waren eines nur. Sie gaben den heiligen Frieden, der nicht einmal ahnen konnte, daß es auch eine Zerrissenheit gibt.
Dr. Th. Zlocisti.
Allgemeine Ztg. d. Judentums. Berlin.
Ein versonnenes »Es war einmal« klingt mit leiser Wehmut aus dem Buche der feinfühligen Verfasserin. Wie bei einem Rembrandtschen Gemälde blicken wir in das anziehende Helldunkel einer verflossenen jüdischen Kulturperiode, und das stechende Licht des Alltags schmerzt uns, wenn wir das Buch schließen. Denn was uns die Verfasserin aus der Vergangenheit des vorigen Jahrhunderts so anspruchslos zu erzählen weiß, ist mehr als das Leben einer vornehmen jüdischen Familie in der russischen Stadt; es ist überhaupt ein Mikrokosmos des guten Judentums alten Schlages, ein Kleingemälde voll intimen Reizes, das uns moderne Israeliten, die wir uns als »Kinder der Welt« so groß dünken, mit Schmerz empfinden läßt, wie klein wir geworden sind — weil wir keine eigene Kultur mehr haben. Man mag das Leben jener Juden, das nichts anderes war, als ein von Anfang bis Ende des Jahres wunderbar sich abrollender Gottesdienst, in gewissem Sinne beschränkt nennen, in der Beschränktheit zeigt es die Meisterschaft. Das Gemälde ist etwas Ausgefülltes und Ganzes, und wir nehmen einen wohltuenden Volleindruck mit. Wir mögen es wohl im Sinne des Fortschritts begrüßen, daß endlich in den patriarchalischen Dämmer das volle Licht der europäischen Kultur hereinbrach — aber wir klagen auch mit der Verfasserin über die fürchterlichen Zerstörungen, die die zersetzenden Strahlen anrichteten. Wieviel jüdische Lebenskunst, Poesie und Ethik ist zu Grabe getragen worden! — Möge das Buch der Großmutter, dem Dr. G. Karpeles ein freundliches Geleitwort mitgegeben hat, nicht nur gelobt, sondern auch gelesen werden! Es ist nicht nur für liebe »Enkelkinder« bestimmt, die spielend, besser vielleicht als es in den Religionsschulen geschehen kann, in den Reiz und die Weihe des altjüdischen Lebens eingeführt werden, es gibt auch den Erwachsenen einen interessanten Beitrag zur »Umwertung der Werte« bei unseren Brüdern im Nachbarreich. Und endlich wird es jeden ernsten Juden gedankenvoll stimmen. Denn wenn wir auch mit Koheleth sagen müssen: »Sprich nicht, wie kommt es, daß die vergangenen Zeiten besser waren, nicht aus Weisheit fragst du,« so erweckt es doch das heiße Verlangen nach der inneren Einheitlichkeit und Geschlossenheit, wie sie die Väter kannten, die Sehnsucht nach neuen jüdischen Kulturwerten.
E. L.
Jüdische Zeitung. Wien.
Wenn man das Buch aufschlägt, so findet man auf der ersten Seite das Bild der Verfasserin: Ein altes, freundliches Gesicht mit klugen, milden Augen, die schon von vornherein für alles einnehmen, das die Verfasserin sagen wird. In freundlichen Worten wird nun ein Bild aus dem jüdischen Leben eines wohlhabenden Bürgerhauses in den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts geschildert. Alles ist so unbeweglich still und atmet Traulichkeit, innere Abgeklärtheit, starken Familiensinn und echtes Menschentum. Es ist alles so licht und lieb, daß man den Gedanken nicht bannen kann, daß die Verfasserin unbewußt schöner dargestellt hat, als es wirklich gewesen ist, daß sie ihre Kindheitstage, die jetzt vor uns vorbeiziehen, mit dem Glorienschein der Poesie umgeben hat. Eines aber erfahren wir unzweideutig daraus: Daß das jüdische Familienleben jener alten guten Zeit innig und traulich war, daß die Häuser der Juden in jener Zeit Kulturstätten waren im besten Sinne des Wortes. Die Schilderung des Übergangsstadiums zum Haskalah erscheint uns minder gelungen, wie überhaupt der ganze Aufbau des Buches eine mangelhafte Technik verrät. Doch wir wollen mit der Verfasserin darüber nicht rechten, denn der herzliche Ton des Buches, der wie Märchenzauber unsere Herzen gefangen nimmt, entschädigt uns überreichlich. Wir wünschen dem Buch die weiteste Verbreitung unter Alten und Jungen. Besonders ist das Buch jungen Mädchen zu empfehlen, denn die jüdische Innigkeit und der jüdische Familiensinn sind leider im Schwinden begriffen, und da kann dies Büchlein dazu beitragen, daß die zukünftigen Mütter unseres Volkes weniger modern, dafür aber natürlicher und jüdischer werden.
Israelitische Monatsschrift, Breslau.
Die Memoirenliteratur ist während der letzten Jahre in ihrer Bedeutung für die Geschichtswissenschaft voll erkannt worden. Von jüdischen Memoirenwerken, deren Zahl ohnedies gering ist, darf man nun allerdings nur eine geringe Ausbeute für die pragmatische Geschichte erwarten. Gab es doch nicht allzuviele Persönlichkeiten unter den Juden, die an den aktiven Tagesereignissen großen Anteil hatten, und auch unter diesen nicht viele, die Zeit und Muße zur Niederschrift ihrer Denkwürdigkeiten fanden. Um so größer ist aber dieser Gewinn, der aus dieser Literatur für das innere Leben und die Kulturgeschichte sich ergibt. In diesem Sinne und mit dieser Beschränkung ist auch das angezeigte Buch als wertvolle Quelle, aus der mancherlei Belehrung und Aufklärung über das Leben unserer Glaubensbrüder im Osten zu schöpfen ist, anzusprechen. Wo geschichtliche Vorgänge berichtet werden, so in der Darstellung der Aufklärungsperiode, ist der Wert dieser Aufzeichnungen mehr als problematisch; es berührt eigentümlich — um die einer Dame gegenüber gebotene Höflichkeit zu wahren — wenn Verfasserin wiederholt von dem »scholastischen Gespinst« und den »vielen talmudischen Spitzfindigkeiten« spricht und damit ihre Legitimation für die Beurteilung jener so verhängnisvollen Epoche zu erbringen vermeint. (Hierher gehört auch die Feststellung, daß »viele Traktate des Talmud mit den Worten omar abaja beginnen«!). Wo dagegen die Verfasserin sich auf das ihr liegende Gebiet der Detailmalerei und der Szenen aus dem Volks- und Familienleben beschränkt, liefert sie wahre Kabinettstücke dieser Kleinkunst, die niemand ohne Vergnügen und Nutzen lesen wird.
Israelitisches Familienblatt, Hamburg.
Diese Memoiren gehören zu den liebenswürdigsten Büchern, die seit langem auf den jüdischen Büchertisch gekommen sind. Das Großmütterliche wie das Jüdische darin verschmelzen sich zu einer warmen, trauten Herzlichkeit, die eine blendende, poetische Darstellung, die man von diesem Werke nicht erwarten darf, vollkommen ersetzt. Wir haben es aber auch mit einer kulturhistorischen Gabe allerersten Ranges zu tun. Sie hält in getreuester, liebevollster Hingabe und Erinnerung für die Nachwelt fest, was jetzt bereits im Aussterben begriffen ist, das echt jüdische Haus- und Gemeindeleben unserer russischen Brüder. Die Behauptung von einer Trockenheit und Verknöcherung des alten Judentums, von seelischer Finsternis und Sklaverei unter dem »Gesetz« schmilzt vor dieser Darstellung wie Schnee vor der Sonne. Wer dieses Buch liest, das in jedem Buchstaben den Stempel der Wahrhaftigkeit trägt, muß sagen, daß unsere Großväter und Großmütter, die so lebten, ein solches rundes, jüdisches, von Festen wie von wunderbaren jüdischen Ereignissen durchzogenes Jahr, glücklich waren. Trotz allen äußeren Druckes, trotz ihrer Einfalt und Fremdheit von der modernen Kultur. Wir lernen aus diesem Buch vieles wieder lieben, was wir bereits belächelt haben. Besonders unseren Frauen kann es eine Offenbarung bedeuten.
Druck von C. Schulze & Co., G. m. b. H., Gräfenhainichen.