Der glückselige Tag
An einem schwülen Tage war vom Hochgebirge ein Sturm niedergebrochen. Der hatte Dächer abgedeckt im Dorfe Eustachen und Bäume entwurzelt. Im Lärchenwäldchen am Flusse lagen fast ebensoviele Bäume hingestreckt, als noch standen. Dann krachten in den Lüften die wilden Feuer. Dann hagelte und goß es nieder, daß über Straßen und Felder die braunen Bäche rannen und förmlich den Hagel zu Eismoränen zusammenschwemmten. Als es vorbei war, strich eine frostige Luft. – Und war der Michelwirt nicht nach Hause gekommen!
Bald war das Dorf auf, ihn zu suchen, und voran durch und über die Wüstenei hin das schlanke Mädchen mit dem Blondhaar, an dem die gebrochenen Äste sie zurückhalten wollten. Da kam er ihr entgegen, vom Flusse her, mit weiten Schritten in den Tümpeln watend, die gehobenen Arme in die Luft auswerfend und laut lachend.
»Weißt es schon, Helenerl!« rief er seiner Tochter entgegen, »weißt es denn noch nit? Sie kommen! Sie fahren schon herauf. Daß ich geschwind muß herrichten gehen für morgen. Er kommt auch! Alle kommen! Bist wohl auch du fertig mit dem weißen Gewand?«
So kam er nach Hause, bis auf die Haut durchnäßt, an allen Gliedern zitternd, aber mit glückselig leuchtenden Augen. Sogleich wollte er nach Ruppersbach zum Pfarrer schicken. Der Rufmann und der Bräutigam seien wohl schon gut untergebracht, aber für den geistlichen Herrn ließe er bitten um ein Zimmer. Das Weitere sei in Ordnung. Sonst allerlei Geschäftiges hatte er vor, wurde aber ins Bett gebracht. Doch während Helenerl den Jungknecht suchte, daß er um den Arzt eile und Frau Apollonia in der Küche den heißen Tee machte, stand der Michel wieder auf, holte aus dem Keller eine Flasche Rotwein mit zwei Trinkgläsern, tischte alles emsig und schön auf das Zimmertischchen, schenkte die beiden Gläser voll und stieß an: »Leben sollst, Paul! Hoch sollst du leben!«
Und war doch niemand im Zimmer als er allein.
Dann ergriff er die Laute, fuhr in die Saiten, daß sie heftig schrillten: »Also singen wir! Für die Hochzeit was.«
»So komm ich hin zu ihr,
’s hat schon der Mondschein gscheint,
’s ist alles mäuserlstill – es rührt sich nix.
Da nehm ich’s her um d’ Mitt
Und bieg ihr ’s Köpferl zruck
Und han a Busserl ihr aufs Göscherl pickt.
Ja, ja, mein Dirndl, du bist mein Leben,
Du bist mein Freud in alle Ewigkeit!«
Mehr erschrocken als sonst war Frau Apollonia, als sie ihn so in halbem Nachtgewande singend und trinkend fand.
»Ins Bett, Michel!« rief sie erregt.
»Ins Bett, ins Bett, hast recht, Frau. Morgen heißt’s früh auf. Seid ihr beisamm mit allem? Hast im Gartenzimmer die Betten machen lassen? Hat der Poldl schon die Tisch aufgeschlagen? Die Menge Leut! Hörst die Wägen vorfahren? Und alleweil noch kommens. Die Helenerl soll noch zu mir, eh sie heut schlafen geht. Morgen um die Stund ist sie nimmer unser. Geh her, Apollonia! mußt nit weinen. Glücklich werden die zwei miteinand. Geh her zu mir! Wir zwei alten Leut, wir! Geh, gib mir auch wieder einmal einen Schmatz! Wir sein zusammen verbunden. Glückselig sein die Stunden …«
So redete er lebhaft und hastig, in heller Glut, wie seine Augen brannten auch seine Wangen.
Freilich gab sie ihm einen Kuß und hat vor Traurigkeit sich kaum können fassen, während er in voller Glückseligkeit war und in voller Glückseligkeit einschlief.
Es war ein ununterbrochener Schlaf, die ganze Nacht, und doch ein unruhiger. Er führte Gespräche, er sang. Und dann murmelte er Gebete. Hernach wurde es so still um ihn, in ihm, daß Frau Apollonia angstvoll nach dem Atem horchte. Der Arzt hatte Anordnungen getroffen und war wieder fortgegangen. Frau und Tochter waren die ganze Nacht am Bette gesessen und hatten kein Auge gewendet von seinem Gesicht, über das abwechselnd rosige und blasse Schatten glitten. Die Nacht war lang, es wollte nicht tagen. Und als er aufging, war es ein trüber, schwerbewölkter Tag.
Der Michel erwachte. Seine Wangen waren ganz entglutet. Aber brennend heiß seine Hand, die in der seiner Frau ruhte. Das Auge war beim Erwachen ruhig und sanft gewesen wie eine friedliche Nacht. Plötzlich aber leuchtete in demselben ein so unheimlicher Glanz, daß Frau Apollonia vor Schreck fast erstarrte.
»Wer ist denn das?« fragte er mit ungelenker Zunge, denn er hatte seine Tochter bemerkt, die neben dem Bette stand. »Das ist die Helenerl?!« Ein schönes Lächeln spielte um seine erstarrenden Züge. »Bei der Häuslichkeit schon? Du fleißige Braut!« – Und redete weiter, stoßweise, einmal hastig, einmal langsam. Es war teils ein murmelndes Sagen und teils ein lallendes Singen. – »Der Friedl, der schlaft wohl noch – wie? Na, na, seid nur recht glücklich. Daß ich ihn hab’ mögen derleben, diesen Tag! – Mein Herz hat sich gesellet zu einem Blümlein zart – Das kann keiner so singen, wie der Rufmann – Vater muß man jetzt sagen. Keiner so. Wenn er schon wach ist, er soll kommen. Soll eilends kommen. Den geistlichen Herrn mitbringen, den Elias. – Kennst ihn, Helenerl? Der hat das gülden Ringlein an eure Händ gesteckt – Der hat das güldne Kettlein um euer Herz gelegt … Glückselig sein die Stunden, wo wir beisammen sein. – Gelt, Paul! Bist da, Paul? Gelt, der glückselige Tag! – – Aber müd. Auch die Freud macht müd …«
Er atmete schwer.
Frau Apollonia schob ihm das Kopfkissen zurecht. »Müd, lieber Mann, ich glaub dir’s. Willst nit wieder schlafen?«
Da richtete er rasch seinen Oberkörper auf und sprach in hastigen Stößen die Worte: »Schlafen nit! Schlafen nit! – Ich bitt euch. Nit schlafen lassen! Aufwecken!«
»Aber es tät dir gut, Vater.«
»Nit schlafen! – Hab so schreckbar müssen träumen, vorgestern. Vor Zeiten – oder wann. Vom Förster Rufmann was. Von seinen Buben was. – Schlafen will ich nimmer – nimmer …«
Dann ist sein Körper zurückgesunken auf das Kissen.
Leidlos – liedlos.