Klingende Gespenster

Eines Tages war kleine Völkerwanderung aus den Dörfern nach dem Hochtal. Im Forsthause fand die Versteigerung der Rufmannischen Habseligkeiten statt.

Auch der Michelwirt spannte ein. Mit einem Glase Wein hatte er sein Herz gestärkt und die große Brieftasche in den Sack gesteckt. Dann nahm er den Einleger mit, den krüppelhaften alten Wenzel. Der wußte gar nicht, wieso er zur ergötzlichen Spazierfahrt kam. Als sie in den Wagen stiegen, gab es noch einen Rangstreit. Der Wirt wollte, daß der Wenzel rechts sitze.

»Nit a so, nit a so!« wehrte dieser ab. »Ich bin der alt Einleger, du bist der Herr Vater, du g’hörst rechts.«

Sagte der Michel: »Heut soll seine Ehr einmal der Ärmere haben.«

»Nachher, Herr Vater, setz du dich auf die recht Seiten!« –

Der Wirt war schier aufgeräumt. Er wollte sogar eins pfeifen. Ob nicht der verwildert über die Lippen herabhängende Bart schuld war – es pfiff nicht. Als sie an der Ach glatt dahinfuhren, sagte er zum Alten: »Wenzel, es kann sein, daß du mir heut einen Gefallen wirst tun müssen. Wenn etwan auch eine alte Laute sollt versteigert werden, sei so gut, lizitier mit.«

»Ich? Kann halt nix musizieren, nit.«

»Bis zu hundert Kronen kannst sie hinauftreiben, wer’s auch sein mag. Und wenn ich’s selber sollt sein. Da hast Geld.«

Der Alte nahm die Note wohl an, schüttelte seinen Kahlkopf und sagte: »Herr Vater, du haltst mich für’n Narrn!«

»Du haltst mich für’n Narren!« lachte der Wirt bitter. »Hast denn kein Spurius, warum du sollst nauf treiben?« Er mußte es dem begriffsstutzigen Alten des Näheren erklären. Als diesem der Knopf einmal aufgegangen war, zog er sein schlaues Gesicht: »Werden’s schon machen, Herr Vater.«

Um das Forsthaus herum war alles voll Leute. Die Sachen waren ausgebreitet und aufgestellt um den Tisch des Amtmanns. Ein paar Kästen, Truhen und Betten, Holzsessel, Küchengeschirr, Wandbilder, Arbeiterwerkzeug, ein paar Schießgewehre und kleines Gerümpel. Die Leute wunderten sich, daß so wenig da war. Ein anwesender fürstlicher Anwalt erklärte bei manchem Stück, das etwas wertvoller aussah: »Das gehört ständig zum Forsthause!«

»Gut viel wird heut nit ausfallen für die Buben,« sagten die Leut zueinander. Und man wollte gehört haben, daß sie es sehr gut brauchen könnten.

Jeder Gegenstand, der dran kam, wurde niedrig ausgerufen und dann aufgezeigt. Das ging flau, aber der Michelwirt steigerte überall mit. Manches Stück trieb er fabelhaft hoch hinauf und dann blieb es ihm in der Hand. Und anderen kam das, was sie nicht lassen wollten, teuer zu stehen.

Der Beamte mit dem Hammer war ein humoristischer Mensch, wie es alle Versteigerer sind. Zu jedem Stück, das er ausrief, besonders wenn es sehr unbedeutend war, machte er eine spaßhafte Bemerkung, um die Aufmerksamkeit der Leute darauf zu lenken. Zu dem Stück, das er jetzt in die Hand nahm, machte er keine, sondern zog das Gesicht breit, wiegte mit dem Kopf, zupfte an den Saiten – klim, klim! und sang: »O du lieber Augustin!« Die Laute war’s.

Dann bot er sie aus um fünf Kronen.

Dem Michel gab’s einen Stich. Diese Laute, seine Laute um fünf Kronen.

»Ich gebe zehn!« rief er.

»Ich gebe fünfzehn!« kreischte jemand in der Menge. Das war der Einleger Wenzel. Die Leute lachten, aber der Versteigerer entdeckte seine Amtswürde und rief: »Ernster Weise!«

»Ist auch ernster Weis,« gab der Einleger zurück. »Ich mag’s Kirtharl um fünfzehn Kronen. Man kann nit wissen. In so alten Möbeln ist immer einmal was versteckt.«

»Fünfzehn Kronen! Wer gibt mehr?«

»Fünfzig Kronen!« rief der Michelwirt.

»Hundert Kronen!« kreischte der Einleger.

»Fünfhundert Kronen!« sagte der Michelwirt.

Da war es still.

»Was soll das heißen?« fragte der Beamte.

»Der Mann ist nit recht gescheit!« rief ein anderer drein. »’s gilt nit!«

»’s gilt!« sagte der Michel, trat an den Tisch und erlegte fünfhundert Kronen.

Jetzt war alles gerührt. »Er tut’s für seinen Freund. Den Buben wird’s wohl gut tun.«

Das meinte der Michel eben auch. Aber er meinte eben auch noch etwas anderes.

Als er die Laute zu sich genommen hatte, pfiff er dem Wenzel und schnell ging’s auf dem Steirerwäglein nach Eustachen. Und vergnügt war er schon darüber, daß er den Försterbuben einen Possen hatte spielen können. Obgleich sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Den beträchtlichen Erlös für die Sachen werden sie wohl nicht können zurückweisen. – Kaum daheim angekommen, eilte er auf seine Stube, um die Laute zu versuchen. – Sie war all verstimmt. Er setzte an die Schrauben den Stimmschlüssel; nein, die Saite könnte reißen. Er strich mit der Hand darüber hin. Er setzte das Instrument an die Brust, tastete die Griffe, zupfte die Saiten:

»Wann ich amal stirb, stirb, stirb.

Schlagt’s auf die Truhen drauf,

Aft steh ich wieder auf …«

Was war denn das hinter ihm? Eine Stimme. Eine Baßstimme. Er wendete sich um. – Es war niemand da. Er war ganz allein.

Seinen Gästen zeigte er sich gar nicht mehr. Aber spät abends saß er noch auf seinem Zimmer und verlangte nach Rufmann. Sagte Frau Apollonia: »Schau, mein lieber Mann, das Trinken so viel ist nit gesund. Leg dich in Gottes Namen schlafen.«

Und wenn er dann in seinem Bette lag, kamen die Klänge eines längst verlorenen Singens. – – – »Wenn ich aufdenk auf mein junges Leben, wo ich überall bin umerglegen.« – Gute und böse Zeiten, wie sie halt kommen. Erdenleben heißt man’s. »Ich ging einmal im grünen Wald, da hört ich die Vöglein singen.« – Ist denn das auch einmal wirklich gewesen? Oder ist es erst jetzt, wie ich so dran denke? Der Freund ist ins Wasser gegangen, die Kinder haben sich verlaufen. »Verlassen, verlassen, wie der Stein auf der Straßen.« Wenn man’s nur kunnt auslöschen, wie mit dem Schwamm auf der schwarzen Tafel die Ziffern. »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht.« – Schlafen. Ich möcht schlafen! So spat in der Nacht. »Alles ist still, wie in der ewigen Ruh.« – Aber das Wehleid! das Wehleid! ’s will halt nit aufhören. – Ei was, Dummheiten! ’s ist ja nix. ’s ist alles miteinander nix … Legen wir uns einmal auf die andere Seiten. Auf der linken Seiten liegen, da druckt alles so aufs Herz. Legen wir uns auf die rechte. Und lassen uns was Gutes träumen.

Auf der rechten Seite lag er sanfter. Er merkte, es schliche der Schlaf heran. Da ist er auf der Lauer, den möcht er doch einmal erwischen, um zu sehen, wie es zugeht, wenn einer einschläft. Kein Mensch ist noch dabei gewesen, bei seinem Einschlafen. – Was ist denn das? Hat jetzt nit wer auf der Laute gespielt? – »Apollonia!«

Sie hat einen leichten Schlummer, hebt ein wenig ihr Haupt: »Hast was g’sagt, Michel?«

»Hältst du’s? Die Laute! Der Rufmann! Im Nebenzimmer. Der Rufmann singt!

Und die Holzknechtbuben,

Müssen fruh aufstehn,

Müssen’s Hackerl nehmen –«

»Mein Gott! Mann, was hast denn? Tut dir träumen?«

»Den Rufmann begleiten. – Bin a lustiger Wildpratschütz …«

Da sie das Entzücken seines Traumes wohl merkte, so ließ sie ihn singen. Manches Lied schlug er an, kam jedoch mit keinem zu Ende.

Einmal unterbrach er sich und stellte dem Rufmann aus, daß er um einen Ton zu tief dran sei. Dann wieder war es, als scherze er mit jemand und necke ihn. Und endlich ist er in einen tiefen Schlaf gesunken.

Um diese Zeit hatten es die Leute gemerkt, daß mit dem Michel wieder eine Veränderung vorging. Zwar saß er noch immer nicht bei seinen Gästen, kümmerte sich auch nicht um die Wirtschaft oder um eine Gemeindeangelegenheit. Aber heiterer war er geworden. Wo er wem begegnete, da blieb er stehen und sprach ein paar gewohnte Worte oder machte gar einmal ein seltsames Späßchen. Körperlich verfiel er. Eines Tages, als er wieder am Ufer des Flusses saß und hinschaute, wie die Sonne so schön in den kreiselnden Wellen zitterte, kam Gerhalt zu ihm und wollte ihn nach Hause führen.

»Ich hab’ jetzt nit Zeit, Nachbar,« antwortete der Michel in gemütlicher Art, »kunnt versäumen, kunnt versäumen.«

»Was ist denn da zu versäumen?« lachte der Vorstand überlaut. »Das Wasser läuft dir nit davon. Das rinnt in alle Ewigkeit herab.«

»Ja alle Ewigkeit, sagst du. Rinnt her und rinnt fort und ist immer dasselb Wasser. Das ist spaßig. Wirst dir’s aber gewiß nur einbilden, Martin.«

»Mein lieber Michel, das Wasser ist keine Einbildung!«

»Ich weiß es wohl, Nachbar, ich weiß es wohl. Ist ja der Rufmann drin ertrunken. Sind ja die Buben übers Wasser fortgefahren. Aber sie kommen wieder. Sie kommen alle wieder. Und derowegen muß ich warten.«

»Ja, da wirst freilich noch eine Zeitlang warten müssen.«

»Lang oder nit lang. Ich warte halt. Jetzt, weil ich wieder gesund bin worden, wart ich auch hundert Jahr. Die Zeit vergeht – der Mensch nit.«

Der Arzt in Ruppersbach hatte gesagt, man könne ihn unbesorgt gewähren lassen. Wer, wie der Michel, warten wolle, bei dem sei nichts zu fürchten. Es stehe so, daß man ihm nichts mehr versagen solle.

Und wie sein Dämon Wirklichkeit und Traum so seltsamlich verwechselt und endlich ihm den langersehnten glückseligen Tag nicht versagt hat, das erzählt der nächste Bericht.