Heimkehr ins Forsthaus

Und am nächsten Tage in frischer Sonnenfrühe ging es heimwärts.

Der Friedl hatte im Gerichtsgebäude noch die Einbrennsuppe ablehnen wollen; den Spitzbubenkaffee möge er nicht, er wolle sich einen anderen im Kaffeehaus kaufen. Da sagte Elias: »Bruder, tu nicht übermütig werden! Iß mit mir noch einmal diese braune Suppe, damit du von dem Gelde nichts auszugeben brauchst. Das wirst du, wie es dir das Gericht in die Hand gegeben hat, dem Zimmermeister Josef heimbringen.«

Wurde der Friedl ernsthaft und sagte: »Du hast recht. Ich hab mir’s selber fürgenommen und will’s nimmer vergessen. Elias, von jetzt an –«

Er blieb stecken. Allein als sie dann die Stadt hinter sich hatten, rechts und links der Straße die tauigen Wiesen, die Bäume mit den langen Schatten, die Berge im goldenen Sonnenschein – da griff er’s wieder auf. »Elias, ich sag’s dir, von jetzt an will ich anders werden. Lustig schon, wenn’s geht, aber leichtsinnig nimmer. Ein Hund bin ich gewest, wie ich den Vater immer einmal gekränkt hab!«

»Hund mußt du nicht sagen!« mahnte Elias.

In ruhiger Frohheit wanderten sie wegshin. Des Elias Wahnsinn war vergessen. Er meldete sich auch nicht mehr. Ein Delirium des Schreckes, sonst war es nichts gewesen.

Und jetzt lag sie wieder da, die leuchtende, klingende Welt Gottes.

Fern aus dem Hintergrunde des Tales stand schier in Sonnenduft gehüllt die steile Wand des Ringsteins auf. Dort liegt Eustachen. Und dahinter das Forsthaus. Als ob sie jahrelang fortgewesen wären, so zog es sie heimwärts.

Als es heiß geworden war, setzten sie sich in den Schatten zweier Fichten, unter denen das Steinbild des heiligen Johannes von Nepomuk stand.

»Sind dir auf unseren Straßen nicht schon die vielen Heiligenbilder aufgefallen?« fragte der Student.

»Du hast sie ja doch gern, die Heiligenbilder – nit?«

»Wenn sie schön sind. Besonders –«, fast errötend gestand es Elias, »die Muttergottes muß schön sein. Vor einem häßlichen Marienbilde, wie man sie in Wallfahrtskirchen sieht, könnte ich keine Andacht haben. Nein, so widerwärtige Bilder! Möchte nur wissen, ob das auch in anderen Ländern so ist.«

»Kunnten ja einmal nachschauen gehen,« sagte der Friedl. »Ich denk, die Leut werden halt nirgends schönere Bilder machen, als sie können. Die Heiligen braucht man ja nicht zum Anschauen.«

»Vielmehr, daß wir ihnen nachfolgen,« gab Elias bei.

»Ja, wenn sie kamod wären wie vor Zeiten,« sagte der Friedl. »Deinem Namenspatron, dem heiligen Elias, haben die Raben das Brot vom Himmel gebracht. Aber unser vergessen sie halt. Und möchte schon bald was essen.«

»Wart nur,« sagte Elias, »wer Vertrauen hat, der erlebt jeden Tag Wunder.«

»Du, Elias. Bei deinem starken Glauben zu der Muttergottes hätt sie uns schon helfen können, wie wir jetzt in der großen Not sind gewest.«

»Sie hat uns ja geholfen. Sonst wären wir jetzt nicht im Sonnenschein.«

»Das Taschenmesser hat uns geholfen, das du mir geschenkt hast.«

»Wer sagt dir denn, daß es nicht die liebe Muttergottes gewesen ist, die mir den Gedanken eingegeben hat: Deinem Bruder kaufe ein Taschenmesser?«

»Wenn dir das nit wär eingefallen, so hätt’s mit diesem Messer nit geschehen können und wir wären in keinen Verdacht gekommen.«

»Friedl, das mußt du dir abgewöhnen, daß du allemal alles von der schlechten Seite anschaust. Auf deine Weise wär ja ich an der ganzen Geschichte schuld.«

»Das hab ich nit gesagt. Du siehst nur, daß sich alles ausdeuten laßt wie der Will.«

Ähnliche Gefechte führten die Burschen mehrere unterwegs, warfen aber allemal die Degen weg, bevor einer verwundet wurde.

Zur Mittagszeit wollten sie in keines der Straßenhäuser einkehren, aus denen sie ein paar Tage vorher so grausam beschimpft worden waren. Bei einem abseits stehenden Bauernhause sprachen sie zu und bekamen dort Klöße mit Kohl.

»Siehst du, Bruder, daß die Raben auch heute noch fliegen?«

»Ja, ja, Elias, du hast halt immer recht. – Aber jetzt sollt er uns schon bald entgegenkommen.«

»Ja, ich schau auch schon immer aus.«

»Wissen muß er’s ja schon, daß wir auf dem Heimweg sind.«

»Ich habe nur eine Angst,« gestand Elias, »wenn er’s hört, was für eine Dummheit ich habe angestellt.«

»Du, um das Donnerwetter beneide ich dich nit!«

»Unwahrheit ist halt doch schon einmal gar nichts wert,« sagte Elias mit ungleicher Stimme, »auch wenn man was Gutes mit ihr wollte stiften. Ich bitte dich, Friedl, hilf du mir beim Vater.«

»Ich sag, wie ich gesagt hab’,« antwortete der Friedl, »willst mich nit noch einmal fuchtig machen, so red’ von was anderem.«

Da redete der Student gar nicht.

Als sie am Nachmittag gegen Ruppersbach kamen, sagte der Friedl: »Na, durch das Nest mag ich nit gehen.«

Da schlugen sie links einen Feldweg ein, um dem Dorfe auszuweichen. Sie kamen an den hohen Pappeln vorbei, die in einer Reihe standen wie Riesenlanzen. Unter denselben zog sich eine Mauer hin. Sie gingen der Mauer entlang, da kamen sie zum Tor, das offen stand. Elias konnte an keinem Friedhofe vorbeigehen, ohne den Hut vom Haupte zu ziehen und ein Vaterunser zu beten. Und wenn er drinnen mitten unter den weißen Mäuerlein und kleinen, schief stehenden Kreuzlein ein großes Christusbild ragen sah, da ging er hinein, schaute zum Erlöser auf und las dann Inschriften der Denkmäler. So tat er auch heute und der Friedl ging mit ihm. Auch der las Grabschriften, und zwar darauf hin, ob sie ungereimt und spaßig wären. Dieweilen wird’s ein bissel kühler zum Wandern.

»Schau, was Leut sterben!« sagte er jetzt, zeigend auf die frische Hügelreihe mit den unangestrichenen Holzkreuzlein.

Elias trat hinzu und las Namen, wie sie auf den Kreuzchen standen.

»Johann Dröscher.«

»Das ist der alte Müller gewesen,« sagte der Friedl, »weißt, der bucklige Alte, der ganz krumm gebogen war, wo der Saubub, der Wegmacher Kruspel, hat gesagt, den müßten’s, wenn er einmal gestorben wär, in eine Baßgeigenschachtel legen.«

Elias las weiter: »Andreas Holzbruckner.«

»Ist im Rausch in den Fluder gefallen, Gott tröst sein Seel!«

»Maria Buchebner.«

»Ah, das ist die Pichelbäuerin, die soviel hat leiden müssen.«

»Nathan –«

Elias stockte.

»Wer denn weiter?« fragte der Friedl.

»Nathan Böhme!«

Nun standen sie da und schwiegen. Und murmelte endlich der Friedl: »Da drunten liegt er.« Und standen lange vor diesem Hügel und sagten nichts weiter. Können es uns wohl denken, was durch ihre Seelen gezogen sein mag. Endlich atmete der Friedl schwer auf und schritt weiter. Er hatte feuchte Augen.

»Da ist ein Rufmann,« sagte Elias leise.

»Bei meiner Treu, da ist ein Rufmann. Paulus Rufmann, wie unser Vater heißt.«

»Ich habe nie etwas gehört, daß es in unserer Pfarrei auch sonst noch Leute gibt, die Rufmann heißen. Der Vater ist vom Bayerischen her.«

»In Sandwiesen, der Tabakkrämer heißt Rufmann. Hat Rufmann geheißen,« wußte der Friedl zu sagen.

»Der wird’s sein,« gab Elias bei. Dann gingen sie aus dem Friedhofe fort und ihres Weges weiter.

Oberhalb Ruppersbach kamen sie wieder zur Straße. Sie gingen ein wenig schneller und sprachen nicht viel. Da sahen sie, wie ein Wagen entgegenkam.

»Das ist der Vater!« rief der Friedl. »Es sind Michelwirts Pferde, da sitzt der Vater im Wagen.«

Es saß wohl einer drinnen, aber das war der Michelwirt. Er war selbst der Kutscher, hielt jetzt die Pferde an und stieg aus.

Fröhlich grüßten sie ihm entgegen und der Friedl sagte: »Du, Onkel, das war jetzt eine Zeit! Die möcht ich nit wieder derleben. Warum ist der Vater nit mit?«

»Ist so viel heiß heut und der staubige Weg. So bring ich euch den Wagen entgegen,« sagte der Michel und faßte die Pferde am Riemen, um sie zu wenden. »Steigt nur gleich ein.«

»Ich will auf den Bock.«

»Geht nit, Friedl, ist zu schmal für uns zwei, setzt euch nur kamod in den Wagen.«

So fuhren sie gegen Eustachen.

Der Michelwirt hatte nur ein paarmal ausgerufen: »Also der Krauthas!« Denn es war schon alles bekannt geworden. Im übrigen redete er nicht viel, mußte auf die Pferde achtgeben. Elias schwieg und der Friedl schwieg auch, weil ihm bange geworden war.

Der Michel hatte gemeint, er würde die Burschen bei dem Wiedersehen an die Brust reißen müssen. Statt dessen war es so kühl hergegangen. Schon gut so. Das ahnte er wohl, wenn er jetzt ruhig bleiben soll und nichts verraten, so darf er das Herz gar nicht anrühren. – Am Eingange des Dorfes vor der Kapelle standen schon Leute, Jugendkameraden, darunter auch die Gerhaltbuben. Ohne Willkommsgeschrei reckten sie den Ankömmlingen die Hände entgegen, aber diese taten nicht viel desgleichen und der Michel hielt die Pferde nicht an, ließ sie vielmehr sehr rasch zwischen den Häusern hintraben bis zum Wirtshause.

»Wir wollen nit einkehren, wir wollen gleich heim,« sagte der Friedl.

»Na na, Buben, zukehren müßt ihr schon bei mir.« So der Michel, »ihr habt Hunger und Durst. Frau Apollonia hat schon daran gedacht. Auch abstauben werdet ihr euch wollen.«

»Wir möchten schon den Vater haben,« sagte der Student.

»Ich glaub’s euch, Buben, ich glaub’s euch, wird aber jetzt nit zu Haus sein. Kunnt sein, daß – er notig im Gebirg was zu tun hätt und vor dem spaten Abend nit heimkommt.«

»Die Nachricht hat er doch erhalten?«

»Ei, das schon, die Nachricht, die wird er schon bekommen haben. – Poldl, komm doch herfür und spann die Pferde aus!«

Wenn der Vater jetzt ohnehin nicht daheim ist, da konnten sie ja einkehren, dachten die Burschen und traten ins Haus.

»Da seins halt jetzt, die armen Hascher,« klagte der alte Einleger Wenzel, der im Vorhause stand.

»Schau, daß d’ weiter kommst,« herrschte ihm der Wirt zu, so daß dem Alten ungleich wurde. Was hat er denn heut, unser Herr?

Der Tisch war schon gedeckt, die Kellnerin brachte Speise und Trank, und die jungen Wanderer ließen sich nicht nötigen. Der Michel saß neben ihnen, fragte nicht viel und erzählte nicht viel. – Schenkte Wein in die Gläser. »Tuts trinken, Buben. Der Wein, wenn’s auch heißt, zuviel wär ungesund, er ist und bleibt eine Gottesgab und erfrischt das Herz. Schon gar, wenn der Mensch … Ich kunnt den Wein nimmer entbehren.« Er füllte auch sich ein Glas und leerte es auf einen Zug.

So oft die Küchentür aufging oder auch nur das Küchenfensterlein, spannte der Friedl die Augen. Aber er nahm nichts wahr. Auf dem Tisch, in einem weißen Krüglein, stand ein frischer Blumenstrauß. Das war alles.

Kurz, aber lebhaft hatten sie erzählt von den Verhören in Löwenburg, besonders vom Krauthasen, und wie ihre Unschuld aufgekommen war. Da fragte Elias plötzlich: »Ist jetzt nit ein Rufmann gestorben, da wo herum –?«

Der Michel konnte wohl nicht gleich antworten.

»Auf dem Friedhof haben wir einen Rufmann gefunden.«

»Seid ihr auf dem Friedhof gewesen?«

»Das ist gewiß der Tabakkramer in der Sandwiesen,« sagte der Friedl, »hat ja Paulus geheißen, nit?«

»Mir scheint.«

Der Michel tat, als sei er gerufen worden. Er ging rasch hinaus und sagte zur Frau Apollonia, die schon immer ängstlich gehorcht hatte an der Tür: »Das soll wer anderer tun. Ich bring’s nit übers Herz.«

»Aber mein Gott, ehvor sie heimkommen, muß es ihnen doch gesagt werden.«

»Frau, sie kommen selber drauf, sie sind schon nahe dran.«

»Wenigstens lassen wir sie früher essen,« sagte sie. »Mein Gott, wie einem diese Buben derbarmen!«

Er beneidete die Frau um dieses arglose Erbarmen. Wie selig süß das war im Vergleich zu dem, was er auf sich hatte!

Dann ging er wieder in die Gaststube und setzte anders ein. Er schenkte neuerdings die Gläser voll: »Nur fest trinken, Buben! An so einem Tag kann man sich schon ein Spitzel gunnen. Nach einem solchen Sturm. Wie ihr tapfer seid gewesen. Leben sollt ihr! Gott erhalte euch! Und was immer mag kommen, wir drei halten zusammen. Sollt einmal eine Veränderung sein im Forsthaus oder wie – daß ihr’s nur wißt: Im Michelwirtshaus seid ihr daheim.«

Gleichzeitig standen die Burschen vom Tische auf und der Friedl rief plötzlich: »Michelwirt! Mit unserem Vater ist was geschehen!«

Und darauf antwortete der Wirt: »Kinder, wie wäret ihr sonst auf den Kirchhof gegangen, wenn ihr’s nit schon tätet wissen.«

Elias rührte sich nicht und blieb stumm. Der Friedl aber gab einen gellenden Schrei. Dann warf er sich auf den Tisch nieder und weinte laut. Und dazwischen hervor rief er zornig: »Was ist ihm geschehen?«

Und der Wirt zagend und gedämpft: »Ertrunken«.

»Ertrunken!« Der Bursche hielt den Kopf und hielt ihn mit beiden Händen. »Ertrunken! So ist kein Mensch bei ihm gewesen? So habens ihn allein gelassen!«

»Allein gelassen wohl nit …«

Jetzt kein Halten mehr.

Als sie hinausgingen, stand im Hintergrunde des Vorhauses das schlanke Mädel und schaute her. Er hat sie gesehen und nicht gesehen. Sie warteten nicht ab, bis eingespannt war, sie lehnten den Wirt ab, der sie begleiten wollte.

Als ob hinter ihnen etwas Feindliches her wäre, so eilten sie hin am Waldsteig, und in der Abenddämmerung sahen sie das Forsthaus vor sich liegen. Und hörten dort stoßweise weinen. Als sie in den Hof kamen, sahen sie, daß es der Waldl war. Und als der Kettenhund die Heimkehrenden bemerkte, da wurde sein Heulen noch kläglicher. Er sprang sie nicht an, wie sonst, wenn sie sich nahten, er lag auf der Erde, deren Sand er aufgescharrt hatte; feucht unter den großen schwarzen Augen, so schaute er sie an und heulte und wimmerte leise, als wollte er ihnen alles Schreckliche erzählen, was geschehen war.

Zum Tore kam die alte Sali heraus, langsam, gab ihnen aber nicht die Hand. »Unser Herrgott weiß es! Weil nur ihr da seid! Weil nur endlich ihr wieder da seid! O du liebe Frau im Himmel oben, die Freud, wenn er das noch hätt erlebt!« Weinen tat sie nicht.

Elias hatte fast nicht den Mut, ins Haus zu treten. Nicht vor dem toten Vater konnte er sich fürchten, aber vor seinem zürnenden Geiste …

In der Stube, vor dem Marienbilde an der Wand, brannte eine rote Ampel. Sie brannte seit drei Tagen.

»Und solang ich in dem Haus bin, wird sie nimmer auslöschen,« sagte die Sali.

Aber als Elias in der Stube allein war, nahm er die Ampel von ihrer Leiste herab und stellte sie über dem Tische auf die Wandeckstelle, wo das Kruzifix stand. Maria, unsere Fürbitterin! Aber das Licht gehört ihm allein.

So waren sie jetzt daheim.

Und in dem Augenblick, als sie in dieses Haus getreten, wußten sie auch, hier waren sie fremd geworden.

Verwirrt und betäubt gingen sie eine Weile umher, gingen nur so umher und konnten nichts denken. Sie gingen in sein Zimmer, in die Kanzlei, in alle Stuben und Kammern und waren immer überrascht, den Vater nicht zu finden. Sie sahen sein Gewand, sein Gewehr, seine Bergstecken, seine Pfeife, seine Laute – alles, nur ihn selbst nimmer.

Da setzten sie sich ermüdet hin und schluchzten.

Und endlich fragte der Friedl, wie es gekommen sei.

»Wie wird’s denn gekommen sein?« rief die Alte unwirsch. »Wie’s halt kommt, wenn was sein will. Dran schuld seid auch ihr! Wenn man solche Dummheiten macht, daß man von den Gendarmen wird fortgetrieben, das soll einem Vater nit ’s Herz abstoßen?«

Fragte nun Elias scheinbar gefaßt: »Nicht wahr, Sali, unser Vater hat sich selber das Leben genommen?«

»Ja, leicht wohl, daß er’s selber hat tan, aber dran schuld ist auch noch ein anderer! Hab schon lang nimmer viel gehalten auf den Wirt. Am selbigen Abend – ’s ist am Tag, wie sie euch haben fortgeführt, der Michelwirt ist kommen und sagt, er will bei ihm bleiben, weil man ihn nit allein lassen kann. Und auch der Fürstand ist kommen und hat’s dem Wirt auftragen: Schau gut auf den Rufmann, hat er g’sagt, ich hab’s g’hört. Schau gut auf ihn, hat er g’sagt! Ich vertrau dir ihn an! Und hat ihm’s der Wirt müssen versprechen und ist der Fürstand wieder fort, weil das Feuer ist gewest auf dem Ringstein. Eine Weile sinds noch gesessen beieinand und umeinander gangen im Haus. Ich bet mein Rosenkranz, daß uns doch unsere liebe Frau nit ganz möcht verlassen. Nachher später, ’s ist schon finster gewest, schau ich zum Fenster aus und seh sie nebeneinander stehen auf dem Anger. Hättest ihn nit sollen auslassen, denk ich, weil er schon voreh mit dem Gewehr was hat anstellen wollen. Aber der Wirt schaut das Feuer an, leichtsinnigerweis, und rührt sich nit und schaut das Feuer an auf dem Ringstein. Und kümmert sich nit um den alten Herrn. Und auf einmal steht der Wirt allein da und der Herr Vater ist nimmer neben seiner. Da geht euch der Wirt noch a Weil vor dem Haus umeinand, eilen tut’s ihm gar nit, so daß ich denk, der Herr ist schon wieder im Haus; aber wie ich merk, er ist nit da, bin ich wohl auch geschwind gelaufen. Und steht der Wirt bei der Brucken und sagt: Ein End hat’s. – So, meine Kinder, so ist’s gewest. Sonst weiß ich nix. Und jetzt möget ihr euch denken, wer euren Vater auf dem Gewissen hat.«

»Der Michelwirt! Wir all miteinand,« sagte der Friedl.

Und Elias: »Ich ganz allein …«

»Der Wirt hat ihn auf dem Gewissen,« schrie die Sali. »Er hat nit geschaut auf ihn. Er hat ihn zu Fleiß ins Wasser gehen lassen und so ist’s und nit anders.«

O traurige Stunden in derselbigen Nacht. Still sind die gewesen, geschlafen hat keiner. Und um ein oder zwei Uhr nach Mitternacht, da macht der Friedl Licht und sagt: »Elias, du hast einen Schulatlas.«

Antwortete der Student: »Im Koffer obenan. Aber ein alter, die Eisenbahnen sind nicht drin.«

»Das, was ich brauch, wird drinnen sein.«

Er schlug das Blatt mit den beiden Halbkugeln auf. Die östliche und die westliche. Er brütete darüber. Dann warf er den Atlas hin und sagte: »Jetzt weiß ich auch, wohin.«

»Hast du’s?«

»Nach Neuseeland. Das Land, das am allerweitesten von Eustachen entfernt ist. Kein Land so weit weg auf der weiten Welt als Neuseeland. Dort will ich hin.«