Jetzt haben sie ihn!
Wenn die Försterbuben bei ihrer Einlieferung nach den Aufläufen in den Dörfern gedacht hatten, der Kreuzweg sei nun zu Ende, so war das ein Irrtum.
Als sie in die Stadt Löwenburg einzogen, ging es erst recht an. Alle Bürgersteige, alle Plätze, alle Fenster waren voll Menschen, die das jugendliche Verbrecherpaar sehen und ihrer Entrüstung Ausdruck geben wollten. Besonders auf der Murbrücke, da war es schon lebensgefährlich, wie die Leute sich drängten, auf den Geländern saßen und standen und mit hellem Geschrei die gefesselten Burschen beschimpften. Vornehme Herren und Frauen darunter. Leute, die im Alltag selbst ihre bedenklichen Flecken haben: Vor den Raubmördern stehen sie hoch und glänzend da, und dieser Erhabenheit geben sie durch schallende Entrüstung über die Elenden Ausdruck.
Der Friedl, der draußen vor seinen Kameraden die Augen niedergeschlagen hatte, hier machte er sie keck auf und schaute mit Verwunderung auf die strenge Sittlichkeit, die diese Städter aufzeigen. Nun sah er dort am gemauerten Brückenpfeiler einen Bekannten von daheim – aus der Bärenstuben. Der Krauthas war’s, der, ein Bündel Kräuterwerk auf dem Rücken, stehen geblieben war, um diesen Einzug seiner Heimatsleute anzuschauen. Er hielt seinen hageren Körper schief, bog seinen Hals vor und schaute. Er schrie nicht und schimpfte nicht, machte ein trauriges, fast erschrecktes Gesicht und schob dann ab hinter den Pfeiler.
Dieser verkommene Mensch! Und ist der einzige Mensch auf der ganzen Brücke! – so dachte der Bursche.
Bald darauf marschierten sie durch ein hohes, finsteres Tor hinein ins Gerichtsgebäude. Schier eine willkommene Zuflucht vor der gewaltigen Tugendhaftigkeit der Menge. Und hier wurde jeder der Burschen in eine besondere Zelle gesteckt.
Am nächsten Tage ein weiteres Verhör. Es begann ähnlich wie die vorhergegangenen im Forsthause – aber geendet hat es anders.
Es waren etliche fremde Herren da, junge mit Nasenzwickern und aufgestrammten Schnurrbärten; alte mit glatten Gesichtern und grauen Haaren. Alle schauten so gleichgültig drein, als ob jeden Tag so ein paar Jungen eingebracht würden, die einen Touristen ermordet hatten im wilden Birg. Kein Haß und keine Liebe war zu entdecken in diesen ernstgleichgültigen Mienen. Während Elias heimlich fast gewünscht hätte, die Richter möchten recht hart, die Behandlung recht roh, die Strafen schmerzvoll sein, damit das Märtyrertum um so größer wäre.
Die Fragen waren wieder nach Dingen, wie das erstemal. Die Antworten auch wie das erstemal. Der Friedl hatte den Fremden von der Seealmhütte aus noch ein Stück begleitet gegen das Kar und hatte dort nach der Augenschau den Weg beschrieben durch das Knieholz, über das Kar und den Schrund hinan bis zum Joch. Dann war er umgekehrt. Die Uhr hatte er von dem Fremden als Führerlohn erhalten. Sie ging bei den Herren des Gerichts von Hand zu Hand, man beschaute, schätzte sie. Ein gewöhnliches Schweizerwerkel im Stahlgehäuse – nicht acht Kronen wert. Das Geld, welches in Friedls Bett vorgefunden wurde, hatte er vom Zimmermann Josef ausgeborgt. Einer der Herren konnte bereits angeben, daß das auf Wahrheit beruhe. Das Schriftstück über die Aussage des kranken Zeugen war eben eingelangt. Nun aber das Messer, das am Tatorte gefunden und womit unzweifelhaft der Mord begangen worden! Es war ein Taschenmesser mit zwei Klingen und einer Perlmutterschale. Von dieser war ein Stück weggebrochen; mehrere Leute in Eustachen hatten mit Bestimmtheit ausgesagt, daß es Friedls Messer sei, und dieser leugnete nicht einen Augenblick, aber er gab an, daß er dieses Messer vor ein paar Monaten verloren habe.
Einer der Herren fragte, ob er nicht Tag und Ort angeben könne, wann und wo er glaube, das Messer verloren zu haben.
Der Bursche sann nach und sagte, es sei ihm sicher, er habe das Messer an einem Sonntag in der Fastenzeit in einer Kohlenbrennerhütte der Bärenstuben verloren. Er habe dort am nächsten Tage auch nachgefragt, aber der Kohlenbrenner Krauthas hätte nichts davon gewußt.
»Der Kohlenbrenner Krauthas?« fragte einer der Herren recht gelassen und kühl, während er seinen langen Bart strich. »Wie heißt der Mann mit dem Vornamen?«
»Bartel – Bartel Krauthas.«
Als der Herr mit dem langen Bart so viel gehört hatte, wandte er sich an den Vorsitzenden und verlangte Unterbrechung des Verhöres. Es müsse der Bartholomäus Krauthas herbei. Der Krauthas sei in Löwenburg polizeibekannt. Er gehe zurzeit in der Stadt hausieren mit Wurzeln und Kräuterwerk. Augenblicklich wohne er bei seiner Tochter, auch eine von solchen, über die Buch geführt werde. Der Mann sei als Wilderer, unbefugten Gewerbes und selbst Diebstahls wegen viel vorbestraft. Gegenwärtig stehe er in dringendem Verdacht eines Einbruches im fürstlich Trustbergischen Jagdschloß auf dem Tauern. Die Polizei sei eben dran, den Vagabunden festzunehmen und werde sich freuen, mit ihm aufwarten zu können.
Das Verhör mit dem Krauthasen verlief überraschend einfach. Im ersten Teile desselben fungierte er gleichsam nur so als Zeuge, im letzten war er – der Verurteilte.
Fix hatte der Staatsanwalt gearbeitet. Den Einbruch im Jagdschloß hatte der Krauthas gleichgültig, wie eine Bagatelle, eingestanden, und jetzt hatte man ihn. Im Jagdschlosse war neben einem aufgebrochenen Zigarrenkistchen das Stücklein einer Messerschale aus Perlmutter gefunden worden. Dieses Stücklein paßte genau in die Scharte des Taschenmessers, mit dem Nathan Böhme ermordet worden. Anfangs war der Krauthas verblüfft, daß sein schlauer Lebenslauf ein so plötzliches Ende gefunden, dann warf er die Flinte ins Korn und dachte nur daran, so viel Milderung als möglich herauszuschlagen.
»Ich wäre ja eh selber gekommen, meine hochansehnlichen Richter!« sagte er weichmütig mit singendem Stimmlein. »Gestern, wie ich auf der Brucken die jungen Herrn hab gesehen, da habens mir so viel derbarmt, daß ich gleich hab gesagt: Krauthas, das geht nit, daß die etwan gar sollten eingesperrt werden, wegen der Gschicht’. Bist ein ehrlicher Kerl, mußt dich stellen.«
Dann kam er mit seinen Rechtfertigungen. Die Leut hätten schon seinen Vater um Haus und Hof gebracht. Ihn selber hättens auch immer verfolgt, bis er der elendste Lump sei geworden im ganzen Gau. Kein Mensch hätt ihm mehr was borgen, was schenken wollen, keine Arbeit mehr, keine Lebensmittel, keine Kurasch zum sich selber abtun. Für ihn sei es am gescheitesten, er überließe das anderen.
Also wie es zugegangen sei?
Nun ja, zugegangen. Da hätte er halt gehört, daß der fremde Böhm, der sich beim Michelwirt in Eustachen aufgehalten und Geld gehabt, einen Fremdenführer übers Gebirg sucht. »Mich nimmt er nit, dafür sein schon die Leut da, die ihm Angst machen vor meiner. Aber daß die Försterbuben nur bis zur Seealm mitgehen, das han ich mir denkt. Von der anderen Seiten bin ich herüber und han aufpaßt. Und vom Joch herabgesehen, wie der Mann allein durch die Zirben geht. Und sich niedersetzt auf dem Anger, weil er was gessen hat. Wie ich durch die Zirben abischleich, schlaft er. Der Hals is gar so schön nackend gwest. – Viel han ich eh nit gfunden.«
Ob er dabei allein gewesen sei?
»Ich bitt Ihnen, Herr Gerichtsrat, bei so ein Gschäft wird man wen zuschauen lassen!«
Nach diesen und weiteren Aussagen des Krauthasen war es also klar.
Nun aber der Student! Gar ernstlich wurde Elias befragt, weshalb er eine Tat eingestanden, die er nicht begangen!
Und die Antwort des Elias: Man habe ihm gesagt, sein Bruder sei, wenn auch nicht bei der Tat ertappt, doch so viel als überwiesen, und er habe überzeugt sein müssen, sein Bruder habe es getan. So habe er alles auf sich nehmen wollen. Der Fridolin lebe gern und werde sich bessern; er, Elias, sterbe gerne und wolle die harte Strafe aufopfern für seine Sünden. Und könne der Bruder auch besser für den alten Vater sorgen, als er im Priesterstand. Dann – das hatte er ganz leise und schämig gesagt – sei er dem Bruder eine Buße schuldig, denn er habe ihn schmählich ins Gesicht geschlagen und der Bruder habe sich nicht gewehrt. Nun, und wie ihn die Herren so gefragt hätten im Forsthaus und sie ihm fast die Antwort aus dem Mund gezogen, da hätte er gedacht: In Gottes Namen, an mir ist nicht viel gelegen! Ob heute oder morgen, gestorben ist gestorben.
Der Friedl war entsetzt. Jetzt, das erstemal hatte er es gehört, daß Elias der Überzeugung gewesen, er, der Friedl, habe den Mord begangen, und daß der Student sich so habe aufopfern wollen. – Im Bewußtsein seiner Unschuld hatte der Friedl die Geschichte gar so ernst nicht genommen, obschon er sich das Volk in Eustachen und Ruppersbach gut gemerkt, besonders die Buben in Ruppersbach, die ihn und den Bruder am meisten verhöhnt hatten. Bange war ihm freilich gewesen, die Zufälligkeiten, die man zu den schrecklichen Schuldbeweisen machte, könnten stärker werden als alle Beweise der Unschuld, und daß er wohl gar zu jahrelangem Kerker verurteilt werden möchte. Für den Elias hatte er gar nichts gefürchtet. So machte er sich im ganzen keine schweren Gedanken. Und daß nun der Bruder den Mord zugestanden, als hätte er ihn wirklich begangen – das war Wahnsinn. Das war reiner Wahnsinn.
Das Verhör hatte zu später Abendstunde geendet.
Die Burschen wurden in Freiheit gesetzt und wollten sofort davon, noch in der Nacht nach Hause. Das ging nicht an. Die Schrift und die Sachen konnten ihnen erst am nächsten Morgen ausgefolgt werden und Elias suchte dem Bruder Lust zu machen, noch eine Nacht im Arreste zuzubringen. Sie würden gewiß nie wieder einen sehen. Darauf gingen die Herren doch nicht ein und den Brüdern wurde ein gutes Zimmer angewiesen, wo der Friedl in einem Bette, der Student auf einer Lederbank schlafen konnte.
Noch um Mitternacht begann ersterer lustig zu schimpfen über den heiligen Eli Rufmann, der sich aus lauter Gottseligkeit an den Galgen lügen wollte.
Elias tat, als schlafe er, war aber versunken in ein heißes Dankgebet, daß er die Kraft gefühlt hatte, ein so großes Opfer zu bringen. Und daß er doch endlich hatte erwachen können aus dem furchtbaren Traum. Und jetzt wunderte es ihn, daß er unter der Vorstellung, sein Bruder Friedl sei ein Raubmörder, auch nur eine Stunde hatte leben können.
Aber geschenkt wurde ihm die wahnsinnige Torheit nicht. Friedls lustiges Schimpfen schlug in derbe Vorwürfe um, in eine zornige Entrüstung, je klarer ihm die Sache ward.
»Das ist schon nicht mehr Dummheit, das ist Schlechtigkeit. Ich dank schön für eine solche Meinung über einen leiblichen Bruder.« So sprach er voll Zorn. »Also mein lieber geistlicher Herr hat geglaubt, ich hätt den Mord begangen und möcht mir’s gefallen lassen, daß sich ein anderer für mich hängen läßt! Was hast du schon gewinselt über deinen Schlag in mein Gesicht. Und was ist ein Faustschlag dagegen, daß du mich für eine solche Kanaille hast gehalten! Ich mag dich nit mehr, du Schandbub, ich mag dich nit mehr!« Und wie der Friedl das sagt, brüllt er auf vor Wut und Schmerz.
Und jetzt erst, jetzt erst ist dem einfältigen Elias ein Licht aufgegangen von der abgrundtiefen Gottlosigkeit, die in seinem Tugendopfer verborgen gelegen. Von der Lederbank stand er auf, im weißen Nachthöslein, auf den Knien rutschte er hin zu des Bruders Bett und bat um Verzeihung.
Hübsch lang ließ der Friedl ihn knien und bitten und weinen. Endlich hielt er’s nicht mehr aus vor Erbarmen. »Jetzt sei so freundlich und hör mir einmal auf mit deinem Wimmern! Ja? – Ich rat dir nur eins, bitt den heiligen Geist um Vernunft, wenigstens um so viel, was in einem Spatzenkopf Platz hat. Nachher kann man’s mit dir ja noch einmal probieren. Und jetzt schau, daß du in dein Nest kommst, sonst kriegst noch die Strauchen, und bei der ist’s nix mit der Märtierkron! Gute Nacht, dummer, guter, dummer Bub!«