Locken, locken, Eier locken!

In Eustachen und weiter herum ist es Sitte, daß zur Osterzeit in allen Häusern, wo es junge und auch ältere Dirnlein gibt, Eier hart gekocht und rot gefärbt werden.

Die Hühner tun um diese Zeit das ihrige. Jede hat ihr besonderes, von der Hausmutter sorgsam gehütetes Nest, wo sie dem Tag oder dem zweiten Tag ihr Ei legt. Und wenn eine ihre Frucht an unbekannter Stelle ablegt, so gackert sie nachher so heftig und lange, bis auch dieses »vertragene« Ei aufgefunden wird. Da brauchen in einem hühnerreichen Hof die Leute bloß zu sammeln. Nun, und um die Osterzeit werden solche Eier in kochendem Wasser mit Farbstoff rot gefärbt. Manch eine Maid hält einen ganzen Nähkorb voll roter Eier bereit und wartet auf die Eierlocker. Denn die jungen und älteren Knaben, zu einzeln oder in Gruppen, gehen um diese Zeit von Haus zu Haus »Eier locken«. Bei den kleinen Buben sind die Eier Hauptsache, bei den großen die Maidlein, so sie spenden.

So hatte der Friedl sich zu den Gerhaltbuben gesellt.

An den Osternachmittagen zogen sie von Haus zu Haus, sagten vor der Tür ihr Sprüchlein her und hielten ihre Leinwandsäcklein auf. Wer kein Säcklein hatte, der brachte eine Zipfelmütze mit. Sie wurden überall gut aufgenommen; die Gerhaltbuben als die Söhne des Fürstandes, der Försterfriedl, weil er der Försterfriedl war. Den hübschen, frischen, lustigen Jungen hatte man überall gern. Er hatte so einen treuherzigen Übermut, der gerade den Weibsleuten gefiel.

»Du, Poldlhoferin,« bettelte in einem der Bauernhäuser ein Gerhaltbub, »magst nit mir auch ein paar geben?«

Seit wann man mit einem Ei nit mehr zufrieden wäre?

»Seit der Försterbub zwei kriegt.«

»Ei, der Dunner! Zwei hätt ich ihm geben, dem Friedl?«

»Wohl, wohl, zwei hast ihm geben, dem Friedl.«

»So muß ich mich narrisch vergriffen haben.«

»Vergreif dich noch einmal narrisch!«

»Ah, ich weiß schon, für seinen Bruder, den Studenten, ist eins vermeint gewesen.«

»Vermein halt meinem Bruder auch eins. Dem, der noch daheim ist.«

Da blieb der Jungbäuerin nichts anderes übrig, als auch dem Gerhaltsohne zwei Eier zu schenken. Der andere Gerhaltbub übte dieselbe Erpressung und sie mußte sich fügen, weil ihre heimliche Bevorzugung des Försterbuben an den Tag gekommen war.

So traten die Buben auch vor die Tür des Michelwirtshauses. Alle drei zusammen, mit gleichtönigen Stimmen, in der Art, wie Bauernleut’ beten, sagten sie ihren Spruch auf:

»Die Glocken, die locken

Zur Osterfeier,

Wir locken, wir locken

Die roten Eier,

Bei schönen Dirnlein

Mit rotem Mund,

Frisch und gesund,

Frisch und gesund!«

Trat Frau Apollonia heraus, schaute die Burschen an und sprach mit gutem Humor leise: »Hätt nit denkt, daß die jungen Buben zu einer alten Frau kommen, Eier locken.«

»Nein, nein!« riefen sie lustig, »zu der Helenerl kommen wir!«

Sollten halt ein bissel ins Haus gehen. Trat denn das Wirtstöchterlein mit dem Nähkorb vor, waren aber bloß etliche Leinwandflecke drin und ein Zwirnsträhnchen.

»Wird halt nix meh da sein,« sagte sie schelmisch und wühlte mit der Hand unter dem Zeug. »Hab’s schon all weggeben, seid halt zu spat kommen. Schau, schau, da ist noch eins!« Sie zog ein rotes Ei hervor und schenkte es dem älteren Gerhaltsohn in sein Leinwandsäcklein.

Bettelte der jüngere, sie möchte suchen; es wäre gewiß noch eins drinn.

»Glaub kaum,« sagte sie, »ist keins meh da.« Sie grub mit der Hand unter dem Zeug. »Richtig, da hat’s noch was!«

Aber als sie es hervorzog, war es ein Zwirnknäuel.

»Geh, Dirndel, eins ist schon noch drinnen,« schmeichelte er. »Locken, locken, Eier locken!«

Brachte sie schließlich noch eins zum Vorschein und legte es dem jüngeren Gerhaltsohn in die Zipfelmütze, gar behutsam, daß die, so schon drinn waren, nicht Schaden litten.

»Und jetzt, jetzt geht nur wieder um ein Häusel weiter.«

… »Ich nix?« fragte der Friedl. »Locken, locken, Eier locken!«

»Aber Tschapperl, wenn ich nix meh hab!«

Das glaubte er nicht.

»Eins hast schon noch, Helenerl,« flüsterte er und machte einen »Krückerlmund«, wie Kinder, wenn ihnen zum Weinen ist. »Schau, Dirndl, – schau! Für mich hast schon noch eins. – Laß mich suchen!«

»Ihrer ein Dutzend hab ich ghabt,« versicherte sie. »All sein’s weg.«

»Laß mich selber suchen. Ich find noch eins!«

»Nau – wenn du noch eins findest! So such halt.«

Er wühlte im Nähzeug. »Au weh!« rief er plötzlich und zuckte zurück. Am Nadelkissen hatte er sich in den Finger gestochen. Da wurde er hell ausgelacht.

Aber als sie abziehen wollten, winkte die Helenerl dem Friedl mit den Augen, ganz flüchtig, wie ein Blitzchen. Der Försterbub verstand und blieb noch ein wenig allein im Vorhause stehen, bis sie aus der Kammer trat mit einem roten Ei, wunderschön kirschrot, schöner als die anderen. Sie steckte ihm’s rasch zu: »Friedl, das ist für dich extra eins, für dich ganz allein!« und schlüpfte davon wie ein Vöglein.

Einen Juchschrei hatte der Bursch getan, als er über den Antrittstein der Tür hinaussprang. Die Kameraden hatten seine Beglückung nicht wahrgenommen. Sie neckten ihn, daß er abgeblitzt wäre, er trällerte lustig sein selbsterdachtes Sprüchlein:

»Wir locken, wir locken

Die roten Eier

Bei schönen Dirndlein

Mit rotem Mund!«

Als die Häuser, in denen etwas zu erhoffen, abgegangen waren, wobei es noch mancherlei Schalkerei gegeben, eilten die drei Burschen in eine Heuscheune, denn es regnete. Dort sollte der große Eierschmaus stattfinden.

Sie machten behutsam ihre Säcklein auf und zählten die Beute. Und begannen nun, um die Dinger auf ergötzliche Art zu zerbrechen und dabei weitere Beute zu machen, die üblichen Eierspiele. Sie rollten die Eier über den Bretterboden hin, um mit dem einen das andere zu treffen. Der eine versteckte das Ei im Heu und die anderen mußten es suchen. Der eine hielt in halbgeschlossener Faust das Ei hin und der andere schleuderte ein Zweihellerstück darauf, um es mit der Schneide zu treffen. Dann wieder stellten sich zwei Burschen hin und tutschten mit den Spitzseiten zwei Eier zusammen. Wessen Ei bei solchen Spielen unverletzt blieb, der war Gewinner auch des zerschlagenen.

Der Friedl hatte das seine vom Wirtshaus nicht aufs Spiel gesetzt, sondern es mit dem Sacktuch umwickelt, in der Tasche geborgen, und mit den übrigen gewann er so viel, daß er die Kameraden einladen konnte zu einem Eierschmaus, wobei die versehrten Stücke völlig entschält und die hartgesottenen, glänzend weißen Eierleiber, Eiweiß und Dotter mit Salz verzehrt wurden. Die Gerhaltbuben hatten in einem früheren Jahre einmal die Erfahrung gemacht, wie weit das gehen dürfe mit dem Verzehren harter Eier, so ließen sie es mit vier oder fünf Stücken gut sein, die übrigen schenkten sie kleinen Buben, die beim Eierlocken noch nicht so glücklich gewesen waren als die großen.

Als der Friedl heimwärts ging, traf er auf der Straße den Kruspel, der wollte ihm Eier abbetteln. Da sagte der Försterbub spottweise: »Willst ihrer haben, so geh selber locken. Kannst auch bei der Michelwirtstochter anfragen. Vielleicht kriegst wieder was.«

Da fuhr der Straßenschotterer wütend auf ihn los.