Sie sprechen von einem glückseligen Tag
Hatte Rufmann sich diesmal gleichwohl geirrt – angestochen war die Frage doch.
Er beobachtete den Friedl immer wieder ein bißchen. Fiel ihm weiter nichts auf, als daß er in letzter Zeit statt vorwitziger Gsangeln zarte Liebeslieder sang, ganz kurze, und gar nicht laut sang. Im Text lag’s nicht so gerade, der war feststehend, wie alle jungen Mannsleut im ganzen Tauerngebirge. an der Melodie lag’s, in ihr spürte der Vater, und er war Kenner, das heimliche Liebesatmen des Sohnes. Er hatte bald eine Ahnung, von welcher Seite der Maienhauch kam.
Und eines Tages steckte ihm’s die alte Sali vergnüglich – die Leut täten tuscheln! Ja, ja, die täten allerhand tuscheln – vom Försterbuben und von der Michelwirtischen!
»Ah na, das glaube ich nicht,« sagte Rufmann. Aber er glaubte es sehr schnell und er glaubte es sehr gern. Es geschieht ohnehin wunderselten, daß ein geheimes Herzensträumen wahr wird. So sehr der Alte sich entsetzte in selbiger Nacht, tatsächlich hatte er für seinen Buben Liebespläne gesponnen, lange bevor diesem von einer Frau etwas eingefallen war. Das war’s ja eigentlich, weshalb er so erschrak, als der Bub in der Nacht in Verlust geraten. Wenn er bei einer Unrechten klopfte! Und jetzt soll er warten, bis es die Jungen anzetteln, die lieben, dummen, ungeschickten Jungen. Und sollt sich blind und taub stellen, da doch schon halb Eustachen sehend und hörend ist. Hatte er nicht einen Freund, mit dem er sonst alles zu besprechen pflegte? Das halbe Anspielen und das halbe Verdecken tut’s nicht. Die halbe Wahrheit ist eine halbe Lüge. Wie Falschheit kam’s ihm vor, daß er nicht schon einmal offen über die Sache mit dem Michel geredet hatte.
Eines Tages saßen sie beisammen im Wirtsgarten. Es war ein klarer Tag nach einer klaren, kalten Nacht. Erst war das schlanke Mädel zwischen Busch und Baum dahingegangen gegen den Gemüsegarten, an dessen Rande sie auch ihre Blumen hatte, noch kaum erblüht, nur schwellend in zarten Knospen.
Die beiden Männer hatten anfangs beim Frühschoppen ein Gespräch geführt, dann huben sie an wie immer zu singen. Was gerade so anflog.
»Es waren einmal zwei Knaben,
Die zogen am Morgen aus;
Weiß’ Federn auf dem Hute,
Das Herz voll frischem Mute –
Und kamen nimmer nach Haus.
Der erste der ist begegnet
Wohl –«
»So, jetzt weiß ich nicht weiter,« unterbrach Rufmann sein Singen. Da sprang der Michel ein:
»Der erste der ist begegnet
Des Königs Herrlichkeit.
Der tat mit Laub ihn zieren
Und auf das Schlachtfeld führen
Wohl zu dem Todesstreit.«
Nun wußte der Förster schon weiter:
»Der andre der ist begegnet
Wohl einer schönen Frau.
Der tat aus Lieb erblinden
Und konnt den Weg nit finden
Zurück ins Vaterhaus –«
»Du bist um einen halben Ton zu tief gewesen,« sagte der Michel.
»Es tut’s nicht mehr recht. Ohne meine Laute ist’s nichts.«
»Lassen wir’s gehen,« sagte der Michelwirt. Dann schwiegen sie. Der Förster räusperte sich. Da sprach der Michel: »Was hab ich nur sagen wollen? Ich hab dir was sagen wollen.«
»Ich habe dir auch was sagen wollen,« drauf der Förster.
»Ja richtig, Paul. Einen guten Tag müssen wir uns einmal antun. Weiß nit, was das ist, im heurigen Frühjahr kommt mir das Sonnenlicht nit so hell vor wie sonst. Wir müssen uns öfter einen lustigen Tag machen.«
»Ja, wenn man das immer so könnte!«
»Du, man kann’s! Rufmann, man kann’s! Nur Übung! Mir fehlt sie ja selbst noch arg, die Übung. Im Denken sind wir alle noch Stümper. Können uns das Angenehme nit stärker vorstellen wie das Unangenehme. Das muß gelernt werden. Nachher ist’s gewonnen. Was man sich denkt und einbildet, das ist.«
»Ach, mit deiner Einbildung!«
»Geh, Freund, laß mir diese Einbildung,« sagte der Michelwirt, »wenn ich sonst nimmer aus weiß, flüchte ich zu ihr. Sie ist mein Extrastübel.«
»So sollst es haben, dein Extrastübel.«
»Und lachest mich doch heimlich aus. Aber es ist einmal so. Ich sag dir, es ist so. Jeder kann sich die Welt machen, wie er sie haben will. Er denkt sie so.«
»Nicht einmal eine Kegelkugel lauft, wie man sie schiebt, und erst die Weltkugel wird laufen, wie man’s denkt!« sagte der Förster. »Was hilft’s, wenn ich mir zehnmal denke, die Waldbäume sind frisch und gesund, wenn sie doch ihre Wunden haben und dieser verdammte Pechschaber wieder da ist. – Was hilft’s, wenn ich mir denke, meine Buben sind unschuldige Kinder, dieweil sie doch schon brandluntenheiß verliebt sind.«
»All zwei?«
»Wenigstens der eine für zwei, der Friedl.«
Der Michelwirt spielte ein erschrockenes Gesicht und antwortete: »Verliebt! Um des Himmels willen, wird doch das nit sein! Ein zwanzigjähriger Bursch verliebt! Das ist unerhört.« Dann sprang er über: »Sag mir, Rufmann, hast du nie ein Liebeslied gesungen? Wie singen sie sich denn am schönsten, allein oder zu zweien?«
»Du hast recht, du hast recht,« sagte der Förster, denn nun hatte er den Wirt dort, wo er ihn brauchte.
»Michel, tut dein Töchterl, die Helene, auch gern singen?«
»Das kannst dir denken. Aber nur, wenn’s niemand hört. Mir scheint, das Mädel schämt sich, daß es singen kann.«
»Was wolltest du denn sagen, Freund, wenn mein Bub deinem Mädel das Schämen – wegen des Singens meine ich – abgewöhnen möchte?«
»Wenn sie gut zusammenstimmen, warum denn nit?«
Das war Wortes genug. Der Förster brauchte nicht mehr. Er blieb gleichmütig. Jetzt hatte er Grund unter den Füßen. Und sagte: »Erst muß er mir noch auf eine Forstschule. Aber ich halte es gut für einen jungen Menschen, wenn er frühzeitig weiß, wem er zugehört.«
»Desweg sag ich ja, Rufmann, wir werden noch einmal einen glückseligen Tag miteinander haben.«
Solches ist gesprochen worden im Wirtsgarten zu Eustachen.
»Der andre tat begegnen
Wohl einer schönen Maid,
Der tat vor Lieb vergehen,
Und ist ihm wohlgeschehen
In alle Ewigkeit.«
Sie sangen es selbander und merkten nicht, daß sich das Lied gleichsam von selbst umgedichtet hatte.
Der Tag war heiß geworden. Und als die Sonne herniederbrannte und die Sänger nach besserem Schatten sich umsahen, merkten sie, daß an den Fichten die jungen Triebe welk niederhingen.
»Bissel Nachtfrost haben wir gehabt,« sagte der Förster. »Ich hab’s gleich am Morgen bemerkt, die ganze Wiese vor dem Hause grau. Das macht nicht viel, bei uns oben. Im Gebirge tut das noch nichts um solche Zeit. Ihr da in Eustachen seid wohl rund um zehn Tage voraus. Euch meint es der Ringstein gut, der den Tauernwind bricht. Aber trutz sag ich, ihr müßt warten mit dem Kohlpflanzensetzen noch ein paar Wochen.«
Auf dem schmalen Kiesweglein heran kam wieder das schlanke Mädel langsam und nicht gar lustig. Es glaubte sich allein und zupfte an einem Ruckerl Blütenblättchen ab. Dann warf sie das Blümlein zornig zu Boden und murmelte: »Wenn er nur einmal was sagen tät!«
»Nun, Helenerl, was treibst du, was träumst du, was denkst du?« so grüßte der Förster.
Sie erschrak ein wenig, tat aber nichts desgleichen.
»Meine Freud ist umsonst gewest,« sagte sie heiter, als wäre das spaßig. »Alle Blumen sind hin.«
»Mach dir nichts draus, mein Kind, sie kommen wieder.«
»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht!« summte der Michel.