Elias bleibt lieber daheim

Auf seine Anfrage ans Seminar, wann für Elias der Urlaub zu Ende sei, war der Bescheid gekommen, der Junge könne selbstverständlich jeden Tag einrücken. Sollte es aber zu seiner völligen Kräftigung notwendig sein, so wolle man raten, ihm das Jahr dreingehen zu lassen, daß er sich im Herbste zum neuen Schuljahre gestärkt einfände.

Rufmann besprach sich darüber mit dem Michelwirt. Der fragte zuerst, was dem Studenten eigentlich fehle? Man merke ihm nichts an. Der Förster gab zu, daß er selber nicht klug werde.

»Die Sonne will ihn nicht bräunen. Und leicht ermüdet, wie Jungen in diesem Alter schon sind, wenn sie stark wachsen. An Appetit fehlt’s gerade nicht; Kostverächter, sagt die Sali, wäre er keiner. Auf den Rahmkaffee, sagt sie, gehe er wie ein Wolf aufs Schafblut. Aber« – so schilderte Rufmann weiter – »zu wenig lustig ist er mir, zu totig, lost so herum. Bissel schneidiger, wenn er wäre.«

»Die Stadtkrankheit hat er,« sagte der Michel. »Nervös ist er. Beim Studieren hat er sich überanstrengt. Das gefällt mir von seinem Rektor, daß er ihm Urlaub gibt zu einer gründlichen Kräftigung. Daß das Werkzeug fest sein muß, wenn der Geist was leisten soll, das wollen die gelehrten Herren sonst nit immer einsehen. Laß ihn halt heraußen ein halbes Jahr.«

»Ein Jahr länger in der Sorge. Ist halt bitter,« meinte der Förster.

»Es bezahlt sich, Rufmann. Es geht nachher um so flotter vorwärts. Endlich und schließlich, mein Freund, sollst du nit vergessen, daß auch unsereiner ein Recht hat auf das Patenkind. Kannst du dich noch erinnern, bei der Taufe, wie ich ihm den Namen Elias hab ausgesucht? Der Himmelfahrer. Und daß er, hab ich spaßeshalber gesagt, nobel fahren kann, wie sein Namenspatron. Hast du drauf gesagt: dann sollt ich ihm schon auch den feurigen Wagen dazu kaufen –«

»Aus Fürwitz, Michel, aus Fürwitz.«

»Wenigstens für ein Radel dazu werd ich doch gut sein. Feurig machen muß er den Wagen freilich selber, wenn er für den hochwürdigen Beruf die rechte Begeisterung hat.«

Dachte der Förster: Ein Radel? Wie ist jetzt das wieder gemeint? Und der Michel redete weiter: »Ob unser Elias einmal mit einer bischöflichen Kalesch wird fahren, das ist stark ungewiß. Wie mir scheint, tut er sich mehr auf einen frommen Landpfarrer zusammen als auf einen Kirchenfürsten.«

»Wäre mir alles eins, nur daß er sein Amt ordentlich erfüllt, das liegt mir an. Ist aber nicht zu glauben, Michel, wie diese zwei Brüder unterschiedlich sind! Nur ein Viertel, wenn der Student von des andern leichtem Sinn hätte! Und der andere so viel von des einen Ernsthaftigkeit und Frommheit. Wenn man die könnte so ein bissel durcheinanderschütteln, wie, möchte ich sagen, der Pfarrer beim Altar Wasser und Wein.«

»Laß nur Zeit,« sagte der Michel, »unser Herrgott wird den Kelch schon schütteln. Bis der Friedl nur erst den Lebensernst kennen lernt – es pressiert nit! Laß es nit pressieren, Rufmann! – Dann wird er schon ernsthaft werden. Und wird auch er nit verschont bleiben von harter Zeit. – Die macht den Menschen fest oder matt. Matt macht sie deinen Buben nit, dafür steh ich fest. Und beim andern, beim Elias, wird’s so sein: Der kommt erst zum leichten Sinn, bis er an anderen und sich selbst einmal erfahren hat, wie hart es hergeht auf der Welt. Jetzt besteht sein Welt- und sein Himmelglauben noch aus Buchstaben. Später wird er aus Arbeit, Leiden und Mitleiden bestehen. Und um solche Zeit wird der Mensch, der einen Kern in sich hat, erst geweckt und heiter. Elias ist zu früh ins Institut gekommen; ist schon derowegen nit schlecht, wenn er jetzt ein wenig herumsteigen kann und sehen, wie’s ausschaut in der Welt.«

»Ich werde ihn einmal fragen, ob er jetzt lieber ins Seminarium will oder daheim bleiben im Forsthaus.«

»Frag ihn. Wollen’s einmal sehen. Dir ist’s lieber, wenn er sagt: Seminarium. Mir ist’s lieber, wenn er sagt: Forsthaus.«

Eine Freude war es dem Rufmann, wie der Michel diesmal wieder gesprochen hatte, so recht aus der Wirklichkeit heraus. Der Wirt aber hatte sich dabei gedacht: Ich muß ihm so sprechen, daß er sich die Sache von besserer Seite kann einbilden. Er bildet sich den Buben ja doch weitaus am liebsten so ein, daß er daheim ist. –

Und am nächsten Sonntag, als der Förster und Elias miteinander von der Kirche gingen aus Ruppersbach, sprachen sie davon. Auf die Frage, was ihm lieber sei, antwortete zuerst der Student, er gehe gern ins Seminar, und er bleibe auch gern daheim.

»Das ist wieder einmal keine ordentliche Antwort, Bub! Deine Herren Professoren wünschen vor allem, daß du gesund werdest.«

»Aber Vater, was ihr nur habt. Ich bin ja gar nicht krank.«

»Also willst du wieder hinein?«

Jetzt schwieg der Junge und ging still hinter dem Vater einher. Als dieser einmal umschaut, hat der Student nasse Augen.

»Mir scheint, Elias, du bleibst jetzt doch noch lieber daheim!«

Barg der Junge sich leidenschaftlich schluchzend an des Vaters Brust: »Ich bleibe gern daheim. Ich bleibe viel lieber daheim. Mein Vater – ich mag nicht fort, ich bitt dich, laß mich daheim bleiben!«

Das war Antwort genug.