Wer hat dich aufgebaut, du hoher Wald!
Um das Forsthaus, wie sehr es auch im kühlen Schatten der Berge steht – begann sachte die Herrlichkeit.
Die Eriken, Schneeglöckchen Und Weidenkätzchen hatten schon lange den bunten Tanz eröffnet zwischen Schnee und Eis. Nun waren auf den Angern die weißroten Ruckerln da und der goldkronige Löwenzahn, auf den Wiesen die blauen Meingedenk, selbst in den Sümpfen der Ach leuchteten die Dotterblumen. Blumen und Rosen aller Art hatte die Sonne hervorgelockt aus feuchter Scholle, um sie zu küssen und in warmer Liebe zu erziehen zu Wesen, die was taugen. An den Hängen grünten die Lärchen, aber je höher hinauf, je blasser ihr Grün. Nahe den Almen standen sie noch in ihren fahlen winterlichen Besen. Auch die Fichten setzten schon ihre weichen Triebe an und die Blätterröllchen der Laubhölzer entfalteten sich mehr von Tag zu Tag. Die Ach rollte rasch und wild in ihrem Bette. Je sommerlicher der Tag, je wilder schwoll die Tauernach. Die Brücke zitterte leise. Aber das Grollen und Drohen kam nicht auf. Vogelsingen überall und ohne Ende, und wo irgend ein paar Bäume sich gegenüberstanden, da saßen auf den Wipfeln Finken und führten miteinander das hellzwitschernde Vogelgespräch. Aber auch die Amsel war überall, die Lerche war schon da, allerlei Gefieder schwätzte, lockte, freite, zankte, sang und jubelte durcheinander und mehr als einer auf den Gipfeln rief mit heller Stimme: »Elias! Elias!«
Dieser bereute es nicht, sich für das Bergland entschieden zu haben. Mit dem Bruder gab’s zwar jeden Tag Meinungsverschiedenheit; aber wenn er glaubte, ihn gekränkt zu haben mit seinen lehrhaften Zusprüchen, ging er ihm so lange nach und legte ihm alles, was er hatte, zu Füßen, bis der Friedl wieder »gut« war. Insgeheim nahm dieser dem Studenten nichts übel, er tat nur manchmal so, um den kleinen Theologen unterzukriegen.
Elias fing nun an, seine Bücher zu vergessen. Gerne ging er mit dem Vater in den Wäldern um, ließ sich von ihm das Wesen der Bäume deuten, das Leben der Holzknechte schildern und auch die Arbeit von da an, wo mit blinkender Blattsäge der Baum gefällt, zu Blöcken geschnitten, auf Holzrinnen zu Tal gefördert, zu Scheitern gespaltet, zu Meilern geschichtet, mit Löschkohle bedeckt, angezündet und zu kostbaren Kohlen gebrannt wird. Oder wie die Stämme in langen »Blöchern« nach Eustachen zum Sägewerk geschleppt und dort zu Brettern geschnitten oder als Zimmerbäume der fernen Eisenbahn zugeführt werden. Die Lärchenstämme reisen in die weite Welt zu Wasserbauten, zu Schiffsmasten. Das Holz der Buchen und Wildulmen wird in den Häusern als Brennstoff verwendet. Die Ahorne bekommt der Böttcher, die Birken der Wagner, die Eschen der Holzschnitzer; aus dem verknorrten Gezirm zimmert der Tischler die wertvollsten Möbel für Touristenhäuser und Jagdschlösser. Da staunte der Elias. Das waren andere Buchstaben, als die in seinen Grammatiken standen. So buchstabiert aus dem Wald sich ja die Welt zusammen!
Eines Tages kamen sie in die Bärenstuben. Dort waren gewaltige Holzstöße geschichtet und daneben mehrere Meiler gebaut. Aber sie rauchten nicht. Der Förster öffnete mit einem eisernen Zungenschlüssel die Hüttentür. Modrige Luft auf dem Fletz, wüstes Gestrohe und ein paar faulige Lappen. Er erzählte dem Jungen, wie hier eine Weile der Krauthas gehaust habe. Ein tüchtiger Kohlenbrenner, aber sonst ein Strick. Um die mühseligen Eltern zu ernähren, habe dieser Krauthas einmal zu wildern angefangen und sei dann eine Weile gesessen. Habe nachher keine Arbeit finden können, bis man es bei der Kohlenbrennerei mit ihm versucht. Aber es sei schon gar nicht gegangen. Mit einer Wurznerin hätt er zusammengewohnt, die sei ihm durchgegangen, ihre Tochter wäre ein bildschönes Dirndel gewesen, das ein Herr aus Löwenburg, der es auf einer Gemsjagd kennen gelernt, mit sich genommen. Viel Ehre würde auch da nicht herausschauen. Bei der Tochter solle der Krauthas nun auch wohnen. »Wenn dieser Mensch nicht viel nutz geworden ist,« schloß der Förster, »so muß es einen nicht groß wundern. Was so ein armer Teufel durchzumachen hat – der müßte aus besserem Holze sein als die meisten Leut, wenn er nicht schließlich ein Spitzbub werden soll!«
Dann besuchten sie die Holzschläge des Teschenwaldes und der Wildwiesen, wo Elias das erstemal Respekt bekam vor seinem Bruder. Der Friedl werkte mit Beil und Säge wie ein richtiger Holzknecht, in Hemdärmeln, und hübsch verschweißt wie die anderen. Flink griff er ein. Bei der Niederlegung einer großen Tanne, die während des Falles an dem Geäste anderer Bäume hängen geblieben war, verriet er eine solche Geschicklichkeit, daß der Förster schon Bravo rufen wollte, wenn es ihm nicht noch rechtzeitig eingefallen wäre, daß die Arbeit kein Theater ist. Gar ernsthaft und schier schweigsam gehabte sich der Friedl; wenn er aber zwischen Schub und Hieb doch ein kurzes Wörtlein sagte, so war es ein lustiges. Der Wegmacherbub war nahezu verschwitzt; indes, die Schweinsborsten, die seiner Haut zugedacht gewesen, sollen ihn schon noch einmal kitzeln.
Elias hatte dem jungen Holzknecht eine Weile schweigend zugeschaut, dabei kamen ihm aber ungute Gedanken. Er maß diese kernige Arbeit an der seinen auf dem Papier. Wie die windig ist! Hier sah er, daß körperliche Arbeit gar nicht so mechanisch ist, wie man sagt. Wieviel Denken und Geschicklichkeit gehört dazu, bis so ein mächtiger Tannenbaum in Scheitern liegt oder gar zu Bauten verarbeitet ist. Und wie wenig Geist ist vonnöten, um grammatikalische Regeln zu lernen, nach der Schablone mathematische Rechnungen auszuführen, die Kapitel aus Katechismus und Kirchengeschichte zu memorieren und dergleichen! Ist nicht im Lehrzimmer die Mechanik und im Walde der Geist?
Von jetzt ab hatte Elias Hochachtung vor dem Bruder, und um so größer war auch seine Zufriedenheit, ihn bei jenem wilden Beginnen verhindert zu haben. Das war auch eine Tat gewesen und nicht ein Schulpensum. War er doch noch immer der Meinung, es habe sich damals um einen Mord gehandelt.
Eines Tages hatte sich auf ihren Waldwanderungen auch der Michelwirt angeschlossen. Der hatte einen Bergstecken bei sich, denn seine Absicht war: höher hinauf. Auf dem Rauhruckjoch besaß er ein Touristenhospiz, das stets mit den feinsten und vornehmsten Gästen überfüllt war. Aber nur in der Vorstellung. Es machte ihm mehr Vergnügen als das Wirtshaus in Eustachen und gar keine Sorgen. Ein nicht eingebildeter, sondern ein wirklicher Besitz von ihm war eine Schwaigerei auf der Twengalm, die im nächsten Sommer in Betrieb gesetzt werden sollte. So wollte er nun nachsehen, ob Sturm Und Schnee die alte Hütte nicht mitgenommen hatten im vergangenen Winter, oder welche Ausbesserungen nötig sein sollten.
Durch den Hals hinein bildeten sich die munteren Männer, der Rufmann und der Michel, ein, sie wären ein paar frische Holzknechte, und sangen zu zweien:
»Und die Holzknechtbuaben
Müssen fruh aufstehn,
Müssen ’s Hackerl nehmen
Und in Holzschlag gehn.
Wann die Sonn schön scheint
Und das Hackerl schneidt,
Lebt der Holzknechtbua
In frischer Freud.«
Später auf stilleren Forststeigen war der Michel wieder einmal zu kleinen Betrachtungen aufgelegt. »Das ist der Unterschied,« sagte er, »der Holzknecht hat Sonntag, wenn er ins Wirtshaus geht, und der Wirt, wenn er in den Wald geht. Da hab ich einmal gelesen: Im Wald geht der Mensch spazieren wie durch seine Kindheit. Kann mir denken, wie’s gemeint ist.«
»Ja,« sprach der Förster, »der Wald ist auch unser Ahnensaal. Vor tausend Jahren sind wilde Menschen da gewesen, vor zehntausend Jahren wilde Tiere.«
»Und vor ungezählten tausend Jahren nichts als wilder Wald allein. Die Tanne soll ja der älteste Baum sein, noch aus der Eiszeit her.«
»Aus der Eiszeit. Und hat uns doch so viele Wärme aufbewahrt, wenn man an die Steinkohlen denkt.«
»Aber – ein Holzschlag, wenn man’s nimmt, ist was Trauriges,« meinte der Michel und betrachtete die gefällten Stämme.
»Warum? Ich mach’s nicht so wie der Kaiser, der – wenn Krieg ist – die Leut in ihrer besten Jugend schlagen läßt. Ich schlage den Baum mit achtzig Jahren. In früheren Zeiten hat man so einen Stamm hundertfünfzig Jahre stehen lassen können und noch länger, ist immer noch besser geworden. Bei euch draußen in Eustachen stehen ein paar Holzhäuser, die sind über zweihundert Jahre alt, und wenn das eingezimmerte Holz auch ungefähr so alt war, nachher kann man wohl sagen, diese Häuser sind noch vor der Entdeckung von Amerika gewachsen. Aber es ist ganz des Teufels, auch der Wald verlumpt. Das Knieholz am Rauhruck oben ist einmal hochstämmig gewesen, und diese stattlichen Fichten und Lärchen werden einmal Knieholz sein oder lumpiges Gestrüpp. Dazu gehört freilich mehr als ein hundertjähriger Kalender.«
Dann sprach der Förster, der nun so recht in seinem Bereiche war, von der Wesenheit der Fichten. »Die hat’s gern im Gestein, in Spalten, und erzeugt sich selbst den Erdboden aus den Nadeln, die alle Jahre abfallen. So schaffen sich auch andere Bäume ihre Scholle.«
»Wenn auch der Mensch sich seinen Boden selber machen könnte!« sprach der Michel.
»Das ist der Unterschied. Die Pflanze nährt den Fruchtboden, der Mensch verzehrt ihn.«
»Glaubst du nicht, daß wir gute Erde geben werden in Pfarrers Garten?«
»Habe nie gehört, daß auf dem Kirchhof bessere Erdäpfel wachsen als auf dem Acker mit Kuhfladen.«
Da lachten sie.
»So ein Baum«, meinte nun mit Schalkheit der Michel, »kann sich auch billiger hergeben, weil er sich billiger in Händen hat. Ein Samenkorn fällt zu Boden, und ohne viel Umstände steht ein kleines Fichtlein auf.«
»Ganz so einfach wirst dir’s nicht vorstellen dürfen,« sagte der Förster.
Noch besser als die Fichte kam bei diesen Betrachtungen die Tanne weg. Der Graf unter den Nadelbäumen. Sein feines Holz, seine köstlichen Öle, sein weiches Grün, der heilige Christbaum! Auch singen kann er. Die Resonanzböden der Zither, der Geige, der Laute, mein lieber Michelwirt, sind aus Tannenholz. Ist nicht bloß im kalten Norden, ist auch im klassischen Süden daheim. Den schönen Weibern des Kaukasus grünt die Tanne, die Banditen des Apennin verbirgt sie, den Spaniern schmückt sie die Altäre, den Hirten Arkadiens baut sie Hütten, und vom Libanon hat sie das Kreuz Christi geliefert.
»Und hier, sieh dir einmal diesen Lärchbaum an,« sagte der Förster, »so glatt und schlank und weich in seiner Jugend gewachsen, so verkrüppelt und verknorpelt ist er jetzt in seinem Alter. Aber die Gicht hat er doch nicht. Ich will ihn noch zwanzig Jahre stehen lassen. In der zarten Jugend läßt er sich gerne verdrängen von den Nachbarn; wird er aber einmal groß, dann zeigt er ihnen den Herrn. Er überdauert alle. Wenn alles fällt um ihn, er ist der einzige, der auf dem Schlage stehen bleibt. Im Winter wirft der Kerl seinen grünen Pelz weg und läßt sich vom Schneesturm auslüften. Davon mag es kommen, daß er so stark ist.«
Der Michel ging darüber hinweg und sagte: »Soll ja der Muttergottesbaum sein. Wenigstens bringen die ungarischen Wallfahrer der Maria in Zell grüne Lärchenkränze mit, die sie unterwegs gepflückt und geflochten haben, und mancher trägt aus dem Gebirg einen weißgeschälten Lärchenstab mit heim auf die Pußta. Wenn der Mann stirbt, wird ihm der Stab mit in den Sarg gelegt.«
Über die Kiefer, die in Fichtenwald eingesprengt war, sagte der Förster, daß sie durch Wohlleben in üppiger Erde leicht verdorben werde, auf schlechtem, dürrem Boden gedeihe sie um so frischer. Sie sauge so viel Sonnenschein in sich, daß sie den ganzen Winter über die Bauern mit Kienspanlicht versorgen könne. Selbst im Walde leuchten der Kiefer rote Stämme wie Glutsäulen auf in das Gewölbe der Baumkronen.
»Mensch!« rief plötzlich der Michel, »was höre ich da alleweil? So hast ja auch du dein Extrastübel! – Herzenskerl du!« Und umschlang heftig des Försters Nacken. Dieser legte auch seinen Arm über die Achsel des Freundes, und sie sangen hinaus in die hallenden Berge:
»In dem Wald will ich verbleiben,
Weil ich leb’ auf dieser Erd.
Will mich ganz dem Wald verschreiben,
Nun ade, du schnöde Welt!
Ich verbleib allzeit im Wald,
Bis die Welt zusammenfallt.«
Nur zu bald haben sie aus dem schönen »Extrastübel« wieder hinaus müssen. Der Förster, schon während des Singens war ihm etwas aufgefallen im Gefällholz, hub jäh an zu fluchen. Es war stellenweise das dürre Holzwerk nicht sauber aufgearbeitet, da konnte der Borkenkäfer nisten, der den Fichtenwald umbringt. Und da war unter einem Lärchbaum ein auseinandergestöberter Ameishaufen. Die Ameisen aber sollte man lassen passieren, wie sie die Stämme hinaufwurlen und ins Astwerk hinaus, als Jäger nach allerlei Gewürm und Gezücht, das den Baum krank machen und allmählich töten kann. Die zierlichen Falter dort im Geäst der Kiefer? Was ist der kleine Kieferspinner für ein großes Ungeheuer! Er legt sein Ei in das Holz und züchtet Verderben. Aber da kommt die Schlupfwespe, legt ihrerseits Eier in die Raupen des Kieferspinners. Der Schmetterlingsleib hat ein Wespenherz, und an diesem Zwiespalt stirbt der Falter. Die Förster können diesem Baumverderber nicht bei und sind der Schlupfwespe sehr dankbar für ihr Schelmenstück. Wer nun im Walde morschendes Holz liegen läßt oder die Ameisen stört oder die Schlupfwespen vertilgen wollte, den trifft des Försters Fluch. »Da sollen sie sich anderes Wildbret suchen, meinetwegen!«
Nit so giften soll er sich, denkt der Michel, das muß weggesungen werden. Und wie er das Wort »Wildbret« hört, rollt’s ihm auch schon hell aus der Kehle:
»Bin a lustiger Wildbratschütz,
Und spann mein Hahnl guat,
Und wenn ich Reh und Hirschen siach,
Da wachst mir halt, da steigt mir halt
Mei Federl aufm Huat!«
»Weißt kein besseres?« fragte der Förster.
»Also singen wir halt ein anderes,« sagte der Michel; »Zank nit, gestrenger Herr Forstverwalter, und tu mit:
Wenn ih geh auf die Pürsch
Zittern d’ Reh, zittern d’ Hirsch,
Ja, sie fürchten mei Blei,
Ih schiaß selten vorbei!«
Aber auch da sang der Rufmann nicht mit. »Solche Gsanger kann ich nicht leiden.«
»Bist ein merkwürdiger Förster, du, der von der Jägerei nix wissen will.«
»Ob der Schmarotzer Hirsch heißt oder Borkwurm. Im Wald kann ich solch Getier nicht brauchen. Die Gemsen, das ist was anderes, die sind im Steingebirg, die können nicht viel schaden.«
»Frisch auf, zum Gamselschiaßen!« trällerte der sanglustige Michelwirt. Es kam wieder zu nichts. Ein alter graubärtiger Waldbär, der Holzmeister Fernand, begegnete ihnen und brachte für den Förster frischen Ärger.
Er kam vom Hochgebirge her, wo er zeitweilig beim Jagdschlosse nachzusehen hatte. Quer über den Rücken aneinandergebunden trug er ein Paar Ski, die nach beiden Seiten lang hinausstanden. Oben um das Jagdschloß lag der Schnee noch klafterhoch. Und doch hatte der Teufel den Weg dahin gefunden. Der Fernand berichtete, daß im Jagdschloß eingebrochen worden sei. Durch das Dach, und die Diebe müßten es hoch haben hergehen lassen im Fürstenzimmer; die Öfen voll Asche, Reste von Konserven, geleerte Weinflaschen und Zigarrenkisten. Der Silberschrank jedoch sei nicht erbrochen worden.
»Ist mir unlieb,« brummte der Förster, »so sind’s keine Berufsdiebe gewesen, so ist’s wer von unseren Leuten gewesen.«
»Etwan ich!« bäumte der Holzmeister sich auf und funkelte mit Adleraugen auf den Förster.
»Na, freilich du,« lachte dieser und klopfte dem Alten auf die Schulter. »Der Fernand schaut gerade so aus, als ob er in fürstlichen Jagdhäusern heimliche Gelage halten tät.«
»Kann auch mein’ Dienst aufsagen, wenn Mißtrauen ist.«
Sie hatten zu tun, ihn zu beruhigen.
Endlich kamen sie zur Stelle, wo unsere Freunde sich auf den Rasen setzten, ihr mitgebrachtes Mittagsbrot verzehrten und zu endgültiger Schlichtung auch dem Holzmeister davon boten.
Und nach dem Mahle sagte der Michel: »So, jetzt heißt’s auf die Höh!« und bog ab, den Fußsteig nach der Twengalm.
Der Förster und sein Sohn Elias gingen über den breiten Bergrücken hinaus, zwischen jungen Fichten. Mehrmals hörten sie den Michel jauchzen auf seinem steilen Anstiege. Der Förster jauchzte zurück und eiferte den Studenten an, es auch zu versuchen. Dieser hätte es ganz gern probiert mit einem lustigen Juchschrei, aber er schämte sich und tat es nicht. Doch wenn er schon nicht jauchzen mag, so möchte er jetzt beinahe etwas sprechen: es ist ihm das Herz gar zu unruhig geworden. Diese Waldnatur! Dieser Kampf der Wesen, dieses Im-Gleichgewicht-bleiben und ewige Sieghaftsein des Gleichen! Diese wonnesamen Liebestriebe überall, und diese Geheimnisse … Fast war ihm, als flüsterte etwas: Elias, hier verlierst du deinen Glauben! Aber ein lebhafteres Gefühl wogte ihm durch Leib und Seele: Elias, hier findest du ihn! Wer hat dich aufgebaut, du schöner Wald? –
Als sie nachher auf einer Waldblöße rasteten, im Anblicke der weiten Landschaft, über Berg und Tal hin, bis zu dem ätherblassen Gebirgsstreifen, hinter dem die Welt erst groß anhebt, hier, so recht im stillen Sonnenfrieden des Mittags, sagte Elias mit leiser Stimme: »Vater, ich möchte mit dir einmal was reden.«
»Liebes Kind, so rede. Ich schaue dich ja schon lange auf das hin an, daß du was auf dem Herzen hast, und kommst nicht dazu, es zu sagen. Du weißt ja, daß du mir alles anvertrauen kannst. – Was hast du mir denn zu sagen, Elias?«
Diese Worte sind so grundgütig gesprochen worden, daß dem Jungen das Weinen näher stand als das Reden. Er schwieg noch ein Weilchen, und dann begann er seine Mitteilungen.
»Du wirst dich gewundert haben, Vater, daß sie mich für krank heimgeschickt haben, und daß ich doch nicht krank bin. Aber wenn ich hätte dort bleiben müssen –. Hab nimmer lernen können, nimmer essen und nimmer schlafen.«
»So bist du doch krank gewesen.«
»Vielleicht, Vater. Aber anders, wie sie meinen.«
»Heimweh?!« fragte der Förster.
»Ich glaube nicht. Dann hätte es die Jahre früher kommen müssen. Es ist was anderes gewesen.« Elias zuckte ab, schwieg ein Weilchen, und mit der Stimme leise zitternd, sagte er: »Den Glauben habe ich verloren.«
»Den Glauben? An was? Ans Lernen, an deine Fähigkeiten?«
»Den Glauben an Gott!«
»Den Glauben an Gott verloren? Das versteh ich nicht.«
»Es ist auch nicht so, ich kann’s nur nicht sagen.«
»Solltest du in schlechte Gesellschaft geraten sein?«
»Beim Religionsunterricht.«
»Ja, was redest denn, Elias!« rief der Vater, »gerade der Religionsunterricht in Ruppersbach hat dich dahingebracht, daß du Priester werden wolltest!«
»Das war der Religionsunterricht bei unserem Herrn Pfarrer. Wo wir immer von Gott gehört haben, der uns alle auf den Händen trägt und nicht verläßt, von Jesum Christum, dem lieben Heiland, und wie er uns lehrt und tröstet, durch sein heiliges Vorbild und Opfer uns zum ewigen Leben führt. Aber im Seminar ist das was anderes.«
»Wieso? Liegt’s an dem Religionslehrer?«
»Oh, der ist gut. Der hat mich immer gefragt, warum mir denn kein Essen schmeckt, warum ich so schlecht aussehe, ob mir was wäre? Ob ich warme Kleider hätte? Von Religion hat er mir nie was gesagt außer der Stunde. Er kann auch nichts dafür, daß es in der Schule so vorgeschrieben ist.«
»Und was sagen denn die anderen, deine Kollegen?«
»Nichts. Die schimpfen nur über das viele Memorieren. Das Memorieren macht mir nichts, aber sonst –. Du mußt dir unser Religionsbuch einmal ansehen, ich hab’s mitgebracht. Ja, und da ist mir halt so kalt geworden und bang. Wie wenn man den Glauben verliert. Und bin ganz krank geworden.«
»Du mein, du mein!« seufzte der Förster. »Das soll ein anderer verstehen. – Und ist dir jetzt auch noch so?«
»Wie ich wieder in unser Hochtal komme, ist mir auf einmal wieder gut gewesen.«
»Über Religionssachen soll man nicht grübeln, mein Kind!«
»Aber im Seminar muß man grübeln, das ist es ja. In dem Buch ist alles so beschrieben und ausgeklügelt und bewiesen, wie eine Mathematik-Aufgabe. Einmal auf dem Spaziergang im Garten habe ich es dem Religionslehrer doch gesagt, da antwortete er: ›Rufmann, denke doch nicht immer, wie Gott ist, denke vielmehr, wie du sein sollst.‹ Das hat mir gefallen. Aber in der Religionsstunde ist immer so viel von den Beweisen Gottes und der Kirche die Rede, und ich weiß nichts damit anzufangen. Je mehr mir Gott bewiesen wird, je fremder wird er. Ich hab’s gar nicht gewußt, daß man an Gott zweifeln kann, und bei diesen Beweisen ist mir der Zweifel erst gekommen. Und habe gesehen, die Kirche ist nur da, um immer zu sagen: Glaube, glaube! Gott ist, erstens weil, und zweitens weil und drittens weil. Und lauter so Gründe, die kein Leben haben. Und denkt man auf einmal: Wenn so viele Beweise und Versicherungen nötig sind, da ist er am Ende gar nicht. Und wenn man alle Tage hört, daß es Millionen und Millionen Ketzer gibt auf der Welt, die nicht an Gott glauben und nicht selig werden können. Und so ohne Liebe von ihnen die Rede ist, und daß man mit ihnen nichts zu tun haben soll. Daß sie wohl auch an ihre Gottheit glauben, die aber alle falsch sind. Und doch auch die Heiden ihren Glauben beweisen und sagen, daß es der einzig richtige wäre. Und haben auch die nicht den rechten Glauben, die sich ganz und strenge ans Evangelium halten, und haben die nicht den rechten Glauben, die in Gottvertrauen und Nächstenliebe und Sittsamkeit und Geduld leben: sie können nicht selig werden, wenn sie nicht auch alles andere glauben und tun, was die römisch-katholische Kirche verlangt. Immer nur diese Kirche und immer nur von dieser Kirche, und alles andere von der ganzen Welt ist nichts, nur diese eine Kirche, die fort und fort sagt: Glaube mir, nur mir, keinem andern und hieße er auch Christus.«
»Jetzt übertreibst du aber doch, Elias!« mahnte der Vater, »wenn du sagst, daß die Kirche wahrer als Christus sein will.«
Da sagte der Student in seiner kranken Erregung: »Wir haben einen Ausspruch lernen müssen, nämlich, daß ein katholischer Priester größer sei als die Heiligen im Himmel, als die Engel, ja als die Mutter Maria, weil der Priester bei der Messe Jesum Christum erschaffen könne, und die Engel können das nicht. Und ist der katholische Priester größer als Jesus Christus selbst, weil der Schöpfer ja über dem Erschaffenen geht – so ungefähr, mir schwindelt alles im Kopf. Solche Sachen! Da muß man ja krank werden.«
Nun schüttelte der Förster gar bedenklich den Kopf, wußte aber nichts anderes zu sagen als: »Das geht vorbei. Elias, das muß vorbeigehen. Du sagst es selber, wie der Religionslehrer gut ist. Halte dich an ihn, nicht ans Buch. Das Buch wird so was Theoretisches sein, wie mein Handbuch der Botanik. Ist notwendig, so ein Leitfaden, aber wenn ich die Forstwirtschaft praktisch darnach einrichten wollte – na, ich danke! Man vergißt ja so bald alles wieder.«
»Und hab’s schon fast vergessen,« sagte Elias. »Jetzt daheim, da ist es ja wieder besser. Wenn man immer so im Wald sein könnte! Da möchte man freilich den Glauben nicht verlieren.«
»Warte nur, mein Sohn. Wie du beschaffen bist, da werden sie dich ohnehin in ein entlegenes Walddorf stecken als Kaplan. Und wenn du gar Bergpfarrer in der Einöde sein wirst, da kannst du die Bücher, die du nicht magst, in den Ofen schmeißen und mit dem Herrgott persönlich verkehren. Verloren hast du den Glauben nicht. Sei nur wieder froh, wie du es als Kind bist gewesen.«
Der Junge schaute dem gütigen Vater treuherzig ins Gesicht und sagte: »Jetzt ist mir auch schon leichter.«
»Sei nur so gut und sage niemandem davon. Auch dem Friedl nicht, am wenigsten der Sali. So Sachen muß man mit sich selber ausmachen. Du bist nicht der einzige, dem es so ergeht. – Hörst du den Michel? Jetzt ist er schon oben bei seiner Hütten. Wie hell der kann jauchzen! Mein Sohn, das kommt auch von einem guten Glauben.«