Achtunddreißigster Sonntag

Am achtunddreißigsten Sonntage.

Im Adamshause geht es, als ob es nie anders gegangen wäre. Und wie anders war es noch vor wenigen Wochen! Schon dazumal glaubten wir schwer zu tragen, und war doch eine wahre Glückszeit, im Vergleich zu heute. Prächtig stand das Korn auf den Feldern, die Barbel pflegte in seliger Erwartung den Hausgarten, der Vater arbeitete arglos auf der Wiese, der Valentin hoffte auf Urlaub zu kommen und der Rocherl ging noch im Hofe herum. Heute ist das Korn und der Adam tief in die Erde geschlagen. Die Barbel liegt in der Kammer, der Valentin sitzt im Stockhaus. Der Rocherl ist fort.

Und wenn nun Tage kämen, im Vergleich zu denen diese Gegenwart noch eine Glückszeit wäre! Was mag der harte Herrgott noch alles in seinem Zeughause haben! Manchmal möchte man ihm schon den ganzen Krempel vor die Füße werfen: Foppe du andere Leut’ mit deiner schönen Welt! — Die Hausmutter zeigt diesem Herrgott manchmal die Zähne, dann kniet sie doch wieder demütig hin und betet: Dein Wille geschehe!

Der Rocherl ist in Verlust geraten. Seit dem Begräbnistage, als man ihm zugemutet, jenes Trühlein zu tragen, ist er nicht mehr gesehen worden im Almgai. Nichts hat er mitgenommen, als was er am Leibe trug, und die alte Flinte. Bei den Almhütten oben soll er einmal gewahrt worden sein und später in einer Kohlenbrennerhöhle ganz hinten im Waldthale. Der Jäger Konrad heißt es, spähe ihm nach. Natürlich, wenn er die Flinte mithat! Der Rocherl soll aber gesagt haben, er wisse sich andere Böcke, die den Jäger nichts angingen! — Man weiß nicht, wie solche Reden zu verstehen sind. O Gott, wenn man’s nur nicht wüßte! Dieses verhängnisvolle Lieben und Hassen an unrechter Stelle! Es müssen ihm rein die Sinne verwirrt worden sein. Man sollte ihn nicht aus den Augen lassen, meint der Konrad.

„Willst du damit was sagen, Jäger?“

Der zuckt die Achseln. Nicht aus den Augen lassen! Dagegen hat der Junge gründlich gesorgt.

Magst du es glauben, Philosoph, daß man im Almgai überall wieder Korn ausgestreut hat? Und jetzt im Herbst! Man kann nämlich auch im Herbst säen, das „Winterkorn“. Es grünt noch vor dem Schnee, dann scheint es in den langen Frost- und Eismonaten ganz und gar zu verkommen, im Frühjahr aber sprießt es frisch und kräftig hervor, reift fast zugleich mit der Frühjahrssaat und bringt wertvollere Frucht, als diese. „Wer im Herbste über das Kornfeld tritt, dem geht der Bauer mit einem Stück Brot nach, wer’s im Frühjahr thut, dem geht der Bauer mit dem Stecken nach.“ Dieses Sprüchwort deutet die Art des Wachstums an. Im Herbste wächst die Wurzel erdwärts, im Frühjahr der Keim himmelwärts. — Aber Freund, ich bewundere nur eins, nämlich, daß sie die Zuversicht nicht verlieren, trotz Wetterschläge und Mißernten immer wieder zu säen. Es kann alles wieder hin sein, was an Zeit, Arbeit und Samen hier geopfert wird — und sie thun es doch, und es kommt doch der Lohn, der für alles entschädigt, denn der Segen der Erde ist stärker, als der Fluch des Himmels.

Für uns giebt es jetzt weiter nichts dabei zu thun.

Die Hausmutter und ich arbeiten auf dem Kartoffelfeld vom Morgen bis zum Abend. Ganz allein sind wir bei diesem Ernten und hoffen vor dem ersten Schnee leicht fertig zu werden. Das Kartoffelgraben ist eine der wenigen Arbeiten, die ich nicht erst mühsam erlernen mußte. Oder ist jetzt keine Zeit mehr zu lernen? Die wenigen Knollen, die ich anfangs mit der Haue angehackt, haben mir so wehe gethan, als wären es meine bluteigenen Zehen gewesen. Am Abend laden wir die Säcke auf den Schubkarren und ziehen sie gemeinsam in den Hof. Dabei schweigen wir nebeneinander her. Mich verlangt’s manchmal zu sprechen über das, was uns widerfahren ist, sie thut nicht mit. Von den Kartoffeln spricht sie und von dem Herbstklee, von den Maulwürfen — und kein Wort von dem Jammer, der so schwer auf uns lastet. Am tiefsten scheint ihr das mit dem Rocherl zu gehen, denn einmal, mitten im Graben, hat sie aufgeschrieen: „Den Haustiel sollt’ man abschlagen über seinem Buckel! So blitzdumm! So sumpflackenschlecht! Durchgehen! Ein solches Elend und durchgehen!“

„Ich will am nächsten Sonntag wieder suchen gehen!“

Auf dieses mein Wort ruft sie aus: „Fremde Leut’ müssen einem helfen! Daß einem die eigenen Kinder so viel Kummer mögen anthun! Alle! Eins, wie alle! Schad’, daß der Franzel nit auch schon groß ist. Bin begierig, was der wird anstellen!“ — Dabei lacht sie grell auf. — Ja, Freund Alfred, lustig ist’s bei uns! — Der Lehrer läßt sich auch wieder nicht sehen.

So kann’s aber nicht fortgehen. Ich zermartere mir den Kopf, was jetzt zu machen ist. — Fromme Leute lehrt die Not beten, mich lehrt sie rechnen. Da habe ich vor einigen Tagen einem bekannten Advokaten in die Stadt geschrieben, ihm den Sachverhalt meiner Wette mitgeteilt und ihn gefragt, was zu thun ist, um der Sache auch ganz sicher zu sein. Die großartig poetischen Anwandlungen sind in dieser heißen Zeit gründlich versengt worden. Auf mein Geld verzichte ich nicht. Es giebt zu gute Verwendung dafür. Alles kann man mit Geld freilich nicht machen, besonders, wenn man keins hat. Hat man’s und versteht man’s, dann ist es wohl doch ein Zauber! Und dann soll auf dem Adamshause der richtige Tyrann herrschen! Die zwei Leute müssen heiraten, der Rocherl muß heim, der Franzel muß an den Pflug und den Soldaten müssen wir auch ledig kriegen. Mit Geld geht alles, und warum soll nicht auch ich meine noblen Passionen haben! Wenn der Baron Wieselwang jährlich seine zwanzigtausend Kronen für Jagdvergnügen ausgiebt, so kann der Trautendorffer, dessen Vorfahren wahrscheinlich zur Zeit der Hohenstaufen Wegelagerer gewesen, auch etwas auf ein Amüsement sehen. Mir macht’s gerade einmal Spaß, diese Adamsleute wieder auf die Füße zu stellen. Ich will just einmal einen alten Bauernhof aufstiften, zur Zeit, wo es Mode ist, die Bauernhöfe abzustiften. Ist’s ein Unsinn, so sehe ich nicht ein, weshalb gerade ich mit meinem Gelde keinen Unsinn machen soll. Ich kannte einmal einen feinen Herrn, der zwei viertel Millionen darauf verwendet hat, sich und seine Familie zu Grunde zu richten mit Spiel und Sport und Weibern. So kostspielig sind meine Passionen nicht. Freilich auch nicht so nobel.

Nun, einstweilen heißt es mit der Hände Arbeit wacker nachhelfen. Und da glaube ich gestern kein schlechtes Stück geleistet zu haben. Nicht beim Kartoffelgraben. Ein besseres. Ich erzähle dir.

Kam da ein fremdes Männlein ins Haus, halb Bauer, halb Herr und halb etwas anderes. Eine spottschlechte Figur mit Höcker, krummen Beinen und einer Glatze von vorn bis hinten. Sonst anmutig. Zuthunliches Rundgesicht, gut rasiert, voller Teilnahme über und über wegen der so schweren Unglücksfälle, die das Haus betroffen. Wohl auch er hätte ein ungeheuer schlechtes Jahr gehabt. Dem Bauer wäre wenigstens der Erdboden geblieben, auf dem wieder etwas wachsen könne. Ihm habe das böse Wetter, das die Feldfrüchte erschlug, alles erschlagen. Und deswegen werde die christliche Adamshauserin ein Einsehen haben und ihm von dem blutigen Angelde, das er für das Getreide gegeben, wenigstens einen Teil wieder zurückerstatten. Es müsse ja nicht gleich sein, aus Nächstenliebe wolle er zuwarten, ja er sei — weil ein Mensch den andern nicht verlassen dürfe — bereit, ein Übriges zu thun. Sollte sie, die gute Adamshauserin jetzt etwa in Geldnöten sein? Nach solchen Unglücksfällen wäre es ja wohl kein Wunder. Zwei, dreihundert Gulden? Sie dürfe es nur sagen. Ohne Zinsen! Und mit dem Zurückzahlen werde er sie nicht drängen, das sei nicht seine Sache, aus dem Unglücke anderer Vorteil zu ziehen. Sollte es ihr binnen fünf Jahren nicht leicht werden, das Geld zurückzugeben, so würde er gerne eine andere Deckung annehmen, etwa das Wäldchen unten am Raine bis zum Felswändel hin — und erbitte sich hierüber bloß eine Unterschrift — der Ordnung halber. Das Angeld fürs Getreide wolle er dann auch durchgehen lassen, in Gottesnamen.

Ich konnte kaum erwarten, bis der Schelm ausgeredet hatte. Nun trete ich vor: „Liebwerter Herr! Was der Wald vom Rain hinüber bis zum Felswändel ausmacht, das wären auf Ihr gütiges Anerbieten in fünf Jahren zu dem Kapital etwa zweihundert Prozent Zinsen.“

„Sind Sie Hausherr?“ fragt er mich süßlich.

„Nein, bloß Hausknecht!“ sage ich, packe ihn am Arm, führe ihn zur Thür hinaus, weit über den Anger hinab bis zum Bretterzaun und werfe ihn darüber hinweg.

Nach diesem Tagewerk habe ich meinen Samstagfeierabend gemacht und mir die Nachtmahlsuppe schmecken lassen. Verdient, glaube ich, war sie. —

Und jetzt eine andere Idylle. Kam vor etlichen Tagen ein Holzarbeiter aus den Waldgräben zu uns ins Haus gesprungen und er wolle gar Branntwein haben! — Die Hausmutter erkennt ihn als den Toifel, einen halbblöden, berüchtigten Gewaltmenschen, und antwortet ganz gütig: „Lichtenberger, wie er vom Brunnenrohr herausrinnt, oder eine Schüssel Milch. Anderen Trunk giebt es halt nicht bei uns.“

„Ich muß Branntwein haben!“ knurrt er, kauert sich in den Wandwinkel und schnaubt wie ein Eber. Wir kennen uns nicht aus, hat ihn aber keins gefragt, was ihm ist. Seine Augen sind gerade wie zwei schiefe Hacken, mit denen er uns anscheinend am liebsten zerrissen hätte. Bald darauf kommt der Knecht vom Gleimer und ob wir die Neuigkeit schon wüßten? Der alte Michelmensch wäre erstochen!

„Der Doppelte?“ fragen wir.

„Nein, sie lebt noch. Er liegt in der Totenkammer.“

„Lügen thust!“ schreit der Toifel von seinem Winkel her. „Gestochen hab’ ich, aber nit grob.“

„Er liegt in der Totenkammer!“ wiederholt der Gleimerknecht.

Darauf hebt der Toifel an zu brüllen wie ein Stier. Dann kniet er vor mir nieder: „Bitt’ dich gar schön, mein Adam, wenn du mir schon keinen Branntwein giebst, so thu’ mich halt binden und stell’ mich zum Gericht. Jesses, Jesses, jetzt hab’ ich den alten Michel umgebracht!“

„Aber warum? Warum? Mensch, warum?“

Das weiß er nicht. Am Hüttbauernhaus sei er vorübergegangen, seine Holzknechtkraxe auf dem Buckel. Da sei ihm jäh der alte Einleger mitten im Weg gestanden. Steh auf die Seiten, Michel! habe er ihm zugerufen. Der Alte hätte sich nicht gerührt, hätte trutzig gesagt: Steh du auf die Seiten! Darauf habe ihn der Toifel noch einmal gefragt: Wird’s? Und der Michel habe gesagt: Na. — Ist gut, so räum’ ich mir selber den Weg! Darauf der Toifel und stößt dem Alten das Messer in den Leib. Au! lacht der Michel, so viel kitzeln thust mich! kauert sich zusammen, fällt um und ist tot. — Auch der Knecht hat es so bestätigt.

Noch in derselben Nacht haben wir das Ungeheuer nach Kailing geführt zum Gericht. Als wir in Hoisendorf an der Totenkammer vorbeikommen, wo am Fenster ein Lichtschein flimmert, sagt der Gleimerknecht zum Toifel: „Willst hineinschauen beim Fenster, was der Michel macht?“ Der Toifel hastet weiter. Nur einmal, bei der hohen Brücke unten steht er still, thut einen Seufzer und sagt zu uns: „Die Herren draußen werden Umständ’ machen. Laßt’s mich hinab da ins Wasser.“

Auf dem Heimweg haben wir den Toten angesehen. Sein Weib, nun schon gar ein altes Mütterlein, ist emsig beschäftigt, mit einem Waschlappen die Blutkrusten von der Brust zu waschen, von der schneeweißen Brust. So gleichgültig, als ob sie ein Kleidungsstück reinigte für den Sonntag. An der linken Seite die klaffende Wunde, wie absichtlich ins Herz gezielt. — „Ungeschickt, ungeschickt Kind!“ sagt die Alte vor sich hin, „noch ein rechtes Glück, daß nicht mehr geschehen ist!“

„Was meint sie denn?“ frage ich den Gleimerknecht. Der hat mir folgendes gesagt. Die Alte hätte in früheren Jahren einen Sohn verloren und sich immer eingebildet, er wäre noch am Leben und würde eines Tages wiederkommen. Und jetzt hielte sie den Toifel aus den Wäldern für ihren Sohn, der herfürgegangen sei, um den Vater zu herzen. Zu herzen! —

So ist sie irrsinnig geworden, die arme Alte. Und wohlgemut geblieben.

Verstehst du solche Sachen, Philosoph? Ich nicht. Es müßte denn sein, daß wir betrübte Adamshauserleute in diesem Ereignisse ein Gegenbild sehen sollen. Ein größeres Unglück — und doch wohlgemut.

Wie mir um den Rocherl bange ist, das kann ich dir nicht sagen.