Siebenunddreißigster Sonntag
Am siebenunddreißigsten Sonntage.
An diesem Briefe schreibe ich schon seit Wochen. Du willst ja, daß ich dir alles genau erzähle. Wie kann man das nur, wenn so vielerlei auf einmal vorfällt und wenn es so viel anderes zu denken und zu thun giebt, als eine Geschichte aufzuschreiben, die sich freilich immer wiederholt auf der Welt, die aber dem, der sie gerade erleben muß, furchtbar neu und verwunderlich ist.
Beim Valentin blieb ich stehen, er aber nicht bei mir. Da bin ich ihm so lange nachgegangen, bis er mir in der Strohschaubkammer nicht mehr entschlüpfen konnte. Er kauerte auf dem Schaub und preßte sein Gesicht ins Stroh.
„Valentin,“ redete ich ihn an. „Zu deinem Hause stehe ich so, daß auch zwischen dir und mir Vertrauen sein darf. Gestehe mir’s ganz offen, du bist desertiert!“
Er leugnete es nicht ab und gestand es nicht ein.
„Hab’ ihn eh gebeten, den Hauptmann, um Urlaub auf vier Tag, wie die Nachricht gekommen ist. Wenn jeder Urlaub hätt’, wo zu Haus eins von der Sippe stirbt, hat er Antwort gethan, alsdann hätten wir das halbe Regiment bei den Klageweibern!“
„Und dann bist du heimlich davon?“
„Ich gehe ja morgen, wenn’s vorbei ist, gleich wieder zurück.“
„Valentin,“ sage ich, „den Vater hast du noch einmal gesehen. Wir werden ihn gut betten. Geh’ lieber sogleich.“
Den Kopf hat er geschüttelt: Sogleich, das wolle er nicht.
Der Unglücksmensch ist geblieben, aber keiner von allen, die dem Totenbegängnisse beigewohnt, hat’s glaube ich geahnt, daß ein Deserteur danebenstand, als sie den starren Adam vom Laden hoben und auf die knisternden Hobelspäne in die Truhe legten. Während die Leute noch an den Tischen saßen und unter gedämpftem Geplauder das Totenmahl verzehrten, nagelte der Zimmermann den Deckel auf. Verdammt, war das eine Musik, dieses Hämmern auf den Sarg! Die Hausmutter hatte alle Thüren und Fenster zugemacht, daß die Barbel in ihrer Kammer den Schall nicht sollte hören können.
Dann haben sie den Schrein hinausgetragen und niedergestellt auf der Thürschwelle, haben das Lied gesungen, in welchem der Scheidende Abschied nimmt von Weib und Kind, von Haus und Hof. In dem Augenblicke hub in der Scheune, die gegenüber der Kammer des Mädels steht, die Kornwindmühle an zu klappern, heftig und schmetternd. Die Leute schauten mit Entrüstung auf. Der Kulmbock war über diese Störung der Andacht sehr empört, aber ich muß dir mit Freuden mitteilen von einem erweckten Menschen. Von dem Saufüssel — wieder gesund ist er worden! Und gerettet! Der hatte bei jenem Osterfeuer den Rocherl in die Glut bringen wollen. Der hatte vor Barbels Fenster den Spottpopanz aufgerichtet. Und jetzt war es dieser Saufüsselbub, der die Windmühle trieb und Späne hineingesteckt hatte, damit sie doch recht mächtig klappern möchte. Angestiftet soll ihn seine Mutter, die Marenzel haben: „Gedenk’s Bub, wie dir’s die Barbel gemeint hat, wie sie dich aus dem Rainhäusel hat befreit, wie sie in deiner Krankheit gut mit dir gewesen ist! Ich habe den Kulmbock schon gebeten, er möcht’ das harte Lied sein lassen vor der Thür. Er thut’s nit, der Dickschädel. Jetzt geh’, Bub’, und laß’ die Windmühl bredeln, daß alles schnalzt, damit die Kranke in der Kammer das Totensingen nit kann hören.“ — Der Totenbrauch war gestört, aber dem Mädel war der herzbrecherische Abschiedsgesang erspart geblieben. Mich freut jetzt dieser Saufüsselbub mehr, als alle sinnigen Totensitten zusammen. Die Barbel hat’s vollbracht, hat aus diesen zwei Leuten — Menschen gemacht.
Wer da halbwild wie ein Verbannter ums Haus schlich, sich dazugehörig fühlte und doch nicht dazugehen durfte, das war Guido Winter. Außer dem unversöhnlichen Rocherl sagte es ihm Keiner, daß er allein die Schuld an diesen Ereignissen sei, er selbst sagte es sich aber ununterbrochen, erbarmungslos. Nun wollte die Barbel wissen, wo der Guido sei, er solle zu ihr hineinkommen. Und dieses wunderbare Wesen — während sie den Vater davontrugen, während sie ihre Jugend, ihre Unschuld, ihr zartes Glück davontrugen, hat sie ihm mit lieben, sanften Worten Mut und Trost zugesprochen. Wenn man in diesen Schickungen sagen könne, jemand sei Schuld, so sei es sie. Sie hätte die Gescheitere sein sollen, denn er habe nicht gewußt, was er thue, nachdem, wie es einmal im Menschen eingerichtet sei vom lieben Gott. Die Hoffnung habe sie wohl immer gehabt, daß er sie nicht verlassen werde in der harten Zeit und wenn er so wäre, wie man es manchmal von anderen höre, dann erst müßte man verzagen. Das größte Leid hatten sie nun wohl überwunden, ein so großes komme nicht mehr, und wenn’s auch in Armut und Kümmernis müsse sein, alles sei ihr recht, nur ein wenig liebhaben solle er sie.
So hat sie zu ihm gesprochen und so hat er mir’s erzählt. Und mitten in diesen heiligen Dingen fällt es mir ein, ganz abscheulich profan: Jetzt, wenn sie nur schon da wären, die zwanzigtausend Kronen! Jetzt wollte ich einmal Goldonkel spielen, daß schon all’ des Teufels wäre!
Freund, wie sie so tapfer stand — es war dir ein wahres sursum corda! Ein urplötzliches Herzerheben in diesen Tagen der Trauer. —
Nun also haben wir sechs Männer ihn hinabgetragen über den steinigen Weg. Mit Riemen war die Truhe auf dem Tragschragen festgebunden, und doch wollte sie rutschend werden, weil der Schragen so schief getragen werden mußte, den steilen Hang hinab. Hinter diesem Sarge ist ein junger Bursche gegangen, mit roten Bändern am Hut und am Arm, ganz hochzeitlich angethan. Der hat vor sich auf den Armen, wie man ein Kind trägt, das winzige Trühlein getragen, das mit schneeweißer Leinwand verhüllt war. Den Rocherl hatten sie anfangs auserlesen, das sonderbare Schatzkästlein auf den Kirchhof zu tragen, der aber hat über diese Zumutung einen grauenhaften Schrei gethan und ist in den Wald gelaufen, so daß wir ihn beim Begräbnisse gar nicht gesehen haben. Hinter dem hochzeitlichen Burschen siffelte die alte Marenzel drein, in der einen dürren Hand den Stock, in der andern die Stalllterne. In der Laterne Scheiben spiegelte sich so scharf die Morgensonne, daß das Kerzenlicht darin erst wieder sichtbar ward in der schattigen Hohlschlucht. Und dann folgten die vielen Beter und Beterinnen, von jedem Hause mindestens eins, im ganzen Almgai. Die Hausmutter in ihrem dunkelblauen Gewande, der Valentin in seinem Soldatenmantel und der kleine Franzel in seinem grünverbrämten Steirerröcklein, waren mitten drinnen und thaten wie alle anderen. Weil die Trauer eine allgemeine geworden, so trugen sie scheinbar nicht schwerer, als die übrigen. Der Kulmbock soll sonst bei derlei Vorbeter gewesen sein, jetzt als Abgeordneter und Ordner hatte er mehr ans Reden zu denken, als ans Beten. So hat der Schneider Setznagel einspringen müssen mit seinem singenden Stimmlein. Ganz hinten am Zug trippelte der Michelmensch nach, der doppelte. Die zwei alten Einlegerleutchen kommen stets herfür, wenn es wo ein Totenschmäuslein giebt und haben sicher schon mehr Leute zu Grabe geleitet, als ihrer noch lebendig umsteigen auf diesen steinigen Bergen. Und zu allerhinterst lief einer nach, den sie wiederholt zurückjagten und der immer wieder nachkam, um seinem Hausvater das letzte Geleite zu geben. Der Pudel Bismarck. Als er jedoch endgültig merkte, daß seine Teilnahme durchaus nicht beliebt ward, schlich er mit eingezogenem Schweife zurück zum Adamshaus, stand dort vor der stillgewordenen Thür und weinte laut.
Eine alte Nachbarin war daheim geblieben bei der Barbel und soll ihr aus einem Gebetbuche den „Kreuzweg unseres Herrn und Erlösers Jesu Christi“ vorgesprochen haben. Ob das Herz des armen Mädels auf diesem Kreuzwege war, oder auf seinem eigenen ging —?
Als wir in die Kirche kamen, vor deren Thor die Leiche abgesetzt worden war, lagen auf dem Altare als Trauerschmuck vom Beinhause her schon die grinsenden Totenschädel; wer weiß, ob es nicht gerade die Voreltern des Adam waren, die jetzt Ehrenwache hielten bei dem Traueramte. Die Bänke waren voll Beter, wovon jeder ein Kerzenlicht vor sich stehen hatte. Der Valentin stand ganz hinten im dunklen Turmgewölbe und schaute auf das Kirchenthor hin, so oft es aufging.
Nach dem Amte haben wir den Adam an sein Grab getragen. Als wir ihn mit zwei langen Riemen hinabrollen ließen, so daß der Sarg an der knolligen Erdwand ein wenig dröhnte, da habe ich wohl doch horchen müssen, ob denn niemand aufschluchzt. Die Glocken waren hell geworden, der Geistliche betete sein Requiem und der Knabe schwang das Rauchfaß, daß die blauen Wölklein aufstiegen in den Flieder des Raines. Die Hausmutter ist dagestanden bewegungslos wie eine Säule und hat unverwandt zum Christuskreuze hingeschaut. — Der Lehrer, so muß ich denken, wenn er nur jetzt bei ihr ist....
Dann lehne ich die Leiter ins Grab und steige hinein, um den Sarg zurecht zu rücken, daß mein Adam gut rasten kann. Hernach hebt der hochzeitliche Bursche sein Trühlein herab, und wie ich das anfassen will, um es neben dem Sarge des Vaters zu betten, unterbricht der Kurat sein Gebet und fragt: „Es hat wohl die Taufe empfangen?“
„Mein Gott, freilich,“ berichtet die Marenzel.
„Natürlich, als es noch lebendig war?“ fragt er.
„Hochwürden Herr, lebendig ist es gar nie gewesen. Heißt das, es ist schon so auf die Welt gekommen.“
„Dann gehört es nicht hierher,“ sagte der Kurat und sein sonst gutmütiges Gesicht nahm einen peinlichen Ausdruck an. „Draußen vor der Hecke ist der Anger. Ich will es gerne segnen, nur solltet ihr wissen, daß die Erbsünde, die nicht durch die heilige Taufe gelöscht ist, in geweihter Erde nichts zu suchen hat. Und in diesem Falle schon gar nicht, leider Gottes!“
Als die Leute verstanden, der Kurat wolle das kleine Kindlein ausweisen, entstand ein Aufruhr. Der Lehrer, der beim ganzen Begräbnisse nicht zu sehen gewesen, jetzt war er auf einmal da. Dem Burschen nahm er das Trühlein aus der Hand und sagte ziemlich laut: „Es ist mein. Ich will es im Garten begraben und darüber eine Tafel setzen: Hier ruht eine Erbsünde, die nicht durch Christi Blut erlöst worden ist.“
Na du, da ist’s mir merkwürdig kalt über den Rücken gelaufen, wie er das gesagt hat. Die Leute halten ihren Atem ein. Was wird jetzt geschehen? — Der Kurat schaut wehmütig drein, schüttelt den Kopf und sagt dann zum Burschen: „Thue es hinab.“
Und nichts weiter.
Wir haben es zu Füßen des Großvaters gestellt und dann Erdsegen darauf geworfen mit der Schaufel.
Wie das vorbei ist, drängt sich zwischen den Leuten, mit dem Ellbogen sachte eine Gasse bohrend, der Gleimerbauer mit seinem Weibe hervor, sie stellen sich ans Grab und heben an zu singen. Er mit rauh röchelnder Stimme, sie mit grellem Diskant, in der Melodie gleichmäßig beide steigend und fallend, als ob es eine einzige Stimme wäre, aber geteilt in einen dicken Strick und einen dünnen Faden. Stadtleute, wenn ihrer dagewesen wären, würden sich die Zunge wund gebissen, oder ganz ungezogen aufgebrüllt haben. Mir ist nicht ums Lachen gewesen, dieses schlechte Singen voller Gläubigkeit und Innigkeit ist mir nicht bloß durch Mark und Bein, ist mir auch ins Herz gegangen. Besonders als schließlich die ganze Gemeinde mit einstimmte zu einem feierlichen Trauerchore. Die Melodie, ein getragenes Moll, so war mir, mußte ich schon gehört haben in längst vergangenen Tagen, vielleicht zur Zeit der Nibelungen, vielleicht bei einem Odinsfeste unter germanischen Eichen. Den Text hatte seither das Christentum dazugegeben und die Wehmut der neue Mensch. Die Worte kann ich dir mitteilen, aber sie haben keine Seele, wenn diese Töne des zum Himmel gehobenen Weinens, des heldenhaften Hoffens fehlen.
Am Grabe meines Adams haben sie seiner Seele also nachgesungen.
„Fahr hin, o Seel, zu deinem Gott,
Der dich aus nichts gestaltet,
Der dich erlöst durch seinen Tod,
Den Himmel offen haltet.
Fahr hin zu dem, der in der Tauf’
Die Unschuld dir gegeben,
Er nehme dich barmherzig auf
In jenes bessere Leben.“ —
Und zum Abschiede:
„Wenn durch des letzten Tages Flamm’
Die Welt zu Grund’ wird gehen,
So bitte Gott, daß wir beisamm’
Zu seiner Rechten stehen.“
Kannst du dir vorstellen, daß diese Menschen, die unsere Zeitgenossen des fin de siècle sind, fest an die Auferstehung von den Toten glauben? Was sage ich, glauben! Überzeugt sind sie davon. Durchaus selbstverständlich ist es ihnen, so sicher und natürlich, wie daß auf die Nacht der Tag folgt. So über alles Wort sicher ist es ihnen, daß die Toten, die sie auf ihrem Friedhofe bestatten, und sie selbst mit ihnen, am jüngsten Tage, von der Engel Posaunenruf geweckt, auferstehen werden. Auferstehen mit ihrem irdischen Leibe und in dem Gewande, mit dem sie ins Grab gelegt worden, aus der Erde hervorsteigen, lebendig, die alte Seele mit demselben verjüngten Körper vereint zum ewigen Leben. — Und sie, die das alles wissen, sind es doch selber, die nach so und so viel Jahren die alten Gräber öffnen, die Gebeine zerstreuen, der Natur unmittelbar zuschauen bei ihrem gründlichen Zerstören, Umwandeln und Erneuern. — Sie setzen zu den bekannten Naturkräften nur noch die Allmacht und sind im Reinen.
Ist das nicht schauerlich groß? Hat die Phantasie, geschweige die Vernunft, für unser lebendurstiges Herz je etwas ähnlich Aufrichtendes geschaffen? Darum hörst du sie auch nicht in Verzweiflung schreien an ihren dunklen Gräbern, siehst sie nicht unter der Überwucht des Schmerzes ohnmächtig zusammensinken, die Hinterbliebenen. Nach einer kleinen Weile ist ja das Wiedersehn, das bessere Leben da. — „Vom Baume kam der Tod, vom Kreuze das Leben.“ Dieser Spruch steht über dem Eingange des Kirchhofes zu Hoisendorf. —
Übrigens hatte ich nicht lange Zeit, solchen Gedanken nachzuhängen. Schon während des Schaufelns fiel mir auf, daß zwischen den Hecken des Kirchhofszaunes etwas funkelte. Ein ganz unheimliches Funkeln. Mein Valentin steht unter dem Flieder und schaut hinab in die Grube, die sich über dem weißen Sarge immer mehr mit Erde füllt.
Nach der Bestattung stieg der Kulmbock auf einen Betschemel, erhob die Stimme und hielt folgende Anrede:
„Dieweil wir jetzo unsern christlichen Mitbruder zur Erden gebracht haben, sage ich im Namen seiner Hinterbliebenen allen Anwesenden ein Vergelt’sgott, daß sie mitgegangen sind und für die arme Seele gebetet haben. Und wer Lust hat, laßt die Familie sagen, der soll sich jetzo zum Kirchenwirt begeben auf ein einfaches Totenmahl, auf daß die Trauer in Freude verwandelt werde. Gelobt sei Jesus Christus.“
„Reden kann er!“ nickten sich die Leute zu. „Gut kann er reden. Und heut’ schon gar, daß er so viel schön geredet hat. Eigens was er zuletzt gesagt hat.“
Ich habe von den Freuden, in welche die Trauer verwandelt werden sollte, nicht viel wahrgenommen. Wie die Leute sich jetzt verlaufen, treten zum Kirchhofsthore rasch zwei Gendarmen herein. Der Valentin sieht sie, stößt einen heiseren Schrei aus, will nach rechts, will nach links davon, thut’s aber nicht, sondern springt hinab in das noch halb offene Grab. Tiefer möchte er sich hineinwühlen mit beiden Händen in die lockere Erde, um den Häschern zu entkommen, die ihn in die Kaserne schleppen wollen, ins Stockhaus und wer weiß zu was noch Schlimmerem. Zusammengekauert in der Grube rang er die Hände zu uns herauf: „Erden, Erden auf mich, daß sie mich nit finden!“ — Aber sie standen schon da und begrenzten den Grabrand mit ihren Bajonetten. Der Lehrer und ich haben keine geringe Mühe gehabt, den wahnwitzigen Burschen aus dem Grabe herauszubringen. Einer der Gendarmen machte eine schrecklich wilde Miene und rief: „Na wird’s? Vorwärts jetzt, marsch!“ Aber der harsche Ton dieses Kommandos mißlang, er fiel zu unsicher, zu biegsam aus, so daß der Mann sich weiter keine Mühe gab, sondern gutmütig beisetzte: „Seien sie nicht kindisch, Weiler!“
Er hat sich dann ohne weiteres ergeben. Seine Mutter und der Franzel sind starr dagestanden vor Schreck.
Sage ich zu den Gendarmen: „Die Herren werden doch etwas Mittag halten wollen, im Wirtshaus.“
Damit waren sie einverstanden.
Während die Leute das Totenmahl, Brot und Apfelwein, sich munden ließen, wobei die Einen in eine rührselige, die Anderen in eine übermütige Stimmung gerieten, saßen die Landwächter in der Nebenstube am wohlbesetzten Tisch und der Valentin mit den kreuzweise geschlossenen Armen lehnte daneben in der Wandecke und starrte stumpf vor sich hin. Wir hofften insgeheim noch etwas vom Weine, der in einer Maßflasche vor die ausübende Nemesis gestellt worden war, doch diese verhielt sich sehr gemessen und schnob bisweilen nur so in den Schnurrbart. Der Kulmbock, der Lehrer und ich waren dieweilen nicht müßig. Im Schulhause setzten wir eine Art von Protokoll und Bittschrift auf mit dem Hauptgutachten, der Valentin Weiler habe nach allem Ermessen nicht die Absicht gehabt zu desertieren, nur die Kindesliebe habe ihm einen Streich gespielt, und hätte er mehreren Personen die bestimmte Absicht geäußert, nach dem Leichenbegängnisse des Vaters sofort wieder einzurücken. Die schwergeprüfte Familie, sowie die ganze Gemeinde bitte um Gnade, daß ihm der unbedachte Schritt nachgesehen werden möchte. — Diese Einschläge des Kulmbock waren nicht übel, obschon ich in der Diktion gerne eine militärischere Form gehabt hätte. Zuletzt kamen wir darin überein, daß der Valentin in die Kaserne zurückgekehrt, schnurgerade und stramm vor seinen Obersten hintreten und gehorsamst um seine Strafe bitten solle.
Dann nach dem Mahle, als sie aufstanden und ihn wie einen gebändigten Missethäter davon führen wollten, brach das Mutterherz los. Aber nicht in weibischen Klagen, die gehen meiner Hausmutter nicht von statten, vielmehr in einem zornigen Aufbäumen gegen die höllische Art, ein armes gutes Kind vom Vatersgrab hinwegzutreiben wie einen Dieb und Brandstifter. Und wenn der Soldat nicht einmal mehr so viel Mensch sein dürfe, daß er die Eltern heimsucht in der Todesstund’, nachher sei es nicht der Mühe wert, daß der Mensch ein Heimatland habe, nachher solle gleich der Russe kommen und alles miteinander in die Luft sprengen!
Scharf hat sie gesprochen, meine Hausmutter und geschadet hat’s nichts. Sagte einer der Gendarmen leise zum andern: „Mir scheint, seine Handeisen thun der Alten so weh. Ich glaube wirklich, wir könnten ihm die Hände frei geben.“
Und der Andere: „Wenn du’s wagen willst! Ich halte mich an die Ordonnanz.“
„Dann ich auch.“
„Ihr Herren,“ sage ich zu ihnen, „eine Wette, ihr habt auch Vater und Mutter gehabt.“
„Von uns soll ihm nichts Böses geschehen,“ antwortet der Eine.
Menschlich sind sie zwar mit ihm umgegangen, aber entfesselt haben sie ihn nicht. Als der Valentin so, in gebundener Marschroute, an einer Gruppe von Bauernburschen vorüberkam, die betroffen dastanden, rief er hell aus: „Lebt wohl! Für mich ist die Kugel schon gegossen! Juchuchu!“
Das hat die Mutter stumm gemacht. Dieses Jauchzen hat sie stumm gemacht. Stumm und totenblaß.
Von den Landwächtern und ihrem Gefangenen ist bald nichts mehr zu sehen gewesen, als das letzte Funkeln der Spieße zwischen den Bäumen her, die am Hohlwege stehen.
Nachschrift. Es wird gut sein, Freund, wenn du diese meine Briefe der letzten Monate ganz wegthust. Falls ich noch einmal zurückkehre in die gebildete Welt, würden sie mich dort unmöglich machen. Diese Parteilichkeit für Arbeit und arme Leute! Diese Lobpreisung des Gottesglaubens! Diese Voranstellung des Menschen auf Kosten des Soldaten. — Es ist unglaublich, wie schnell man verbauert!