Sechsunddreißigster Sonntag

Am sechsunddreißigsten Sonntage.

An der Oberfläche scheint es, als kümmerten sich in der Bauernschaft die Leute nicht viel umeinander. Kommt jedoch über ein Haus etwas Besonderes, dann steht überall die menschliche Teilnahme auf, dann sind sie eines Stammes, die grünen und die dürren Zweige.

In den zwei Nächten, als unser Hausvater auf der langen Bank lag, konnte die große Stube kaum alle Anwesenden fassen, die gekommen waren, um zu trösten und zu beten. Etliche Bauernweiber hatten Butter, Weißbrot und gedörrte Waldkirschen gebracht, damit die Adamshauserin Mittel habe, ein würdiges Totenmahl zu bereiten. Ich beschreibe dir nicht die Sterbe- und Begräbnisgebräuche, deren im großen und kleinen unzählige sind, sinnlos nur für den, der keinen Sinn herauszufinden oder keinen hineinzulegen weiß. Denke dir bloß, daß während der Tage, als ein Toter im Hause liegt, keine knechtliche Arbeit verrichtet werden darf, daß die Wanduhr still stehen muß, daß das Sprengreisig, mit dem die Leute Weihwasser auf die Leiche spritzen, in einer dreifachen Kreuzform gewachsen sein soll, daß das Bettstroh im Freien verbrannt wird, auf welchem der Verstorbene in seiner letzten Lebensnacht gelegen, und dergleichen mehr. Der Gehstock des Toten wird ins Freie getragen und an einen alten Baum gebunden, damit er nicht allein umherwandeln kann, zu Nachbarshäusern. Wo so ein Stock an die Thür klopft, dort muß bald wer sterben. Im Trauerhause sind nächtig die Leute der Nachbarschaft an Tischen und Bänken herum, beten den Psalter, singen Totenlieder, essen Weißbrot mit Milchrahm und führen nebenbei allerlei Gespräche. Es soll bei solchen „Leichwachten“ manchmal ganz heiter hergehen, daß junge Leute Kurzweil treiben, körperliche Übungen ausführen und Schalkereien anstellen, sogar mit der Leiche nach einem alten Herkommen. Gleichsam — sie machen sich lustig über den Tod, er imponiert ihnen nicht. — In unserem Adamshause war nichts als die tiefe Gedrücktheit, und die Wirkung der von Männer- und Weiberstimmen kunstlos gesungenen Totenliedermelodien kann nur gefühlt, nicht beschrieben werden.

Die Leiche war mit einem weißen Leintuche bedeckt. Manche, die ankamen, hoben vom Haupte das Tuch, schauten ins lehmfahle Gesicht des Adam und sagten zu ihm nieder: „Gott gebe dir die ewige Ruh. Sollt’ ich dich einmal gekränkt haben, thu’ mir’s verzeihen.“

Es mag wohl so sein. Wenn man an der Bahre eines lieben Menschen steht, so fängt er erst an, einen zu erbarmen, nicht weil er gestorben ist, sondern weil er gelebt hat. Gelebt und gelitten, manchen schweren Kummer heimlich und geduldig für sich allein getragen. — Auch der Jäger Konrad hatte ihn so angeredet. Die Hausmutter hörte es und machte mit der Hand einen Deuter, als wollte sie sagen: Du, laß’es gut sein! Hättest ihm früher das Leid nit gemacht!

Neben der Leiche auf dem Lehnstuhl steht das hölzerne Kruzifix, vom Hausaltare herabgestellt, daneben ein Wasserglas mit dem Öllichte und ein Schüsselchen mit Weihwasser und dem Sprengzweige, mit dem sie den Toten von Zeit zu Zeit besprengen. Zu Füßen dieser langgestreckten schmalen Leiche, ganz im Wandwinkel, liegt ein kleines Ding, das auch mit weißem Tüchlein zugedeckt ist. Und das, mein lieber Alfred, ist die Erbsünde. —

Die Leute thun, als ob sie es nicht sähen und niemand fragt nach der Barbel.

In der zweiten Nacht wars, daß von der Nachbarschaft zwei Mägde ankamen, ganz erregt und verstört zur Thür herein. Sie wüßten etwas Unheimliches zu erzählen. Als sie durch den Schachen hergegangen seien, hätten sie an der Brunnenquelle neben dem Holzapfelbaum den Adam stehen gesehen. Er habe sich an einen Spatenstiel gestützt, als ob er gegraben hätte und dabei müde geworden wäre. Sie wüßten gar nicht, wie sie zum Hause hergekommen seien vor lauter Schreck.

„Wir wünschen ihm all’ die ewige Ruh,“ sagte ein alter Mann. Da that sich der Kulmbock hervor, der am Tische saß und rief überlaut: „Nit so dumm daherreden, Weiberleut’! Das friß ich nit! Was wirds denn ein Geist gewesen sein! Es giebt gar keinen Geist! Das werd’ ich etwan nit wissen! Just so!“

Der Kulmbock gehört jetzt zu den Aufgeklärten. Seit er zum Abgeordneten gewählt worden, stellen sie ihn überall voran, auf den Ehrenplatz und als Ordner hin. So hat er auch die Leitung des Begräbnisses übernommen. Allerseits entwickelt er eine große Beredsamkeit, die er einstweilen nur im Landtage noch nicht hat bethätigen können. Da will der kluge Mann erst einmal hören, was die anderen sagen. — Seine dralle Tochter war auch vorhanden in dieser Nacht; die drängte sich nicht vor, sondern hielt sich im Herdwinkel auf, mit anderen jungen Leuten heimlich schäkernd. Als der Rocherl mit Brotlaib und Messer dorthin kam und die munteren Burschen einlud, zuzugreifen, sagte die Kulmbock-Tochter schelmisch: „O ja, Rocherl, ich mag schon eins von dir, ein Brot. Schneid’ mir nur eins, aber ein recht großes Trumm.“

„Das wär’ bei dem eine Kunst,“ spottete einer der Burschen. „Mit einem Maul Brot essen, das wird er wohl können; aber mit einer Hand abschneiden, schwerlich.“

Darauf entgegnete der Rocherl scharf: „Und du thätest auch mit dem einen Maul nit stänkern, mein Lieber, wenn ich zwei gesunde Händ hätt!“

„Geht’s weg!“ schmollte die Kulmbock-Tochter, die Anderen mit dem Ellbogen von sich tauchend, „ich laß’ über den Rocherl nichts kommen!“

„Sie meint halt, halsen kann ein Einhandel auch!“ gab jener Bursche zurück.

Der Rocherl biß die Zähne aneinander, steckte das Messer tief in den Brotlaib und ging zur Thür hinaus. Ich hatte den kleinen Vorgang so halbhin beobachtet und da ist mir wieder das ganze Elend des armen Jungen klar geworden. Jeder Wichtling kann ihn nach Belieben verhöhnen, es geschieht ungestraft. Aber sie sollen sich nicht spaßen mit ihm. Wer ihn nur erst kennt! — Mit einer Hand führt man gefährlichere Waffen, als mit deren zwei!

Jetzt kommt aber noch etwas. Gegen Mitternacht war’s, wir knieten alle gerade an den Tischen, deren in der Stube mehrere aufgerichtet worden waren, und beteten, als unten an der Thür eine Bewegung entstand. Kurze Ausrufe. Dann gedämpftes Sprechen und Schluchzen. Aus der Dunkelheit trat eine Gestalt hervor, wie der Adam. Aber strammer, jugendlich, in Mütze und Soldatenmantel. Der Valentin! Der Urlauber! — Ein junger Mensch mit breitknochigem Gesicht und eingefallenen Wangen. Er giebt Jedem und Jeder die Hand, auch der Mutter nicht anders, als den Übrigen, und blickt unruhig, verwirrt um sich und tritt langsam, zögernd gegen die Bahre hin. Ein Weib deckt des Toten Gesicht auf und sagt leise: „Gelt! Ganz unverändert. Als wie wenn er thät schlafen. — Er thut gut rasten.“

Der Valentin kniet mit beiden Knien schwerfällig nieder auf das Fletz, faltet die Hände mit verschlungenen Fingern aneinander und starrt unverwandt auf den Toten. — Dann steht er auf, taumelt gegen den Uhrkasten hin, wo der Sarg lehnt, der fichtenhölzerne, unangestrichene, und an dem Beben und Stoßen seines Körpers sieht man’s, wie es in ihm wütet.

Wir in den Städten kennen sie nicht, die Schamhaftigkeit des Schmerzes. So wenig, wie wir die Schamhaftigkeit der Freude kennen und die Schamhaftigkeit der Liebe zwischen Kindern und Eltern. Der aus der Fremde kommende Sohn küßt nicht die Mutter, berührt die Leiche seines Vaters nicht mit einer Fingerspitze; nicht ein Wort der Zärtlichkeit, der Klage habe ich gehört von seinen Lippen — draußen im dunklen Vorhause erst hat er aufgegröhlt wie ein verwundeter Hirsch.

Später, als der Valentin neben seinem Bruder an der offenen Hausthür steht, herzschwül und wortkarg, und als sie so hinausschauen in die Mondnacht, da deutet der Rocherl auf eine Gestalt, die am Brunnen sitzt, und sagt: „Siehst du ihn, Valentin? Dort am Wassertrog. Das ist der Unglückstifter!“

Da tritt die Mutter vom Herd, wo bei prasselndem Feuer das Mahl kocht, zur Thür hin, und der Valentin solle sich doch hinsetzen und was essen.

Der Soldat schüttelt den Kopf, essen könne er nichts.

Sie stellen sich zusammen im Vorhause und die Mutter erzählt dem Heimgekehrten, wie sich alles zugetragen. Als sie von dem Menschen spricht, durch den die Barbel ins Unglück gekommen, soll Valentins Hand nach dem Stilet gezuckt haben.

„Jetzt nimmt er sie aber,“ sagt die Mutter.

Und der Soldat: „Das ist sein Glück.“

„Das ist sein Glück, meinst du?“ begehrt der Rocherl auf. „Und damit glaubst du, wär’ es gut?“

„Mehr kann er nit thun.“

„Du, Valentin,“ sagt der Rocherl, gleichsam in Krämpfen sagt er es: „Ich kann mit der einzigen Hand nichts machen, sonst — sonst hätt’ ich nicht auf dich gewartet. Jetzt wirst du mit ihm abrechnen.“

„Mit wem? Mit dem Lehrer? Wenn er sie ja heiratet!“

„Und ihr Ruf? — Und ihr Ruf?“

„Warum bist du so auf, Bruder Rocherl? Ein Malheur, das Jedem passieren kann.“

„So sagst du?!“ ruft der Rocherl ganz betroffen aus. „So schlecht bist du geworden?!“

Da giebt der Soldat zur Antwort: „Mein Lieber, du sollst es erst wissen, wie es in der Welt zugeht!“

Dieses Gespräch ist zwischen den beiden Brüdern geführt worden, vor der Hausthür im Mondscheine. Dann wollte Valentin die Schwester sehen.

„Jetzt schläft sie,“ sprach die Mutter. „Laß sie rasten. Sie hat viel gelitten.“

„Weiß nit, ob es lange Zeit hat mit mir,“ sagte der Soldat. Dann kam er an den Herd. Am Tische rückten sie zusammen, um ihm Platz zu machen. Er hielt sich jedoch immer im Hintergrunde und so oft die Thür aufging, wandte er allemal rasch sein Auge dahin.

Jetzt trat ich zu ihm hin und stellte mich als den Knecht Hansel vor.

„Ich weiß es schon,“ versetzt er kurz.

„Wie geht’s beim Regiment? Was macht der Oberst Marx?“

„Kennst du den?“ fragt er.

„Ist mein Hauptmann gewesen.“

„Hast du auch beim Siebenundzwanzigsten gedient?“

„Gehorsamst zu melden.“

Nach diesen Worten will er sich verziehen. Mir fällt an ihm die Unruhe auf, die sich immer steigert.

„Ging es schwer mit dem Urlaub?“

„Ganz leicht,“ sagt er.

„Auf wie lange?“

„Auf unbestimmte Zeit.“

„So, so!“ sage ich, „das wundert mich.“ Und wie noch eine Frage an ihn gestellt wird, wendet er sich rasch und geht zur Thür hinaus.