Fünfunddreißigster Sonntag
Am fünfunddreißigsten Sonntage.
Dein Brief, mein teurer Freund, hat mich gestärkt. Habe Dank dafür. Der Kompaß deines klaren Geistes giebt mir größere Sicherheit und Kraft zu dem, was ich muß. Du willst nun noch hören vom armen Mädchen.
Ich schrieb dir vor acht Tagen, wie zur Stunde, als der Vater gestorben war, der Lehrer sie hinausgeführt hat ins Freie, um sie vorzubereiten. Zuerst hat er ihr gesagt, daß sie zusammen nun vor Gott und den Eltern Bräutigam und Braut wären. Dann, daß er ihr Freund sein wolle in jeder Freude und in jedem Leide, für das Leben lang.
„Aber der Vater will ja noch nicht!“ hatte sie gesagt.
„Ganz gewiß will er,“ beteuerte der Lehrer. „Erregt mag er ja gewesen sein, anfangs, wer verdenkt ihm das? Wenn er sich auch ungern von dir trennt. Er muß auch wissen, zu wem du nun einmal gehörst.“
„Das ist ja alles recht,“ sagte sie. „Wenn es mir nur nicht immer thät’ vorkommen, mein Guido, als hättest du nur notigerweis um mich angehalten.“
„Wie meinst du das?“
„Ob’s dir wohl auch von Herzen geht!“
„Solche Gedanken sollst sein lassen, Barbel. Du weißt es ja, was ich gesagt habe.“
Und dann sind sie lange umhergegangen über die Felder und Wiesen hin, wo jetzt so viel Schutt liegt. Und haben allerlei besprochen, wie sie es halten wollten in ihrem gemeinsamen Leben, und einrichten in ihrer neuen Wirtschaft. Und das Mädel war dabei ganz froh geworden. Dann war sie einmal still gestanden und hatte gefragt: „Was läuten sie denn zu Hoisendorf?“
„Morgen ist Maria Himmelfahrtstag,“ sagte er.
„Es ist ja noch nit Feierabendzeit,“ meinte sie.
Und er: „Vielleicht hat doch schon jemand Feierabend gemacht.“
Da dachte sie: Es kann wohl wer gestorben sein. Zog mit dem Daumen über ihr weißes Gesicht ein Kreuz und betete still ein Vaterunser. Da dachte der Lehrer: Armes, gutes Kind, du betest für deinen Vater und weißt es nicht. —
Dann sagte sie: „Du solltest ja daheim sein, Guido, wenn es zum Läuten ist.“
„Es läutet der Schmied.“
„Man hat nichts gehört, daß wer krank gewesen wäre.“
Sagte der Lehrer: „Mein Gott, es giebt doch kränkliche Leute in der Gegend. Der alte Gleimer zum Beispiel. Der hat ja immer so viel Atemnot, hört man, und herzleidend soll er auch sein. Der Mensch ist halt keine Stunde sicher.“
„Müßt’ wohl hart sein,“ sagte sie ganz leise, „so wen verlieren, wen lieben....“
„Du hast recht, es ist immer ein Schmerz, wen’s trifft. Aber endlich bleibt es keinem aus, und doch ist’s noch besser, es drücken Kinder den Eltern die Augen zu, als umgekehrt.“
Wie er so gesprochen, da hat die Barbel angefangen unruhig zu werden. Und plötzlich sagte sie: „Ich will aber doch jetzt heimgehen.“
„Es ist noch Zeit, mein Schatz. Gönne dir den schönen Tag.“ Er hielt sie an der Hand. „Siehe doch, wie es schon wieder zu grünen anhebt auf dem zerschlagenen Rasen.“
„Laß mich aus, Guido! Ich will heim zum Vater!“
So hat sie sich von ihm losgerissen und ist schnell den Rain entlang geeilt, daß er laufen mußte, um sie noch abzufangen an der Hausthür.
„Barbel, ich will dir was sagen, du sollst jetzt nicht hinein. Denke, wofür du verantwortlich bist. Denke dran, Barbel. Laß dir’s nur sagen. Dein Vater — er ist schwer krank geworden....“
Heftig stieß sie ihn zurück und eilte in die Stube. Da hat man auch schon den gellenden Schrei gehört. Über den Toten ist sie hingefallen, hat ihn gerüttelt, hat ihm wie wahnsinnig ins fahle Antlitz geschrien, daß er soll’ aufwachen und sie ansehen! — Und als sie endlich zur Überzeugung kam, wie die Sache stand, da ist sie in eine starre Ruhe verfallen, daß es unheimlich war. Sprachlos, thränenlos wankte sie ihrer Kammer zu. — — Als man später das Stöhnen gehört hat, ahnte die Hausmutter es bald, was vorging. Die alte Marenzel, die gekommen war, den Toten aufzubahren, hatte nun etwas anderes zu thun. — Als wir, der Rocherl und ich, am Abende heimkamen, lagen zwei des Adamshauses auf der Bahre — der älteste und der jüngste.
So, mein Alfred, hat es sich zugetragen. Und war eine solche Trauer im Hause, daß ich gemeint habe: Wenn nur wer schelten wollte! Wenn nur wer hadern wollte mit diesem niederträchtigen Geschick, daß ein frischer Zorn, eine Gemütsrevolution ausbreche, damit doch diese dumpfe, diese schreckliche Trauer unterbrochen werde. Alle, auch die sonst so scharfe Hausmutter, standen und gingen matt und traumhaft umher. In der Nacht aber war’s, daß die Barbel in ihrem Bette anhub zu fragen: „Ja, ihr Leute, wie ist denn alles das zugegangen?“ Und am Frühmorgen hat sie gefragt: „Wie ist denn das gewesen, daß mein Vater gestorben ist?“
Weil keines mit der Sprache herauswollte, so trat ich vor, ging entschlossen in ihr Stüblein und begann herzhaft zu erzählen.
„Barbel,“ sage ich, „es ist ein glücklicher Tod gewesen. Wie er hört, daß der Lehrer redlich um deine Hand bittet, da hebt er beide Arme auf wie zum Segen und ruft: Soll’s doch sein, daß mein liebes Kind glücklich wird! Gott Lob und Dank! — Darauf an die Wand hingesunken und — aus ist’s gewesen.“
„Und herb wär’ er nit gewesen?“ fragt sie, „herb nit?“
„Freilich wohl herb, anfangs weil der Lehrer so spät gekommen ist — wohl rechtschaffen spät.“
Darauf hat sie nichts mehr gesagt. Nur später leise mit sich selbst gesprochen: „Wenn es so ist gewesen! Wenn es so ist gewesen!“ Und hat in sich hineingeweint, aber ganz anders, als vorher.
Von dieser Lüge, Alfred, mußt du mich lossprechen. Die wohlgemeinte Unwahrheit, die ein Herz vom Fegefeuer erlöst, kann doch nicht unrecht sein? — Aber jetzt in den Nächten, wenn ich schlaflos bin, sieht’s anders aus. Es ist ja furchtbar frevelhaft, ein Kind über das Sterben des Vaters zu täuschen! Hat nicht sie den Jammer über die Familie gebracht? Soll sie nicht die ganze Wucht ihres schweren Fehlers büßen? — Ich bitte dich, Freund, sage nein. Sage, du treuer Forscher nach dem Guten und Wahren, sage, daß es erlaubt ist zu täuschen, wenn man damit was Gutes stiften kann. Sage nicht auch das abscheuliche Wort: Wahrheit über alles, auch wenn darunter Menschenglück und Menschenherzen zu Grunde gehen. Ich beschwöre dich, Philosoph, laß alle Philosophie so sein, daß dieses Erdenleben milde wird und warm. Wenn es auch dunkel ist, wenn es nur reich an Liebe ist. Schau, das arme Mädel lächelt heute unter seligen Thränen. Die rohe Wahrheit hätte sie auf ihr Lebtag lang in Gram und Weh gestürzt.
Am nächsten Sonntage werde ich berichten, was sich in diesen Tagen weiter ereignet hat.