Vierunddreißigster Sonntag

Am vierunddreißigsten Sonntage.

Welch eine Wucht von Drangsal und Trübsal in diesem Hause! — Mit einem Schlag bin ich in den Mittelpunkt versetzt, als wäre ich Hausvater und Bruder. Alle stützen sich auf mich und weinen. Alle schauen zu mir um Rat, was jetzt zu thun sei. Aus welch frevelhaftem Grunde bin ich in dieses Haus gekommen und welch ernste Menschenpflichten haben meiner hier gewartet? Wenn die heilige Last dieses Standes und das Erbarmen mit den Duldern mich nicht einigermaßen geläutert hätten, wie wäre ich diesen Tagen gewachsen! Hier der tote Vater, hier die gefallene Tochter, hier der von unheimlichen Leidenschaften bethörte Krüppel, hier der Soldatenflüchtling — und über allem der wirtschaftliche Zusammenbruch des Hauses!

In der Nacht, da ich verwirrt und ratlos auf meiner Truhe saß, kam mir ein Gedanke, für den ich mich hätte peitschen mögen wie einen feigen Hund. — Was hält dich denn fest in diesem Jammerhause? Nimm den Stecken und geh davon. Im Vordergai brauchen die Bauern jetzt auch Leute. — Teufelseinflüsterung, verfluchte! Wer denkt noch an die thörichte Wette! Mein Platz ist hier und nirgends als hier. Das will ich doch mal sehen, ob aus dem Haderlumpen, der ich war, ein treuer Mensch werden kann, oder nicht!

Nur dir muß ich schreiben dürfen, Alfred, nur du darfst mir dein gutes Wort nicht versagen. Dann will ich’s versuchen zu leisten, was jetzt von mir verlangt wird. Und nun höre die weiteren Berichte aus dem Adamshaus.

Als bei jenem Mittagsmahle der Adam gestorben war, da habe ich es zunächst nicht glauben können. Derselbe Mensch, mit dem ich eine Stunde vorher gearbeitet hatte oben bei der Brunnenquelle, der zu mir noch gesprochen hatte, wie ein Mensch zum andern spricht — der lehnt jetzt da im Wandwinkel, wird blaß, wird kalt und starr. Wie wir seinen Namen auch rufen, sein Gesicht begießen mit kaltem Wasser, seinen Leib schütteln und rütteln — das Auge ist gebrochen. Als ob ihn gewisse Mittel noch retten könnten, so thut die Hausmutter. Sie ruft die Heiligen an, sie trifft Anordnungen zum Laben und Aufwecken, sie spricht ihm zärtliche Worte zu, sie macht Gelöbnisse, sie betet den Sterbesegen. — „Aber Vater, was ist denn das? So krank werden jetzt auf einmal! Wart’ nur, der kalte Guß, der schreckt dich schon wieder zurück. Das ist doch ein Unsinn, wie es dich wieder packt. Keinen solchen Dampf hast wohl schon lang nit gehabt. Unsere liebe Frau wird’s noch einmal machen. Nur einmal noch hilf ihm, liebeste Mutter Gottes! Am heiligen Christtag und Ostertag will ich fasten dir zu Ehr. Keine Nacht länger als fünf Stunden will ich schlafen — nur einmal weck’ ihn noch auf, Maria, unsere liebe Frau!“ —

Kein Atemzug mehr, sein verkalktes Aug’ starrt leer dahin. Da sinkt das Weib aufs Knie: „Kreuzsterbender Jesu, erbarme dich seiner!“ Und schreit: „Adam! Adam! Ohne Behütgottnehmen gehst du mir fort? — Mein Mann, mein lieber Mann! — Adam!“ — — Dann knickt sie zusammen: „’s ist aus und ’s ist vorbei.“

Und wie das Klagen angeht in der Stube, richtet sich die Hausmutter auf und schreit: „Still sein thut’s! Daß wir noch ein zweites Unglück kunnten haben!“

Der Franzel, der die Barbel hätte rufen sollen, war immer noch an der Thür gestanden. Jetzt ging die Mutter zu ihr hinaus. „Hast recht,“ sagte sie zum Mädel, „hast schon recht, daß du in deinem Stübel bleibst. Bei uns in der Stuben hat’s wieder einmal was gegeben. Der Vater will nit. — Mach’ dir aber nichts draus, er wird schon wollen, du kennst ihn ja. Bis der Sturm vorbei ist. Den Dampf hat er auch wieder. Ist nur am gescheitesten, du zeigst dich derweil nit auf.“

Eine ganz unglaubliche Verstellung, aber du wirst dir’s denken, weshalb dem Mädel der plötzliche Schreck zu ersparen war.

Der Lehrer hat dem Adam noch die Weste aufgerissen und sein Ohr an die Brust gehalten. An die stille Brust.

Ich nehme ihn an der Hand: „Guido, komm, du hast jetzt etwas Anderes zu thun. Geh’ zu ihr. Führe sie hinaus über die Felder spazieren und bereite sie langsam vor.“

Da hieb der Lehrer sich die Faust an die Stirn: „Ich bin an allem Schuld!“

„Jetzt heißt’s ein starker Mensch sein! Ich sage dir, geh’ zu ihr hinaus. Nötiger wie jetzt hat sie deinen Beistand wohl ihr Lebtag nimmer!“

Da ist er hinausgegangen, da sind sie beide über den Hof gegangen und dem Rain entlang.

Wir haben den Toten auf der Bank ausgestreckt und dann in größter Betrübnis Rat gehalten, was jetzt zu geschehen hat. Der Franzel wird um die alte Marenzel geschickt, daß sie die Leiche wasche, in den Sonntagsstaat bringe und aufbahre. Der Kleine eilt flink wegshin. Das ist einer, der es noch nicht erfahren hat, daß jemand, der gestorben ist, nimmer und nimmermehr vorhanden sein wird. Der Rocherl muß den Stecken in die Hand nehmen zu einer Wanderung nach Kailing, um die Depesche aufzugeben an den Valentin in Laibach und Sachen für die Leichenfeier heimzubringen. Ich bin nach Hoisendorf hinabgegangen, um beim Kuraten und dem Totengräber die Bestattung zu bestellen. Überall errege ich mit meiner Nachricht die höchste Bestürzung; nur der Kurat hat’s gelassen angehört, wie eine alltägliche Sache. Er ist es ja gewohnt, das Sterben — bei anderen. Als es zum Verscheidenläuten ist, „Schiedungläuten“ sagen sie hier, fehlt der Lehrer, der solchen Küsterdienst sonst zu verrichten pflegt. Daß, und wo der auf Freiersfüßen aus ist, habe ich nicht sagen mögen. Der Lehrling vom Schmied und ich haben uns an die Glockenstricke gemacht, ich in jeder Hand einen, so haben wir es ins Hochthal hinausgeläutet: Beten, beten sollet ihr! Ein Mitbruder ist verschieden! — Das hat mir der Schmiedjunge gleich erklärt: wenn’s ein Mannsbild ist, müsse zum Schluß die große Glocke einige Züge lang nachgeläutet werden, bei einem Weibsbild die kleine. Damit sie es wissen. — Dann mit dem Totengräber, das war schlimm. Denn es ist keiner. Man muß von Haus zu Haus gehen und bitten um Knechte, die — es ist dafür eine Formel vorhanden — „aus christlicher Barmherzigkeit den abgerufenen Pfarrgenossen N. N. ein Erdenbett bereiten zur ewigen Ruh.“ — Sind uns nachher drei Knechte zusammengekommen; ich habe mitgethan, mein lieber Alfred, und so haben wir mit Haue und Schaufel meinem Hausvater eine Raststatt gebaut, wie es keine bessere giebt. Den Sarg macht der Zimmermann Martin, der gleich gesagt hat, das Maß dazu wolle er an sich selber nehmen, sie seien hübsch gleich groß gewesen.

Auf dem Heimweg in der Abenddämmerung treffe ich den Rocherl, der schon von Kailing zurückkommt. Er hat ein Bündel mit Weizenmehl, Preßhefe, Leichlichtern und ein weißleinenes Decktuch — „Überthan“ sagen sie — für den Sarg.

Wie wir so hintereinander den steilen Berg hinaufsteigen, erinnere ich mich an jenen ersten Tag, als dort unter dem Lärchbaum im Schnee mit dem Mehlbündel ein erschöpfter Mann gesessen war, aus dem nachher mein guter Hausvater Adam geworden ist.

„Jetzt wird er’s schon wissen,“ sagte der Rocherl.

„Wie es im Himmel ist, meinst du?“

Der Bursche stutzte und sagte noch einmal: „Jetzt wird er’s schon wissen, der Valentin.“

— Ob es nur auch die Barbel schon weiß? denke ich mir. Der Lehrer muß noch oben sein, weil er nicht unterwegs kommt.

„Wenn er nur Urlaub kriegt?“ warf der Rocherl auf.

„Es ist eine Frage. Haben sie Übungsmärsche, so ist es gar nicht möglich. Übrigens kommt er wahrscheinlich zu spät, denn übermorgen früh ist das Begräbnis.“

Dann erzählte der Bursche, daß der Kailinger Kaufmann wohl recht grob geworden sei, wie er ihm die Sachen hübsch in ein Bündel zusammengeschnürt hergiebt und hört, daß er heute kein Geld kriegt.

„Die Mutter hat dir doch Geld mitgegeben?“ erinnere ich den Rocherl.

„Ja,“ sagt er, „den Dukaten. Der ihr Bindband ist gewesen, wie sie der Vater genommen hat. Jetzt ist’s mir unterwegs eingefallen, was nutzt dem Valentin der Urlaub, wenn er kein Geld hat zum Heimfahren. Und habe ihm gleich den Dukaten telegraphieren lassen.“

Darauf ich: „Ihr seid nicht klug. Ihr wisset es doch, daß ich immer bissel ein Geld im Sack habe.“ Dir offen gestanden, viel nicht mehr! Die aus der Stadt mitgebrachten Kapitalien, vermehrt durch den Erlös von Uhr und Ring und ander Ding, haben hier einen verdammt schlechten Zinsfuß. Ihrer fünfundzwanzig Gulden, oder nahe dran, damit hieße es auslangen bis Neujahr, wenn nicht auf den Baumwipfeln die Vögel sängen: Sorge nicht für den morgigen Tag.

Es ist dunkel geworden, die Wölklein am Himmel haben noch den Rosensaum des Abendrotes. Geruhsam ist alles, und wenn der Weg nicht seine tiefen Löcher und die Bäume nicht ihre gebrochenen Äste hätten, man dächte nicht daran, wie wahnsinnig diese stille Natur manchmal werden kann.

Vom toten Vater sprechen wir nicht, doch wendet der Rocherl sich wieder einmal um und sagt: „Jetzt wirst es doch glauben, Hansel!“

„Was soll ich glauben?“

„Daß dieser Mensch unser Unglück ist.“

Ich habe keine Antwort gegeben.

Endlich kommen wir hinan zum Hause. Das liegt da, eine dunkle Masse, aus zwei Fenstern leuchtet ein roter Schein. Der Rocherl bleibt stehen. Ich sage, er solle doch gleich mitkommen zur Mutter und Schwester. Er bleibt noch immer stehen und jäh hebt er an, heftig zu weinen. — Er weiß es wohl. Dort, wo der Fensterschein ist, steht die Bahre. Doch, wie wir hinkommen, ist im Hause nicht der Totenfrieden, ist vielmehr ein wirres Durcheinander von Weibern. Der Lehrer kommt zur Thür heraus uns entgegen und sagt: „Wir haben neues Unheil. So wie ich ist noch keiner gestraft worden...“

Der Rocherl stürzt wie wahnsinnig ins Haus.

„Was ist schon wieder geschehen?“

Die Barbel....

Weiter kann ich jetzt nicht. Wir wissen zur Stunde noch nicht, ob sie davonkommt mit dem Leben.