Dreiunddreißigster Sonntag

Am dreiunddreißigsten Sonntage.

Nun sollst du hören, lieber Freund, wie es gekommen ist.

Seit dem Ungewitter war der Hausbrunnen ausgeblieben. Oben im Schachen an der Quelle war das Erdreich ins Rutschen gekommen und hatte das Wasserrohr verstopft. So arbeiteten wir daran, der Adam und ich. Einen fünfzig Meter langen Eisendraht, kreisförmig zusammengerollt, hatte er hinaufgetragen, ihn dann auseinandergelöst und damit angefangen, die verstopfte Rohrleitung zu durchbohren.

„Gott Lob und Dank,“ sagte er, „daß nur die Quelle nicht verschüttet ist. So lange der Mensch noch Wasser hat, ist’s nicht zum Verzagen.“

„Und die unausrottbare Zufriedenheit ist noch besser als Wasser.“ So ich. „Euch müßte nach meiner Meinung Gott als Lohn für Euere Geduld das größte Glück geben.“

„Und nach meiner Meinung,“ antwortete er wohlgemut, „müßte er das Glück gerad’ solchen schenken, die kein Unglück ertragen mögen. Ich meine halt alleweil, wenn nur die Kinder brav sind, alles andere ist zu ertragen.“

Dieses Gespräch hatten wir während des Arbeitens geführt, da rief die Mutter vom Hause herauf: „Vater! Du sollst ein bissel kommen, es ist wer da.“

Der Adam stand ein Weilchen ruhig, als überlege er, wer denn da sein könne. Dann ließ er den Draht aus der Hand fallen und ging langsam hinab.

Ich blieb bei der Brunnenarbeit nicht lange allein. Der Rocherl kam, stolperte über den Draht, riß ihn mit der einen Faust zornig aus dem Rohre.

„Was thust du denn, Rocherl?“

„Wir brauchen kein Wasser!“ knirschte er, „all miteinander sollen sie verschmachten. Da ist er!“

„Wer? Der Kornhändler?“ frage ich noch.

„Dieser Winter! Der Schullehrer.“

„Der Schullehrer ist da? Na, das wird doch nichts Schlechtes sein.“

„Natürlich, du wirst es just wissen!“ höhnte er. „Nichts Schlechtes, wenn er die Barbel, die er ins Unglück gebracht hat, jetzt wegführen will!“

„Aber Mensch, das ist ja gut! Dann ist’s ja in Ordnung!“

„Ich leid’s nit! Ich leid’s nit!“ stieß er hervor, seine Zähne schlugen fiebernd aneinander.

„Sei froh, daß er noch der ehrliche Kerl ist und sie zum Weib nimmt.“

„Verdammt! Verdammt! Verdammt!“ Mit wildem Griff, als lange er nach einer Waffe, erfaßte er den Draht und knickte ihn entzwei.

„Ich verstehe dich nicht, Rocherl! Sei doch zufrieden, daß wieder einmal etwas Fröhliches kommt. Du weißt es ja, daß deine arme Schwester jetzt nichts notwendiger braucht als einen Ehrentag.“

„Ja, wo er es zuerst auf das angelegt hat, daß er sie nachher in seine Gewalt kriegt. Weil sie ihn sonst nit mögen hätt’ — nie!“

„Siehst du denn nicht, wie lieb sie ihn hat?“

„Wen? Diesen hergelaufenen Zottel?“

„Weißt du denn was Schlechtes über ihn?“

„Diesen Zottel, diesen blatternarbigen Zottel!“

„Na, wenn’s nur die Blatternarben sind, dann bin ich schon wieder beruhigt.“

Jetzt schrie er mich an: „Du mußt auch um nichts besser sein, weil du ihm so das Wort redest!“

„Na freilich nicht. Wer ist denn überhaupt besser? Sei klug, Rocherl, und frage dich selber einmal, wie es dir hätte gehen können, damals auf der Alm, wenn dich die Lotter nicht noch rechtzeitig durchgedroschen hätten. — Du hast den Draht gebrochen. Was sollen wir jetzt machen mit dem verstopften Rohr?“

Er sagte nichts mehr, lehnte sich traurig an einen Baumstamm.

Nicht lange hernach erscholl der Ruf zum Mittagsmahl. Als ich in die Stube kam, stand an der Herdecke noch der Lehrer und an seinen zuckenden Mienen merkte ich, daß etwas nicht richtig war. Die Barbel sah ich nirgends, die war in ihrer Kammer. Wir andern setzten uns nach dem Gebet an den Tisch, wie immer. Der Hausvater schob einen verzinnten Blechlöffel, es war der bessere, für Gäste, über das Tischtuch und sagte: „Bitt’ gar schön! Die Ehr’ auf einen Löffel Suppen thu’ uns der Herr Lehrer nit versagen! Wenn man so hoch heraufsteigt, da mag man nachher schon was Warmes.“

Der Lehrer trat einen Schritt vor und sprach: „Könnte wohl keinen Bissen essen, jetzt!“ Schon das Wort würgte ihn im Halse.

„Ist’s wie der Will’, jetzt thun wir einmal mittagessen,“ sagte der Adam und schnitt Brot in die Schüssel.

Der Lehrer wandte sich ein wenig gegen mich: „Der Hans soll’s wohl auch wissen, warum ich da bin. Es ist kein Geheimnis, daß ich die Haustochter Barbel zu meinem Weib begehre.“

Der Adam legte den Brotlaib hin, legte das Messer hin und sprach mit schwankender Stimme: „Thut’s mich nit so peinigen, meine lieben Leut’. Ich derkenn’ ja die Ehr’, daß unsere Tochter so eine Heirat kunnt machen. Aber zu jung. Noch allzujung. Gelt, Mutter, ’s wär noch zu früh?“

Seine Berufung auf die Hausmutter war keine glückliche.

„Zu jung?“ sagte sie, „das möcht’ wohl kein Unglück sein. Älter wird der Mensch. Und haben schon jüngere geheiratet. Daß sie sich gern haben, das zeigt sich ja. Das zeigt sich ja wohl leider Gottes! —“

Der Hausvater hatte sich auf die Bank gesetzt, legte die Hände ineinander und man merkte ihm eine schwere Beklemmung an, als er sagte: „Wie das hart ist, wenn man auf einmal sein Kind sollt weggeben...“

Ging sein Weib vom Herde an den Tisch, setzte sich zu ihm, ganz nahe und sprach fast zärtlich: „Wird uns halt sonst nichts übrig bleiben, Adam. Wird wohl sein müssen. Die paar drei Wochen sind bald vorbei, die sie noch hat. Wenn sie gleich anfangen, kann’s noch zu rechter Zeit in Ordnung gebracht werden.“

Jetzt schaute der Adam auf sein Weib, dann auf den Lehrer, dann wieder auf sein Weib. Sein Gesicht war völlig fremd, in gemütlichem Tone, aber recht heiser sagte er: „So, so. — Ist’s wohl doch wahr. — Hab’s nit glauben wollen. — Hab’s nit glauben wollen. — Die Barbel. — Meine Barbel... Nachher freilich wohl....“

Allsogleich nach diesen Worten wandte die Hausmutter sich ganz vergnügt dem Lehrer zu: „Nachher thät’s ja so weit richtig sein. — Geh’, Franzel, ruf’ die Dirn’. Das dumme Ding soll doch herkommen. Zum Schamen ist’s schon lang’ zu spät. Kann Gott danken, daß es noch so ausgeht. — Aber thu’ sich der Herr Lehrer doch hersetzen zum Tisch. Jetzt wird er halt schon thun müssen, wie daheim und ein Bauernessen nit verschmähen. — Was hat denn der Vater? — — Jesus Maria, was hat denn der Vater?!“

Unser Hausvater hatte sich in den Winkel gelehnt. Matt röchelte es in seiner Brust.

Was soll ich dir sagen, Alfred? — Nach wenigen Minuten ist’s vorbei gewesen.

Das war gestern, als am 14. August.