Einunddreißigster Sonntag

Am einunddreißigsten Sonntage.

Das geht dich nichts an, Hansel! würde meine schneidige Hausmutter gesagt haben. In der That, was geht unsereinen die Predigt an! Der Pfarrer predigt halt für die Leut’ und nicht für den armen Knecht, der vor ein paar Jahren in die Carnevalszeitung das Inserat rücken ließ, daß ein noch völlig ungebrauchtes Christentum in Verlust geraten sei.

Im Hoisendorfer Pfarrhofe scheint es der redliche Finder thatsächlich hinterlegt zu haben. Ist nicht ohne, so ein derber Dorfkurat, der die Kurse der heiligen Theologie mit ihren dogmatischen Schätzen längst verschwitzt hat und das Evangelium sich nach seinem persönlichen Dafürhalten auslegen muß. Unserem Kuraten ist nicht übel zuzuhören, ein gerader deutscher Michel, giebt er das Wort Gottes so, wie es die Gemeinde am leichtesten versteht und am besten brauchen kann.

Da hat sich gestern Abend im Adamshause ein kleiner Religionsstreit erhoben. Der Franzel pflegt nämlich am Samstagsfeierabend stets den Evangeliumabschnitt des folgenden Sonntags vorzulesen, und so kommen jetzt die Verse des Lukas über den ungerechten Haushalter. Du kennst die Parabel vom verschwenderischen Verwalter, der von seinem Herrn verjagt werden soll. Der Verwalter ist schlau, und will sich, so lange er noch im Amte ist, die Gunst der Schuldner seines Herrn erwerben. Er läßt ihnen geschwind die Hälfte der Schulden nach, damit er dann, wenn er brotlos ist, bei ihnen gute Aufnahme finden möchte. „Und der Herr“ fährt Christus als Parabelerzähler fort, „lobt den ungerechten Haushalter, daß er klug gehandelt habe, denn die Kinder dieser Welt seien klüger, als die Kinder des Lichtes. Aber ich sage euch: Machet euch Freunde mittelst des ungerechten Reichtums, damit, wenn es mit euch zu Ende geht, sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen.“

Als der Franzel das gelesen hatte, schüttelte mein Adam den Kopf und sagte: „Das gefällt mir nit.“

Die Hausmutter entgegnete von ihrem Herde her scharf: „Beim Evangeli sagt kein Christenmensch: das gefällt mir nit; er kann höchstens sagen: das versteh ich nit.“

„Versteh ich nit,“ wiederholte der Hausvater. „Wenn’s so deutlich gesagt ist, wird man’s doch verstehen. — Franzel, das letzte noch einmal.“

Der las: „Machet euch Freunde mittelst des ungerechten Reichstums, damit, wenn es mit euch zu Ende geht, sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen.“

„Das ist ja gerad’, als ob der Mensch mit unrecht Gut in den Himmel kommen soll!“ sagte der Adam.

Darauf hin war ich nun doch begierig, wie sich bei der heutigen Predigt der Kurat aus der Schlinge ziehen würde.

Er steht auf der Kanzel, liest die Verse und wie er zum Schlusse derselben das Buch küßt, sagend: „Das die Worte des heutigen Evangeliums!“ sehe ich meinen Adam auf seinem Platze schon unruhig werden.

Der Kurat nimmt langsam eine Prise, stellt die Horndose neben auf den Kanzeltisch, schiebt die weiten Ärmeln des Chorrockes zurück und beginnt:

„Liebe Christen!

Im heutigen Evangelium hätte der Evangelist Lukas auch ein bissel deutlicher sein können. Wie er’s gemacht hat, da kommts schier so heraus, als ob Christus der Herr den ungerechten Haushalter loben thät, von wegen der Lumperei! Das thät einigen unter euch vielleicht gefallen — wie? Es ist aber durchaus nicht so. Christus will in seiner Parabel nur ein Beispiel geben, wie die Weltleute allemal abgefeimte Spitzbuben sind, und die Kinder Gottes sind einfältig. Wenn der Herr sagt, daß wir uns mit ungerechtem Reichthum Freunde machen sollen — was heißt denn das? Heißt es, daß wir ungerechten Reichtum erwerben sollen, damit wir nachher mit demselben die Leute bestechen können? Da sei Gott für! Es heißt vielmehr erstens, daß der Reichtum eben ungerecht ist, daß er überhaupt ungerecht ist, jeder Reichtum, nicht bloß der gestohlene, auch der erworbene. Und es heißt zweitens, daß, wer einen Reichtum hat, denselben als etwas Ungerechtes, ihm nicht Gebührendes wieder weggeben soll an die Armen und Notleidenden, daß man solcher Weise mit ungerechtem Reichtum gute Werke stiften muß, die uns, wenns zum Sterben kommt, in die ewigen Wohnungen Gottes führen. Also das ist gemeint, wenn es heißt: Machet euch Freunde mit ungerechtem Reichtum! — So ist’s, meine lieben Christen, und nicht, daß ihr glaubt, der liebe Heiland hätt’ einen Unsinn gesprochen, wo die Dummheit vielmehr an denen liegt, die ihn nicht verstehen. Merkt euch das, befolgt das Wort Gottes, übervorteilt eure Nebenmenschen nicht um Geld und Gut, die ihr als ungerechten Reichtum doch wieder zurückgeben müsset. Ja, nicht einmal auf sogenannte rechtmäßige Weise sollet ihr euch Reichtümer erwerben, sondern schön zufrieden sein mit dem, was ihr notwendig braucht für den heutigen Tag. Und nicht alleweil sorgen: Was werden wir morgen haben? Der himmlische Vater, der die Vögel nährt und die Blumen kleidet, vergißt euer nicht. Trachtet nur zuerst nach dem Reiche Gottes, das heißt, nach einem gottgefälligen Lebenswandel und nach einem guten Gewissen, das ist die Hauptsache, alles andere wird euch von selbst gegeben werden.“ — Hier unterbrach er sich, blickte in den Kirchenstühlen umher und fügte bei: „Wollt ihr schlafen, meine Lieben, so höre ich auf. ’s ist die Arbeit hart um diese Zeit; wer hart arbeitet und seine Mühsal dem Herrn zu Lieb aufopfert, der ist auch auf dem Wege zum Himmel. Ich predige nicht, um zu predigen und ihr höret nicht, um zu hören. Ich sage euch, daß der müde Leib von der Erden ist, und die Seele von Gott, und daß die Seele den Leib heiligen wird, und daß des Leibes Erden gesegnet sein wird, und ewiglich selig im himmlischen Vaterlande. Amen.“

Ähnlich hat er gepredigt und das ist so seine Art. Die Gemeinde nimmt wohl auch hier so eine Sonntagspredigt als Formsache, nach der man ruhig zur Tagesordnung übergeht, nur meinem Adam müssen die Worte wohl gethan haben; schier ein verklärtes Gesicht hat er gemacht darüber, daß sein redliches Arbeiten und Dulden vom Priester so schön geweiht wird. —

Vor einigen Tagen ist unserem Hausvater angedeutet worden, daß in nächster Zeit der Herr Lehrer sich einfinden würde, um einen Besuch zu machen.

„Einen Besuch? Der Herr Lehrer? Bei uns? So so! Ja, warum denn?“

„Er hätte halt was zu reden mit uns,“ gab die Hausmutter bei.

„Hätt’s gar mit dem Franzel was? Sollt’ er nit brav lernen?“

„Mit dem Franzel hat’s nichts.“

Weiter fragte der Adam nicht. War still und sprach nichts mehr vom Schullehrer. Und als die Barbel über den Hof ging zum Brunnen, und den Krug unter den Quell hielt und träumend vor sich hinblickte, bis er voll war und überging, und sie immer noch so dastand, da schaute der Vater auf sie und rief ihr endlich zu: „Barbel! Mach, mach! ’s geht ja schon über!“

Da schrak sie auf, nahm den Krug und ging schnell ins Haus hinein.

Der Adam fährt mit dem Pflug auf die Brache, vergißt manchmal die Ochsen anzutreiben, steht da und schüttelt den Kopf.

Die Hausmutter ist schon am frühen Morgen dran, Tag für Tag, den Tisch, die Bänke zu scheuern, die Fenster zu klären mit feuchtem Lappen und zu achten, daß kein Splitterchen und kein Strohhalm auf dem Fußboden liegt. So oft der Bismarck anschlägt draußen auf dem Anger, fährt sie ans Fenster. Das einemal steigt ein Bettelmann daher, das anderemal ein Nachbarsdirndel, das drittemal ein Hausierer — aber der Rechte ist es nicht und ist es immer nicht. So sind die ersten Tage der Woche vergangen, so sind die letzten Tage vergangen — und er kommt nicht. Die Barbel geht manchmal über den Rain hin, hält die Hand vor das Auge und schaut in die sonnige Welt hinaus. In der Ferne ist ein Läuten. Hummeln summen an den Kirschbäumen herum, wo im grünen Laub an langen Stengeln die roten Kirschlein leuchten. — Plötzlich jauchzt das Mädel auf.

Kommt er?