Dreißigster Sonntag

Am dreißigsten Sonntage.

Das emsige Heuen, das heiße Heuen drängt alles andere in den Winkel. Alles ungute Denken und alles wehe Bangen. Die Barbel ist auch auf den Wiesen in ihrer wulstigen Joppe und mit ihrem langstieligen Rechen. Einmal hatte sie ein Liedel gedrällert:

„Es ging ein Knab’ spazieren

Wohl heimlich bei der Nacht ...“

„So ist’s recht, Mädel!“ rief der Adam helle aus. „Junge Leut’ müssen lustig sein!“

Er hatte nur des Liedes lieblichen Anfang vernommen, nicht das Ende.

„Das Herz möcht’ einem zerspringen!“ hörte ich die Mutter seufzen.

Heute morgens bin ich hinabgegangen nach Hoisendorf, früher als an anderen Sonntagen, und eigentlich nicht der Kirche wegen. Ins Schulhaus gehe ich und sage zum Lehrer:

„Jeden Tag, den Gott vom Himmel giebt, wirst du erwartet im Adamshaus. Wir haben bald Ende Juli!“

„Es ist zum Verzweifeln!“ Er schlug seine Stirn mit der Faust.

„Aber ich verstehe dich nicht, Guido. Denke doch an Wort und Handschlag!“

„Zum Teufel, ja, ja, ja! Geh’ hinauf und nimm sie! Das ist so leicht gesagt, mein Hans! Lasset mich doch erst die Sachen ordnen.“

„Höre einmal, Guido, ich möchte dir etwas sagen. Bis dieses Jahr endet, bin ich ein reicher Mann. Nein, erschrick nicht, reiche Leute schenken nichts her. Ein Anlehen schon eher, auf Wucherzinsen natürlich.“

„Mir ist nicht besonders heiter!“ sagte er.

„Mir auch nicht. Aber zur Sache gehört’s für den romantischen Bauernknecht, daß er ein junges Liebespaar glücklich macht. Zweitausend Kronen sind dir fällig zu Neujahr. Du willst doch dein Weib und ich meinen Roman! Nun also! — Kopf aufrecht, Junge!“

Da hebt er an mit gröblicher Derbheit die Stube auf- und abzugehen zwischen den Schulbänken. Die Hände auf dem Rücken, den Kopf vorgebeugt: „Ich kann mir nicht helfen! Es kommt mir immer wieder, es ist verflucht!“ Plötzlich bleibt er stramm vor mir stehen und sagt in bestechendem Tone: „Warum gerade dir so viel an dieser Heirat liegt!“

Das alte Teufelslied ist schon wieder da! — Aber ich bin diesmal kalt geblieben, oder vielmehr kalt geworden.

„Winter!“ sage ich, „des öfteren habe ich dir den Rat gegeben, du sollst hinaufgehen. Jetzt gebe ich dir einen besseren Rat. Gehe nicht hinauf. Lasse sie, die du verführt hast, in Not und Unehr’ allein. Lasse sie hinwelken und in jungen Jahren sterben. Es ist besser, als du wirst zum Henkersknecht ihrer Liebe und peinigst sie mit Verdacht und hetzest sie mit Eifersucht in Verzweiflung und Stumpfsinn hinein. Schurken, die ein unschuldiges Wesen verderben und dann Ausflüchte suchen —“

Aufgröhlt er wie ein getroffener Eber, von der Schulbank bricht er schmetternd eine Latte und damit auf mich zu.

Ich stoße ihn mit der Hand seitlings: „Daß einen der leidige Zornteufel erfaßt, wenn ein Schulmeister nicht rechnen kann!“

Das hat er doch verstanden und ist still geworden. Und ist denn demütig zu mir gekommen: „Hans, die Liebe und die Sorgen! Das macht wahnsinnig! Nur soviel laßt mir noch Zeit, daß ich ein wenig den Weg machen kann, der uns zusammenführen soll.“

„Was ich vorhin gesagt habe, das ist gesagt. An dir liegt’s, ob ich dir Unrecht gethan oder nicht. Wenn ja, dann sollst du deine Genugthuung haben...“

Hierauf rasch davon. Und lange that es noch wetterleuchten in dunklen Seelen.

Seit meinem Aufenthalte im Adamshaus ist etwas, das früher nicht gewesen. Bei so manchem, was ich thue, frägt etwas in mir: War’s recht? War’s gefehlt? — Was ändert mich nur so? Ist es der Adam mit seiner Geduld, die Barbel mit ihrer heimlichen Liebespein, „von der niemand nichts weiß“. Ist es die Bravheit und Tüchtigkeit dieser Leute? Ist es der Ernst der Arbeit, die Größe und Herbheit der Natur? — — Gott, was war ich für ein Windhund in der Zeitungstube!

Jetzt kommt es mählig über mich, ich müsse auch für was gut sein. Ich müsse, was da leidet und irrt nach meiner Möglichkeit zum guten wenden. Er ist ja ein Thor mit seinem Verdachte. Nur steht die Frage offen, ob man in seiner Lage nicht am Ende selbst ein solcher wäre? In dem Hitzegrad, wie wir beide zusammengeriethen, duelliert man sich ja schon bei euch draußen. Hier ringt jeder mit sich selber, daß es zum guten werde für dieses arme Kind. Und ob starke Herzen nicht den Erdfluch zum Erdsegen wandeln können?! —

Und dann habe ich dir heute noch etwas zu erzählen.

Wir wollen in der nächsten Woche brachen, das heißt, den Acker umbrechen für die Wintersaat. Sehe ich nun heute in der Zeughütte nach, ob der Pflug im Stande ist. Und wie ich just mit dem Schlägel den locker gewordenen Arling festkeile, pipst draußen jemand: „Hänsel“ und eine zweite Stimme kräht: „Grethel!“ Und stehen im nächsten Augenblick zwei Herren von der „Kontinentalen“ vor mir.

Ich habe keine Lust, die Reize dieses Wiedersehens zu schildern. Herr Sammer und Doktor Wegmacher! Mit einer wahren Sündflut von Witzen sind sie auf mich eingedrungen. Ganz gutmütig, unzutreffend und geistreich dumm, die Bösartigkeit lag nur in der Menge. Sehr belustigten sie sich über meine entbarteten Backen und nannten mich „Euer Wohlgeschoren.“ — Auf einem touristischen Ausflug waren sie natürlich ganz zufällig in die Hoisendorfer Gegend gekommen. Durchwegs eine dunkle Gegend, aber aus der Ferne hätten sie ein Licht gesehen und diesem Lichte wären sie zugegangen und demnach urplötzlich vor dem klassischen Mistrüppel gestanden.

„Erleichtert euch immerhin, meine Herren“, habe ich gesagt, „nur erweist mir die Gnade, euch vor meinen Hausgenossen nicht legitimieren zu müssen. Ich begleite euch ins Thal hinab, durch den Waldsteig. In Hoisendorf giebts ein gutes Wirtshaus und morgen früh, recht zeitlich, wandert es sich prächtig durch die schattigen Schluchten hinaus in die schöne, lichte Welt.“

Wirklich schon in Todesangst war ich, sie könnten mir alles verschütten, aber das Wirtshaus übte eine solche Anziehungskraft, daß für den Adamshof die Gefahr bald vorüberging. Unterwegs haben sie mir Neuigkeiten erzählt von der „Kontinentalen.“ Doktor Angelus Mayer, der Redakteur des Feuilletons, ist nach irgendwo ausgewandert. Der Reporter für den Gerichtssaal wurde in eine Nervenheilanstalt überführt. Mir ist das nicht ganz geheuer, denn die genannten Herren waren Zeugen bei der Wette. Es ist noch der dritte vorhanden, der Administrator Lobensteiner. Was hatte ich dir auf dein Bedenken vor Wochen geschrieben? Daß drei lebendige Zeugen besser seien, als ein toter Federstrich? — Jetzt wäre mir der tote Federstrich lieber. Da ich nun sozusagen auch die Schullehrersippe auf mich genommen habe. — Der Chef, wußten die Herren zu sagen, spreche nicht gern von mir, oder nur achselzuckend wie von einem Sonderling, der seinen so hübschen Posten einer lächerlichen Bravour geopfert habe. — Ich ließ mich schön empfehlen. — Aber der Herr Knecht würde doch ins Wirtshaus mitkommen. Dieser gütigen Einladung wurde jegliche Antwort verweigert und als wir zur Bachbrücke kamen, verließ ich die Herren mit der Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen zu Neujahr.

„Au, Teufel!“ rief der eine, „ist das eine Dreschflegelbratzen! Dein Händedruck ist ja das reine Vergehen gegen die körperliche Sicherheit!“

Dann hatte ich sie glücklich los. Eine halbe Stunde später kniete ich in der dämmernden Stube des Adamshauses und betete mit den Hausgenossen den Psalter.