Neunundzwanzigster Sonntag
Am neunundzwanzigsten Sonntage.
Nun heben die Feste an. Es beginnt das Ernten.
Zuerst reift uns das, woran wir das geringste Verdienst haben. Wasser leiteten wir auf die Wiesen, das war so ziemlich alles. Das Wasser löst in der Scholle die gebundenen Kräfte und nun steht die üppige Halm-, Blätter- und Blumenwildnis da. Am Morgen heben sich die taufeuchten Knospen empor, im jungen Sonnenschein entfalten sie sich und lachen in allen Farben den ganzen Tag. Und schaukeln im Winde ihre Glocken und Kronen, umtanzt und umworben von summenden Hummeln und flammenden Faltern. Gegen Abend senken sich die Blumen müde niederwärts und schließen sich zu und die kleine unendliche Tierwelt birgt sich unter Blättern und im Wurzelgeflecht. Immer möchte man dastehen und die Herrlichkeit betrachten, anstatt dessen muß man sie mit der Sense zerstören. Das gehört auch zum Menschenfluch — er macht die Blume zu Heu!
Freund, das Mähen ist schwer! Die härteste Arbeit im ganzen Jahr! Damit entschuldigt mich der Adam, wenn’s nicht klecken will. Schon die Vorbereitungen deuten auf Außerordentliches, so das schallende Dängeln der Sicheln am Vorabend, so der kräftige Weckruf am Morgen, so das stattliche Frühstück um sieben Uhr früh auf der Wiese. Aber du mußt vorher drei Stunden mähen. Taunasses Gras schneidet sich besser als eins, das die Sonne gewelkt hat. Schon seit einigen Wochen hatte ich mich geübt in der Führung des grauenhaften Messers und spiele nun leidlich den Sensenmann, blühendes Leben vor mich niederzulegen in langen Machden, die hinterher der Franzel mit der Holzgabel auseinander streut. Der mit Wasser und Stein gefüllte Wetzkumpf hängt mir hinten, so wie euch der Zopf. Aber unten am Gürtel. Und nach jedem dritten Dutzend Hiebe ins Gras — die Sense zählt fast jeden Streich mit einer kleinen Scharte — muß sie geschärft werden mit dem Wetzstein. Schüttest du dir ungeschickterweise beim Bücken das Wetzkumpfwasser über den Kopf, so magst du den Stein nachher ins nasse Gras tauchen; ausgelacht wirst nicht, weil jeder mit sich selbst zu thun hat. Die Reihe bei uns ist nicht lang. Voran der Hausvater, der in seiner blädernden Leinwandhose gebückt und weitbeinig dasteht und mit jedem Hieb einen Schritt weiter schleift. Dann meine Wenigkeit mit ihren unterschiedlichen Nöten; hinten die Hausmutter, die sehr schneidig dreinmäht und mir stets hart an den Fersen ist. Es ist eine schreckliche Marschroute, Stund’ für Stund’. Zum Glücke hat man dabei keine Gedanken, man schwitzt alle heraus.
Die häuslichen Arbeiten besorgt das Mädel. Der Rocherl hat seinen Almdienst dem Gemeindehalter übergeben und weidet die Schafe am Rain. Dabei flucht er wieder etwelches über den Jäger Konrad, der ihn unfähig gemacht hat zu jeder starken Arbeit. „Der Vater mit seiner kranken Brust muß mähen und ich muß müßiger Schäfer sein!“ klagte er mir. Könnte der junge heißblütige Mensch so arbeiten, als wir anderen, er würde sich nicht verlieren, die Kraft würde sich nicht umsetzen in ein dämonisches Seelenleben, vor dem mir manchmal so bange ist.
Freilich muß der Adam oftmals aussetzen mit der Sense, um sich verschnaufen zu können. Die Mutter hat immer das Hexenkraut mit, aber bisher ist es auf der Wiese nicht nötig gewesen. — Steht die Sonne hoch, dann hängen wir die Sensen in den Schatten eines Strauches, nehmen Gabel und Rechen, krauen die flachgestreuten Futterschichten um, so daß sie über und über trocknen, und am nächsten oder übernächsten Tage zu Haufen oder Schöbern gespeichert werden können. Vom Wetter getrauten wir uns nicht ein Wort zu sprechen vor lauter Frohsein, daß es so schön war. Wir könnten es verschreien. Nur einmal sagte der Adam fast beklommen vor Freude, ein so gutes Heu, wie dieses Jahr, hätte er schon lange nicht mehr bekommen. Dieser Duft! Köstlich wie der Geruch des feinsten chinesischen Thees. Die Leute wissen nicht, weshalb es beim Heuen so heiter hergeht, es ist der Rausch der Düfte, die aus welkenden Kelchen steigen. Über Nacken und Antlitz rieselt prickelnd der Schweiß, immer und immer bestätigend jenen uralten Fluch oder Segen: Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dir dein Brot verdienen! — Das heißt einmal Wort halten, du heiliger Herrgott! — Hingegen muß ich sagen, daß meine alten Kopfschmerzen, die mich sonst in der heißen Jahreszeit gequält haben, bisher hier ausgeblieben sind.
Am Donnerstage abends war’s, als ich über den Hof gegen meine Schlafkammer schritt, daß von Barbels Stube her die scharfe Stimme der Hausmutter erscholl. Sie steigerte sich bis zur höchsten Heftigkeit. Dann hub sie an, laut zu gröhlen. Das Mädel habe ich gar nicht gehört. Als wäre es froh, daß der gefürchtetste Sturm vorüber, herzte es am nächsten Morgen das schwarze Lamm und sprach: „Du bist ja mein! Du bist ja mein! Du bist ja mein!“ Das Tier leckte an ihrem roten Mund. Da lachte sie, und lachte so klingend, daß das Lamm emporfuhr und sie erschrocken ansah.
Und am Samstag war’s, als der Hausvater, der Rocherl und ich auf einem Heuhaufen saßen und „Halberabend“ hielten, das heißt, das Nachmittagsbrot einnehmen. Es bestand aus Buttermilch und Topfen, in einem Brei vereint, eine der wenigen Speisen, die mir trotz aller guten Zucht gar nicht in den Schlund wollen. So legte der Adam mir den Brotlaib vor: „Heiz ein, Hansel! Hast brav angezogen, die Wochen. Jetzt lassen wir’s gut sein, für heut. Eine Freud’ ist’s, so ein Heu! Eine Freud’ ist’s!“
Dann gingen wir, unsere Gabeln und Rechen auf der Achsel, langsam in den lieblichen Feierabend so dahin, die Sonne stand noch über den Bergen. Sagte der Adam plötzlich: „Und daß mir der Stein vom Herzen ist, Gott Lob und Dank, daß er mir vom Herzen ist! — Gestern hat sie ja gelacht wie ein lustiges Vogerl in den Lüften!“
Da habe ich gesagt: „Wer sollte denn nicht lustig sein, wenn es so schönes Heu giebt!“
Er blickte mich rasch an und wieder weg. — Wenn’s ein so schönes Heu giebt? Ist denn das Mädel ein Heu? — „Bleichsüchtig wird sie sein, oder was Teuxel. Und blutarm, daß sie sich so stark anlegt im Sommer. Mein Gott, alles eins, Kranksein oder Betrübtsein. Nur brav bleiben! — Gott Lob und Dank, daß sie wieder lachen thut!“
Die Spatzen pfeifen es auf dem Dache. Die paar Schwalben, die noch um unsere Giebel kreisen, wissen auch was. „Hörst sie?“ hat mich der Rocherl gefragt. „Hörst, was sie singen?“ Und zwitscherte — der Vogelsprache kund: „Der Schulmeister ist ein Erzspitzbub’, ein Erzspitzbub’, bringt Dirnlein in die Schand’, in die Schand’, und laßt sie sitzen!“
„Dumme Ludern, diese Vögel!“ sage ich.
Der Junge legte den Finger an den Mund: „Hörst es, was jetzt einer singt? — Totschießen, totschießen....“
„Ei, was dir nicht beikommt!“ lachte ich gröblich drein, „verstehe sie doch besser: ‚Brotessen, brotessen! Und hast du Junge im Nest, Junge im Nest, so mußt du sie fleißig atzen.‘“
In dem Augenblick, wie dem Burschen im Horchen auf den Vogel das Gesicht sich versichert, fährt es mir kalt über den Rücken. Was ist das für ein Menschenantlitz?
Ich hielt ihm meinen Taschenspiegel vor: „Willst ihn?“
„Will ich wissen, wie schön ich bin, so ist mein Brunnentrog da,“ antwortete er ablehnend, „thu’ ihn lieber dem Schulmeister spendieren, daß er sein Reibeisengesicht kann betrachten.“
„Weißt du, Rocherl, was ein junges Gesichtel noch häßlicher macht, als Blatternarben? Rate einmal.“
„Laß mich zufrieden!“
„Weißt du, was ein Menschenauge am ärgsten entstellt?“
„Was lauter?“
„Der Haß.“
„— — Der Haß?“
„Der Haß macht häßlich!“
„Brauchest mich ja nit anzuschauen, wenn ich dir nit gefall’!“ sagte er rasch und wendete sich ab.
Was lauert in dem?! —
Vor kurzem war der Konrad wieder bei ihm, der Jäger. Er hatte gehört, der Rocherl wäre auf der Alm von Lotterbuben beleidigt worden.
„Ist es dir recht, Rocherl, so zahl’ ich’s ihnen heim.“
Antwortete der Junge: „Da braucht’s nix heimzuzahlen. Wenn die Kulmbockische an einem hängen bleibt, dann hat er eh sein Teil. Und was geht das dich an!“ Nach diesen Worten wendete er sich nicht seitab wie sonst, blieb noch stehen vor dem Jäger und sagte: „Konrad, wenn du wieder einmal gut schießen willst — einen Bock thät’ ich wissen!“
Das verstand der Jäger nicht. Zögernd ging er seines Weges. —
Nun wieder etwas anderes. Gestern am Abend gab es Tierhetze. Sah ich über die Breitwiese hin unsere braune Kuh laufen, mit hin- und herschlagender Wampen erschreckt dahintrotten, hinter ihr der Bismarck und ganz hinten lauft mein Adam, erregt den Pudel hetzend auf das Rind. Das will schon fast zusammenbrechen vor Erschöpfung, der Adam aber immer noch: „Huß, Bismarck, huß, huß!“ Und beide der Kuh nach.
Ich eile ins Haus: „Mutter, schauet geschwind hinaus. Der Vater ist närrisch worden!“
„Jesses, der Klee!“ ruft die Hausmutter und schreit zum Fenster hinaus: „Huß, huß, Bismarck!“ Und der Rocherl springt zur Wiese hinab, reißt vom Haselbusch eine Gerte und jagt das arme Rind wieder auf, weil es schon hingefallen ist.
O ihr verdammten Bestien! denke ich und eile auch hinzu. „Reitet euch denn alle der Teufel, jetzt auf einmal!“
Sie zerren die Kuh bei den Hörnern weiter, sie schlagen mit der Gerte auf sie ein und der Hund läuft im Kreise herum, bellt und schnappt manchmal in das Bein des Tieres.
Da fängt an diesem plötzlich etwas an zu gurgeln.
„Sie windet, sie windet!“ ruft der Rocherl.
„Nachher ist’s gut,“ sagt der Adam und bleibt stehen. „Jetzt führ’ die Braune in den Stall und schau, daß sie kein Wasser kriegt!“
Und des Rätsels Lösung ist die: das Rind war von seiner Grasweide unvermerkt auf das Kleefeld gekommen und hatte sich dort satt gefressen. Aber die üppige Pflanze hub an zu gären und hätte der Kuh den Magen gesprengt, wie der Adam sagte, wenn durch das heftige Jagen nicht Wandel geschafft worden wäre.
So sehen bei uns die Parforcekuren aus.
Vor einigen Wochen war derselben Kuh wegen ein kleiner Familienzank. Das Thier benahm sich des Morgens ganz wider seine Gewohnheit sehr unruhig, lautete fortwährend, bockte an den andern Rindern herum und da sagte der Adam, die Barbel und der Franzel sollten halt die Braune zu Nachbars Jodel führen. Das Mädel antwortete gedrückt, das möge es nicht gerne thun. Der Vater war darüber betroffen, daß sie — die doch sonst in allem so willig ist — auf einmal weigerlich würde. „Seit Jahr und Tag,“ sagte er, „führst du die Kühe zum Jodel und jetzt auf einmal der Unwillen! Das versteh’ ich nit!“ Es ist dir eine empörende Einfalt in diesem Alten, es ist der platte Adam vor dem Sündenfall. Die Mutter hat ihm nahe gelegt, daß die Zeiten sich halt ändern thäten, so hat der Vater den Kopf geschüttelt und mit der Kuh den Franzel und mich zum Nachbar geschickt. Mir war das gerade einmal recht und ich wollte den vierzehnjährigen Knaben beobachten. Es gab aber nicht viel zu beobachten. Dieweilen der Jodel mit der Kuh seine Scherze trieb, schnitt sich der Knabe auf der Wiese eine Germe ab, höhlte den Stengel durch und versuchte daraus eine Blaspfeife zu schnitzen.
Ganz so harmlos ging es heute beim Mittagsessen nicht zu. Es war die Barbel wieder einmal nicht vorhanden. Sie habe Zahnschmerzen und könne nichts essen. Die Hausmutter war ausnehmend weich gestimmt und gesprächig. Sie erzählte so nebenhin manche Neuigkeit von einer Bekannten in Krosbach. „Eine soviel brave Person, die Gutheit und Bravheit selber. Ein einziger Fehltritt, mein Gott, das junge Blut und das Gernhaben! Ist ihr halt auch so ergangen, wie es seit der ersten Menschenmutter Weltlauf geworden. Mein Gott, es ist ja nichts neues. Schon bald, wie der Vetter Krisost einmal gesagt hat, daß es in Krosbach wäre: Eine Schand für eine junge Dirne, wenn’s nit ist. Zeit und Weil ist ungleich. Ehevor ist’s freilich großmächtig gefehlt gewesen, jetzt macht man sich schon bald eine Ehr’ draus. Die Schlechtesten, meint der Vetter Krisost, wären es eh nit, die Malheur haben.“
„Der Vetter Krisost ist ein Strick“ fuhr der Hausvater drein. „Die Lüderlichkeit schön machen, das thät’ g’rad noch fehlen. Im Adamshaus wird so was wohl doch nit vonnöten sein!“
Die Hausmutter kam nicht weiter in ihrer Erzählung von der Bekannten in Krosbach. Hingegen fragte sie, dieweilen ihr bloßer, magerer Arm in der Schüssel das geschmälzte Kraut umrührte, leichthin, wer heute bei der Predigt gewesen wäre? Ob nicht das Evangelium vom Pharisäer und Zöllner ausgelegt worden sei?
„Das ist heut’ nit,“ antwortete der Adam. „Heut’ ist dasselbe, wie der Herr Jesus viertausend Leut’ mit dem wenigen Brot gespeist hat.“
„So werden wir auch nit verhungern, wenn um Eins mehr wird,“ sagte sie.
„Wieso?“ fragte er dumpfig. „Du meinst, wenn der Valentin auf Urlaub heimkommt?“
Hat aber den zerrissenen Roggenknödel auf dem Teller liegen lassen, hat nichts mehr gegessen und ist’s gewesen, als wäre wieder so etwas wie der Dampf in Anzug.
Ich glaube, er ahnt. Nur nicht wahr haben will er’s.
„Kleine Kinder, kleines Kreuz, große Kinder, großes Kreuz!“ sagte noch die Hausmutter mit einem Seufzer.
Er fing an, die Achseln in die Höhe zu schieben, den Hals einzuziehen, die Brust schwer zu heben und stöhnte: „Mutter, den Rauch!“
Glaubst du, daß es gut ist, wenn man seinen Kopf in den Sand vergräbt? Nach meiner Meinung ist die Furcht vor einem bevorstehenden Unglück heilsam, sie nimmt schon einen Teil des Leidens vorweg. So wie die zu große Hoffnung auf ein kommendes Glück dasselbe schädigt, weil die übermaßige Erwartung enttäuscht wird, so erscheint nach großer Angst vor dem Ungemach dasselbe thatsächlich selten so schlimm, als man sich’s vorgestellt. Also sollte doch auch mein Adam das kommende Unheil tapfer vorweg fürchten, damit es ihn dann nicht in plötzlicher Wucht niederstoßen kann.
Tapfer fürchten! habe ich gesagt. Du verstehst, Philosoph.