Einundzwanzigster Sonntag
Am einundzwanzigsten Sonntag.
Revolution hat’s gegeben in dieser Woche, bei uns im Adamshause.
Es waren die Schuster da. Ihrer drei, der Meister mit der großen Glatze, der Geselle mit dem pechschwarzen Haarschopf und der Lehrjung mit dem fuchsroten Skalp. Aus den Kuh- und Schweinshäuten, die der Adam den Tieren abgezogen und der Nachbar gegerbt hat, wollen sie uns Schuhe machen fürs ganze Jahr. Im Frühjahre, meint der Hausvater, wären die Herren von Drahtzug am wenigsten übermütig, da hätten sie wenig Arbeit im Gai, da wäre ihnen nicht jedes Leder zu spröde, nicht jedes Garn zu ruppig, nicht jedes Schmeer zu ranzig und nicht jede Kost zu schlecht. Und dennoch beherrschen sie das Haus. Den großen Tisch haben sie an den Herd gerückt, den Gewandkasten an den Ausgußtrog. In dem also freigewordenen Raum sitzen sie nun mit ihren breiten Rundungen, jeder auf einem Dreifuß. Der Meister mit der Glatze schneidet auf dem Kniebrett das Leder zu. Der Geselle mit dem schwarzen Schopf haspelt über den nackten Ellbogen und den ausgespreiteten Fingern das Garn, spannt nachher die Fäden an den Wandhaken, um weit in die Stube hinaus den Draht zu ziehen. Wenn er mit seiner Pechsohle glättend dem von der einen Faust strammgespannten Draht entlang fährt, da dröhnt das ganze Haus. In großen Zubern ist altes Schuhwerk eingeweicht, überall riecht’s nach Leder, Pech und Schustern. Den Lehrjungen mit dem fuchsroten Skalp, den kenne ich schon. Er guckt immer schief an mir vorbei, denn ich habe in der heiligen Osternacht knechtliche Arbeit an ihm verrichtet. Das ist auch einer von solchen, denen alles zum besten anschlägt. Weil sie ihm damals das Haar versengt haben, kann ihn der Meister jetzt immer noch nicht beim Schopf nehmen. Nun möchte er gern der jung’ Schuster genannt werden, aber unser Rocherl heißt ihn den Saufüssel, als wie er von rechtswegen im Taufscheine steht. Der kann jetzt seine Ausgelassenheit an dem alten mausgrauen Schuhwerke üben. Mit der Zunge reißt er es auseinander, damit die noch brauchbaren Lederteile an den neuen Schuhen verwendet werden können.
Das war der Schusterherrschaft erster Tag. Am zweiten wurde schon tapfer ausgefahren nach links und nach rechts mit den aufgeärmelten Armen. Der durchs Leder fahrende Draht röchelt wie ein „steckkropfiger Bürstenbinder“ und die Schuster fluchen wie ein verliebter Husar. Das sind noch zwecklose Schuster, lieber Freund, die nageln noch nicht, die nähen.
Aus Anlaß der Schuster, die auch des Abends arbeiten, bis zehn Uhr, haben wir ein neues Licht bekommen. Das Spanlicht war ihnen zu rauchig, die Rübsöllampe zu „dumper“ gewesen. Die Unschlittkerze war zu schwach für sechs Augen, die mit der Schweinsborstennadel das Loch ins Leder finden wollten. Dieses Loch mochte mit der befetteten Ahle noch so gut gestochen sein, die Borste zuckte umher und traf es nicht, und daran war die „Funtzen“ schuld. Die Schuster huben an zu fluchen und verlangten Petroleumlampen, wie sie der Nansenbauer und der Kirchenwirt zu Hoisendorf haben. Da brachte der Adam zwei Glaskugeln daher, ich glaube, mit Wasser sind sie gefüllt, hing sie an beiden Seiten der Kerze auf und siehe, diese Reflexe verdoppelten das Licht. Der Schustergeselle war übermütig und fabelte von einer elektrischen Beleuchtung, wie sie in den Städten wäre. Unterbrach ihn die Hausmutter: „Bei uns auf der Bäuerei ist’s halt so der Brauch: früh schlafen gehen und früh aufstehen, da erspart man die teueren Sachen, und der Sonnenschein, den der Herrgott umsonst giebt, thut’s auch noch.“
Jedes bekommt jetzt seine Schuhe, die Mannsleute „grobgenähte“, die Weibsbilder „durchgenähte“, die einen mit auswendiger, die anderen mit verdeckter Naht, letztere besonders für Sonntagstracht. Der Rocherl wollte auch von der feineren, „durchgenähten“ Gattung haben, aber der Adam sagte: „Schamst dich nit?“ — Auch mir sind ein Paar „Grobgenähter“ angemessen worden. Als der Meister mit einem Papierstreifen das Maß nahm, spuckte er aus und sprach: „Das ist kein Bauernfuß!“
Bei Tische schwamm in dieser glorreichen Schusterwoche alles in Fett, das Kraut, die Klöße, der Sterz, der Brei, das Fleisch. Und auch die salbungsvollen Reden, die der Meister hielt. Einmal ging’s über den Nachbar Kulmbock her. „Der neue Landbote, sapermosthosen! Der wird’s schon machen! Der wird’s schon packen, das Ferkel beim Fuß! Der wird der Katz die Schellen schon anhängen, der! Die Dienstboten sollen wieder gezwungen werden für ein ganzes Jahr! Oder der Schandarm her! Der Bauer soll mit seinen Ochsen und Kindern thun können, was er will, sie in die Schul schicken oder daheim zur Arbeit brauchen. Die Bauerngründe sollen verkaufsweise nicht mehr auseinander gerissen werden dürfen, wie alte Hemdfetzen, wenn man Schuhlappen aus ihnen machen will. Ein Bauernhofbesitzer, wenn er verheiratet ist, soll nimmer Soldat werden, weil er eh daheim seinen Krieg hat. Die Jagd soll abgeschafft werden, weil es ungerecht ist, wenn der Hase den Kohl, und der Herr den Hasen frißt, dieweil der fleißige Bauer an den kahlen Krautstengeln nagen kann. Die Bauernsteuern werden verringert, weil die Herrenleut’ froh sein müssen, wenn ihnen der Bauer was zu essen giebt. Die Herrensteuer soll erhöht werden, denn warum, weil sie alleweil sagen, daß die Herren mehr wert sind als andere.“
Das ist des Kulmbocks Programm, in welchem der Schuster jeden Punkt mit einem lauten Lachen begleitete. Und so oft er während des Essens das breite Lachen ausstieß, ging ein leichter Sprühregen über den Tisch, so daß der Rocherl in einer seiner lustigen Anwandlungen zur Mutter sagte, sie möge das rote Parapluie hervorsuchen.
„Soll’s heut noch regnen?“ fragte der Meister.
„Es tröpfelt schon.“
Und der Schuster wieder über den Kulmbock: „Freilich, natürlich! Versprechen thut jeder, bis er drinnen sitzt. Nachher sitzt er halt und laßt sich zahlen fürs Sitzen auf dem Lederpolster. Nau, Kurschamadiener! Wenn der Kulmbock so viel besser macht, als was das Schwarze an meinem Fingernagel ist!“
„Man muß nicht so unbescheiden sein,“ war mein Senf drauf.
„Der Kulmbock ist schon recht,“ redete jetzt auch die Hausmutter drein. „Wenn’s wahr ist, daß er den Jäger Konrad will anzeigen. Wegen dem Rocherl seiner Wunden.“
Machte der Hausvater mit der Hand einen leichten Schlag in die Luft: „Was hilft das!“
Der Lehrjunge hatte bisher nur gegessen. Nun er satt war, regte sich auch in ihm der Zeitgeist.
„Und was soll denn für die Lehrbuben geschehen?“ gixte er.
Weil das überhört wurde, so ein zweitesmal:
„Geschieht für die Lehrbuben noch immer nichts?“
Der Meister that ein bedeutsames Kopfnicken gegen den Jungen: „Wart’ nur, es wird gleich was geschehen!“
Der Saufüssel duckte sich hinter den Gesellen und streckte die Zunge heraus. —
Es gärt, mein lieber Philosoph!
Und eines Abends, als wir schon alle in der Stube beisammen saßen, sprach ein fremder Mensch zu. Der gab sich für einen gelernten Schlosser aus. Der Hausvater meinte, die Schlösser wären im Adamshause ziemlich überflüssig geworden. Es seien drei Schuster da und zwei alte Einlegerleute, so wisse er nicht, wo der Reisende schlafen solle. —
„Aufs Jahr schlafen wir schon in seidenen Himmelbetten,“ sagte der Fremde, „alsdann so will ich diesmal aus Gefälligkeit noch einmal mit dem Stroh fürlieb nehmen. Zum Nachtmahl bin ich mit einem wohlgeschmorten Schweinsbraten zufrieden, wenn nichts besseres vorhanden ist.“
„Der Herr wär’ eh gut,“ spottete mein Hausvater.
„Ja, mein lieber Bauer!“ sprach der Fremde, „jetzt werden wir halt einmal aus einem andern Loch pfeifen. Wie es in der Bibel steht: Die Ersten werden die Letzten und die Letzten die Ersten sein.“
Nun horchte der alte Michel auf, der im Ofenwinkel sein Abendsüpplein trank. Den Topf hielt er in seinen tatternden Händen, so horchte er hin und fragte dann seine Alte: „Was sagt er?“
„Das ist so einer!“ schrie sie ihm ins Ohr, „laß nur Zeit. Das ist schon so einer!“
Die Hausmutter sprach wohl nicht ohne Hinterhalt zum Fremden: „Vielleicht, daß der Herr bei unserem Nachbar Arbeit findet, beim Kulmbock drüben.“ Der, dachte sie, wird ihm den Prozeß schon machen.
„Von Arbeit habe ich nichts gesagt,“ antwortete der Schlosser in scharfgesetzter Rede, während er mit der schmalen Hand seinen schwarzen Spitzbart streichelte. „Ein ganz anderer Anlaß, weswegen ich da bin. Von Kailing komme ich seit gestern herauf. Alsdann dort thun sie alle mit, die Handwerker und die Bauern. Die Bürger werden schon nachkommen, denen ist’s derweil nur ein bissel unbequem. Ich glaub’s.“
„Um was geht’s denn?“ fragte nun der Schuster und brannte seine Pfeife an — wenn’s ein Plauderstündchen geben soll.
„Um was es geht?“ lachte der Fremde. „Euch Almgaiern muß man doch einmal die Schlafhaube vom Kopf nehmen beim Zipfel. Um was es geht, fragt er! — Der Nans in Hoisendorf da unten, der hat nicht lange gefragt, der hat’s bald begriffen, daß uns anders nicht mehr zu helfen ist alsdann. Uns allen, sage ich. Die Arbeiter, die Gewerbsleute, die Bauern — wir stehen zusammen!“
„Mir scheint, das ist einer von denen!“ sprach der Rocherl mit Bedeutung.
„Wohl, junger Mann und Großgrundbesitzer!“ rief der Fremde lustig. „Euch Bauern wird’s auch wohl thun, wenn wir einmal aufräumen mit dem alten Plunder. Sehen Sie, dort hinter dem Herd hocken so ein paar, die sich ihrer Tage lang geschunden haben wie ein Vieh und jetzt betteln gehen, dieweilen andere vom Schweiße des Bauers sich fett mästen!“
„Was sagt er?“ fragte der alte Einleger die seinige.
„Die Wahrheit sagt er!“ zischelte die Alte und zuckte ganz absonderlich mit den hageren Fäusten.
Der Fremde sprach weiter zum Rocherl: „Sie haben Unglück mit Ihrer Hand gehabt, hört man. Dieses Unglück kommt von den vornehmen Herren her, verstehen Sie? Wir wollen es einmal umwenden. Schriften habe ich mit. Sind schön zu lesen.“
Er packte Hefte aus und wollte sie verteilen. Die ihre Hand davor zurückzogen, denen legte er sie auf den Tisch hin.
„Wir haben eh zu lesen,“ sagte der Hausvater und warf von der Wandleiste die alte Hauspostille ziemlich heftig auf den Tisch.
„Ist ein Leutverdummer!“ bemerkte hierüber der Fremde. „Hätten die Leute rechtzeitig solche Bücher verbrannt, so wären sie selber nicht verbrannt worden, verstanden das? Jetzt ist eine andere Zeit und der Bratspieß wird umgekehrt. Aber zusammenhalten heißt’s, Leute! Dann sind wir die Stärkeren und erreichen alles, was wir wollen. Wenn der ungeheuere Reichtum, den die Arbeiter geschaffen haben, verteilt wird, dann giebt’s keine Armen mehr. Werdet es schon finden in diesen Schriften alsdann, steht alles drin. Aber solidarisch müssen wir sein!“
„Und ich sag’,“ rief der Schustermeister aus, „so lang wir soldatisch sind, wird’s nit besser!“
„Nicht soldatisch habe ich gesagt, Stockfisch! Solidarisch habe ich gesagt, alsdann das heißt so viel als gemeinsam. Einer für alle und alle für einen, wenn’s zum Herrenerschlagen kommt!“
„Was hat er gesagt?“ fragte der immer mehr erregte Einleger hinter dem Herd.
„Hörst es nit? Hörst es denn nit?“ entgegnete ihm die Alte, ihre Äuglein wurden scharf wie Geieraugen.
„Das Handwerk wird wieder einen goldenen Boden bekommen!“ fuhr der Schlosser fort.
„Bravo!“ rief der Schustermeister.
„Meister und Geselle sollen gleich sein!“
„Bravo!“ rief der Schustergeselle.
„Und der Lehrling soll wie der Geselle sein!“
„Bravo!“ kreischte der Saufüssel.
Schwups! hatte er des Meisters Knieriemen am Rücken, daß es klatschte.
„Wird schon geschlagen? Wird schon?“ So der alte Einleger Michel und stolperte hastig vom Ofenwinkel hervor.
„Ich thu auch mit!“ schrie die Michelin, krallte ihre Finger in die Luft und schoß herfür.
„Herrgott, steh auf, wir fangen an!“ rief der Alte lustig.
„Zuschlagen, zuschlagen!“ schrie sie und beide huschten ganz gespenstisch in der Stube herum, so daß wir uns alle fragten: Was haben denn die Alten? Als sie es endlich merkten, daß das Zuschlagen sich nicht auf die großen Herren und auf die reichen Bauern bezog, sondern bloß auf den Schusterjungen, schraken sie zusammen wie Nachtwandler, die plötzlich geweckt werden, und lallend taumelten sie wieder zurück in ihren Herdwinkel.
Freund, das war unheimlich, als aus diesen zwei sonst so schicksalsergebenen, kriecherisch demütigen, uralten Leutchen auf einmal die Bestie hervorpfiff! Mir ging’s ganz kalt über den Rücken.
Der fremde Schlosser hatte die Bewegung mit höchstem Wohlgefallen beobachtet. „Tapfer! Alles rot, die Jugend und das Alter!“ so begann er eine Rede, die unterbrochen wurde. Der Hausvater war schon eine Weile am Tisch gekniet, den Daumen an die Stirn legend, um bei der ersten Pause des Aufruhrs laut das Kreuz zu machen und den Psalter zu beginnen. Seht, als der Schlosser neu einsetzte, legte er los. Auch die Schuster beteten natürlich mit, während sie den Draht zogen, die Sohle hämmerten und mit der Zange das Leder über den Leisten zwängten. Der Schlosser wußte gar nicht, wie ihm geschah, zu diesem Schloß hatte er keinen Schlüssel. Wie er jetzt — während zu den Fenstern das Abendrot hereinschien — mit seinen weltumstürzlerischen Plänen mitten unter Betenden so stand! Im Widerstreite, ob er sich hinknieen sollte, oder setzen, oder fortgehen, blieb er mitten in der Stube stehen wie gebannt. Plötzlich brach der Hausvater das Gebet ab und auch wir anderen zuckten auf. Da schritt er zum Schlosser hin und sprach nicht laut aber deutlich: „Wer in ein fremdes Haus geht, der muß sich nach dem Hausbrauch richten. Wenn der Herr nicht mitbeten will, so soll er hinausgehen.“
Der Mann hatte jedoch ein Nachtquartier und für den nächsten Morgen ein Frühstück nötig, so bog er sich.
Nach diesem Abendsegen ging der Schustermeister in sein Bett, das oben unter dem Dache stand. Geselle und Lehrling legten sich nur halb ausgezogen aufs Stroh, das die Hausmutter zwischen Tisch und Werkstatt ausgebreitet hatte. Vater und Mutter gingen in ihr Stübchen, der Rocherl in sein Gelaß, das zu dieser Jahreszeit in einem Raume über dem Keller ist. Die Barbel nahm an der Stubenthür aus dem Gefäß mit den zwei Fingern ihren Weihwassertropfen und ging ernst und still in ihr Gemach. Der fremde Schlosser schaute ihr nach. Der doppelte Michelmensch siffelte in die Stallkammer und ich meinem Heustadl zu.
Mitten auf dem Hofe bleibe ich stehen und warte, bis der Schlosser aus dem Hause tritt. Als er nicht kommt, gehe ich nochmals hinein, es ist finster und still und bei der Thür des Mädchengemachs steht er. Was er da mache? — Ja, das Schloß studiere er, es sei ein altes, gar interessantes Eisenschloß, wie man solche nicht mehr viele finde. —
„Das wollen wir morgen besehen, wenn es licht ist.“ Damit habe ich ihn aus dem Hause und auf die Tenne geleitet zu seinem Stroh.
Auf der Tenne haben wir noch ein Wörtlein miteinander gesprochen. Ich hielt ihm vor, wie dumm er sich mit seiner neuen Lehre im Bauernhause ausgenommen habe. Sie hätten ihn zum Glücke nicht ernst genommen, sonst würde er jetzt wahrscheinlich Kreuzschmerzen haben. Er müsse schon stark verlumpt sein, so auf eigene Faust Socialdemokratie zu treiben. Ob er es nicht wisse, daß er mit solchen Grundsätzen längst allein stehe?
Hierauf behauptete er dreist, wenn man auch selbst nicht dran glaube, einfältigen Leuten müsse man so sprechen, sonst wären sie für nichts zu haben. Bei der Gleichheit würden sie doch anbeißen.
Da habe ich ihm gesagt: „Schänden Sie die Socialdemokraten nicht, die sind eine ehrliche Partei, sie verlangen ihr gutes Recht und wollen, denke ich, auch gewissenhaft ihre Pflicht thun. Sie aber gehören ins Zuchthaus.“
Und ließ ihn stehen bei seinem Stroh.
Hingegen hörte ich noch am selben Abende den alten Einleger zu seinem Weibe sagen: „Wir sind halt letze Leuteln. Wenn wir Rebellion machen, da lachen sie.“
„Laß nur Zeit, Michel. Bis erst unser Hieserl kommt, der wird schon stark sein.“
Der Hieserl, von dem man vor vielen Jahren die Knochen gefunden hat. —
Nicht allein die Menschen sind verrückt, auch die Zeit ist’s. Und sogar das Wetter. Mitten im Mai giebt’s bei uns Schneegestöber wie zu Neujahr. Kirschbaumblüten und Schneeflocken durcheinander. Das Rainhäuschen drüben hat ein Strohdach. Weil es leer steht, spricht der Adam davon, daß wir das Dach abtragen und damit unser Vieh füttern könnten. Denn wir haben in den Scheunen kein Futter mehr und auf der Weide liegt der Schnee so hoch, daß kaum die Zaunstecken herfürgucken.
Wir sind in der Stube gesessen und haben mal eins politisiert. So gut wie die Kannegießer kann’s auch mein Adam ohne Kanne. Der türkisch-griechische Krieg, von dem man jetzt so viel hört, gefällt ihm gar nicht übel. „Das ist gescheit, daß es dem Türken heimgezahlt wird, wie er vor Zeiten in unserem Land grausam sengen und brennen that! Und Leut’ einfangen.“ Aus der Pfarre Hoisendorf allein soll der Roßschweif dreiundsechzig Männer und Weiber in die Gefangenschaft davongeführt haben. — Als wir hernach vernahmen, daß die den Krieg angezettelten Griechen Schläge bekommen hätten, war es dem Adam auch recht: „Wer anfängt, der soll nur brav gehaut werden.“
Das war ein Messerchen gegen den zur Stunde anwesenden Holzhauer, genannt der „Toifel“. Aus dem Rudolf hatten sie einen Dolfel und aus diesem einen Toifel gemacht. Ein grober jähzorniger Mensch, der überall, wo ein paar Mannsleut beieinander sind, eine Rauferei anstiftet. Dieser bezog die Bemerkung des Hausvaters auf sich. Wie ein Tiger sprang er auf und fragte den Adam, ob das etwa ihn angehe? Ob er niedergelegt sein wolle, der Adam Weiler? Dann, möge er es gerade einmal sagen! — Da es in der Gegend Krüppel giebt, die „es gerade einmal gesagt haben“, so spielte ich den ehrlichen Diplomaten.
„An deiner Stelle thäte ich das nicht, Holzknecht,“ sagte ich. „Mit dem kränklichen Menschen da mir so den großen Ruf verpatzen, das wäre schon mein Letztes. Hast du Schneid, so weiß ich dir einen anderen, in der Stallkammer draußen ist er. Ein doppelter sogar. Der ist gar nimmer zu bändigen. Herren derschlagen will er gehen. Mit dem — möchte ich sagen — kann sich nur der Holzhauer Toifel messen, wenn er’s nit vorzieht, selber gegen die Herren zu gehen.“
„Was gehen mich die Herren an!“ knurrte er trotzig, immer wieder dem Adam zustrebend, „und der in der Stallkammer draußen geht mich auch nichts an.“
„So, der geht dich auch nichts an? Wo er just alle Tage ein paarmal prahlt: Wer ihn niederlegen wolle, der müsse früher aufstehen als der Toifel.“
„So! Hat er das gesagt?“ fragte der Holzknecht ganz geschmeidig. „Das Knäblein muß ich aufsuchen.“
Er ging hinaus, wir waren froh und sperrten hinter ihm die Hausthür zu.
„Mein Gott!“ jammerte die Barbel, „wenn er sie umbringt!“
„Er thut ihnen nichts,“ sagte der Adam, denn die Einlegersleut’, die ich gemeint, waren eine Stunde früher vom Nachbar Schlappzopf mit dem Schlitten geholt worden.
So viel für heute von den Welthändeln im Adamshause, wo dein in Liebe gedenkt der
getreue Knecht.