Zweiundzwanzigster Sonntag

Am zweiundzwanzigsten Sonntag.

Mein Herr Stein von Stein hat mir schon wieder ein Liebesbrieflein geschrieben. Es stünde mir — schreibt er in seiner unerschöpflichen Gewogenheit — ja selbstverständlich frei, meine Stellung und Zukunft einer Marotte zu opfern, er habe nur die Ehre, mir mitzuteilen, daß vom ersten des nächsten Monats an mein Ressort bei dem Blatte neu besetzt werde. Daß ich später darauf nicht mehr zu reflektieren hätte, wäre „selbstredend“.

Von den Kollegen schreibt mir jetzt keiner mehr. Nur der Mayer unterm Strich hat mir vor einigen Wochen eine abschreckende Schilderung des Redaktionsdienstes während des Krieges und der tückischen Liebenswürdigkeiten des Herrn Chef geliefert. Ich glaube, die Kerle intriguieren gegen ihr würdiges Oberhaupt und lachen sich ins Fäustchen, daß der alte Knauser die Wette verliert. Nur habe ich manchmal Bänge um die drei Zeugen. Wenn Gott jetzt die Doktoren Lobensteiner, Mayer und Wegmacher zu sich nähme! Doktor Wegmacher will immer nach Amerika auswandern, weil ihm der Mayer seine Causerien im Feuilleton nicht unterbringt, was auch wirklich eine Bosheit ist, denn die Causerien wären gut, sagt ihr Verfasser, und der wird es doch wissen! Lobensteiner soll stiller Gesellschafter der Firma sein. Solcherlei Umstände könnten einen Krach geben für mich. — Einstweilen stelle ich mich tot und antworte dem Chef nicht.

Daß du, lieber Freund und Philosoph, meinen Vorschlag wegen deiner Sommerfrische im Almgai rundweg abgelehnt hast, war für mich sehr schmerzlich, ist aber — näher bedacht — gut. Du hast recht, es wäre schade um die Erdreich-Märchenstimmung, die uns jetzt so berückt, und die entzaubert sein müßte, wenn ein moderner Stadtmensch im Grase läge und dem düngerkrauenden und kartoffelbauenden Freund unter schöngeistigen Gedanken zusähe. Du hast tausendmal recht, das Erdreichjahr muß in dem Ernste seiner großen Einsamkeit durchgelebt und durchgelitten werden. Läuternd! Es mag ja sein, denn manchmal brennts wie Fegefeuer durch meine arme Seele. Es ist oft eine geradezu blutige Mühsal. Und das Elend der Hausgenossen! Sie empfinden es zwar nur halb; ihr heimliches Leid krallt sich einem um so weher an, je ergebener es ertragen wird. Endlich das Heimweh nach Geistesleben! Hundertmal mag ich es mir vorsagen: es ist nichts dahinter, es verödet nur das Herz! Zum Teufel auch! In meiner Lage alles Geistesleben so brutal entbehren zu müssen, das verödet und verblödet das Herz! — Nun, du nennst das ein Auslüften der staubigen Stadtseele, und es wird endlich wohl das rechte Wort sein. Mein Leben lang werde ich dir danken müssen für deinen Zuspruch in dieser Zeit der Verwandlung.

Oft habe ich in der furchtbaren Einschicht keine andere Labe als — das Mitleid. Je hochgemuter die Adamsleute sind, um so mehr erbarmen sie mich, und je mehr Erbarmen, um so mehr Seligkeit. Jetzt fange ich erst an zu ahnen, was uns das Leid bedeutet. Es ist der Verzweiflung Gegengift. Besonders in meinem Falle. Von der großen Alpennatur, den Schönheiten der Landschaft hatte ich so vieles erwartet. Nein doch, derlei gefällt nur dann, wenn man sich selber hineinlegen und wieder herausgenießen kann, wenn die Seele frei, das Gemüt in Ordnung ist. Ein Ersatz ist es nicht. Und so bleiben nur noch die armen Menschen. Dem Himmel ist es in einer losen Laune eingefallen, diesen Adamshauserleuten mich zum Beistande zu geben. Gerade mich! Na gut, er soll sich nicht vergriffen haben.

Zur Zerstreuung stellt sich bisweilen irgend ein kleines Ungemach ein, das strenge genommen, ganz unnötig ist und also auch nicht bezahlt wird von der Fürsehung. Aus diesem Blatt wirst du Terpentin riechen. Das kommt so: In der vorigen Woche sind wir beim „Zäunen“ gewesen. Das heißt, wir haben Stangenschranken ausgebessert, so da Weide und Feld voneinander scheiden und auch die Besitzgrenzen feststellen. Letztere, will ich dich lehren, sind solche Schranken, an welchen bisweilen die Seelen verstorbener Grenzfälscher ruhelos gespenstern müssen, bis der versetzte Grenzpfahl wieder an der richtigen Stelle steht. So sei, erzählte mir der Adam, am Grenzzaun des Nachbars jahrelang in den Nächten der alte verstorbene Schlappzopf hin- und hergegangen und habe kläglich gewimmert. Der Adam habe wohl gedacht, da handle es sich um eine Grenzfälschung zum Nachteil des Adamshauses. Weil er aber doch nicht wissen konnte, um wieviel es gefehlt sei, so habe er den Pfahl nicht berichtigen können, habe jedoch in einer Pfingstsonntagsnacht, als der Schlappzopf wieder gewandelt sei und wieder kläglich gewimmert habe, dem Geiste zugerufen: „Nachbar, im Namen Gottes sollst du erlöst sein und mir nichts mehr schuldig sein, und der Grenzpfahl soll stehen bleiben wie er steht, und soll’s deinen Nachkommen geschenkt sein!“ Darauf sei der Geist verschwunden. Hingegen wäre in einer der nächsten Nächte ein anderer Geist an das Bett des Adams getreten, sein Großvater, und der hätte sich beklagt, daß der Adam was hergeschenkt hätte, das nicht ihm gehört. Und dann habe der Adam darüber nachgedacht, daß man wohl ein Kalb oder einen Wagen herschenken könne, nicht aber ein Stück Erdreich, das keinem gehört, weil es allen gehört. Den Nachkommen wie den Vorfahren, dem ganzen Geschlechte. Hernach habe der Adam mit seinen Leuten gesprochen, sie hätten sich mit dem Nachbar aber nicht anders vergleichen können, hätten ihm fünfzig Klafter abgekauft und die Grenze um soviel hinübergerückt. Dann sei Frieden gewesen.

Da hast du meinen ganzen Adam, zuerst schenkt er das Eigen hin, damit der alte Nachbar erlöst sei, dann kauft er’s wieder zurück, damit sein Großvater Ruhe habe. Und du siehst aus dieser Geschichte die Unveräußerlichkeit der angestammten Bauernscholle. Im Bauerntume kann man auch von Geistererscheinungen etwas lernen.

Nun also wir haben den Zaun neu gemacht. Der Hausvater trieb zu paar und paar die Stecken in den Erdboden, ich legte die Stangen dazwischen, junge Lärchstämmlinge, die wir vorher im Dickicht geschlagen und entästet hatten. Dann wand er um die Stecken frische Bänder aus Fichtenbaumzweigen, die der Rocherl am offenen Feldfeuer gebäht hatte, damit sie die nötige Zähigkeit gewannen. Der „Einhandel“ ist allemal vergnügt, wenn sich eine Beschäftigung findet, die er gleich einem ganzen Menschen verrichten kann. Ein ganzer Mensch möchte er sein, wie alle anderen, aber seine rechte Hand ist ohnmächtig, wie dürres Holz, nur weh thut sie wie Menschenfleisch. Und da bricht in dem armen Burschen manchmal eine Verzweiflung hervor, die uns alle hart bekümmert.

Was ist dagegen meine Wunde an der Hand? Und nun komm ich bald zum Terpentin. Es ist der Vorabend des Christihimmelfahrtsfestes und um vier Uhr nachmittags verkündet der Hausvater bei unserem Zaunmachen den Feierabend.

„In Gottes Namen lassen wir’s gut sein,“ pflegt er zu sagen, wobei mir allemal das Bibelwort von der Erschaffung der Welt einfällt: Und er sah, daß es gut war. — Ich aber sah diesmal am vorigen Mittwoch daß es nicht gut war. Es blieb da noch eine Zaunlücke offen, durch die des Nachbars Weidekühe leicht auf unser schön grünendes Haferfeld kommen konnten, während wir am Himmelfahrtstag in der Kirche saßen. Ich blieb also allein zurück, um die Lücke einstweilen mit Stangen zu verrammeln, und dabei stieß ich mir einen scharfen Holzsplitter in den Ballen der rechten Hand. Der Adam hat nachher mit der Taschenfeitelspitze wohl einen Teil davon herausbekommen, was aber drinnen blieb, das stach höllisch auf einen Nerv. Die Hausmutter kam mit ihrem schwarzglänzenden Pechöltopf, schmierte ein Pflaster und legte es über meine Hand. „Das zieht den Spell schon heraus.“

Zwei Nächte lang habe ich wenig geschlafen und wollte mich zum Ärgernis des ganzen Hauses schon aufmachen nach dem Doktor in Kailing, da begann doch endlich der Balken herauszuschwären. Er ist nicht größer als ein Hagebuttdorn und man ärgert sich baß über den Nerv, der einer solchen Kleinigkeit wegen so aufgebracht ist.

„Der Nerv ist halt nervös,“ meinte der Rocherl aus Erfahrung. Ich bin immer seelenvergnügt, wenn er humoristisch wird und du weißt jetzt, weshalb das Papier nach Pechöl riecht.

Vorgestern hat mein Hausvater in der großen Stube ein weitläufiges Gerüste aufgestellt, das noch mehr Verwirrung anrichtete als vorhin die Schuster. Ein Gefüge von Schrägen, Balken, Rollen, Haspeln, Rädern und allerhand Zeug. Lange wußte ich nicht, was denn das wieder bedeuten soll und zum Fragen ist er gewöhnlich auch zu stolz, der Herr Knecht. Am Nachmittage, als der Adam von Spulen und Haspeln Garn auf die Rolle zog, begann mir zu dämmern, und als dann auch das Schiffchen zum Vorschein kam und wie es bei jedem Ineinanderschlagen der zwei Garnrahmen lustig zwischen den Fäden durchpfiff, konnte sogar ein Redakteur der volkswirtschaftlichen Rubrik nicht mehr länger darüber in Zweifel bleiben, daß es ein Webstuhl ist.

Wie man dreist behaupten kann, daß die gewöhnliche Holzrolle zur Weiterbewegung von Lasten eine wichtigere Erfindung war, als später die Lokomotive und das einfache Spinnrad der Häuslerin die sinnreichsten Spinnereien der Welt an Bedeutung in den Schatten stellt, so darf ich auch sagen, daß der altbäuerliche Webstuhl in seiner Einfachheit, mit den schlichtesten Mitteln die größte Zweckmäßigkeit erzielend, doch eigentlich merkwürdiger ist, als alle kunstreichen Einrichtungen einer modernen Tuchfabrik, die ja auch aus dem Bauernwebstuhle hervorgegangen. Ein einziger Mann mit zwei Beinen zum Treten, zwei Armen zum Schnellen und einem Kopf zum Denken macht aus dem losen Garn die schöne, glatte Leinwand.

Wohl sehr mit einem Kopf zum Denken!

Recht lehrreich wäre es für den Städter, einmal ein Auge zu legen auf die Vielseitigkeit eines „dummen Bauers“. Nebst des Betriebes einer vielgliedrigen Landwirtschaft, die hier in Ackerbau, Viehzucht und Holzarbeit besteht, kann der Bauer nicht bloß Korn mahlen, Leinöl pressen, Haus zimmern, Dach decken, Ofen bauen, Brunnen graben, Kohlen brennen, Pechöl sieden, Most pressen, Branntwein destillieren, sondern auch Garn spinnen, Leinwand weben, Wolle wirken, Loden walchen, Leder gerben, kurz alles, was in eine Wirtschaft schlägt, die sich selbst genügen muß. Ein Vergnügen war es, dem Adam zuzusehen, mit welcher Fertigkeit er den Webstuhl betrieb. Man muß nur wissen, was das heißt: Garn! Ich hatte bloß einen ganz kleinen Handlangerdienst zu leisten und augenblicklich war ich umgarnt. Ich versuchte abzustreifen, wendete mich nach allen Seiten herum, begann zu zappeln und zu kreisen und geriet immer tiefer hinein, so daß es dann selbst die Hausmutter nicht zu stande brachte, mich zu erlösen. Sie schalt auch zu sehr dabei, war zu ungeduldig, ein Fehler, den das Garn am allerwenigsten vertragen kann. Ich geriet bei jeder Anstrengung, den hundertfachen Fäden und Maschen zu entkommen, nur immer tiefer ins Gewirre. So daß endlich die Barbel gerufen werden mußte, um die däppische Hummel aus dem Spinnengewebe zu befreien. Als das Mädel hereinkam, war mir’s just, als käme die Kreuzspinne nachsehen, welche Beute diesmal im Gewebe hängen geblieben ist. Während sie in aller Gelassenheit mit zarter Hand die Fäden von meinen Armen und Beinen nestelte und auch die Schlingen um Brust und Hals lockerte, ward die Umstrickung erst vollkommen....

Wenn das der Schullehrer erfährt! Ich vermute, daß die Leinwand, die der Adam webert, zur Hochzeitsausstattung kommen wird. Und ist schon einmal der zugewanderte Knecht im Garn gesessen! Thorheit! Das Mädel ist arglos wie ein Schneeglöckchen. Wer mich umgarnt hat, das bin ich selbst — mit meinen dummen Einbildungen.

Wir können ja nicht lieben, wir von der „hecheren Bültung.“ Wir können liebeln und tändeln und sündigen und eifersüchtig sein. Aber lieben? Wie Leander die Hero, wie Romeo die Julie! Dafür sind wir viel zu gut erzogen. Oder zu schlecht genährt. Was meinst du, Philosoph? —

Heute am Nachmittag ist der Michelmensch wieder dagewesen. Der Doppelte, dem ich’s zutraue, daß er lieben konnte, seit man sah, wie letzthin sein Haß zum Dach heraus gelodert hat. Er war vor einigen Tagen vom Nachbar so plötzlich mit dem Fuhrwerk geholt worden, samt seinem großen Korbe, daß er gar nicht Zeit hatte, sich im Adamshause zu verabschieden. So kam das alte Einlegerpaar um sich zu bedanken für die „guten Wochen“, die es hier aufgehoben war. Sprecherin war das Weib natürlich, und brachte sie es so treuherzig vor, so dankbar und zart, wie sie beten wollten allbeide, daß die liebe Frau Mutter Gottes ihren Schutzmantel ausbreiten möchte über dieses treue Haus und seine frommen Leute. Und wenn der Michel und die Michelin, was wohl sicher sei, früher von dieser Erden Abschied nehmen müßten, als die Adamshauser, so wollten sie beim Herrgott im lichten Himmel oben schon einen guten Platz belegen für den Vater Adam, für die Mutter Traudel und ihre Kinder alle vier.

Waren das wirklich die zwei Alten, die bei der Anwesenheit des aberwitzigen Roten so wütig aufgezischt hatten? War es purer Wahnsinn gewesen? Oder war diese demütige Dankbarkeit für gebührende Armenpflege nichts als Heuchelei? Ich denke, es sind alte Kinder, die auf einmal störrisch werden können. Oder ist auch im gottinnigen, altweltischen Landvolke ein wilder, revolutionärer Blutstropfen vorhanden?

Sie trippeln, mit ihren Stecken klappernd, schon über die Thürschwelle, als die Alte noch einmal umkehrt zum Feuerherd und die Hausmutter bittet: „Wenn etwan der Hieserl kommen sollt’ und unser nachfragen, gelt Mutter, du weisest ihn. Beim Schlappzopf sind wir jetzt, nächst Wochen beim Gleimer, nachher beim Kulmbock und auf der Sonnseiten weiter.“

Das Licht ihres Alters. Ihr Sohn! — O Freund, was der Glaube macht!

Gute Nacht zu dir, Alfred, in die weite Welt. Heute könntest du ein Kirchenlied von Paul Gerhard auf mir spielen, so weich bin ich gestimmt.

In diesem Hause herrscht ein schöner Brauch, den ich in anderen Bauernhäusern der Gegend bisher nicht beobachtet habe. Am Abende, wenn die Familie auseinander geht, reichen sich Eltern, Kinder und Geschwister die Hand und sagen: „Behüt’ dich Gott über Nacht!“ Sie sagen es so ernst, wie beim Abschied vor einer Gefahr. Das hat mir wieder einmal ins Bewußtsein gebracht, was das heißt: Die Nacht! — „Sie ist keines Menschen Freund!“ Was das heißt: Der Schlaf! „Er ist des Todes Bruder!“ —- Der Mensch legt sich hin wie aufs Bahrbrett und vertraut seinem Herzschlag, daß er den Leib warm erhalten werde. Bald hat alles aufgehört, was sein Leben und sein Streben gewesen. Es ist gerade so gut aus, als ob’s gar nie gewesen wäre. Es ist gerade zu gut aus, als ob’s gar nie mehr anfinge. Und wenn es nicht mehr anfängt, so ist kein Schmerz und keine Klage darüber beim ewig Schlafenden. — Und wenn es wieder anfängt, so ist es, wie eine neue Weltschöpfung ein neues Geborenwerden und ein göttliches Wunder. Alles was dem Einschlummernden lautlos und leidlos unterging, ist wieder da, wie aus dem Erdboden stehen liebe Menschen auf ringsum und sagen einander: Guten Morgen!

Freund Alfred, so sei auch unsere Urständ. Behüt dich Gott, über Nacht!