Dreiundzwanzigster Sonntag
Am dreiundzwanzigsten Sonntag.
Pfingsten, das liebliche Fest ist gekommen! So abgebraucht man dieses Citat finden wird, die schlichte Herrlichkeit desselben habe ich doch erst jetzt empfunden. Wenn ein derber Bauernkerl weinen dürfte, ich würde es mit Vergnügen thun. Wenn Bauernlümmel vor Glückseligkeit flennen vonwegen Blumen, Sonnenschein und Vogelsang — das wäre euch doch genug Gemütsbildung im Volke! Ganz unbeschreiblich, Freund, wie jetzt die Bergwelt schön ist. Wenn das Lüftchen zieht, so schneit es über das Stalldach die Blüten nur so herüber von den Kirschbäumen und die Hochmatten sind weiß bis hin zum Schachenrand vor lauter Margeriten. Ich versinke in Blüten- und Frühlingsleuchten und möchte manchmal aufschreien: Herr, ich bin nicht würdig! — Bezahlen lasse ich mich für diesen Himmel! Der Wette schäme ich mich zu Tode.
Und diesem Mädel ist noch zu wenig Blühen. Im Hausgärtlein hockt sie, auf das eine Knie stützt sie ihre Hand, mit dem andern kniet sie auf dem schwarzen Erdreich. Selber wie ein Rosenstock zieht sie junges Nelkengestämm, hegt silberschimmernden Rosmarin. Den braucht sie für Frohnleichnahm und so hat ihr’s die Mutter aufgetragen. — Jetzt nimmt sie das weiße Tüchlein und trocknet sich den Schweiß. Ist es denn schon so heiß auf der Welt?
An diesem Pfingstsonntag bin ich früh aufgestanden, bin hinausgegangen durch das nasse Gras. Der Löwenzahn und das hohe Gestämme der Glockenblumen haben meine Beine weit herauf mit Thautropfen benetzt. Auf der Kulmplatte, wo vor sieben Wochen das Osterfeuer gebrannt, bin ich gestanden und habe hingeschaut. Dieses urgewaltige Bergland, ich habe es angebetet wie einen Pfingstaltar. Aus unserem Hoisendorfer Thale ragt nichts hervor als der senkrecht aufspringende Rechenstein, aber ein Glockenton klingt zur Höhe, erinnernd, daß dort ein Kirchlein steht für solche, die Gott nur dann erkennen, wenn er klein ist und im Menschenbaue wohnt. Freilich, freilich, man soll ja Gott nicht nach außenhin suchen im unbeschränkten Raum, sondern in der eigenen Brust, und da mag es ja sein, daß die enge Beschränkung in einer Steinmauer eher den Weg ins Innere weist als das freie Himmelszelt. Aber du lieber Gott, mein Inneres ist ja nicht gerade allein dort, wo die Blutmuskel pumpt und das Gehirn arbeitet, mein Inneres ist überall, wohin ich denken kann, ist in allem, was das Ohr hören und das Auge sehen und das Gemüt fassen kann. Alles, wovon ich weiß, alles ist mein Leib, ist mein Wesen.
Als an diesem Morgen mir solche Gedanken kamen, da jauchzte es plötzlich: Mensch, Welt, du bist ja erlöst! Mensch, du bist Weltall geworden! Weltall, du bist Mensch geworden! Du bist eins, du bist ewig und dein Geist heißt Gott! — Und da giebt’s ja kein Leiden mehr, keine Unvollkommenheit, und wen sein Gürtel drückt am Menschenleib, der lege ihn ab und umgürte sich mit dem Sonnenkreis! —
Ich habe es schon wiederholt geahnt, mein lieber Alfred, daß die Stimmung des höchsten Glückes gefährlich werden kann. Heißt das, was man so nennt. An diesem Pfingstmorgen auf der Kulmplatte hatte es mich einen Augenblick lang überkommen: wenn ein Felsabhang da wäre, ich müßte jetzt in den Sonnenkreis fliegen. Aber der Bauernknecht hielt den Allmenschen zurück und sagte: „Was fällt dir denn ein! Soll der Adam mit seiner kranken Brust in der nächsten Woche allein brachen?“
Und da habe ich meinen unendlichen Leib, der mir ohnehin nicht entgehen wird, einstweilen an das Himmelszelt gehangen und ihn noch von außen angesehen, durch die zwei Augen des Hans Trautendorffer.
Hast du schon bemerkt, daß der Tourist, wenn er eine hohe Bergspitze besteigt, unwillkürlich fast immer zuerst nach Westen ausschaut? Ist das der magnetische Sonnenstrich, der die Menschheit stets von Ost nach Westen leitet? In mein Auge fällt zunächst die ferne Felsenkette mit ihren rotglühenden Spitzen. Sie haben schon die aufgehende Sonne. Nach der entgegengesetzten Richtung hin breitet sich das weite, silberne Meer. Der Golf von Fiume, du kennst ihn. Verstehst du mich denn nicht? Lachend erschrecken würdest du über die Ähnlichkeit des weißen Nebelbeckens im Niedergai mit dem genannten Meerbusen. Und auf den lichten Wassern des Quarnero gleitet ein Schiff dahin, das ist ein Habicht, der über der weißen Nebelschicht schwebt. Und jetzt geht dort, wo das Meer im Unendlichen ruht, die Sonne auf. Die schreckliche, die blutige, die ungeheure Sonne! Ganz glanzlos, eine glührote Scheibe, nach einem Rande hin dunkler, als hätte diese Kugel eine Schattenseite. Ist denn das dieselbe, die nach wenigen Stunden wie ein funkelnder Stern am hohen Himmel steht, jedes Auge blendend mit vernichtendem Blitz! — Nun hebt sie sich empor, ganz sachte. Kein Spiegeln im Nebelmeer, nur die Berge werfen hinein ihre Schatten, deren Ränder in Regenbogenfarben schillern. Und die Sonne lodert gewaltiger und nimmt in plansicherer Unbändigkeit ihren Schwung durch den ewigen Himmel.
Die armen Städter! Sie schlafen jetzt, dieselben Menschen, die vierzehn Stunden später sich mit klingenden Münzen in die dunstige Bude drängen, um einen Theatersonnenaufgang zu sehen.