Vierundzwanzigster Sonntag
Am vierundzwanzigsten Sonntage.
Ich verewige den Saufüssel. Den Schleuderer! David der König hat in seiner Hirtenzeit die Schleudersteine nach dem Riesen Goliath geworfen, der Saufüsselbub nach der Schafherde des Adamshauses. Das war sein Pfingstfestvergnügen und ist es ihm gelungen, einem trächtigen Mutterschaf das Vorderbein abzuschlagen. Das hielt er wieder einmal für einen guten Spaß. Ich entledigte ihn des Kleides und habe auf seine Abachseite allerhand eindringliche Lehren geschrieben, eingedenk der Alten, daß man die wichtigsten Dokumente auf Pergament schreiben müsse. Darob will der Junge mich jetzt verklagen. Beim neuen Landboten, dem Kulmbock, der alles recht machen wird, an dem keiner vorbeikommt, der es nicht zuläßt, daß Lehrjungen thätlich berichtigt werden. Nach dem neuen Gesetz dürfen keine Lehrjungen mehr gezüchtigt werden. Überhaupt, wenn die Rebellion kommt, meint der Saufüssel, dann sei nicht mit den großen Herren anzufangen, sondern mit den hergelaufenen Bauernknechten. Er scheint sich schon so einen auf die Mücke genommen zu haben.
Der Kulmbock giebt’s jetzt groß. An den Werktagen wandert er in der Bauernschaft umher und sammelt Unzukömmlichkeiten, Beschwerden, Wünsche und Forderungen, um sie im Hohen Landtage vorzubringen. Dann wird er’s ihnen schon sagen, „denen, die uns alleweil niederdrucken möchten. Wir sind auch noch da, wir! Und Glasscherben fressen wir ihnen schon lang nit, wir! Mit den Soci spannen wir uns zusammen, da werden ihnen die Hosen schon bledern, denen gewissen!“
Am Sonntage nachmittags sitzt er zusammen beim Kirchenwirt, mit dem Kuraten. Der Kurat hält nichts von den „Socis“; die Konservativen, sagt er, die Geistlichkeit voran, die wären weit bessere Bundesgenossen. Darauf antwortet der Kulmbock: „An die haben wir uns lang genug gehalten, sie sind dabei alleweil stärker geworden und wir alleweil schwächer. Na, Gott sei Dank! Mich kriegt keiner herum! An mir kommt keiner vorbei!“
Ich sage dir, Freund, dieser Kulmbock ist der wahre Bauern-Bismarck!
Und nun ein Liedel vom verwundeten Mutterschaf. Der Rocherl als Leidensgenosse hat besondere Teilnahme dafür und wollte ihm in einem Winkel des Stalles aus frischem Stroh ein Lazarett errichten. Da kam die Schwester und bettelte ihm das Tier ab. Der Junge war voller Freuden, daß die Barbel einmal einen Wunsch aussprach und überließ ihr das Schaf auf der Stelle. Sie nahm das schwere Tier in die Schürze, trug es in ihre Kammer. Dort hat sie die Fußwunde mit lauem Wasser gewaschen, hat die Wolle herum weggeschnitten, hat ein Pechpflaster um das Bein gewunden, hat es mit Lappen verbunden und hat es in einen alten Korb gelegt auf weiches Haferstroh. Anfangs hatte das Tier ganz erbärmlich geschrien, dann lag es gar behaglich da und schaute aus den viereckigen Augen mit dankbarem Blick auf die Wohlthäterin, die ihm noch frischen Klee und laue Milch zum Abendbrot bereitete. Wir waren alle herumgestanden, um ihr beim Verbinden zu helfen, aber sie machte alles allein. Mittlerweile beguckte ich ihr Gemach. Der Spinnrocken, der blanke Linnenschrank, der kleine Nähtisch, am Fenster blühende Sachen. Sie besorgt mit solchen Dingen das ganze Haus. Gretchens Stübchen kennst du ja. Manchen von uns himmelstürmenden Fäustlingen hat Mephisto dahingeleitet.
Das gehört nicht hierher. Es ist nur ein Redeschmuck, ein dummer.
Als das Schaf anfing, neuerdings unruhig zu werden, sagte sie zärtlich wie zu einem Kinde: „’s thut halt schon wieder weh, gelt!“ Und hub an, den Korb sachte hin- und herzuschaukeln wie eine Wiege. Und dabei selber so ernsthaft, so betrübt.
„Daß sie denn gar nimmer will lachen!“ sagte nachher die Mutter am Herd. „Sie hat’s ja nit anders, wie vor und eh. Wer thut ihr denn was?“
Die alte Marenzel war gekommen und wollte gleich ins Stübchen zum Mädel. Da begann in ihrer Rücktrage das Dachshündchen auf das Schaf zu keifen, so, daß dieses entsetzt auf und davon wollte. Man hätte gemeint, daß sie es der Mutter des Schleuderers eintränken würden. Nicht mit einem Worte. Nur daß die Alte artig hinausgewiesen worden ist. In der kleinen Kammer sei frei kein Platz zum Niedersitzen, in der großen Stube könne sie besser abrasten. Dort nun fütterte sie ihr Hündlein mit Speck und gesalzenen Schnecken. Der Liebling lehnte ab, er war schon fett zum Platzen.
Als die Marenzel den Seufzer der Bäuerin hörte, warum das Mädel denn gar nimmer lache, packt sie mit ihrer Weisheit aus:
„Hast schon geschaut, Traudel, ob ihr die Fingernägel blühen?“
„Wem? Der Barbel? Die Fingernägel?“
„Wenn ihr,“ fuhr das alte Weib fort, „an der rechten Hand die Fingernägel blühen, so steht ihr ein großes Glück zu. Und wenn ihr an der linken Hand die Fingernägel blühen, so steht ihr ein Unglück zu. Und wenn ihr der Nagel am Ringfinger blüht, so hat sie den Milzschwund. Und wenn der Mensch den Milzschwund hat, dann kann er nimmer lachen.“
Wenn ich meinen lieben Philosophen richtig beurteile, so wird er jetzt die Nägel seiner Finger besehen, wie wir es gleich beim nächsten Abendessen gethan haben. An uns und heimlich an der Barbel. An der kleinen, rundlichen linken Hand hat sie nichts auffälliges, als daß dieselbe eben sehr schön geformt ist. Das kann er, der ewige Bildhauer, wenn er will! — An den rosigen Nägeln der rechten Hand, die gerade so schön ist, hat sie ein paar weiße Punkte. Schneeweiße, wie winzige Kirschbaumblüten. Die Hausmutter warf dem Adam einen bedeutsamen Blick zu. Sie kannte es, das Blühen war’s. Also helles Glück und kein Milzschwund.
Warum sie denn also einzig nicht lachen will!
Am nächsten Frühmorgen soll die Barbel einen Ruf der Überraschung ausgestoßen haben. Der Franzel hat ihn gehört und sich gedacht: Was jauchzet denn heut’ die Barbel schon in aller Frühe! — Hatte das graue Schaf im Korb ein schwarzes feuchtes Lämmlein bekommen. Nun beleckte es das Junge und die Barbel stand da und wußte nicht, wie ihr geschah.
Der Adam flüstert seinem Weibe zu: „Das ist recht, jetzt wird sie schon lustig werden. Jetzt hat sie was zum Gernhaben.“
Und sie fing an, das kleine zappelnde Wesen, das noch so unsicher auf den vier langen Beinchen stand, zu hegen und zu pflegen. Wir durften keines in die Kammer. Dem Rocherl gelang es aber doch am Nachmittage. Ein rotes Seidenbändchen hatte er im Papier. Das that er auseinander und ließ es flammen vor ihren Augen: „Kannst du das brauchen, Barbel?“
„Das Bändel? Wozu soll ich das Bändel brauchen?“
„Dem Lamperl, hab’ ich gemeint, müßt’ es gut stehen um den Hals.“
„Meinst du, daß wir so hoffärtig sind?“ fragte sie ein wenig schelmisch. „Du sollst dirs doch selber umhängen, wenn dus schon gekauft hast.“
„Ich hab’ es nit gekauft. Ich hab’ es von der Kulmbock-Fronerl schenkt bekommen.“
„Und willst es jetzt ans Lamperl hängen?“
„Weil ich’s deinetweg hab’ thun wollen.“
Sie streichelt ihm das Haar. „Dummer Bruder, du! Was man lieb geschenkt kriegt, das darf man nit gleich wieder so herschenken. Das muß man schön behalten.“
Er wendet sich unwillig ab: „Hab’ mir’s eh gedacht. Was von mir kommt, das ist dir nichts mehr. Von jedem andern nimmst alles.“
„Von jedem andern? Wie ist das gemeint, Rocherl?“
Er kniff die Lippen zusammen und die Augen zu, er preßte sich die Faust an die Brust, als wäre ein heftiger Schmerz totzudrücken.
„Du bist kindisch, Rocherl,“ sprach sie voller Zärtlichkeit. „Von jedem andern, schau, so was mußt du nimmer sagen. Man kann ja nur Einen gern haben.“
„Warum hast du mich nimmer gern!“ schrie er auf.
„Aber Närrlein! Du bist ja mein lieber Bruder!“
Er packte sie um den Nacken, küßte sie heftig auf die Wange und taumelte zur Thür hinaus.
Am selben Abende hörte ich ihn vor sich hinmurmeln:
„Es wird sein müssen! Es wird sein müssen.“
Mir fällt’s auf, schon seit einiger Zeit. Der Rocherl wird von Woche zu Woche blässer und bekommt einen so sonderbaren Blick. Ich weiß nicht, mir ist er unangenehm, dieser Blick. Früher war er nicht. So etwas Springendes, wie ein Funken, den der Wind jagt. Ob dem nicht etwa die Nägel der linken Hand blühen? Keinesfalls schlägt ihm seine unstäte Stimmung so gut an, wie der Barbel ihre stille Ernsthaftigkeit. So schweigen die Lilien und blühen. —
Mir geht’s — um einmal landläufig briefzuschreiben — Gott sei Dank, auch so weit gut. Die Arbeiten sind nicht schwer um diese Zeit. Der Anbau ist vorüber, die Wiesen sind bewässert und gereinigt. Lässig wird im Wald herumgethan, um Brennholz zu machen aus dem Gefälle und dürrem Astwerk, das der Sturm niedergeworfen hat. Man kliebt das Holz zu Scheiten, stößet es auf, um es gelegentlich mit einer Schlarpfen in den Hof hinabzuschleifen. Dann die Vorbereitung für die Erntezeit, die Sensen werden gedängelt, die Rechen gezähnt, die Heugabeln geschaftet, die Sicheln beheftet, die Körbe bebändert, die Karren berädert. Man ackert den Krautgarten, macht dann mit der Eisenstange Löcher in die gelockerte Scholle, gießt Jauche auf und setzt die zarten Kohlpflänzchen ein. Zum Hüter dieser wichtigen Pflanzung wird der Hasenschrecker aufgestellt. Na, da hat es sich wieder einmal gezeigt, was so ein zugereister Knecht kann. Mit einer alten Linnenhose vom Rocherl, einer zerfaserten Joppe und einem löcherigen Hut vom Hausvater hat er einen Strohbund bekleidet, denselben mit einem hölzernen Rückgrat versehen und mitten auf den Krautgarten gestellt. Es ist eine wahre Charaktergestalt und zwar von der Gattung, die hier herum öffentliche Meinung macht. Die Arme breitet der Kerl weit aus und wird die Beständigkeit, mit der er das thut, durch eine Querstange hergestellt. An den Händen hat er lose hängende Brettchen, die beim Luftzug aneinander klappern, so daß die Hasen etwas meinen sollen. Die älteren, nämlich solche, die keine heurigen Hasen mehr sind, lassen sich nicht so leicht dupieren. Sie lassen den harmlosen Herrn mit seinem martialischen Aussehen und seinem Strohkopf stehen und klappern, und fressen ruhig die Kohlpflanzen ab, ihre Lieblingsspeise selbst im Sommer, wo ihnen doch allüberall Freitisch gedeckt wäre. Die unerfahrenen Häslein aber, jene mit den Hasenfüßen, haben vor dem Herrn Polizeirat auf der Stange einen heillosen Respekt und wagen sich nicht an den Krautgarten.
Weil der Mensch in den holden Frühsommernächten nicht immer schlafen mag, so habe ich mich selbst dem Hasenverscheuchamte zur Verfügung gestellt. Neben dem Krautgarten steht ein Kirschbaum, darunter sitze ich auf der Bank und genieße die Nacht. Am vorigen Freitag sitze ich dort wieder. Es ist warm, fast schwül, der Himmel umzogen. Drin über dem Hochgebirge Wetterleuchten. Im Hause schläft alles voll tiefer Ruh. Auch die Kuhschellen im Stall melden sich nicht mehr. Kein Glanzkäferchen unten, kein Käferchen oben. Nur Wetterleuchten in allen vier Weltgegenden. Es ist fast, daß einem bange werden könnte. Ich wandle langsam am Rain gegen den Schachen hin und horche, ob kein Murren zu hören ist aus der Ferne. Nichts. Schweres Schweigen. Ich gehe wieder dem Hause zu und denke: Menschenherz, halte Frieden. — Und wie ich um die Ecke biege, steht einer vor ihrem Fenster. Das Fenster ist offen. Drinnen thut jemand schluchzen, sehr tief, sehr heftig. Der vor dem Fenster spricht etwas hinein, ich kann’s nicht verstehen. Beruhigen will er, so kommt es mir vor, so gütig spricht er hinein. Und ist’s der Schullehrer.
„Kannst du mich denn noch lieb haben, jetzt!“ sagt sie drinnen.
„Klage dich nicht an, ich bitte dich. Laß mir die Last. Ich verlaß dich nicht!“
Drinnen wimmert es. „Mein armer Vater! Mein armer Vater!“
Er spricht wieder leise und tröstet sie; es zittert sein Hauch vor Erregung. Und sie weint und weint.
„Hättest es mir früher sagen sollen,“ spricht er.
„Ich hab gemeint, unser Herrgott wird mich sterben lassen. Hab’ ihn schon darum gebeten...“
Er will immer beruhigen und trösten. Sie weint und weint.
Da bin ich in meine Kammer gegangen. Was hat mir denn der Lehrer erzählt, damals in der Hochthalklamm? Wenn es das wäre?! — Vor dem Schlimmsten erwehre ich mich mit der Vorstellung: Des Hausvaters wegen. Er ist brustkrank. Schlecht wird’s mit ihm stehen und sie sagt es jetzt dem Lehrer.
Hingelegt habe ich mich auf mein Stroh und bin wieder aufgestanden. Und hinausgegangen auf den Anger. Es ist Ruhe. Am Fenster steht er nicht mehr.
Und wie ich wieder liege in meiner Kammer, da fällt es mir ein: Hat das Fenster ein Gitter? —