Fünfundzwanzigster Sonntag

Am fünfundzwanzigsten Sonntage.

Das ist das Kapitel vom „Jungfrauentag“. Auch der „Kranzeltag“ geheißen, den wir gefeiert haben am vorigen Donnerstag zu Hoisendorf. Feierlicher Umgang durch das Dorf, über die Matten hin. Und auf dem Rechenstein donnern die Pöller wie Kanonen. Ja, hier schreit auch das Pulver betend auf zum Himmel, zur Reue und Buße dafür, was es anderswo Böses thut. — Die Herren von der „Kontinentalen“, wenn sie mich so mit entblößtem Haupte und laut betend unter den Bauern hätten dahinschreiten sehen, sie würden ausgerufen haben: Was thut der Mensch nicht alles um zwanzigtausend Kronen! — Pfui, daß mir diese Sachen immer noch aus der Feder springen. Ich bin doch fertig mit ihnen. Und gründlich fertig, will ich hoffen. Die ländlichen Vergnügungen, als Rangeln, Fingerhäkeln, Hosenlüpfen, Kegeln und Karteln, Fensterln und Wildeln würden etwas länger gebraucht haben, um mich in den Strudel des Bauernlebens hineinzuziehen, als es die Arbeit und das Leiden gethan. Ich habe schon oft beobachtet, daß Lust und Vergnügen die Menschen entzweien, die Leiden sie einigen. Das letztere habe ich nun auch erfahren. Wenn Wesen zusammenwachsen sollen, sie können es nur an blutenden Wunden. Und hat es letztens der Kurat auf der Kanzel gesagt: Wo das Leid ist, da kommt leicht auch die Liebe und der Glaube. Es mag wohl so sein.

Freund, ich bin nicht der Sitte halber hinter dem Sakrament einhergegangen. Wer selbst das Feld bepflügt hat, der wandelt unter heißem Sonnenhimmel hübsch demütig einher in der betenden Schar, die ein hundertstimmiges Rufen thut: Herr Gott, Allmächtiger, bewahre unsere Erdfrüchte! Beschütze uns vor Blitz und Ungewitter! — Und wäre nichts vorhanden, als die harte Natur allein, wenn so viele Lebewesen gemeinsam etwas wünschen und ersehnen, da wird eine neue Kraft wach und es muß sich erfüllen. In einem Dichterbuche habe ich gelesen: In dem Augenblick, wo alle Kreatur zu gleicher Zeit heiß wünschen würde, nicht zu sein, würde die Welt aufgehört haben zu sein. — Kann die Welt auf gemeinsames Verlangen verneint werden, so wird sie durch ein gemeinsames Verlangen auch bejaht werden können. Ich halte was auf Einmütigkeit der Menschen in Lieben, Hassen und Wünschen. In dieser Einmütigkeit läge doch vielleicht jener Punkt, von dem aus die Geschicke lenkbar sind.

Das mögen so meine Erbauungen gewesen sein, während wir betend über die Fluren streiften. Der Herrgott wird bei dem zugereisten Knecht halt mit dieser Andacht haben fürlieb nehmen müssen, sie war ja nichts anderes als eine Willenserklärung: Ich bin einverstanden mit allem, um was sie dich bitten, o Herr!

Die Burschen, unter die ich mich eingereiht hatte, dürften zeit- und stellenweise auch anderen Andachten gehuldigt haben, bei denen der schlechte Adamshauser-Knecht möglicherweise wieder gleicher Willensmeinung war. Ach, diese krummen Wege! So oft sie sich bogen, sahen wir vor uns das Haupt der Schlange, oder hinter uns den Schweif. Wir sahen nicht bloß den roten „Himmel“, unter dessen Dache der Kurat im Ornate die Monstranze trug, nicht bloß die vier Stangenlaternen und die bunten Fahnen, nicht bloß die Spielleute mit ihren Trompeten, Klarinetten und Trommeln, wir sahen auch die lange Reihe der weißgekleideten Jungfrauen mit dem Rosmarinzweige im Haar. — Der Rosmarinzweig im Haar gilt hier als das öffentliche Bekenntnis magdlicher Unversehrtheit. Solches Bekenntnis wird abgelegt einmal im Jahre, und zwar am Frohnleichnamstage. Da gehen Kleine und Große, Schöne und — Andere, bei denen die schämige Behauptung um so glaubhafter erscheint. Etliche sind wohl zu arm, als daß sie sich ein weißes Kleid anschaffen könnten, sie sind in ihrem blauen oder buntgestreiften Sonntagsgewand, aber der grüne Zweig auf ihrem gescheitelten Haar spricht so erfreulich und züchtig, wie bei den Weißen.

Die Burschen lassen natürlich ihre Augen fleißig spazieren gehen über diese lieblichen Reihen hin, sie wissen, daß man sich auf den alten Brauch so ziemlich verlassen kann. Eine, die freimütig ihr bekränztes Haupt dahinträgt durch den Frohnleichnamstag, die steht nicht bloß hoch im Preise, nein, sie ist eben gar nicht zu haben. Es wäre kaum zu wagen, was einst eine heimlich Gefallene draußen in Sankt Kunigunden gewagt hat. Sie wand sich am Frohnleichnamstag einen Rosmarinzweig ums Haupt, und während des Hochamts verwandelte sich der Rosmarin in einen Brennesselstrauß, dessen Stämme so hoch aufwucherten, daß man sie in der ganzen Kirche sehen konnte. So etwas möchte Keine erleben.

Da bleibt man lieber weg und läßt die Frage offen.

Warum es nur den Burschen erlassen sei, ein öffentliches Bekenntnis abzulegen, habe ich den Rocherl scherzweise gefragt. Er schaut mich verblüfft an und antwortet, ich solle nicht so dumm fragen. — Was soll man sich von einer solchen Antwort denken, Philosoph?

Nun, bei dieser Prozession ging der Schragererknecht neben mir her, und der Almhalter Blasius und hinten der Saufüsselbub. Während des Psalters führten sie miteinander eine halblaute Unterhaltung über Dirnlein, die nicht da wären. — „Die Gleimersche ist wohl schon auf der Alm.“ „Die Kulmbock Fronel?“ „Die hilft ja das Frauenbild tragen, siehst du sie denn nicht? Dort, die große mit der roten Masche auf dem Buckel. Einen ganzen Rosmaringarten hat die auf ihrem roten Haar, dreidoppelt hat sie das Grünzeug um den Kopf geschlungen. Na, die muß freilich Eine sein! Sogar mehr als eine.“ „Hast du die Adamshauserische noch nicht gesehen?“ „Bigott, die Barbel ist nit da!“ „Die thut am End’ kirchenschwänzen heut’.“ — Da huben die Racker an zu kichern.

Und nachher zu Mittag. Als der Adam heimkam von der Kirche, ging er in die Kammer, wo das Mädel gerade Linnenzeug zusammenfaltete, an dem sie genäht haben mochte.

„Ist bei dir heut Werktag, Barbel?“ fragte der Vater.

„Am Werktag komm’ ich nicht dazu, zum Nähen.“

„Ich hab’ gar gemeint, du bist krank, daß du nicht in die Kirche gehst an so einem Tag!“

Sie knüpfte wohl eifrig an einem Zwirnsfaden und sagte dann ganz gleichmäßig: „Vater, ich hab’ nichts aufzusetzen gehabt. Das dumme Schaf. In den Garten ist’s mir gestern gekommen und hat den Rosmarin gefressen.“

„Daß du aber nicht besser acht giebst, Kind!“ sagte der Adam und ging in den Garten hinaus. Es war so. Die Rosmarinstämme abgebissen und welk.

Bald darauf kam die Mutter hinein. Ich stand just im Vorhause hinter der Thür. Die Hausmutter that anfangs recht gleichmäßig, man muß bei ihr aber nur das Zucken an den braunen knochigen Händen kennen!

„Du Barbel!“ sagte sie, „warum bist du denn nit in die Kirchen gegangen?“

Der Mutter antwortete sie nicht so.

„Das hab’ ich doch meiner Tag nicht gesehen,“ fuhr die Hausmutter fort. „Bleibt der große Leutstock in der Hütten hocken! Dieweil jede ordentliche Dirn mit ihrem Kranz beim Umgang ist, wie sich’s gehört! Gehst du jetzt auch noch nit herfür? Wart, dir will ich noch einmal zeigen, wo das Loch ist hinaus! Trutzen die längste Zeit, und kein Mensch weiß, warum!“

„Getrutzt hab’ ich nie, Mutter!“

„Nit! Getrutzt nit! Also was denn? Ist das vielleicht Zulebigkeit, wenn du mit niemand nichts redest die ganze Zeit und ein Gesicht machst wie ein Armenseelenstagwetter! — Ist dir was nit recht? Geht dir was ab? Hat dir wer was gethan? Ich leid’s einmal nit, die verdankte Mockerei!“

„Mocken thu’ ich nit!“ sagte die Barbel.

„Die Leut’ reden schon all!“ fuhr die Hausmutter fort. „Gerad’ ausgewichen bin ich ihnen, weil mich jedes gefragt hat auf dem Kirchweg: Wo ist denn heut’ die Barbel? Und wesweg zeigt sich denn die Barbel nit auf? — Daß du Zahnweh hättest, hab’ ich lügen müssen. Schand und Spott kunnt’st bringen über uns miteinander, wenn’s nit all thäten wissen, daß du brav bist.“

Das Mädel wendete sich seitab, um das Linnenzeug in den Schrank zu thun.

Die Mutter ging ihr ein paar Schritte nach und sagte: „Barbel! Schau mich an! Schau mir ins Gesicht!“

Da wankte das Mädel zur Thür hinaus.

Die Hausmutter — sie stand still. Wie in den Boden gewachsen, so stand sie still und starrte in den dunklen Vorraum, wo das Mädel verschwunden war. Sie sagte kein Wort, kein einziges mehr. Die Arme hob sie, die Hände legte sie zusammen.

Dann beim Mittagsmahl. Die Barbel war nicht bei Tische erschienen. Der Rocherl war nicht erschienen. Niemand fragte, wo sie wären. Wir übrigen saßen schweigend beisammen, es wollte nicht schmecken. Eins um das andere legte den Löffel frühzeitig weg, stand auf und ging hinaus. Endlich bin ich allein dagesessen und habe nachgedacht, was all das bedeuten soll. — Am Nachmittag ging der Hausvater hinaus auf die Weide, um Löffelkraut zu suchen. Löffelkraut ist eine Arzenei für den Milzschwund.

Gestern früh, wie ich meine Rinder zum Brunnen lasse, gellt an der Hausecke ein wilder Schrei und sehe ich, wie der Rocherl, eine Holzaxt in der Hand, zwischen den Kirschbäumen durchläuft, am Raine hinaus, dem Schachen zu — einem andern nach. Und knapp vor dem Hause steht der Hasenschrecker, als wäre er auf seiner Stange zu Fuß vom Krautgarten herüber gekommen. Nur daß er die Arme nicht ausbreitet mit den Brettlein. Diese Arme hält er über der Brust und es liegt etwas drin — eine mit Faden zusammengebundene Strohpuppe. — So steht das Ungetüm vor ihrem Fenster....

Ich glaube, daß der Popanz von niemandem bemerkt worden ist, außer dem Rocherl und mir. Ich habe das Ding in die Streuscheune geschafft und es dort in tausend Stücke zerrissen. Den Tag über habe ich gelauert, ob die Hausvatersleute oder gar sie selber den abscheulichen Schimpf am Ende wohl doch wahrgenommen hätten. Sie thaten nichts desgleichen. Es war die stille Traurigkeit, wie gewöhnlich. Auch mit dem Rocherl habe ich kein Wort darüber gesprochen, er war verstört den ganzen Tag.

Und wer dem Hause die unerhörte Schmach angethan, der — könnte mich ins Kriminal bringen.